Schonungslos

Samstag. Nicht nach B.N. gefahren. Statt dessen Arbeit am letzten Interview, das mit A.V. Und sofort ist die Gesprächssituation – die altehrwürdige Villa, Grunewald und diese ohnehin sehr spezielle Stimmung – wieder präsent, so unvermittelt, so dicht, so verzweifelt.
So nah.
Noch nie ist mir das Glätten / Reduzieren / Transformieren der Sätze eines Trauernden dermaßen schwer geworden wie in diesem Fall. Immerzu schwanke ich zwischen Weglassen und alles genauso stehen lassen. Zweifellos ist es der wichtigste Text der ganzen Sammlung, weil er so schonungslos ist. Wenn er denn so bleibt…

Schonungs- und dazu noch gnadenlos komisch war auch der Text aus dem Interview mit K.S.: Eine eng getaktete Schau von grotesken, haarsträubenden Geschichten – verblüffend vom ersten bis zum allerletzten Wort. In meiner Fantasie kürte ich ihn schon mal zum Eröffnungstext der gedruckten Ausgabe. Ich war gespannt, wie sie ihn aufnehmen würde.
Um die Sache abzukürzen: Sie war entsetzt! „Ich höre mich ja selber reden!“ zeterte sie am Telefon (ein Kompliment an mich, bei einer Kürzung von 69 auf 17 Seiten!), und erst die Schwester, der Bruder, Tante X und Onkel Y: „Die dürfen das! Nie! Lesen!“
Schließlich, dem Kollabieren nahe: „Ich bin raus, ich mach nicht mehr mit!“
Oh oh. Selten bin ich so auf den Knien gelegen. Ich war zu allem bereit. Ich liebe und verehre K.S. wirklich. Die besten Anekdoten musste ich streichen. Um jede, die blieb, habe ich gekämpft wie eine Löwin. Zwei Tage lang war mir schlecht. Ich entschuldigte mich wortreich und mehrfach, und dann entschuldigte sie sich. Glaubhafte Reue auf beiden Seiten, sie war wieder drin … und ich konnte wieder essen und schlafen …
Die neue Version war K.S. plötzlich selbst zu zahm. „Kannst ruhig noch ein bisschen Pfeffer dazu geben“, meinte sie. Also teilweise wieder zurück, GsD!
Der Text von K.S. ist jetzt, in der von ihr autorisierten Endfassung, gut und rund und immer noch ziemlich verblüffend. Die erste Fassung wird niemals jemand zu Gesicht bekommen, ihre Schwester nicht, ihr Bruder nicht, Tante X nicht und Onkel Y nicht.
Wie schade.