„Der Trashfilm, den man gewöhnlich Wirklichkeit nennt“

Lese gerade aus Recherchegründen die Doppelbiografie Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen von Gisela Getty, Jutta Winkelmann und Jamal Tuscheck (Weissbooks.w). Selten hat mich ein Buch so angefasst. Inhaltlich überraschend, schonungslos, ärgerlich, faszinierend, tragisch, grenzgängerisch und manchmal urkomisch in einem Atemzug. Sprachlich reduziert, assoziativ, sprunghaft, schillernd – und niemals banal. Es gibt nicht seinesgleichen.

Die Kritik von Matthias Matussek im Spiegel / 2008 trifft m.E. den Nagel auf den Kopf (unabhängig von dem, was er gerade über die AfD sagt).

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Über das Vorurteil

„Sie täuschen sich, wenn Sie annehmen, dass überhaupt etwas durch Vernunft erreicht werden könnte. In den vergangenen Jahren habe ich das selbst geglaubt und fuhr fort, gegen die ungeheuerliche Niedertracht des Antisemitismus zu protestieren. Aber es ist nutzlos, völlig nutzlos. Was ich oder irgend jemand anderes Ihnen sagen könnten, sind in letzter Linie Argumente, logische und ethische Argumente, auf die kein Antisemit hören wird. Sie hören nur ihren eigenen Hass und Neid, ihre eigenen niedrigsten Instinkte. Alles andere zählt für sie nicht. Sie sind taub für Vernunft, Recht und Moral. Man kann sie nicht beeinflussen … Es ist eine fürchterliche Epidemie, wie die Cholera – man kann sie weder erklären noch heilen. Man muss geduldig warten, bis das Gift sich selbst aufgezehrt und seine Virulenz verloren hat.“ (Theodor Mommsen, zitiert nach Max Horkheimes Essay „Über das Vorurteil“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Mai 1961)

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Tatmotiv Habgier

Die Ermittler brauchten genau 10 Tage. Wie sich heute Morgen herausstellte, kommt der BVB-Attentäter ausgerechnet aus Tübingen – ich werd nicht mehr!

Der 28-jährige Sergej W., der am 11. April einen Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus verübt hatte, ist als Elektrotechniker in einem Tübinger Heizwerk beschäftigt. Wider allen Vermutungen handelt es sich nicht um eine politische Tat, sondern um einen Anschlag schlicht aus Habgier: Der Deutsch-Russe hat auf fallende Kurse der BVB-Aktie spekuliert:

Bevor er am 11. April den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund versuchte in die Luft zu  sprengen, hatte er im großen Stil BVB-Aktien & 15.000 Optionsscheine gekauft. Eigens dafür hatte er einen Verbraucherkredit (!) von 40.000 Euro aufgenommen.

Am 9. April mietete er sich direkt im Dortmunder Mannschaftshotel ein. Von dort aus wickelte er online sein Börsengeschäft ab. Vor allem aber konnte er von dort aus bequem die drei Bomben am Tatort anbringen: in einer Hecke gegenüber des Hotels, um sie per Funk, sozusagen vom Fenster aus, zu zünden. Dies geschah genau in dem Moment, als der BVB-Bus vom Hotel zum Champions League-Hinspiel gegen den AS Monaco losfuhr.

Bei der Buchung hatte er ein Zimmer mit freiem Blick auf die Straße gefordert. Der mörderschlaue Elektrobastler muss also auch sofort geschnallt haben, dass seine Rechnung nicht aufgegangen ist: Wäre die Bombe richtig angebracht gewesen – und nicht einen Meter zu hoch – und wäre sie planmäßig detoniert und wäre dabei das gesamte BVB-Team schwer verletzt oder gar draufgegangen und wäre infolgedessen die BVB-Aktie dramatisch abgestürzt, dann hätte Sergej W. einen TausendeMillionenAbermillionen-Gewinn machen können – die Höhe des Gewinns hängt von der Höhe des Kursverlustes ab (s. Put-Optionen).

Für den Tübinger offenbar ein Grund, mal eben den Tod von zwanzig Leuten in Kauf zu nehmen.

Das ganze Ding hat also nichts mit Rechts-, Links- oder IS-Terrorismus zu tun, sondern es geht um Wirtschaftskriminalität. Marktmanipulation durch Mord – eine neue Verbindung, die nur wegen der terroristischen Börsengesetze denkbar wird. Das Aktiengeschäft kennt keine Grenzen – Terror oeconomicus! Dass da Lücken im Geldverschiebungssystem entdeckt und von irgendwelchen skrupellosen Hirnis in kriminelle Handlungen umgemünzt werden, ist offenbar eine Sache der Zeit gewesen.

Nebenbei: Warum ist ein Fußballverein überhaupt eine Aktiengesellschaft? Das Kapital sind die Spieler. Die Opfer des Attentats auch. Ich als Fußball-Laiin stelle mir vor, dass es sich mit diesem Bewusstsein für die börsennotierte Mannschaft seit dem 11. April nicht mehr so ganz unbeschwert leben lässt.

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Arbeiten und Feiertage

Dienstag. Wieder ein Text fertig. Gutes Gefühl. Vier konkrete Termine & Begegnungen in den nächsten drei Monaten: Berlin – Bonn – Tübingen – München.  Bin voller guter Erwartungen und schon sehr, sehr gespannt.

Über die Feiertage Besuch von J. und A. Nach dem Essen beim neuen Italiener direkt in PM’s Straße zielführende und anregende Diskussion über gemeinsames Wohnprojekt bis morgens um zwei. Viel Verbindendes, Akzeptanz, Freundschaft…

Besuch bei M. und U. Auch sie äußern Interesse am Zusammenwohnen mit uns und anderen, allerdings erst in ein paar Jahren … M. hat schon Ideen … die noch im Entstehen sind … hallihallo, Möglichkeiten, Projekte – das ist das LEBEN.

Vision oder Realität? Egal. Ohne Vision keine Aktion!

Was will ich selber? (außer Bücher schreiben…)

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Erdowahns Referendum

Ostermontag. 63 % der in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken haben dafür gestimmt, dass die demokratischen Rechte, die sie hier genießen, in ihrer Heimat abgeschafft werden. Man kann dem Sultan zur Auferstehung gratulieren. Und jetzt in die Hände gespuckt und Todesstrafe eingeführt! Eine der ersten eigenmächtigen Verfassungsänderungen durch das neo-autokratische Präsidialsystem…

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Goebbels und Görings Große Lüge – aktuelle Anwendung included

Paul Joseph Goebbels: „Die brillanteste Propagandatechnik wird keinen Erfolg hervorbringen, wenn nicht ein grundlegendes Prinzip fortwährend im Kopf mitgetragen wird – es muss sich auf wenige Punkte beschränken und immer und immer wiederholt werden.“[4]

„Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben. Man kann die Lüge so lange behaupten, wie es dem Staat gelingt, die Menschen von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Konsequenzen der Lüge abzuschirmen. Deshalb ist es von lebenswichtiger Bedeutung für den Staat, seine gesamte Macht für die Unterdrückung abweichender Meinungen einzusetzen. Die Wahrheit ist der Todfeind der Lüge, und daher ist die Wahrheit der größte Feind des Staates.“[5]

*

Der genaue Zeitpunkt dieser Zitate von Joseph Goebbels ist unbekannt. Goebbels war einer von Hitlers nächsten Verbündeten; er wurde 1933 von Hitler zum „Minister für Volksaufklärung und Propaganda“ ernannt. Diesen Posten hatte er bis 1945 inne.
Goebbels unterstützte stark den Völkermord an dem jüdischen Volk, als die Führung der Nationalsozialisten die „Endlösung in der Judenfrage“ entwickelte – jenem schreckliche Euphemismus für die letztliche Vernichtung aller jüdischen Menschen.

Quelle: 

4] Siehe http://thinkexist.com/quotation/the_most_brilliant_propagandist_technique_will/162045.html.
[5] Siehe http://thinkexist.com/quotation/-if_you_tell_a_lie_big_enough_and_keep_repeating/345877.html.

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Göring: „Nun, natürlich, das Volk will keinen Krieg. Warum sollte auch irgendein armer Landarbeiter im Krieg sein Leben aufs Spiel setzen wollen, wenn das Beste ist, was er dabei herausholen kann, daß er mit heilen Knochen zurückkommt? Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg; weder in Rußland, noch in England, noch in Amerika, und ebenso wenig in Deutschland. Das ist klar. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. (…)“

Gilbert: „Es gibt eine Unterschied. In einer Demokratie hat das Volk etwas zu der Sache zu sagen, durch ihre gewählten Repräsentanten, und in den Vereinigten Staaten kann nur der Kongress Kriege erklären.“

Göring: „Oh, das ist ja gut und schön. Aber das Volk kann mit oder ohne Stimmrecht immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.[6]

*

Gustave Mark Gilbert, der Gefängnispsychologe für die deutschen Gefangenen während der Nürnberger Prozesse war, gibt in seinem Nürnberger Tagebuch einen Blick auf Görings Neigung, die Grosse Lüge zu erzählen, um die Bürger/innen so zu manipulieren, dass sie in den Krieg ziehen.
Gilbert, ein jüdischer Amerikaner, der fliessend Deutsch sprach, wurde während dieser Gerichtsverhandlungen der Vertraute von vielen Männern der Nazi-Führerschaft, indem er sich mit ihnen in ihren Zellen, dem Essensraum und anderen informellen Orten unterhielt.
Gilbert beobachtete auch sorgfältig das Verhalten der Angeklagten während der Verhandlungen. Minutiös schrieb er seine Beobachtungen in sein Tagebuch, das zur Grundlage seines Buches wurde.
Das o.g., sehr bekannte Zitat von Hermann Göring stammt von einem seiner Interviews mit Gilbert. Göring spricht hier offen über Lügen und die Manipulation und vielleicht davon, ein Schema eines Angriffs unter falscher Flagge zu nutzen, um Menschen davon zu überzeugen, dass sie angegriffen werden, so dass sie den Kriegseintritt hinnehmen. 

Quelle: Gustave Mark Gilbert, Nuremberg Diary, Da Capo Press, 1st edition 1995; originally published in New York; Farrar, Straus, 1947, S. 278 – 279.  Deutsch: G.M. Gilbert, „Nürnberger Tagebuch“, Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1962, S. 270: „Hermann Göring, 18. April 1946, Nürnberg, abends in seiner Zelle, achselzuckend“.

 

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Wo ist Palästina?

Kürzlich in einer „Länder-Menschen-Abenteuer“-Folge über Jerusalem (Doku-Reihe vom SWR seit 25 Jahren): Das Wort Israel tauchte kaum auf. Statt dessen: Palästina! Jerusalem liegt also in Palästina. Das ist der verbale Antisemitismus, an den wir uns schon wieder schleichend gewöhnen.

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Nationa non grata

Unglaublich, die Amis. Sagte gestern Trumps Sprecher Sean Spicer in Bezug auf Assad, nicht mal Hitler habe sich so bestialisch verhalten, dass er Giftgas einsetzte!

Nun, dass die Amis nicht geschichtsfest sind, weiß man. Aber einfach mal (wieder) Hunderttausende Tonnen Napalm und Agent Orange, breitflächig auf Korea, Vietnam und Laos verstreut, zu ignorieren, ist das, was die unerträglichen Amis eben so unerträglich macht. Diese Hybris und diese Selbstgerechtigkeit – und wer die Grenze überschritten hat zur Atombombe, ist moralisch sowieso nationa non grata ….

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Flashback

Frau Drrrreiecker nannte mich meine sozial auffällige Vermieterin in Lustnau, was ein Teilort von Tübingen ist. Sie hatte mehrere Sprachfehler, von denen einer das rollende R war. Sowohl die erste als auch die zweite Hälfte meines Namens überstanden den Weg in ihr Gehirn nur lädiert bis zur Fastunkenntlichkeit, um sich dort für alle Zeiten falsch einzunisten. Die ersten Tage in meinem neuen Heim dachte ich, sie mache nur Scheiß und verfüge über einen besonders skurrilen Humor. Sie durchschnüffelte meine Post und kommentierte sie wortreich, aber unverständlich – Sprachfehler plus Brutalstschwäbisch. Sie behauptete, meine Post nicht anzurühren (was ein wenig unlogisch war). Sie stieg mir bis in mein Zimmer hinterher, wenn sie am Reden war und kein Ende fand. Da blieb sie dann stehen, sogar wenn ich schon mal anfing mich auszuziehen. Sie hängte geräucherte Würste in meinem Flur auf, wenn ich nicht da war, für schlechte Zeiten oder für die Ewigkeit. Sie schnaufte und schwitzte. Sie keifte für ihr Leben gerne mit ihren Untermietern. Sie trug Nylonkittel mit halbem Arm und Blumendruck wie diese Hausfrauen auf Witzseiten. Sie war eine, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Solche Frauen gab es in Märchenbüchern oder lahmen Omageschichten von vor dem Krieg, aber doch nicht in echt? Sie nannte mich kleptoman, weil ich von der falschen Klorolle abgerollt hatte – insgesamt gar es vier an der schiefen Wand! Woher wusste sie das? Und – noch erstaunlicher – woher hatte sie diese Vokabel? Ich musste lachen, als sie sie mir von oben durchs Küchenfenster entgegen schrie. So unpassend schoss es aus ihrem schwäbischen Schandmaul, dieses wissenschaftlich reine Wort, dass es mir auf einmal als etwas Schönes vorkam. Weil ich lachte mitten auf der Dorfstraße von Lustnau, wollte sie mir kündigen, was nicht ging, jedenfalls nicht so schnell. Ich ging dann selber, ließ diesen merkwürdigen Ort mit dem merkwürdigen alten Eckhaus mit der merkwürdigen Frau hinter mir, wie man eine schwierige Matheaufgabe nach zwei, drei Versuchen bleiben lässt, weil sie einen weniger überfordert, als vielmehr unterirdisch wenig interessiert.

Ich war zwanzig, ich kam aus dem Ruhrpott, ich war auf Rock ’n‘ Roll eingestellt und auf die Weltrevolution, was sollte ich am Arsch der Welt?

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