Licht und Sinnlichkeit

Heute vor einem Jahr begann mein ganz subjektiver sog. dritter Lebensabschnitt.

Während der erste sich im Nachhinein als Blindflug (bei allem vermeintlichen Durchblick), aber auch als Emanzipation kennzeichnen lässt und der zweite geprägt war von Herausforderung, Chaos und Gewalt, beschenkt mich der dritte, soweit ich das aus der Unmittelbarkeit der Gegenwart heraus beurteilen kann, mit Sinnlichkeit und Licht. Und mit Erdung (oder wünsche ich mir die bloß, oder fürchte ich sie ganz besonders, weil sie meine künstlerischen Kreise stören könnte?)

(Emotionale und intellektuelle Verständnisweitung der Begriffe Eros und Licht; Beschäftigung m. Big Heroes Freud, bzw. Goethe.)

Hab ja auch einiges dafür getan. Die Sicherheitsplattform verlassen (sofern überhaupt noch existent), meinen seelischen Haushalt infrage gestellt/zerlegt, m. auf die Suche nach den passenden Teilen im Großen Puzzlespiel begeben, und immer noch wieder neue Lernprozesse …

Begegnungen mit Menschen, die ich mir vorher nicht zugetraut hätte.

Wenn ich früher erfahren hätte, dass es mir in dem Alter, in dem ich mich jetzt befinde, so gut geht, wäre ich sicher sehr neugierig auf meine Zukunft gewesen. Mit dieser Neugier sehe ich jetzt dem nächsten Jahr entgegen, überhaupt den nächsten Jahren.

Meine Theorie, dass Alter eine zutiefst konventionelle und wenig hilfreiche Kategorie ist, bestätigt sich immer wieder in meinem eigenen Leben. Mit dreißig kannst du dich grau und alt fühlen, mit fünfzig saftig und schillernd. Diese Zahlen haben allenfalls für irgendwelche statistischen Erhebungen Bedeutung, die ja im Allgemeinen auch höchst uninteressant sind, weil auf den Einzelfall, also dich, in den meisten Fällen nicht anwendbar.

Veröffentlicht unter 2014

Zugbekanntschaft

Gerade mal ein Sitzplatz ist frei in dem Abteil in dem übervollen Zug. Vor mit ein Mann meiner Altersgruppe mit Kabel im Ohr, stellt sich schlafend oder schläft, neben ihm eine ältere Lady, deren Style mich gleich interessiert – konsequentes Schwarz-Weiß bis hin zum Schmuck -, neben mir ein Mädchen mit Kabel im Ohr, stellt sich schlafend oder schläft, und neben der, am Fensterplatz, ein dicker Junge mit Kabel im Ohr und PC auf dem Schoß, spielt lautlos Games, sein Gesicht wie eingeschlafen oder schockgefroren, unbewegt und unbeweglich.
Ich ziehe mein Buch raus, als nach ca. zwei Stunden der Schaffner kommt. Für drei Personen?, fragt er den Typen mir gegenüber. Der nickt, tritt zum gefühlten zweitausendsten Mal gegen mein Bein, klappt die Augendeckel wieder zu.
Welche drei bloß? Die Lady seine Mutter, das Mädchen sein Kind? Das Mädchen und der Junge seine Kinder? Und was ist dann mit der Lady? Keiner hat bisher ein Sterbenswörtlein gesagt. Zombies. Verkabelte Untote. Verstorbene Kabelträger. Menschmaschinen.
Da nickt der Mann – eine Hundertstelsekunde -, und sie stehen auf. Wortlos. (Keiner hat also geschlafen.) Der Mann und das Mädchen und der Junge.
Der greift nach meinem Laptop, als die alte Lady von ihrem Platz aus sehr entschieden sagt: Der gehört der Dame!
Ja, sage ich aufblickend, der gehört mir.
Worte, die plötzlich im Raum stehen.
Und verpuffen.
No reaction. Tür auf. Weg alle drei.
Im Gang sagt der Mann: Bei meiner Mutter gibt’s nie was zu essen. Wir gehen noch zu McDo.
Was war das denn?, sagt die Lady, nachdem die Tür zugefallen ist. Wir lachen, aber irgendwie unfroh.
Die haben jetzt sieben Stunden nichts gesagt. Und sich nicht bewegt. Sagt, die Lady, die schon seit Mittag mit der Zombiefamilie das Abteil geteilt hat.
Der hat anfangs nur gegessen. Gekaut und gekaut und niemandem was angeboten, sagt die Lady.
Es dauert zwei Stunden, bis ich aussteigen muss. Bis dahin hat sie meine Lebensgeschichte gehört und ich ihre. Immer wieder fragt sie nach. Sie will es genau wissen. Sie macht seit 30 Jahren Joga. Ist eine, die sich selbst ihr Bild macht.
Das Alter ist schön, sagt sie einmal so nebenbei.
Wenn ich an der Haltestelle stehe, atme ich. In die Schmerzen hinein, sagt sie.
Und davon gehen sie weg?, frage ich.
Manchmal ja, manchmal nein. Sie schaut aus dem Fenster, ins Schwarze.
Ich habe mich gestern wirklich furchtbar über meinen Schwager aufgeregt. Da habe ich auch geatmet, sagt sie.
Als ich meinen Mantel anziehe, bittet sie mich um meine Adresse und bittet mich, ihre aufzuschreiben. Sie sehe nämlich fast nichts mehr, Makuladegeneration. (Wie meine Mutter.)
Wenn Sie mich in Düsseldorf besuchen, erzähle ich Ihnen alles über Joga, sagt sie.
Ihre Hände sind warm und trocken. Zugbekanntschaft. Wieder einmal. Vielleicht besuche ich sie in Echt. Eine Frau, die dir zeigt, wo’s langgehen könnte …

Veröffentlicht unter 2014

Meine Weihnacht – Trash und Tradition

Wow! WAS für ein gerocktes Weihnachtsfest! Die ganze Arbeit hat sich GELOHNT. Meine Familie! (diesmal leider nur die halbe Familie). Mein Sohn mit seiner verrückten, süßen Freundin S.: Gutes Gefühl schon, als die beiden nebenan in meinem Arbeitszimmer die Carrera-Bahn aufbauen (unverzichtbarer Bestandteil unseres Heiligabends). Dazu die Boxen aufgedreht mit coolen Christmas-Songs von: Esquirel, The Medics, Pet Shop Boys, Annie Maria Lewis, Max Rabe, Erdmöbel, Bad Religion, The Salem Travellers, Marike Jager, Lord Weatherby, The Piano Guys, BAP, The Killers u.v.a. (großartiger Sampler von M. Martiny)

Während ich noch mit der Vorspeise zugange bin (Avocadocreme, Lachs, Feldsalat, Meerrettichtoast), hocken die beiden am Klavier und klimpern leichtfüßig vierhändig vor sich hin. Sekt-Begrüßung (W. läuft noch schnell rüber, um seinen eigenen zu holen, weil er meinen angebl. nicht verträgt, außerdem bringt er den Nachtisch mit: Rote Helene). W. bewundert mein geputztes Silber. Ja, was tut man nicht alles. Bestecke, Leuchter, allüberall bling bling, extra für Weihnachten!

Hauptgang: Schwedischer Hackbraten, Ratatouille, Ofenkartoffeln. Und S. erzählt ihre Zirkus-Geschichten. Ist tatsächlich in einem Zirkus aufgewachsen (mein alter Kindheitstraum: Mit einem Zirkus gehen), und sie hat wahrlich so einiges erlebt in ihrem jungen Leben. W. und ich lachen uns schlapp, manchmal bleibt uns das Lachen auch im Hals stecken. Das Messer, das sie traf, weil sie vergessen hatte, die Stöckelschuhe auszuziehen, bevor sie in die Kiste stieg …, ist nur eine ihrer heavy Geschichten. Prügelnde, hartgesottene, grenzgängerische Verwandtschaft – „Irgendwie waren wir immer die Flodders.” Aus dem Abstand lustig, mittendrin wohl schwer zu ertragen.

Und daraus, wie ein Wunderwerk, erwächst diese bezaubernde Elfe.

Nachdem W. aus der Mitternachtsmette zurück kommt, steckt T. neue Kerzen auf. Die Tanne geht nicht ganz bis zur Decke, ist dafür aber wunderschön gewachsen und zum Behängen von über die Jahre reichlich gesammeltem Christbaumschmuck (lila, pink, honiggelb, gold und silber) geeignet.

Dann Bescherung. Die dekorativen Dosen von Mymuesli.de sind mehrfach auf dem Gabentisch vertreten. Feines Öl und Balsamico, feine Badezusätze, Feines aus Olivenholz, Kochbücher, andere Bücher, Süßes, Schmuck …

T. hat Neuigkeiten: Nächstes Jahr ist die Band wieder in Petrosawodsk mit dabei. Die zweiwöchige Deutschland-Tour hat Geld in die Kasse gespült, die S. nun verwaltet (ein Segen für die Band). Cool: Das neue T-Shirt mit fliegenden Schwalben und Bomben (von T. designed); scheint gut wegzugehen.

Gegen 1 Uhr alle satt, leicht beschwipst, voller Geschichten, beschenkt und zufrieden. T. und S. gehen noch ins Last Resort nachfeiern, W. geht nach Hause und ich telefoniere PM wach …

Veröffentlicht unter 2014

Verbale Anregung

Was mir heute begegnet ist:

– Mikropistoi (Kleingläubige)
– Die alten Kanonen schießen noch
– Woodstock am Karpfenteich
– Du willst einen mit großen Eiern
– eindimensionale Pantoffeltierchen

Veröffentlicht unter 2014

Sterbende Heros

Was ist da los? Gestern Udo Jürgens, heute Joe Cocker. Das sind Leute, die irgendwie, mehr oder weniger, zu deinem Leben gehören. Die dürfen nicht einfach weg sterben.
Cocker mit seinem irren Tanzstil, mit seiner Sandpapierstimme …
In Trauer verneige ich mich vor einem großen Künstler.

Veröffentlicht unter 2014

Eine große Geste – Zentralrat der Juden stellt sich hinter die Muslime in Deutschland

Der Zentralrat der Juden verurteilt die Pegida-Bewegung und damit jede islamfeindliche Initiative in Deutschland – und stellt sich hinter die Muslime.

Die Angst vor islamistischem Terror werde „instrumentalisiert“, um eine ganze Religion zu verunglimpfen, sagt der Zentralratsvorsitzende Josef Schuster der Welt (20.12.2014). Das sei „absolut inakzeptabel“.
Und weiter: „Hier mischen sich Neonazis, Parteien vom ganz rechten Rand und Bürger, die meinen, ihren Rassismus und Ausländerhass endlich frei ausleben zu dürfen.“

Eine große Geste! Besonders auf dem Hintergrund der jüngsten (Fehl-)Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, die Hamas von der Liste der Terrororganisationen zu streichen.

(Die Hamas bekämpft nach wie vor den Staat Israel mit terroristischen Mitteln und peilt die Gründung eines islamischen Staates an. Seit 1993 verübt sie Selbstmordattentate und andere Angriffe auf israelische Zivilisten und Soldaten.)

Veröffentlicht unter 2014

Die Causa Edarty

Sebastian Edarty guckt sich Bilder von nackten Kindern an.
Hans-Peter Friedrich ist schon über ihn gestolpert und von seinem Amt als CSU-Innenminister zurückgetreten.
SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann hat irgendwas gewusst und – nach Aussage Edartys – mit dem SPD-Parlamentatier Michael Hartmann die heikle Causa bekakelt.
Hartmann seinerseits hat schon seine eigene Affäre hinter sich: Im Juni dieses Jahres bekannte er, sich mit Crystal-Meth verbrauchte Energien zurückzuholen. Kurz: Er ist ein Junkie der allerhärtesten Kategorie.
Oppermann behauptet, sein Wissen über die Affäre für sich behalten zu haben. Doch Edarty hat gehört (direkt? über Dritte?), dass Oppermann am Rande der Bundestagssitzung am 17. Dezember 2013 zu Hartmann gesagt hat: „Falls sich Sebastian umbringt, wie positionieren wir uns gegenüber den Medien?“
Von dieser kalten und herzlosen Aussage zeigt sich Edarty entsetzt. Und wirft seinem früheren Fraktionschef menschliches Versagen vor.
Stellt sich die Frage: Wer von den Dreien ist eigentlich der Ekelhafteste? Ich will gar nicht wissen, welches Fotomaterial die übrigen Abgeordneten in einsamen Berliner Nächten konsumieren und wer von ihnen sich welche Pülverchen reinpfeift. Schon rein statistisch können Edarty, bzw. Hartmann nicht die einzigen sein. Ich will auch nicht wissen, wer von unseren Abgeordneten noch alles unmenschliche Technokratie mit Politik verwechselt wie Oppermann.
Sind Politiker ein Haufen mieser Typen?
Jedenfalls hat keiner von denen das Recht, mit Steinen zu werfen.
Überhaupt keiner – egal, wie man die Causa Edarty beurteilt – hat das Recht, über einen Selbstmord Edartys zu spekulieren wie über ein Alltags-Pech, das ein bisschen Ärger nach sich ziehen könnte.
Edarty musste im Februar sein Bundestagsmandat niederlegen.
Ich hätte nichts dagegen, wenn Oppermann, Hartmann und Konsorten es ihm gleich täten. Ich traue diesen Leuten keine verantwortungsvollen Entscheidungen zu.

Veröffentlicht unter 2014

Die Kings aus einer versunkenen Welt

Jeden Tag diese Nachrichten von einem, fünf, 140, 230 Toten, das ist bedrückend. IS tötet auf allen Kontinenten, man kann sich die Zahlen nicht mehr merken. IS – das ist eine Horde von feudalistisch organisierten Kings. Sie zeigen ihre Waffen, u.a. eine Art Astkniep, an dem noch das Blut klebt vom Fingerabschneiden. Was die Welt von IS zu sehen bekommt, sind primitive Männer, und ihr primitives Weltbild wollen sie mit aller Macht erhalten. Sie töten Kinder, weil diese in die Schule gehen. Sie verschleppen Frauen für Sex und für die Küche.
Sie können mit Autonomie und Freiheit nichts anfangen. Das ist bedrohlich für sie. Das macht sie aggressiv.

Veröffentlicht unter 2014

Opfergänge II

Wenn dein Freund mit dir in Südfrankreich unterwegs ist und ihr an einen Badesee kommt, und zwei Französinnen sind dabei, irgendwelche Freundinnen von ihm – Exfreundinnen, Nursofreundinnen? Nebenherfreundinnen? – während du definitiv seine richtige Freundin bist, und die beiden Französinnen ziehen ihre T-Shirts und BHs aus, wie sie es an französischen Stränden machen, und du willst dir deine Sachen auch gerade über den Kopf ziehn, aber dann siehst du, dass die eine der beiden Mädels einen Hängebusen hat, wie es in ihrem Alter nicht unbedingt sein sollte, und sofort lässt du dein Shirt wieder los und bindest dir auch noch umständlich dein Bikinioberteil darunter um, weil die Andere dir plötzlich saumäßig leid tut und weil sie nicht eifersüchtig auf dich werden soll, während dein Typ mit Glotzen beschäftigt ist wegen der beiden halbnackten Frauen und Brüsten, die definitiv nicht deine Brüste sind, ist das dann …

Ja, was soll das anderes sein, wenn du dich selbst dermaßen aus dem Spiel nimmst, als so eine verdrehte Nummer, als so ein Familymuster, aber du denkst, du machst es genau richtig, weil du ja mal wieder so rücksichtsvoll bist, und das ist das Schlimmste daran, diese Rücksicht. Dieser Schongang.
Statt einfach mal – ja!

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Eines Tages zeigte M. mir diesen Badesee in Südfrankreich. Mit dabei waren zwei Französinnen, Freundinnen von ihm, die ich nicht kannte.
Exfreundinnen? Nursofreundinnen? Nebenherfreundinnen? Jetztwiederfreundinnen?
Ich jedenfalls war damals definitiv seine richtige Freundin.
Die Französinnen entledigten sich sofort ihrer T-Shirts und BHs, wie das in Frankreich an den Stränden so üblich ist. Von Nordseekindheit an FKK- sozialisiert, griff auch ich schon nach dem Saum meines Shirts, um es mir über den Kopf zu ziehen, als ich bemerkte, dass eine der Französinnen einen altersuntypischen Hängebusen hatte. Der Anblick löste einen Schwall von Mitgefühl bei mir aus. Was mich selbst überraschte. Das Mitgefühl war vollkommen unangebracht. (Vielleicht erinnere ich mich nur deshalb daran.)
Nicht nur, dass ich es sogleich wieder losließ, ich begann auch noch etwas umständlich, mir unter dem Shirt mein Bikinioberteil umzubinden.
Derweil M. mit Glotzen auf zwei blanke Busen beschäftigt war, von denen definitiv keiner mir gehörte.

Sogar in Gestalt von Konkurrenz muss die Mutter geschont werden. (Dr. K.)

Veröffentlicht unter 2014