Nachtmahr

T. sitzt mit seiner Freundin in meinem Esszimmer – das mit der Küche nach Westen und dem Wohnzimmer nach Süden einen einzigen, großen Raum bildet – auf dem Fußboden.

Eine Flasche Sprudel kippt um. Ich weiß, dass das Parkett schlecht versiegelt ist und beobachte, wie der Fleck langsam dunkel wird. Als er fast schwarz ist, sage ich, mach doch mal das Wasser weg! Ich lege selber Hand an, fange auf und schöpfe mit Schaufel und Besen, mit Handtüchern wische ich über den Fleck, und auf einmal ist da kein Fleck mehr, sondern eine Mulde. In der Mitte der Mulde kreiselt das Wasser. Ich wische und wische, ist da etwa ein Abfluss?, frage ich, und wir beugen alle drei die Köpfe über die Erscheinung. Meine Hände fahren über Sand. Wie es aussieht, befindet sich unter meinem Parkettboden eine Sandmulde mit eingebautem Abfluss.

Perspektivewechsel, Küchenseite.

Wo ist denn das ganze Parkett hin?, frage ich. Inzwischen hat die Mulde einen Durchmesser von einem guten Meter. Am Boden kauern nicht mehr T. mit seiner Freundin, sondern L. mit B., ihrem Mann, und B. sagt: Das ist hier!, und er weist mit der Hand auf einen Stapel Parketthölzer, sauber aufgeschichtet an der Zimmerwand entlang. Während ich überlege, ob das tatsächlich eine gute Idee ist, das durchnässte Holz übereinander zu schichten, liegt die Mulde zwischen mir und L. und B. wie ein unüberwindlicher Teich. Wie zuvor das Holz, ist auch der Sand schwer und dunkel, so wie Sand in unmittelbarer Meeresnähe. Etwas sehr Schweres legt sich auf meine Brust. Diese Mulde ist nicht mehr zu beherrschen. Es ist aussichtslos. Ich stehe auf und gehe die rechte Holztreppe zu einer Empore herauf, die meine gesamte Küche überquert. Diese Empore sieht sehr gut aus, ein tolle Erfindung (in Wirklichkeit gibt es sie nicht). Meine Hand streicht über das wunderbare Geländer. Die Holztreppe hat Risse. Die Stäbe des Geländers sitzen nicht mehr richtig auf. Ich fürchte um die Statik, doch nur nebenbei, das ist gerade nicht so wichtig. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass die Stäbe dabei sind, ihre Bodenverankerungen zu verlassen.

Mein Blick sucht die Deckenkanten ab, da, wo es seit Jahren schon Risse im Putz und vielleicht sogar im Beton gibt. Und auf einmal wird mir alles klar. Aus den Rissen rieselt Wasser. Wie ein kristalliner Teppich oder Film läuft es an der Wand herunter. Es sieht irgendwie wunderschön aus. Eine wunderschöne Katastrophe. Es könnte ein architektonisches Kunstwerk sein, in öffentlichen Gebäuden habe ich so was schon gesehen. Jetzt ist es also passiert. Der Supergau, in Gedanken schon tausendfach vorweggenommen. Jetzt ist er da. Ich renne runter, durch die Wohnung, durch das Haus und aus der Tür raus, fliehe über die Straßen, ich will den Architekt holen, er muss kommen, sofort, meine Wohnung ist die oberste, was, wenn sie einstürzt, natürlich wird sie einstürzen und alle anderen mit ihr, wer sonst könnte dieser Sache Herr werden als der Architekt, der sich das alles ausgedacht hat, der die Räume viel zu groß und die Dachverstrebungen viel zu lang geplant hat, wir wissen das, wir waren dabei, wir haben es ihm gleich gesagt, aber er war hochmütig und wollte seine Vorzeigesiedlung, und nun haben wir den Salat!

Ich weiß ja, wo sein Büro ist. Nicht in dieser Straße, wieso bin ich hier, ich bleibe stehen, versuche mir das Büro vorzustellen. Es ist hier irgendwo, es ist die Parallelstraße, ich renne weiter, bin nur unvollständig angezogen, keine Jeans und barfuß, das nur nebenbei, das ist nicht wichtig. Das Büro ist unauffindbar. Ich kann aufhören zu rennen, es ist jetzt auch schon Nachmittag. Ich sitze in einem Zug und ziehe das T-Shirt lang. Ein Schaffner sitzt mir gegenüber. Ich habe keine Fahrkarte. Ich erzähle ihm von meinem Unglück, wollen Sie mir jetzt Schwierigkeiten machen, weil ich keine Fahrkarte habe?, frage ich ihn. Ich wollte diese Reise nicht antreten, aber ich muss den Architekt finden.

Ich bin so fokussiert auf den Architekt, auf den Schuldigen, der sich nicht finden lässt, doch zugleich erkenne ich zu meiner Beruhigung, dass Menschen grundsätzlich gut sind:

Ist es dazu nicht viel zu spät?, sagt der Schaffner. Er ist müde und freundlich. Wir schauen gemeinsam aus dem Zugfenster. Wir reden nichts mehr. Draußen wird es schon dunkel.