Fieber und Arbeit

Die Grippe, die erst PM und dann mich seit den Weihnachtsfeiertagen im Griff hat, bevor sie sich jetzt auch mal wieder verpissen könnte (PM: „3 Tage kommt sie, 3 Tage bleibt sie, 3 Tage geht sie!“) führt dazu, dass ich mich zu lahm fühle, um irgendwas Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Vielleicht war es wieder mal zu viel. Aber es war das, was ich wollte. Wenn dann alle weg sind und das Fest vorbei, ist die Stille kaum zu ertragen. Und dann merkt man plötzlich: Oh, ich werde krank. Dabei wartet so viel Arbeit. Wenigstens habe ich mich, seit wir in B.N. sind, auf meinen nächsten Interviewpartner vorbereitet, und das ist doch jedesmal wieder eine spannende Angelegenheit.

Je mehr ich weiß, desto neugieriger werde ich auf eine mir bis dahin nur schablonenhaft bekannte Person. Nicht nur, dass die gesammelten Informationen mich ihr näher bringen, sie machen mich auch betroffen, indem sie mich für die Leistung eines Menschen sensibilisieren, auf der dessen Bekanntheitsgrad gründet. Ich gewinne Respekt davor. Respekt auch vor der Konsequenz und der nicht zu hinterfragenden Priorität im Lebenszusammenhang der jeweiligen Person. Je intensiver ich mich mit ihr beschäftige, umso deutlicher erkenne ich das Muster, die Antriebskraft, die dahinter steht.

Sie alle sind Ausnahmemenschen, die ihr Leben nicht verplempern. Mich beeindrucken die Zuversicht und der unbedingte Wille, etwas aus ihrer Energie, ihrem Talent, ihrer Kreativität, aus ihrer Traurigkeit und Verletztheit zu machen. Die allgemein menschlichen Antriebsursachen eben, aber nur wenige scheinen es zu schaffen, sie so gezielt zu nutzen, beziehungsweise umzuwandeln in ein Stück Kulturgut. Was man dann in der Öffentlichkeit von diesen Persönlichkeiten wahrnimmt, ist im besten Fall ja nur das Umwandlungsresultat, sozusagen das Produkt. Der lange Weg dahin, die Pflastersteine, die den Weg erst ausmachen, interessieren niemanden (und das ist auch gut so, denke ich).

Die Aneignung bewirkt Zuneigung. So war es bisher immer. Ich spüre das Bedürfnis, die Person zu mögen. Sonst würde das Interview auch nicht funktionieren.

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Traum und Trash

Mittwoch, B.N. Kann nicht glauben, was ich gerade für einen Scheißfilm angeschaut habe – Splice – ein Genexperiment mit Adrien Brody … handelt von einem heimlich durch ein Forscherehepaar erschaffenen Wesen aus teils tierischem Erbgut, teils menschlicher DNA, das von der Forscherin selbst stammt. Erst verführt das Wesen den Forscher, dann, nachdem es eigentlich tot ist, ersteht es als Mann wieder auf und vergewaltigt die Forscherin, die ja eigentlich sowas wie ihre Mutter ist, und tötet den Forscher. Am Ende scheint es, hat das Wesen die Forscherin geschwängert, denn als sie sich vom Schreibtisch erhebt, sieht man ihren dicken Bauch. So ein trashiger Schwachsinn, aber irgendwie auch faszinierend … das Wesen so wunderschön …

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Heute

28. Dezember – heute vor drei Jahren ist PM vom Himmel gefallen und hat direkt an meiner Wohnungstür geklingelt, als er sich – ach nee, das bleibt geheim. Ja, und wenn ich jetzt so darüber nachdenken will, was sich seitdem verändert hat, könnte ich es nicht aufzählen, weil ich es gar nicht mehr alles wüsste. ICH jedenfalls hab mich verändert, und auch sonst noch so vieles, weshalb ich heute von Kopf bis Fuß genau das angezogen habe, was ich damals anhatte, ist immer noch okay und farblich ganz witzig, darüber kann ich mich nur wundern, denn mir war nicht witzig zumute heute vor drei Jahren, eher komplett unwitzig sogar und ziemlich depri, die stummen, stummen Tage zwischen sterbendem und beginnendem Jahr, und da kam er die Treppe rauf und hatte diese schnellen Schritte, die mich neugierig machten, sodass ich gleich raus kam, und dann sein Blick nach oben, und kein Feuerwerkskörper ging hoch, das finde ich bis heute unbegreiflich, weil es sich in mir drin genauso angefühlt hat, als würde ein Feuerwerkskörper hochgehen, nach außen natürlich lautlos, und was soll ich noch weiter sagen –

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Vom selben Verein

Montag, B.N. Was habe ich eigentlich gegen diese Bilanzfotos, die manche Menschen alljährlich im ganz großen Stil zu Weihnachten oder Neujahr verschicken?

Sie berühren mich so unangenehm, dass ich sie meistens sofort wegwerfe.

Üblicherweise werden vielköpfige Familien darauf vorgeführt, versammelt um den letztjährigen Weihnachtsbaum oder auch mal im sommerlichen Garten. Was soll das sein? Familienaufstellung à la Hellinger? Gruppenbild mit Entscheidungsträgern?

Vor mir liegt ein brandaktuelles Bilanzfoto von einem Baby in albernem, rotem Weihnachtsmannkostüm. Letztes Jahr, daran erinnere ich mich, trug die gesamte, drei Generationen umfassende Herkunftsfamilie alberne, rote Weihnachtsmannkostüme. Sie scheinen weder Kosten noch Mühen zu scheuen. Nur die Botschaft zählt. Auf dem Gartenfoto dagegen heben alle die rechte Hand zum Gruße. In abgeknickter Armhaltung, um Missverständnissen vorzubeugen. Die Gesichter über den Winkehänden spiegeln engagierte Zuversicht. Im Klartext: Ungefähr zwanzig Leute strecken mir ihre rechten Hand entgegen, von denen ich, wenn ich genau hinschaue, gerade mal drei kenne: Meine ehemalige Schulfreundin, ihren Ehegatten und ihre älteste Tochter. Aus der einen sind im Laufe der Jahre drei geworden, und diese drei haben offensichtlich alle inzwischen Partner gefunden: Junge, aufstrebende Männer in Businesshemden und mit dicken Nerdbrillen hocken im Garten ihrer Schwiegereltern und winken auf Kommando los. Der eine Weiße-Hemd-Träger stemmt ein Kind in die Luft wie eine Siegestrophäe:

Welt, sieh her, wir haben es geschafft! Wieder einmal! Gemeinsam sind wir –

Warum tun die das? Warum sitzen die da wie eine eingeschworene Gemeinschaft, und warum denken die schon im Sommer an das im Winter fällige Bilanzfoto? Der Ehegatte meiner ehemaligen Schulfreundin wollte sie in einem unglücklichen Lebensabschnitt finanziell ruinieren. Dafür hatte er den schärfsten Hund unter den Fachanwälten seines Vertrauens beauftragt. Der ist nach wie vor ein Freund der Familie, und seit die Krise vorbei ist, setzt meine ehemalige Schulfreundin ihm ein bis zweimal pro Jahr Speise und Trank vor und übt sich in der Kunst des Smalltalks. Dass ihre Töchter oft wochenlang nicht mit ihr reden, dass einer der Schwiegersöhne arbeitslos ist, dass sie selbst mit den Abgründen ihrer familiären Vergangenheit nicht klarkommt und darüber schon mehrere Therapeuten verschlissen hat, – all das, all diese ganz menschlichen, alltäglichen Sorgen, die jeder kennt, lässt das Bilanzfoto aus.

Und die Weihnachtsmann-Family – ach, egal. Viel mehr interessiert mich meine eigene Reaktion darauf. Bin ich etwa neidisch? Und wenn ja, warum? Auch ich habe mit meinen Lieben zusammen Weihnachten gefeiert. Dieses Jahr, letztes Jahr, Jahr für Jahr. Aber, verdammte Scheiße!, auch diesmal hab ich kein Beweisfoto geschossen. Hab einfach nicht dran gedacht. War zu beschäftigt, Weihnachten zu dem zu machen, was es war und was es immer ist: Essen, gemeinsam Musizieren, Geschenke auspacken, sich alles mögliche erzählen … Nur die Weihnachtsmannkostüme, die machen mich fertig – dieses Hallo, wir sind alle vom selben Verein ist wirklich absolut nicht mein Ding.

Und wir sind ja auch nicht alle vom selben Verein. Eine Patchworkfamilie ist zwei Vereine. Patchworkfamilie bedeutet, im Leben aller beteiligten Personen hat mindestens schon mal eine Katastrophe stattgefunden. Wir versuchen unser Bestes. Mehr geht nicht.

Steigerung der Bilanzfotos sind Bilanz-Jahresrundbriefe. Muss ich erwähnen, dass es sich auch hierbei ausschließlich um Erfolgsbilanzen handelt? Jahresrundbriefe verbitte ich mir inzwischen strikt. Ich weiß zu gut Bescheid. Auch meine Eltern pflegten eine Zeitlang diesen Brauch, und ich war eine zwar kindliche, nichtsdestotrotz staunende Zeugin, wie easy sich Katastrophen in Heldentaten ummünzen ließen. Jahresrundbriefe verabscheute ich von derselben Sekunde an.

Von keinen Heldentaten, von keinen Kindern und von einer Ehe, die nicht so ganz in der Spur läuft, berichtet, ganz anders, eine anderen Freundin: Ihr Mann ist Alkoholiker. Aus der gemeinsamen Wohnung ist sie ausgezogen. Jeden Abend, wenn sie von der Arbeit kommt, geht sie bei ihm vorbei, kocht etwas, und dann essen sie zusammen. Danach geht sie nach Hause. Sie ist Gynäkologin und hat eine gut gehende Praxis im Ruhrgebiet. Sie besitzt eine schöne Wohnung, sammelt Schmuck und Kunstwerke. Davon erzählt sie nur auf Nachfrage. Sie ist keine Angeberin. Sie stellt nichts zur Schau, obwohl auch bei ihr einiges gut läuft, weshalb sie sich ganz objektiv nicht hinter der Weihnachtsmann-Familiy verstecken müsste.

Doch schon dieser Gedanke wäre ihr fremd. Sie ist keine, die sich dem neidvollen Vergleich aussetzt. Ich glaube, dazu ist sie zu klug.

Offene Wünsche, Enttäuschungen, Pleiten, Pech und Pannen – ihr erzähle ich davon. Die Bilanzfotos dagegen landen unbeantwortet im Papierkorb. Sie laden mich zu nichts ein. Sie sind Bilder, die im Brecht’schen Sinn nicht produktiv werden. Sie schlagen mir die Tür vor der Nase zu. Sie sind so uninteressant und langweilig, weil sie nichts erzählen. Sie wollen nur etwas von mir. Sie wollen, dass ich ihnen glaube. Und letztlich wollen sie meine Bewunderung.

Bilanzfotos sind keine Schnappschüsse, sondern Inszenierungen. Vielleicht zeigen sie nur gewünschte Lebensentwürfe. Vielleicht möchten die darauf abgebildeten Personen genau so wahrgenommen werden, indem sie die Verallgemeinbarkeit einer ganz besonderen Situation suggerieren und für sich in Anspruch nehmen.

Ich glaube nicht, dass ich neidisch bin. Vielleicht ein bisschen traurig. Bilanzfotos, in ihrer – gewollten – Einseitigkeit, heben die eigenen biographischen Brüche deutlicher hervor. Aber jede Biographie hat Brüche, und jedes Jahr hat hin und wieder seine Ein-Brüche. Misserfolge, Rückschläge, Scherben, die nicht mehr zu kitten sind. Sie gehören zum Bild dazu. Ich bitte da um mehr Ehrlichkeit. Dann, und nur dann, könnte ich mich vielleicht doch mal zu einer Antwort aufraffen.

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Frohe Weihnachten

An diesem für mich wichtigsten Tag im Jahr wünsche ich allen, die ich kenne und die mich kennen oder meine Beiträge lesen und daran teilnehmen, ein frohes Fest, ein offenes Herz und einen offenen Geist. Und wohlwollende Gedanken für die Mitmenschen. Ich mach dann mal weiter mit dem Baum … Die Frage, ob Lametta oder nicht, wurde gerade mehrheitlich positiv entschieden.

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Gute Nacht

Umfängliches Abendessen zu siebt. T.’s neue Freundin J. ist auch dabei, spontane Sympathie zw ihr und – allen.

Steve kann leider nur solange bleiben, bis sein Zug fährt. Er geht über die Feiertage zu s. Eltern nach Oberhausen, wo gestern ein Fast-Anschlag durch die Polizei vereitelt worden ist. Es rückt immer näher, sagt Steve. Lange gequascht. Schöne Atmosphäre. Trotz bedrückender Nachrichten: Der tunesische Attentäter von Berlin ist in Mailand bei einer zufälligen Ausweiskontrolle erschossen worden. Ich sehe im Internet ein Bild von seiner Mutter: Eine einfache Kopftuchfrau, die im Eingang eines weißen Flachdachhäuschens steht und die Welt nicht mehr versteht. Wie geht es ihr wohl damit, dass Fotografen und Journalisten zu ihr da raus kommen, um ihr mitzuteilen, dass ihr Sohn gerade von italienischen Polizisten abgeknallt worden ist? Und dass alle Welt darüber froh ist?

Ich bin auch froh. Darüber, dass sie alle hier bei mir um den Tisch sitzen, Grünkernklösschen, Karotten und Apfelkompott futtern und sich zu Hause fühlen.

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Das Wichtigste

Freitag, sehr früh morgens. Die ersten sind schon da, L., B. und Klein-L. Sie schlafen unten, im Zimmer von Karina. Jetzt, um zwei Uhr morgens, ist alles still. Karina hat einen neuen Freund. Verreist ist sie aber mit dem alten. Das ist meine Mitbewohnerin Karina. Die unkompliziert ihr Zimmer zur Verfügung stellt. Der Tag war so aufgeregt, so anstrengend. Überhaupt die letzten Tage, Wochen. Ich hocke auf meinem Stuhl und bin so müde, dass sich meine Gedanken verfizzeln. Sodass es mit dem Einschlaf-Sudoku nichts mehr wird. Der Morgen hat mit Handwerkern begonnen, noch bevor ich zur Arbeit gegangen bin. Steve har die Sache übernommen. Guter Steve. Sicherungskasten defekt, Kein Licht unten. Aber jetzt wieder. Danke, guter Handwerker. In solchen Momenten wird mir bewusst, dass ich alleine bin. Oder mich allein fühle. In solchen Momenten habe ich keine Lust, dankbar zu sein. Arbeiten, einkaufen, einkaufen arbeiten. Frohe Weihnachten, liebe Kolleginnen und Kollegen, den Umtrunk spare ich mir diesmal. Wie oft hab ich jetzt schon gedacht, endlich fertig! Nie fertig. Äpfel schnippeln. Apfelkompott. Betten beziehen für Große und Kleine. Es fehlen Decken und Kissen. Runter in den Keller. Schnelle Wäsche. Telefonieren. Schnell zum Bahnhof flitzen, das Ticket nach Berlin kaufen. Noch mehr einkaufen. Noch mehr Schnippeln. Blogeintrag schreiben. Kochen. Das Filet einlegen. Diverse Leibspeisen für Vegetarier, für Veganer, für Fleischfresser. Alle werden satt. Alle drei sind erschöpft. Meine lieben Lieben. Stieren nach draußen in die Dunkelheit über der Stadt und denken sich ihren Teil. Alle wollen alles richtig machen. Und darüber vergisst man manchmal das Wichtigste. Brot zum Beispiel. Die Vorratsschränke quellen über. Aber das Brotfach ist leer.

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Wir ALLE

OMG! Warum kann man Meinungen nicht friedlich austauschen, ohne gleich vor Aufregung zu kollabieren, wenn jemand anderes eine andere Meinung hat? Mich interessiert dieses Gezänk nicht. Mich interessieren politische Lösungen. Da muss es schon erlaubt sein, dass die Vielfalt auf den Tisch kommt. Ohne Totschlagargumente, ohne bösartige Unterstellungen. Nicht nur, weil bald Weihnachten ist: Ich glaube, wir alle, ja WIR ALLE, sind sehr bestürzt über das, was in Berlin geschehen ist, wir alle haben mehr oder weniger mit Berlin und Menschen aus Berlin zu tun. Wir alle haben Angst um unsere Kinder, Angehörigen, um uns selbst. Und wir alle wünschen uns eine Welt ohne durchgeknallte selbsternannte Heros, egal, ob sie jetzt aus Tunesien oder Deutschland oder Takkatukka-Land kommen.

Veröffentlicht unter 2016