Beerencrumble

Samstag, Tübingen. I. hat gekocht. Ihre Rezepte nimmt sie jetzt aus dem Kochbuch gegen Krebs. Es gibt Kürbis-Ingwer-Suppe, Gemüserisotto mit Fisch und zum Nachtisch ein feines Beerencrumble.
„Krebszellen mögen keine Beeren.“ So heißt ein anderes Kochbuch gegen den Krebs.
G. sagt, er isst, worauf er Lust hat. Er ist schwach und anrührend und lacht über PM’s Geschichten von der Armee: Vom Transport mit der Eisenbahn von Erfurt nach Ascherlug, vom Zähneziehen auf der zehntägigen Zugfahrt als 22-jähriger Medizinstudent, von Bier- und Schnapsrationen, von Fliegerabwehrraketen, von der Brutalität des russischen Militärs, von Fahnenflucht, von unsinnigen Befehlen.
G.’s Krankheit kann man jetzt nicht mehr vergessen und würde es doch so gerne in ihrer ganzen Absurdität und Ungerechtigkeit. (Der Gedanke, wie viele gesunde Arschlöcher da draußen rumlaufen…)
Ein schöner, trauriger, schöner Abend.

Veröffentlicht unter 2017

VP-01 – Rollenspiel

Freitag. Der Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri hatte einen Begleiter, eine Bezugsperson, einen Vertrauten: Den V-Mann mit dem Decknamen VP-01.

Was soll ich machen, wenn ich einen Anschlag plane?, soll Amri seinen Vertrauten gefragt haben, mit dem er häufig im Auto unterwegs war, zu seinen Unterkünften und später auch nach Berlin.

Rasier dir erstmal den Bart ab, sonst fällst du auf!, soll der V-Mann ihm oder auch Anderen aus der bundesdeutschen Islamisten-Szene geraten haben, und man fragt sich, ob sie da noch Observierte oder schon so was wie Gleichgesinnte waren.

Amri rasierte sich. Wenig später, am 19.12.2016, rammte er den Lkw in die Stände des Berliner Weihnachtsmarktes am Breitscheidplatz und tötete 12 Personen.

Geschah diese Tat mit Wissen, gar mit direkter mentaler Unterstützung des V-Mannes? Das sei dann eine ganz neue Qualität, zitiert der Der Tagesspiegel heute (20.10.2017) den Vorsitzenden des NRW-Ausschusses, Jörg Geerlings, und vergisst dabei die fragwürdige Rolle als Agent Provocateur, die der Verfassungs-„Schutz“ jahrelang in der Zwickauer rechtsradikalen Szene gespielt hat.

Wie die Öffentlichkeit jetzt erfährt, war der vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen geführte V-Mann VP-01 im Umfeld des islamistischen Predigers Abu Walaa aktiv. Abu Walaa heißt in Wirklichkeit ganz anders und ist nach Auffassung der Bundesanwaltschaft die zentrale Führungsfigur der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in Deutschland.

„Es gibt keine Garantie, V-Leuten vertrauen zu können“, sagt der Berliner Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Michael Böhl, gegenüber dem Tagesspiegel. Aber die Polizei brauche ihre Einblicke in die sonst geschlossenen Szenen. Oft würden sich Männer aus entsprechenden Milieus selbst an die Polizei wenden, weil sie sich Vorteile wie Strafrabatt oder Geld erhofften. Die Ermittler wüssten in der Regel, dass V-Leute selten verlässlich seien: „Bei besonders Geltungssüchtigen wird die Zusammenarbeit beendet. Ein großer Teil derjenigen, die angeworben werden sollen, wird noch während der Überprüfung fallen gelassen.“

Eine Erklärung, die den Angehörigen der 12 Anschlags-Opfer wie Hohn erscheinen muss. Nun geht es, wie es immer geht: Ausschüsse werden gebildet, Aufklärung wird gefordert: Wer wusste das, was man heute überall nachlesen kann, seit wann?

Laut rbb* mehren sich Zeugenstimmen, dass der V-Mann VP-01 Mitglieder der Abu-Walaa-Gruppe und womöglich Amri selbst mehrfach zu Attentaten angestachelt habe. Ein ehemaliger Anhänger der Abu-Walaa-Gruppe sagte gegenüber dem rbb, VP-01 sei sogar „der Radikalste“ gewesen. Immer wieder habe der V-Mann die Gruppenmitglieder animiert: „Komm, du hast eh keinen Pass, mach hier was, mach einen Anschlag.“

Diese Vorwürfe werden von drei Anwälten unabhängig voneinander gegenüber dem rbb bestätigt: Von dem Düsseldorfer Strafrechtsanwalt Johannes Pausch, der von „förderndem Verhalten“ des V-Mannes gegenüber einem seiner Mandanten spricht, von dem Frankfurter Rechtsanwalt Ali Aydin, der aus mehreren Quellen weiß, dass der V-Mann zu Anschlägen aufgerufen habe, und von dem Bonner Strafverteidiger Michael Murat Sertsöz, dessen Mandant von VP-01 aufgefordert worden sei, sich eine Waffe zu besorgen und „Aktionen“ durchzuführen.

Was man ihm eigentlich vorwerfe, fragt der V-Mann bei den ermittelnden Behörden an. Er habe die Anweisung erhalten, sich gegenüber Amri gewaltbereit zu zeigen, um glaubwürdig zu erscheinen, so seine auf harmlos getrimmte Argumentation.

Die Grenze zwischen echter Rolle als Undercover-Verfassungschützer und gespielter Rolle als Szene-Insider scheint sich in der Realität einmal mehr aufzulösen.

*19.10.2017

Veröffentlicht unter 2017

Zeugnisse, Teil II*

Freitag. Und passiert ist tatsächlich etwas. Bloß nicht, was ich mir gewünscht hätte.
Da ist ganz klar ein Unrecht geschehen, weniger an mir als an Anderen, in meiner Verantwortung Stehenden.
Aufgrund meines heftigen, wiederkehrenden Protestes – „Sie wollen doch kein zweiter Kohlhaas werden?“ – „Oh no!, da halte ich mir lieber Augen und Ohren und Mund ganz fest zu …“ – kam es immerhin zu Verhandlungen, Meetings, Ermahnungen, Entschuldigungen. Auch an mich ist so eine Entschuldigung ergangen. Schriftlich. Eine Entschuldigung, die das ganze Ausmaß der Unprofessionalität, der Unfähigkeit dieser Person offenbart.
Die Person will anonym bleiben. Logo, das würde ich an ihrer Stelle auch wollen. Ihr Schreiben übermittelte mir ein hochgestellter Behördenbeamter.
Und weiter? Nichts! Dann bleibt es bei diesem Entschuldigungsschreiben, das sich rechtfertigt („Doppelbelastung“, „Überbelastung“, „Arbeitsbelastung“), das sich in Klagen, Anklagen und in Selbstmitleid ergeht. Dann bleibt es bei meiner Erwiderung, dass ich mit so einer halbherzigen Sache nichts anzufangen wisse. Dann bleibt es bei der Ermahnung der Person durch die Aufsicht führende Behörde.
Für die unmittelbar Betroffenen ändert sich damit nichts.
Das ist das Frustrierende: Du siehst ein Unrecht, du siehst seine Folgen, aber es gibt keine Schiedsstelle dafür. Die Behördenbeamten bedauern, labern, mahnen zur Ruhe, ermahnen den Missetäter – korrekt: die Missetäterin – und legen zu den Akten.
Für mich ist der Fall hiermit abgeschlossen. Ich muss mit diesen falschen Entscheidungen leben. Ich muss auch damit arbeiten: Die Schockstarre und Lähmung überwinden. „Vergiss das Ganze!“, sagt die Vorgesetzte und schüttelt traurig den Kopf. Sie ist sehr freundlich. Auch sie weiß, dass die Sache zum Himmel stinkt, aber das Leben geht weiter, ihr Schreibtisch ist voll.

*ad: Zeugnisse (07.07.17)

Veröffentlicht unter 2017

Zum Glück zu faul


Nummer 1

Die Schrift ist noch nass, ein leeres Tintenfass
Vor mir liegt ein Meisterwerk.
Ein neues Lied ist geboren und es klingt in meinen Ohren
so toll wie keins bisher.

Dann schau ich im Internet, ob’s dort andre Lieder hätt,
die so gut sind wie meins.
Nach langer Suche stell ich feste, dass sich keines finden lässt.
Und dann erscheint doch eins.

Irgendwo gib’s immer jemand,
der was besser macht als ich’s kann
Neid und Pein
Wann bin denn ich mal Nummer eins?

Ich kann ganz toll mit Motorsägen jongliern,
und kann freihändig ne Kugel Eis frittiern,

Dann kommt gleich so ein Besessner,
der das auch kann, nur viel besser.
Neid und Pein!
Wann bin denn ich mal Nummer eins?

Hab vom Fenstersims nen Salto mal gemacht
Und ehrlich, ich hab meinem Hund das Kochen beigebracht!

Ganz egal, wie gut ich bin, jemand anders ist der King
und kein Mensch erkennt mein riesiges Talent.
Ich schreib Lieder,mache Bilder und dreh Videos wie ein Wilder
und dann denk ich: Mann, das war doch exzellent!

Dann kommt doch ein Asiate, spielt Gitarre, kann Karate,
baut nen Kampfroboter und kann super singen,
So ein cooler Superheld, gibt’s denn nix auf dieser Welt,
wo ich mal Spitze bin.

Wann bin ich denn endlich auch mal Nummer eins
Wann bin denn ich auch endlich mal die Nummer ein
Wann ist das Plätzchen an der Sonne auch mal meins
Wann bin ich denn endlich auch mal Nummer eins …

Tobster, The Savants: Zum Glück zu faul (Neues Album, ab 13.10.2017)

Veröffentlicht unter 2017

Wochenstart

Montagmorgen. Wenn es T. schlecht geht oder T. und J., geht es mir schlecht.
Endlich mal wieder lange mit ihm geredet. Sie wohnen jetzt auf dem Berg in einer schönen Wohnung. Lebensabschnitte. T. wächst an den Problemen, die sich den beiden gerade stellen. Wenn nur J.’s OP schon vorbei wäre!

Mein neues Lieblingsbuch ist „Kitchen“ von Banana Yoshimoto. Dabei ist das Buch alles andere als neu, ist mir nur bisher entgangen. Federleicht geschrieben und tiefgründig. Banana Yoshimoto, literarischer Shooting-Star der Neunzigerjahre in Japan, wurde mit ihrer ersten Erzählung Moonlight Shadow an der Uni Tokyo promoviert. Auch interessant! Yoshimoto schreibt jung und modern, ohne Verquastheiten, ohne Künstlichkeit. Das Gegenteil von Bachmann-Preis.

Der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben war – okay. Ich habe mich wieder daran erinnert, dass ich meine Arbeit liebe. Darüber bin ich sehr erleichtert.

Veröffentlicht unter 2017

After Work*

Freitag. Ich ziehe mir jetzt schon ziemlich warme Sachen an und steige auf mein Fahrrad. Es ist ein in kühles Licht getauchter Freitagmittag, der jeden Zweifel daran nimmt, dass der Herbst da ist. Der Wind bläst mir ins Gesicht, das tut gut. Von den Bäumen fällt das gelbe Laub herab, wird von den vorbei rauschenden Autos aufgewirbelt und bleibt am Straßenrand liegen. Das helle Blau des Himmels ist wie mit einem Schleier bedeckt, der reicht bis weit ans Ende der Stadt.
Die Helligkeit spiegelt sich auf der Oberfläche wie auf einer Seifenblase. Ich stelle mein Fahrrad ab und gehe in die Post, wo die Menschen in einer langen Schlange bis zum Ausgang stehen. Die meisten dösen vor sich hin. Ich auch. Nach der Hektik des Vormittags drängt mich jetzt nichts mehr, bis zum Abend. Dann wird Herr B., mein Steuerberater, kommen. Da wird es wieder ungemütlich. Und danach beginnt der schönste Teil des Tages, die Textbearbeitung des letzten Interviews. Wenn ich daran denke, bin ich glücklich.
Ich bin mein Paket los. Eine Frau mit rot glänzenden Lippen eilt über die Straße. Ein Mann brüllt einem anderen Mann etwas in einer fremden Sprache zu. Seine Haare glitzern wie geölt. Ich kaufe Brot, Käse und Bananen bei Rewe. Vor der Unterführung steht ein Mann und blutet, andere stehen um ihn herum und reden aufgeregt durcheinander. An genau derselben Stelle hat mal ein Mann früh am Morgen Blut gespuckt, viel Blut. Das hat gar nicht mehr aufgehört. Der ganze Platz war voll mit Blut. Er ist danach gestorben, das hat mir T. erzählt. Daran muss ich eigentlich jeden Tag denken, wenn ich an der Stelle vorbeifahre.
Die Sonne kommt durch, und gleichzeitig fängt es an zu regnen. Ich bin froh, dass ich meinen Ledermantel anhabe. Mein Ledermantel ist aus dem Second Hand Shop und passt wie angegossen. Ein richtiger Glücksgriff war das. Manchmal, so wie jetzt gerade, stelle ich mir vor, in tausend Stücke zu zerspringen.

*Schreibübung nach „Kitchen“ von Banana Yoshimoto, Diogenes, S. 195

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Abgehört II (Zuggespräche)

Ich krieg auch schon graue Haare.

Hahahaha!

Doch, ehrlich, hab schon welche gefunden. So fünf oder sechs Stück!

Hahahahaha! Wie alt bist’n du?

Zweiunddreißig.

Echt jetzt? Siehst viel jünger aus …

Ja, wenn ich meine Haare so schneide, so nach hinten …

Hahahaha!

Und du?

Fünfunddreißig. Ich komme gerade aus der Reha.

Wegen was, wenn ich fragen darf?

Ach, das sieht man nicht. Sensibilitätsstörungen. Meine Hand, meine Finger, ganz taub. Thrombus … Ablagerungen in den Venen, da kannste Pech haben, dann biste links gelähmt. Kommt vielleicht vom Rauchen. Ich habe zwanzig Jahre krass geraucht. Mehr geraucht als nicht geraucht in meinem Leben …

Echt? Müssten teurer sein, die Zigarettchen …

Hahahaha! Echt Scheißwetter hier. Die sechs Wochen im Harz waren besser.

Reha im Harz?

Hm.

Und, gehts dir jetzt besser?

Hm. Ich muss die ganze Zeit an mein Auto denken. Steht seit sechs Wochen an der Straße.

Hoffentlich ist es noch da.

Hahahahaha! Guter Witz. Ja. Hoffentlich.

Ich investiere jetzt in kanadischen Kanabis-Anbau.

Hahahahah!

Wart’s ab! Da setzen jetzt alle drauf. Das wird legalisiert, und zack! Die Pharmaindustrie scharrt schon mit den Füßen.

Jo. Ich bau mir auch ab und zu mal nen Joint. Ist gesünder als Saufen.

Auf alle Fälle.

Wenn ich bedenke, was wir beim Bund weggesoffen haben …

Ich war nicht beim Bund.

Auch gut.

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Wirklichkeit …

… ist: Das Flattern des Vorhangs vor dem offenen Fenster, PM’s Atem, rosa Wolkentupfen auf blauem Morgenhimmel, der Landeanflug der Taube auf der Antenne gegenüber, die Konturen von PM’s Geburtstagstisch, die Einkaufstüten neben dem Sessel, das wundersame Heimatgefühl, das ein Hotelzimmer zu vermitteln in der Lage ist, die Melancholie des Abschieds, die Ungewissheiten, die vielleicht nur als Ungewissheiten wahrgenommen werden.

Buchenwald, gestern. Die verwirrende Größe / Weite des Mahnmals – wie groß muss ein Mahnmal sein, um diese Schuld zu tilgen? Die Kahlheit des vergangenen Grauens, das Gespräch mit Sabine auf der Mauer des ehemaligen Appellhofes, Sabines coole, elegante Wohnung am Waldrand unmittelbar neben dem Sendemast, Sabines Disziplin. Die Ordnung, die Aufgeräumtheit. Die Einsamkeit seit A.’s Tod. PM’s Hoffnung auf eine starke Opposition, Nach-Wahl-Analysen im AfD-lastigen Thüringen, ideologische Gräben, die keine echten Gräben sind, Glaubwürdigkeit.

Und heute Abend wieder zu Hause. Wo Steve mit seinem Grinsen in der Tür steht. Wo T. und J. wegen ihrem Umzug lauter Sachen von mir brauchen. Wo J. noch eine heftige Operation bevorsteht. Wo unbearbeitete Texte warten. Wo Verlags- und Vertragsverhandlungen nur langsam in Gang kommen.
„Kann dauern.“ „Kein Thema, alles klar“. „Läuft!“
Das geht seinen sozialistischen Gang.
Unerträgliche Langsamkeit contra Alltagshektik.
Berufsalltag, jetzt wieder, nach längerer Abstinenz: gefräßiges, gesundheitsfressendes Gewaltmonster.
Der alte Traum: Aufwachen und einfach nicht mehr funktionieren – was würde passieren?

Erfurt, 30.09-03.10.2017

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Kate Millet ist tot

Freitag, B.N. Kate Millet ist vorgestern im Alter von 82 Jahren gestorben. Die Pionierin in Sachen Sex und Macht hat in den frühen Siebzigern mit ihrer bahnbrechenden Analyse Sexus und Herrschaft einen Diskurs ausgelöst, der wirklich Lebensperspektiven verändert, bzw. neue geöffnet hat. Bis heute bin ich der 1. Frauengruppe der Ev.-Theologischen Fachschaft Tübingen dankbar für viele intellektuelle Upgrades: Millet, Steinem, Firestone, Beauvoir haben wir gemeinsam gelesen und diskutiert … und uns in Folge alleine dran gemacht …

Veröffentlicht unter 2017