Elle – Maske und Demaskierung

Elle“ ist ein Film, der viel Interpretationsraum offen lässt. Er erklärt wenig, spielt mit vielen, vielleicht zu vielen Handlungsmotiven und übertreibt es nicht mit dem Voyeurismus des Publikums.

Ich hatte gedacht, der Film geht in die Richtung von „Secretary“ von Steven Shainberg. Dem ist nicht so. „Elle“ ist eher eine (satirische?) Abrechnung mit der französischen Bourgeoisie und ihrem allgegenwärtig drohenden Höhenfall. So hat die Vergewaltigungsszene gleich am Anfang, auch wenn das verwundern mag, viel weniger eine sexuelle Komponente als eine machtpolitische. Parallel dazu ist die Protagonistin Michèle Chefin einer IT-Firma, die PC-Games entwickelt. Kühl und ausschließlich mit Dollarzeichen in den Augen statt mit Anzeichen sexueller Erregung, betrachtet sie immer wieder die pornographisch aufgeheizten Game-Sequenzen, an denen ihre Entwickler bis in die Nächte rein tüfteln und die nur eins sollen: Emotionen aufkochen, um sich auf dem Markt durchzusetzen.

Isabelle Huppert spielt die reiche, intellektuell hartgesottene, hart arbeitende Pariser Oberschichtsfrau Michèle, die sich auf allen Ebenen durchsetzt. Sie hat es geschafft, sie zeigt es der Welt! An ihrem Geldbeutel hängen mehrere unfähige, verarmte Famlienmitglieder: Ihr Looser-Exmann, ihr Looser-Sohn samt seiner Looser-Kleinfamilie, ihre verzweifelt geliftete Looser-Mutter. Weich, das heißt sexuell stimuliert, wird sie nur beim Anblick ihres hübschen, verdammt jungen Nachbarn. Ironie des Schicksals: Genau der ist ihr maskierter Vergewaltiger. Als seine Maske fällt, ist der Zuschauer wenig überrascht: Die Auflösung ist traurig, aber im Fluss der Handlung absolut folgerichtig.

Wir sehen viel, wir können uns noch mehr denken – zum Beispiel über den Tunichtgut von Sohn, der einem irgendwie sauleid tut, oder über Gewalt als Befreiungsschlag – aber vor allem geht es, wie in so unendlich vielen französischen Spielfilmen, um eine Heldin, die von männlichen wie weiblichen Penetrationsphantasien förmlich umzingelt ist. Das nervt ein wenig. Weil es, als gesellschaftsdramatisches Motiv, so abgegriffen ist.

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Der Mond mal wieder

Der Mond hat sich in ein leuchtendes Kissen gekuschelt, da liegt er pfirsichfarben auf blauem Samt, und irgendwie sind das genau die Farben, die ich gerade bei einem Kleid gesehen habe, das mir nicht aus dem Kopf geht.

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Axt und Amok

Irgendwie sind gerade ziemlich viele Geistesgestörte mit Äxten unterwegs, um Passanten, u.a. 13-jährige Mädchen, zu zerhacken. Gestern neun Tote, heute wieder einer … Scheint sehr ansteckend zu sein, diese Geisteskrankheit. Was macht man eigentlich, wenn so einer auf einen zukommt? Was ist der Unterschied zwischen einem jugendlichen Amokläufer und einem erwachsenen Axthacker? Gibt es auch nicht-geistesgestörte Axthacker und Amokläufer? Was macht einen Einzeltäter besser als einen Gruppentäter? Fragen über Fragen ….

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Lifeshow

Lesung gestern Abend ein voller Erfolg. Der Laden (Rosa Lux) war gut besetzt, die Texte kamen an, das Publikum wohlwollend & interessiert, was man auch an den anschließenden Fragen gemerkt hat, die Mädels und Junge sehr aufgeregt & hinterher sehr glücklich.

Lorenzo Zimmer von der Presse überraschend angetan von den Texten (das Schwäbische Tagblatt gibt sich ja gerne mal überkritisch). Er ist jung und souverän und kann nachvollziehen, dass das, was wir da machen, nicht alltäglich ist. (Wer schreibt, wer arbeitet noch an seinen Texten?)

Feeling: Entspannte Wir-unter-uns-Wohlfühlstimmung. Bestuhlung, Beleuchtung, bedenkende Warmworte – alles im richtigen Maß.

Anschließend zu neunt Pizza essen im Gutenberg, das jetzt Osteria Da Michele Zum Gutenberg heißt. Wie in einer Art Lifeshow stellt der italienische Wirt im Gastraum Mozzarella her und verteilt das fertige Produkt aus dem riesigen Bottich direkt an die Gäste, was bei manchen (Schwaben?) zu sichtbaren Irritationen führt: Ist das umsonst? Die Mädels finden das alles sehr funny und hauen rein. Sie haben einen Blick fürs Skurrile. An den Nachbartischen lauter Leute, die bei unserer Lesung waren und jetzt neugierig weiterfragen. Schönes Gefühl, wenn Arbeit gewürdigt wird.

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Ich bin ein Mensch, der

Kennt wahrscheinlich jeder, diese Ansagen, die mit den Worten anfangen: Ich bin ein Mensch, der …

Wow, denkst du, was kommt jetzt, dass die – oder der – das so feierlich einleitet, und dann geht es weiter:

… grundsätzlich nichts plant! Oder: … keine Tiere isst! Oder: … die Wahrheit liebt!

Ja, toll. Und jetzt? Dann plan eben nich. Iss keine Tiere. Sag die Wahrheit. Tun andere auch. Is eigentlich jetzt nich so was Besonderes, ey!

 

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My Life is My Life

Ein paar special präzise Sätze der Mitscherlichs (darüber, dass die unbefangene Aufmerksamkeit, die kreative Phantasie und die geistige Beweglichkeit eines Einzelnen – oder eines ganzen Volkes – unterdrückt und verhindert werden, wenn alle Energie der Abwehr des Unbewältigten geopfert wird);

das Glitzern des Morgenlichts auf der bewegten Oberfläche der Ahr;

der alte Tisch vom Kalvarienberg-Flohmarkt, den ich nicht gekauft habe, weil PM die besseren Argumente hatte;

die Erinnerung an einen kurzen, aber intensiven Besuch gestern in Godesberg;

ein Bild, das noch fremd an der Wand lehnt und mir schon bald vertraut sein wird;

die auf dem Teppich verteilten Arbeiten, angefangen und nicht fertig geworden;

das Wissen, dass ich heute Abend zurückfahre und die Fahrt noch so weit weg scheint;

der Geruch meiner allmorgendlichen Kaffee-Kakao-Mische;

das Gesicht des noch schlafenden PM

– das alles ist mein Leben, meine Lebendigkeit, meine Phantasie und meine Aufmerksamkeit –

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Viel schlimmer

Kaum passiert etwas in der Welt, werden wir mit Bildern und schlauen Sprüchen zugespamt. Im Handumdrehen bekommt das Ereignis ein Image: Trump der Trottel, Putin der fiese Strippenzieher … Und ehe ich irgendwas erfasst habe vom wirklichen Ereignis, von den wirklichen HINTERGRÜNDEN – OMG!, was für ein antiquiertes Wort -, ist es schon mundgerecht durch den Medien-Fleischwolf gedreht.

Kauen? Überfüssig!

Dass die Interpretationen sehr oft ohne Informationen auskommen (wollen), spüren wir inzwischen. Inzwischen sind wir aufmerksamer. Zu viele Fehldeutungen, zu viele unbedachte Zitate, zu viele falsche Bilder – zum Beispiel im ZDF-Heute Journal – haben uns schon auf die falsche Fährte gesetzt und bei ihrer Entlarvung erschreckt: Was, sogar die Öffentlichen? Oder gerade die Öffentlichen?

Zu viele Ereignisse werden zu schnell totgeredet, verpackt, verschnürt und abgelegt, als dass ich sie dort auf dem Berg des Vergessens vor sich hin modern lassen könnte. Bei mir regt sich da eher der Trieb des Verbotenen: Verschnürte Pakete will ich aufreißen. Was verbirgt sich dahinter: Ist es etwa der Versuch, das Schreckliche in den Griff zu kriegen?

Eher nein! Eher sollen wir wohl daran gehindert werden, uns unsere eigenen Gedanken zu machen. Das Putin-Bashing wird mittlerweile bis zur Satiregrenze strapaziert. Ich kann die Nachrichten nicht mehr ernst nehmen. Wer mich nicht ernst nimmt, den nehme ich nicht ernst. So einfach ist das.

Es ist aber nicht nur einfach, sondern auch ärgerlich: Wozu brauche ich einen Journalismus, der über einen Kamm geschert scheint? Harald Martenstein schrieb am 23. Januar 2017 in seiner Zeit-Kolumne, er habe das Fernsehen aufgegeben, weil er sich an das Einheits-Regierungsfernsehen der DDR erinnert fühle.

(Wenn wir Claus von Wagner, Max Uphoff und ihre Anstalt nicht hätten …)

Jakob Augstein sagte kürzlich in einem Interview bei aspekte (ZDF): Keineswegs gebe es ein sogenanntes Meinungskartell, wie sich mancher Medienkonsument das vorstellt (ich auch irgendwie), weil es naheliegend erscheint angesichts der big Übereinstimmung in den Medien. Es gebe auch keine Absprachen. Es sei viel schlimmer: Die Journalisten seien überzeugt, es stimmt, was sie sagen! Die Absprachen, die Stimme von oben, sitze längst in den Köpfen der Berichterstatter selbst fest. Ohne große Not unterwerfen sie sich dem Mainstream. Kein Misstrauen, kein Drang, mal hinter die Fassade zu gucken, fechte sie an. Kritiklos übernehmen sie, kupfern sie ab, drucken sie ab, was bereits irgendein anderer zusammengeschrieben hat.

Damit werden die Medien zur Propaganda.

Was ich mir wünsche: Statt Horrorgeschichten über Trump, die langsam langweilig werden, wäre es doch jetzt mal an der Zeit, sich zusammenzusetzen und zu überlegen, welchen Weg die europäischen Staaten gehen könnten ohne die US-Wegweisung. Ganz konkret: Trumps Druck, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen – wo bleibt der Aufstand? Wo die unangenehmen Fragen von unabhängigen JournalistInnen? Von solchen, die selber kauen?

Und die auch ihre KonsumentInnen selber kauen, sprich: denken lassen?

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Schöne Begegnung

Schöne / herzliche / überraschende Begegnung in Bonn-Bad Godesberg mit einer Leserin meines Blogbeitrags Auschwitz ist überall. Daraufhin hatte sie mich kontaktiert und eingeladen: Sie war jahrelang die Sekretärin und Mitarbeiterin meines Großonkels Wolfgang Kaskeline.

Über viele Familienangehörige weiß man so gut wie nichts. W.K. hat nicht nur gemalt und gezeichnet, er hat auch Geschichten geschrieben und Dokumentarfilme gedreht.

Bei Kaffee und selbstgebackenem Käsekuchen stöbern wir in Bildern und Texten von ihm. Ich bekomme ein abstraktes Ölgemälde geschenkt. Es gefällt mir. Ich weiß schon, wo ich es aufhänge.

In Familien dominieren oft Gerüchte die Tatsachen, leider …

 

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Rosenmontag

Montag. Auf den Bahnsteigen von Mainz ziehen verkleidete Truppen – Prinzengarden, Monster, Kinderfeen – durch unbeteiligt vor sich hin starrende Reisende. Die einen sind im Feier- , die anderen im Arbeits- oder Reisemodus. Läuft so parallel – stehen zwei nebeneinander, sagt der mit der roten Pappnase: ich feiere gerade. Sagt der andere: Ich nicht. Auch in den Regionalzügen sitzen verkleidete Fahrgäste. Sie haben bunte Perücken auf, tragen Raketen oder Besen oder Leitern auf dem Rücken und fahren als Astronaut oder Putzfrau oder Schornsteinfeger von A nach B. Alles ganz peacefull.  Die Polizei von NRW hat die Asylanten aufgefordert, sich von Umzügen fern zu halten. In Köln gibt es eine Ini extra für Asylanten, die mitfeiern wollen. Auch ganz peacefull.

Im Intercity, der mich nach B.N. bringt,  schreit nur ein Baby. Wir sind jetzt in Bingen. Das dauert jetzt nicht mehr lange. Es geht uns gut von Arno Geiger ist mein aktueller Leseinput. Sehr konstruierter Aufbau, sehr gestelzte, unlebendige Dialoge („Aber was rede ich, familiäre Unambitioniertheit ist bei dir ja nichts Neues“, sagt die ca 25-jährige Johanna). Ironische Brechungen von Realität und Fiktion, okay, aber das alles ganz unwitzig, uncharmant. Ein Generationenroman, schon wieder…

Die FAZ hat mal den Begriff Hängekopfliteratur geprägt. Ich bin auch schon ganz deprimiert von der verdammt realistischen Darstellung des dementen Alten und seiner Checker-Frau, der er seit fünfzig Jahren das Leben versalzt. So viel checkt sie auch wieder nicht. Allumfassender Resignationsmodus jedenfalls, keiner der Generationenstellvertreter und -vertreterinnen kriegt was auf die Kette. Trotzdem hält mich irgendwas an dem Buch, vielleicht ist es gerade seine Sprödigkeit. Seine unwitzige, uncharmante Nachvollziehbarkeit. Kunst als Eins-zu-Eins-Abziehbild, dafür die hochintellektuelle Konstruktion, die ich gerade bei Wikipedia gegoogelt habe. (Der Roman will was, aber was?)

Es geht uns gut ist einer dieser Romane, die dich definitiv nicht zum Weinen bringen. Zum Lachen sowieso nicht. Wir sind lakonisch drauf. Lakonisch, lakonischer, am lakonischsten. Die Kritiker waren seinerzeit begeistert. Leute haben ihn geschenkt bekommen und nicht alle haben ihn zuende gelesen. Ich hab das Buch von einer Sammelstelle für Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, mitgenommen. Ein ausgesetztes Buch. Es ist wie neu, nur in den Anfangsseiten angelesen. Da hat einer die Regeln nicht eingehalten: gib dem Autor die 50-Seiten-Chance!

Ich lese das jetzt. Ganz! Ich bin Jonathan-Franzen-gestählt, was soll da noch kommen?

Und jetzt Lautsprecherdurchsage: Wir müssen alle raus. Der Zug wird umgeleitet, auf die andere Seite des Rheins. Mehrere Stationen entfallen dadurch, meine auch. Notarzteinsatz auf dem Gleis – jeder weiß, was das bedeutet –

Ende der Feier.

Wird wohl später werden –

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