Kate Millet ist tot

Kate Millet ist vorgestern im Alter von 82 Jahren gestorben. Die Pionierin in Sachen Sex und Macht hat in den frühen Siebzigern mit ihrer bahnbrechenden Analyse Sexus und Herrschaft einen Diskurs ausgelöst, der wirklich Lebensperspektiven verändert, bzw. neue geöffnet hat. Bis heute bin ich der 1. Frauengruppe der Ev.-Theologischen Fachschaft Tübingen dankbar für viele intellektuelle Upgrades: Millet, Steinem, Firestone, Beauvoir haben wir gemeinsam gelesen und diskutiert … und uns in Folge alleine dran gemacht …

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Brutto-Netto

Jasmin, eine Bekannte hier in B.N., 28 J., led., 1 Kind, wird eine Stelle als Housekeeperin in einem Hotel angeboten: 9 Euro brutto!

Um herauszufinden, wieviel sie damit monatlich auf dem Konto hätte, werfen wir gestern mal den Brutto-Netto-Rechner (https://www.nettolohn.de/brutto-netto-ergebnis) an: Bei 25 Arbeitsstunden käme sie auf ca. 770 Euro netto – nur mal so zur Orientierung für Andrea Nahles, Chefin des Kompetenzzentrums Arbeit und Soziales! … hey, coole Rap-Zeile …

Mit 9 Euro brutto liegt der Arbeitgeber um Nuancen über dem Mindestlohn 8,84 Euro. Hört sich natürlich irgendwie besser an. Jasmin fängt an aufzuzählen: Kindergeld, Unterhalt … und kommt schließlich auf rund 1100 Euro / Monat. „Hallo, ist doch gar nicht so schlecht!“, freut sie sich und sagt die Stelle zu, ehe sie an eine Andere vergeben ist.

Hieß es vor der Einführung 2015 nicht, der Mindestlohn würde die deutsche Wirtschaft an die Wand fahren? Irgendwie strange, wie Prognosen irren können … Die an die Wand fahren, sind die anderen, und die halten das auch noch irgendwie für ihr Schicksal. Das ist das Schlimmste daran …

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Das Minimalismusprinzip (Letzter Bus nach Coffeeville)

Mike konnte selbst keine Gedichte verfassen, bewunderte jedoch alle, die es taten, und mochte irgendwann sogar die, die sich nicht reimten. Er übernahm gern die Aufgabe des Ansagers, der durch den Abend führte, und dank seiner Initiative wurde der Open-Mic-Abend für selbsternannte Dichter und Romanciers schnell zu einer belebten monatlichen Institution.

Das Thema des heutigen Abends war Poesie in unter fünfzig Wörtern. … Cheryl war gerade zweiundzwanzig geworden und engagierte sich in ihrer Freizeit begeistert in der kirchlichen Jugendgruppe. Ihr Gedicht hieß: Mit Coca-Cola geht’s einfach besser.

Christus niedergestreckt
von unserer Konsumfreude und
den Zugeständnissen an uns selbst,
sieh lächelnd an dir herunter,
auf die Wunden deines Fleisches
und überlege:
wäre alles nicht noch viel schlimmer
ohne Coca-Cola?

Das Publikum applaudierte. „Wow, ganz schön tiefsinnig, Cheryl!“, kommentierte Mike. „Da hast du uns allen einen echten Denkanstoß gegeben!“

Doc leerte sein Glas in einem Zug und winkte nach der Kellnerin, dass sie ein neues bringen sollte.

Mike kündigte unterdessen Kurt Wolfe an, einen Künstler, der vor kurzem aus Nepal zurückgekehrt war, wo er nach einem Nervenzusammenbruch ein Jahr verbracht hatte.

„Kurt wird uns zwei Gedichte vorlesen. Die sind beide sehr kurz. Deshalb lohnt es sich für mich nicht, mich zwischendurch hinzusetzen. Kurt hat mir erzählt, dass er in Nepal das Prinzip des Minimalismus erst so richtig zu schätzen gelernt hat, man darf also gespannt sein, was er uns heute Abend präsentiert.“

Kurt trat ans Mikrofon, schloss die Augen und stand eine Minute lang schweigend so da. Dann öffnete er die Augen und rief:

Kathmandu
Kathmanich

Das Publikum wartete darauf, dass er fortfuhr. Als klar wurde, dass das Gedicht zu Ende war, applaudierte man höflich, wenn auch etwas verwirrt.

„Danke, vielen Dank“, sagte Kurt. „Das bedeutet mir wirklich viel …“

(aus: J. Paul Henderson: Letzter Bus nach Coffeeville, Diogenes 2016, S. 371ff)

 

 

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Abgehört

Köln, S-Bahn. … Whatsapp backuped selber! No Problem. Mein neues Passwort ist mare123, was ist mit deinem? Du kannst dir Sicherheitsfragen schicken lassen, wir checken das, eventuell machen wir dir ein completely neues Konto. Okaaay, alles klar, see you! Tschüss, Mom.

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Bundeskanzlerin Merkel-Schulz

Beide hatten sie einen gefühlten doppelten Lenor-On-The-Rocks zu viel intus. Weshalb aus dem groß angekündigten TV-Duell* Merkel vs. Schulz die GroßeKoalitionsEinigkeitsVorstellung wurde: Was der eine sagte, nickte die andere gestisch/spontan und vollinhaltlich/bewusst ab, und umgekehrt. The same Procedure as every Year? Die ca. 30% der Wähler*innen, die sich in ihrer Lebenswirklichkeit von den Fragen und Antworten überhaupt nicht tangiert gefühlt haben, dürften jetzt Konsequenzen ziehen und zu den kleinen Parteien überlaufen … oder Decke übern Kopf und gar nicht wählen gehen …

 

*Duell (lat. duellum ‚Zweikampf‘) ist ein freiwilliger Zweikampf mit gleichen, potenziell tödlichen Waffen, der von den Kontrahenten vereinbart wird, um eine Ehrenstreitigkeit auszutragen. Das Duell unterliegt traditionell festgelegten Regeln. Duelle sind heute in den meisten Ländern verboten. (Wikipedia)

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Cinema – Jugend ohne Gott

 

Jugend ohne Gott – eine Adaption des gleichnamigen Romans von Ödön von Horwath – handelt von einem Elite-Camp, bei dem es ums Aussieben geht, um die Trennung der Spreu vom Weizen. Der Weizen, das werden drei Personen sein, oder fünf, oder einfach mal gar niemand?
 
Die Kombattanten wissen es nicht. Umso härter kämpfen sie gegeneinander an. Begleitet werden sie von einem Führungsteam, hinter dessen Ausgebufftheit stets ein kaltes Lächeln wie ein Ausrufezeichen steht: Anna Maria Mühe als unangreifbare KZ- , nein Campaufseherin, an deren eingefroren blauen Eisaugen jede Frage abprallt.
 
Die Einstiegsszene wird drei Mal gezeigt, jedesmal aus der Perspektive eines anderen Protagonisten. Ein filmischer Trick, der mit dem Wagnis der Eintönigkeit spielt. Doch eintönig wird es ganz und gar nicht. Die Stück für Stück hinzugefügten Informationen vervollständigen das Bild, ohne vorerst die Lösung zu bieten. Es muss also weitergehen. Zum Beispiel mit Zachs gestohlenem Tagebuch. Wer hat es? Die Hauptverdächtige Nadesh, Zachs unsympathische Streber-Teamkollegin, liegt erschlagen im Wald, das Tagebuch wird jedoch nicht bei ihr gefunden.
 
Im dritten Durchgang erfahren wir: Der Lehrer war’s! Aus Zachs Bettversteck hat er das Tagebuch geklaut. Warum? Weil der Film in einer Zukunft spielt, in der Papier und Handschriftliches schon Geheimnis genug sind. Das lockt, und was der Lehrer zu lesen bekommt, verändert ihn, weil gelüftete Geheimnisse oder Tabus immer etwas verändern.
 
Lehrer und Schüler müssen das Camp verlassen. Der des Mordes verdächtigte Zach landet im Knast, der Lehrer in den unterirdischen Arme-Leute-Katakomben. Aus die Maus! Er gehört jetzt der Loser-Kaste an, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Merkwürdigerweise trifft er dort einen weiteren Kollegen aus der Führungsriege des Camps. Es gibt sie also, die nicht mitmachen. Aber sie sind zu wenige. Insofern ist der Film eher dystopisch.
 
Und das ist die Stärke von Jugend ohne Gott. Die Gesellschaftsvision wirkt glaubhaft. Jeder ist für sich allein. Jeder strampelt sich allein auf seinem einsamen Eisberg ab. Jeder für sich eine Mini-Ich-AG. Der Allerstärkste ist der, der sich aller Emotionen entledigt hat, personifiziert in dem Schüler Titus: dem echten Mörder, denn Zach ist unschuldig, was der Zuschauer ja längst weiß. Titus, Kaisernamensträger, ist der Gewinner des Camps. Alles, wirklich alles hat er für den Sieg gegeben, einschließlich Moral und Restwerte. Nun winkt ihm das gute Leben. Im Gegensatz zum Loser-Lehrer.
 
Die stärkste Szene: Als die beiden sich begegnen, Loser-Lehrer und Mörder-Schüler. Der Lehrer weiß um den Mord. Und umarmt den Mörder. Denn der ist das eigentliche Opfer: Ein einsamer, kalter, entmenschlichter Sieger. Produkt nicht nur des Elitecamps, sondern einer leider gar nicht mehr so fern erscheinenden Zukunftsgesellschaft.
 
Oh Gott!
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Was gesagt werden muss

Donnerstagmorgen, Berlin. Ja. Genau so. Empathie und Neugier gehören uU zusammen oder sind eins. Du interessierst dich in dem Moment für diese Person mehr als für alles andere auf der Welt. Ein komplett schonungsloses Interview ohne Schmerzgrenze. Grenzenloser Schmerz, inklusive die elende, sinnlose, absurd grundlose Schuldfrage / Selbstbezichtigung – ich musste gar nicht nachfragen. Sie stand im Raum wie ein zu prall gepackter Reisekoffer, den einer endlich öffnet oder der sich selbst öffnet, und alles stürzt raus. Kaum zu ertragen, zum ersten Mal auch für mich. Nur ab und zu ein sachter Gesprächsanstoß, da gab es eine Eigendynamik, als bestünde kein Zweifel, was gesagt werden muss.

Ich bin dankbar für eine Geschichte, die so nicht oft erzählt wird.

*

Die Umgebung ist immer auch Teil des Interviews. Ein Palais, heute nicht mehr in Privatbesitz, birgt Räume von einer Stille und Tiefe, wie ich das bisher noch nicht kennengelernt habe.

Grunewald. Nun!, auch dazu gäbe es einiges zu sagen. Ich sag aber nur: Kein Café. Nirgends. Die zu frühe Zeit verbringe ich auf der Bank eines Spielplatzes. Wobei ich mich die ganze Zeit frage, für wen der angelegt ist. Kein Kind. Nirgends.

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Neugier und Empathie

Mittwochmorgen, Berlin. Ohne Kaffee, die Uhr im Blick, liegt der Tag getaktet nach anstehenden Tätigkeiten vor mir wie ein geschlachtetes Tier. Dabei scheint  die Sonne durch die Jalusien und legt ein goldenes Streifenmuster im Zimmer ab.  Auch dieses Mal: Einschüchternd, zuerst. Heute Abend weiß ich mehr. Neue Begegnung, Fragen stellen. Antworten erwarten, vielleicht überrascht werden von ganz anderen: Sätzen, Einblicken, Emotionen. Seiltanz: Wie weit darf ich gehen, wo muss die Neugier aufhören und Empathie die Oberhand … oder ist das Quatsch? Vielleicht sehnt er sich gerade nach solchen Fragen, die nur vermeintlich schonungslos, sondern vielmehr zwingend sind? Nicht grausam, sondern menschlich? Ich werde es spüren, wie die anderen Male auch. Die aller Ratio zum Trotz immer mitschwingende Schuldfrage, gerade heute würde ich sie gerne stellen, dem international bekannten Juristen in seiner Trauer um den Sohn … Wo werden wir uns begegnen? Gestern lag er noch im Krankenhaus – Interview am Krankenbett, auch mal was Neues, flexibel bleiben für das Unerwartete, Überraschende, Perspektive bildende, das voraus leuchtet, wenn du dafür empfänglich bist.

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Lebensverändernd

Sonntag. B.N. Zerbrechliche Tage, zerbrechliche Nächte. Krankheiten scheinen gerade sehr im Kommen. Gestern Nacht ist J. schwer erkrankt, T. hat die Situation sofort erfasst, stabile Seitenlage, was ihr vermutlich das Leben gerettet hat, Notarzt, Krankenhaus und jetzt die Diagnose, mit der T. und J. erstmal fertig werden müssen. Lebensverändernd, auf jeden Fall. Merkwürdig: in der Nacht bin ich um vier Uhr aufgewacht und beunruhigt, abgefüllt bis obenhin mit einer diffus unguten Stimmung, im Haus rumgelaufen. Kurz vor vier Uhr hat sich auch der Vorfall mit J. ereignet und  T. in allerhöchste Angst und Aufregung versetzt. Geheimnisvolle Verbindung, vielfach belegt, ohne belegbar zu sein: Mein lieber Sohn. Hut ab vor seiner Reaktion und seinem Verantwortungsgefühl.

Arbeit am nächsten Interview (in drei Tagen). Recherche, Fragenkatalog erstellen. Sehr tragische Vater-Sohn-Geschichte, schwer, Fragen zu formulieren, die an den Kern gehen, ohne zu vernichten. Ist ein Todesfall denkbar, der keine Selbstzweifel bei den Angehörigen auslöst … Aufgrund zweifelloser, objektiv gegebener Universal-Schuldlosigkeit … Oder denken Menschen sich nie universal schuldlos … zweifellos … Es gibt sie nicht, diese Schuld, und dennoch wird sie in den meisten Fällen empfunden …

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Wandlung

Freitag, B.N. Und dann bist du keine Person mehr, sondern Patient. Und der zurückgenommene Blick durch die randlose Brille sagt dir alles. Während die zurückgenommene Betroffenheit in der Stimme dir erst einen Wimpernschlag später auffällt. Und du weißt dann auch gleich, dass es jetzt keine schnelle Lösung gibt. Sondern weitere Termine und weitere Untersuchungen und weitere Beratungen werden folgen, und nichts davon wird so sein, dass du gut damit leben kannst.

 

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