Cekryler

Sonntag, B.N. Tomaiolo ist ein Ort in Italien. Habe ich kürzlich und zufällig aufgeschnappt; weiß nichts darüber, auch nicht, wo er liegt. Cekryler – oder Wismertik oder Lerontice – sind Kunstwörter, die der Wort-Generator NameRobot in Sekundenschnelle aus drei beliebigen Begriffen (Wissenschaft, Mercedes, Kryonik) kreiert und die nur ein sehr kurzes Leben haben werden, weil sie niemandem, nicht einmal mir selbst, etwas sagen. Es gibt aber auch Wörter, die keine Kunstwörter sind und mir trotzdem nichts sagen. Es gibt sogar solche, die ich schon drei Mal gegoogelt habe und jedesmal wieder vergessen. Durchaus möglich, dass ich beim vierten Zusammentreffen immer noch oder wieder keinen Schimmer habe, was sie bedeuten.

Manchmal google ich mit Absicht nicht. Ein unbekanntes Wort ist eine Art Geheimnis. Es bleibt so eine Restungewissheit, ob ich jetzt trotzdem den Zusammenhang noch blicke, und mit der lebt es sich recht gut. Manche Ungewissheiten verfolgen mich mein Leben lang. Ein Mal nicht gegoogelt oder nachgeschlagen, und jedesmal, wenn das Wort meinen Weg kreuzt, erinnere ich mich meiner Vergesslichkeit. Oder Faulheit. Oder Freude am Ungewissen. Ich weiß es nicht und es macht mir nichts aus. Das ist der kleine Tropfen Anarchie im durchgegoogelten Alltag.

Etwas nicht zu wissen, ist das eine, es nicht zu googeln, das andere. Die Googelmaschine lässt kaum eine Ausrede zu. Smartphone raus, eingeben und zack! – bist du wieder einen Zacken schlauer. Oder eben nicht. Tomaiolo ist für mich ein Ort in den Bergen. Ich weiß genau, wie es dort aussieht, ich weiß sogar, wie es dort riecht. Nämlich nach Hühnern, Mortadella und Friedhofsnebel.

Und wenn Tomaiolo in Wahrheit am Meer liegen und wenn ich das eines Tages erfahren sollte, habe ich eben Pech gehabt.

 

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HAL 9000

Mittwoch. Wechselt man die Batterie des Rauchmelders, der mir seit zwanzig Minuten mit seinem durchdringenden Piepen auf die Nerven geht, aber ich komme einfach nicht vom PC weg, weil der Satz noch nicht stimmt, und nimmt man also endlich die verbrauchte Batterie raus und das Ding liegt da mit aufgeschraubtem Deckel und nichts drin außer dem Kabel, das jetzt ins Leere geht, dann piept es weiter.

Das ist jedesmal so und erinnert mich jedesmal an den sterbenden HAL 9000 vom Raumschiff Discovery aus 2001 – Odyssee im Weltraum. Es ist ein bisschen gruselig und HAL ist ja auch immer neurotischer geworden und wollte nicht sterben.

Für mich, by the way, die beeindruckendste Sequenz der gesamten Filmgeschichte.

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Begegnung

Dienstag. Im Zinser treffe ich m. lb. Koll. M-L, die wg Krankheit seit über zwei Jahren fehlt. Sie hat eine Bluse mit pinken Flamingos gefunden, ich einen penatenblauen Blazer, ab zur Kasse, und dann ins Ludwig’s, wo wir fast drei Stunden quatschen. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Wir kennen uns seit meinem 1. Semester in Tübingen, wir waren Pionierinnen in Sachen Feminismus am Theologicum, wir haben viel gestritten, gnadenlos diskutiert und uns immer gemocht. Sie sieht aus wie früher. Es hat sie heftig erwischt, aber sie ist zurück ins Leben. So viel Krankheit ist um mich herum …

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Saturday Morning Fever

Samstag Morgen. Gerade klingelt der CVJM, um den Weihnachtsbaum abzuholen und die Gebühr einzukassieren. Vor zwei Tagen hab ich ihn abgeschmückt u. mit Steves Hilfe runter verfrachtet, wo er für kurze Zeit mit anderen traurigen Bäumen den Straßenrand säumte – der alljährliche, kleine Abschied.

PM bringt gestern Abend mit e. orangefarbenen Blumenstrauß den Frühling in die Bude. Er bringt mir auch meinen schwer vermissten Liebeskind-Mantel und meine Liebeskind-Tasche, die nicht mehr in den Koffer gepasst hatten und deshalb bei ihm bleiben mussten. Anfang Oktober hatte ich sie im Schaufenster in Erfurt entdeckt, anprobiert und gekauft, also PM hat sie gekauft, für Weihnachten! Ich liebe diese beide Teile, sie sind für mich gemacht …

Im Meze etwas gegessen, obwohl wg. Familienfeier geschlossen war. Gabriel weihte uns in seine neuesten Pläne ein. Diese kreative Unruhe, die ihn ständig umtreibt …, wie ich das von mir selbst kenne! … Er ist Gastronom aus Leidenschaft.

PM schläft noch, Steve sowieso. Jetzt hole ich schnell das Fondue-Fleisch für heute Abend ab (damit T. mal auf andere Gedanken kommt) und Brötchen fürs Frühstück …

Und dann noch: Faust I. Hat mich noch nie ergriffen und lässt mich bis heute kalt. Da hilft auch die Sekundärliteratur nicht weiter: Langweilig! (Das einzige Goethe-Werk, das mir etwas bedeutet: Die Wahlverwandtschaften. Von den meisten anderen Stücken fühle ich mich eher belästigt. Gepamperter, gesponsorter Beamtendichter …sag ich jetzt mal so.) Goethe oder Schiller? – wenns nach mir geht: eindeutig Schiller!

Bis nächstes Jahr wartet so viel Arbeit auf mich, dass mir manchmal ganz übel wird. Habe mir einen Zeitplan aufgestellt, um die Sache in den Griff zu bekommen, um sie noch, noch, noch ökonomischer zu gestalten.

Aber will ich es anders?

 

 

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Ungerecht

Freitag. J. wieder im Krankenhaus, schon operiert, und mein lieber T. in allerhöchster Alarmbereitschaft. Es ist ein Elend. Zwei so schwere, voneinander vollkommen unabhängige Krankheiten, und das in ihrem Alter, wie kann das sein, fragt man sich und findet keine Antwort, außer dass es ungerecht ist, brutal und maßlos ungerecht.

Verlagsentscheidung immer noch nicht gefallen. Mit jedem neuen Angebot wird die Sache schwieriger (Luxusproblem, ich weiß). Auch die Bedingungen ändern sich so leicht, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Plötzlich ist die Seitenzahlbeschränkung aufgehoben, plötzlich doch Hardcover statt Broschur, plötzlich doch ein Grafiker meiner Wahl, und schon wieder sind die Karten neu gemischt.

 

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Ohne Maschine

Mittwoch. „Es ist Wahnsinn zu glauben, daß die Maschine uns auf dem Wege zur inneren Freiheit ein äußeres Mittel sein wird … Je mehr wir uns ihr anvertrauen, desto sicherer wird der Arbeiter unser Zar sein.“

Schreibt Alma Mahler-Werfel am 7. September 1927, und fährt fort: „Ich sah es am 15. Juli. Mein Haus ist jetzt elektrifiziert. Der Generalstreik war proklamiert, und wir erwarteten jeden Abend, plötzlich im Dunklen zu sitzen. Als wir noch mit Kerzen arbeiteten, konnte uns von außen her so leicht nichts geschehen.“

Die „Arbeiter“ „von außen“ sind heute die Programmierer, die Hacker, die Insider, die sich durch virtuelle Seile und Verbindungen hangeln, als wären sie im Internet zu Hause, was sie ja auch sind. Und Amazon, Google und als letzte in der Verwertungskette die NSA, das sind die Residenzen. Was da hinter den Samtvorhängen an Daten gefiltert, verkauft, umgemünzt wird, davon wissen wir nichts. Genauso wenig, wie man 1927 wusste, warum die Elektrizität zusammenbricht oder auch nicht.

Im „Amt“ haben wir jetzt seit Tagen kein Internet. Server abgestürzt, mit Viren verseucht – die Botschaften hängen auf Papier aus!, informationstechnisch ist das Mittelalter zurück, während die Gerüchteküche brodelt, der E-Techniker im Kabelsalat wühlt und sich die Haare rauft. Auch die E-Tafeln funktionieren nicht mehr, was ziemlich blöd ist, denn die normalen Tafeln wurden verschrottet. Niemand kann was dafür, niemand blickt durch. Ohne Maschine – seht zu, was ihr daraus macht … .

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Guten Tag, neues Jahr

Samstag, B.N. Das alte Jahr hat mit den Weihnachtsfeiertagen mit Familie aufgehört – das neue fängt mit Familie an: Einen Tag in Köln bei L. und B., die sich in ihrer neuen Wohnung mit Kreativität und Fröhlichkeit eine gemütliche Umgebung geschaffen haben, und einen Tag, gestern, in der alten Heimat (unkreativ und unfröhlich).

Fazit: Meine Vorstellung, dass ein Besuch niemals Zumutung (Zwang / Gewissensdruck), sondern immer Gewinn (Freude / Wohlwollen) für beide Seiten sein sollte, gelingt mir nur in einer Richtung.

Dazwischen Arbeiten fürs „Amt“, was sich auch gut im Zug erledigen lässt. Dass ich Montag wieder im „Amt“ sitze, kann ich mir im Moment noch gar nicht vorstellen, zu intensiv ist die Beschäftigung mit den Interviews und der Verlagssache (immer noch unentschieden) und allem, was so damit zusammen hängt.

Letzte Woche laufe ich raus zum Augustinum, um meine älteste Interviewpartnerin wieder mal zu besuchen, und erfahre, dass sie verstorben ist. Genau vor einem Jahr, am 01.01.17, habe ich sie interviewt und ihre ungeheuerliche Geschichte aufzeichnen dürfen. Sie war PM’s Patientin, ohne ihn wäre ich nie darauf gekommen, mit ihr zu sprechen, und ohne seine aktive Hilfe, sein Mitkommen, wäre der Kontakt nicht so unproblematisch zustande gekommen.

Sehr, sehr schade, dass ich mich nicht richtig von ihr verabschieden konnte, denn die letzten Male, als ich bei ihr war, haben wir nur über belangloses Zeugs gesprochen.

Mit PM in der Diskussion, wie es weitergeht. Ein größeres Wohnprojekt, mit anderen zusammen? Hier in B.N.? Die Idee hat uns ziemlich angefixt, auch A. und J. aus Hennef wären dabei, allerdings muss es J. jetzt erstmal wieder besser gehen …

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Fondue und Bowle

Montag, B.N. Silvester zu dritt, weil J. plötzlich (oder auch nicht so plötzlich) schwer erkrankt ist und sechs Tage auf der Intensivstation liegt und vorgestern, als wir ihn und A. in Hennef besuchen, so zart und zerbrechlich aussieht, wo er doch eigentlich ein Schrank ist, dass du einen Schrecken bekommst und sofort klar ist, dass da an gemeinsames Feiern, Feiern überhaupt, nicht zu denken ist.

Sabine für zwei Tage aus Erfurt angereist. Bei Fondue und Bowle bis drei Uhr morgens gequatscht über alte und ganz alte Zeiten. Kein leeres Warten, sondern die Fülle von drei Leben, manchmal kaum auszuhalten. Wir sind eine verletzte Generation, unzimperlich bis zur Schmerzgrenze. Und wenn du in ganz seltenen Momenten am Siedepunkt dran bist, an den Geschichten und Zumutungen, die du gar nie erzählst, weil du sie so tief in deinem inneren Kern vergraben hast, dass du in ihrem Zusammenhang nur immer beteuerst, wie abgelegt und super kompensiert das alles ist und wie easy handlebar mit den Jahren, und deine Augen aber das Gegenteil sagen, unsere Augen, weil die Geschichten in uns drin sind und genau das aus uns gemacht haben, was wir sind (und was in seiner Schwere ja auch seinen Reiz hat, um nicht zu sagen, seinen kreativen Nutzen), dann fragt man sich, ob die Generation unserer Eltern, egal ob Ost oder West, eigentlich noch ganz dicht war.

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