Beuys – Der Film

Sonntag, Tübingen. Mit ihren gestelzten, gedrechselten und irgendwie gekränkt klingenden Halbverrissen, mit ihren kritelnden Einwendungen um der Einwendungen Willen (so mein Eindruck) passen die ZEIT– u.ä. Kritiker des Films Beuys exakt in jene gesellschaftliche Kategorie, die der Jahrhundertkünstler mit seinen Aktionen und Installationen angreifen wollte. Beuys‘ Provokationen des Establishments funktioniert offensichtlich bis heute:

Die zehn minütige Öhm-Öhm-Rede vor den Honoratioren der Düsseldorfer Akademie, bei der von der ersten Sekunde an Schockstarre sich ausbreitete und keiner im Publikum zu lachen wagte – wo Beuys selber doch so gerne lachte, besonders über sich – , der Besuch des eigens nach Deutschland angereisten Andy Warhol, der vergeblich wartete, weil Beuys keine Lust auf den amerikanischen Kollegen hatte, die 7000 in Kassel gepflanzten Eichen („Wenn ich sage, ich pflanze 7000  Eichen, dann pflanze ich 7000 Eichen!“), der Hut, der ihm nicht nur Selbstdarstellungssymbol war, sondern Schutz des vom Flugzeugabsturz deformierten Schädels, die Performance I like America and America likes me (1974), für die sich Beuys mit einem Kojoten, dem Symboltier der amerikanischen Ureinwohner, in einer New Yorker Galerie einsperrte, um so auf die Diskriminierung der Minderheiten in den USA hinzuweisen – eine Aussage, die, ohne dass er auch nur ein Wort der Erläuterung hinzufügen musste, von der amerikanischen Öffentlichkeit verstanden wurde. Spätestens, wenn der Kojote auf das Wall Street Journal pisste!

Beuys hat zehn Jahre lang in Depressionen in einem kleinen Zimmer gehaust, verunsichert und verwahrlost, bis seine Zimmerwirtin ihm eines Tages die Leviten liest. Das erzählt der Sohn der ehemaligen Vermieterin im Film. Jahre später geht sein Stern auf und viele unvorstellbare Freiheiten werden ihm von den einflussreichsten Galeristen wie den größten Museen eingeräumt.

Beuys war ein Visionär. 1971 sprach er bereits von der Gefahr des elektronischen Datenmissbrauchs. Wie alle Visionäre war er seiner Zeit voraus, wurde ausgelacht und von den meisten nicht verstanden. Vielleicht deshalb sieht er auf vielen Bildern so einsam aus.

Beuys ist die Lehrbefugnis entzogen worden, weil er die Immatrikulation sämtlicher 393 Studenten, die in seinen Kurs wollten, erzwingen wollte, mit Demos und Sitzblockaden. Politik ist Kunst, Kunst ist Politik. NRW-Minister für Wissenschaft und Forschung Johannes Rau hat ihm schließlich den Garaus gemacht.

Fett und Filz sind die symbolkräftigen Lieblingsmaterialien seiner Plastiken. („Plastik verändert die Welt“!) ‚Das Rudel‘ heißt eine seiner Mega-Installationen, die aus einem alten VW-Bus und 40 herausquellenden, mit Filzrollen bepackten Schlitten besteht. Warum er keine Kinderwagen genommen habe, fragt ihn auf einer Podiumsdiskussion der rechtskonservative Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen.

„Weil ich Schlitten nehmen wollte!“, entgegnet Beuys, und ergänzt konsequent im Sinne seines kunsttheoretischen Ansatzes vom „erweiterten Kunstbegriff“, nach dem jeder Mensch ein Künstler und jede Aktion eine künstlerische sei:

„Die Kinderwagen überlasse ich Ihnen. Mal sehen, ob Sie daraus etwas Interessantes machen.“

Jeder Mensch ein Künstler – auch so ein Statement, das oft missverstanden und gegen den Künstler selbst verwendet wurde; im Film erläutert er den Begriff von der sozialen Plastik.

Im Film, aber leider auch in den Filmkritiken immer wieder die Frage nach der autobiographischen Wahrhaftigkeit seiner Kriegserfahrung. Wahrheitssuche in dem Fall nichts als unerträgliche Überheblichkeit! Filz und Fett haben ihm, dem vom Himmel geschossenen Fliegersoldaten, das Leben gerettet. Das ist hinlänglich bekannt. Aus dieser existentiellen Erfahrung der Versehrtheit, der Heimatlosigkeit, aber auch des Geholfenwerdens heraus ist seine Kunst, bzw. sind seine Lieblingsmaterialien zu verstehen. Diese Erfahrung ist der Beuys’sche Mythos, auf dem sein Selbst- und Kunstverständnis erwächst. Wer hat das Recht, ihn nach autobiographischen Details abzuklopfen? Als wäre damit irgendwas gewonnen. Als stünde dahinter eine hehre Absicht. In dem Falle ist Wahrheitssuche nichts als Hybris. Und Unverständnis. Denn das ist das Eigentliche von Mythen, dass sie nicht auf ihre Historizität zu reduzieren sind.

Beuys hatte viel vor. Streitbar, nach Mitstreitern suchend, polarisierend, und immer auch mit einem Lachen. Seine große Hoffnung setzte er in die Partei der Grünen, die ihn aber nicht wollte. Schon im Sterben, lässt er sich ohne seinen Hut fotografieren. Sein Kopf sei „zurechtgeschossen worden“, sagt er. Immer noch voller Leidenschaft für seine Idee von der sozialen Revolution mit den Mitteln der Kunst, muss er doch loslassen. Weil er keine Kraft mehr hat.

Schade. Der Film ist zuende, aber keiner erhebt sich, als wollte man noch viel, viel mehr von diesem Menschen sehen. Wirklich schade: Solche Menschen gibt es nicht mehr.