Tibetanische Perle

Sonntag sehr früh morgens. Als das Interview fertig ist, ist es schon tief am Nachmittag. Ich denke daran, dass ich nun schnell packen und irgendwie zum Bahnhof kommen und Ticket lösen und nach Hause fahren sollte, und mit einem kleinen Bedauern denke ich an den Anhänger, aus dem nun wohl nichts mehr wird. Ich frage GG, wie lange die Geschäfte in der Straße offen haben.

Wo wolltest du denn hin, fragt GG.

Buddha Store, sage ich. Da hab ich so einen Anhänger gesehen.

Brauchst du einen Anhänger?, fragt sie.

Brauchen, na ja, ich lache verblüfft.

Möchtest du einen von mir haben? Ich habe ganz viele, sagt sie ernst und ohne ein Lächeln.

Ja aber – so wichtig ist das nicht, sage ich. Die Sache wird mir langsam peinlich.

Wieso, ist doch kein Problem. GG greift hinter sich ins Regal nach einer Schachtel und holt Stück für Stück alles raus, was sich da an tibetanischem oder indischem Ethnoschmuck angesammelt hat. Ich glaube, sie hat schon sehr lange keinen Blick mehr in diese Schachtel geworfen. Sie trägt überhaupt keinen Schmuck und ist heute eher nach dem Zufallsprinzip gekleidet.

Ich nehme ein keulenartiges Symbol aus Silber zwischen die Finger, weißt Du eigentlich, frage ich sie, was das hier bedeutet, das sieht man doch ganz oft.

GG sagt, dass das irgendwie in die Hand irgendeines Gottes gehöre. Sie ist, wie ich schon vorher bemerkt habe, nicht besonders theorielastig.

Dann rollt eine große, rot-weiße Perle aus dem Seidenpapier auf den Tisch. Die ist schön, sage ich, auch deshalb, weil es noch eine zweite der gleichen Machart gibt.

Nimm sie, sagt GG, ich brauche sie nicht. Und sie fädelt einen Silberdraht durch das Loch, damit ich sie praktisch gleich tragen kann.

So kommt es, dass ich einen Anhänger von GG habe, auch irgendwann im Buddha-Store gekauft, wie sie mir versichert, weiß-rot und oval, und wenn ich den in Zukunft trage, werde ich an diesen Nachmittag bei ihr in München denken, der so geendet hat, dass wir uns festgequatscht haben, bis es draußen dunkel wurde, später essen gegangen sind und ich noch eine weitere Nacht geblieben bin, die wir dann auch noch halb verquatscht haben. Alles ganz spontan, wie es die Jetsetter eben so machen

(und ich mir das in meinem Berufsalltagskorsett kaum mal leisten kann).