Geflasht

Dienstag. B.N. Eintauchen, nachspüren, Worte finden, streichen, kürzen, Pause machen, weiter machen. Geflasht: Die Arbeit am Interview mit M.E.-L. ist so INTENSIV … Madame besticht durch Offenheit und Ehrlichkeit. Nennt die Dinge beim Namen, gewährt bedrückende, makabre und komische Einblicke ins Sterben … Erhaben. Erhebend.

Veröffentlicht unter 2017

Eisenach, viel

Sonntag. Drei Tage Eisenach: Besuch bei PM’s Eltern, beide über neunzig. Krachlaut/fordernd/hellwach und gebrechlich der eine, bzw. manchmal ein bisschen im Traumland und rüstig die andere, ergänzen sie sich gut … kommen jedenfalls alleine in ihrer Wohnung zurecht. Vom Küchenbalkon der Blick auf die Wartburg ist für mich immer wieder faszinierend. Zwei wunderbare Alte-Freunde-Abende bis frühmorgens um zwei: Donnerstag in Tovs Garten direkt unter der Wartburg mit viel Thüringer Grillbratwürstchen, viel Bier, viel Aromatique, vielen Stechmücken, vielen Themen; Freitag im Kartoffelhaus und später im Klappertopf, thematisch und alkoholmäßig nachhaltige Vertiefung gegenüber tags zuvor. Dazwischen super Ausstellung im Lutherhaus. Das Hotel Glockenhof, ehemals Hospiz, ist PM’s alte Wirkstätte. Wo sie früher jeden Abend abgehangen und das System bekämpft haben, ist jetzt der Frühstücksraum. Das macht ihn fertig. Eisenach im Lutherjahr, aber auch irgendwie noch im Dornröschenschlaf …

Veröffentlicht unter 2017

Familie

Montag, B.N. L und B zu Besuch. Theo kam auch dazu, sein erster Schultag nach den Ferien, alles ganz unspektakulär, so stelle ich es mir vor, das Family-life mit PM zusammen … L und B haben mein Auto, das geschenkte von PM’s Vater, mit nach Köln genommen. Er liebe das Analoge daran, sagt B. Wenn sie alle wieder weg sind, bin ich traurig. Aber auch froh. Dass es sie gibt.

Veröffentlicht unter 2017

Dorftanz

Samstag, zurück in B.N. Gestern Abend Musik und Tanz im Bell’s. Größer kann das Kontrastprogramm nicht sein, N.Y. – Ahrweiler, yeah! Du musst dich drauf einstellen/mitmachen oder gehen!, ist L.’s Motto, seit sie im dauerjecken Kölle lebt … Also war es ein schöner Abend mit Livemusik, netten Leuten und PM hat getanzt. Kalendermarkierung.

Veröffentlicht unter 2017

New York – Menschen im Hotel

Donnerstag. Es war die Idee der Fahrstuhlführerin (Elevator Girl?). Mit ihr, einer eleganten Schwarzen mit Glitzerbrille, Glitzerohrringen und figurnahen Kleidern in konsequentem Schwarzweiß, habe ich vom ersten Tag an Freundschaft geschlossen. Sie überhört mein holpriges Englisch, sie sagt mir, wo ich den Frühmorgenkaffee umsonst bekomme (steht auf einem Buffet vor dem Frühstücksraum), sie drückt mich an ihren üppigen Busen, wenn Gefühle sie übermannen, sie gibt mir den entscheidenden Tipp, als ich von ihr wissen möchte, wie eigentlich der Blick von ganz oben ist.

Ganz oben ist eine Privatwohnung, sagt sie. Aber fragen Sie an der Rezeption nach Etage 39! Die Presidential-Suite ist noch nicht belegt.

Presidential-Suite? An der Rezeption ernte ich einen prüfenden Blick, bekomme jedoch umstandslos den Schlüssel ausgehändigt. Man will lediglich wissen, ob ich Gast des Hauses sei. Mit dem Schlüssel in der Hand hole ich PM und Theo. Wenn es schon mit dem Empire State Building nicht geklappt hat, dann soll uns diese Sicht auf Manhattan entschädigen.

Der Fahrstuhl schießt in Schallgeschwindigkeit nach oben. Die Tür zur Suite steht weit offen, den Schlüssel hätten wir nicht gebraucht. Das erste, was zu sehen ist, sind mehrere Personen afrikanischer und chinesischer Abstammung, die mit Staubtüchern Spiegel und Tischoberflächen wienern. Unsere Blicke rutschen nach rechts und links, angesichts der prunkvollen Räume vergessen wir erstmal die Höhensicht. Mitten im Raum steht ein Mann, schön wie ein Außerirdischer, ohne Alter – David Bowies Sohn? – der die Sache hier zu kontrollieren scheint. Sowie ich zu einer Erklärung ansetze, was wir hier oben zu suchen haben, antwortet er auf Deutsch. Wir scheinen willkommen zu sein. Vielleicht spricht er gerne mal wieder in seiner Muttersprache. Jedenfalls hat er nichts dagegen, dass wir uns ein bisschen umtun. Er führt uns von Fenster zu Fenster und zeigt mit ausgestrecktem Finger, wo sich ein Foto lohnt und welcher Promi in welchem Skyscraper wohnt.

Und Woody Allen?, frage ich. Er sieht mich erstaunt an: Finden Sie den gut? Klar, sage ich, und kann seinen langen Blick nicht deuten. Also, nicht als Mann, schiebe ich nach, aber seine Filme ….

Woody kommt jeden Morgen an meinem Haus vorbei, wenn er seine Kinder zur Schule bringt. Er lächelt und freut sich an meiner Sprachlosigkeit.

Übrigens 30.000 Dollar kostet die Suite, in der wir gerade herumstehen. Pro Tag. Heute Abend zieht eine deutsche Familie ein.

Wir erfahren, dass für die Wohnung in dem spargellangen Legohaus gegenüber, das gerade im Entstehen ist, 40 Millionen Dollar zu berappen sind. Oups! Das ist doch etwas mehr, als wir gedacht hätten. In Manhattan, meint er, wohnen die reichsten Menschen der Welt. Auch er habe den Bezug zum Geld verloren. Wenn du hier lebst, verdienst du so viel, dass du ganz oben mitspielst. Er sagt das sachlich, ohne Angeberei. Er liebt seinen Job. Das sagt er nicht, man spürt es. Die Feste, die im Hotel gefeiert werden, kosten gerne mal zwei, drei Millionen, allein für den Blumenschmuck der letzten Hochzeit habe er 800.000 Dollar Budget gehabt. Und am Abend kam dann alles auf den Müll! Das macht selbst ihn fertig.

Obama, Trump, sie alle hatten hier schon ihren Empfang. Von Melania ist er begeistert, von Trump selber hält er nichts, hat aber eine Erklärung parat. Im mittleren Westen sei die Armut so drückend und zugleich so unüberwindbar, dass Trump der Hoffnungsträger sei: Er hat ja vieles versprochen und wird natürlich nichts davon umsetzen, deutet er resigniert die Indizien.

44 % der New Yorker leben unter der Armutsgrenze. Die Mieten, die Eintrittskarten, das Bier, alles wahnwitzig teuer. Das Leben sei ein täglicher Kampf. Dieser Satz fällt mehrmals, als hätte selbst er mit seinem hochdotierten Job in der Angst einen gelegentlichen Begleiter.

Als er merkt, dass es mich interessiert, zählt er auf, welche Filme, bzw. Filmszenen hier im Hotel gedreht wurden, und ich versuche sie mir zu merken, um später den Aha-Effekt auszukosten.

Mittags treffe ich den freundlichen Typen noch einmal. Er zeigt mir den Ballsaal, der so groß ist, dass die drei, vier Flügel darin wie Spielzeuginstrumente aussehen. Wie der Saal, so ist auch das rondellförmige Restaurant dem imposant barocken Baustil des Sonnenkönigs, sprich: dem Versailler Schloss, nachempfunden. Die Wandfresken schmücken das Konterfei von Jacki Onassis und noch ein paar anderen Celebrities, deren Namen ich vergessen habe. Nächste Woche quartiert sich ein Regisseur im Hotel ein, weil er seinen nächsten Spielfilm auch wieder hier drehen will. Ob ich den Namen an dieser Stelle verrate -, nein, lieber nicht, das war wohl doch eher vertraulich.

Eine Stunde später geht das Taxi zum Flughafen. Mein Koffer ist ein bisschen schwerer als bei der Herfahrt, dank Banana Republik und seinem wunderbaren Sortiment (How nice! Beautiful! Gorgeous! Die Verkäuferinnen tragen alle Headsets und sind nicht von dieser Welt). Vier Stunden später sitzen wir im Flieger nach Frankfurt, wo wir sieben Stunden später landen und noch drei weitere brauchen, bis wir wieder in B.N. sind. Da ist es 16 Uhr, nach New Yorker Zeit erst neun Uhr morgens.

 

Veröffentlicht unter 2017

Zusage

Mittwoch. Und in New York erreicht mich die Zusage von einem Interviewpartner, um den ich mich seit über einem Jahr bemühe. Er möchte seine Geschichte in dem respektvollen Rahmen aufbewahrt wissen, den sie verdient. Bin sehr froh. Es ist eine besondere und besonders tragische Geschichte. Jetzt heißt es, schnell Termin in Berlin ausmachen …

Veröffentlicht unter 2017

Charming New York

Mittwoch. Nach dem Frühstück laufen wir zum Guggenheim, das mich gleich mal durch seine Lage mitten in einem Wohngebiet überrascht. Fensterlos, weiß und spiralförmig liegt es da wie eine an Land gespülte Riesenschnecke, nicht höher als die Mehrfamilienhäuser rechts und links.

Interessant, welche Künstler der Kupferbaron Solomon Guggenheim in ihrer Bedeutung so früh erkannt und gekauft hat, dass er sich jeweils kleine Sammlungen zulegen konnte: Kandinsky, Pollock sind prominent vertreten, auch Klee, Feininger, Légers, Picasso, Brancusi und Guggenheims Freundin Hilla Rebays.

Am Nachmittag machen wir eine geführte Tour im Tenement Museum über die Anfänge der deutschen jüdischen Auswandererfamilien, sind zunächst ein bisschen enttäuscht von dem, was man zu sehen bekommt, doch die Eindrücke wirken nach.

Vor der Schlange des Empire State Building kapitulieren wir und gehen statt dessen in Wolfgangs Steakhouse zum Essen, was sich als ein Erlebnis der ganz besonderen Art entpuppt. Die Kellner sehen einer wie der andere wie gut trainierte Ringer aus. Mit ihren breiten Schultern kommen sie kaum durch oder tun so als ob, weshalb sie sich mit der Eleganz kräftiger Menschen seitlich durch die Stuhlreihen schieben. Sie sind Fleischfresser, und alle, die sie bedienen, sind auch Fleischfresser. Sie sind Kellner, die Kellner spielen, und sie liefern eine gute Show. Sie tragen die weißen, langärmligen Businesshemden, die man hier bei sehr vielen Männern sieht. Etwas blusiger geschnitten als das normale Männerhemd, demonstrieren sie, dass bei ihren Trägern nicht nur Brain, sondern auch Muskelkraft im Spiel ist.

Es geht sehr laut und sehr lustig zu. Hier werden Geschäfte abgeschlossen. An vielen Tischen gibt es reine Männerrunden, die weißen Hemden leuchten, neue Getränke werden mit kreisendem Zeigefinger geordert, Gesten und Blickkontakt statt Worte, mann wirft sich weit in den Stühlen zurück: Der Tag ist gut gelaufen, nun tafelt für meine Freunde auf und lasst uns feiern!

PM schätzt, dass am Nachbartisch gute 2000 Dollar liegenbleiben. Ich halte das für schwer übertrieben, bis unsere eigene Rechnung kommt.

Die Steaks sind ausgezeichnet, mein Thunfisch auch.  Als ich dem Kellner einen Hugo zu beschreiben versuche, unterbricht er mich mit einer verstehenden Handbewegung, er habe da etwas ganz Feines: You‘ ll like it!, verspricht er. Und bringt: ein Glas Champagner mit Himbeersirup, das Glas à 25 Doller, was ich da aber noch nicht weiß und gleich ein zweites hinterher bestelle. Brötchen und Brot, stets als Vorspeise gereicht, sind für uns sortimentverwöhnte Brotliebhaber durchweg ungenießbar. Die Amerikaner können kein Brot. Alles Gebackene kommt aus der Folie, schmeckt nach nichts und hat die Konsistenz von alten Milchbrötchen. Bisher habe ich im ganzen Stadtbezirk noch keinen einzigen Bäcker und auch noch keine Fleischerei entdeckt. Fleisch oder Fisch gibt es im Restaurant grundsätzlich pur. Dazu kann man Salat bestellen, oder ein Gemüse. Eins! Entweder Champignons oder pürierten Spinat (der mit dem Blupp?) oder Brokkoli. Das kommt mir seltsam und seltsam einfallslos vor, denn wir sind eindeutig in einem gehobenen Etablissement. Der ausgezeichnete Grappa zeigt seine Wirkung, und nach der Zitronentarte schlecke ich mir alle zehn Finger. Auf dem Teller liegt noch ein großer Haufen „Schlag“, den ich lieber nicht anrühre. Wolfgang ist Österreicher, wie wir erfahren, und „Schlag“ gehört zu jedem Dessert dazu.

Beim Anblick der Rechnung sehe ich PMs Gesicht sekundenkurz einfrieren. Was so untypisch für ihn ist, dass ich sofort weiß: Die Summe muss abenteuerlich sein. Ist sie, absurd und beinahe ärgerlich, aber du weißt mittlerweile, dass dir in NY das Geld nur so aus der Tasche fliegt.

Auf dem Platz vor dem Macy’s – durch das wir eine Runde gedreht und Fotos von der Rolltreppe aus Holz, der ältesten der Welt, gemacht haben – spielt eine Liveband. Die Leute tanzen Tango, viele sitzen einfach rum und gucken zu. Am Rand stehen Polizeiautos, und die neuen Betonpoller zum Aufhalten jederzeit aus dem Nichts anschießender terroristischer Angreifer in Kleinbussen fehlen auch nicht.

Die New Yorker sind das entspannteste Volk, das ich je erlebt habe. Sie arrangieren sich, 9/11 hat sie stark gemacht. Aber da ist noch etwas anderes. Trotz Menschenmassen, die sich Tag und Nacht durch die Straßen schieben, wird nie gedrängelt, und wenn dich versehentlich doch mal einer anrempelt, folgt auf dem Fuß ein „Sorry“. Empathie scheint hier in die Wiege gelegt zu sein. Davon könnten sich die Deutschen eine Scheibe abschneiden. In unseren Straßen, selbst in Tübingen, der Stadt der kurzen Wege, geht es gefühlt einzig und allein darum, der oder die Erste zu sein. Rempeln, Vordrängeln, gerade wie’s die Ellenbogen erlauben, sind an der Tagesordnung. Wie unsexy das ist, fällt mir erst im Vergleich zum relaxten NY auf. Und doch sind die Leute erfreut und aufgeschlossen, sobald sie mitkriegen, dass wir Deutsche sind. Amazing! Denn Amerikaner gelten bei uns zwar als freundlich, aber oberflächlich. Vielleicht ertragen wir einfach die Tatsache nicht, dass sie über eine Eigenschaft verfügen, die bei uns Deutschen eher Mangelware ist: Charme.

Veröffentlicht unter 2017

New York und die Lichter

Dienstag. Das MoMA ist nochmal eine ganz andere Erfahrung als das Metropolitan Museum. Hier wirken die Bilder viel unmittelbarer. Was natürlich an uns liegt; mit Jackson Pollock, Andy Warhol, Jasper Johns sind wir praktisch aufgewachsen, mit ihren Arbeiten hat unser Verständnis von Kunst seinen Anfang genommen.

Die Eindrücke der zweiten Etage, die komplett dem Werk von Robert Rauschenberg gewidmet ist, wirken lange nach. Rauschenberg war besessen von der Idee, verschiedene künstlerische Ausdrucksformen zu verbinden zu Gesamtkunstwerken, Combines von Skulpturen, Tanz, Musik und Gebrauchsdingen, oder allgemeiner, von darstellender und gestaltender Kunst sowie Technik, Handwerk, Alltagsleben. Seine Materialien sind Papier, Farben, Holz, Metall, Sand, Licht, überhaupt Strom und Elektrizität, ausgestopfte Tiere, Gummi, Abfall. Eben alles. (Nur das Wort, der Text, fehlt, das fällt mir auf.)

Von einer Dance Theater Group lässt er sich zu Performances oder bewegten Bildern inspirieren, von einem befreundeten schwedischen Ingenieur zu motorisierten Skulpturen. Und ein indischer Heiliger, den er in einem Ashram trifft, öffnet ihm das Universum der Seidenstoffe und – farben.

Für den Besucher – für mich – ein Geschenk, an dieser Entwicklung teilhaben zu können.

Kontrastprogramm: Der – öffentlich zugängliche – Trump-Tower. Über die komplette Stirnwand rieselt ein nie versiegender Wasserfilm über rostroten Marmor. Der Marmor in Verbindung mit dem vielen Glas, dem Gold und dem Pflanzengrün gibt dem mehrstöckigen, vom Grundriss atriumförmigen Raum etwas Dschungelhaftes, zugleich Leichtes und Schweres, irgendwie Dauerhaftes, und das ist ja wohl auch die Botschaft dahinter.

Mittags essen wir im Rockefeller Eisbahn-Café, das ich unbedingt sehen will. Jetzt, im August, stehen Tische und Stühle da, wo im Winter die weltberühmte, aus so vielen Spielfilmen bekannte Eisbahn ist, und auf einem Riesengrill dreht sich ein komplettes Schwein am Spieß, weshalb wir in Sekundenschnelle mit Fettdunst eingenebelt sind. Rings um das Carré flattern die Fahnen sämtlicher Mitgliedsländer der Vereinten Nation und der US-Staaten.

Wir sind schon immunisiert gegen den dicken Farbauftrag: den Kitsch, das Gold, die vorgebliche Nähe zur Antike. Die goldene Statue, die eine ganze Seite des Cafés – oder der Eisbahn – dominiert, stellt Prometheus dar, und dass sie von deprimierender Hässlichkeit ist, nimmt man nur noch am Rande wahr. Über der Statue steht ab November der weltberühmte Riesenchristbaum mit dem weltberühmten Riesenstern aus 25.000 Swarovskikristallen – drei Meter Umfang und 250 Kilogramm Gewicht – auf der Spitze. Gold, Glitzer, vor allem aber Größe scheinen für Amerikaner die Bestandteile zu sein, um sich in der richtigen Dimension darzustellen. Uns kommt das unbescheiden, gar protzig vor, so auch die eilfertig wertenden Kommentare im Reiseführer. Dabei können wir doch davon nur lernen, die wir ständig unser Licht unter den Scheffel stellen, weil wir meinen, dass das den Anstand ausmacht und uns mehr nicht zusteht als Kopp runter und auf die Schuhspitzen gestarrt.

Hier in Manhattan liegt ganz viel altes Geld, das sich verschwenderisch Denkmäler setzt. So what? Es wird gezeigt, und die New Yorker und New-York-Touristen haben ja auch was davon, in unserem Fall einen sonnigen Nachmittag im Rockefeller Café bei Gemüsesticks an dreierlei Tipps, bzw. Burger für Theo. Theo ist mittlerweile Burgerspezialist. Er testet das amerikanische Nationalgericht geradezu systematisch durch und stellt signifikante Unterschiede fest.

Nach einem Powernap im Hotel machen wir uns auf den Weg zu einer Night-Tour im Bus. Der Ticketverkäufer kommt aus Ghana, war mal in Frankfurt und ist, wie PM und Theo, Mönchengladbach-Fan. Nach einem intensiven Kurzaustausch über das Thema Nr. 1 beschließt er, dass wir seinen Einsatz wert sind, und er bugsiert uns am mit Handzeichen eingeweihten Busfahrer und der Warteschlange einschließlich böser Blicke vorbei auf die drei einzigen noch freien Plätze des begehrten Oberdecks.

Es ist unglaublich entspannend, sich durch Gegenden fahren zu lassen, die du z.T. schon kennst, aber nun aus einer anderen Perspektive wahrnimmst. Der Tourführer ist ein imposanter Schwarzer mit Cornrows und taillenlangen Rastazöpfen. Vielleicht ist er in seinem eigentlichen Leben Schauspieler oder Tänzer oder Backgroundsänger oder Musicalartist. Bei der Überquerung des East River über die Brooklyn Bridge schreit er: Stand up! Stand up!, indem er krachend in die Hände schlägt, und das Ah und Oh und die hochgerissenen Smartphones kann man sich ja vorstellen. Ein doppeltes Lichtermeer, einmal real, einmal gespiegelt im Wasser, das ist Manhattan bei Nacht. Und auch diese unglaubliche Brückenkonstruktion gibt es in doppelter Ausführung in Gestalt der benachbarten Manhattan-Bridge. Oben fahren Autos, unten Züge, bis zum Horizont ist alles hell erleuchtet, du fragst dich, wer da hinter den Abermillionen von Fenstern am PC hockt oder am Esstisch streitet oder in der Badewanne liegt und an nichts denkt. Du denkst irgendwie an Strom, an Unmengen von Strom und was passieren würde, wenn der mal ausfällt und wie lange es wohl dauern würde, bis die Stadt wieder in die Gänge käme.

Was wir von Brooklyn zu sehen bekommen, ist erstaunlich wenig attraktiv. Die Gebäude eher funktional als kreativ, aber es ist ja auch nur ein mini Ausschnitt. Auf der Rückfahrt noch einmal diese Lichterimpression, zum Niedersinken schön, es ist 23 Uhr. Der Tourführer hat inzwischen auf seinem Smartphone ein paar Titel ausgewählt, American Rap, er danct und kiekst und groovt mit, seine Zöpfe fliegen, jetzt hält ihn nichts mehr, ganz klar, das Busdeck ist seine Bühne, und er, er ist der Rolling Star in den Straßen von New York.

Wir landen am Time Square, und der ist ja irgendwie „nicht meine Welt“, wie PM feststellt. In einer ruhigeren Gegend finden wir ein zünftiges Steakhouse, wo wir Fisch bestellen, mit Ausnahme von Theo, der seinen vierten oder fünften Burger ordert und sich sehr zufrieden mit seiner Wahl zeigt.

 

Veröffentlicht unter 2017

New York und die Inspiration

Montag. Fünf Stunden im Metropolitan Museum. Vor vielen Bildern stehst du und denkst, verdammt, das kenne ich schon so lange, das war doch im Deutschbuch oder im Lieblingskunstbuch oder es hing in irgendeinem Zimmer von irgendwelchen Freunden als Kunstdruck: Feininger, Picasso, Braque, aber auch die alten Meister: Vermeer, Hals, Rembrandt … hier sind sie alle, PM bekommt seinen Chagall und seinen Dix, ich meinen Hopper und meinen Cézanne.

Nachmittags holen wir Theo ab, essen was in einer kleinen Kaffee-to-go-Bar und machen uns mit der Subway auf nach Chinatown. Vor den Läden hängen T-Shirts mit fuck you, you fucking fuck-Aufdruck, was Theo für den ratlos guckenden PM übersetzt mit: Mir gehts gerade nicht so gut.

Über Little-Italy kommen wir zum Times-Square, den man nicht beschreiben kann. Nur so viel: Die spinnen, die Amis! Und ja, auch in Sachen Leuchtreklame sind sie die most Untoppable.

Wir machen Fotos von komischen Läden – Knarren, Drohnen.

Wir essen – nein, nicht chinesisch, sondern italienisch.

Wir reden über Filme, die uns hier andauernd überall einfallen, weil sie in New York spielen oder weil New York so eine inspirierende Kulturstadt ist, deren Titel oder Hauptdarsteller*innen uns aber nicht mehr einfallen, so: Ach, das ist doch Dingens, wo dieser Dingsbums mitspielt, wie heißt der noch …

Theo weiß leider auch nicht, wie der Film heißt oder der Hauptdarsteller, weil er andere Filme und andere Schauspieler sieht als wir.

Auf jeden  Fall, meint PM, müssen wir uns zu Hause Es war einmal in Amerika angucken. Mit dem Dingsbums, dem …  Fuck you, you fucking fuck, das gibts doch nicht, der ist doch total bekannt!, der, der … Robert De Niro! Dann weiß man nämlich, wie das alles hier mal angefangen hat.

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.

Hans Geiger, 14. Mai 2011

Veröffentlicht unter 2017

New York, die Erste!

Sonntag. Als wir den Flieger verlassen, das Procedere mit Auschecken und so überstanden und unsere Koffer geholt haben, reihen wir uns in die Warteschlange für ein Taxi ein. Das ist alles ganz geregelt, genau wie am Flughafen Tel Aviv: du wirst von langen Plastikbändern mehrfach um die Kurven geführt, bis du dran bist und deinen Zielort angibst:

Manhattan!

Die Black Lady in Uniform studiert einen Organizer oder tut so als ob und weist uns das vorderste Taxi zu. Ah ja, da wäre man jetzt auch selbst drauf gekommen, aber es ist schon ganz cool, wenn die Dinge so ihre Ordnung haben.

Da hocken wir also zu dritt, Theo, PM und ich, auf der Hinterbank so einer gelben, wahnsinnig altmodischen Taxikutsche, wie man sie aus amerikanischen Spielfilmen kennt, in der Glasscheibe zwischen uns und dem Taxifahrer diese viereckige Aussparung zwecks Kommunikation mit Letzterem, doch der hört Klassikradio und ist nicht zum Kommunizieren aufgelegt.

Zuerst ist da nichts als Vorstadtwüste. Dann erste Häuser, Holzleichtbauweise und aus der Entfernung entfernt an Landhausstil erinnernd, doch man sieht schnell, dass die Vorgärten, die Höfe mit den alten Autos, die bleiche Farbpalette von Grau bis Altrosa ein Bild aufrecht zu halten versuchen, das mehr oder weniger in Resignation versinkt. Es ist die ärmere Bevölkerung, die hier draußen lebt, die Gegend erinnert mich an Tenders Bar von R.J. Moehringer.

Später kommen die Backsteinhäuser, und plötzlich am Horizont die ersten Wolkenkratzer, die sich nach wenigen Sekunden zu der weltberühmten Skyline vervollständigen, neben der die paar Frankfurter Hochbauten, augenblicklich von der stets vergleichenden Erinnerung heraufbeschworen, sich ausnehmen wie eine Kinderversion. Liegt es an den Grundstückpreisen oder sind die New Yorker einfach begeistert davon, in luftige Höhen zu bauen? Die Symbolik liegt auf der Hand, unmöglich, sich ihr zu entziehen! Der Anblick Manhattans raubt dem Erstbesucher – mir – den Atem. Was vor Selbstvertrauen und Machtdemonstration nur so strotzt, erscheint zugleich sinnvoll, überzeugend und absolut schön.

Wir fahren über die Queensboro-Bridge, bis wir in der 61. Straße halten. Einchecken im Hotel The Pierre, das mir kurz mal Sprache verschlägt, doch inzwischen kenne ich PMs Schwäche für noble Absteigen. Entsprechend relaxed nimmt Theo die Sache und marschiert durch das in Messing gefasste Drehtürportal wie einer, der damit groß geworden ist.

In unserem Zimmer versinke ich in einem Prinzessin-auf-der-Erbse-Kingsize-Bett, doch wir haben einen Plan und wollen gleich los und keinesfalls dem Jetlag nachgeben. Da das Hotel megagünstig liegt, machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Ich liebe es, mir neue Orte laufend zu erobern, nur so kriegst du den Herzschlag einer Stadt wirklich mit.

Der Central Park ist voller Familien, die Sonne und Natur genießen. Das ganze Rechteck gesäumt von bauhausmässigen alten und amazing neuen, selbstverständlich noch viel höheren Hochhäusern, die harmonisch ineinander geschmiegt dastehen, als hätte eines das andere geboren. Manhattans Straßennetz ist mit dem Lineal gezogen, längs und quer und alles in rechten Winkeln aufeinander zu wie ein Schottenkaro der etwas schlichteren Art. Die prachtvolle Fifth Ave mit ihren High Class Juwelieren von Tiffany & Co über Bulgari zu Piaget und sämtlichen Modelabels der Welt von Chanel, Gucci, Prada, MiuMiu, Alaia, Vuitton bis Victoria Secret und Banana Republic teilt den Stadtteil in East und West. Die beiden letzten Stores speichere ich zwecks späterem Besuch im Gedächtnis ab und widme mich wieder den Straßenschluchten und den vielen, zwischen die Konsumtempel reingequetschten Kirchen aller möglichen evangelikalen Glaubensrichtungen.

Shoppen und Beten.

Angesichts der zahlreichen Signatur-Monumentalbauten möchte ich dauernd „kenn ich!, kenn ich!“ ausrufen, befürchte aber, mich als Serienjunkie von Die Nanny (Fran Drescher Unforgettable) oder Sex and The City zu outen. Rätselhaft die archaisch anmutenden Wasserspeicher auf den Hochhausdächern, auch auf denen der ganz neuen Häuser. Wir beschließen, das umgehend am Abend zu googeln, und bewundern die Dachgärten, überhaupt immer wieder die geordnete Architektur und schließlich die Central Station, schön und feierlich wie eine Kirche.

Von dort steigen wir in die weniger schöne, sogar ziemlich verrottete Subway runter, nachdem wir es mit Hilfe einer freundlichen Lady geschafft haben, das richtige Ticket zu ziehen, und fahren bis zur Südspitze, um von Weitem übers Meer der Freiheitsstatue das Peacezeichen zu machen. Keiner von uns hat Lust, rauszufahren. Hier unten sind die feinen Läden Buden und fahrbaren Imbisswagen gewichen, die nicht wirklich vertrauenserweckend aussehen. NY hat viele Gesichter. Aber überall sind Parks zum Hinsetzen und sich Ausruhen, Bäume, Blumenrabatten und Wasserspiele.

Am Broadway 26 befindet sich die Filmakademie New York, vor allem aber der Bronzebulle  mit seiner von tätschelnden Touristenhänden blank polierten Schnauze und das Furchtlose Mädchen, ebenfalls aus Bronze. Erst seit 2017 setzt es mit seinem kessen Blick der männlichen Allmacht des Stiers weibliches Selbstbewusstsein entgegen.

Ground Zero dann. Wie die Fußabdrücke der Twintowers kommen die zwei Becken daher, in die das stetig fließende Wasser von allen vier Seiten in die Tiefe stürzt, sich dort sammelt und von einem bedrohlich dunklen Loch verschluckt wird. Gesäumt sind die Becken jeweils von einem Bronzerahmen mit den Namen aller Toten. Das Mahnmahl, diese vielen eingefrästen Namen, lassen dich still werden. Sie fassen dich so unmittelbar an, dass danach nichts mehr drin ist. Manche Namen sind mit einer Rose geschmückt. Die Leute, die ins Wasser schauen, sind nachdenklich. Wahrscheinlich ist da keiner, dem nicht jene Bilder durch den Kopf gehen, die damals das normale Nachrichtenprogramm und alles bis dahin Vorstellbare sprengten.

Es ist auch schon spät. Wir essen unweit vom Hotel in einem kleinen, französischen Restaurant und fallen danach in unsere Betten. Dieser Sonntag hatte sieben Stunden mehr als jeder andere Tag! Wir haben die Zeit gut genutzt, aber irgendwann ist Schluss und irgendwann wollen die Eindrücke auch verarbeitet werden.

 

 

Veröffentlicht unter 2017