Nato-Grüne

Sonntag, Tübingen. Dass die ursprüngliche Friedenspartei der Grünen eine atlantische NATO-Partei geworden ist, stellt Cem Özdemir mit einem geradezu ikonographischen Foto dar: Da posiert er, zusammen mit dem sicherheitspolitischen Sprecher der Grünen, Tobias Lindner, in Oberleutnant-Unform, um sich für die Sache der Aufrüstung stark zu machen. Das Foto gefällt Özedmir dermaßen gut, dass er es am 14. Juni auf Twitter veröffentlicht.
2001 war er wegen eines Bonusmeilen-Skandälchens und wegen eines Steuerhinterziehungs-Skandals als innenpolitischer Sprecher im Bundestag zurückgetreten und für drei Jahre von der bundesdeutschen Bildfläche verschwunden. Wohin? Als Transatlantik-Fellow des German Marshall Fund in die USA. Dort müssen sie ihn irgendwie umgedreht und zu devoter, lebenslanger Dankbarkeit verpflichtet haben. Denn als antirussischer Hardliner kehrte er zurück und vertritt seither „die Werte der USA“, wie man es von ihm höchstselbst allenthalben hören kann, sobald er den Mund öffnet (Die USA sei „das Mutterland der Demokratie!“, lobhudelt er, ein wenig geschichtsvergessen, sehr gerne).
Als Mitbegründer des staatlich subventionierten Think-Tanks European Council on Foreign Relations (ECFR) arbeitet er eng mit dem zukünftigen Chef der Atlantikbrücke, Sigmar Gabriel, zusammen. Zur Atlantikbrücke gehört u.v.a. auch die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), die beratend für das Auswärtige Amt tätig ist und auf deren Website zahlreiche Reden Özdemirs nachzulesen sind.
Was macht ein Grüner, so frage ich mich ganz naiv, im engen Schulterschluss mit Atlantikern und NATO-Kumpels? Özemir ist im Auge der Macht angekommen, soviel steht fest. Dermaßen machttrunken, ist er sich auch nicht zu schade, gegen das deutsch-russische Energieprojekt Nord-Stream zu polemisieren zugunsten des Frackings – zu Deutsch: „Aufreißen“  –, mittels dessen die USA dem Boden das Erdgas abringen, um es irgendwie bis nach Europa zu transportieren.
Und nun also Werbung für die deutsche Aufrüstung. Da fallen mir, als eine, die die Anfänge mitgekriegt hat, Petra Kelly und Gert Bastian ein. Oder der große Heinrich Böll, der einmal sagte: „Es gilt, auf die Absurdität weiterer Aufrüstung hinzuweisen.“
Die Grünen, als die neuen Hoffnungsträger, haben noch viel zu tun, ihren Anhängern diese Widersprüche zu erklären.

Veröffentlicht unter 2019

Il Centro

Freitag, Italien. Klar, dass die vom Hotel nichts wissen. Zum Glück finden wir es dann doch noch: Il centro – die Straße immer weiter hinauf und von unten nicht zu erkennen, liegt das kleine Städtchen Portese in der Hügellandschaft der Valtenesi. Mit einem Laden, nach dem wir an der Rezeption gefragt hatten („Nein, gibt es hier nicht!“) und in dem wir uns erstmal mit Getränken aller Art eindecken. Mit der verblüffend großen, wunderschönen Chiesa Parrocchiale di Portese aus dem 16. Jh. Mit einem verfallenen Kastell, in dem am Abend ein Dorffest stattzufinden scheint. Mit verwinkelten Gassen, uralten Treppen, Holztoren und von duftendem Jasmin überwucherten Mauern. Mit einer kleinen Bar, wo wir uns niederlassen und der Campari und der Cappuccino so göttlich auf unsere matten Körper und Seelen wirken, dass wir wenig Lust verspüren, wieder hinabzusteigen. In Portese treffen wir auf keinen einzigen Touristen, eine bemerkenswerte Erfahrung, wenn du tags zuvor in Malcesine gewesen bist, wo vor lauter Menschen das markante Mauerwerk kaum auszumachen ist. Dafür treffen wir in Portese eine Kellnerin und den „Staff“ – wahrscheinlich arbeitet die halbe Stadt für das Hotel.

Im verlassenen Hotelgarten schauen wir dem Mond beim Verschwinden hinter den Pinien zu. Wir haben Limoncello und Grappa und Spumante und Aqua Frizzante und Cola Zero dabei, PM und J. philosophieren über Gerechtigkeitsmodelle, über irgendwelche Apps, über Pink Floyd, über Fredi Fesl, über die Pflege des heimischen Oleanders, über Erfurt und die Traurigkeit von Orten, die man verlassen hat. J. bricht rigoros Gespräche ab, die ihm wehtun. Über Erfurt, zum Beispiel. Während PM in Oden an Eisenach schwelgt (die Wiege der menschlichen Kultur, vielleicht sogar der Menschheit an sich: „Gegen das Eisenacher Mattla-Brötchen sind italienische Brötchen eine Luftnummer!“) Ich beschließe, A. morgen auszufragen, besonders das Abgebrochene macht mich neugierig.

Der Garten gehört uns, der Mond gehört uns und der sternenbesprenkelte Himmel auch. J. ist nicht ganz gesund und wird es auch nicht mehr, aber er hält sich, wie man so sagt, und wir haben alle unsere Pläne.

Veröffentlicht unter 2019

Morgens am See

Mittwoch, Italien. „Ich fühle mich wie im FDGB-Heim“, – PM war nie in einem FDGB-Heim – „hier fehlt das kleine Städtchen, das Postamt, ich bin in einem Käfig! Abgezäunt, geregelt, für alles muss ich eine Karte irgendwo reinstecken, und wenn ich diese abgefressenen Tabletts sehe…“
Mit unseren Freunden J. und A. sind wir in einer Hotelanlage, die, direkt am See gelegen, sehr angenehm ist. PM hat die Auswahl J. überlassen und jammert nun auf hohem Niveau und findet die eine oder andere Metapher für sein Elend.
Dabei ist es die wirklich wohlverdiente, reinste Erholung: Wasser, Berge, pittoreske Ortschaften in kurzer Entfernung, in manchen steht ein erstaunliches Bauwerk aus dem 13. oder 15. Jh, das sich ohne Stress besichtigen lässt, weil es sonst nichts zu besichtigen gibt, das Eis schmeckt hervorragend, der Sonnenaufgang, wie jetzt gerade, über den Bergen hinter dem See ist malerisch und die Trattoria mit ihren blau gestrichenen Tischen und Stühlen unter der mindestens hundertjährigen Dorflinde ist es auch. Bei der Schiffsanlegestelle muss ich jedesmal an Die Truman-Show denken, da gibt es auch so einen Steg, auf den sich Truman nicht drauftraut, weil er Angst vor Wasser hat, weshalb er ja auch nie weg kommt, und da ist auch alles so spielzeugstadtmässig nah beisammen wie hier.
Gestern waren A. und ich in Salo shoppen und hätten fast das Schnellboot verpasst, weshalb wir einen ordentlichen Sprint hinlegen mussten, weshalb PM und J. dann doch nicht so sauer waren, weshalb mir, das vibrierende Boot verlassend, schlecht war, weshalb PM mir Paspertin verabreichte, weshalb ich den Abend lesend mit einem neuen Buch verbrachte: Alles das zu verlieren ist das gehypte und mit Madame Bovary verglichene neue Werk von Leila Slimani, das mir schon nach wenigen Seiten auf die Nerven geht, weil es erstens im Präsens geschrieben ist und zweitens in Rückblicken Präteritum und Perfekt wild mixt, was auch ein Übersetzungsfehler sein mag, was irritiert, ohne einen Sinn zu ergeben. Gekauft habe ich es wegen des Bovary-Vergleiches, weil Flauberts Meisterwerk zu den Büchern gehört, die mir über alles gehen, und jetzt rege ich mich auf und finde Slimani dagegen grob. Sicher kann sie nichts dafür, solche Vergleiche stellen anmaßende, dumpfbackige Journalisten an, um ihre Lesekompetenz unter Beweis zu stellen.
Es ist sechs Uhr in der Frühe, die Glocken von Salo oder so läuten, Vögel zwitschern, Wellen plätschern, der See ist glatt, über mir das riesige Schirmdach einer Pinie, die hoteleigene Sesselgruppe steht in einem Garten mit Pinien und Oliven, PM schläft noch und ich kann die Friedlichkeit des Augenblicks gut gebrauchen.

Veröffentlicht unter 2019

Heimat VII

Freitag. Nach dem „Amt“ ins Ranitzky geflitzt, wo schon Herr Brüne wartet. Er ist vom Hellweger Anzeiger, besucht Freunde in Tübingen und verbindet seinem Kurztripp mit einem Interview mit mir. Es ist Markt, die Sonne brennt, der Fleischereiwagen parkt schon aus, Tische werden beiseite gerückt, mein Cappuccino kommt. Wir verstehen uns auf Anhieb, finden biographische Parallelen, Herr Brüne hat Lass uns über den Tod reden gelesen und faselt nicht ins Leere, sondern stellt konkrete Fragen. Auf die er zurückkommt, wenn ich abschweife, er will es wissen. Nicht will er mich reinlegen, bloßstellen, einen Tagesgag erzielen, wie man es von den Leuten vom Schwäbischen Tagblatt kennt, das merke ich, das finde ich angenehm und ich entspanne mich. Vorab lesen lässt er nicht, was mich ein wenig beunruhigt, doch wirkt er nicht wie einer, der es nötig hat, sich auf Kosten anderer zu profitieren. Er lebt in Kamen, was ja meine Heimatstadt ist, aber indem er Namen nennt, Straßen, Einrichtungen, die ich alle kenne, merke ich, wie weit weg ich davon bin. Vor zehn Jahren oder so habe ich dieses diffuse Heimweh, diese etwas lästige Sehnsucht nach den Ursprüngen abgelegt, indem ich mich für eine Woche in Kamen im Hotel am Markt einquartiert habe. Ich lief alle Wege von damals ab, solche Dinge gehe ich systematisch an, und traf mich mit Leuten; in diese Zeit fielen auch ein Schulfest und seltsame Begegnungen mit Menschen, die ich längst vergessen hatte, ich wohnte da in einer herzallerliebsten Mansarde mit holzvertäfelten Schrägen und Blick auf den Marktplatz, ich schrieb viel, bummelte durch die Stadt, lief auch weiter raus zum Gelände der ehemaligen Zeche Monopol, und am Ende wusste ich, dass mich mit dieser Stadt kaum mehr etwas verband, außer ein bisschen Nostalgie. Davon erzähle ich jetzt Herrn Brüne, und er lacht und sagt, so ähnlich gehe es ihm mit Tübingen, wo er studiert habe.

Lebensabschnitte, Strich drunter, darüber reden wir auch, und dann verabschieden wir uns und ich belade mein Fahrrad mit Einkäufen und fahre nach Hause. Koffer packen. Eine Woche Italien. Und überhaupt kommt heute Abend PM und morgen früh geht’s los.

Veröffentlicht unter 2019

Alles wie bei allen

Mittwoch. Ich könnte jetzt darüber schreiben, dass ich vorgestern einen interessanten Abend mit Sandra Uschtrin verbracht habe, die gerade zur BücherFrau des Jahres 2019 gewählt worden ist. Uschtrin ist Mitgründerin der Autorenwelt und Gründerin des Uschtrin Verlags, in welchem sie das allen Autor*innen bekannte »Handbuch für Autorinnen und Autoren« herausbringt.
Ich könnte auch von T.’s schöner Geburtstagsfeier gestern Abend berichten (was gibt es denn Wichtigeres?).
Oder von meiner Dachterrasse, auf der das Unkraut kniehoch stand, bis am Wochenende PM mit einem gasbetriebenen Unkrautvernichtungsgerät und einem Kercher angerückt ist und meine Terrasse frühlingsfein gemacht hat.
Ich könnte von der Eisenach-Fahrt mit 30 Jugendlichen erzählen, die ich in den letzten Tagen vorbereitet habe und die im Juli stattfindet. Oder davon, dass mein Mitbewohner Dario der leiseste Mensch der Welt ist und immer plötzlich neben mir steht, ohne dass ich ihn habe heraufkommen hören (wie jetzt gerade).
Auf all das habe ich keine übermäßige Lust. Warum nicht? Keine Ahnung. Vielleicht, weil das Blog sich allmählich erübrigt? Als ich damit anfing, war ich nicht mehr in der Lage zu schreiben und rettete mich in die Kleinstform der Blogbeiträge. Jetzt schreibe ich aber wieder groß. Mein Buch Lass uns über den Tod reden ist in die Welt entlassen, führt nun sozusagen ein Eigenleben. Ich schreibe an einer neuen, eigentlich alten Sache, die ich hier nicht näher erläutern kann. Mein Alltag neben dem Schreiben ist im Großen und Ganzen so banal, dass er mir nicht erwähnenswert erscheint.
Ich arbeite, ich konsumiere – deutlich weniger als früher – , ich lese und treffe mich mit inspirierenden – manchmal auch langweiligen – Menschen, ich habe eine Familie und eine Fernbeziehung, ich gehe zum Arzt und Essen und ins Kino und zum Friseur, das ist alles. Das alles ist wie bei allen anderen. Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr auf das ganz Große warte; dass etwas PASSIERT. Dass alles sich ändert mit einem Knall. Es braucht sich nichts zu ändern. Ist alles okay so. Nicht mehr und nicht weniger.
OmG!, ich werde langweilig.

Sandra Uschtrin in Mähringen, mit freundlicher Genehmigung
Veröffentlicht unter 2019

Bed-In für Nachhaltigkeit?

Samstag. „Friedenskampagne“ – unter dem Motto hielten John Lennon und Yoko Ono vom 26. Mai bis zum 1. Juni 1969 ein Bed-In ab. Im Doppelbett der Suite 1742 im 17. Stock des Queen Elizabeth Hotels in Montreal erklärten sie den Sinn der Aktion: „Just to give peace a chance“ – womit der gleichnamige Song geboren war.
Lennon hatte sich schon vorher immer wieder öffentlich gegen den Vietnam-Krieg positioniert – ein Krieg, den hunderttausende US-Soldaten in den Reisfeldern Vietnams austrugen, ohne ihn selbst zu verstehen. Drei Millionen Vietnamesen und 50.000 Amerikaner starben – wofür?
Spiegel-online vom 01.06.19 berichtet: Lennon war der politische Kopf der Beatles. Ende August 1966 gab die Band vor Beginn einer US-Tournee eine Pressekonferenz in New York. Auf die Frage, ob einer der Gruppe etwas zum Vietnamkrieg sagen könne, sagte Lennon: „Wir mögen ihn nicht.“ – „Können Sie das näher ausführen?“, fragte ein Journalist nach. Lennon antwortete: „Ich habe das schon genug ausgeführt. Wir mögen ihn einfach nicht. Wir mögen Krieg nicht.“ Und sein Kollege George Harrison pflichtete ihm bei: „Es ist einfach falsch, und es ist offensichtlich, dass es falsch ist. Und das ist alles, was dazu gesagt werden muss.“
„Wenn Hitler und Churchill im Bett geblieben wären, wären heute noch viele Menschen am Leben“, erläuterte das Sechzigerjahre-Influencer-Paar ihr allererstes politisches Bed-In an ihrem Hochzeitstag am 26. März 1969 in Amsterdam. Auf den selbstgemalten Plakaten über ihrem Bett stand „Lass dir die Haare wachsen“ oder „Bleib im Bett“.
Ihre Botschaft war einfach, und einfach war auch ihre Umsetzung: „Frieden muss man so verkaufen, wie man Seife verkauft.“
Lennon/Ono hatten die Bedeutung von Promotion für den ersehnten Think-Change erkannt – daran könnten sich heutige YouTuber ein Beispiel nehmen. Sie besaßen die kreativen und die finanziellen Mittel, ihre Botschaft in die Medien zu transportieren. In den TV-Nachrichten und Filmen, so Lennon, sehe man immer nur „Krieg, Krieg, Krieg, töten, töten, töten – sehen wir zu, dass wir Frieden, Frieden, Frieden in die Schlagzeilen kriegen.“
Wie wäre es mit: In den TV-Nachrichten hören wir immer nur Wachstum, Wachstum, Wachstum – sehen wir zu, dass wir Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit in die Schlagzeilen kriegen.
Nachhaltigkeit muss man so verkaufen, wie man Seife verkauft.

Veröffentlicht unter 2019

Judith Kerr

Ein schwarz-weiß-Porträt von Judith Kerr, Kinderbuchautorin, in Berlin geboren, lebte aber in London.  (imago / Tagesspiegel / Mike Wolff)

Freitag. Judith Kerr ist gestorben. Sie wurde 95 Jahre alt. Wer an Kerr denkt, denkt an Hitler und das rosa Kaninchen, an einen Tiger, der zum Tee vorbeikommt und den Wasserhahn leer trinkt – eines der Lieblingsbücher meiner Tochter -, und natürlich an Kater Mog.
Kerr ersann nicht nur die Geschichten, sondern sie erschuf auch die dazugehörigen Illustrationen. Ihr letztes Buch schrieb sie 2017, mit 93 Jahren. Vor vielen Jahren erfuhr sie aus Briefen, dass ihre Mutter mit dem Gedanken gespielt hatte, sich und die Kinder, zwei Mädchen, umzubringen, da lagen schon zwei Jahre Flucht hinter der Familie, und Kerr hatte so gut Französisch gelernt, dass sie in dem fremden Land einen Schulabschluss machen konnte. Was für ein großes Glück, dass es bei dem Gedankenspiel geblieben ist! Von Frankreich ging’s weiter nach England. Sie sprachen nun Englisch untereinander, und London wurde Kerrs neue Heimat.
Die Arbeit hat sie aufmerksam, neugierig, jung gehalten. In ihre Arbeit flossen die Erfahrungen einer sehr besonderen Kindheit ein:
„Ich hätte nie solche Bücher geschrieben, wenn wir nicht Flüchtlinge gewesen wären“, wird Kerr zitiert. „Ich wollte das für meine Kinder schreiben, wie das damals war. Und auch an meine Eltern erinnern.“
Sie ist für mich eine der wichtigsten Frauen unserer Zeit. Ihr Buch Ein Tiger kommt zum Tee habe ich zum Gedenken an prominenter Stelle meiner Wohnung aufgestellt.

*

Die Korrekturphase fürs „Amt“ ist vorbei, ich kann mich langsam wieder daran gewöhnen, ein Mensch zu sein und kein Korrekturprogramm. Ich habe meine Terrasse vom Unkraut befreit. Gestern war Feiertag (Himmelfahrt, kein Mensch weiß, was da gefeiert wird). Djego war ausgeflogen und ich habe das Alleinsein, die Zeit, das Abhandensein jeder Verpflichtung, jedes Drucks von außen genossen. Mit T. telefoniert, in der Sonne gelegen und gelesen. Luxus pur. Heute Abend kommt PM. Das Leben entfaltet sich wieder …

Veröffentlicht unter 2019

„Sterben tun nur die anderen“

Mein eindrücklichstes Erlebnis hatte ich als Oberarzt in Braunschweig mit einem Patienten, der mit unheilbarem Bauchspeicheldrüsenkrebs kam. 
Er hatte das im ersten Gespräch sofort verstanden. Dann erzählte er mir, er sei der Betreiber einer Würstchenbude auf dem Stadiongelände von Eintracht Braunschweig. Seit Beginn der Bundesliga 1963 habe er kein einziges Heimspiel verpasst. »Mein größter Wunsch ist es, noch beim DFB-Pokalspiel gegen Borussia Dortmund dabei zu sein«, vertraute er mir an. Von der Diagnose bis zu jenem Tag, an dem Borussia Dortmund nach Braunschweig kommen würde, waren es genau acht Wochen. Braunschweig war damals Zweitligist, und Borussia Dortmund natürlich der Bundesligastar. »Zu diesem Spiel will ich hin«, sagte der Mann. »Egal, was mit der Chemotherapie ist, das Spiel muss ich noch erleben!«

Diese wunderbare Geschichte und wie es weitergeht, erzählt Dr. med. Axel Nacke in Lass uns über den Tod reden, S. 254 ff) 

Veröffentlicht unter 2019

Empört euch – doch nicht!

Donnerstag. „Fuck, ist das heftig!“ Wie ein YouTuber Politik und Medien mit einem einzigen Video in Schockstarre versetzt

Der YouTuber Rezo hat sich die CDU zur Brust genommen. Die Zerstörung der CDU – Jetzt reichts!, heißt sein Video, das schon über 5 Millionen Mal angeklickt wurde, und es werden immer mehr und das sind vor allem junge Leute, für die es was Neues ist, dass einer der Ihren mal so zur Sache kommt. Der Junge mit dem blauen Deckhhaar ist kein Rudi Dutschke 2.0. Er ist lustig und man versteht ihn. Das war ja bei unseren Heroen der jüngsten Vergangenheit so ein Ding, dass man oft nicht wusste, was genau die jetzt meinten. Was Rezo von sich gibt, klingt cool und überzeugend. So einfach ist das. Von der Frankfurter Schule, von Adorno etc weiß er vielleicht nichts und es interessiert ihn wohl auch nicht. Er wird lieber konkret, und das ist auch gut so angesichts der Brisanz der von ihm angesprochenen Weltprobleme. Die Quellen liefert er gleich mit, man kann sich also unmittelbar nach Anschauen seiner Message an die Arbeit machen. Die Message passt zur Greta-Thunberg-Bewegung, oder vielleicht ist sie sogar daraus entstanden. Jedenfalls gibt sie Anlass zur Hoffnung, dass die Jungen endlich ihre Köpfe heben, sich die Äuglein reiben und aufwachen. So kuschelig es die letzten zehn, zwanzig Jahre in Moms und Dads Wohnküche war – jetzt wartet die Welt mit anderen Fragen auf. Mom und Dad können u.U. nicht mehr helfen. Weil, die sind schon über 30. Und 30 war immer schon die Deadline zwischen den Visionären und den Etablierten. Da muss man jetzt also selbst mal ran, und nichts anderes hat Rezo gemacht. Und recherchiert. So gut, dass es von seiten der CDU bis heute keine schlagfertige Replik gibt. Das ist grandios! Grandios peinlich. „Lass uns miteinander reden“, fleht Paul Ziemiak den Rezo auf Twitter an: „Wir machen das in der CDU seit 70 Jahren: Wir zerstören einander nicht, sondern wir hören einander zu. Wir reden miteinander, wir finden gemeinsame Lösungen.“ Da muss dann nur noch Big Pörksen um die Ecke kommen, der Mann fürs Fernsehen, wenn es irgendwie, irgendwo ums Reden geht – und da ist er ja auch schon: In heute+/ZDF kanzelt er das Video blasiert als „Empörungsjournalismus“ ab. Ja, und? Empört euch!, war noch vor wenigen Jahren die Lieblingslektüre der europäischen Linken ab 30 aufwärts. Jetzt empört sich einer, nicht ganz grundlos, könnte man behaupten, und die etablierten Parteien haben nichts Besseres vorzubringen als Verachtung. Nur die Grünen finden, dass an allem, was der Rezo sagt, „schon was dran“ sei. Komisch, die sind doch seit Jahren am Regierungsgeschäft beteiligt. Warum haben die dann nicht …? Ob den Grünen die schnelle Umarmung zu mehr Stimmen verhilft, wird sich zeigen. Gerade ist ja die Zeit der Überraschungen: Ibiza-Gate, Strache, Rezo von der anderen Seite – am Sonntag wissen wir mehr.

Veröffentlicht unter 2019

Die Sache mit den Orden

Montag. Michel Houellebecq ist nun Ritter der Légion d’honneur. Die ranghöchste Auszeichnung Frankreichs verlieh ihm Präsident Macron höchstpersönlich. Auch Gustave Flaubert wurde mit diesem Orden ausgezeichnet, nachdem er in einem schmachvollen Prozess – wegen Verstosses gegen die öffentliche Moral und die guten Sitten in seinem Jahrhundertroman Madame Bovary – freigesprochen worden war. (vgl. Marlene Möller, fb) Tragen sie erstmal diese Medaille im Knopfloch, dann vergisst man schnell, was für revolutionäre Geister sie einst waren … Das nennt man totstreicheln. Macht Merkel mit Greta Thunberg auch: So lange loben, bis der Gelobte nicht mehr kann … Anschaulichstes Beispiel in der Kirchengeschichte: Franz von Assisi. Über das eigenhändig von ihm wiederaufgebaute Kapellchen Portiuncula wurde auf päpstliches Geheiß ab dem Jahr 1569, da war Franziskus natürlich längst tot und konnte sich nicht mehr wehren, die riesige Kathedrale Santa Maria degli Angeli drübergestülpt. Diese steingewordene Antithese von Assisi ist das beste Gleichnis für die Gesamtheit der Institution der katholischen Kirche. Und das Allerbeste: Sie erzählt es selbst! Ironie oder Unverfrorenheit? – ganz klar: Letzteres. Zum Glück lebt Houellebecq noch und kann sich wehren …

YOUTUBE.COM Emmanuel Macron a remis à Michel Houellebecq la Légion d’honneurLe président de la République a remis, ce jeudi 18 avril, la légion d’honneur à l’écrivain Michel Houellebecq. Il…

Veröffentlicht unter 2019