Wechsel

Donnerstag. Mein lieber, langjähriger Mitbewohner Steve zieht aus. Im April zieht er mit einem Studienkollegen zusammen. Das ist sehr, sehr traurig u macht mir mehr aus, als ich gedacht hätte. Weiß gar nicht, ob ich Lust habe, mich an jemanden Neues zu gewöhnen.
Er will aber weiterhin zum Sonntagsfrühstück kommen. Kleiner Trost.

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Die schützende Hand

Mittwoch. Wenn du dich umfassend über die Geschichte der BRD informieren willst, ist der dokumentarische Roman Die schützende Hand von Wolfgang Schorlau eine Bereicherung, die ihresgleichen sucht (Spiegel-Bestseller 2015, mit großer Verspätung meinerseits). Hier kann jeder nachlesen und es dämmert dir plötzlich, warum zum Beispiel Obama berechtigt war, Angie Merkels Handy abzuhören.
Man kann sich pro forma ein bisschen darüber aufregen, wie es unsere Politiker*innen, inklusive Merkel, ja auch vorgeführt haben und uns jeden Tag vorführen, aber die Strukturen stehen fest. In welcher Form und in welchem Ausmaß, darüber hat die breite Öffentlichkeit keine Ahnung. Und nur die wenigsten haben große Lust, sich selbst aufzuklären (ich nehme mich da nicht aus). Die Medien tun es nämlich nicht, mit gutem Grund. Unterm Strich bist du danach, gelinde gesagt, beunruhigt. Man könnte auch sagen, dein Gesamtbild von unserem beschützenden Rechtsstaat, sofern es überhaupt bestanden hat, gerät verdammt ins Wanken. Wer hat daran Interesse? Die Kritiker der Feuilletons jedenfalls nicht. Das Buch wird in die Verschwörungsecke gestellt, ein Totschlagargument, ohne Gegenargumente zu erbringen. Ist für Buchkritiker ja auch ein schwieriges Feld … Lieber tut man das alles als Spinnerei ab und kann weiterhin ruhig schlafen, vögeln, fressen, konsumieren.

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Ohne Titel

Dienstag. Krankheiten siehst du nicht kommen. Eines Tages sind sie da. Sie klopfen nicht an, sie fragen nicht. Plötzlich tut dir was weh oder etwas schwillt an oder wird kraftlos oder bricht einfach durch. Und damit stehst du auf der anderen Seite. Mit der Arroganz der Gesunden ist es vorbei. Jetzt heißt es, gesund zu werden – oder nicht.
Gesund werden ist eine Aufgabe, eine Lebensaufgabe. Manche sind zum ersten Mal glücklich, wenn sie ernsthaft erkranken. Manche haben zum ersten Mal eine Aufgabe. Manche verzweifeln und werden wütend und manche geben sich auf. Je schneller, desto besser.
Ich steh davor und kann nichts machen. Ein bisschen helfen, ein bisschen Einfluss nehmen. Auf die äußeren Abläufe, zum Beispiel. Mich ein bisschen wundern, ja, das auch. Krankheit verändert, aber das muss nicht sein. Wo vorher nichts los war, macht die Krankheit auch nichts los und nachher ist wie vorher.
Vielleicht ist das aber auch schon wieder das Gerede einer arroganten Gesunden.

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Meine Helden

Mit Fotoshop bearbeitet T. Bilder von J. –
J., die Schöne: ohne Haare.
Damit der Schrecken nicht so groß wird
vor dem, was noch kommt.

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Die coolste Sau – Das schönste Liebeslied

Scheißegal, wie der Tag war, völlig schnurz, was heut schief lief,
alles wird leicht ertragbar und ich freu mich exzessiv.

Denn ich weiß, wenn wir zusammen abhängen,
ist das Leben plötzlich bunt und der Alltag nicht mehr grautrist.

Danke für jeden Augenblick, weil du
die coolste Sau bist.

Von dir kann ich mir was abschauen, denn dich bringt nix aus der Ruh,
Du erzählst keinen Blödsinn und du hörst einfach zu.

Ich bin so froh, dass es dich gibt,
dass du mich erträgst und dass mit dir das Leben einfach geil ist.

Du rennst keinem Trend nach, du ziehst durch, was dir gefällt,
kannst begeistern, reißt mich mit, wenn uns etwas aufhält.

Du hast das Herz am rechten Fleck
Und ich hoff, dass alles bleibt, und zwar genauso, wie es ist.

(Savants: Zum Glück zu faul)

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Januar eben

Donnerstag. Um 22.30 gestern Abend das „Amt“ verlassen, heute früh um 7.30 wieder rein – was stimmt nicht in meinem Leben?

J. hat seit einer Woche Chemo, hart und grausam. T. bleibt ruhig und macht das alles mit unendlicher Fürsorge und Liebe. Ich bewundere ihn, meinen wunderbaren Sohn.

Treffen mit Ch. im Meze. Bin so müde. So uninspiriert. PM kommt am WE nicht. Seine Mutter hat das, was mein Vater hatte. Seit zwei Tagen steht die Diagnose, aber er wusste es schon. Das Leben ist manchmal traurig.

 

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Cekryler

Sonntag, B.N. Tomaiolo ist ein Ort in Italien. Habe ich kürzlich und zufällig aufgeschnappt; weiß nichts darüber, auch nicht, wo er liegt. Cekryler – oder Wismertik oder Lerontice – sind Kunstwörter, die der Wort-Generator NameRobot in Sekundenschnelle aus drei beliebigen Begriffen (Wissenschaft, Mercedes, Kryonik) kreiert und die nur ein sehr kurzes Leben haben werden, weil sie niemandem, nicht einmal mir selbst, etwas sagen. Es gibt aber auch Wörter, die keine Kunstwörter sind und mir trotzdem nichts sagen. Es gibt sogar solche, die ich schon drei Mal gegoogelt habe und jedesmal wieder vergessen. Durchaus möglich, dass ich beim vierten Zusammentreffen immer noch oder wieder keinen Schimmer habe, was sie bedeuten.

Manchmal google ich mit Absicht nicht. Ein unbekanntes Wort ist eine Art Geheimnis. Es bleibt so eine Restungewissheit, ob ich jetzt trotzdem den Zusammenhang noch blicke, und mit der lebt es sich recht gut. Manche Ungewissheiten verfolgen mich mein Leben lang. Ein Mal nicht gegoogelt oder nachgeschlagen, und jedesmal, wenn das Wort meinen Weg kreuzt, erinnere ich mich meiner Vergesslichkeit. Oder Faulheit. Oder Freude am Ungewissen. Ich weiß es nicht und es macht mir nichts aus. Das ist der kleine Tropfen Anarchie im durchgegoogelten Alltag.

Etwas nicht zu wissen, ist das eine, es nicht zu googeln, das andere. Die Googelmaschine lässt kaum eine Ausrede zu. Smartphone raus, eingeben und zack! – bist du wieder einen Zacken schlauer. Oder eben nicht. Tomaiolo ist für mich ein Ort in den Bergen. Ich weiß genau, wie es dort aussieht, ich weiß sogar, wie es dort riecht. Nämlich nach Hühnern, Mortadella und Friedhofsnebel.

Und wenn Tomaiolo in Wahrheit am Meer liegen und wenn ich das eines Tages erfahren sollte, habe ich eben Pech gehabt.

 

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HAL 9000

Mittwoch. Wechselt man die Batterie des Rauchmelders, der mir seit zwanzig Minuten mit seinem durchdringenden Piepen auf die Nerven geht, aber ich komme einfach nicht vom PC weg, weil der Satz noch nicht stimmt, und nimmt man also endlich die verbrauchte Batterie raus und das Ding liegt da mit aufgeschraubtem Deckel und nichts drin außer dem Kabel, das jetzt ins Leere geht, dann piept es weiter.

Das ist jedesmal so und erinnert mich jedesmal an den sterbenden HAL 9000 vom Raumschiff Discovery aus 2001 – Odyssee im Weltraum. Es ist ein bisschen gruselig und HAL ist ja auch immer neurotischer geworden und wollte nicht sterben.

Für mich, by the way, die beeindruckendste Sequenz der gesamten Filmgeschichte.

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Begegnung

Dienstag. Im Zinser treffe ich m. lb. Koll. M-L, die wg Krankheit seit über zwei Jahren fehlt. Sie hat eine Bluse mit pinken Flamingos gefunden, ich einen penatenblauen Blazer, ab zur Kasse, und dann ins Ludwig’s, wo wir fast drei Stunden quatschen. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Wir kennen uns seit meinem 1. Semester in Tübingen, wir waren Pionierinnen in Sachen Feminismus am Theologicum, wir haben viel gestritten, gnadenlos diskutiert und uns immer gemocht. Sie sieht aus wie früher. Es hat sie heftig erwischt, aber sie ist zurück ins Leben. So viel Krankheit ist um mich herum …

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