Linke Sonntagspredigt

Rebellion gegen die linke Sonntagspredigt 
(Neue Zürcher Zeitung)

Die moralische Selbstbeschwörung des links-grünen Milieus setzt dem Protest von rechts Demokratie, Toleranz und Rechtsstaat entgegen, ohne sie nach ihrer praktischen Tauglichkeit zu befragen.

Noch haben die Feierlichkeiten zum Fünfzig-Jahr-Jubiläum der Revolte von 1968 nicht begonnen. Doch jenseits der historischen Verklärung zeigt sich, wie radikal sich die politischen Verhältnisse seitdem verändert haben: Weithin haben links und rechts die Seiten getauscht.

«Sagen, was ist» – die berühmte Parole von Ferdinand Lassalle, Gründervater der deutschen Sozialdemokratie, war auch das Motto der Achtundsechziger. Die Erkenntnis der «wahren» Verhältnisse sei der Ausgangspunkt des gesellschaftlichen Fortschritts. Die Geschichte war aufseiten derer, die sie richtig verstehen. Karl Marx‘ «historisch-materialistische» Analyse der kapitalistischen Klassengesellschaft hatte da schon vorgearbeitet: Die Fakten arbeiteten für die Revolution. Was sonst. Ein heute befremdlich erscheinender Geschichtsoptimismus.

Auch wenn die marxistische Rhetorik von Rudi Dutschke und seinen Genossen neue ideologische Nebelkerzen warf, so besass der antiautoritäre Protest doch die Stärke, Dinge beim Namen zu nennen, die vom damals vorherrschenden konservativen Zeitgeist verschwiegen, verleugnet oder beschönigt wurden. Das galt nicht nur für die Nazi-Vergangenheit, sondern auch für den gesellschaftlichen Alltag. Kein Zufall, dass auf diesem Terrain die grössten Erfolge der «Kulturrevolution» erzielt wurden, die bis heute wirken.

«Epater les bourgeois»

Die Provokationsstrategie der meist studentischen Revolutionäre zielte auf die «Verlogenheit» und «Doppelmoral» der bürgerlichen Politik und Öffentlichkeit. «Epater les bourgeois» hiess das Programm, den Spiessbürger schockieren und seine Ideologie «entlarven». So befand sich die «Neue Linke» stets im Angriffsmodus der Kritik an verknöcherten Verhältnissen, während das «Establishment» tapfer seine Glaubenssätze verteidigte – die immerwährende Sonntagsrede von der Kanzel der saturierten Wohlanständigkeit.

Ein halbes Jahrhundert später hat sich die Situation komplett gedreht: Der Mainstream in Medien und Politik ist im Zweifel deutlich links der Mitte, emanzipiert, ökologisch, nachhaltig, gendergerecht. Die Grünen, im Nachhall des 68er Protests gegen das bürgerliche Establishment gegründet, sind längst zur alternativlosen Staatspartei mit Hang zur Hypermoral geworden, während der rechte Flügel der konservativ-liberalen Wählerschaft zur offenen Rebellion übergegangen ist – teilweise in roher Form bis hin zu eindeutig rechtsradikalen Positionen. Das Ergebnis ist einigermassen grotesk: Die klassische Sonntagspredigt zur Verteidigung des Wahren, Schönen, Guten – vom Windrad bis zur Willkommenskultur – halten nun die einstigen Rebellen von 68 und ihre links-grünen Adepten, während die radikale Gesellschaftskritik jetzt von rechts vorgebracht wird – ein Hauch von Weimar.

Vor allem die Grünen, einst treibende Kraft der gesellschaftlichen Veränderung, sind nun selber zu Getriebenen der realen Umbrüche geworden.

Die moralisch-politische Selbstbeschwörung des links-grünen Milieus setzt dem Protest von rechts die bewährten Prinzipien von Demokratie, Toleranz und Rechtsstaat entgegen, ohne sie nach ihrer praktischen Tauglichkeit zu befragen. Doch genau um diesen schmerzhaften Praxistest geht es: um den Euro als Fehlkonstruktion, das Scheitern der EU in der Flüchtlingskrise, um Fehleinschätzungen bei den Themen Einwanderung, Kriminalität, Terror und Integration, Islam und säkularer Staat.

«Sagen, was ist», die ursozialistische Fortschrittsparole von der anbrechenden Morgenröte, ist heute zur Parole «rechtspopulistischer» Bewegungen in Europa geworden, die die einst linke Strategie der permanenten Provokation als Erfolgsrezept entdeckt haben. Verkehrte Welt. Grosse Teile des linken Milieus werden gleichsam auf dem falschen Fuss erwischt.

Schon länger auf dem Abstellgleis: linke Ideale (Aufnahme: Büsten von Engels, Marx, Lenin und Stalin in Litauen). (Bild: Imago)

Schon länger auf dem Abstellgleis: linke Ideale (Aufnahme: Büsten von Engels, Marx, Lenin und Stalin in Litauen). (Bild: Imago)

Vor allem die Grünen, einst treibende Kraft der gesellschaftlichen Veränderung, sind nun selber zu Getriebenen der realen Umbrüche geworden, was sich nicht zuletzt in schlechten Resultaten bei Meinungsumfragen widerspiegelt. Viele flüchten in eine moralisierende Weltsicht, die keine nüchterne Analyse mehr zulässt. Vor allem beim Thema Flüchtlinge, Einwanderung und Islam zeigt sich die intellektuelle Kontur der grünen Sonntagsrede.

Der «Migrant» ist der grosse Andere, «ein Geschenk», wie die Spitzenkandidatin der deutschen Grünen, Katrin Göring-Eckardt, sagte. Er ist der Antideutsche, der Antispiesser, eine exotische Projektionsfläche für Ideen und Träume, die man selbst eigentlich schon längst beerdigt hat. «Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich sag euch eins: Ich freu mich drauf!», sagte Göring-Eckardt auf dem grünen Parteitag im November 2015. Kriegs- und Armutsflüchtlinge als Präsent für die europäischen Wohlstandsgesellschaften – auf diesen gepflegten Salon-Rassismus muss man erst einmal kommen.

Aber hier spricht auch der endemische deutsche Selbstverdacht, eine deutsche Dystopie, das negative Spiegelbild all der grau gewordenen Utopien von der radikal anderen, endgültig guten und gerechten Gesellschaft. Früher hiess das: «Liebe Ausländer, lasst uns mit diesen Deutschen nicht allein.» Will sagen: Die Rettung muss von aussen kommen, von den frischen, unverdorbenen Kräften der globalen Peripherie, den «Verdammten dieser Erde» (Frantz Fanon).

Dieselben Linken, die den Katholizismus samt Papst jahrzehntelang geschmäht haben, werfen sich nun oft genug schützend vor den Islam und diskreditieren die Islamkritik, die sie als «Islamophobie» brandmarken, verteidigen das Kopftuch, zuweilen sogar die Burka. Im Dezember 2016 sagte die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Claudia Roth, zur Burka, es «gehört mit zu unserer Gesellschaft, sich so zu kleiden». Das Tragen der Burka sei auch «ein Freiheitsrecht».

Politische Selbsthypnose

Während auf der einen Seite um jedes geschlechterneutrale Gender-Sternchen gerungen wird, ignoriert oder beschönigt man die arabisch-islamische Machokultur. Zudem scheinen viele Linke völlig vergessen zu haben, dass die europäische Aufklärung seit Diderot und Voltaire zuallererst Religionskritik war.

Carolin Emckes Rede – Eine Ansammlung zeitloser Kalenderweisheiten aus dem Arsenal der Weihnachtsansprache.

So kommt es, dass die einst anarchistisch-libertären Grünen als Verteidiger, zumindest aber als Relativierer einer Religion dastehen, deren reaktionäre, hochaggressive Variante die zivilisierte Welt bedroht – das exakte Gegenteil von «Vielfalt» und «bunter Gesellschaft», die man predigt.

Ein spektakuläres Beispiel für die linke Sonntagspredigt, die sich im Kreisel ihrer hermetischen Abstraktionen bewegt und dabei ihre politische Hilflosigkeit offenbart, lieferte Carolin Emcke, als sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 ausgezeichnet wurde.

In der Paulskirche, dem historischen Ort der gescheiterten deutschen Revolution von 1848, appellierte sie an die Gemeinde: «Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heisst: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt. Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, indem wir uns einschalten in die Welt.»

Jenseits der ästhetischen Frage, ob es sich hier um Kitsch handelt, ist die Redundanz der unscharfen, fibelhaften Beschwörungsformeln unverkennbar. Konkrete Probleme, Interessenkonflikte und Widersprüche kommen nicht vor, weder Vergangenheit noch Zukunft, und die Gegenwart scheint so weit weg wie der Mond. Eine Ansammlung zeitloser Kalenderweisheiten aus dem Arsenal der Weihnachtsansprache. Es zählt das gute Gefühl – der fortgeschrittene Zustand einer politischen Selbsthypnose. Aus dem Protest ist die Predigt geworden.

Vom Verstehen der «wahren Verhältnisse» ist keine Rede mehr.

Reinhard Mohr ist deutscher Publizist und schrieb u. a. für «taz», «FAZ», «Stern» und «Spiegel».