Fragen

Freitag. Die Autobiographie meiner nächsten Interviewpartnerin und alles ausgedruckte Zusatzmaterial, Interviews etc. über und von ihr, habe ich durch. Fragenkatalog steht, bis auf den Einstieg. Fragt sich nur, ob unser Treffen bei H. und K. so klappt wie vorgesehen, weil H. ernsthaft krank ist / in der Klinik liegt und ich nicht weiß, wie K. auf diesem Hintergrund so drauf ist …

Morgen fahren wir wieder nach Hause, nach Tübingen, bzw. nach B.N. Was kommt danach, wie geht es weiter?

Veröffentlicht unter 2017

Jedem Ende wohnt …

Triora / Ligurien ist eine halbe Geisterstadt. Aber zuerst musst du mal überhaupt dahin kommen. 35 von den 65 Kilometern führen durch enge Bergstraßen und Haarnadelkurven, das zieht sich scheinbar endlos hin. Zum Glück versteckt sich die Sonne hinter Wolken und es sieht nach Regen aus, doch auch der Regen bleibt in der Wolkendecke hängen.

Auf der Strecke fährst du dauernd an diesen „pittoresken“, an den Berggipfeln klebenden Dörfern mit hohem Kirchturm als Zentrum vorbei, und dauernd denkst du, das muss es jetzt sein, schöner kann es nicht werden. Doch nur Triora hat vom DUMONT das Ausrufezeichen bekommen, und so lassen wir die anderen Dörfer links und rechts liegen und kriechen mit 10, 20, 30 km/h weiter, immer weiter hoch. Auf der Beifahrerseite fällt die Schlucht bis runter zum Argentina-Fluss, der so gut wie kein Wasser führt. PM’s Laune fällt mit jedem gestiegenen Meter, und ich hoffe die ganze Zeit, dass es nun nicht mehr lange geht, denn ich war die, die unbedingt hinter den Grund des Ausrufezeichens kommen wollte.

Und dann liegen die Umrisse vor dir, von Nebeln umwabert und wahrlich geisterhaft, und es gibt keinen Zweifel, dass das Triora ist. Das Auto wird abgestellt, und du willst nur noch rauf, immer weiter rauf, wo das Dorf bloß noch aus Ruinen besteht. Doch zwischen all den zugenagelten oder eingeschlagenen Fenstern gibt es immer wieder auch eins mit ausgeblichenen Vorhängen, mit einem Geranien- oder Kakteentopf oder einem weißhaarigen Kopf auf gebückten Schultern, der sich gelassen, sobald deine Sohlen auf dem mittelalterlichen Holperpflaster aufschlagen, zu den deutschen Touristen umdreht und dann wieder im Inneren der Mauern verschwindet.

Die meisten Türen sind verschlossen, mit Balken und Nägeln verbarrikadiert, wie es aussieht, schon seit vielen Jahren, sodass sie nicht einmal mehr neugierig machen. Manche Häuser hat sich die Natur komplett erobert, aus Fenster- und Türöffnungen quellen Grasbüschel, Lavendel und meterhohes Gestrüpp, und manche haben auch kein Dach mehr. Statt dessen wächst ein Olivenbaum aus dem Mauerwerk, wo früher mal der Esstisch oder das Ehebett stand. Das Eisentor zum Friedhof aber, ganz oben auf dem Bergkamm, lässt sich öffnen.

Das jüngste Grab ist von 2009, was wohl damit zusammenhängt, dass nur noch selten einer stirbt. Angeblich wohnen gerade mal dreihundert Leute hier oben, und du fragst dich, wie das überhaupt geht. Die Wolken wehen wie abgerissene Wattefetzen um die Grabsteine und um deinen Kopf. Die nahen Berge sind mittlerweile im Nebel verschwunden. Du und die Grabsteine, ihr seid allein auf der Welt.

Wieder unten, verspürst du plötzlich unerklärlichen Hunger und bestellst dir eine Platte mit köstlichem italienischen Schinken und Salami. Die gefühlt hundert Fotos, die du anfallartig machen musstest, zeugen alle von Verfall, von Verlassenheit, vom Weggehen, vom Ende. Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei, und wohl deshalb schmeckt genau diese hier auf genau dieser Piazza auch doppelt gut.

Veröffentlicht unter 2017

Schwimmen, schwamm, geschwommen

Ich schwimme jetzt jeden Tag eine halbe Stunde, das ist einfacher als Runden zählen. Und dabei fällt mir doch tatsächlich mal wieder ein, dass ich den Freischwimmer, also das Zertifikat, also das runde Stück Stoff mit der einen Welle, das dann später auf meinen Mädchenbadeanzug draufgenäht wurde, unrechtmäßig erworben habe, weil ich da, wo das Kamener Schwimmbad flach wurde, auf dem Boden langgelaufen bin. Wie die blauen Kacheln sich unter den Füßen angefühlt haben, weiß ich noch wie heute, das ist ja Über-Ich-mäßig schon ein bisschen daneben.

Der Bademeister hatte Besseres zu tun als am Beckenrand mein Heldenstück zu beobachten. Er verkrümelte sich in sein Kabuff und kam mir nicht auf die Schliche. Jahrelang habe ich gemutmaßt, gar keine viertel Stunde durchzuhalten und demnach auch keinen Freischwimmer zu besitzen. Das sind solche Sachen wie das Mathe-Abi, von dem du zig Mal, vorzugsweise in Stresssituationen, träumst, irgendjemand würde es dir wegen Betrugsversuch nachträglich aberkennen. Aber ich habe mein Abi und den Freischwimmer und auch sonst noch einiges. Schließlich schwimme ich jetzt schon mehr als dreißig Minuten hier rum – Lizenz zum Fahrtenschwimmer, zwei Wellen! – und du denkst viel öfter über das nach, was nicht oder nicht so glatt geklappt hat, als darüber, wofür du dich übelst krumm gelegt hast, bis es endlich von Erfolg gekrönt wird … solche Ratgeberweisheiten erspare ich mir heute, bei dreißig Grad unter der Sonne, auch nicht.

Veröffentlicht unter 2017

Privileg

Heute ist einer dieser privilegierten Tage, wo du höchstens darüber nachdenkst, ob du dich vom Rücken auf den Bauch drehst oder doch lieber vom Bauch auf den Rücken. Vor mir gluckert der Pool, hinter mir das Meer, das ewige Meer, das in den ewig himmelblauen Himmel übergeht. Wie einer dieser kostbaren Stoffe, Brokat oder Taft, himmelblauer Taft, genau so sieht das über mir aus. Aber eigentlich ist über mir, also noch vor dem Himmel, der Riesengummibaum mit seinem dichten Geäst, und da war er auch schon im letzten Jahr und die drei Jahre davor, weshalb auch der Gummibaum für mich so eine Ewigkeitsberührung hat.

Dass meine Liege direkt unter ihm steht bzw. dass mir eine der wenigen Liegen unter diesem Privilegbaum zukommt, ist PM’s Verdienst. Jetzt versenkt er sich in Franziska Linkerhand, was ich sehr löblich finde, weil das ja ein totales Frauenbuch ist, frühfeministische Pflichtlektüre, sozusagen, die Reimann unser westdeutsches DDR-Frauen-Idol neben Irmtraud Morgner und Christa Wolf, wobei mir letztere immer zu sehr erhobener Zeigefinger war.

Was fehlt, sind H. und K., die tatsächlich in Berlin geblieben sind. Diese Thematik spare ich hier aus, aber uns beschäftigt das natürlich ständig. Gestern Abend zum Beispiel, in dem Gartenlokal; da haben wir immer zu viert so gut gegessen und getrunken, wie wir das jetzt eben zu zweit getan haben, und da gehörten H.’s Sprüche und K.’s ständiges „Ach, also Hans!“ oder „Is so!“ dazu wie das Pizzabrot und der Limoncello. Diese Leerstelle gilt es nun zu füllen. Die beiden waren die ersten (und nicht die letzten) Freunde von PM, die mich ohne Vorbehalt akzeptiert haben, das ist alles andere als selbstverständlich.

Selbstverständlich ist nichts hier, und mir ist es schon deutlich schlechter gegangen, wenn man mir da was von Urlaub in Italien oder diesem Kerl aus dem Osten erzählt hätte, dann hätte ich wohl lediglich die Augen verdreht. Sahnehäubchen: In B.N. habe ich mir einen neuen Aubade-Bikini gekauft, das macht man ja auch nicht alle Tage. Er ist sehr, sehr bunt, gewöhnungsbedürftig, sagt PM, und jetzt hat er sich gewöhnt, der sieht nämlich einfach nur gut aus.

Ich bewundere, was Wolfgang Herrndorf aus einem langen schwarzen Haar macht (gemacht hat, leider, leider, unendlich Mal leider), das sein Protagonist zwischen den Seiten seines Lieblingsbuches findet. In Plüschgewittern ist so ein Buch, wo dich jeder Satz bereichert.

Ich mache heute nichts außer liegen, lesen, Löcher in die Luft gucken (und schwimmen).

Veröffentlicht unter 2017

Boule

Bei Bernd und Maria entdecken wir das Boule-Spielen (neu). Man muss es ernst nehmen, muss debattieren, wie die nächste Kugel ihren Lauf zu nehmen hat, sonst macht es keinen Spaß. Maria ist Spezialistin im von oben Wegdonnern gegnerischer Kugeln. Das einzige, was an diesem schönen Vollmond-Abend (der ewige Mond hinter den Bäumen über der Ahr) fehlt, ist eine Flasche Pastis.

Bernds und Marias Garten ist eine große Spielwiese für Erwachsene.

Ob H. und K. heute Abend ankommen – wir wissen es bis zuletzt nicht. H. ist gesundheitlich miserabel drauf, und ob wir morgen, wie geplant, zusammen nach Italien / Imperia fahren, ist immer noch nicht so ganz geklärt. Bis dahin muss ich: meine Korrekturen fertig haben, in der Stadt den Faust-Film für Mo nach den Ferien abholen, die Zimmer für das Sommerfest reservieren, einige Telefongespräche und E-Mails abarbeiten. Gerade eben eine halbe Interview-Zusage erhalten … Diese Anspannung ist manchmal auch deprimierend…

Veröffentlicht unter 2017

Familienkommunikation

Das Drohen war in meiner Herkunftsfamilie das primäre Kommunikationsmittel, und das wirkt bei manchen bis heute nach. Wenn man das mal kapiert hat, ist es so traurig, ineffektiv sowieso, furchterregend schon lange nicht mehr und irgendwie auch armselig. In einem Punkt bin ich mir sicher: Ich habe das nicht an L. und T . weitergegeben. Sozusagen Auftrag erfüllt, mit best. üblen Traditionen ein für alle mal zu brechen.

Veröffentlicht unter 2017

Einsatz

Den Tag heute in Köln bei L. und B. verbracht, eingekauft, Ratatouille gemacht und noch so ein paar andere Sachen, und trotzdem ist dann, wenn du wieder gehst, das Gefühl da, dein Einsatz ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch die am Anfang stehen, überrollt der Alltag mit Macht. Bei Hussel L.’s Lieblingspralinen gekauft, bei Esprit eine lässige Jacke. Der Hauptbahnhof mit seinen Verlockungen …

Veröffentlicht unter 2017

Should I stay or should I go …

Gehe ich joggen an der Ahr? Lese ich In Plüschgewittern von W. Herrndorf weiter? Mache ich schon mal die Frühstückseier? Poste ich was auf Freitag.de? Schaue ich mir den schlafenden PM an? Korrigiere ich meinen Text von gestern? Erstelle ich eine Packliste für nächste Woche Italien? Repariere ich den reingestanzten, rausgefallenen Jeansjackenknopf? Telefoniere ich mit L. oder T. oder Jerome und Beret? Nehme ich den Vierfarbkugelschreiber auseinander? Definitiv nicht daran gewöhnt in ein Zeitloch zu fallen. Zeit zu haben und nichts Dringendes zu tun … Sehr  bizarr. Kann ich ja kaum damit umgehen … Also, ich hol jetzt mal die Adidas‘ aus dem Koffer, Sport erscheint mir irgendwie gerade ziemlich sinnstiftend … Doch. Hm …, ja dann …

Veröffentlicht unter 2017

Lola Bensky

Pfingstsonntag, B.N. Also, Lola Bensky von Lily Brett kann man empfehlen. Ein Roman sei es, in Wahrheit ist es aber ein Stück Biografie. Brett war, wie ihre Heldin Bensky, Journalistin eines US-Rock-Magazins und hat sämtliche Größen der sechziger und siebziger Jahre vors Mikrophon gekriegt. Spannend: Die Insider über Mick Jagger und Jim Morrison, der eine supernett, der andere ein Super-Asshole!

Diese Erinnerungen verknüpft sie mit der Holocaust-Vergangenheit ihrer Eltern. Die Toten gehen ihr nach, die Großeltern, Tanten, Onkel genauso wie der berühmte Club 27, von dessen traurigen Mitgliedern sie alle vor ihrem Mikrophon hatte.

Es gibt noch ein drittes Leitthema: Übergewicht. Brett / Bensky waren bis zum Alter von ca 40 Jahren schwer übergewichtig. Essstörung aufgrund der kranken, neurotischen Familiengeschichte. Und dann Jahrzehnte lange Psychoanalyse. Okay, klingt nach einer wilden Mischung und ist es auch. Klappt nicht immer, aber ab der ersten Hälfte immer besser. Ein ganz und gar unkonventionelles Buch, bei dem die Lektoren die Autorin einfach mal haben machen lassen… Gut so!

Veröffentlicht unter 2017

Hard Girl

Ich weiß. Manchmal bin ich nicht da. Da hat eine neulich so eine Episode zum Besten gegeben, an die ich mich selbst nicht mehr erinnern kann. Aber wenn die stimmt, und ich fürchte, sie stimmt, war ich wirklich wie weggetreten. Wenn die stimmt, habe ich Menschen schon schlimm enttäuscht.

Wenigstens in den entscheidenden Momenten bin ich für ein paar andere immer da. Dachte ich. Aber seit mir jene Episode untergekommen ist, weiß ich, dass nicht mal das stimmt. Weg von der Bühne, auf der sich das Leben abspielt. Dann eben ohne mich. Nebenwelt. Nebelwelt. Wo denn? Keine Ahnung. Manchmal bin ich nicht da, weil ich auch nicht bei mir selbst bin. Nicht für die, die auf mich warten. Die was von mir wollen. Ich komme da nicht mal drauf. Wieso wollen? Was tu ich denn, was die nicht können?

Die warten dann eben. Die machen ihre eigenen Fehler.

Ich bin immer für dich da. Wie geht das? Um wen in diesem Sonnensystem kreise ich mit der damit assoziierten, niemals nachlassenden Aufmerksamkeit immer und immerdar? Immer? Überall?

In den entscheidenden Momenten bist du allein. Wahrscheinlich muss das so sein. Bei Schmerzen bist du besser für dich. Du und sie. Da brauchst du die volle Konzentration. Wenn die Schwäche in deinen Körper einbricht. Um nicht zu kotzen. Wenn du anfängst zu hyperventilierten, weil die Überforderung zuschlägt. Weil die Angst deinen Blick eng macht. Da brauchst du niemanden. Nur dich.

Also beschwer dich nicht. Das Leben hat seine harten Momente. Also pass auf dich auf und sei immer für dich da.

Veröffentlicht unter 2017