Kino: „Happy End“

Dienstag. Dorle drückt ihr rechtes Auge zu, weil es anfängt zu schielen, wenn sie müde oder betrunken ist.

Wir haben jede ein Piccolöchen in der Hand. Nicht nur der benebelt unseren Geist. Es ist der Film. Langatmig. (Langweilig wollen wir noch nicht sagen.) Sechzigerjahremäßig. Futter für die Kritiker. Bei denen kommt er großartig an, bei den Kritikern, das haben wir recherchiert. So Toni-Erdmann-mäßig großartig. Die Botschaft ist nach fünf Minuten übermittelt dem nicht gerade dämlichen Programmkinopublikum, ab jetzt wird sie nur noch ausgewalzt. Die Ersten stehen auf und gehen. „Happy End“ mit Jean-Louis Trinignant und Isabelle Huppert, das baut Erwartungen auf. Die gerade zusammenfallen wie warmgewordener Eischnee.

Als da wäre (die Botschaft): Die soziale Kälte im familiären Umfeld der französischen Bourgeoisie. Keiner hat irgendwas vor. Keiner hat einen Plan. Keiner fängt mit keinem was an: „Du liebst niemanden!“, sagt die 13-jährige Tochter zu ihrem Vater und spricht aus, was der Zuschauer längst gedacht hat.

Claude Chabrol hat das vor dreißig Jahren schon mal besser gemacht. Nicht gar so langsam. Das Neue ist der Rückgriff auf längst Dagewesenes plus einem Schuss künstlichen Dilettantismus. Ja. Was uns dagegen wirklich fasziniert: Eine der tragenden Rollen wird von Franz Rogowski gespielt. Der ist aus Tübingen und wir kennen ihn aus anderen Zusammenhängen. Franz Rogowski hat diesen melancholischen Blick. Er kommt vom Theater und ist ein ganz hervorragender Schauspieler und, wie wir jetzt sehen können, auch ein hervorragender Tänzer.

Als zwei von den unübersichtlich vielen Filmfiguren anfangen, pornographische Dialoge in ihre Laptops zu hauen und ihren Chat vollzuspammen mit pissen und ficken und Arsch und so, was reichlich losgelöst von der Realität erscheint, verlassen die Nächsten den eh schon ziemlich leeren Kinosaal. Porno und Tübingen, das geht gar nicht. Dorle und ich halten durch. Wir haben außer dem Sekt ja auch noch Popcorn, Schokolinsen, eine große Tüte m&m und eine kleinere Tüte mit gesalzenen Erdnüssen auf dem Schoß. Wir knisterten und knasperten, bis uns schlecht ist. Dorle ist mit ihrem Auge beschäftigt, ich mit dem Rest Piccolo.

Bis der Film zuende ist – abrupt, ohne dass das Titel gebende Happy End eingetreten ist oder nur für den einen Protagonisten, der doch nicht absäuft, die anderen wurschteln aller Wahrscheinlichkeit nach weiter, bis sie umfallen – hat niemand gelacht in dieser Schwarzen Komödie von Michael Haneke. Wir gehen zu Dorle und tun uns an ihrem Single Malt Whisky gütlich, den sie von ihren Kolleg*innen zum Geburtstag bekommen hat.

Danach ist uns nicht mehr schlecht. Inzwischen sind wir uns einig: Langsamkeit ist nicht gleichbedeutend mit Tiefe. Das muss leider mal in aller Deutlichkeit gesagt sein. Wir stoßen auf Franz R. und auf unsere Kinder an. Dorles Auge funktioniert wieder einwandfrei. Und wir haben ja auch beide noch Pläne. Wir haben noch viel vor.