Ausgesetzt

Freitag. Habe das überflüssigste Buch der Welt im Anlagenpark ausgesetzt. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob das so eine gute Idee war. Hoffentlich nimmt es niemand mit, ich wäre Schuld am Lesefrust einer mir unbekannten Person. Leider habe ich das teure Ullstein-Hardcover für 20 € im Buchladen gekauft. Dabei hätte ich es auf Amazon 14 Mal gebraucht für ab 4,35 € bekommen. Ich bin auf die üblichen sechs bis acht Fünf-Sterne-Fake-Rezis reingefallen, obwohl die ganz offensichtlich von Profi-Rezist*innen oder Freund*innen stammen: erkennbar daran, dass sie in ihrem bisherigen Leben entweder 854 oder zwei Rezis abgesondert haben und grundsätzlich fünf Sterne vergeben.
Ich denke, dass ich darauf reinfallen wollte. Weil das Ding recht lustig anfängt und darüber hinaus Tiefgang verspricht. Das liest sich über die ersten vier, na gut, fünf Seiten okay. Dann kommen ungute Gefühle auf. Bis S. 129 habe ich durchgehalten. Bevor ich mich zur Aussetzung entschloss, habe ich noch gespoilert, ob sich tatsächlich auch auf den verbleibenden 198 Seiten nichts entwickelt. Nein, tut es nicht. Nichts und niemand. Die extremst Ich-bezogene Heldin liegt bis zum Schluss hauptsächlich im Bett, sucht sich in Schlafanzug zwischen Altpapierbergen, Pizzakartons und Altglas einen Weg durch ihre vergammelte Wohnung, sagt grundsätzlich nichts, wenn sie gedisst oder beleidigt wird, findet es selber scheiße, dass sie nichts sagt, sagt aber trotzdem nichts und beschuldigt andere dafür. Sie geht nicht weg, wenn es ihr auf Partys oder einem Lach-Yoga-Seminar oder im Krankenzimmer ihrer sterbenden Grusel-Mutter stinkt. Sie bleibt und zerbricht sich über endlose Seiten und Lebensjahre hinweg den Kopf darüber, warum sie bleibt. Manchmal hat sie Bock auf Vögeln, dann ruft sie irgendeinen Dummkopf an und muss auch das durchstehen und bleibt und bleibt unter dem Typen liegen, bis er fertig ist.
Warum sie nur unwissende Flachzangen kennt und keinen einzigen geistvollen sexy Kerl, erfährt die Leserin nicht. Es könnte an ihr liegen. Darauf kommt die Ich-Erzählerin komischerweise immer nur in Ansätzen, die dann aber in schöner Regelmäßigkeit im Sumpf ihrer Wohnung und ihres uninspirierten Geistes zusammenfallen wie warme Schlagsahne.
Es geht um Depression, fast vergaß ich es zu erwähnen. Weil Depression meiner Erfahrung nach mehr ist als Schmuddel und Schmutz. Eher geht es um eine sich in ihrer Ich-Bezogenheit suhlenden Protagonistin, die jede wie auch immer geartete Entwicklung ihres schlaffen Körpers und Geistes fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Irgendwas scheint ihr an dieser never ending Kette von bedeutungslosen Scheißtagen, die ihr Leben sind, zu liegen. Vielleicht lassen sie sich einfach nur perfekt für die Bühne ausschlachten, die Autorin, die ich jetzt mal mit der Ich-Erzählerin identifiziere, ist auch Comedian. Vielleicht ist das ihre Masche: „So bin ich halt!“ ist das Lieblingsmotto von Bescheuerten, die mit ihrer Bescheuertheit kokettieren und anderen auf den Senkel gehen, anstatt etwas zu ändern in ihrem Leben. Die beste Depression der Welt ist ein Buch ohne Entwicklung, ohne Erkenntnis, ohne Erfahrung im wörtlichen Sinn. Die Beleidigte beleidigt damit ihre Leserin. Geht gar nicht!

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Bewegung

Montag. Dass der Münchner Kardinal Marx dem Papst ein Rücktrittsangebot macht, um auf die katastrophale Missbrauchsgeschichte der kath. Kirche und ihre laxe Aufklärungspolitik aufmerksam zu machen, finde ich sensationell. Immerhin wird damit eine deutliche Kirchenkritik von Seiten eines hohen Kirchenfunktionärs an die Öffentlichkeit kommuniziert, wozu sich der andere in Köln bislang nicht durchringen konnte. Im Gegenteil hat Woelki die Aufklärung von Missbrauchsfällen aktiv verhindert und folgt damit treu der alten Tradition: Schutz der Institution geht vor Opferschutz.
Der 67-jährige Marx setzt Zeichen: Auf die Mitverantwortung will er den Fokus legen, denn die Kirche sei an einem „toten Punkt“ angekommen. Deutliche Worte! Heute erfuhr man aus der Presse, dass er bereits einen Großteil seines Privatvermögens an eine Stiftung für Missbrauchsopfer gespendet habe.

Seit heute Morgen bin ich zum 2. Mal geimpft und habe damit meinen Teil zur Herdenimmunität beigetragen. Seit heute ist wieder der normale Betrieb im „Amt“ aufgenommen. Mit Masken- und Abstandspflicht, wobei letztere sich bei so viel Volk im Raum natürlich überhaupt nicht einhalten lässt. Voll und lärmig und lustig ging es zu – so, wie es sein sollte. Ich bin happy und erleichtert. Kein Moodle, kein Wechselunterricht, kein PC-Gedöns. Nur Face-to-Face-Gespräche und echter Austausch. Ich mag alle meine Lerngruppen, ich mag die Arbeit mit ihnen, ich mag, wie sie sich anstrengen und ihre Witze reißen und sich ausprobieren und dabei die tollsten Ideen entwickeln.
Das WE habe ich so wie die Pfingstferien verbracht, die jetzt schon wieder zu Ende sind: Im „Amt“ mit dem Erstellen von Kompendien (Faust!, Der Trafikant) zur Wiederholung und mit Prüfungsaufgaben. Im Juli habe ich über dreißig Prüfungen, das ist Rekord im „Amt“ und Rekord in meiner Berufslaufbahn. Je älter ich werde, desto mehr arbeite ich. Und desto weniger schreibe ich, was sich ja logischerweise bedingt. Irgendwie verkehrte Welt. Mein lieber T. hatte Geburtstag und ich habe uns etwas Schönes gekocht.

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Antiquiert

Freitag. Wie die Grünen sich jetzt regierungsfähig machen: Höhere Ausgaben für die Bundeswehr, gemeinsame europäische Kampfeinsätze, stärkeres Engagement in der Verteidigungspolitik – die neu-grüne Aggression in der Außenpolitik ist mir unheimlich.
Weckt böse Erinnerungen an Joschka Fischers Kosovo-Mission, als er 1999 über die Dörfer zog und für den Bundeswehreinsatz auf Stimmenfang ging. Auch auf dem Tübinger Marktplatz hatte er seinen Auftritt. Schien total angezündet von der schrägen Tatsache, dass ausgerechnet ein grüner Friedenspolitiker für den ersten deutschen Kriegseinsatz seit 1945 warb.

Und jetzt jubeln die Medien, die CDU, die Wirtschaftsverbände Baerbock und Habeck zu. Und alle haben eine Meinung dazu und kennen sich so super aus, bloß weil sie mal einen Spiegel-Artikel über die Ostukraine gelesen haben. Wenn man dann genauer hinschaut, lösen sich die Behauptungen oft in Fehlinformationen oder Meinungsmache auf (bes. beim russlandphobischen Spiegel). Das ist wie mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Keiner kennt die genauen Verhältnisse, aber jeder weiß sich zu positionieren. Mir macht das Angst. Das ist alles. Ach und noch was: Sich wehren mit Waffen scheint mir im Zeitalter der Digitalisierung ungefähr so antiquiert wie Vervielfältigung auf Matrize. Zukünftige Kriege stelle ich mir eher als drohnenassistierte Anschläge auf industrielle und militärische Einrichtungen vor, ohne Personenschaden, sozusagen, aber vielleicht sind das nur Wunschträume einer Unwissenden …

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Fuck off, Goethe

Donnerstag. Meine ganze Wohnung ausgelegt mit Büchern, Unterlagen, Arbeitsblättern, Merkzetteln. Die Aufgabe, Aufgaben zu erstellen, zwingt mich zur Beschäftigung mit meiner eigenen Arbeit der letzten zwei Jahre. Doch, ich bin zufrieden, das ist ein ziemlich seltenes Gefühl. Die Sache hat System, Vollständigkeit ohne Überfrachtung, das ist das Wichtigste. Wenn sie es sich jetzt auch noch alles merken könnten …

… Funktioniert aber nicht. Zumindest nicht, was den Fauststoff angeht. Faust ist für ältere und alte Menschen und nichts für Achtzehnjährige. Eine von gefühlt tausend didaktischen Fehlentscheidungen, sozusagen – Bildungsplan 2021! So muss ich ihnen den Stoff – das literarisch veredelte Jammern auf hohem Niveau eines ewig Unzufriedenen, der schon alles hat – in die Gehirne hämmern, der da nicht rein will. Nicht reingehört, weil dem Erlebnishorizont nicht angemessen.

Interessant: Beethoven über Goethe nach ihrem Treffen in Teplitz zu seinem Verleger G.C. Härtel: „Göthe behagt die Hofluft zu sehr – mehr als es einem Dichter ziemt.“ (Beethoven. Briefe und Gespräche. Hrsg. von Max Hürlimann, S. 154).

Man könnte es gar nicht besser formulieren! Abgesehen davon, dass der große Dichterfürst heute ganz eindeutig ein Fall für MeToo wäre, profitierte er ab seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr, seit er sich nämlich in Weimar häuslich eingerichtet hatte, von seiner Rolle als verwöhntem, verhätschelten Hofgünstling. Der pubertäre Herzog Carl August und seine Mama Herzogin Anna Amalia hatten einen Narren an ihm gefressen. Was ihm sehr zugute kam: Die beiden taten alles, um ihn in Weimar zu halten. Sie machten ihm großzügige Geschenke, zum Beispiel das berühmte Gartenhaus im Park an der Ilm, wo er sich im gesamten Parkgelände nach Lust und Laune austoben und selbstverwirklichen konnte. Dazu kamen politische Ämter ohne Ende. 1776 ernannte der Herzog seinen Dichterkumpel zum Geheimen Legionatsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums, einem dreiköpfigen Beratergremium des Herzogs, mit dem netten Jahresgehalt von 1200 Talern. Diesem Gremium gehörte der Jurist Goethe bis zu dessen Auflösung im Jahr 1815 an und richtete allerlei Unheil an: Zum Beispiel 1783 seine explizite Zustimmung zur Todesstrafe gegen die ledige Johanna Catharina Höhn – aus Verzweiflung über drohende Armut und gesellschaftliche Ächtung hatte sie ihr Neugeborenes umgebracht. Ihr Fall, wie auch schon der frühere der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt, regten Goethes künstlerische (und sexuelle?) Phantasie an, was sich schließlich in der Konzeption der Gretchentragödie niederschlug. Der literarischen Figur allerdings brachte er sehr viel mehr Verständnis und Mitleid entgegen – aber das war ja auch nur Dichtung und nicht Wahrheit.

An seinen best Buddy Johann Georg Kestner (in dessen Gattin Charlotte Buff sich Goethe so unsterblich verknallte, dass er infolge der Aussichtslosigkeit der Lovestory den Werther schrieb) vermeldete er am 14. Mai 1780, dass er sein literarisches Schaffen während des Staatsdienstes zurückstellen werde, sich aber „doch erlaube […] nach dem Beispiel des großen Königs, der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte (gemeint ist Friedrich der Große), auch manchmal eine Übung in dem Talente, das mir eigen ist.“

Johann Wolfgang Goethe war eben ein ganz Schlauer! Zahlreiche Ämter und Ehrenaufgaben konnte er dank seiner Verbundenheit mit der Herzogssippe einheimsen, was J.G. Herder zu einer ironischen Auflistung aller Goethischen Funktionen veranlasste: „Er ist also jetzt Wirklicher Geheimer Rat, Kammerpräsident, Präsident des Kriegscollegii, Aufseher des Bauwesens bis zum Wegebau hinunter, dabei auch Directeur des plaisirs, Hofpoet, Verfasser von schönen Festitivitäten, Hofopern, Balletts, Redoutenaufzügen, Inskriptionen, Kunstwerken usw., Direktor der Zeichenakademie, […] kurz, das Faktotum des Weimarschen und, so Gott will, bald der Major domus sämtlicher Ernestinischer Häuser, bei denen er zur Anbetung umherzieht.“ (Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I: 1749–1790. Insel, Frankfurt am Main 2004, S. 392.) Direkter formulierte es der zeitgenössiche Journalist und Theaterkitiker Ludwig Börne, der Goethe unumwunden als Despotendichter titulierte.

Nicht einmal das heute von Touristen viel besuchte Haus am Weimarer Frauenplan hatte Goethe selbst bezahlt: Herzog Carl August überließ es ihm mietfrei, nachdem Goethe von seiner zweijährigen Italienreise zurückgekehrt war und keinen Bock mehr auf so viel Staatsdienst hatte. In Italien war er zu seinen künstlerischen Wurzeln zurückgekehrt und wollte seinen Lebensschwerpunkt wieder auf das Schreiben verlegen. Noch von Italien aus versicherte er sich der finanziellen Unterstützung durch seinen Brotherrn. Der Plan ging auf: Der Herzog gewährte ihm die erbetene Verlängerung seines bezahlten Urlaubs, so dass Goethe bis Ostern 1788 in Rom bleiben konnte. Noch im selben Jahr und wieder zurück in Weimar, lernte er Christiane Vulpius kennen, die bald ein Kind nach dem anderen von ihm bekam. Goethe bekam das Haus am Frauenplan nun einfach geschenkt, offiziell, weil er den Herzog auf zwei Feldzügen begleitet hatte. Im Gegenzug unterstützte der einflussreiche Dichter seinen herzoglichen Brotgeber bei dessen außerehelichen Eskapaden und kümmerte sich um die Versorgung mehrerer unehelicher Kinder und deren Mütter.

Dass Goethe sich selbst als ein Kind des Olymp ansah, beschenkt mit gottgleicher Schrankenlosigkeit und eher göttlicher als menschlicher Schaffenskraft, woraus er wie selbstverständlich das Recht auf gesellschaftliche und moralische Grenzüberschreitung ableitete, zeigt sich im Spiegel seines Dr. Faust.

Die Mächtigen seiner Welt lagen ihm zu Füßen. Hätte er sich ohne deren schützende Hand und ohne ihren nie versiegenden Geldsegen zu gleicher Schaffenskraft aufgeschwungen? Das würde mich sehr interessieren. Die meisten Künstler*innen, von denen ich weiß, hängen lebenslang in dem Dilemma zwischen Brotberuf und künstlerischer Selbstverwirklichung fest. Und versuchen sich damit zu arrangieren. Schillers Sammlung der Bitt- und Bettelbriefe Gnädigster Herr, ich habe Familie (Sanssouci / Carl Hanser 2009) ist hierfür anschaulichstes und zugleich bedrückendstes Bespiel.

Allein der Park an der Ilm in Weimar führt der Besucherin die einmaligen Privilegien des Dichters vor Augen: Bis heute zeigt dieses Stück Land am Rand der Altstadt dasselbe Erscheinungsbild, wie es unter Goethes Anleitung angelegt wurde. Jedem Impuls seiner dichterischen – gärtnerischen, naturwissenschaftlichen – Phantasie konnte er ungehindert nachgeben, Zeit und Geld standen ihm ohne Ende zur Verfügung. Er war ein von der Obrigkeit und den literarischen Salons gehätschelter Zeitgenosse, der immer nur gerade so viel provozierte, wie es die feine Gesellschaft ertrug. Heftigere Sexstellen wie z.B. in Faust II verwahrte er per Testament für die Zeit nach seinem Tod, um der Kritik zu entgehen. Der Künstler als Erkunder der dunklen Abgründe menschlicher Existenz war er eher nicht, auch sein Faust schreckt erschreckt zurück, sobald er wieder mal in den Bereich des Dunklen, Verbotenen getappt ist. Letztlich siegt der Konsens, die Aussöhnung mit den eigenen zerstörerischen Kräften und den Anforderungen der Gesellschaft – soweit die wenig innovative, ziemlich öde Moral von der Geschicht‘.

Goethe war ein Staatsbeamter. Grenzüberschreitungen gab es nur im gesellschaftlichen Leben, vor allem, wenn es um Frauen ging – hier genoss er Narrenfreiheit. Politisch und künstlerisch blieb er im Rahmen dessen, was seine Komfortzone zuließ. Gegen die Zwangsrekrutierung von jungen Männern für die preußische Armee, gegen die Fronlasten der Bauern, gegen die Todesstrafe von ledigen Kindsmörderinnen wäre er niemals eingetreten.

Schiller ging da viel weiter. Der Liebling, die Identifikationsfigur des deutschen Bürgertums, der deutschen Politiker*innen und der deutschen Bildungspläne, ist Goethe. Der Beamte.

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Heroes

Dienstag. Flashback: In der Sonne liegend und eine minikurze Auszeit vom Erstellen unendlich vieler Prüfungs-Aufgaben genießend, in Gedanken umherschweifend zu den üblichen Dingen wie Familie, das Leben / die Zukunft im Allgemeinen, Fehler und Heldentaten im Besonderen – das Intro von Heroes!
DAMALS! Lebte ich wirklich auf dem gleichen Planeten wie dieser coole Überirdische? Mit der wegbrechenden Stimme? In den frühen Achtzigern, es war im WG-Zimmer von Dagmar und Ele – ich lag auf ihrem Riesenbett, und wahrscheinlich diskutierten wir den Gebärstreik, an dem wir uns per Unterschrift beteiligen wollten, oder die ungeklärte Sache mit dem Haupt- und Nebenwiderspruch – traf mich Heroes wie ein Faustschlag. Seltsamerweise passierte nichts, keine Wand stürzte ein, kein Blitzschlag spaltete die Decke. Die beiden schauten gelangweilt auf ihre Boxen und kapierten nicht, was ich hatte. Ich auch nicht. Nur, dass der Song etwas mit mir machte. Von da an half mir Bowie in gewissen Momenten, mein Leben zu feiern. Er war ein ätherischer Gast auf dieser im Vergleich zu ihm grobstofflichen Welt. Bowie machte keine Musik, er war Musik. Solche Menschen werden nicht alt …
Großen Dank an den Unbekannten, von dessen Balkon die unsterblichen Klänge in der Mittagshitze herüberwehen.

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Tagesaktuell

Mittwoch. Das L.chen und das T.chen und meine liebe L. kommen heute aus Köln angereist. Wie das so ist: Viel einkaufen, viel vorbereiten, viel Aufregung, ist auch alles so, dass sie sich wohlfühlen, darum geht es ja, dass sie gerne wiederkommen.

Vollkommen entsetzt bin ich über die jüngsten Auslassungen von Robert Habeck. Der Häuptling der grünen „Friedenspartei“ unterstützt europäische Waffenlieferungen an die Ukraine:

„Waffen zur Verteidigung, zur Selbstverteidigung, kann man meiner Ansicht nach der Ukraine schwer verwehren“, sagte er während seines aktuellen Besuchs in der Ukraine dem Deutschlandfunk. Was haben die dem in den Wodka getan, dass er so naiv daher schwatzt? Waffenlieferanten, die entscheiden, ob es sich um Angriffs- oder Verteidigungswaffen handelt? Welches Interesse sollten die daran haben? Was hat ein deutscher Politiker überhaupt zu melden im Konflikt zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen? Können wir nicht mal aus der jüngsten Vergangenheit lernen?

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Auf den eigenen Straßen

Dienstag. „Die islamistische Terror-Vereinigung Hamas, die unter anderem von Iran und Saudi-Arabien unterstützt wird, hat eine militärische Offensive gegen Israel gestartet. Deutschland bekommt nicht mal den Antisemitismus auf den eigenen Straßen in den Griff, wo die heimische und die zugewanderte Judenfeindlichkeit einander umarmen.“ (Steingarts Morning Briefing 25.05.21)

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Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier

Sonntag, B.N. „Es begann ganz nebenbei mit einer Meldung vom vergangenen Mittwoch aus der Parteizentrale der GRÜNEN: Frau Baerbock habe im März diesen Jahres Sonderzahlungen für die Jahren 2018 bis 2020 „eigenständig“ nachträglich der Verwaltung des Bundestages gemeldet, denn ihr sei aufgefallen, dass dies – „versehentlich“ – noch nicht erfolgt sei.
Konkret geht es um Weihnachtsgelder, Erfolgsprämien und COVID-Sonderzahlungen, alles in allem 25.000 Euro.
Für Bundestagsabgeordnete scheint es sich um eine Petitesse zu handeln, für Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller, die von einem Weihnachtsgeld von 5000 Euro nur träumen können, ist es ein Schlag ins Gesicht.
Und schlimm ist es bei einer Corona-Bonuszahlung von 1500 Euro an die grüne Kanzlerkandidatin. Das ist einfach instinktlos. Wo bitte schön hatte Frau Baerbock Einbußen wegen der Pandemie gehabt? Sie bekam als hochbezahlte Spitzenpolitikerin die gleiche Corona-Vergütung, wie sie die Angestellten in den Pflegeberufen bekommen haben, aber nur dann, wenn sie direkt mit an COVID-19 Erkrankten zu tun hatten. Ja, die grüne Kanzlerkandidatin war in dieser Zeit ein gern gesehener Gast in verschiedenen Talkshows, oder war es etwa als Ausgleich für die erlittene seelische Grausamkeit im Home-Office gedacht?
Was sollen sich die reichlich Pandemie-Beklatschten und systemrelevanten Mitarbeiter*innen im Handel, Verkehr und Paketdiensten denken?
Die GRÜNEN sind nun endlich im Establishment angekommen, sie sind saturiert, wie man unschwer an der Höhe ihres Weihnachtsgeldes sehen kann.
Neben Frau Baerbock hat sich auch noch Herr Özdemir gemeldet. Auch er leidet unter Vergesslichkeit. Er hat jetzt Sonderzahlungen von ca. 20.000 Euro nachgemeldet. Özdemir, Özdemir war da nicht schon mal was?
2002 hatte er von dem umstrittenen Lobbyisten Moritz Hunzinger einen Kredit von über 80.000 Mark erhalten und mit diesem Darlehen eine Steuernachforderung beglichen. Oder die Bonusmeilenaffäre, wo er als Abgeordneter des Bundestages dienstlich erworbene Bonusmeilen im Wert von mehreren tausend Mark auf Eltern und Freunde übertrug.
Ja, so ist es eben mit dem Glashaus und den Steinen. Moral reicht aus, wenn sie andere vorweisen. Man sieht, weite Teile der Spitzen-GRÜNEN haben längst die Bodenhaftung und den Bezug zu den einfachen Menschen verloren.“

(Aus zeitökonomischen Gründen geklaut bei PM, FB 22.05.21 https://www.facebook.com/petermatthias.baier/posts/4285148724863124)

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Nachholbedarf

Samstag, B.N. Flaschen und Gläser noch auf dem Tisch, das Geschirr schon durchgelaufen, der halb volle Topf Soljanka auf dem Herd, oben schlafen sie noch, die Stille des Morgens wie ein Nachhall vom Abend. Kaffeeduft, Vogelgezwitscher aus der japanischen Kirsche vor PM’s Esszimmerfenster – einer dieser Momente von Einssein und Vollkommenheit, von dem ich weiß, dass ich ihn nicht vergessen werde. Später kommt Gisela runter, dann Steve, dann PM, langes Frühstück, Bummeln durch Ahrweiler mit Maske, aber ohne Test: ein ungewohntes Feeling, ein Zipfel Normalität. Mit neuen Sommerbusen und hauchzarten Schals in den Einkaufstüten kommen wir zurück, und die beiden fahren wieder nach Hause, während wir den Tisch von Neuem decken: am Abend kommen A. und J.
In Sachen soziale Kontakte haben wir echten Nachholbedarf. Erlaubt sind im Moment Zusammenkünfte von fünf Personen aus max. zwei Haushalten (PM und ich sehen uns als einen Haushalt), und mit PMs Sohn sind wir auch schon am Limit. PM’s köstliche Soljanka kommt gut an. Wir haben uns viel zu erzählen. Bei frischen Erdbeeren und Konfekt aus dem Vinum/Tübingen – beides perfekt zur neuen Eierlikör-Sorte, die unbedingt einem Test unterzogen werden muss – können die Planungen für den gemeinsamen Sommerurlaub wieder aufgenommen werden …

Veröffentlicht unter 2021

Dann gibt es nur eins

Donnerstag. Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Borchert.

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme
und Maschinengewehre. dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann
gibt es nur eins: Sag NEIN!
Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod
erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Haßlieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du
sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen
mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und
Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen,
dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur
Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den
Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und
Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt
Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue
Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!


Der Appell geht noch weiter, geht über in ein leidenschaftliches Manifest, um die Gefahren darzustellen, wenn Mütter und andere – wenn WIR nicht Nein sagen. Es war Borcherts letzter Text.
Gebeutelt von Kriegsverletzungen und Erkrankungen, schrieb der 26-jährige in acht Tagen auf dem Krankenbett auch jenes Theaterstück, das ihn in der Bundesrepublik über Nacht berühmt machte: Das Heimkehrerdrama Draußen vor der Tür.
Dann gibt es nur eins! wurde an Borcherts Todestag (20. Nov. 1947) erstmals im Rundfunk verlesen.

Veröffentlicht unter 2021