Julian Assange – immer noch nicht frei

Die schwedische Staatsanwaltschaft hat mitgeteilt, sie werde die Ermittlungen zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen WikiLeaks-Gründer Julian Assange einstellen.
Seit 2012 lebt er in der ecuadorianischen Botschaft in London.
Von dort sagte Assange heute:
„Detained for 7 years without charge by while my children grew up and my name was slandered. I do not forgive or forget.“
(London, 15:04 – 19 May 2017)

Hat das mit der Vergewaltigung irgendwer je geglaubt?

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Lutherjahr

Mein wahrscheinlich einziger Beitrag zum Lutherjahr 2017 (auf FB):

Vielen Dank für Deine ausführliche Antwort, die ich – ich oute mich an der Stelle – als ev. Theologin sehr zu schätzen weiß und zum größten Teil nur bestätigen kann. Sie enthält allerdings einen Widerspruch in sich: Indem Du rein theologisch argumentierst, bestätigst Du ja geradezu, dass es Luther ausschließlich um Religion ging. Er war kein Rassist. Und das halte ich absolut nicht für eine Spitzfindigkeit. Ich komme selber aus einer mütterlicherseits jüd. Familie. Was das heißt, Verwandte in Ausschwitz verloren zu haben, wie sich das auch noch auf die Folgegenerationen auswirkt, wissen wahrscheinlich nur Betroffene. Weil mir diese Verfolgungs-Geschichten sozusagen in die Wiege gelegt wurden, reagiere ich sehr empfindlich auf rassistische Animositäten, egal gegen wen sie sich richten. Es greift das Selbstwertgefühl ganz anders und viel grundsätzlicher an, aus rassist. Gründen abgelehnt zu werden – also weil ich Vorfahren habe, die irgendwann mal aus dem Orient eingewandert sind -, als aus religiösen Gründen. Das ist meine Erfahrung, gegen die kann auch niemand an argumentieren. Luther hat die Juden zum Schluss gehasst, da gebe ich Dir recht, weil sie auf seine Bemühungen und auf seine exquisite Argumentation nicht eingestiegen sind. Dass Luther hier grausam irrte, weiß ich, weiß jeder. Aber, wie gesagt, Rassist war er nicht, und dass er von den Nazis als Argumentationshilfe beerbt / missbraucht wurde, dafür kann er nichts.

Wie gesagt, es gibt Themen, die dann irgendwann ausdiskutiert und dennoch kontrovers betrachtet sind. Ich schätze Luther als handfesten Theologen und Praktiker, der die Dinge in aller Deutlichkeit anspricht und Stellung bezieht gegen Kirche und Staat. Ist heute nicht mehr so üblich. Insofern trifft Apologetik vielleicht zu, ich würde es Parteilichkeit nennen … Ich mag ihn. Ich mag Luther und das Judentum. So, nun isses raus …

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Mein Leben ohne mich

Man sagt ja immer, Bücher suchen sich ihre Leser. Mich hat eins gesucht und gefunden. Genau das richtige für meinen derzeitigen Reflexions- und Bewusstseinsstand, was das Thema Tod angeht, mit dem ich mich wg. des Buchprojektes seit Jahren intensiv beschäftige:

Jutta Winkelmann: MEIN LEBEN OHNE MICH.

Ein Text von knapp 130 Seiten, der mir von der Mache her gefällt – nicht gefällig, sondern ganz im Gegenteil sperrig, aus sehr speziellen Erfahrungen erwachsen, niemals plattitüdenhaft. Ganz anders als alles andere, was sich in den Medizin- und Psychoabteilungen der Buchhandlungen zu der Thematik so finden lässt.

Der Tod ist nicht zu akzeptieren. Jede kleinste Besserung, und sei sie nur für Stunden, wird von Winkelmann als Befreiung erlebt und überschwemmt die Sterbende mit neu erwachender Hoffnung. Eine Beobachtung, die ich auch bei meinem Vater machen konnte, als er wenige Tage vor seinem Tod mit der Physiotherapeutin eine behutsame Übung machte: Er sollte ein Bein anheben, danach das andere – und es klappte! Ich saß etwas abseits auf einem Stuhl, tat als ob ich lese und konnte den Blick nicht von dem Szenario abwenden. Den Stolz im Gesicht meines Vaters werde ich nie vergessen. Der Anblick bzw. die Erinnerung daran treibt mir jedesmal wieder die Tränen in die Augen.

Niemand will sterben. Dieses verdammte, wilde, schöne Leben, nichts für Feiglinge. Loslassen, raten ihr die Anderen. Die noch mitten im Leben stehen und nichts loslassen müssen. Aber wo, in Gottes Namen, kann ich mich festhalten? Nirgendwo. Ich beiße ins Kissen und schimpfe auf Gott.

Zwei Drittel des Sterbebuches von Winkelmann sind Comics im Stil der Graphic Novel. Das halte ich für eine wunderbare Idee, obwohl ich sonst mit Comics nichts am Hut habe. Winkelmann war schon todkrank, als sie das Buch schrieb. Ihr Leben war zeitlich, aber auch räumlich begrenzt: Ein Krankenhauszimmer seit vielen Wochen, manchmal Ausflüge in ihre Wohnung zurück, kleine Spaziergänge im Krankenhauspark, Operationen und immerzu peinvolle Untersuchungen mit noch peinvolleren Bad News, die es zu verkraften galt, erstaunlicherweise auch noch zwei Reisen mit FreundInnen nach Indien und Sardinien. Auf die Weise entstand ein Pool von Tausenden von Fotos: Freunde, die sie besuchen, die letzten Reisen, letzte Erfahrungen auf dem Weg der Selbsterfahrung, die technisierten Abläufe in der Klinik, der Tropf an ihrem dürren Arm, überhaupt ihr verfallender Körper immer wieder, ihre Kinder, der Arzt, der sich neben sie ins Bett legt, um mit ihr zu plaudern.

Schlimmer geht immer, ist ihr Leitspruch, wenn die Schmerzen sie wieder mal an die Grenze des Erträglichen führen.

Sie hatte Zeit. Sie begann, mit Fotoshop zu experimentieren und die Fotos in gezeichnete Bilder zu verwandeln. Sie fügte Sprechblasen ein: Was die Freunde, die Verwandten alles so von sich geben, die vielen Worte, sinnlos und doch aufgefangen von ihr als hoffnungssüchtige Empfängerin, während die schreckliche Krankenhausmaschinerie durch ihren Sterbealltag stampft.

Kein Happy End, weder im Text, noch im Comic. Unversöhnt mit dem Abschied, die große Weisheit lässt noch auf sich warten, die letzten Fragen des Universums sind nicht beantwortet, der Große Gott schweigt.

MEIN LEBEN OHNE MICH ist ein Sterbebuch. So ist Sterben. Solange man noch auf der Seite der Lebenden steht und sich klammheimlich, jeder für sich, für unsterblich hält – wie die Sterbende Jutta Winkelmann ja selbst auch immer wieder – , solltest du es einfach zur Kenntnis nehmen, dankbar und offen dafür, dass da eine es gewagt hat, so über das Sterben zu schreiben: Ohne Heldenpathos. Ganz ohne Glitterglanz. Keine von diesen Du-musst-es-nur-wollen-Geschichten (die den Sterbenden doch nur zutiefst kränken können). Wie Sterben ist – Wildes Heulen, wildes Beten. Und letztlich allein.

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Dunkel

Fahren im unbeleuchteten Zug. Die DB ist manchmal einfach doof. Schwäbische Sparsamkeit, witzelt einer aus der anonymen Schwärze der Nacht. Oder ist das noch eine Auswirkung von dem Hackerangriff gestern? Die Anzeigetafeln auf den Bahnhöfen funktionieren nämlich auch alle nicht. Hier und da das bläuliche Licht eines Mobilphones. Keiner mosert, man gewöhnt sich an alles. Im Tunnel wird es dann strange. Mit so vielen Menschen auf so dichtem Raum in so kompletter Finsternis … Mord im Dunkeln.

PM bedrücken irgendwelche Probleme in der Klinik. Manchmal staune ich, wenn er von diesem mir fremden Universum erzählt. Will er es so, oder ich selber … Manchmal beunruhigt mich das. Andererseits finde ich es klug ersonnen. Schafft einen Abstand, der Spielraum für Phantasien lässt. Der Vertrautheit nicht zu sofaplüschiger Vertraulichkeit verkommen lässt. Einmal hat er mir Fotos aus dem OP geschickt. Wir bewundern uns gegenseitig, glaube ich. Jedenfalls bewundere ich ihn. Und genieße das.

PM, wenn er am Bahnsteig steht. Als der Zug losfährt, vorhin, sieht er mich nicht, dabei bin ich hinter dem Fenster keine zehn Meter weit weg von ihm. Er lächelt so etwas konfus ins Leere. Mit erhobener Hand, stilvoll, wie er es immer macht, das schneidet mir ins Herz.

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Warten

Meine nächste Interviewpartnerin ist gerade in USA und kommt vielleicht später zurück als ursprünglich geplant. Unser Termin verschiebt sich dann. Auf sowas muss ich vorbereitet sein. Das sind Leute, die leben komplett anders als ich. Ich weiß inzwischen so viel über sie. Seit Wochen bereite ich mich auf sie vor. Jetzt bin ich heiß auf die Begegnung. Während ich für meine eigentliche Arbeit, das heißt, für meinen Brotberuf, gerade so tierisch viel arbeiten muss, dass ich schon ganz dumpf im Kopf bin, ist das andere, die Recherchearbeit, so to say die Belohnung. Abends. Oder eher nachts. Diese Geschichte fasziniert mich exrem. Umso erwartungsvoller bin ich, der Person von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu sitzen.

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Lechts und rinks

Wer Politiker Marionetten nennt (Xavier Naidoo for example), ist rechts. Alles klar. Was ist dann eigentlich links? Irgendwie stimmen die alten Koordinaten nicht mehr … Wer würde mal ein Definitions-Update übernehmen? Müsste doch noch so eine Art Konsens herstellbar sein. Ich finde übrigens auch, dass ziemlich viele Menschen wie Marionetten handeln, auch ziemlich viele Politiker. Verdammte Axt, bin ich jetzt auch rechts? Gut, dass ich kürzlich meine FB-Seite/Links und Likes einer Überprüfung über dieses Test-Dingens unterzogen habe. Da war ich eindeutig dem Lager der LINKEN zugeordnet. Gehör ich jetzt überhaupt noch zu den Guten? Oder sind Linke auch scheiße? Kenn‘ mich gar nicht mehr aus …

Man kann die Sache mit Naidoo übigens auch anders und weniger hysterisch betrachten, wie die Nachdenkenseiten.

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum (E. Jandl, der Große)
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Mond

Weißgolden, scharfkantig, bombastisch hängt der Mond über dem Galgenberg, so dicht überm schwarz gezacktem Horizont, als wollte er gleich runter rollen.

Wir bleiben stehen, Thea und ich, kommen aus der Lorettokneipe zurück, wir arbeiten beide zu viel und das Glas Rotwein hat uns nicht wirklich besänftigt, wir bleiben stehen und starren den Mond an, guck mal, sagt Thea, heute ist er ganz voll, ich dachte gestern war Vollmond, aber heute ist er erst echt perfekt.

Perfekter Vollmond, du Dramaqueen, du! Musst du einem schon wieder so zusetzen …

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Titanenkinder

Nochmal zu  Getty / Winkelmanns Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen:

Je freier von Ängsten du bist, desto größer wird deine künstlerische Ausdrucksform. Ent-fesselt im uneingeschränkt positiven Sinn von Konventionen, von Rücksichten, von Eventualitäten, von kleingeistigen Bedenken, von Dünkeln auch. Getty / Winkelmann waren von Geburt an frei, weil sie frei erzogen wurden, weil man ihnen schon als Kinder viel zutraute, aber auch, weil sie immer zu zweit waren. Deshalb stark. Keiner konnte ihnen was. Sie waren Titanenkinder, Gottesgeschöpfe, Auserwählte. So fühlten sie sich, so lebten und leben, so schreiben sie…

 

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Wachsen

Gestern Abend T . und seiner Freundin J. Muffins vom Südstadtbäcker Fischer (der beste!) vorbeigebracht, weil ich gerade keine Zeit zum Essen gehen habe – never ending korrigieren … (Später sind wir dann doch noch in den Ratskeller gezogen, der wieder geöffnet ist und im Wesentlichen verschiedene Burgersorten auf dem Speiseplan hat.)

T. hat mir zwei Stücke von seiner neuen CD vorgespielt, die im Herbst rauskommt. Sie sind großartig. Sie können dich nicht kalt lassen. Es war auch großartig, ihn währenddessen zu beobachten. Daran hat er / haben sie zwei Jahre gearbeitet. So superperfektionistisch, so superschwer zufrieden zu stellen, wie er es ist, hat er alles selbst geschnitten.

Das hat sich ausgezahlt, Tonqualtiät 1a! Sein Hand greift reflexartig in die Luft, er kann die Griffe im Schlaf. Er hört ganz tief rein. Und hört alles. Er ist zufrieden, allein das sagt genug aus. Mit diesen Stücken haben sie nochmal einen großen Sprung nach vorne gemacht … wie du als Künstler eben nie stehen bleibst … und dich damit selber überraschst.

Auch textmäßig einfach nur gut. Die Texte sind von T. Das hat mich sehr bewegt. Dass T. so gute Texte macht.

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Kommt eine zu Besuch

Nach gefühlten zwanzig telefonischen Anläufen bei meiner übernächsten – durchaus prominenten und, wie es aussieht, vielbeschäftigten – Interviewpartnerin steht endlich der Termin. Ich bin sehr glücklich: das war gerade eine Zusage, das scheint zu klappen, definitiv werden wir also ein Gespräch haben. Jetzt gehts noch um die Modalitäten. Normalerweise fahre ich zu meinen Gesprächspartnern hin, komme in ihre Wohnungen oder manchmal ins Büro oder ganz selten auch in eine Hotelbar, was ich nicht für besonders günstig halte.

Ich sage mein Sprüchlein auf, da unterbricht sie mich:

– Wo wohnen Sie denn?

– Ähm, in Tübingen, wieso?

– Hahaha, nee nee, ich meine in Berlin, wo wohnen Sie, wenn Sie in Berlin sind?

– Ach so. In Spandau, bei Freunden …

– Na, dann komm ich doch einfach da hin.

–  …

– Oder geht das nicht?

– In die Wohnung von meinen Freunden???

– Ja? warum nicht?

– Klar, klaaar! Klar geht das. Ich muss nur erst meine Freunde – vorbereiten. Der Mann hatte eine Herz-OP, der könnte glatt umfallen, wenn der hört … OH MEIN GOTT!, der muss sitzen, wenn ich dem das verklickere …

– (milde belustigt) Gestern sage ich noch zu meinem Kollegen Uwe: Was die immer alle haben, wir sind doch ganz normale Leute. Nur weil man unsere Gesichter von der Glotze kennt…

– Also, da muss ich Ihnen widersprechen. Nicht jeden, den man vom Fernsehen kennt, möchte man gerne bei sich zu Hause haben. Das hängt nun schon speziell mit Ihnen zusammen …

– Och, dann lass ich das jetzt einfach mal so stehen und auf mich wirken. Das war ein Kompliment, oder?

*

Definitiv! Und ganz normal – definitiv nicht. Sonst würde diese Protagonistin nicht ganz oben auf meiner Wunschliste stehen. Hab so das Gefühl, je mehr das Projekt wächst, desto mehr wachse ich. Oder umgekehrt. Egal, jedenfalls hängen wir engst miteinander zusammen, ich und meine Arbeit. Als Kreative kann ich mich ohne meine Arbeit nicht denken. Ist für mich wie die Brücke zur Welt … die lebensnotwendige –

 

Veröffentlicht unter 2017