Nationa non grata

Unglaublich, die Amis. Sagte gestern Trumps Sprecher Sean Spicer in Bezug auf Assad, nicht mal Hitler habe sich so bestialisch verhalten, dass er Giftgas einsetzte!

Nun, dass die Amis nicht geschichtsfest sind, weiß man. Aber einfach mal (wieder) Hunderttausende Tonnen Napalm und Agent Orange, breitflächig auf Korea, Vietnam und Laos verstreut, zu ignorieren, ist das, was die unerträglichen Amis eben so unerträglich macht. Diese Hybris und diese Selbstgerechtigkeit – und wer die Grenze überschritten hat zur Atombombe, ist moralisch sowieso nationa non grata ….

Veröffentlicht unter 2017

Flashback

Frau Drrrreiecker nannte mich meine sozial auffällige Vermieterin in Lustnau, was ein Teilort von Tübingen ist. Sie hatte mehrere Sprachfehler, von denen einer das rollende R war. Sowohl die erste als auch die zweite Hälfte meines Namens überstanden den Weg in ihr Gehirn nur lädiert bis zur Fastunkenntlichkeit, um sich dort für alle Zeiten falsch einzunisten. Die ersten Tage in meinem neuen Heim dachte ich, sie mache nur Scheiß und verfüge über einen besonders skurrilen Humor. Sie durchschnüffelte meine Post und kommentierte sie wortreich, aber unverständlich – Sprachfehler plus Brutalstschwäbisch. Sie behauptete, meine Post nicht anzurühren (was ein wenig unlogisch war). Sie stieg mir bis in mein Zimmer hinterher, wenn sie am Reden war und kein Ende fand. Da blieb sie dann stehen, sogar wenn ich schon mal anfing mich auszuziehen. Sie hängte geräucherte Würste in meinem Flur auf, wenn ich nicht da war, für schlechte Zeiten oder für die Ewigkeit. Sie schnaufte und schwitzte. Sie keifte für ihr Leben gerne mit ihren Untermietern. Sie trug Nylonkittel mit halbem Arm und Blumendruck wie diese Hausfrauen auf Witzseiten. Sie war eine, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Solche Frauen gab es in Märchenbüchern oder lahmen Omageschichten von vor dem Krieg, aber doch nicht in echt? Sie nannte mich kleptoman, weil ich von der falschen Klorolle abgerollt hatte – insgesamt gar es vier an der schiefen Wand! Woher wusste sie das? Und – noch erstaunlicher – woher hatte sie diese Vokabel? Ich musste lachen, als sie sie mir von oben durchs Küchenfenster entgegen schrie. So unpassend schoss es aus ihrem schwäbischen Schandmaul, dieses wissenschaftlich reine Wort, dass es mir auf einmal als etwas Schönes vorkam. Weil ich lachte mitten auf der Dorfstraße von Lustnau, wollte sie mir kündigen, was nicht ging, jedenfalls nicht so schnell. Ich ging dann selber, ließ diesen merkwürdigen Ort mit dem merkwürdigen alten Eckhaus mit der merkwürdigen Frau hinter mir, wie man eine schwierige Matheaufgabe nach zwei, drei Versuchen bleiben lässt, weil sie einen weniger überfordert, als vielmehr unterirdisch wenig interessiert.

Ich war zwanzig, ich kam aus dem Ruhrpott, ich war auf Rock ’n‘ Roll eingestellt und auf die Weltrevolution, was sollte ich am Arsch der Welt?

Veröffentlicht unter 2017

Der Literaturexpress

„… Und ich hatte ihn im Stich gelassen, hatte ihn bisher nur ein einziges Mal gelobt, nämlich damals in Madrid, als er sein Gedicht vorgetragen hatte. Dabei muss man einen Lyriker doch täglich loben, gleichzeitig all seine Kollegen beschimpfen und ihn selbst auf Knien anbetteln, er möge dir noch einmal sein neuestes Meisterwerk vorlesen. Wenn du es nicht tust, dann wird er anfangen, dich zu verachten …“ (S. 199 f)

Der Literaturexpress von Lasha Bugadze ist manchmal ganz lustig und meistens ganz langweilig. Fazit: Viel Wuschibuschi um nichts.

Veröffentlicht unter 2017

Trumps Läuterung ?

Jetzt, wo Trump seinen sinnfreien Hau-drauf-Militärschlag gegen Syrien veranlasst hat, sind die Qualitätsmedien voll des Lobes für seine „Einsicht“, für seine „Läuterung“ oder gar „Kehrtwende zur Vernunft“.

Andere, die Trumps eigenmächtige Entscheidung nicht so gut finden, loben Obama und finden ihn nachträglich vernünftig, weil er vor vier Jahren, als es ebenfalls einen Giftgasangriff in Syrien gegeben hatte und Assad sofort als der Schuldige ausgemacht war, nicht gleich losgeschlagen hat.

„Vernünftig“ war damals Obamas Nichteingreifen, weil die US-Geheimdienste plötzlich zutage brachten, dass das gerade angewandte Giftgas beileibe nicht aus den Chemieküchen Assads stammte, sondern aus den türkischen, in Kooperation mit den Radikalislamisten von al-Nursa. Da wäre ein US-Militärschlag auf Assads Truppen wohl extrem dämlich (= dem Wahlvolk nicht vermittelbar) gewesen. (Quelle: M. Lüders, „Die den Sturm ernten“)

Wer jetzt hinter dem jüngsten Giftgas-Angriff gegen die syrische Stadt Chan Scheichun vor drei Tagen steckt, ist noch gar nicht geklärt. Und laut Pressekonferenz gestern werden die chemischen Rückstände ausgerechnet in der Türkei untersucht. Na ja …

Veröffentlicht unter 2017

Wo ist der Deinhart?

Jan Böhmermann alias Jim Pandzko hat mal wieder zugeschlagen. Gegen das deutsche Pop-Liedgut. Gegen die „seelenlose Kommerzkacke“, die „Tiefe vorgaukelt“. Im Klartext: Gegen das Tim-Bendzko-Pseudogeträller und seine inzwischen ununterscheidbare Epigonentruppe (Max Giesinger u.v.m.). Gegen all das singt Böhmermann/Pandzko sich mit „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ gerade an die Spitze der meist geklickten Musikvideos auf Youtube. Der Text ist irgendwie mit der Hilfe von Affen entstanden, kann also jeder Arsch…(?), und er würde ohne weiteres, zusammen mit der eingängigen Melodie, im Radio, sprich in den Charts, funktionieren. Soviel zur intellektuellen Beschaffenheit der derzeitigen deutschsprachigen Musikszene! Im Videoclip ein eins zu eins damit korrespondierender Böhmi mit tragischem Haarschnitt und Weltschmerzblick (Jammern auf maximalhohem Niveau)… Großartige Aktion, genau auf der Ebene sollte er weitermachen …

Was du hast, können viele haben
Aber was du bist, kann keiner sein
Es ist ein schönes Gefühl
Zu wissen, dass Du da bist

Ich brauch mal wieder Zeit mit dir
Das schwarze mit der blonden Seele
Der gute Stern auf allen Straßen

An alle da draußen: Anders sein ist gut
Alle Wege führen nach Rom
Wir trampen nach Alaska
Barfuß durch den Regen

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!

Versucht jeden Tag ein Stück mehr ihr zu sein
Today is gonna be the day
Die Welt stürzt auf mich ein
Strom ist gelb
Eine Allianz fürs Leben

Messer, Gabel, Schere, Licht
Sind für kleine Kinder nicht
Fruchtalarm Ich liebe es
Irgendwann erfrischt es jeden

Was man nicht im Kopf hat
Das hat man in den Beinen
Perfekter Halt für’s Haar
Wer schön sein will muss leiden
Leg einfach mal die Zweifel ab

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!

Ein König, Ein König, Ein König
Heute ein König
Heute ein König

Wo ist der Deinhart?

Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)
Menschen, Leben, Tanzen, Welt
O-eo-o, o-o-ehooo!
(Ein König, Heute ein König)

Veröffentlicht unter 2013

Krieg der Pollen

Ist das ein blöder Frühling! Strahlende Sonne und Blütenpracht die volle Dröhnung, und ich hab Heuschnupfen, dass ich kaum aus den Augen gucken kann. Und weil die Atmosphäre so pollengeschwängert ist, denke ich dauernd an Radioaktivität. An 1986. Da gab es nämlich einen ganz besonders strahlenden Sommer. Ein paar Monate davor, im April, war Tschernobyl in die Luft geflogen. Jetzt bogen sich die Äste der Obstbäume unter der Last der Birnen und Äpfel. An jedem Baum ein Haufen Schneewittchenäpfel, schön und vergiftet und die durften wir nicht essen. Sie blieben einfach hängen. Niemand griff danach. Und ich lasse heute die Tür zu und sehe die Schönheit des Tages hinter einer Scheibe.

Veröffentlicht unter 2017

Was uns ganz besonders nervt …

Eine japanische Kampfmaschine ist sie. Da habe ich ein Akzeptanzproblem, weiß ich selber, in (fast) jeder Disziplin on the top und ihr Kopf always hard at work, immer, immer, keine Abwechslung, kein Spaß, und wenn ich mir mal einen erlaube – irgendwas dazwischen frage: nach der neuesten Ausscheidung bei GNTM oder was jetzt die Eiskugel in der Neckargasse kostet oder wer eigentlich alles schon den Führerschein hat -, dann meldet sie sich und fragt, was das mit dem Thema zu tun habe.

Äh, nichts! Hat sie außer Kopf auch Körper? Muss irgendwie. Ihr Schuhwerk, in dem sie stets zehn Minuten zu früh reinmarschiert kommt, hängt an was dran. Füße, Beine  – weiß sie was davon?

Ich weiß ja: Was uns ganz besonders nervt, hat ganz besonders irgendwie mit uns selbst zu tun. Stammtischweisheit. Müsste da vielleicht nochmal in mich gehen…

Veröffentlicht unter 2017

Die den Sturm ernten

Auf der Pressekonferenz der Bundesregierung zum US-Militärschlag auf eine syrische Luftwaffenbasis eiern gerade Regierungssprecher Seibert und der stellvertretende Sprecher des AA, Sebastian Fischer, rum.
Wie sicher die Bundesregierung überhaupt sei, dass der Giftgasangriff vor zwei Tagen gegen die syrische Stadt Chan Scheichun auf Assad zurückgehe?, werden sie gefragt.
Fischer antwortet: „Wir sind uns sehr …, ähm, das ist eine Sache der Plausibilität, und es erscheint uns sehr plausibel, dass Assad hinter dem Anschlag steckt.“
Das Wörtchen „sicher“ ist ihm nicht über die Lippen gekommen. Und wer die Ausführungen von Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders vorgestern Abend bei Lanz gehört oder vielleicht sogar schon sein Buch „Die den Sturm ernten“ (Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte. C. H. Beck, München 2017) gelesen hat, der steht fassungslos vor dem Marionettentheater unserer Regierungsverantwortlichen.

 

Veröffentlicht unter 2017

Beautyprogramm

Ich brauche ein paar Pflegeprodukte und gehe zum Müller. Eine Beautyexpertin mit so einer Grundgenervtheitsattitüde zeigt mir vier Tiegel und Tuben, schraubt sie trotz ihrer monstermäßigen Glitterplastiknägel mühelos auf, lässt mich dran schnuppern, während ihr Kompetenzblick mein Outfit scannt, und stellt sie schließlich in einer Reihe vor mir auf, um klarzustellen, was fällig ist.

Ich sage, ja, also alles zusammen ist mir jetzt eigentlich zu teuer, die Nachtcreme, die bleibt erstmal da, brauche ich ja nicht so oft.

Wieso nicht?, fragt sie streng, und ich erzähle ihr, dass ich mich abends oft nicht mehr abschminke – Nachtarbeiterin und so – und das Make-up erst morgens mit dem Haarwaschen entferne.

Mit Shampoo?, fragt sie entgeistert, und ich sage, na ja, alles in einem eben, und sie total angewidert: Sachen, gibts! Sowas hab ich ja noch nie gehört!

Noch nie? Ich überlege, warum ich ihr diesen Quatsch überhaupt erzähle, die Tante kommt von einem anderen Stern, die hält das abendliche Pflegeprogramm für die Achse des Guten. Geht die doch nichts an, wie oft ich und so weiter, und ich bin jetzt aber auch ein bisschen verunsichert: Schaffen das denn ALLE? Regelmäßig? Diese umfassende Prozedur mit Reinigung und Regenerationsmittelchen – bevor sie ins Bett fallen? Bin ich die einzige, die, sagen wir, das nur in größeren Abständen hinkriegt?

Ich nehme dann erstmal gar nichts. Rechtzeitig fällt mir ein, dass L. mir neulich eine ganze Tüte voll Proben geschenkt hat. Gutes Kind!

 

Veröffentlicht unter 2017

Full House

Knallroter Feuerball am Horizont. Noch zwei Stunden Fahrt, dann bin ich zu Hause. Nächster Halt: Mannheim. Und wenn ich nachher in meine Wohnung komme, ist Steve wieder da und Gisela, die ihn heute nach Tübingen zurückfährt, weil das Semester bald wieder losgeht. Wahrscheinlich sitzen sie gerade an meinem Esstisch. Komisches Gefühl. Gisela will noch bis Mittwoch bleiben, Karinas Zimmer steht ja leer. Meine umtriebige Mitbewohnerin hat eine Wohnung gefunden und ist ausgezogen. Keine funny Männergeschichten mehr. Schade, einerseits. Andererseits: ich kann nicht gut schreiben, wenn die Bude voll ist. Das Zimmer wird deshalb vorerst nicht wieder vermietet. Jedenfalls solange nicht, bis ich mit dem Buch fertig bin. Die Stille der Nacht, die brauche ich wie andere Wasser zum Leben.

Veröffentlicht unter 2017