Kommt eine zu Besuch II

Sonntag. Der hinter mir mit der Sextanerblase quetscht sich zum dritten Mal durch den Mittelgang aufs Klo, meine Nachbarin betüttelt und blamiert ihren weiter vorne sitzenden Mann in einem Atemzug – manche Ehepaare entwickeln mit den Jahren so ein Nurse-Patient-Verhältnis, in dem jeder seine Funktion hat -, ansonsten alles gut. Es geht leise, zivilisiert und einigermaßen komfortabel zu. Gerade stecken wir in einem Stau fest. Ich habe nicht die leiseste Vorstellung, wo wir sind, da ich zwei Stunden geschlafen habe. Schätze, irgendwo in Thüringen. Die Fahrt mit dem Flixbus von Berlin nach Tübingen kriegst du für 19 Euro, das reicht als Argument aus, und die Hinfahrt im überfüllten ICE war auch nicht viel angenehmer. Dazwischen liegen zwei Tage bei H. und K. und der Grund meiner Reise: das Interview mit K.S.

Sie kommt, wie verabredet, zu Kaffee und Torte von Fester. Der gerade erst aus der Klinik entlassene H. verfällt im Eifer des Gefechts ins Du, worauf K.S. die Sache mit ihm gleich offiziell macht. Mir bietet sie das erst nach dem Interview an, was mich aus irgendeinem Grund erleichtert. Natürlich geht es um den Osten, die DDR, die Stasi. Das ist wie ein Familientreffen, und zu der Familie gehöre ich irgendwie dazu. Dann geht es um Krankheiten und Tabletten, auf diesem Feld hat H. sich zum Experten entwickelt, und später will K.S. sich Tipps für die Renovierung ihres Badezimmers einholen und stromert mit K. durch die ganze Etage. Erst gegen Abend fangen wir mit dem Interview an. Über die Geschenke freut sie sich wie ein kleines Mädchen. Sie ist sehr intuitiv und hat ein ausgeprägtes Sensorium für andere Menschen. Sie ist komplett frei von Attitüden. Sie dreht nur noch soviel, dass es zum Lebensunterhalt reicht. Wenn sie von Heiner oder Katharina redet, dann meint sie den Lauterbach und die Thalbach. Sie ist eine Selfmade-Woman. Sie macht viel Seelenarbeit, wie sie das nennt. Sie ist wie eine beste Freundin, gut, dass wir uns während des Gespräches noch siezen, sonst hätte ich um den sachlichen Abstand gefürchtet.

Das Beste, was beim Interview passieren kann, sind Fragen, über die der Interviewpartner selbst noch nicht nachgedacht hat. Das ist ein, zwei Mal der Fall, und darauf kommt sie mehrfach zurück. Sie erzählt sprunghaft, aber lässt sich ein. Manchmal fängt sie an zu schauspielern, lispelt, greint oder guckt doof, dann denke ich jedesmal, dass man das jetzt beim Abspielen nicht versteht, und bleibe lieber ernst. Vielleicht sagt sie deshalb einmal: Sie spielen auch nur eine Rolle.

Heute Morgen schreibt sie mir: „Es war schön, solche Menschen kennenzulernen, darüber freu ich mich immer riesig, als ich einparkte, dacht ich, hoffentlich geht das nicht schief u ich mag schon nach dem Kaffee nicht mehr… Es war das Gegenteil … ! Grüß auch die beiden ganz lieb und bis bald.“

Ich bekomme noch nachträglich einen Schrecken.

Ich glaube, wir werden uns wiedersehen – das nächste Mal in Berlin …