Ohne Maschine

Mittwoch. „Es ist Wahnsinn zu glauben, daß die Maschine uns auf dem Wege zur inneren Freiheit ein äußeres Mittel sein wird … Je mehr wir uns ihr anvertrauen, desto sicherer wird der Arbeiter unser Zar sein.“

Schreibt Alma Mahler-Werfel am 7. September 1927, und fährt fort: „Ich sah es am 15. Juli. Mein Haus ist jetzt elektrifiziert. Der Generalstreik war proklamiert, und wir erwarteten jeden Abend, plötzlich im Dunklen zu sitzen. Als wir noch mit Kerzen arbeiteten, konnte uns von außen her so leicht nichts geschehen.“

Die „Arbeiter“ „von außen“ sind heute die Programmierer, die Hacker, die Insider, die sich durch virtuelle Seile und Verbindungen hangeln, als wären sie im Internet zu Hause, was sie ja auch sind. Und Amazon, Google und als letzte in der Verwertungskette die NSA, das sind die Residenzen. Was da hinter den Samtvorhängen an Daten gefiltert, verkauft, umgemünzt wird, davon wissen wir nichts. Genauso wenig, wie man 1927 wusste, warum die Elektrizität zusammenbricht oder auch nicht.

Im „Amt“ haben wir jetzt seit Tagen kein Internet. Server abgestürzt, mit Viren verseucht – die Botschaften hängen auf Papier aus!, informationstechnisch ist das Mittelalter zurück, während die Gerüchteküche brodelt, der E-Techniker im Kabelsalat wühlt und sich die Haare rauft. Auch die E-Tafeln funktionieren nicht mehr, was ziemlich blöd ist, denn die normalen Tafeln wurden verschrottet. Niemand kann was dafür, niemand blickt durch. Ohne Maschine – seht zu, was ihr daraus macht … .

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Guten Tag, neues Jahr

Samstag, B.N. Das alte Jahr hat mit den Weihnachtsfeiertagen mit Familie aufgehört – das neue fängt mit Familie an: Einen Tag in Köln bei L. und B., die sich in ihrer neuen Wohnung mit Kreativität und Fröhlichkeit eine gemütliche Umgebung geschaffen haben, und einen Tag, gestern, in der alten Heimat (unkreativ und unfröhlich).

Fazit: Meine Vorstellung, dass ein Besuch niemals Zumutung (Zwang / Gewissensdruck), sondern immer Gewinn (Freude / Wohlwollen) für beide Seiten sein sollte, gelingt mir nur in einer Richtung.

Dazwischen Arbeiten fürs „Amt“, was sich auch gut im Zug erledigen lässt. Dass ich Montag wieder im „Amt“ sitze, kann ich mir im Moment noch gar nicht vorstellen, zu intensiv ist die Beschäftigung mit den Interviews und der Verlagssache (immer noch unentschieden) und allem, was so damit zusammen hängt.

Letzte Woche laufe ich raus zum Augustinum, um meine älteste Interviewpartnerin wieder mal zu besuchen, und erfahre, dass sie verstorben ist. Genau vor einem Jahr, am 01.01.17, habe ich sie interviewt und ihre ungeheuerliche Geschichte aufzeichnen dürfen. Sie war PM’s Patientin, ohne ihn wäre ich nie darauf gekommen, mit ihr zu sprechen, und ohne seine aktive Hilfe, sein Mitkommen, wäre der Kontakt nicht so unproblematisch zustande gekommen.

Sehr, sehr schade, dass ich mich nicht richtig von ihr verabschieden konnte, denn die letzten Male, als ich bei ihr war, haben wir nur über belangloses Zeugs gesprochen.

Mit PM in der Diskussion, wie es weitergeht. Ein größeres Wohnprojekt, mit anderen zusammen? Hier in B.N.? Die Idee hat uns ziemlich angefixt, auch A. und J. aus Hennef wären dabei, allerdings muss es J. jetzt erstmal wieder besser gehen …

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Fondue und Bowle

Montag, B.N. Silvester zu dritt, weil J. plötzlich (oder auch nicht so plötzlich) schwer erkrankt ist und sechs Tage auf der Intensivstation liegt und vorgestern, als wir ihn und A. in Hennef besuchen, so zart und zerbrechlich aussieht, wo er doch eigentlich ein Schrank ist, dass du einen Schrecken bekommst und sofort klar ist, dass da an gemeinsames Feiern, Feiern überhaupt, nicht zu denken ist.

Sabine für zwei Tage aus Erfurt angereist. Bei Fondue und Bowle bis drei Uhr morgens gequatscht über alte und ganz alte Zeiten. Kein leeres Warten, sondern die Fülle von drei Leben, manchmal kaum auszuhalten. Wir sind eine verletzte Generation, unzimperlich bis zur Schmerzgrenze. Und wenn du in ganz seltenen Momenten am Siedepunkt dran bist, an den Geschichten und Zumutungen, die du gar nie erzählst, weil du sie so tief in deinem inneren Kern vergraben hast, dass du in ihrem Zusammenhang nur immer beteuerst, wie abgelegt und super kompensiert das alles ist und wie easy handlebar mit den Jahren, und deine Augen aber das Gegenteil sagen, unsere Augen, weil die Geschichten in uns drin sind und genau das aus uns gemacht haben, was wir sind (und was in seiner Schwere ja auch seinen Reiz hat, um nicht zu sagen, seinen kreativen Nutzen), dann fragt man sich, ob die Generation unserer Eltern, egal ob Ost oder West, eigentlich noch ganz dicht war.

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FAZ vs. Precht

Sonntag, B.N. Der Wirtschaftsjournalist Sebastian Balzter hat am 30. Dezember in der FAZ einen Artikel über Richard David Precht geschrieben, der so ärgerlich wie durchschaubar ist: Reich durch Philosophie.

Balzters geballte Jahresend-Entrüstung entfaltet sich schon hinlänglich in der im Titel suggerierten Unverträglichkeit dieser beiden Begriffe: Philosophie und Reichtum schließen sich gegenseitig ebenso aus wie körperliche Schönheit und Philosophie, das wissen wir ALLE, seit wir einst Kants Konterfei in irgendeinem Schulbuch erblickt und vor lauter Langeweile seine lange Nase mit einer Brille versehen haben.

Balzters Ausrichtung ist ausschließlich von Neid und Missgunst diktiert, oder besser: Davon durchtränkt. Das ist das einzig Interessante daran, denn damit haftet ihr, so glaube ich, auch etwas typisch Deutsches an. Erfolg ist uns immer verdächtig, kann gar nicht wohlverdient sein.

Precht werden in der Hauptsache zwei Dinge vorgeworfen: Dass er mit seinen Büchern Geld verdient (!) und dass er wie ein Popstar aussieht. Dabei scheut sich der Wirtschaftsjournalist Balzter nicht, kräftig in die Verleumdungskiste zu greifen: Kurzerhand setzt er Precht mit dem Grimm’schen Doktor Allwissend gleich: „In Wahrheit (ist er) ein betrügerischer Bauer, der sich aus Geldgier als Akademiker ausgibt …“

Zwar gibt Balzter direkt im nächsten Satz zu, dass Prechts Doktortitel der Philosophie durchaus echt sei und sogar die Bestnote habe, „aber das haben viele!“ Echt?

Und schon zückt Balzter den Lieblingsstempel der FAZ: Brecht ist Pop-Philosoph! Pop-Philosoph scheint im FAZ-Universum eine klar definierte Größe zu sein: Logo!, ein Philosoph, der ziemlich gut aussieht. Verdammte Axt aber auch und was für ein Glück, dass Kant ziemlich schlecht aussah, sonst hätten seine Neider ihn womöglich geschmäht statt weitergedacht…

Wie hart es für einen Typen wie Balzter sein muss, über einen Typen wie Precht zu schreiben, erklärt sich aus seinen vor Verachtung triefenden Worten: „Er ist groß und schlank, mit blitzenden blauen Augen und schulterlangem Haar, mit Lederstiefeln, Jeans und aufgeknöpftem Hemdkragen. Ein bisschen rebellisch, aber dabei schön anzusehen: Mit dieser Mischung wurde Jon Bon Jovi in den Neunzigern zum Weltstar. …“

Au Backe! Ich stelle mir gerade vor, so würde eine Frau über eine Frau schreiben …

Übrigens: Schon in den Neunzigern stempelte die FAZ im Namen von Heike Schmoll Christian Krachts wunderbaren und sehr gesellschaftsentlarvenden Roman Faserland als Popliteratur ab, um geradezu in einen Vernichtungskrieg gegen den angeblichen „Pop-Literaten“ Kracht zu ziehen. Schmoll hatte Faserland schlichtweg nicht verstanden. So wie Balzter die Welt – und damit die Welt der Literatur – ausschließlich unter dem Aspekt der Verwertbarkeit erfasst und selbst in Prechts langen Haaren eine Marketingstrategie vermutet.

Was auch immer Leute wie Balzter oder Schmoll antreibt: Prechts und Krachts Bücher sind wohl einfach zu einfach für die FAZ-Elite.

 

Veröffentlicht unter 2018

Die päpstliche Weihnachtsbotschaft

Dienstag. Die Predigt gestern von Papst Franziskus in der Christmette überrascht wirklich niemanden. Seine Botschaft ist so abgegriffen, wie sie an den realen Problemen der Gläubigen und Ungläubigen sämtlicher Kontinente vorbei geht. Das Fossil Franziskus spult erwartbare Worthülsen ab, anstatt wirklich ins Herz zu treffen.

Nach Jahrtausende altem Judenhass der katholischen Kirche, nach Jahrtausende altem Vorwurf des Jesusmordes (der ohne die römische Besatzungsmacht nicht stattgefunden hätte), nach Jahrzehnten immer noch ausbleibender Entschuldigung und Wiedergutmachung für den Holocaust und für die aktive wie passive Beteiligung der christlichen Kirchen an diesem entsetzlichen Auswuchs mörderischen Rassenwahns hätte ich als Nichtkatholikin von einem Papst erwartet, dass er endlich Stellung bezieht zum neu aufflammenden Antisemitismus ausgerechnet bei uns in Deutschland.

Franziskus aber schweigt. Stattdessen begibt er sich lieber auf das ungefährliche, weil inzwischen vollkommen platt und breit getretene Parkett der Anmahnung unserer Willkommenskultur.

Ich fühle mich von ihm nicht ernst genommen. Zum einen, weil in der breiten Bevölkerung durchaus eine Willkommenskultur gegenüber Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen vorherrscht, die dem gesellschaftlichen Bewusstsein geschuldet sein mag, dass wir Deutsche als privilegierte Industrienation eine der führenden Ausbeuternationen im globalen Machtspiel sind. Zum anderen, weil Franziskus mit keinem Wort auf eben diesen Zusammenhang von systematischer Ausbeutung durch westliche Industrieländer und Flüchtlingsströmen aus den von uns ausgebeuteten Ländern in Afrika und Asien hinweist. Wir sind die Profiteure der Machtasymmetrie im Verteilungsregime, das wissen, wenn auch nur diffus und ungenau und eher abstrakt, so ziemlich alle. Die Flüchtlingsströme sind der hohe Preis für billige Lebensmittel. Für billige Klamotten. Für billige Rohstoffe. Für billiges Agrarland. Für billige Arbeitskraft. So zynisch ist die Lage, und so zynisch sollte es formuliert werden!

Die Flüchtlinge aus den überwiegend muslimisch geprägten Ländern bringen aber nun ein ganz schmutziges und gerne unter den Tisch gekehrtes Problem mit sich, das durch verschämtes Verschweigen bestimmt nicht kleiner wird: Es ist der importierte arabische Antisemitismus, den auch das Oberhaupt der katholischen Christenheit vielleicht nur deshalb so konsequent übersieht, weil die Erkenntnis einfach zu schmerzlich ist, dass er in Europa, ja, in Deutschland, auf offene Ohren trifft.

Hat man doch schon die Mitschuld am Holocaust eisern verschwiegen, scheint Schweigen auch zu den jüngsten Vorfällen in Berlin und Paris und London dem Vatikan die einzige Lösung, mit diesem peinvollen Thema umzugehen.

Bis heute wird in der Karfreitagsfürbitte des Vatikans für die «Erleuchtung» der Juden gebetet. Nach wie vor sehen viele Christen im Holocaust die gerechte Strafe der Juden für den Mord an Gottes Sohn. Wer nach allen begangenen Verbrechen am jüdischen Volk eine empathische Haltung gerade der christlichen Kirchen erwartet, muss erkennen, dass er diese Rechnung ohne den Papst gemacht hat. Unzählige Christen oder solche, die sich so nennen, begegnen Israel mit klammheimlicher Feindseligkeit, ungeachtet der Tatsache, dass Israel das einzige Land im arabischen Raum mit einer lebendigen Demokratie ist, ungeachtet aber besonders der Tatsache, dass Israel das einzige Land ist, im dem Juden nach dem sechsmillionenfachen Mord an ihrem Volk durch die Deutschen in Sicherheit leben konnten und können.

Israel ist übrigens auch das einzige Land im Nahen Osten, in dem die christliche Bevölkerung zunimmt, während Christen in der arabischen Welt sowie im palästinensischen Gazastreifen und der Westbank verfolgt, vertrieben und umgebracht werden. Ist das eigentlich kein Thema für das Oberhaupt der christlich-katholischen Weltgemeinschaft?

Franziskus hat sich den Namen des Heiligen Franciscus von Assisi angeeignet. Umso mehr verwundert es, dass eine Entschuldigung oder eine ernst zu nehmende Schuldanerkennung für das weltweit größte Verbrechen von Menschen an Menschen von Seiten des Vatikans bis heute ausgeblieben ist. Umso mehr verwundert es, dass unsere Kirchen, anstatt mit deutlichen Worten den neu aufkeimenden Antisemitismus von den Kanzeln herab zu verurteilen, die Hamas finanziell unterstützen, deren erklärtes Ziel ein judenreiner, palästinensischer Staat ist. (David Klein: Judenhass – Der Papst sollte um Vergebung bitten, Huffpost, 08.02.3016)

Ausgerechnet die Hamas, deren Methoden von Ehrenmorden über Steinigungen von Frauen bis zu Lynchmorden an politischen Gegnern und Homosexuellen auch gegenüber der eigenen Bevölkerung an der Tagesordnung sind! Ausgerechnet die Hamas, die im Fernsehen Palästinenser dazu aufruft, wahllos jüdische Zivilisten zu töten und damit den Märtyrer-Status zu erlangen!

Was Christen den Juden über Jahrtausende angetan haben, ist genau das, was sie ihnen heute antun: Wegsehen und weghören! Wegsehen und weghören, wenn jüdischen Schüler*innen in Berlin von ihren Mitschüler*innen bedroht werden, ihnen gehörten „die Köpfe abgeschnitten“. Wenn israelfeindliche Demonstranten Hassbotschaften durch die Straßen schreien und auf Transparenten umhertragen, wenn auf öffentlichen Plätzen israelische Flaggen angezündet werden.

Das Wegschauen und Weghören ist die Mitschuld einer Gesellschaft, die sich christlich nennt und die ihre christlichen Werte der Nächstenliebe und des Mitgefühls vor sich her trägt wie Trophäen.

Auch der Pontifex Maximus, der sich selbst den Namen Franziskus verliehen hat, ist weit davon entfernt, sich mit der christlichen Schuld gegenüber den Juden angemessen auseinander zu setzen. Statt medienwirksam Fußwaschungen zu zelebrieren, sollte er die Juden – oder besser Gott, denn die toten Juden können es nicht mehr – um Vergebung bitten. Vergebung für Jahrtausende währende Ausgrenzung, Verfolgung, Folter, Entrechtung, Enteignung, Erschießung, Verbrennung, Vergasung. Sechsmillionen Mal allein im 20. Jahrhundert.

Das wäre die Weihnachtsbotschaft, die mich überraschen würde. Auf die ich warte.

 

Veröffentlicht unter 2017

Fest der Liebe

… und auf der anderen Seite der B27 startet gerade unter großem Hupkonzert und Personalaufkommen der Autokorso zu einer türkischen Hochzeit, Heilig Abend, auch eine Entscheidung.

Veröffentlicht unter 2017

Gutes und Schlechtes

Sonntag Morgen. Allein in meiner Wohnung, was tut das, manchmal, gut.

PM ist, nachdem er die ganzen Tüten voller Lebensmittel hergebracht hatte und wir im Meze essen waren und er endlich mal ausschlafen konnte, ohne Klinikstress (wobei die Patienten ihn hemmungslos auf dem Handy anklingeln, um ihre „Darmwinde“ oder ihre Medikamentenunverträglichkeit ganz relaxed mit ihm auszudiskutieren), gestern Mittag nach Eisenach gefahren.

Die Suppe, Nachspeisen u.v.m. stehen schon auf der Terrasse, den Hauptgang übernehmen W. und A., sodass ich mich heute mehr oder weniger dem Tischdecken und Schmücken des Weihnachtsbaumes widmen kann, den wir gestern zusammen aufgestellt haben – in einem fabelhaften, neuen Ständer. Hätte ich längst anschaffen sollen, um mir das elende Schrauben an dem alten Baumständer zu ersparen.

Heidesand mit Meersalz werde ich gleich noch backen, Rezept von Susanne, und die letzten Geschenke verpacken. Die weiß-goldenen Päckchen türmen sich im Moment noch in einer Ecke im Esszimmer, ich krieg mich gar nicht mehr ein, wie gut das aussieht!

Hab gerade beim Klavierspielen im Notenständer ein ungeöffnetes Weihnachtspäckchen vom letzten Jahr gefunden ….

Seit ein paar Tagen lese ich die Autobiographie von Alma Mahler-Werfel. Was für eine spannende, seltsam manipulierende, zwischen Intellektualität, Standesdünkel und Aberglauben schwankende, lebenslang um ihren eigenen Mittelpunkt ringende Frau!, die den hämisch neidisch männlichen Bewertungsblick nie los geworden ist. Wie gut, dass sie die Deutung über ihr Leben selbst in die Hand genommen hat – inklusive aller Lebenslügen. Eine unzuverlässige Erzählerin in eigener Sache? Ihren Lebenssinn fand sie als Muse mehrerer großer Männer. Für diese Fremdbestimmung scheint sie sich durch konsequentes Fremdgehen gerächt zu haben. Gustav Mahler verbat ihr das Komponieren, dafür durfte sie seine Partituren abschreiben! Oskar Kokoschka sperrte sie ein und bewachte sie, weil er vor Eifersucht den Verstand verlor – und sein Atelier schwarz anstrich. (Später ließ er sich nach seinen detaillierten Anweisungen eine Alma-Puppe in Lebensgröße aus Stoff anfertigen, die er nach einer ziemlich alkoholischen Fete in seinem Garten direkt köpfte!) Gekauft habe ich mir das Buch, nachdem ich eine Kokoschka-Biographie gelesen hatte, in der Alma mehr oder weniger wie ein Monster erschien. Gegenüber ihren Kindern war sie tatsächlich ein Monster. Nur ein Kind schaffte es, sie zu überleben. Ganz seltsam auch ihre Zwiespältigkeit gegenüber Juden, nachdem sie mehrere berühmte, jüdische Künstler abgöttisch geliebt und drei Kinder von ihnen bekommen hatte (bis auf die Tochter mit Walter Gropius, deren Schönheit Alma auf ihre „arische Herkunft“ zurückführte). Leider wird einem Franz Werfel durch seine Tagebuch-Auszüge entsetzlich unsympathisch. Ein alberner Gockel … jedenfalls in seiner Beziehung zu Alma.

Blick zurück: Wie viel Schlechtes / Tödliches habe ich in den fünf vergangenen Jahren aus meinem Leben verbannt, und wie viel Gutes / Lebendiges habe ich dafür bekommen (Balkon-Einsichten).

Veröffentlicht unter 2017

Randgruppencombo im LTT

Samstag. Gestern Abend Konzert mit  Heiner Kondschaks Randgruppencombo im LTT.

J. und T. hatten uns dazu eingeladen, the whole Family, das ist ihr wunderschönes Weihnachtsgeschenk für uns, und überhaupt noch viel wunderschöner ist, dass J. schon wieder dabei sein konnte, im Theater, mit Mütze auf dem Kopf, die die OP-Wunde elegant verdeckte, wer hätte das denn vor ein oder zwei Wochen gedacht …

Sehr berührende Stücke, was auch an der Entstehungsgeschichte der Randgruppencombo liegt, die sich vor über zehn Jahren einzig deshalb gegründet hat, um die Lieder des 1998 verstorbenen Lausitzer Künstlers Gerhard Gundermann der Welt zu erhalten. Die zehnköpfige Combo setzt die schlichten Melodien grandios um mit Bläsern, E-Geige, E-Bass und Piano, sodass aus melancholischen Folksongs kraftvolle, nicht minder melancholische Orchesterstücke werden.

Ein schöner Abend, Einstimmung auf Weihnachten, mit neuen Inspirationen, Ideen, Inputs …

Veröffentlicht unter 2013

… vor dem Sturm

Freitag. Diese Ruhe. Fast alles fertig, fast. Bis auf die Restposten, die am Schluss immer bleiben, die dir, weil schnell abhakbar, für unwichtig scheinen und dir auf einer Parallelspur permanent nachhängen, weil sie oft das Allerwichtigste sind: Das Fleisch abholen. Dieses eine Gewürz für die Vorspeise besorgen, den geschroteten Grünkern für L., die Vegetarierin …

Zehn Menschen, darunter meine sieben Lieblingsmenschen, satt zu bekommen und mit dem Erleben und der Erinnerung eines gelungenen Weihnachtsfestes zu beschenken, das wünsche ich mir wie jedes Jahr, und gleichzeitig läuft auf einer weiteren Parallelspur die immer noch nicht entschiedene Entscheidung für den einen, einzigen Verlag für mein Buch, das mir alles bedeutet. Nicht nur, weil so viele andere Menschen daran hängen. Sondern weil ich es richtig machen will, weil ich weiter machen will. Die Arbeit mit den Interviews liegt mir, die Leute erzählen mir gerne ihre Geschichten (wie gestern mein Arzt, der panische Angst vor der Pensionierung hat, wie der Postmann, der, während er wiegt und frankiert, anfängt seine Lieblingsgruppen aufzuzählen und warum und welche Assoziationen …).

Ich liebe sie, diese Geschichten, Lebensstücke aus erster Hand, Teilansichten, die auf die Komplettansicht neugierig machen.

Ich bin neugierig auf Menschen. Thats the Point.

Veröffentlicht unter 2017