Screenshot

Manchmal, im Rauschen der täglichen Bilderflut, macht mein Unterbewusstsein einen Screenshot. Eingefrorene Wirklichkeit. Dokumentation eines Lebensaugenblicks.

Was mache ich hier?

Mein Rückgrat, Beine, Arme, Hände, wie einbetoniert, halten meine Maske aufrecht. Nicht fallen lassen, nicht fallen lassen, darauf kommt es an. Der Klang unendlicher Reden, austauschbarer Satzbausteine von immer ausgetauschten Stimmen, durchwabert die Luft, Kindergefiedel markiert den Wechsel, lähmt Bewusstsein und Luftzug gleichermaßen, weit offene Fenster ändern auch nichts an der Mittagshitze. Weit weg scheint das so nahe Grün der Bäume überm Neckar, der Kühle nur vortäuscht.

Applaus, Applaus, wer wird gefeiert, wer redet, die versammelte Honoratiorenschicht der Stadt wischt sich den Schweiß unterm Jackettkragen und lacht milde über milde Scherze. Der Gefeierte redet nun selbst. Alles, alles war gut und wird gut. Der Flügel glänzt schwarzlackig unter einfallendem Sonnenstrahl, ein Mann mit noch jungem Gesicht spielt Filmmusik. Noch einmal Applaus. Lächelgesichter bis zum Horizont. Bis zur Betonwand mit lateinischer Lebensweisheit. In blutroter Gelehrtenhandschrift.

Feuchte Hände drücken einander. Trockene Häppchen auf Metalltabletts. Fluchtbewegung: Vor vertrockneten Pensionären, hier unerträglich geballt und gierig nach Gespräch, Zuwendung, dem Lebenssaft derer, die noch dazu gehören.

Denen die Flucht nicht geglückt ist.

Veröffentlicht unter 2013

Memento Limoncelli

Mittwoch, Tübingen. Der Chef vom Restaurant Roma, wo wir im Urlaub jeden Abend gegessen haben – mit einer Ausnahme, die auch gleich tadelnd registriert wurde – , hat einen göttlichen Limoncello. Den schenkt er special guests zum Abschluss ein, keineswegs immer umsonst. Es stellt sich heraus, dass er ihn selbst ansetzt. Am vorletzten Tag fragen wir ihn nach einer Flasche. Er zögert, sagt, da müsse er erst nachschauen, eigentlich verkaufe er nicht flaschenweise. Ich verstehe ihn so, dass er an jeder einzelnen Flasche hängt wie der Künstler an seinen Objekten.

Am nächsten Abend kommt er hinterm Tresen vor, mit einer schmalen Flasche in der Hand und einem breiten Grinsen. Tatsächlich habe er noch eine gefunden. Er baut sie  auf dem Schanktisch auf, die Flasche ist am Korken laienhaft versiegelt. Dann kramt er einen Zettel aus der Hosentasche und legt ihn daneben. Ich staune nicht schlecht, als ich sehe, dass er das Rezept aufgeschrieben hat. Das gebe er nicht jedem, sagt er mit Nachdruck, sodass die Bedeutung des Augenblicks, so kurz er auch ist, im Raum steht wie ein Ausrufezeichen, und dann legt er noch seine E-Mail-Adresse dazu. Ich soll ihm schreiben, wie der Limoncello geworden sei, es interessiere ihn und er werde in jedem Fall antworten.

Hatte ich was von Selbermachen gesagt? Als lese er meine Zweifel, angelt er einen ziemlich großen Topf vom Regal, zieht die Folie ab, instinktiv beuge ich mich darüber und kippe fast hintenüber, so besoffen werde ich nur vom Einatmen des Aromas. Pure Zitrone in purem Alkohol. Das gefällt ihm. Der Unterschied zu Massenware ist eklatant. Das weiß der Roma-Chef. Er hält noch einen engagierten Vortrag über diese rare Zitrone aus einer ganz bestimmten Ecke im nächsten Ort – er zeigt mit dem Finger irgendwie nach links -, über das Schalenabraspeln mit einem Kartoffelschälmesser, über den Zucker und die Ansetzzeit.

Jetzt, wo der Urlaub vorbei ist und der Alltag wieder omnipräsent, habe ich Angst, den Zettel zu verlieren. Schon zweimal habe ich ihn an einen sicheren Ort gelegt, von dem ich jedesmal befürchte, dass er mir entfallen könnte. Zuerst war er im Sonnenbrillenetui. Aktuell hängt er an der Korkwand. Der Zettel scheint mir eine Art Verpflichtung. Wenn ich daran denke, denke ich an Berge von geraspelter Zitronenschale, und mir wird ganz flau. Ich stelle mir vor, wie ich irgendwann in die Limoncello-Produktion einsteige. Die Flasche hat übrigens 20 Euro gekostet, das scheint mir jetzt ziemlich wenig.

Veröffentlicht unter 2013

Doch wieder

Jule hat gestern schon mal ihre Taschen hier abgestellt. Sie wird für einen Monat meine, unsere neue Mitbewohnerin. Doch wieder.

Sie ist eine Freundin von T., das heißt, sie ist zuverlässig, kreativ und freundlich. So wie T., so wie mein Sohn. Sie ist sehr groß. Wenn wir miteinander reden, ziehe ich meine hochhackigsten Stiefel an. Davon habe ich mehr als genug. Dr. K. sagt, wer mehr als zehn Paar Schuhe hat, hat Depressionen. Demnach könnte er mich sofort einliefern. Ich habe fünf mal mehr oder noch mehr. Ich liebe meine Schuhe. Wenn ich vor dem Regal stehe, erfreue ich mich an ihrem Anblick. Ich mag es, morgens kurz zu überlegen und dann ein Paar rauszuziehen, das schon länger nicht mehr an der Reihe war. Das ist dann wie neue Schuhe. Ich habe aber auch immer richtig neue Schuhe. Meistens ziehe ich sie nicht gleich an, sondern warte auf einen besonderen Augenblick – für den Kick. Für die Erhöhung, sozusagen. Dr. K. weiß auch nicht alles. Wahrscheinlich hat er selber nur drei Paar Treter: leicht, fest, superfest. Jule liebt „Königsmöbel“. Sie kennt zwei Internetseiten, wo man günstig „Königsmöbel“ kaufen kann. Ich bin sehr interessiert. Jule bringt neue Impulse, das merkt man gleich.

Veröffentlicht unter 2013

Wo ist der Deinhart?

Jan Böhmermann alias Jim Pandzko hat mal wieder zugeschlagen. Gegen das deutsche Pop-Liedgut. Gegen die „seelenlose Kommerzkacke“, die „Tiefe vorgaukelt“. Im Klartext: Gegen das Tim-Bendzko-Pseudogeträller und seine inzwischen ununterscheidbare Epigonentruppe (Max Giesinger u.v.m.). Gegen all das singt Böhmermann/Pandzko sich mit „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ gerade an die Spitze der meist geklickten Musikvideos auf Youtube. Der Text ist irgendwie mit der Hilfe von Affen entstanden, kann also jeder Arsch…(?), und er würde ohne weiteres, zusammen mit der eingängigen Melodie, im Radio, sprich in den Charts, funktionieren. Soviel zur intellektuellen Beschaffenheit der derzeitigen deutschsprachigen Musikszene! Im Videoclip ein eins zu eins damit korrespondierender Böhmi mit tragischem Haarschnitt und Weltschmerzblick (Jammern auf maximalhohem Niveau)… Großartige Aktion, genau auf der Ebene sollte er weitermachen …

Was du hast, können viele haben
Aber was du bist, kann keiner sein
Es ist ein schönes Gefühl
Zu wissen, dass Du da bist

Ich brauch mal wieder Zeit mit dir
Das schwarze mit der blonden Seele
Der gute Stern auf allen Straßen

An alle da draußen: Anders sein ist gut
Alle Wege führen nach Rom
Wir trampen nach Alaska
Barfuß durch den Regen

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!

Versucht jeden Tag ein Stück mehr ihr zu sein
Today is gonna be the day
Die Welt stürzt auf mich ein
Strom ist gelb
Eine Allianz fürs Leben

Messer, Gabel, Schere, Licht
Sind für kleine Kinder nicht
Fruchtalarm Ich liebe es
Irgendwann erfrischt es jeden

Was man nicht im Kopf hat
Das hat man in den Beinen
Perfekter Halt für’s Haar
Wer schön sein will muss leiden
Leg einfach mal die Zweifel ab

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!

Ein König, Ein König, Ein König
Heute ein König
Heute ein König

Wo ist der Deinhart?

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)

Veröffentlicht unter 2013

Nach Weihnachten

Wenn ich über irgendwas froh bin, dann darüber, dass die Weihnachtsfeiertage endlich vorbei sind. Für Leute, denen es nicht gerade so supiwunderbartoll geht, können diese Tage richtig grausam sein. K. sagt, ich müsse die Rauhnächte genießen. Ich habe ihm gesagt, dass ich mit seinen Rauhnächten nichts anfange. Dass ich diese Zeit zwischen den Jahren schon immer gehasst habe. Rauhnächte hin oder her.

Er hat mich ganz erschrocken angesehen, und da hab ich noch einen draufgesetzt: Ich sei auch froh, wenn endlich die Geschäfte wieder offen haben.

Warum?, hat er gefragt.

Weil das Leben dann weiter geht!, hab ich geantwortet.

Was das Leben mit Geschäften zu tun habe – diese Frage lag ihm bestimmt auf der Zunge, doch zum Glück hat er sie sich verkniffen.

Veröffentlicht unter 2013

Begegnung

Eine Begegnung ist eine Begegnung ist ein Treffen ist ein Date ist ein SichindieAugenschauen ist ein Erschrecken ist ein großes Fragezeichen.

Veröffentlicht unter 2013

Abwendung

Auch eine Begegnung: Wenn mit schwer abgewandtem Gesicht und vor lauter Abwenden ganz verdrehtem Hals der einstmals vertrauteteste Mensch an einem vorbeizieht.

 

Veröffentlicht unter 2013

Vorurteilsfrei

Heute bekam ich vielleicht eine Mail! Da schlug mir einer vor, vorurteilsfrei übereinander herzufallen.

Komisch. Ich hatte gar keine Vorurteile.

 

 

Veröffentlicht unter 2013

Alleinleben

Lieber Peer., ich hab da mal eine Frage: Wie kommst Du mit dem Alleinleben klar?

„Peer.: Hab mich in den letzten zwei Monaten viel zuviel mit anderen Leuten beschäftigt. Jetzt möchte und muss ich mal wieder allein sein. Ich hänge auch nicht den ganzen Tag im Internet rum, ob andere mich zur Kenntnis nehmen oder nicht. Ich suche nicht. Meine Zufriedenheit kommt daher, dass ich mal wieder einen guten Satz schreibe und mich daran freue. Das Romankapitel, an dem ich gerade arbeite, ist ein schwieriges Kapitel. Es handelt von einem, der ein starkes Selbstwertgefühl hat und der schon sehr alt ist; beides ist für mich schwer vorzustellbar. Wenn mir das gut gelingt, dann bin ich glücklich.

Es tut mir überwiegend gut, allein zu sein. Zu viele Menschen tun mir nicht gut. Weil ich dann immer sehr schnell enttäuscht bin. Ich bin so werteorientiert. Die Menschen reden so viel von Werten und haben gar keine. Ich kenne einen Musiker, der regt sich immerzu über irgendwelche gesellschaftlichen Entwicklungen auf, zum Beispiel die Geldgeilheit, und merkt gar nicht, dass er selber auch nur aufs Geld aus ist. Der lebt von Hartz IV und redet ständig davon, was er alles tut, damit er jeden Monat den gleichen Betrag überwiesen bekommen. Der bescheißt, um über die Runden zu kommen, und investiert unheimlich viel Kraft darein. Diese Fixiertheit geht mir am Arsch vor bei.

Ich komme ganz gut mit sehr wenig Geld aus. Das ist für mich eine Tugend. So wie Treue. Ist auch megawichtig. Oder Ehrlichkeit. Na ja, das ist schon wieder ein anderes Thema.“

Danke, Peer!

 

 

Veröffentlicht unter 2013

Semantik

AM MEISTEN GEFÄLLT MIR ALLES,

steht auf einer Mauer, vor die ich mein Fahrrad abstelle, wenn ich zu meinem Doc gehe.

Zuerst fand ich den Spruch cool. Und witzig. Später dachte ich, dass er nur semantisch interessant ist (Verknüpfung von von doppelter Bejahung und Hyperbel), inhaltlich dagegen weniger. Gibt es doch Viele, die, und Vieles, das ich gar nicht mag.

Oder will die Aufhäufung von Stilmitteln auf kürzester Strecke genau das Gegenteil sagen? Also Ironiealarm?

Und jetzt finde ich den Spruch irgendwie doch wieder gut. Meinetwegen nur aufgrund semantischer Erwägungen. Na und?

 

 

 

Veröffentlicht unter 2013