Tangente

Samstag / Sonntag. Mit PM, T. und J. im Gutenberg zu Abend gegessen – schöne Konstellation. T. und J. erzählen Skurriles aus ihren Arbeitswelten und aus dem Tübinger Underground (sie schaffen diesen Spagat). T. schwer übermüdet, aber zufrieden, nachts und am Wochenende ist er mit Schnitt beschäftigt, noch im Frühjahr kommt die neue CD auf den Markt.

Abschieds-Drink: Nach 46 Jahren schließt die Tangente Jour. Miss you! Gehört die Tangente nicht zu Tübingen wie Rathaus und Stiftskirche, ungefähr? Oft haben wir da gesessen, drinnen in der Fensternische oder draußen, wenn es langsam dunkel wurde …

PM’s Männerseele. Sitzt in den intensivsten Augen der Welt. Gelegentlich darf sie fliegen (und Welt berühren).

 

Veröffentlicht unter 2013

Ich bin so frei

Ich kann keine Trump-Artikel mehr lesen. Eine gähnende Langeweile befällt mich, wenn ich die Zeitung aufschlage oder ein x-beliebiges TV-Programm einschalte, und Trumps jüngste Vergehen werden analysiert, als gäbe es nichts anderes mehr auf dieser Welt. Alle sind sich einig. Jaaa! Ist ja gut. Das haben jetzt doch alle begriffen: Donald ist ein machtgeiler Volltrottel, Egomane, Wahnwitziger. „Die Meinungsvielfalt verteidigen wir, indem alle das Gleiche sagen.“ Schreibt Harald Martenstein in seiner Zeit-Kolumne vom 23. Februar 2017.
In die Einstimmigkeit zu verfallen, scheint trendy zu werden. Eine Haltung, geradezu. Ist ja auch sehr kuschelig so im Verein mit vielen, vielen Gleichgesinnten. Zu 100 Prozent ist Schulz von seiner SPD gewählt worden. Potzblitz und Holy Shit! Das hat sich nicht mal das Politbüro getraut. Unter Honnecker & Co musste es immer zwei, drei Abweichler geben, um den Schein der freien Meinungsfreiheit zu wahren. So wie Trump mainstreammäßig alle zum Kotzen finden, finden alle wunderbar den in der Glut der Morgenröte geschlüpften Phönix aus der Asche Schulz. Warum? Was ist an dem? Man kann ja mal abwarten; bisher weiß ich nicht so genau, warum ich in den Jubel einfallen sollte. Okay, außer dass er Schulabbrecher und Ex-Alkoholiker ist, ist er für soziale Gerechtigkeit und setzt sich für die hart arbeitenden Menschen ein. Aber das hat die SPD getan, seit es die SPD gibt. Das ist SPD-Grundsound, sozusagen, daran kann ich nichts Besonders erkennen.
Langeweile löst bei mir Verärgerung aus. Wer mich langweilt, raubt meine Zeit, meine Energie. Ich muss Aufmerksamkeit heucheln, wo ich mich lieber abwenden möchte, ich muss über Witze lachen, die schal und unwitzig sind. Fünf Minuten halte ich das durch, länger nicht. Dann meldet sich die Lust auf Polemik.
An meinem Arbeitsplatz herrscht, wie wohl an den meisten Arbeitsplätzen der Welt, Handyverbot. Da mein Arbeitsfeld aus Joungsters besteht, die Verbote lieber überschreiten als einzuhalten, müsste ich als Vertreterin der Ordnung die Handys einsammeln, sobald ich einen von ihnen mit der typischen Kopf-Runter-Haltung rumstehen sehe. Auf einer Dienstbesprechung bezeugten mehrere meiner Kollegen, dass sie dies auch tun: Sie sammeln, was das Zeug hält. Nachdem der dritte Kollege beteuerte, dass auch er, bekannte ich, dass ich nicht. Ich sammle keine Handys ein. Ich weiß, dass das inkonsequent ist. Es ist mir egal. Ich habe ein Recht auf Weggucken. In diesem Fall, jedenfalls. Dafür schreie ich laut im Zugabteil, wenn ich sehe, dass jemand körperlich bedroht wird. Ich entscheide selber, wann ich weggucke und wann nicht. Ich ganz allein entscheide, dass ich die Verordnung als solche – natürlich – für sinnvoll halte, dass ich mir aber vorbehalte, kein Handynazi zu werden. So würde ich mich nämlich fühlen.
Interessant war die Reaktion auf mein Statement. Kein Kommentar. Klar – der Pluralismus, die Meinungsfreiheit und so. Da schluckt man die Entrüstung besser mal runter. Aber muss eine gleich so frei sein?
Einfache Lösungen sind nicht so mein Ding. Erzwungene Zustimmung, ob in Sachen Trump-Bashing, Schulz-Vergötterung oder Handy-Einkassieren, auch nicht:
Ja, ich bin so frei!
Veröffentlicht unter 2013

Ambitioniert

Würde heute gerne folgende Wörter anwenden:

Ambitioniert
Anverwandeln
Voll diesseitsorientiert (als Vorwurf)
Das kriegen wir hin.


20.30Uhr

Ambitioniert no problem, lässt sich überall unterbringen.

Anverwandeln entfachte einen Disput unter Kollegen, ob das Nomen (Anverwandlung) nicht besser funktioniert als das Verb.

Volle Diesseitsorientiertheit konnte ich heute leider niemandem unterstellen. Auf morgen verschoben.

Das  kriegen wir hin ist der Knaller. Die Leute gucken dich überrascht an – wahrscheinlich wegen dem Wir – und sind begeistert.

 

Veröffentlicht unter 2013

Die weise Ente

Auf dem Fahrradweg sitzt eine Ente. Vielleicht, jahreszeitmäßig angesagt, auf der Suche nach dem optimalen Nistplatz? Vor ihr liegt die Europastraße, hinter ihr der Parkplatz.
Sie bleibt jetzt erstmal da sitzen.

Veröffentlicht unter 2013

Nach Weihnachten

Wenn ich über irgendwas froh bin, dann darüber, dass die Weihnachtsfeiertage endlich vorbei sind. Für Leute, denen es nicht gerade so supiwunderbartoll geht, können diese Tage richtig grausam sein. K. sagt, ich müsse die Rauhnächte genießen. Ich habe ihm gesagt, dass ich mit seinen Rauhnächten nichts anfange. Dass ich diese Zeit zwischen den Jahren schon immer gehasst habe. Rauhnächte hin oder her.

Er hat mich ganz erschrocken angesehen, und da hab ich noch einen draufgesetzt: Ich sei auch froh, wenn endlich die Geschäfte wieder offen haben.

Warum?, hat er gefragt.

Weil das Leben dann weiter geht!, hab ich geantwortet.

Was das Leben mit Geschäften zu tun habe – diese Frage lag ihm bestimmt auf der Zunge, doch zum Glück hat er sie sich verkniffen.

Veröffentlicht unter 2013

Begegnung

Eine Begegnung ist eine Begegnung ist ein Treffen ist ein Date ist ein SichindieAugenschauen ist ein Erschrecken ist ein großes Fragezeichen.

Veröffentlicht unter 2013

Abwendung

Auch eine Begegnung: Wenn mit schwer abgewandtem Gesicht und vor lauter Abwenden ganz verdrehtem Hals der einstmals vertrauteteste Mensch an einem vorbeizieht.

 

Veröffentlicht unter 2013

Vorurteilsfrei

Heute bekam ich vielleicht eine Mail! Da schlug mir einer vor, vorurteilsfrei übereinander herzufallen.

Komisch. Ich hatte gar keine Vorurteile.

 

 

Veröffentlicht unter 2013

Alleinleben

Lieber Peer., ich hab da mal eine Frage: Wie kommst Du mit dem Alleinleben klar?

„Peer.: Hab mich in den letzten zwei Monaten viel zuviel mit anderen Leuten beschäftigt. Jetzt möchte und muss ich mal wieder allein sein. Ich hänge auch nicht den ganzen Tag im Internet rum, ob andere mich zur Kenntnis nehmen oder nicht. Ich suche nicht. Meine Zufriedenheit kommt daher, dass ich mal wieder einen guten Satz schreibe und mich daran freue. Das Romankapitel, an dem ich gerade arbeite, ist ein schwieriges Kapitel. Es handelt von einem, der ein starkes Selbstwertgefühl hat und der schon sehr alt ist; beides ist für mich schwer vorzustellbar. Wenn mir das gut gelingt, dann bin ich glücklich.

Es tut mir überwiegend gut, allein zu sein. Zu viele Menschen tun mir nicht gut. Weil ich dann immer sehr schnell enttäuscht bin. Ich bin so werteorientiert. Die Menschen reden so viel von Werten und haben gar keine. Ich kenne einen Musiker, der regt sich immerzu über irgendwelche gesellschaftlichen Entwicklungen auf, zum Beispiel die Geldgeilheit, und merkt gar nicht, dass er selber auch nur aufs Geld aus ist. Der lebt von Hartz IV und redet ständig davon, was er alles tut, damit er jeden Monat den gleichen Betrag überwiesen bekommen. Der bescheißt, um über die Runden zu kommen, und investiert unheimlich viel Kraft darein. Diese Fixiertheit geht mir am Arsch vor bei.

Ich komme ganz gut mit sehr wenig Geld aus. Das ist für mich eine Tugend. So wie Treue. Ist auch megawichtig. Oder Ehrlichkeit. Na ja, das ist schon wieder ein anderes Thema.“

Danke, Peer!

 

 

Veröffentlicht unter 2013

Semantik

AM MEISTEN GEFÄLLT MIR ALLES,

steht auf einer Mauer, vor die ich mein Fahrrad abstelle, wenn ich zu meinem Doc gehe.

Zuerst fand ich den Spruch cool. Und witzig. Später dachte ich, dass er nur semantisch interessant ist (Verknüpfung von von doppelter Bejahung und Hyperbel), inhaltlich dagegen weniger. Gibt es doch Viele, die, und Vieles, das ich gar nicht mag.

Oder will die Aufhäufung von Stilmitteln auf kürzester Strecke genau das Gegenteil sagen? Also Ironiealarm?

Und jetzt finde ich den Spruch irgendwie doch wieder gut. Meinetwegen nur aufgrund semantischer Erwägungen. Na und?

 

 

 

Veröffentlicht unter 2013