Begegnungen der Woche

Sonntag. Treffen mit I. und G. – dem es tatsächlich wieder besser geht, Wunder gibt es eben doch – , Dorle und PM in der neu eröffneten Rosenau. Schöner Abend, alle möglichen Leute getroffen und Ulf Siebert erzählt Anekdötchen …

Vorher werfen PM und ich uns in den Samstagsverkehr mit Staus und Unfällen, beides zum Glück auf der Gegenfahrbahn, und kaufen bei Ikea einen Schreibtisch, einen Teppich, eine Kommode. Für meine neue Untermieterin. Entgegen allen Zweifeln ist es wieder so weit: Diesmal eine Chinesin, eine „internationale Wissenschaftlerin“, was immer das bedeutet, jedenfalls hat meine Neugier überwogen. Wer hat schon mal die Gelegenheit, mit einer Chinesin zusammen zu wohnen? Sie kommt nächste Woche und bleibt drei Monate, bis dahin muss ich es irgendwie schaffen, das Ikea-Mobiliar aufgebaut zu kriegen…

Das Arbeitsessen mit Christiane war kreativ & ergiebig und nebenbei haben wir die wiedereröffnete Forelle getestet (Daumen hoch).

PM ist vor einer Stunde wieder abgefahren, das ist traurig wie jedesmal und deshalb gehe ich jetzt dran, Terrasse und Balkon frühjahrstauglich zu machen und tonnenweise Unkraut aus den Ritzen zu kratzen (und diese hinterher mit Essigreiniger zu tränken, Geheimtipp vom Manni aus Ahrweiler).

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Dann doch nicht Assad

Freitag. Aus Syrien berichtet Uli Gack im Heute-Journal, ZDF.
Gack war heute in einem großen syrischen Flüchtlingscamp, wohin sich ca. 20.000 Menschen aus Duma u.a. Städten geflüchtet haben. Gespräche mit den Flüchtlingen ergaben ein anderes Bild als das, was uns bisher vermittelt wurde:
Die Menschen erzählen „in einem Ton der Überzeugung“, dass diese ganze Geschichte vom 7. April inszeniert worden sei von den Islamisten des IS. Der Ort des Geschehens sei eine Kommandostelle der Islamisten, sie hätten dort Chlorgasbehälter aufgestellt und nur darauf gewartet, dass dieser hochinteressante Ort von der syrischen Luftwaffe bombardiert würde, was ja dann auch geschehen sei. Dabei seien die Chlorgasbehälter wie vorgesehen explodiert. Solche Provokationen habe es schon mehrfach in Duma gegeben. Bei „Übungen“ des IS werde die Bevölkerung dem Chlorgas aussetzt, das würde dann gefilmt und die Aufnahmen als Beweismaterial benutzt, wie es am 7. April veröffentlicht wurde. Gack: „Irgendwas scheint dran zu sein.“
Wo bleibt das Medienecho? Der Spiegel greift das Thema nicht auf,  weil ihm irgendwelche Trump-Affären wichtiger erscheinen, bei den anderen sog. Leitmedien habe ich auch nichts gefunden. Schon schwierig, wenn unsere schönen Feindbilder Kratzer bekommen.
Die Untersuchungen zu dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Duma dauern an… 

Quelle: https://www.zdf.de/nachrichten/heute-19-uhr/videos/zitat-sgs-gack-syrien-100.html

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Typen gibt’s

Donnerstag. Dieser Typ, der dich so über die Schulter von unten anguckt, obwohl er größer ist als du, in dieser irgendwie kaputten Modelpose, eigentlich absolut gestellt, und verbal immer schön auf der Ironie-Ebene, weil er schnell denkt – wie du auch, was er weiß, sonst würde er sich nicht mit dir abgeben – , der sich, kaum erschallen von irgendwoher drei Takte Musik, direkt einen abdanct, lässige Schrittchen auf dich zu, von dir weg, die Schulter, ganz wichtig jetzt, kreist subtil, ein Insiderkreisen nach Jazzrhythmen sozusagen, dass dir das auch ja nicht entgeht, wie super der sich findet, wie der gleichzeitig eine coole Bemerkung nach der anderen raushaut, die nicht jeder versteht, nur er und du, da musst du schon auf Zack sein, um solchen Typen zu folgen, das ist ja der ganze Trick bei der Sache, und während du noch überlegst, ob der wohl kokst oder was, weil der immer so high-level ist, bist du schon eingewickelt wie von einer mittelerdigen Fleischfresserpflanze, da bist du nämlich doch nicht so schlau wie du glaubst, obwohl du ihn voll durchschaust mit seinen ganzen Maschen, stehst du immer noch hier, wie betört oder betäubt von seinem Fleischfesserpflanzengift …

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Frühlingslächeln

Mittwoch. Sonne lacht, Blende acht und der Himmel im schönsten Penatenblau. Da liegt ein allumfassendes Lächeln in der Luft, da vergesse ich glatt mal die Heuschnupfenattacke und lächle mit dem Frühling um die Wette.

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Gegenwart

Dienstag. Nach Mitternacht bzw. in den sehr frühen Morgenstunden klingelt das Telefon, es ist PM. Er ist in Eisenach in seiner alten Heimat bei seinen alten Kumpels in seiner alten Kneipe, die jetzt ein Hotel ist, sein Hotel, und er ist glücklich. Ich höre, was er erzählt und die Worte sucht für diese vollkommene Gegenwart oder Gegenwärtigkeit (es geht um Biersorten und ein Straßenfest und irgendeinen Joe) und bin es auch.
Dass es ihn gibt.

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Vertrauen ade!

Welche Rolle spielen Chemiewaffen in Syrien/Duma, und wer hat sie eingesetzt?

Assad war es. Darin sind sich alle einig, weshalb Trump heute Nacht eine Militäroperation gegen das Chemiewaffenprogramm des syrischen Regimes ausrief. An dem Angriff beteiligten sich auch Großbritannien und Frankreich.

Nach einer Stunde war alles vorbei. Doch nicht so sicher, dass es Assad war?  Aber auch der begrenzte „Militärschlag“ ist #völkerrechtswidrig. Die Untersuchung der OPCW (Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons) ist gar nicht erst abgewartet worden. So erinnert die Berufung auf die „gesicherten Informationen“ der Geheimdienste an die Lügen der Vergangenheit.

Und wenn es Assad war, was berechtigt den Westen zu militärischen Handlungen? Übrigens wurde Russland über den Angriff nicht oder nur ungenau informiert, so dass russische Soldaten sich nicht in Sicherheit bringen konnten.

Kriegsgeiler Westen, mich gruselt’s vor deinen Obergurus. Mich gruselt’s, nein, mich ekelt’s vor Trump, May, Macron, Maas (der auch nur rumeiert) – weil ich/wir nicht mehr weiß/wissen, was wir ihnen glauben können. FakeNews allüberall.

Ist Vertrauen eine Sache, die der Vergangenheit angehört?

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Heute mal anders

Samstag. Heute mal kein PM und kein B.N., sondern Arbeiten zu Hause, weil es momentan so viel ist, dass ich kein Land mehr sehe.

Womit ich mich u.a. beschäftigen muss: Die letzten beiden Zeilen vom „König von Thule“ (J.W. Goethe) sind m.E. entweder vermurkst oder zwangsverrätselt:

Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer,
Die Augen täten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.

Keine der zugängigen Interpretationen geht darauf ein. Nur, dass der König sein großartiges Leben jetzt beendet, indem er den goldenen Becher ins Wasser wirft. Hallo, da steht aber der Konjunktiv! Noch dazu ein sehr hässlicher – wenn es statt täten wenigstens würden hieße … Oder warum nicht einfach nur: Die Augen sinken ihm? Oder noch besser: Die Augen sinken ihm zu? Und warum zweimal sinken?
Zeig dich, Rätsel, wenn es dich denn gibt!
Jedenfalls fand Old Goethe sein „Volkslied“ vom Old Thule-König so toll, dass er es, obwohl schon 1774 verfasst, im 1808 erschienenen Faust I aus dem Munde des armen Gretchens wieder aufleben ließ … und da haben wir den Salat.

 

 

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In den Augen der Anderen*

Wenn die Leute sich nach mir umdrehen, weiß ich schon Bescheid. Da müssen die nichts mehr sagen. Tun die ja sowieso nicht. Die drehen sich um und nageln mich mit ihrem Blick an die Wand. Was die sehen, weiß ich. Was ich sehe, wissen die nicht: Ihre Angst, ihre Abscheu. Ihre Wut sogar. Wut worauf? Das ist das, was ich nie kapiere. Ich tu denen nichts. Ich habe nichts mit denen zu tun. Ich könnte denen egal sein. Ich bin nicht mit Absicht so. Anders. Als sie. Als ich gerne wäre.
Vielleicht haben sie Mitleid mit mir und gleichzeitig keine Lust, Mitleid zu haben. So irgendwie. Sie wollen nicht mitleidig sein, so wie ich nicht anders sein will. Aber sie haben Mitleid, und ich bin anders. Weil wir so sind, wie wir sind. Ich hätte auch Mitleid mit mir, wenn ich sie wäre. Und sie wären nicht gerne anders, wenn sie ich wären.
Warum bist du so klein, fragen mich Kinder. Sie sehen, dass ich keiner von ihnen bin. Mein Gesicht ist alt, viel älter, als ich bin. Nur meine Klamotten sind die von Kindern. Früher streichelten mir die Erwachsenen über den Kopf. Das wenigstens hat aufgehört, seit mein Kopf fast keine Haare mehr hat. Bloß einen Flaum wie bei jungen Vögeln, was wohl nicht gerade zum Streicheln einlädt.
Nachts träume ich von Treppen, die ich hochlaufe. Ich nehme jede Stufe mit einem Schritt, ohne die Zwischenschritte aus dem echten Leben. Ich laufe immer nach oben, nie abwärts. Ich würde gerne mal träumen, zwei Stufen auf einmal zu nehmen. Ein einziges Mal nur dieses Gefühl. Mit voller Kraft. Die anderen überholen. Oder die Stufen hoch bouncen mit diesen Spezialfedern unter den Füßen, gioing!, gioing!, an allen vorbei, eher fliegen als laufen, mitten in der Stadt komme ich raus, auf einem Platz zwischen zwei stark befahrenen Straßen. Rechts und links rasen die Autos an mir vorbei, der Wind fegt über meinen Kopf, das fühlt sich schön an. Ich ziehe eine Tube Wetwax aus der Tasche und style meine paar Haare auf. Ich zähle die Autos mit über 300 PS und sortiere sie im Kopf nach Marken. Ich habe die Sprungstelzen abgeschnallt, wie Rüstungsteile liegen sie neben mir auf den Boden und warten auf den Abwärtsjump.
Da dreht sich einer nach mir um.
Ich sehe in sein Gesicht und in seine Augen, die sich vor Schreck weiten, er ist etwa so alt wie ich, auch wenn er mir das nicht abnehmen würde, er trägt sein Board im Rucksack spazieren und bleibt im Laufen stehen.
Ich schreie los, ich schreie so laut wie noch nie in meinem Leben und schreie immer weiter. Da macht er einen Schritt zurück. Auf eine der Straßen runter. Die Tram kann nicht mehr bremsen. Ich kann nicht wegsehen. Der Wagen ist an der Seite voller Blut, auch die Straße jetzt, Rot auf diesem Einheitsgrau, ein grauenhaftes Bild. Sein Board rollt gegen die Bordsteinkante und hinterlässt zwei schmale, rote Streifen, bevor es dort liegen bleibt, bevor die Leute angerannt kommen mit ihren bestürzten, gierigen Gesichtern und glotzen.
Auf den, der da liegt.
Nicht auf mich.

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*Schreibübung: Anders

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Puigdemont ist kein Rebell

Freitag, B.N. Eindeutig super, wie die Richter vom Oberlandesgericht in Schleswig entschieden haben: Carles Puigdemont wird nicht wegen Rebellion an Spanien ausgeliefert. Es gehe keine Gewalt von ihm aus, schließen sie aus dem konsequent friedlichen politischen Agieren des Katalanen und zerpflücken damit die Argumente ihrer spanischen Amtskollegen.

Und ich fahre gleich nach Köln zu meinen Lieben!

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Friedlich

Donnerstag, B.N. Den Tag über bei meiner Mutter gewesen. Es geht ihr schlecht, sie ist sehr schwach, liegt im Bett, ihr Blick ist irgendwie nach innen gerichtet (wie damals bei meinem Vater). Sehr wache Momente, zwischendurch. Es stört sie, wenn ich mit der Pflegerin quatsche. Meine Mutter und ich reden kaum was. Es geht nicht, weil sie so gut wie nichts hört, und es ist auch nicht nötig. Ich frage sie, ob ich ein bisschen arbeiten darf. Ja, gerne, sagt sie und lächelt, es dauert ein bisschen, bis die Frage zu ihr durchgedrungen ist, und ich weiß, dass sie sich jetzt an früher erinnert, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch war und abends im Wohnzimmer gearbeitet habe und sie saß daneben und hat mitgelesen.
Ich hole mein Material aus der Tasche, verteile es auf ihrem Bett und auf meinem Schoß, und so vergehen die Stunden. Manchmal halte ich ihre Hand. Manchmal sagt sie meinen Namen. Es ist sehr friedlich, wirklich, der Frieden ist eingekehrt. Manchmal ist nicht Reden genau das Richtige.

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