Ziemlich

Du weißt ja, ich bin ziemlich verrückt, sagt Lara. Und lacht so und ist schon wieder weiter Richtung Müller, Mittagspause und so.
Ist klar! Vor allem weiß ich, dass sie sich für verrückt hält. Nicht nur ziemlich, sondern total, das ziemlich ist reine Koketterie. Ich bin ziemlich verrückt klingt eben komplett anders als: Ich bin verrückt. Das geht schon ins Bedenkliche, Klapsmühle und Tabletten und dieser ganze Bahnhof. Und ist damit genau das, was Lara nicht meint. Lara findet sich super unnormal im positiven Sinne.
Was ist schon normal, fragt sie auch oft. Blöde Frage! Weiß doch jeder, was normal ist. Das, was die meisten denken, machen, fühlen, sagen. Das Langweilige, Durchschnittliche. Was ist schon normal, das ist die Frage der total Normalen, die aber nicht normal sein wollen. Und deshalb jedem auf die Nase binden,  sie seien ziemlich verrückt, oder, Hipster-Speach: iwie crazy. Das ist die absolut bescheuerte Selbstaussage einer von sich selbst Angetörnten, die sich Plastikblumen ins Haar steckt oder barfuß zum Supermarkt läuft oder Nori-Algen aus dem Asiashop knabbert.
Und ich? Kichere höflich und wackle mit dem Kopf und denke, Lara, das ist nicht verrückt! Das ist nichts! Zum Verrücktsein, auch zum positiven, gehört schon noch ein bisschen mehr! Mit dem Fahrrad bis nach Australien fahren, zum Beispiel. Das finde ich ziemlich verrückt. In ein Baumhaus ziehen und mit den Eichhörnchen kommunizieren meinetwegen auch. Aber schon wer ins Baumhaus zieht und mit seinem Tablet kommuniziert, hat einfach nur einen Hau weg. Ist meschugge mit voller Bedenklichkeits-Ausrichtung.
Ich finde ja, Lara ist ziemlich normal. Sollte ihr vielleicht mal jemand sagen …

 

Veröffentlicht unter 2013

Doch wieder

Jule hat gestern schon mal ihre Taschen hier abgestellt. Sie wird für einen Monat meine, unsere neue Mitbewohnerin. Doch wieder.

Sie ist eine Freundin von T., das heißt, sie ist zuverlässig, kreativ und freundlich. So wie T., so wie mein Sohn. Sie ist sehr groß. Wenn wir miteinander reden, ziehe ich meine hochhackigsten Stiefel an. Davon habe ich mehr als genug. Dr. K. sagt, wer mehr als zehn Paar Schuhe hat, hat Depressionen. Demnach könnte er mich sofort einliefern. Ich habe fünf mal mehr oder noch mehr. Ich liebe meine Schuhe. Wenn ich vor dem Regal stehe, erfreue ich mich an ihrem Anblick. Ich mag es, morgens kurz zu überlegen und dann ein Paar rauszuziehen, das schon länger nicht mehr an der Reihe war. Das ist dann wie neue Schuhe. Ich habe aber auch immer richtig neue Schuhe. Meistens ziehe ich sie nicht gleich an, sondern warte auf einen besonderen Augenblick – für den Kick. Für die Erhöhung, sozusagen. Dr. K. weiß auch nicht alles. Wahrscheinlich hat er selber nur drei Paar Treter: leicht, fest, superfest. Jule liebt „Königsmöbel“. Sie kennt zwei Internetseiten, wo man günstig „Königsmöbel“ kaufen kann. Ich bin sehr interessiert. Jule bringt neue Impulse, das merkt man gleich.

Veröffentlicht unter 2013

Wo ist der Deinhart?

Jan Böhmermann alias Jim Pandzko hat mal wieder zugeschlagen. Gegen das deutsche Pop-Liedgut. Gegen die „seelenlose Kommerzkacke“, die „Tiefe vorgaukelt“. Im Klartext: Gegen das Tim-Bendzko-Pseudogeträller und seine inzwischen ununterscheidbare Epigonentruppe (Max Giesinger u.v.m.). Gegen all das singt Böhmermann/Pandzko sich mit „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ gerade an die Spitze der meist geklickten Musikvideos auf Youtube. Der Text ist irgendwie mit der Hilfe von Affen entstanden, kann also jeder Arsch…(?), und er würde ohne weiteres, zusammen mit der eingängigen Melodie, im Radio, sprich in den Charts, funktionieren. Soviel zur intellektuellen Beschaffenheit der derzeitigen deutschsprachigen Musikszene! Im Videoclip ein eins zu eins damit korrespondierender Böhmi mit tragischem Haarschnitt und Weltschmerzblick (Jammern auf maximalhohem Niveau)… Großartige Aktion, genau auf der Ebene sollte er weitermachen …

Was du hast, können viele haben
Aber was du bist, kann keiner sein
Es ist ein schönes Gefühl
Zu wissen, dass Du da bist

Ich brauch mal wieder Zeit mit dir
Das schwarze mit der blonden Seele
Der gute Stern auf allen Straßen

An alle da draußen: Anders sein ist gut
Alle Wege führen nach Rom
Wir trampen nach Alaska
Barfuß durch den Regen

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!

Versucht jeden Tag ein Stück mehr ihr zu sein
Today is gonna be the day
Die Welt stürzt auf mich ein
Strom ist gelb
Eine Allianz fürs Leben

Messer, Gabel, Schere, Licht
Sind für kleine Kinder nicht
Fruchtalarm Ich liebe es
Irgendwann erfrischt es jeden

Was man nicht im Kopf hat
Das hat man in den Beinen
Perfekter Halt für’s Haar
Wer schön sein will muss leiden
Leg einfach mal die Zweifel ab

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!

Ein König, Ein König, Ein König
Heute ein König
Heute ein König

Wo ist der Deinhart?

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)

Veröffentlicht unter 2013

Nach Weihnachten

Wenn ich über irgendwas froh bin, dann darüber, dass die Weihnachtsfeiertage endlich vorbei sind. Für Leute, denen es nicht gerade so supiwunderbartoll geht, können diese Tage richtig grausam sein. K. sagt, ich müsse die Rauhnächte genießen. Ich habe ihm gesagt, dass ich mit seinen Rauhnächten nichts anfange. Dass ich diese Zeit zwischen den Jahren schon immer gehasst habe. Rauhnächte hin oder her.

Er hat mich ganz erschrocken angesehen, und da hab ich noch einen draufgesetzt: Ich sei auch froh, wenn endlich die Geschäfte wieder offen haben.

Warum?, hat er gefragt.

Weil das Leben dann weiter geht!, hab ich geantwortet.

Was das Leben mit Geschäften zu tun habe – diese Frage lag ihm bestimmt auf der Zunge, doch zum Glück hat er sie sich verkniffen.

Veröffentlicht unter 2013

Begegnung

Eine Begegnung ist eine Begegnung ist ein Treffen ist ein Date ist ein SichindieAugenschauen ist ein Erschrecken ist ein großes Fragezeichen.

Veröffentlicht unter 2013

Abwendung

Auch eine Begegnung: Wenn mit schwer abgewandtem Gesicht und vor lauter Abwenden ganz verdrehtem Hals der einstmals vertrauteteste Mensch an einem vorbeizieht.

 

Veröffentlicht unter 2013

Vorurteilsfrei

Heute bekam ich vielleicht eine Mail! Da schlug mir einer vor, vorurteilsfrei übereinander herzufallen.

Komisch. Ich hatte gar keine Vorurteile.

 

 

Veröffentlicht unter 2013

Alleinleben

Lieber Peer., ich hab da mal eine Frage: Wie kommst Du mit dem Alleinleben klar?

„Peer.: Hab mich in den letzten zwei Monaten viel zuviel mit anderen Leuten beschäftigt. Jetzt möchte und muss ich mal wieder allein sein. Ich hänge auch nicht den ganzen Tag im Internet rum, ob andere mich zur Kenntnis nehmen oder nicht. Ich suche nicht. Meine Zufriedenheit kommt daher, dass ich mal wieder einen guten Satz schreibe und mich daran freue. Das Romankapitel, an dem ich gerade arbeite, ist ein schwieriges Kapitel. Es handelt von einem, der ein starkes Selbstwertgefühl hat und der schon sehr alt ist; beides ist für mich schwer vorzustellbar. Wenn mir das gut gelingt, dann bin ich glücklich.

Es tut mir überwiegend gut, allein zu sein. Zu viele Menschen tun mir nicht gut. Weil ich dann immer sehr schnell enttäuscht bin. Ich bin so werteorientiert. Die Menschen reden so viel von Werten und haben gar keine. Ich kenne einen Musiker, der regt sich immerzu über irgendwelche gesellschaftlichen Entwicklungen auf, zum Beispiel die Geldgeilheit, und merkt gar nicht, dass er selber auch nur aufs Geld aus ist. Der lebt von Hartz IV und redet ständig davon, was er alles tut, damit er jeden Monat den gleichen Betrag überwiesen bekommen. Der bescheißt, um über die Runden zu kommen, und investiert unheimlich viel Kraft darein. Diese Fixiertheit geht mir am Arsch vor bei.

Ich komme ganz gut mit sehr wenig Geld aus. Das ist für mich eine Tugend. So wie Treue. Ist auch megawichtig. Oder Ehrlichkeit. Na ja, das ist schon wieder ein anderes Thema.“

Danke, Peer!

 

 

Veröffentlicht unter 2013

Semantik

AM MEISTEN GEFÄLLT MIR ALLES,

steht auf einer Mauer, vor die ich mein Fahrrad abstelle, wenn ich zu meinem Doc gehe.

Zuerst fand ich den Spruch cool. Und witzig. Später dachte ich, dass er nur semantisch interessant ist (Verknüpfung von von doppelter Bejahung und Hyperbel), inhaltlich dagegen weniger. Gibt es doch Viele, die, und Vieles, das ich gar nicht mag.

Oder will die Aufhäufung von Stilmitteln auf kürzester Strecke genau das Gegenteil sagen? Also Ironiealarm?

Und jetzt finde ich den Spruch irgendwie doch wieder gut. Meinetwegen nur aufgrund semantischer Erwägungen. Na und?

 

 

 

Veröffentlicht unter 2013

Eingenisteter Gedanke

„Und dann ist dieser Gedanke einfach dageblieben und mitgekommen auf meine Reise, bis nach Vietnam ist er mitgekommen, obwohl ich ihn immerzu abschütteln wollte, in so Tempeln oder sogar an einem See; ich hab’s ja dann durchaus auch mit diesen spirituellen Impulsen, wollte ihn also im See versenken oder im Götterhaus zurücklassen – opfern -, aber keine Chance, so fest wie dieser Gedanke saß und bei mir blieb.

Und dann hab ich gedacht: Gut. Lieber Gedanke, wenn du dich so wohl bei mir fühlst, dann bleib halt da. Bitte schön: Bleib! Bleib doch, niste dich so richtig bei mir ein, ich werd’s schon aushalten. Wenn du unbedingt bei mir bleiben willst, dann wird das schon seine Gründe haben. Ich stelle mich nicht mehr gegen dich. Bleib. Es ist gut so. Bleib einfach.

Und nach ein paar Wochen, da war er plötzlich nur noch ganz schwach, der Gedanke. Er war nicht weg, das nicht, aber so schwach, dass ich ihn betrachten konnte, ohne zusammen zu zucken. Ach, dachte ich, das ist ja interessant! Jetzt geht er wohl von selber. So ganz allmählich. Macht sich davon, als hätte er sich zu Ende gedacht, der Gedanke. Nun gut, soll er ziehen. Bitte schön: Zieh! Verzieh dich doch, mach dich so richtig aus dem Staub, ich werd’s schon aushalten. Wenn du unbedingt verschwinden willst, dann wird das schon seine Gründe haben. Ich stell mich nicht mehr gegen dich. Es ist gut so. Verschwinde einfach.

Und dann habe ich gelernt, ohne diesen Gedanken zu leben. War eine ganz schöne Umstellung!“

Gu streicht sich ihre dicken, schwarzen Haare aus dem Gesicht und guckt mich an. Ihre  Augen sehen immer so aus, als hätte sie gerade einen Witz zum Besten gegeben und als wartete sie nur noch ab, ob man ihn auch versteht.

Ich danke Dir für diesen Abend, liebe Freundin.

Veröffentlicht unter 2013