Die päpstliche Weihnachtsbotschaft

Dienstag. Die Predigt gestern von Papst Franziskus in der Christmette überrascht wirklich niemanden. Seine Botschaft ist so abgegriffen, wie sie an den realen Problemen der Gläubigen und Ungläubigen sämtlicher Kontinente vorbei geht. Das Fossil Franziskus spult erwartbare Worthülsen ab, anstatt wirklich ins Herz zu treffen.

Nach Jahrtausende altem Judenhass der katholischen Kirche, nach Jahrtausende altem Vorwurf des Jesusmordes (der ohne die römische Besatzungsmacht nicht stattgefunden hätte), nach Jahrzehnten immer noch ausbleibender Entschuldigung und Wiedergutmachung für den Holocaust und für die aktive wie passive Beteiligung der christlichen Kirchen an diesem entsetzlichen Auswuchs mörderischen Rassenwahns hätte ich als Nichtkatholikin von einem Papst erwartet, dass er endlich Stellung bezieht zum neu aufflammenden Antisemitismus ausgerechnet bei uns in Deutschland.

Franziskus aber schweigt. Stattdessen begibt er sich lieber auf das ungefährliche, weil inzwischen vollkommen platt und breit getretene Parkett der Anmahnung unserer Willkommenskultur.

Ich fühle mich von ihm nicht ernst genommen. Zum einen, weil in der breiten Bevölkerung durchaus eine Willkommenskultur gegenüber Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen vorherrscht, die dem gesellschaftlichen Bewusstsein geschuldet sein mag, dass wir Deutsche als privilegierte Industrienation eine der führenden Ausbeuternationen im globalen Machtspiel sind. Zum anderen, weil Franziskus mit keinem Wort auf eben diesen Zusammenhang von systematischer Ausbeutung durch westliche Industrieländer und Flüchtlingsströmen aus den von uns ausgebeuteten Ländern in Afrika und Asien hinweist. Wir sind die Profiteure der Machtasymmetrie im Verteilungsregime, das wissen, wenn auch nur diffus und ungenau und eher abstrakt, so ziemlich alle. Die Flüchtlingsströme sind der hohe Preis für billige Lebensmittel. Für billige Klamotten. Für billige Rohstoffe. Für billiges Agrarland. Für billige Arbeitskraft. So zynisch ist die Lage, und so zynisch sollte es formuliert werden!

Die Flüchtlinge aus den überwiegend muslimisch geprägten Ländern bringen aber nun ein ganz schmutziges und gerne unter den Tisch gekehrtes Problem mit sich, das durch verschämtes Verschweigen bestimmt nicht kleiner wird: Es ist der importierte arabische Antisemitismus, den auch das Oberhaupt der katholischen Christenheit vielleicht nur deshalb so konsequent übersieht, weil die Erkenntnis einfach zu schmerzlich ist, dass er in Europa, ja, in Deutschland, auf offene Ohren trifft.

Hat man doch schon die Mitschuld am Holocaust eisern verschwiegen, scheint Schweigen auch zu den jüngsten Vorfällen in Berlin und Paris und London dem Vatikan die einzige Lösung, mit diesem peinvollen Thema umzugehen.

Bis heute wird in der Karfreitagsfürbitte des Vatikans für die «Erleuchtung» der Juden gebetet. Nach wie vor sehen viele Christen im Holocaust die gerechte Strafe der Juden für den Mord an Gottes Sohn. Wer nach allen begangenen Verbrechen am jüdischen Volk eine empathische Haltung gerade der christlichen Kirchen erwartet, muss erkennen, dass er diese Rechnung ohne den Papst gemacht hat. Unzählige Christen oder solche, die sich so nennen, begegnen Israel mit klammheimlicher Feindseligkeit, ungeachtet der Tatsache, dass Israel das einzige Land im arabischen Raum mit einer lebendigen Demokratie ist, ungeachtet aber besonders der Tatsache, dass Israel das einzige Land ist, im dem Juden nach dem sechsmillionenfachen Mord an ihrem Volk durch die Deutschen in Sicherheit leben konnten und können.

Israel ist übrigens auch das einzige Land im Nahen Osten, in dem die christliche Bevölkerung zunimmt, während Christen in der arabischen Welt sowie im palästinensischen Gazastreifen und der Westbank verfolgt, vertrieben und umgebracht werden. Ist das eigentlich kein Thema für das Oberhaupt der christlich-katholischen Weltgemeinschaft?

Franziskus hat sich den Namen des Heiligen Franciscus von Assisi angeeignet. Umso mehr verwundert es, dass eine Entschuldigung oder eine ernst zu nehmende Schuldanerkennung für das weltweit größte Verbrechen von Menschen an Menschen von Seiten des Vatikans bis heute ausgeblieben ist. Umso mehr verwundert es, dass unsere Kirchen, anstatt mit deutlichen Worten den neu aufkeimenden Antisemitismus von den Kanzeln herab zu verurteilen, die Hamas finanziell unterstützen, deren erklärtes Ziel ein judenreiner, palästinensischer Staat ist. (David Klein: Judenhass – Der Papst sollte um Vergebung bitten, Huffpost, 08.02.3016)

Ausgerechnet die Hamas, deren Methoden von Ehrenmorden über Steinigungen von Frauen bis zu Lynchmorden an politischen Gegnern und Homosexuellen auch gegenüber der eigenen Bevölkerung an der Tagesordnung sind! Ausgerechnet die Hamas, die im Fernsehen Palästinenser dazu aufruft, wahllos jüdische Zivilisten zu töten und damit den Märtyrer-Status zu erlangen!

Was Christen den Juden über Jahrtausende angetan haben, ist genau das, was sie ihnen heute antun: Wegsehen und weghören! Wegsehen und weghören, wenn jüdischen Schüler*innen in Berlin von ihren Mitschüler*innen bedroht werden, ihnen gehörten „die Köpfe abgeschnitten“. Wenn israelfeindliche Demonstranten Hassbotschaften durch die Straßen schreien und auf Transparenten umhertragen, wenn auf öffentlichen Plätzen israelische Flaggen angezündet werden.

Das Wegschauen und Weghören ist die Mitschuld einer Gesellschaft, die sich christlich nennt und die ihre christlichen Werte der Nächstenliebe und des Mitgefühls vor sich her trägt wie Trophäen.

Auch der Pontifex Maximus, der sich selbst den Namen Franziskus verliehen hat, ist weit davon entfernt, sich mit der christlichen Schuld gegenüber den Juden angemessen auseinander zu setzen. Statt medienwirksam Fußwaschungen zu zelebrieren, sollte er die Juden – oder besser Gott, denn die toten Juden können es nicht mehr – um Vergebung bitten. Vergebung für Jahrtausende währende Ausgrenzung, Verfolgung, Folter, Entrechtung, Enteignung, Erschießung, Verbrennung, Vergasung. Sechsmillionen Mal allein im 20. Jahrhundert.

Das wäre die Weihnachtsbotschaft, die mich überraschen würde. Auf die ich warte.