Ewig jung

(Sonntag) Ewig Jung im LTT ist eine gnadenlose Show übers Altwerden in einer Gesellschaft, die reich genug ist, den Alten ihren Spaß zu lassen, sie ansonsten aber mit zynischer Ignoranz, versteckt unterm christlich-sanften Freundlichkeitsdeckmäntelchen, in bewährter Weise in Schach zu halten.

Fünf alte Schauspieler – alle tragen ihre Originalnamen, zur Freude des Abo-Publikums und aller LTT-Insider – leben in einem ausgedienten Theater und weinen alten Zeiten hinterher. Zuerst denkst du, was für ein seichtes Boulevard: Die Alten haben nichts als ihre Erinnerungen und Schwester Laura in weißer Kittelschürze stimmt mit ihren betagten Schützlingen christlichen Sakropop zum Mitklatschen an.

Doch die Stimmung kippt. Spätestens, wenn besagte Schwester Laura statt in cleanem Weiß im schwarzen Tiefdekolletierten die Bühne betritt, um eine Arie über das Sterben zum Besten zu geben, bleibt dir das Lachen im Hals stecken. Der Text besteht nur aus wenigen Worten: Sterben!, Abkratzen!, Verrecken!, Ab in die Kiste! Der Aufforderungsmodus könnte nicht deutlicher sein.

Als während einer reichlich slapstickartigen und natürlich fürchterlich daneben gehenden Zauberschau plötzlich die Perücke von Frau Beyer wegfliegt und die Ärmste nun aussieht wie ein schwer abgetakelter Kerl, könnte man fast schon heulen. Aber weiter gehts mit tollen Liedern und verrückten Einlagen, die hier aufzuzählen ich heute, am Sonntag Morgen, nicht die Zeit habe, da gleich großes Frühstück angesagt ist und ich eigentlich längst schon Brötchen holen gehen müsste.

Nur noch das: Ganz schlimm wird es, wenn plötzlich das Bein von Frau Kornprobst auf der Bühne liegt. Es ist ein Bein mit Netzstrumpfhose und Tigerstiefelette, die dem aufmerksamen Zuschauer beim ersten Auftritt der abgetakelten Lady direkt ins Auge gefallen sind. Und nun liegt es da, die beiden Herren  Ruchter und Schnicke spielen unkonzentriert damit herum und wissen dieser Peinlichkeit nicht Herr zu werden. Das Zitat geht an Dürrenmatts Claire Zachanassian. Frau Kornprobst schminkt sich indes weiter, als habe sie den kleinen Fauxpas nicht bemerkt. Doch nachdem sie ihr Bein wieder angeschraubt hat, hieft sie sich wackelig aus dem Sofa und hebt mit leise blecherner Stimme an zu singen:

I’m a Barbie girl in a Barbie world
Life in plastic, it’s fantastic
Come on Barbie, let’s go party!
Ah ah ah yeah …

Oh Gott! Müssen wir nicht alle mal? Diese kleinen, peinlichen Momente? Hoffen, dass es keiner gesehen hat? Aber alle haben es …

Zitate gibt es übrigens reichlich: Dick und Doof, Stuttgart 21, Die 68er, Tom Jones, die alte Sexbombe, Glückliche Tage von Samuel Beckett, Sonny and Cher’s Lovestory …

Das schöne, pralle Leben geht zuende, und du kannst nichts dagegen tun außer zu sterben.

Und ich gehe jetzt Brötchen holen …