Der Preis

Sonntag. Familienfeier. 90. Geburtstag. Morgenhektik. Schnell noch. Schnell noch Bluse bügeln. Welche Temperatur? Keine Ahnung, Hauptsache glatt. Denk ich. Plötzlich lange, weiße Streifen auf dem Stoff. Ich starre drauf und kapiere gar nichts. Bis mir dämmert, dass das Risse sind: Durch lange Risse schimmert das Weiß des Bügelbezugs. Auf dem meine Bluse fest klebt, was für eine Scheiße! Als ich sie abziehe, steht sie in die Luft wie Plastikfolie. Und so fühlt sie sich auch an. Seide mit geschmolzenem Elastan. Fuck! Die Bluse ist hin. Unwiderruflich. Sie war teuer. Verdammt teuer. Viel zu! Mein sozialistisches Gewissen meldet sich. Die Arbeiterklasse und so. Hättste doch! Hättste doch eine von Esprit. Nicht diese. Nicht dieses Luxuslabel, was noch uff dr Schwäb’sche Alb produziert statt in Bangladesch. Ich halte sie hoch, die Risse haben was Ikonographisches. Sie stechen mir direkt ins Hirn. Sie sind Zeichen. Geschieht dir, formt sich ein masochistischer Gedankenkomplex an der Grenze von Unterbewusstsein zum Bewusstsein. Nee, gar nicht recht! War einfach nur zu hektisch. Wer es eilig hat, soll langsam machen. Sagt Dr. K. – Hallo, Dr. K., was mach ich jetzt ohne meine Lieblingsbluse? Rostrot, mit türkisen Punkten allover. Familienfeier. Von wegen langsam. Die ungebügelte dann also.
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Dialoge

Samstag Mittag vor dem Schaufenster eines kleinen Kaufhauses in B.N.

Sie: Guck mal der Tisch da –

Er: Ja –

Sie: Der ist richtig schön!

Er: Die haben oben in der zweiten Etage auch Möbel.

Sie: In der zweiten Etage? Da waren wir noch gar nicht.

Er: Brauchen wir Möbel?

Sie: Nee –

 

Mutter (kurz vor ihrem 90. Geburtstag): Kommt PM denn auch mit?

Tochter: Ja, der kommt mit.

Mutter: Ach, das ist ja schön. Dass ich den nochmal sehen kann.

Tochter: Er hat extra seine Bereitschaft verlegt. Sonst ginge das ja  gar nicht –

Mutter: Hoffentlich kann ich dich auch mal alleine sprechen.

 

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Kinder für den Führer

„Habt fünf Kinder, nicht drei!“, shoutet Erdowahn den in Deutschland lebenden Türken über den Bosporus zu, weil ihm ja nun mal der Wahlkampf direkt in Deutschland verboten wurde. Verbote inspirieren zu verbaler Höchstform … Auch solche Unterbegabten ohne emotionale Intelligenz … Politik ist halt doch ein harter Job … nicht jeder kriegt einen Palast mit 1000 Zimmerchen und goldener Toilettenschüssel … und goldenem Thron, auf dem auch schon Uns Angie hocken durfte …

 

Sheldon & Co

Leider bin ich oft nicht zu Hause, wenn sie läuft, oder ich arbeite gerade an was oder schlafe schon: The Big Bang Theorie. Der wissenschaftliche Background soll, wie man sagt, korrekt recherchiert sein. Die zwei aus der Physiker-WG  und ihre beiden Physikerfreunde auch, hahaha. So könnten sie zumindest sein, diese hypercheckenden Geeks, die es mit der Sprache genauso hypergenau nehmen wie mit den physikalischen Gesetzen. Besonders Sheldon zeigt sich da gerne unnachgiebig. Eine unsaubere begriffliche Passung – und die Sache muss  ausdiskutiert werden, egal wie nebensächlich sie ist. Hundertpro und rigoros bis zum Anschlag. Und du sitzt vor dem Bildschirm und weißt: So ist er, er kann nicht anders! Solange das jetzt nicht geklärt ist, kann er nicht aus dem Haus gehen! Die anderen drei wissen das auch. Sie müssen sich warm anziehen, um einen Battle mit Sheldon durchzustehen. Alles sonstige, also alles, was außerhalb ihres physikalischen Universums liegt, ist ihnen eher fremd. Von der Welt – sprich: von Penny, in die sie alle mehr oder weniger verknallt sind -, versteht das Vierergespann ziemlich wenig, was sich ja irgendwie bedingt: Wer abstrakte Quantenphysik wirklich versteht, kann woanders, auf dem sozialen Parkett, nur defizitär sein. Logo, dass gerade deswegen diese komischen Jungs (und ihre komischen Freundinnen) dir ans Herz wachsen.

 

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Schuster, bleib …

Vergangenen Do, als der Artikel über unsere Lesung rauskam, war ich happy. So gut war er! Vierspaltig. Und so euphorisch. Gekrönt darüberhinaus von einem Foto aller TeilnehmerInnnen, wie sie da auf dem Sofa hocken, alle Blicke auf den einen gerichtet, der gerade seinen Text liest.

Der Artikel war so groß, dass kein Zeitungsleser ihn übersehen konnte, dazu brauchte man ihn nicht mal zu lesen. Scheinbar hatte ihn niemand gelesen. Scheinbar auch niemand das Foto gesehen. Die Sache wurde ignoriert und mit Schweigen belohnt. An meinem Arbeitsplatz. Da, wo die TeilnehmerInnen herkommen. Die Lesung, der Artikel, die konkrete Einladung zu zwei weiteren Lesungen, die die Gruppe an dem Abend erhalten hat – niente! Allerdings wurde ich von der Chefetage aufgefordert, einen Bericht für den Monatsbrief zu schreiben. Stichwort „Außenwirkung“, die will man sich ja nicht entgehen lassen.

Bin ich da pissig? Ich finde, manchmal könnte man eine Würdigung vertragen. Ich finde, in diesem Fall hätten die neun Teilnehmerinnen und ich eine Würdigung vertragen. Und sei es nur ein Dankeschön oder ein paar Fragen zu dem Abend. Interesse ist sexy. Fragen sind sexy. Hä? Ja! Ich kenne das aus anderen Zusammenhängen, beispielsweise, wenn ich selber was geschrieben habe und damit an die Öffentlichkeit gehe. Also eine andere Rolle einnehme. Anderer Name, andere Identität. Also damit umzugehen. Ist vielleicht schwierig.

So schwierig aber auch wieder nicht. Als ich noch in Ausbildung war, gab es einen, der in seinem anderen Leben Autor* war. Es wurde darüber gemunkelt. Sein Buch hatte niemand gelesen. Ich hospitierte bei ihm und lernte viel bei ihm. Ich glaube, bis heute arbeite ich in dem Stil, den ich bei ihm kennengelernt habe. Manchmal nahm er mich morgens mit zur Arbeit. Fahrgemeinschaft. Er sprach über die Sonnenaufgänge über der Schwäbischen Alb in druckreifen, poetischen Metaphern. Die kamen ihm so. Fingerübungen. Vielleicht fiel es mir leichter ihn zu bewundern, weil ich selber schrieb. (Weil ich schon wusste: es tut weh, ein Wort zu streichen, einen Vergleich zu ändern, obwohl Wort und Vergleich noch in der Nacht in allen Farben geschillert haben).

Leute, die was machen, was andere eher mal nicht machen oder nicht in dieser Intensität – schreiben, komponieren, Sachen erfinden – und dadurch hin und wieder die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregen, werden in der Regel in ihrem engeren Umfeld ignoriert. Mit Schweigen belohnt. Nach unten gedrückt. Bevor der Höhenflug einsetzt. Höhenflüge nicht erwünscht. Soziale Kontrolle: Schuster, bleib bei deinem Leisten. (Was dein Leisten ist, betimmten die anderen.)

Ich finde, dass mit unserem Belohnungssystem was nicht stimmt. Mit unserem Anerkennungssystem. Mit Anerkennung. Scheint eine ganz schwierige Sache zu sein, etwas anzuerkennen, was ein anderer gemacht hat.

 

*G. Oberlin

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Elle – Maske und Demaskierung

Elle“ ist ein Film, der viel Interpretationsraum offen lässt. Er erklärt wenig, spielt mit vielen, vielleicht zu vielen Handlungsmotiven und übertreibt es nicht mit dem Voyeurismus des Publikums.

Ich hatte gedacht, der Film geht in die Richtung von „Secretary“ von Steven Shainberg. Dem ist nicht so. „Elle“ ist eher eine (satirische?) Abrechnung mit der französischen Bourgeoisie und ihrem allgegenwärtig drohenden Höhenfall. So hat die Vergewaltigungsszene gleich am Anfang, auch wenn das verwundern mag, viel weniger eine sexuelle Komponente als eine machtpolitische. Parallel dazu ist die Protagonistin Michèle Chefin einer IT-Firma, die PC-Games entwickelt. Kühl und ausschließlich mit Dollarzeichen in den Augen statt mit Anzeichen sexueller Erregung, betrachtet sie immer wieder die pornographisch aufgeheizten Game-Sequenzen, an denen ihre Entwickler bis in die Nächte rein tüfteln und die nur eins sollen: Emotionen aufkochen, um sich auf dem Markt durchzusetzen.

Isabelle Huppert spielt die reiche, intellektuell hartgesottene, hart arbeitende Pariser Oberschichtsfrau Michèle, die sich auf allen Ebenen durchsetzt. Sie hat es geschafft, sie zeigt es der Welt! An ihrem Geldbeutel hängen mehrere unfähige, verarmte Famlienmitglieder: Ihr Looser-Exmann, ihr Looser-Sohn samt seiner Looser-Kleinfamilie, ihre verzweifelt geliftete Looser-Mutter. Weich, das heißt sexuell stimuliert, wird sie nur beim Anblick ihres hübschen, verdammt jungen Nachbarn. Ironie des Schicksals: Genau der ist ihr maskierter Vergewaltiger. Als seine Maske fällt, ist der Zuschauer wenig überrascht: Die Auflösung ist traurig, aber im Fluss der Handlung absolut folgerichtig.

Wir sehen viel, wir können uns noch mehr denken – zum Beispiel über den Tunichtgut von Sohn, der einem irgendwie sauleid tut, oder über Gewalt als Befreiungsschlag – aber vor allem geht es, wie in so unendlich vielen französischen Spielfilmen, um eine Heldin, die von männlichen wie weiblichen Penetrationsphantasien förmlich umzingelt ist. Das nervt ein wenig. Weil es, als gesellschaftsdramatisches Motiv, so abgegriffen ist.

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Der Mond mal wieder

Der Mond hat sich in ein leuchtendes Kissen gekuschelt, da liegt er pfirsichfarben auf blauem Samt, und irgendwie sind das genau die Farben, die ich gerade bei einem Kleid gesehen habe, das mir nicht aus dem Kopf geht.

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Axt und Amok

Irgendwie sind gerade ziemlich viele Geistesgestörte mit Äxten unterwegs, um Passanten, u.a. 13-jährige Mädchen, zu zerhacken. Gestern neun Tote, heute wieder einer … Scheint sehr ansteckend zu sein, diese Geisteskrankheit. Was macht man eigentlich, wenn so einer auf einen zukommt? Was ist der Unterschied zwischen einem jugendlichen Amokläufer und einem erwachsenen Axthacker? Gibt es auch nicht-geistesgestörte Axthacker und Amokläufer? Was macht einen Einzeltäter besser als einen Gruppentäter? Fragen über Fragen ….

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Lifeshow

Lesung gestern Abend ein voller Erfolg. Der Laden (Rosa Lux) war gut besetzt, die Texte kamen an, das Publikum wohlwollend & interessiert, was man auch an den anschließenden Fragen gemerkt hat, die Mädels und Junge sehr aufgeregt & hinterher sehr glücklich.

Lorenzo Zimmer von der Presse überraschend angetan von den Texten (das Schwäbische Tagblatt gibt sich ja gerne mal überkritisch). Er ist jung und souverän und kann nachvollziehen, dass das, was wir da machen, nicht alltäglich ist. (Wer schreibt, wer arbeitet noch an seinen Texten?)

Feeling: Entspannte Wir-unter-uns-Wohlfühlstimmung. Bestuhlung, Beleuchtung, bedenkende Warmworte – alles im richtigen Maß.

Anschließend zu neunt Pizza essen im Gutenberg, das jetzt Osteria Da Michele Zum Gutenberg heißt. Wie in einer Art Lifeshow stellt der italienische Wirt im Gastraum Mozzarella her und verteilt das fertige Produkt aus dem riesigen Bottich direkt an die Gäste, was bei manchen (Schwaben?) zu sichtbaren Irritationen führt: Ist das umsonst? Die Mädels finden das alles sehr funny und hauen rein. Sie haben einen Blick fürs Skurrile. An den Nachbartischen lauter Leute, die bei unserer Lesung waren und jetzt neugierig weiterfragen. Schönes Gefühl, wenn Arbeit gewürdigt wird.

Veröffentlicht unter 2017