Gute Besserung, Salman Rushdie

Jetzt ist es doch passiert!
Das Attentat auf Salman Rushdie ist einfach nur schrecklich. Er hat sich stets als Verbindung zwischen Ost und West gesehen – Einem war diese Verbindung offenbar ein Dorn im Auge. 33 Jahre ist die durch Ayatollah Khomeini ausgerufene Fatwa her, der Attentäter ist erst 24 Jahre alt. Ob er jemals die Satanischen Verse gelesen hat? In denen Rushdie sich auf eine alte islamische Tradition über das Leben Mohammeds beruft? Denken verboten! Während andere muslimisch geprägte Staaten sich längst davon distanziert haben, hat die iranische Regierung den Mordaufruf bis heute nicht zurückgenommen, über den Tod von dessen Verfasser hinaus.
Rushdie war vor Jahren auch mal in Tübingen, er konnte eine fast familiäre Wohnzimmeratmosphäre auf die Bühne zaubern. Ich wünsche ihm so sehr, dass er das Attentat überlebt und wieder gesund wird – und für & mit uns weiterdenkt und weiterschreibt. Die Welt braucht Stimmen wie seine.

Real Humans

Freitag. Die schwedische Serie Real Humans setzt fiktional um, was der Transhumanismus an Theorie liefert.
Ich finde die Serie sehr gut und gar nicht übertrieben:
Sogenannte Hubots, technikbasierte Menschen, fangen die kommunikativen und sozialen Defizite der Menschen auf und machen sich auf die Weise unentbehrlich – sei es in ihrer Funktion als devote Liebhaber*innen, als ergebene Arbeitssklaven, als nimmermüde Altenpflegerinnen oder als Kumpel im Dauer-Einverständnis-Modus.
Ein biobasierter Mensch erschießt sich und löst damit das Uploading seines Gehirns, seiner Gedanken und Emotionen auf die Festplatte eines Hubots mit exakt seiner Physiognomie aus – der ewige Mensch, wie TH-Vordenker Ray Kurzweil ihn imaginiert und für die nahe Zukunft prognostiziert hat: Die nächste evolutionäre Stufe auf dem Weg zum Maschinenmensch, aber nicht die letzte.
Nur an sehr wenigen, geradezu versteckten Stellen seiner Bücher rückt Kurzweil mit der Sprache raus: dass die menschliche Version aus Fleisch und Blut für den Datentransfer auf seinen Avatar sein Leben lassen muss. Er nennt es den “kleinen Schönheitsfehler”* in seinem Denkmodell.
Kurzweils unkritisch naive, von Ski-Fi-Filmen genährte Begeisterung wird in der Serie ersetzt durch einen unterschwelligen Grusel, der als Blaupause für die Plot-Entwicklung dient.
Eine Gegenbewegung ist auch in Sicht: die Anti-Hubot-Partei mit einer Parteijugend, die radikal genug ist, die Vernichtung der Hubots zugunsten des biobasierten Menschen einzufordern. Die Partei ist allerdings sehr klein, zudem wirken ihre Vertreter*innen tumb altmodisch und wie aus der Zeit gefallen: So verweigern sie Lebensmittel, die von Hubots produziert werden, was auf dem Etikett vermerkt sein muss. Die Hubots hingegen überzeugen durch Smartheit und Geschmeidigkeit – keine Frage, sie werden den alten Menschen hinter sich lassen. Insofern kann man sich nur ein dystopisches Ende vorstellen.

**Ray Kurzweil: Die Intelligenz der Evolution, KiWi 2020² S. 214

Deutschlandfunk Streitkultur V. Demuth contra C. J. Vieregge: Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?

Pinboard

Mittwoch. Die Hanutas und Prinzenrollenkekse, die ich für die Kids besorgt habe, um die letzten Tage im “Amt” zu überstehen, schmecken mir selbst nicht mehr. Sehr strange.  War doch immer ganz heiß darauf. Zuckerentwöhnt? Alterserscheinung? Veränderungen im Kleinen, um die großen zu kaschieren?

Der Merbold-Text ist soweit fertig. Feinschliff erfolgt später, sobald die fraglichen Stellen mit ihm abgeklärt sind.

Olenska Selena, die Ehefrau von Selenski, posiert in der aktuellen dt. Vogue neben Soldaten vor zerbombtem Flugzeug. Krieg als Fake? … von Annie Leibovitz dekorativ ins Bild gesetzt. Mir fehlen die Worte …

Gestern Abend in der Lernstub jüdische Auslegungen des Johannes-Prologs gelesen. Interessante Einsichten durch unseren tollen Harry Waßmann, der irgendwie doch noch nicht so ganz gegangen ist. Er macht auch das Wort zum Tag im SWR 2 (das ich noch nie gehört habe). Im August predigt er in der Eberhardskirche.

Wann ich wo im August bin, ist noch völlig offen. Lasse mich treiben und von mir selbst überraschen.

 

Gemischtes Doppel

Sonntag. Brunch bei A. und H. im Garten bei Sonnenschein unter einem Schatten spendenden Birnbaum. Gefüllte Eier, Tomatenkaltschale, überbackene Speckbrötchen, Salate … es geht uns gut.

Diskussionen / Fragen:

Warum bombardiert Russland den Hafen von Odessa einen Tag nach dem erfolgreichen / hoffnungmachenden Getreide-Deal zwischen Russland und der Ukraine?
H. + PM: Strategie der Verunsicherung.
A.+JV: ?

Wie noch auf Verhandlungen hoffen, wenn es in der Ukraine außer den üblichen kriegsbedingten Grausamkeiten immer wieder zum Einsatz von (international verbotenen) Landminen durch russische Streitkräfte kommt, denen vor allem Zivilpersonen zum Opfer fallen?
PM+JV: Weiterhoffen.
H. +A.: Gar keine Hoffnung.

Wer glaubt noch ernsthaft an den schnellen Ausbau erneuerbarer Energien? (Direkt im Nachbarort Rottenburg absehbar, blockieren die Initiativen Rückenwind und Gegenwind sich gegenseitig plus das Bauprojekt.) Oder sind die Überganstechnologien Gas, Kohle und evtl. bald wieder Atomkraftwerke gar kein Übergang?
A.+H.+PM+JV: Wahrscheinlich.

Hast du Angst vor einem kalten Winter?
A. + JV: Ja
PM + H.: Nein

Was kann man dagegen tun?
PM: Holz sammeln.
A. + H.: Wir kriegen keins.
PM: Ihr kriegt von uns. (Gefällte Bäume in Eisenach)
JV: Treffen im September?
A.+H.+PM: Passt!

Will noch jemand Kaffee?
A.+H.+PM+JV: Ja.

Pardigmenwechsel

Samstag. Das war’s!

56 Gedichtinterpretationen korrigieren, 200 Schnitte ausrechnen, Konferenzen absitzen, Hunderte Urteile im Schnelldurchgang fällen: eine Tortur. Die beiden Seiten nicht gerecht wird. Stimmung im “Amt” endgereizt. Das Gefühl von Überforderung und Sinnlosigkeit überfällt dich, wo der Zuversicht der Stecker gezogen wird. Persönliche intellektuelle Auseinandersetzung? Why that? Alles was du brauchst, steht auf Moodle. Aha, danke für nichts! Form ersetzt Inhalt – per Häkchensetzen.  Der Nachweis jederzeit abrufbar, was willst Du mehr?

Ja. Ich will mehr: Ab sofort nur noch Schreiben. Einen Lehrauftrag / 4 Stunden behalte ich bei, aus Nostalgie oder aus Spaß oder zum Abgewöhnen oder aus monetären Gründen, je nach Stimmung deutbar.

Letzte Woche ergiebiges Gespräch mit einer Agentin, die sich für das SachbuchProjekt interessiert. (Für den Roman leider nicht, sie erwähnte u.a. den dramatischen Papiermangel, der die Verlage zögern lässt, wo leben wir eigentlich …) Ein weiteres Gespräch steht noch aus. Pläne, Projekte …

Endlich tauche ich ab in die Bearbeitung des Merbold-Textes – das Interview fand schon im März statt! (Das mit der beeindruckenden Inge Auerbacher sogar schon vor einem Jahr.) Was hat dieser Mensch für ein Gedächtnis! Ohne auch nur ein einziges Mal zu recherchieren, spult er Zahlen, Maße, Daten ab wie eine Suchmaschine. Und ist trotzdem kein Technokrat, hat ein sinnliches Sprachgefühl, einen eigenen Duktus, den es bei allen notwendigen Kürzungen – von 40 auf ca. 10 Seiten – zu erhalten gilt.

Ich merke es mit jeder Seite, das ist mein Ding, dafür lohnt es sich aufzustehen. Am 31. Juli ist direkt das nächste Interview, mit einem Betroffenen der Ahrflut. Bis dahin muss der Text stehen. Nach seeeehr zähem Anlauf kommt die Sache jetzt in Fahrt.

Doch

Mittwoch. Kommt der Regen nun, oder wie? Ist das schwarze Wolkengebräu nur heiße Luft? Donnergrollen seit einer Stunde, Windböen zerzausen die Baumwipfel und treiben einen Müllsack vor sich her. Dann endlich, endlich klatschen die ersten Tropfen auf die staubtrockenen Terrassenfliesen. Ein Mann auf dem Balkon gegenüber hebt die Arme. Und er verneigt sich tief vor dem Regen. Das ist unglaublich berührend, zum Heulen schön.
Als ich wenig später aufschaue, ist der Himmel blutrot. Zeigt sein undurchschaubares Wesen, seine chaotische Spontanität, seine Unerreichbarkeit, seinen unverwüstlichen Optimismus. Ich fühle mich plötzlich geborgen wie ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest schaut.

Bertha und der Frieden

“Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecke mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegputzen zu wollen – nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden.” (aus: Die Waffen nieder)

Als erste Frau erhielt Bertha von Suttner den Friedensnobelpreis – für ihren zweibändigen Roman „Die Waffen nieder!“ und ihren unermüdlichen Einsatz für den Frieden.

Beitrag

Dienstag. Wenn das Wasser auch noch knapp wird, dann gibt’s Mord und Todschlag.” Sagt Petra, die ich in der Stadt treffe. Die Luft wabert in den Straßenschluchten, wir bewegen uns wie Zombies. Tritt man ins Freie, ist das ein Gefühl, als fiele man gegen eine heiße Wand. Unbeschreibliche 39,5 Grad in Deutschland, in vielen Teilen Europas. Die Themen in den Medien oder auf der Straße changieren zwischen Gasstopp (wenn Putin nicht liefert …, große, heuchlerische Entrüstung), Ölkrise, Inflation, Hitzewarnung, Wassermangel und Waffen für die Ukraine.
Warm duschen nur noch drei Minuten!, mahnt Wirtschaftsminister Habeck unseren privathaushaltlichen Beitrag für die Ukraine an.  Als hätten die Ukrainer was davon, wenn bei uns allmählich die Lichter ausgehen. Russische Soldaten fangen die Waffenlieferungen aus dem Westen direkt nach ihrer Ankunft ab und sprengen sie in die Luft. Der Westen liefert nach. (Baerbock, ganz auf Bellizismus gebürstet: “Russland darf nicht gewinnen!”) Um sich greifende Kriegstollheit kaschiert die Brisanz der globalen Katastrophe. Als ob sich Zwei um ein Haus streiten, dessen Dachstuhl brennt. Sie merken nichts, sind mit Kloppen beschäftigt. Manchmal frage ich mich, wie unsere derzeitige Situation in 30, 40 Jahren in den Geschichtsbüchern ausgelegt wird.
Sehr seltsame, dystopische Stimmung. Auch die Kids sind davon ergriffen. Schrecklich! (Wenn ich an das L.chen und das T.chen denke, zieht es mir das Herz zusammen.) Wie ausgemacht, dass der Kollaps unmittelbar bevorsteht. Wir wissen nur noch nicht, wann.

Real

Samstag. Als die Grünen noch dafür warben, nicht mehr nur Autos, sondern auch Menschenrechte und Umweltstandards zu exportieren …

Als Joe Biden nach dem brutalen Auftragsmord an dem Journalisten Jamal Kashoggi (2. Oktober 2018) ankündigte: “Die Saudis werden einen Preis dafür zahlen” … “Ich werde sie als die Paria behandeln, die sie sind” …

… Alles vergessen! Mit seinem tiefem Diener vor dem telefonierenden Scheich in Katar – welch ikonisches Bild! – und seinem Aushandeln von Flüssiggaslieferungen für Deutschland hat der grüngewaschene und grünwaschende Wirtschaftsminister Habeck das bisher gültige grüne Ethos über Bord geworfen. Sofern das durch den neugrünen Militarismus und die damit einhergehende Verunglimpfung von pazifistischen Werten nicht schon längst geschehen war.

Ist das Realpolitik?

Biden lässt sich auf seiner derzeitigen Nahostreise neben dem saudischen Mörderprinzen ablichten und demonstriert statt Ausgrenzung schulterklopfende Partnerschaft. Vergessen ist der zerstückelte, in Säure aufgelöste Kashoggi. Biden will fossile Energien, sprich Öl und Gas. Habeck auch.

Russland hat preiswerte Gas-, Öl- und Kohlereserven ohne Ende. Das von den EU-Mitgliedsstaaten beschlossene Öl- und Gasembargo bis Ende des Jahres ist für Russland so gut wie bedeutungslos, hat es doch im riesigen China und Indien sichere Großabnehmer gefunden. Von den angeblich bitteren Auswirkungen der EU-Sanktionen ist in Russland bisher viel weniger zu spüren, als der Westen sich erhofft hat (ich beziehe mich auf die Berichte von zwei derzeit in Sankt Petersburg studierenden Deutschen, die keinen Notstand feststellen, im Gegenteil: bis auf die vielzitierten Gucci-Handtaschen ist alles reichlich da). Diese Beobachtungen stimmen nicht mit den Berichten unserer Medien überein. Gesichert ist: Da die Preise für Öl und Gas immens gestiegen sind, ist Putin widersinnigerweise sogar Profiteur der EU-Strafen und hat deutlich mehr Einnahmen als davor.

Wie die Sanktionen, Embargos, Lieferstopps sich für Deutschland / die EU-Länder auswirken werden, kann letztendlich niemand beurteilen. Die Prognosen widersprechen sich heftig. Von “machbar” bis zu “gravierende Folgen” und “tiefe Rezession” ist alles drin.

Warum liefert Russland überhaupt noch an Länder wie Deutschland, die Russland ihrerseits mit never ending Sanktionen belegen? Eine der vielen Fragen, die ich mir nicht beantworten kann.

Warum Gas und Öl aus einem Staat, in dem Menschenrechte augenscheinlich nullkommanull Relevanz haben, so wahnsinnig viel besser sein soll als das Gas aus einem Land, das einen völkerrechtswidrigen Krieg führt, wie die USA es der Welt schon mehrfach vorgeführt haben, kann ich ebenfalls nicht beantworten.

Die Politiker*innen verzichten darauf, mir / uns Antworten auf diese Fragen zu geben. Entweder, weil sie keine haben, oder weil sie die Deutschen für so doof oder für so mit sich selbst beschäftigt halten, dass sie alles schlucken, was ihnen vorgekaut wird. (Ich vermute Letzteres.)

Um Absurdistan komplett zu machen: Die Ukraine bezieht ihr Gas über Umwege aus Russland, so Siegmar Gabriel vor einer Woche bei Lanz. Und wir? Wir kaufen Öl aus Indien – russisches Öl, das wir auf dem direkten Weg nicht mehr bekommen.

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Quelle: Gabor Steingart, The Pioneer Briefing, 15.07.22

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