Der Literaturexpress

„… Und ich hatte ihn im Stich gelassen, hatte ihn bisher nur ein einziges Mal gelobt, nämlich damals in Madrid, als er sein Gedicht vorgetragen hatte. Dabei muss man einen Lyriker doch täglich loben, gleichzeitig all seine Kollegen beschimpfen und ihn selbst auf Knien anbetteln, er möge dir noch einmal sein neuestes Meisterwerk vorlesen. Wenn du es nicht tust, dann wird er anfangen, dich zu verachten …“ (S. 199 f)

Der Literaturexpress von Lasha Bugadze ist manchmal ganz lustig und meistens ganz langweilig. Fazit: Viel Wuschibuschi um nichts.

Veröffentlicht unter 2017

Trumps Läuterung ?

Jetzt, wo Trump seinen sinnfreien Hau-drauf-Militärschlag gegen Syrien veranlasst hat, sind die Qualitätsmedien voll des Lobes für seine „Einsicht“, für seine „Läuterung“ oder gar „Kehrtwende zur Vernunft“.

Andere, die Trumps eigenmächtige Entscheidung nicht so gut finden, loben Obama und finden ihn nachträglich vernünftig, weil er vor vier Jahren, als es ebenfalls einen Giftgasangriff in Syrien gegeben hatte und Assad sofort als der Schuldige ausgemacht war, nicht gleich losgeschlagen hat.

„Vernünftig“ war damals Obamas Nichteingreifen, weil die US-Geheimdienste plötzlich zutage brachten, dass das gerade angewandte Giftgas beileibe nicht aus den Chemieküchen Assads stammte, sondern aus den türkischen, in Kooperation mit den Radikalislamisten von al-Nursa. Da wäre ein US-Militärschlag auf Assads Truppen wohl extrem dämlich (= dem Wahlvolk nicht vermittelbar) gewesen. (Quelle: M. Lüders, „Die den Sturm ernten“)

Wer jetzt hinter dem jüngsten Giftgas-Angriff gegen die syrische Stadt Chan Scheichun vor drei Tagen steckt, ist noch gar nicht geklärt. Und laut Pressekonferenz gestern werden die chemischen Rückstände ausgerechnet in der Türkei untersucht. Na ja …

Veröffentlicht unter 2017

Krieg der Pollen

Ist das ein blöder Frühling! Strahlende Sonne und Blütenpracht die volle Dröhnung, und ich hab Heuschnupfen, dass ich kaum aus den Augen gucken kann. Und weil die Atmosphäre so pollengeschwängert ist, denke ich dauernd an Radioaktivität. An 1986. Da gab es nämlich einen ganz besonders strahlenden Sommer. Ein paar Monate davor, im April, war Tschernobyl in die Luft geflogen. Jetzt bogen sich die Äste der Obstbäume unter der Last der Birnen und Äpfel. An jedem Baum ein Haufen Schneewittchenäpfel, schön und vergiftet und die durften wir nicht essen. Sie blieben einfach hängen. Niemand griff danach. Und ich lasse heute die Tür zu und sehe die Schönheit des Tages hinter einer Scheibe.

Veröffentlicht unter 2017

Was uns ganz besonders nervt …

Eine japanische Kampfmaschine ist sie. Da habe ich ein Akzeptanzproblem, weiß ich selber, in (fast) jeder Disziplin on the top und ihr Kopf always hard at work, immer, immer, keine Abwechslung, kein Spaß, und wenn ich mir mal einen erlaube – irgendwas dazwischen frage: nach der neuesten Ausscheidung bei GNTM oder was jetzt die Eiskugel in der Neckargasse kostet oder wer eigentlich alles schon den Führerschein hat -, dann meldet sie sich und fragt, was das mit dem Thema zu tun habe.

Äh, nichts! Hat sie außer Kopf auch Körper? Muss irgendwie. Ihr Schuhwerk, in dem sie stets zehn Minuten zu früh reinmarschiert kommt, hängt an was dran. Füße, Beine  – weiß sie was davon?

Ich weiß ja: Was uns ganz besonders nervt, hat ganz besonders irgendwie mit uns selbst zu tun. Stammtischweisheit. Müsste da vielleicht nochmal in mich gehen…

Veröffentlicht unter 2017

Die den Sturm ernten

Auf der Pressekonferenz der Bundesregierung zum US-Militärschlag auf eine syrische Luftwaffenbasis eiern gerade Regierungssprecher Seibert und der stellvertretende Sprecher des AA, Sebastian Fischer, rum.
Wie sicher die Bundesregierung überhaupt sei, dass der Giftgasangriff vor zwei Tagen gegen die syrische Stadt Chan Scheichun auf Assad zurückgehe?, werden sie gefragt.
Fischer antwortet: „Wir sind uns sehr …, ähm, das ist eine Sache der Plausibilität, und es erscheint uns sehr plausibel, dass Assad hinter dem Anschlag steckt.“
Das Wörtchen „sicher“ ist ihm nicht über die Lippen gekommen. Und wer die Ausführungen von Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders vorgestern Abend bei Lanz gehört oder vielleicht sogar schon sein Buch „Die den Sturm ernten“ (Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte. C. H. Beck, München 2017) gelesen hat, der steht fassungslos vor dem Marionettentheater unserer Regierungsverantwortlichen.

 

Veröffentlicht unter 2017

Beautyprogramm

Ich brauche ein paar Pflegeprodukte und gehe zum Müller. Eine Beautyexpertin mit so einer Grundgenervtheitsattitüde zeigt mir vier Tiegel und Tuben, schraubt sie trotz ihrer monstermäßigen Glitterplastiknägel mühelos auf, lässt mich dran schnuppern, während ihr Kompetenzblick mein Outfit scannt, und stellt sie schließlich in einer Reihe vor mir auf, um klarzustellen, was fällig ist.

Ich sage, ja, also alles zusammen ist mir jetzt eigentlich zu teuer, die Nachtcreme, die bleibt erstmal da, brauche ich ja nicht so oft.

Wieso nicht?, fragt sie streng, und ich erzähle ihr, dass ich mich abends oft nicht mehr abschminke – Nachtarbeiterin und so – und das Make-up erst morgens mit dem Haarwaschen entferne.

Mit Shampoo?, fragt sie entgeistert, und ich sage, na ja, alles in einem eben, und sie total angewidert: Sachen, gibts! Sowas hab ich ja noch nie gehört!

Noch nie? Ich überlege, warum ich ihr diesen Quatsch überhaupt erzähle, die Tante kommt von einem anderen Stern, die hält das abendliche Pflegeprogramm für die Achse des Guten. Geht die doch nichts an, wie oft ich und so weiter, und ich bin jetzt aber auch ein bisschen verunsichert: Schaffen das denn ALLE? Regelmäßig? Diese umfassende Prozedur mit Reinigung und Regenerationsmittelchen – bevor sie ins Bett fallen? Bin ich die einzige, die, sagen wir, das nur in größeren Abständen hinkriegt?

Ich nehme dann erstmal gar nichts. Rechtzeitig fällt mir ein, dass L. mir neulich eine ganze Tüte voll Proben geschenkt hat. Gutes Kind!

 

Veröffentlicht unter 2017

Full House

Knallroter Feuerball am Horizont. Noch zwei Stunden Fahrt, dann bin ich zu Hause. Nächster Halt: Mannheim. Und wenn ich nachher in meine Wohnung komme, ist Steve wieder da und Gisela, die ihn heute nach Tübingen zurückfährt, weil das Semester bald wieder losgeht. Wahrscheinlich sitzen sie gerade an meinem Esstisch. Komisches Gefühl. Gisela will noch bis Mittwoch bleiben, Karinas Zimmer steht ja leer. Meine umtriebige Mitbewohnerin hat eine Wohnung gefunden und ist ausgezogen. Keine funny Männergeschichten mehr. Schade, einerseits. Andererseits: ich kann nicht gut schreiben, wenn die Bude voll ist. Das Zimmer wird deshalb vorerst nicht wieder vermietet. Jedenfalls solange nicht, bis ich mit dem Buch fertig bin. Die Stille der Nacht, die brauche ich wie andere Wasser zum Leben.

Veröffentlicht unter 2017

Stellenangebot

B. hat ein ganz tolles Jobangebot in der Türkei. Wir müssen uns schnell entscheiden und wahrscheinlich schon nächsten Monat umziehen. Ruf mich doch mal zurück.

Ich lese die SMS auf dem Weg nach B.N., wo ich eine DVD für meinen Unterricht am Montag abholen will. Der Schrecken schießt wie ein Stromschlag in mich rein. Gestern war doch alles noch so in Ordnung. Und jetzt?

Schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Abgründe tun sich vor mir auf. Blicken die gar nichts? Wie verrückt tippe ich L.’s Nummer ein. Sie nimmt nicht ab. War ja zu erwarten. Ich tippe nochmal, höre aber mittendrin auf. Nicht zu oft, ermahne ich mich, wenn bei dir einer fünf Mal hintereinander anruft, bist du auch obergenervt. Also B.’s Nummer. Doch auch B. nimmt nicht ab. Also die Nummer von B.’s Eltern. Die werden doch wohl. Die werden das doch wohl ganz genauso einschätzen. Auf B.’s Eltern ist Verlass. Sind aber offenbar nicht zu Hause. Oder noch im Bett. Oder keinen Bock. Ich renne los, irgendwo muss die Energie hin. Ich bin so aufgebracht, dass ich mein Handy hinschmeißen möchte. Ich male mir schon den Knall und die übers Asphalt spritzenden Handy-Innereien aus. Das tut gut. Das ist das einzige, was gerade gut tut. Auf einer anderen Bewusstseinsebene teste ich im Schnellverfahren Formulierungen durch. Bloß nichts Besserwisserisches. Dann gehen die erst recht! Nur um dir zu zeigen, was du für eine ängstliche, rassistische, islamophobische Spießerin bist. „Die Türkei ist auf dem besten Weg in den Faschismus“. (Klingt gut.) „Wäret ihr auch nach Hitler-Deutschland gegangen? Wegen einem Stellenangebot?“ (Zu provokant. Löst Widerstand statt Zustimmung aus.) „Was meinst du, warum die euch das anbieten? Weil gerade kein anderer freiwillig in die Türkei geht!“ (Zu abwertend.) „Die Akademiker, die Professoren, die Künstler, die Intellektuellen, die hauen gerade aus der Türkei ab. Und ihr wollt da rein?“ (Exakt! Das werde ich sagen. Das ist mein Einstieg.)

Nach einer Stunde meldet sie sich.

Na, wie gehts?, frage ich harmlos und superpädagogisch.

Und? Was sagst du? Gut, oder? (Meine Tochter! Immer positiv.)

Nee, sage ich. Gar nicht gut!

Wieso nicht? (Künstliches Erstaunen, gepaart mit leichter Gereiztheit)

Weil es gefährlich ist! Seid ihr verrückt? Die Akademiker, die Professoren, die Intellektuellen, die hauen gerade ab, und ihr …

Ach, die Presse übertreibt doch immer. (Die gemütliche Stimme meiner Tochter).

Was meinst du wohl, warum die euch das anbieten? Weil gerade kein anderer freiwillig … aber ihr, ihr glaubt wohl …

April, April!, schreit sie gerade noch rechtzeitig.

Und ich beschließe, heute niemanden mehr reinzulegen.

Veröffentlicht unter 2017

Jetzt in der Sekunde

Freitag. Den Tag heute bei 24 Grad und Sonnenschein in Köln mit L. verbracht (wärmster März seit Klimaaufzeichnung). Entspannt über alles mögliche gequatscht, gute, peacefulle Stimmung.

In der S-Bahn leuchtet plötzlich das Datum auf, 31.03.2017, die roten LED-Ziffern brennen sich in meine Netzhaut, und das ist einer dieser Augenblicke, wo du denkst, jetzt in der Sekunde stimmt irgendwie alles – kein falsches Wort, statt dessen lauter richtige Worte – die Zeit hält den Atem an, und das willst du dir bis in alle Ewigkeit merken.

Abends zum Konzert in die Bonner Harmonie. Weil ich seit Tagen üblen Heuschnupfen habe und fast schon einen Hass auf das explodierende Blühen ringsum, ist das Klima in der gerammelt vollen Bude ohne Belüftungsanlage mit den Ausdünstungen von 450 Menschen geradezu eine Kur. Wie in einer dieser Tropfsteinhöhlen für Asthmakranke. PM steht dicht neben mir und freut sich über Brothers in Arms, von einem richtig guten Gitarristen. Ich freue mich auch. Ich huste nicht mehr. Ein praller Tag, ein Tag wie ein Geschenk.

Veröffentlicht unter 2017

Menschenmaterial

Der Dieb von Fuminori Nakamura ist endlich wieder ein Buch, das Spaß macht. Spaß im Sinne von Genuss. Es ist die Geschichte eines Taschendiebes aus Tokio, der durch Verstrickungen in der Vergangenheit in die Hände eines mächtigen Unterweltmoguls fällt. Für dieses menschliche Monster, hinter dessen Maske des virtuosen Strippenziehers nichts als ein gelangweilter, psychopathischer Sadist zum Vorschein kommt, muss er einen Auftrag ausführen.

Mit reduzierter Sprache führt uns der Autor in die Abgründe des Metropolen-Undergrounds und zugleich in die Seelenabgründe seiner Protagonisten: eines Diebes, der den Anschluss auf die andere Seite der Gesellschaft verpasst hat, und eines kriminellen Marionettenspielers, der sich auf Augenhöhe mit Gott begibt.

Ohne zu verurteilen, allein mit sprachlichen Mitteln reduziert Nakamura Menschen auf Menschenmaterial. Wer ist Opfer, wer Täter? Und das ist dann wahrhaft virtuos.

Das Buch schenkt dir Bilder, die dir im Kopf bleiben.

Veröffentlicht unter 2017