Zwischen den Extremen

Ich habe jetzt vieles verstanden. Auch – wieder mal -, wie verzerrt in der Öffentlichkeit und in den Medien dargestellt wird. Aus einer Art Hilflosigkeit heraus, meint GG freundlich, und sie findet, dass hinter der Ironiefassade immer auch ein Interesse an ihrer Sache spürbar sei. Ihre Haltung ist konsequent versöhnlich. Wir hatten ein intensives Gespräch über fünf Stunden. Starke persönliche Motivation meinerseits, auch was GG’s politischen Background betrifft. Vier Menschen, die ihr nahe standen, hat sie in den letzten Jahren in den Tod begleitet. Sie ist nie vorwurfsvoll oder jammerich. Man merkt ihr die intensive Arbeit an sich selbst an. Sie ist mit den bekanntesten US-Megastars befreundet bzw familiär liiert. Sie lebt bescheiden und auf das Wesentliche reduziert. Ein Leben zwischen den Extremen.

Veröffentlicht unter 2017

Kein Glitzerchichi

Und jetzt also München.

Noch kann ich es nicht so richtig glauben. Seit einer Stunde bin ich in der Wohnung meiner nächsten Interviewpartnerin. Den Wohnungsschlüssel hatte sie in einem Café für mich hinterlegt. Sie kommt erst morgen. Dafür bringt eine ihrer Freundinnen mir ein indisches Reisgericht vorbei, das scharf und schmackhaft ist. Diese Art von Gastfreundschaft habe ich bisher noch nicht kennengelernt. GG ist eine Jetsetterin. Sie führt ein komplett anderes Leben als ich.  Sie kommt und geht. Sie bleibt länger oder gar nicht. Hier in ihrer Schwabinger Wohnung  – sie hat noch mehrere andere – ist sie schon wochenlang nicht mehr gewesen.

Ich hab vorhin eingekauft, ihren Kühlschrank aufgefüllt, Blumen und Obst hingestellt. Bei ihr ist alles öko. Meine gelbe Nesquick-Packung macht sich da wie ein exotischer Lichtpunkt aus. In Schwabing findest du alle paar Meter einen schönen Laden: Früchte, Schmuck, internationale Gerichte, Kleider, Kleinmöbell. Dauernd gibt es etwas zu gucken. Das Tempo ist runtergefahren, im Früchteladen werden die Aprikosen und Trauben in dreieckige Papiertüten verpackt. Keine Selbstbedienung, stattdessen spielen ernste Verkäufer hinter der Theke Kaufladen. Ein bisschen wie früher – die Leute sind freundlich, manche tragen ausgefallene Klamotten. In einem Schaufenster habe ich einen wunderschönen orientalischen Anhänger aus Silber und Halbedelsteinen gesehen. Vielleicht gehe ich morgen nochmal hin. Ich denke, wir werden zusammen frühstücken. Dann ein bisschen ausruhen wegen ihrer weiten Reise  und mittags das Interview.

Aus vielen Ecken der Wohnung grüßt Buddha. Es gibt cooles Industriedesign, kein Glitzerchichi, dafür Tropenhölzer und ausgewähltes Antikes von fremden Kontinenten. Es gibt keine Uhr, nirgends. Ich bin gespannt auf sie. Auf ihre Geschichte. Der Tod ist schon mehrmals in ihr Leben reingegrätscht. Ich freue mich. Ich glaube, wir ticken ähnlich…

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Velwechsert

„R.I.P. Andrea Jürgens Ruhe in Frieden“, lese ich gerade auf FB, und darunter der mitfühlende Kommentar:
“ Auch von mir R.I.P liebe Andrea Berg.“

(passiert, wenn man auswechselbare Laptopmusik macht …)

 

Veröffentlicht unter 2017

Bequem

Diffamierung ist schon immer ein bequemes Mittel gewesen, mit unbequemen Wahrheiten umzugehen.

(Aktuell zu beobachten am Umgang mit Jutta Ditfurth. Ditfurth ist eine harte Nuss. Aber immer bestens informiert. Unser weiblicher Panzerknacker im männlichen Medienkrieg.)

Veröffentlicht unter 2017

Ohne Gründe

32 Journalisten sind von der Berichterstattung des ohnehin aus dem Ruder gelaufenen G20-Gipfels in Hamburg ausgeschlossen worden. Nachdem sie die Zulassung schon hatten, wurde sie ihnen, ohne Angabe von Gründen, wieder entzogen.

Warum? Warum gerade diesen 32? Was sie offenbar verbindet: Mehrere der Betroffenen hatten in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit der türkischen Regierung, heißt, sie haben sich kritisch über den türkischen Staat oder über Erdogan geäußert. Steckt also der türkische Geheimdienst dahinter?

Fest steht, dass jedem in Hamburg diensthabenden Polizisten „schwarze Listen“ mit den Namen der 32 Journalisten ausgehändigt worden sind. Neun von ihnen wurden komplett ausgeschlossen, die restlichen 23 hatten eingeschränkte Befugnisse. Diese ungeschützte Weitergabe von Namen ist nicht anders zu deuten als ein schwerer Verstoß gegen den Datenschutz.

Die Journalisten selbst wissen nicht, was sie zum Sicherheitsrisiko für den Gipfel macht. Vom Regierungssprecher – und Chef des Bundespresseamtes! – Steffen Seibert erfährt die Öffentlichkeit bis heute keinerlei Gründe. Nach wie vor verteidigt die Regierung jedoch den Ausschluss der 32 von der Berichterstattung. „Wir sprechen von sehr ernsthaften Sicherheitsbedenken und einer Neubeurteilung der Sicherheitslage insgesamt!“ , so Seibert geheimnisvoll. Ein Sprecher des Innenministeriums munkelt gar, bei verschiedenen Personen gehe es um nicht unerhebliche Straftaten! Auch er verzichtet leider auf erhellende Details.

Auffallend häufig betont Seibert dagegen, dass die Sicherheitsbedenken gegen die 32 aus den Erkenntnissen deutscher Behörden resultierten. Innenminister Thomas de Maizière stößt in dasselbe Horn, indem er versichert, für den Entzug der Akkreditierungen habe das Bundeskriminalamt „ausschließlich auf Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden zurückgegriffen.“ Ausländische Geheimdienste seien nicht dafür verantwortlich.

Wie ist das Schweigen im Walde zu deuten? Besteht das einzige Vergehen der 32 Diskreditierten in der kritischen Haltung gegenüber der Türkei? Dann liegt tatsächlich der ungeheuerliche Gedanke nahe, dass ihr Ausschluss von türkischen Nachrichtendiensten initiiert worden ist. Im Klartext: Unsere Regierung handelte nach den Wünschen eines autoritären Regimes, das sich von einer pressefreiheitlichen Gipfelberichterstattung bedroht fühlt.

Wenn dem so ist, darf man auf die Aufklärungsarbeit des Innenministeriums gespannt sein. Gespannt bin ich aber auch auf die Reaktion der vielen anderen, zugelassenen Journalist*innen. Spätestens jetzt müssten sie ins Grübeln kommen …

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Und wieder eins im Kasten

Anrührendes Interview mit einem mega interessanten Schauspieler und Musiker.

Guter Typ, gute Einstellung. Macht sein Ding. Ganz locker, ganz bodenständig. Sieht sich selbst nicht als Promi – ha!

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Gebundene Hände

Die dreieinhalb Stunden in der Oberbehörde hätte ich mir sparen können. Eine behördliche Entscheidung rückgängig zu machen, kommt so selten vor wie Schnee im August, nämlich nie. Widerspruch zwecklos. Hilfe von Dritten wirkungslos. Selbst die Tatsache, dass der Oberbehördenobermacker deine Sichtweise teilt, dass er dich sogar nett findet und alles mögliche über dich und deine berufl. Aktivitäten weiß, bringt dir gar nichts.
Ihm seien die Hände gebunden.
Von wem?
Vom Ministerium!
Ah, ja …

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Türkischer Schlafrock*

Mann in türkischem Schlafrock, Professortyp, Schimmer von Gold am Kragen und an den Manschetten, Orient, würdig, würdig soll er aussehen, so stelle ich ihn mir vor, diesen Professor in seinem Schlafrock, von dem ich annehme, er ist türkis. Das ist die Farbe des Orients: Türkise Stoffe, Türkise an den Schmuckständen in den Bazaren, türkisblaues Meer.

Ein Professor in türkisem Tuch. Das Gold ist nur Beiwerk, um seine Würde zu unterstreichen. Seine Weisheit. Unbedingt ist der Professor ein weiser Mann. Andere fragen ihn um Rat, wenn einer in Verdacht steht, die Waage zu fälschen oder irgendeine Cousine geschwängert zu haben. Dann tritt der Mann in Türkis vor sein Haus und spricht Recht.

Er ist es gewohnt, dass die Leute auf ihn hören. Er steht vor seiner meterhohen Eingangspforte, die Sohlen seiner feinen, weißen Lederslipper schlagen auf die runden Kiesel, die seit Jahrhunderten die Straße markieren, und hört sich die Klage an. Niemals unterbricht er den Ratsuchenden. Erst, wenn dieser fertig ist, macht er ein paar lange Schritte im Kreis, schaut dabei seinen Füßen zu, hebt das Haupt und blickt zum Himmel auf.

Stehen dort die Antworten? In der Stadt munkelt man so. Der Professor lese seine Weisheiten von den Wolken ab.

Und dann beginnt er zu sprechen. Und du, wo warst du vorher?, fragt er, und der Ratsuchende sagt mit vor Ehrfurcht verschleierter Stimme: Ich? Aber wieso ich? Er geht um diesen da!, und er zeigt mit dem Finger auf eine halb abgewandte Gestalt am Rande der Menge auf der anderen Straßenseite.

Der Professor sagt nichts. Er schaut auf den Ankläger und schaut und schaut immer noch, bis dieser ganz unruhig wird und sich die Hände am Hosenstoff trocken reibt und nickt und den weisen Mann insgeheim mit wüsten Ausdrücken belegt, von denen Scharlatan noch der harmloseste ist, und verlegen setzt er einen Schritt nach hinten und dann noch einen, bis seine Gestalt sich in der Menschenmenge auflöst.

Ich sehe doch, dass du verstanden hast, sagt der Mann. Er rückt seinen türkischen, türkisen Schlafrock vor dem Bauch zusammen. Das Licht der untergehenden Sonne leuchtet über ihm wie eine Tiara. Und die Goldstickerei an Kragen und Manschetten blitzt wie tausend kleine Pfeile.

*Schnipselkasten

Veröffentlicht unter 2017

Sind Sie Peter Härtling?

In memoriam P.H. – Ein Flashback

Einmal hab ich Peter Härtling im Real getroffen, im Schleifmühleweg, er lief mit seinem Wagen zur Kasse, ich war mir nicht ganz sicher, ob er es ist, weil er mir so alt vorkam, ich las gerade den Hölderlin und fand es aufregend, ihn da zu sehen mit seinen Milchtüten und Tomaten und hab ihn gefragt: Sind Sie Peter Härtling?

Ich wollte ihm sagen, wie sehr mir der Hölderlin in seiner, Härtlings, Interpretation gefällt, aber er sah mich nicht an, sondern sah in die Luft und sagte: Ja!

Da hab ich mich umgedreht und kam mir blöd vor und hab mich geärgert, dass er es macht, dass ich mir blöd vorkomme, und seine Frau brachte noch ein Brot an und warf es in den Einkaufswagen, die saß ein paar Minuten später am Steuer, als sie vom Parkplatz fuhren, Härtling hatte ja keinen Führerschein, was ich mal irgendwo gelesen hatte, zum Burgholzweg fuhren sie, wo sie eine Wohnung hatten, und ich in die Schwärzlocher Straße, wo ich als Studentin wohnte, und ich dachte, dass das doch schade ist, wenn man so nahe bei seinen Leser*innen lebt und sie nicht sieht.

Peter Härtling ist tot, seinen Hölderlin hab ich noch, Luchterhand Taschenbuch, vierte Auflage, in einem wahnsinnig schlechten Zustand, wie die Bücher bei mir oft aussehen, angestrichen und aufgeknickt, aber das ist ja eigentlich ein gutes Zeichen.

Es gibt Stellen da drin, an die erinnere ich mich, als hätte ich sie gestern gelesen. Gestern ist er gestorben.

Veröffentlicht unter 2017

Leute

Sonntag Morgen. Endlich Regen. Die schwüle Hitze der letzten Wochen, immer nur von kürzesten Gewittern oder Schauern unterbrochen, wenn überhaupt, hat meine Balkonpflanzen dahinkümmern lassen und mir ganze Tage lang die Lebensenergie abgewürgt. 40 Grad wundern inzwischen niemanden mehr. Jetzt, um sechs Uhr morgens, zeigt das Thermometer 23 Grad an.

Stadtfest in Tübingen. PM ist da und wir schieben uns durch die Massen, haben dann keine Lust mehr und verziehen uns ins GzP, wo man wunderbar spitzwegmäßig in einem Hof mit Ecklaternchen und Blumenkübeln und holprigen Pflastersteinen und gestern Abend sogar mit Blick auf Vollmond sitzt. Die Kneipe soll für Literaten und Bücherliebhaber sein, so das Konzept des neuen Eigentümers. Das ist der Schweizer Urs Kummer, dem früher Edition Epoca gehört hat und der immerzu in Bewegung ist, als hätte man ihn hinten am Rücken bis zum Anschlag aufgezogen.

Am Nachbartisch sitzen Rolf und Caroline Vollmann. Caroline hat einen neuen Übersetzungsauftrag, ein 500-Seiten-Roman. Sie will wissen, woran ich gerade schreibe. Rolf schweigt lieber und verschwindet irgendwann grußlos. Sie wohnen ja quasi um die Ecke. Eckuzz, früherer Schlagzeuger von den Savants, kommt kurz an unseren Tisch und erkundigt sich nach T. Er scheint zu wissen, dass demnächst eine neue Platte erscheint. Eckuzz hat seit einem halben Jahr eine feste Stelle, darüber freue ich mich, weil ich ihm damals mit dem Ausbildungsplatz geholfen habe. Er sieht richtig gut aus in seinem weißen Hemd und hat ein aufgeräumtes Lachen, er kommt aus Lünen und wir verstehen uns auf dieser grundsätzlichen Ruhrpott-Schiene. Michael Langer läuft vorbei und erzählt von seinen tausend Kindern, bei der älteren Garde zählt er nur die Berufe auf. Mieciu Langer ist jetzt schon seit zwei Jahren tot, erst im Alter von 80 Jahren hat er angefangen, öffentlich über seine KZ-Vergangenheit zu reden, zum Glück habe ich ihn noch gehört.

PM redet von alten Zeiten und später, auf meinem Balkon, spielt er mir Ostrock vor. Karat, Puhdys, Renft, da kommen Geschichten bei ihm hoch, die ich nicht kenne und an denen ich keinen Anteil habe. Das könnte mich traurig stimmen, tut es aber nicht wirklich, weil PM auf diese grundsätzliche Weise bei mir ist, wie ich das bei keinem Mann bisher erlebt habe. Komisch, dass man / ich für manche Erfahrungen lebenstechnisch ziemlich weit fortgeschritten sein muss.

PM schläft noch, Steve auch, jedenfalls ist nichts zu hören, ich hol gleich frische Brötchen, der Regen hat aufgehört und über dem Galgenberg brennt sich schon wieder die Sonne, die Unverwüstliche, durch die Wolken, durch die offenen Fenster riecht es nach nassem Gras und Asphalt, und wenn ein Auto unten auf der B27 vorbei fährt, zischt es schön.

Veröffentlicht unter 2017