Zum Glück zu faul


Nummer 1

Die Schrift ist noch nass, ein leeres Tintenfass
Vor mir liegt ein Meisterwerk.
Ein neues Lied ist geboren und es klingt in meinen Ohren
so toll wie keins bisher.

Dann schau ich im Internet, ob’s dort andre Lieder hätt,
die so gut sind wie meins.
Nach langer Suche stell ich feste, dass sich keines finden lässt.
Und dann erscheint doch eins.

Irgendwo gib’s immer jemand,
der was besser macht als ich’s kann
Neid und Pein
Wann bin denn ich mal Nummer eins?

Ich kann ganz toll mit Motorsägen jongliern,
und kann freihändig ne Kugel Eis frittiern,

Dann kommt gleich so ein Besessner,
der das auch kann, nur viel besser.
Neid und Pein!
Wann bin denn ich mal Nummer eins?

Hab vom Fenstersims nen Salto mal gemacht
Und ehrlich, ich hab meinem Hund das Kochen beigebracht!

Ganz egal, wie gut ich bin, jemand anders ist der King
und kein Mensch erkennt mein riesiges Talent.
Ich schreib Lieder,mache Bilder und dreh Videos wie ein Wilder
und dann denk ich: Mann, das war doch exzellent!

Dann kommt doch ein Asiate, spielt Gitarre, kann Karate,
baut nen Kampfroboter und kann super singen,
So ein cooler Superheld, gibt’s denn nix auf dieser Welt,
wo ich mal Spitze bin.

Wann bin ich denn endlich auch mal Nummer eins
Wann bin denn ich auch endlich mal die Nummer ein
Wann ist das Plätzchen an der Sonne auch mal meins
Wann bin ich denn endlich auch mal Nummer eins …

Tobster, The Savants: Zum Glück zu faul (Neues Album, ab 13.10.2017)

Veröffentlicht unter 2017

Wochenstart

Montagmorgen, Tübingen. Wenn es T. schlecht geht, T. und J., geht es mir schlecht. Endlich mal wieder lange mit T. geredet. Sie wohnen jetzt auf dem Berg in einer schönen Wohnung. Lebensabschnitte. Er wächst an den Problemen, die sich den beiden gerade stellen. Wenn nur J.’s OP schon vorbei wäre!

Mein neues Lieblingsbuch ist „Kitchen“ von Banana Yoshimoto. Dabei ist das Buch alles andere als neu, ist mir nur bisher entgangen. Federleicht geschrieben und tiefgründig. Banana Yoshimoto, literarischer Shooting-Star der Neunzigerjahre in Japan, wurde mit ihrer ersten Erzählung Moonlight Shadow an der Uni Tokyo promoviert. Auch interessant! Yoshimoto schreibt jung und modern, ohne Verquastheiten, ohne Künstlichkeit. Das Gegenteil von Bachmann-Preis.

Der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben war – okay. Ich habe mich wieder daran erinnert, dass ich meine Arbeit liebe. Darüber bin ich sehr erleichtert.

Veröffentlicht unter 2017

After Work*

Ich ziehe mir jetzt schon ziemlich warme Sachen an und steige auf mein Fahrrad. Es ist ein in kühles Licht getauchter Freitagmittag, der jeden Zweifel daran nimmt, dass der Herbst da ist. Der Wind bläst mir ins Gesicht, das tut gut. Von den Bäumen fällt das gelbe Laub herab, wird von den vorbei rauschenden Autos aufgewirbelt und bleibt am Straßenrand liegen. Das helle Blau des Himmels ist wie mit einem Schleier bedeckt, der reicht bis weit ans Ende der Stadt.
Die Helligkeit spiegelt sich auf der Oberfläche wie auf einer Seifenblase. Ich stelle mein Fahrrad ab und gehe in die Post, wo die Menschen in einer langen Schlange bis zum Ausgang stehen. Die meisten dösen vor sich hin. Ich auch. Nach der Hektik des Vormittags drängt mich jetzt nichts mehr, bis zum Abend. Dann wird Herr B., mein Steuerberater, kommen. Da wird es wieder ungemütlich. Und danach beginnt der schönste Teil des Tages, die Textbearbeitung des letzten Interviews. Wenn ich daran denke, bin ich glücklich.
Ich bin mein Paket los. Eine Frau mit rot glänzenden Lippen eilt über die Straße. Ein Mann brüllt einem anderen Mann etwas in einer fremden Sprache zu. Seine Haare glitzern wie geölt. Ich kaufe Brot, Käse und Bananen bei Rewe. Vor der Unterführung steht ein Mann und blutet, andere stehen um ihn herum und reden aufgeregt durcheinander. An genau derselben Stelle hat mal ein Mann früh am Morgen Blut gespuckt, das hat gar nicht mehr aufgehört. Der ganze Platz war voll mit Blut. Er ist danach gestorben, das hat mir T. erzählt. Daran muss ich eigentlich jeden Tag denken, wenn ich an der Stelle vorbeifahre.
Die Sonne kommt durch, und gleichzeitig fängt es an zu regnen. Ich bin froh, dass ich meinen Ledermantel anhabe. Mein Ledermantel ist aus dem Second Hand Shop und passt wie angegossen. Ein richtiger Glücksgriff war das. Manchmal, so wie jetzt gerade, stelle ich mir vor, in tausend Stücke zu zerspringen.

*Schreibübung nach „Kitchen“ von Banana Yoshimoto, Diogenes, S. 195

Veröffentlicht unter 2017

Abgehört II

Ich krieg auch schon graue Haare.

Hahahaha!

Doch, ehrlich, hab schon welche gefunden. So fünf oder sechs Stück!

Hahahahaha! Wie alt bist’n du?

Zweiunddreißig.

Echt jetzt? Siehst viel jünger aus …

Ja, wenn ich meine Haare so schneide, so nach hinten …

Hahahaha!

Und du?

Fünfunddreißig. Ich komme gerade aus der Reha.

Wegen was, wenn ich fragen darf?

Ach, das sieht man nicht. Sensibilitätsstörungen. Meine Hand, meine Finger, ganz taub. Thrombus … Ablagerungen in den Venen, da kannste Pech haben, dann biste links gelähmt. Kommt vielleicht vom Rauchen. Ich habe zwanzig Jahre krass geraucht. Mehr geraucht als nicht geraucht in meinem Leben …

Echt? Müssten teurer sein, die Zigarettchen …

Hahahaha! Echt Scheißwetter hier. Die sechs Wochen im Harz waren besser.

Reha im Harz?

Hm.

Und, gehts dir jetzt besser?

Hm. Ich muss die ganze Zeit an mein Auto denken. Steht seit sechs Wochen an der Straße.

Hoffentlich ist es noch da.

Hahahahaha! Guter Witz. Ja. Hoffentlich.

Ich investiere jetzt in kanadischen Kanabis-Anbau.

Hahahahah!

Wart’s ab! Da setzen jetzt alle drauf. Das wird legalisiert, und zack! Die Pharmaindustrie scharrt schon mit den Füßen …

Jo. Ich bau mir auch ab und zu mal nen Joint. Ist gesünder als Saufen.

Auf alle Fälle.

Wenn ich bedenke, was wir beim Bund weggesoffen haben …

Ich war nicht beim Bund.

Auch gut.

Veröffentlicht unter 2017

Wirklichkeit …

… ist: Das Flattern des Vorhangs vor dem offenen Fenster, PM’s Atem, rosa Wolkentupfen auf blauem Morgenhimmel, der Landeanflug der Taube auf der Antenne gegenüber, die Konturen von PM’s Geburtstagstisch, die Einkaufstüten neben dem Sessel, das wundersame Heimatgefühl, das ein Hotelzimmer zu vermitteln in der Lage ist, die Melancholie des Abschieds, die Ungewissheiten, die vielleicht nur als Ungewissheiten wahrgenommen werden.

Buchenwald, gestern. Die verwirrende Größe / Weite des Mahnmals – wie groß muss ein Mahnmal sein, um diese Schuld zu tilgen? Die Kahlheit des vergangenen Grauens, das Gespräch mit S. auf der Mauer des ehemaligen Appellhofes, S.’s coole, elegante Wohnung am Waldrand unmittelbar neben dem Sendemast, S.’s Disziplin. Die Ordnung, die Aufgeräumtheit, um die Einsamkeit zu ertragen. PM’s Hoffnung, dass sich politisch etwas bewegt, Nach-Wahl-Analysen im AfD-lastigen Thüringen, ideologische Gräben, die keine echten Gräben sind, Glaubwürdigkeit.

Und heute Abend wieder zu Hause. Wo Steve mit seinem Grinsen in der Tür steht. Wo T. und J. wegen ihrem Umzug lauter Sachen von mir brauchen. Wo J. noch eine heftige Operation bevorsteht. Wo unbearbeitete Texte warten. Wo Verlags- und Vertragsverhandlungen nur langsam in Gang kommen.
„Kann dauern.“ „Kein Thema, alles klar“. „Läuft!“
Das geht seinen sozialistischen Gang.
Unerträgliche Langsamkeit contra Alltagshektik.
Berufsalltag, jetzt wieder, nach längerer Abstinenz: gefräßiges, gesundheitsfressendes Gewaltmonster.
Der alte Traum: Aufwachen und einfach nicht mehr funktionieren – was würde passieren?

Veröffentlicht unter 2017

Kate Millet ist tot

Kate Millet ist vorgestern im Alter von 82 Jahren gestorben. Die Pionierin in Sachen Sex und Macht hat in den frühen Siebzigern mit ihrer bahnbrechenden Analyse Sexus und Herrschaft einen Diskurs ausgelöst, der wirklich Lebensperspektiven verändert, bzw. neue geöffnet hat. Bis heute bin ich der 1. Frauengruppe der Ev.-Theologischen Fachschaft Tübingen dankbar für viele intellektuelle Upgrades: Millet, Steinem, Firestone, Beauvoir haben wir gemeinsam gelesen und diskutiert … und uns in Folge alleine dran gemacht …

Veröffentlicht unter 2017

Brutto-Netto

Jasmin, eine Bekannte hier in B.N., 28 J., led., 1 Kind, wird eine Stelle als Housekeeperin in einem Hotel angeboten: 9 Euro brutto!

Um herauszufinden, wieviel sie damit monatlich auf dem Konto hätte, werfen wir gestern mal den Brutto-Netto-Rechner (https://www.nettolohn.de/brutto-netto-ergebnis) an: Bei 25 Arbeitsstunden käme sie auf ca. 770 Euro netto – nur mal so zur Orientierung für Andrea Nahles, Chefin des Kompetenzzentrums Arbeit und Soziales! … hey, coole Rap-Zeile …

Mit 9 Euro brutto liegt der Arbeitgeber um Nuancen über dem Mindestlohn 8,84 Euro. Hört sich natürlich irgendwie besser an. Jasmin fängt an aufzuzählen: Kindergeld, Unterhalt … und kommt schließlich auf rund 1100 Euro / Monat. „Hallo, ist doch gar nicht so schlecht!“, freut sie sich und sagt die Stelle zu, ehe sie an eine Andere vergeben ist.

Hieß es vor der Einführung 2015 nicht, der Mindestlohn würde die deutsche Wirtschaft an die Wand fahren? Irgendwie strange, wie Prognosen irren können … Die an die Wand fahren, sind die anderen, und die halten das auch noch irgendwie für ihr Schicksal. Das ist das Schlimmste daran …

Veröffentlicht unter 2017

Das Minimalismusprinzip (Letzter Bus nach Coffeeville)

Mike konnte selbst keine Gedichte verfassen, bewunderte jedoch alle, die es taten, und mochte irgendwann sogar die, die sich nicht reimten. Er übernahm gern die Aufgabe des Ansagers, der durch den Abend führte, und dank seiner Initiative wurde der Open-Mic-Abend für selbsternannte Dichter und Romanciers schnell zu einer belebten monatlichen Institution.

Das Thema des heutigen Abends war Poesie in unter fünfzig Wörtern. … Cheryl war gerade zweiundzwanzig geworden und engagierte sich in ihrer Freizeit begeistert in der kirchlichen Jugendgruppe. Ihr Gedicht hieß: Mit Coca-Cola geht’s einfach besser.

Christus niedergestreckt
von unserer Konsumfreude und
den Zugeständnissen an uns selbst,
sieh lächelnd an dir herunter,
auf die Wunden deines Fleisches
und überlege:
wäre alles nicht noch viel schlimmer
ohne Coca-Cola?

Das Publikum applaudierte. „Wow, ganz schön tiefsinnig, Cheryl!“, kommentierte Mike. „Da hast du uns allen einen echten Denkanstoß gegeben!“

Doc leerte sein Glas in einem Zug und winkte nach der Kellnerin, dass sie ein neues bringen sollte.

Mike kündigte unterdessen Kurt Wolfe an, einen Künstler, der vor kurzem aus Nepal zurückgekehrt war, wo er nach einem Nervenzusammenbruch ein Jahr verbracht hatte.

„Kurt wird uns zwei Gedichte vorlesen. Die sind beide sehr kurz. Deshalb lohnt es sich für mich nicht, mich zwischendurch hinzusetzen. Kurt hat mir erzählt, dass er in Nepal das Prinzip des Minimalismus erst so richtig zu schätzen gelernt hat, man darf also gespannt sein, was er uns heute Abend präsentiert.“

Kurt trat ans Mikrofon, schloss die Augen und stand eine Minute lang schweigend so da. Dann öffnete er die Augen und rief:

Kathmandu
Kathmanich

Das Publikum wartete darauf, dass er fortfuhr. Als klar wurde, dass das Gedicht zu Ende war, applaudierte man höflich, wenn auch etwas verwirrt.

„Danke, vielen Dank“, sagte Kurt. „Das bedeutet mir wirklich viel …“

(aus: J. Paul Henderson: Letzter Bus nach Coffeeville, Diogenes 2016, S. 371ff)

 

 

Veröffentlicht unter 2017

Abgehört

Köln, S-Bahn. … Whatsapp backuped selber! No Problem. Mein neues Passwort ist mare123, was ist mit deinem? Du kannst dir Sicherheitsfragen schicken lassen, wir checken das, eventuell machen wir dir ein completely neues Konto. Okaaay, alles klar, see you! Tschüss, Mom.

Veröffentlicht unter 2017