Zeit

Samstag. Auf meinem Weg zur Arbeit, den ich manchmal zu Fuß zurücklege, kommt es auf jede Minute, jede Sekunde an. Nehme ich die Abkürzung durch die Bahnhofsunterführung, oder bleibe ich oben? Für den Fall, dass ich sie nehme: Fahre ich mit dem Aufzug hoch oder laufe ich die Treppen? Wenn ich an der Apotheke vorbeikomme, werde ich schon fünfzehn Sekunden später die Baustelle erreicht haben und in einer anderen Wirklichkeit angekommen sein. Baustellen lösen andere Gedanken in mir aus als Apotheken, ich sehe plötzlich andere Möglichkeiten, ich bin eine andere. Was ist Zeit? Was macht sie mit mir? Im allerkürzesten Abschnitt kann sie meine Existenz vernichten – der Depp, der mich neulich fast umgenietet hat! -, ein tödlicher Unfall, eine bleibende Verletzung, und das Leben einer ganzen Menschengruppe ist ein anderes als noch eine Sekunde davor. Andererseits kann ich zwei Stunden lang im Sand liegen und vor mich hindösen und nichts geschieht. Der totale Stillstand, sowohl außen als auch in mir. Der große Zeiger der von Weitem sichtbaren Uhr steht meistens auf der Acht, wenn ich an ihr vorbeilaufe – zwanzig vor. Bin ich auf der Höhe der Baustelle, steht er immer noch auf acht. Das wundert mich jeden Morgen. Er hinkt dem Sekundenzeiger hinterher, und erst, wenn ich über die Baustelle raus bin und mich noch einmal umdrehe, ist er einen Strich vorgerückt: Neunzehn vor. Eine Minute, eine Ewigkeit.

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Tempolimit – nein Danke!

Mittwoch. Wer hätte das jetzt gedacht: Zu schnelles Fahren auf Autobahnen ist der Hauptgrund für tödliche Unfälle!

Das ergab die amtliche Unfallstatistik für das Jahr 2018.

424 Verkehrstote gab es 2018 laut Statistischem Bundesamt auf deutschen Autobahnen. Für 196 Fälle, beziehungsweise für 46 Prozent, war eine erhöhte Geschwindigkeit bzw. ein den Witterungsbedingungen nicht angepasstes Tempo für den Unfall verantwortlich.

Zu dem Unwillen mancher Autofahrer, das Tempo angesichts mieser Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnisse zu drosseln – unabhängig von der geltenden Höchstgeschwindigkeit -, gesellt sich nämlich häufig der Wille zum dichten Auffahren. Zu geringer Abstand zum Vordermann gehört ebenfalls zu den Hauptunfallursachen.

Kommt jetzt also endlich das Tempolimit? Hört man sich die jüngsten Politikerdebatten dazu an – eher nicht. So nach dem Motto: Belästigen Sie mich nicht mit Fakten!

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Alles ist im Fluss

Montag. Meine Mitbewohnerin Lisa hat sich als Rumpelstilzchen entpuppt und ist Hals über Kopf ausgezogen. Da sie Sediq und mir das Leben zunehmend schwer gemacht hat, sind wir nicht gerade traurig. Eher erleichtert. Gestern Nachmittag haben wir mit Kaffee auf den positiven Ausgang in der Sache angestoßen.
Thema Nr. 1 sind aber die alles andere als positiven Entwicklungen im Iran. Nach meiner Rückkehr habe ich Sediq sehr niedergeschlagen angetroffen. Als Insiderin hat sie einen anderen Blick auf die jüngsten Ereignisse. Und wenn sie sich über das Mullah-System auslässt, über die permanenten Schikanen, über den Wert eines Mannes im Vergleich zu dem einer Frau – genau das Doppelte! – , über willkürliche Entscheidungen, die in meinen Ohren nur strange klingen, dann verstehe ich sie einschl. ihrer Einstellung zu Amerika. Über manche Sachen könnte man lachen, wenn sie nicht so furchtbar wären. Wir können uns diese Verhältnisse in der Realität gar nicht vorstellen. Die Städter und die jungen Leute im Iran sind gebildet, sie kennen die Welt, sie sind informiert. Und müssen sich auf der anderen Seite einem Gewaltsystem unterwerfen, dessen Werte, dessen Vertreter sie nicht für voll nehmen können. Doch die Bevölkerung ist gespalten, und das System ist reich und mächtig und international vernetzt.

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Stuttgart 21

Weg der schöne Gosch, das Chinarestaurant, die Markthalle. Weg die Buch- uns sonstigen Läden. Auch der heissgeliebte, oft frequentierte indische Schmuckstand verschwunden, die Bahnhofshalle wie ausgebeint. Statt dessen Yormas, Starbucks und das übliche Programm direkt an den Bahnsteigen. Der Starbucks– Muffin steckt voller matschweicher Schokobollen. Das ist kein Kuchen, sondern eine Riesenpraline. Hast du sie vertilgt, ist dir kotzig und du verbringst die restliche Strecke mit konzentriertem AusdemFensterstarren.

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Aufstehen, Krone richten …

Sonntag, B.N. Merkel in Moskau, um mit Putin über das Festhalten an dem Atomabkommen mit dem Iran zu sprechen – das macht Hoffnung.
Seit gestern bin ich wieder auf. Nachmittags Treffen mit A. und J. in Bonn, quatschen, Kaffee trinken, sich austauschen, sich gemeinsam wohlfühlen.
Heute geht es nach Hause. PM setzt mich gleich am Bahnhof Koblenz ab, er fährt weiter nach Eisenach. Die Korrekturen fürs „Amt“ so gut wie fertig. Meine eigene Arbeit, das Romanmanuskript, ruht.
Bei PM ist auch zu Hause. Weil es warm und gemütlich und voller Zukunftspläne ist. Weil es PM ist.

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Vorbild Österreich

Freitag, B.N. Unser Nachbarland führt uns gerade ein interessantes Experiment vor: Eine bürgerlich-ökologische Koalition. Nicht auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners wie bei der GroKo, wo die Inhalte des jeweils anderen bis zur Unkenntlichkeit zerrieben werden.
Sondern jeder kann und soll seine identitätstiftenden Inhalte einbringen, die der andere zu akzeptieren hat. Damit gewährt der zwischen Kanzler Sebastian Kurz und Grünen-Chef Werner Kogler geschlossene Koalitionsvertrag den Bündnispartnern die maximale Freiheit: Die Grünen dürfen grün sein und ihr Ziel der Klimaneutralität bis 2040 verfolgen (Aus für Kohle- und Ölheizung!, Ausbau des Bahnsystems). Die ÖVP darf schwarz sein und mit Billigung der Grünen dafür die illegale Migration bekämpfen (vorbeugende Sicherheitshaft für Gefährder).
Außerdem gibt es eine Zusatzklausel: Bei besonderen Herausforderungen dürfen die Parteien sich Mehrheiten außerhalb der Koalition suchen, also Kurz wahrscheinlich bei den Rechten und Kogler eher bei den Linken.
Fazit: Lasst mal die Jüngeren ran. Die haben Ideen, die haben Merkel & Co gar nicht.

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Amerika first

Mittwoch, B.N. „Wir machen uns Sorgen“, sagte Außenminister Maas gestern im ZDF.
„Ein zu schneller Abzug internationaler Streitkräfte [ aus dem Irak ] könne zu einem Erstarken des IS und großer Instabilität im Irak führen. Das kann eigentlich niemand wollen“, so unser Außenminister weiter. 
Ich frage mich: Hat unsere Regierung eigentlich den Ernst der Lage begriffen, in welchem labilen Zustand sich die Welt befindet? Und nicht ausgelöst durch irgendwelche Terroristen, sondern durch den amtierenden US-Präsidenten.
Die Instabilität und Eskalation geht derzeit eindeutig von der USA aus, und sie drehen an der Eskalationsspirale immer weiter und stürzen damit eine ohnehin schon sehr fragile Region weiter in den Abgrund. Ohne Rücksicht auf Verluste. Nur weil sie – innenpolitisch gesehen – mit dem Rücken zur Wand stehen. 
Frau Merkel und Herr Maas, werden Sie endlich aktiv und sprechen Sie klare und eindeutige Worte an die US-Administration! 
Ihre Aufgabe besteht darin, Schaden von Deutschland abzuwenden und nicht aus falsch verstandener Solidarität einen außer Rand und Band geratenen Bündnispartner uneingeschränkte Treue zu erweisen. 
Bringen Sie eine Resolution möglichst vieler europäischer Staaten zustande, die eine sofortige Deeskalation von den USA einfordert, und lassen Sie sich nicht von permanenten Drohgebärden einschüchtern. Lassen Sie sich nicht von innenpolitischen Problemen der Amerikaner instrumentalisieren!
Es kann und darf doch einfach nicht wahr sein, dass ein amerikanischer Präsident einfach mal via Twitter drohen kann, Kulturgüter anzugreifen und zu vernichten.
Nein, das ist nicht aus einem schlechten Film, das hat der Präsident der „ältesten Demokratie der Welt“ gestern in vollem Ernst verbreitet.
Damit spricht er dem Völkerrecht Hohn. 
Er, Trump, stellt sich damit auf eine Ebene mit den Terroristen, die er vorgibt zu bekämpfen. Das heißt letztlich, dass er dafür inhaltlich plädiert, zivilisatorische Prinzipien durch die vor-zivilisatorische Praxis der ungezügelten Rache zu besetzen. 
Ich frage mich, wer will in solch einer Welt leben? Ich jedenfalls nicht!
Der politische, wie auch der mediale Aufschrei hält sich in Grenzen. Da ist noch viel Luft nach oben. Ein fatales Signal, wie ich finde.
Merkel, Maas und Qualitätsmedien: Traut Euch endlich der amerikanischen Administration zu widersprechen und Klartext zu reden! 
Wir warten darauf. Ihr habt die Macht dazu!
Die Welt gehört uns allen. Sie darf nicht in Geiselhaft eines durchgeknallten amerikanischen Präsidenten genommen werden!

(Peter-Matthias Baier)

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Schlechte Nachrichten

Samstag, B.N. In der vergangenen Nacht hat Trump den iranischen Top-General Ghassem Soleimani per Drohneneinsatz hinrichten lassen. Dabei sind auch eine iranische und eine irakische Regierungsdelegation getötet worden – der General hielt sich gerade im Irak auf. Kollateralschaden.
Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei hat Rache für den tödlichen Angriff geschworen. In einer heute über Twitter verbreiteten Botschaft droht Chamenei den „Verbrechern“, die für den Tod Soleimanis verantwortlich seien, mit „schwerer Vergeltung“.
„Soleimanis Weg wird auch ohne ihn weitergeführt, aber die Kriminellen erwartet eine schwere Rache“, wird der Ayatollah im iranischen Fernsehen zitiert. Und: Der Tod Soleimanis werde den finalen Sieg des Islams gegen die Imperialisten nicht beeinträchtigen (sic!).
Irans Außenminister Mohammed Dschwad Sarif twittert: „Die Ermordung General Soleimanis war extrem gefährlich und wird zu einer Eskalation der Krise führen.“
Die Ursprünge der Eskalation liegen Jahrzehnte zurück. Sie begründeten nicht nur das Hassverhältnis zwischen USA und Iran, sondern trugen auch zur Stärkung des politisierten islamischen Fundamentalismus im Nahen Osten bei: 1953 stürzten die USA bzw. die CIA den – demokratisch gewählten – iranischen Premierminister Mossadegh. Mossadegh hatte es gewagt, die iranische Erdölindustrie zu verstaatlichen und sie so aus den Klauen der westlichen Ölmultis zu befreien. Er wollte dem iranischen Volk seine Bodenschätze zurückgeben. Die CIA ersetzte Mossadegh durch den amerikafreundlichen Reza Schah Pahlavi. Damit kam der Stein ins Rollen. Der Putsch ist u.a. für die spätere Islamische Revolution verantwortlich, deren leidenschaftlicher Mitkämpfer der heute Nacht von einer amerikanischen Drohne ermordete Top-General Ghassem Soleimani war.
Schon in seinen jungen Jahren war Soleimani gegen die Monarchie im Iran und unterstützte die vom greisen Ajatollah Ruhollah Chomeini geleitete islamische Bewegung. Nach der Revolution 1979 wurde er Mitglied der neu gegründeten Iranischen Revolutionsgarde; von dort begann sein kometenhafter Aufstieg zum alleinentscheidenden Militärstrategen Irans mit Star-Potenzial.
Mit seiner Hinrichtung drehen die USA weiter an der Hass-und-Rache-Spirale. Die gegenseitigen Beschuldigungen, Drohungen, Ermordungen werden weitergehen. Trump beteuert, keinen Krieg oder Regimechange im Iran zu wollen, aber er schickt schon mal Tausende neue Truppen in den Nahen Osten.
Das alles macht mir Angst. Das Jahr fängt nicht besonders gut an.

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Berührt

Freitag, B.N. Mich berührt, wenn Menschen alle ihre Energie darauf verwenden, dass eine Sache gut wird. Dann in ihr Gesicht zu sehen, dieses Leuchten, das von bescheidenem Stolz und Demut zeugt, von dem Wissen, dass Arbeit immer auch Scheitern bedeuten kann und nur im besten Fall Erfolg, dass der Erfolg zerbrechlich ist, dass man durch die Hölle gegangen sein muss und dass es kein leichter Ritt ist, um seine eigene Sache letztendlich in einem guten Licht zu sehen (und nur das bedeutet Erfolg), das kann mich zu Tränen rühren.
… die Gesichter von Jimmy Page und den anderen Heroen von Led Zeppelin, als sie 2012 vom Kennedy-Center für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden. Da die Band ja schon lange nicht mehr existiert, covern bekannte, jüngere Premiumbands ihre für die Ewigkeit wunderbaren Stücke, im Angesicht ihrer Schöpfer. Das leise Lächeln von Plant, Page und Jones da oben in ihrer Loge, darin steckt all dieses Wissen. Das ist es, was mich heute Nacht bewegt hat (Kranksein als Erkenntnisgewinn, auf einmal gibt es Gelegenheit für Fernsehen und Videoclips): https://www.youtube.com/watch?v=j0s9FElQoaU

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