Begegnungen am WE

Sonntag. Zum Sonntagsbrunch kommt auch noch Steve dazu, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Steve ist jetzt fertig mit dem Studium und PM fährt seine ganze Rhetorik auf, um ihn zur Chirurgie zu bekehren.
Gestern Abend mit PM auf dem Tübinger Stadtfest: Die Bühne auf dem Marktplatz ohne Liveband!, wo gibts denn so was?, dafür steht ein einsamer DJ an seinem Mix-Pult da oben und spult Malle-Schlager ab wie auf jeder Dorfkirmes. Vor wenigen Jahren rockten die Jungs von The Savants die Bühne und versorgten Tausende Tübinger*innen mit good vibrations. Dagegen ist das ein müder Abklatsch. Und gehört boykottiert …

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Exploding Star

Donnerstag. Auf dem Etui steht ganz understatementmäßig in kleinen, weißen Lettern: Dolce & Gabbana. Die Sonnenbrille selbst schmückt das Logo kaum sichtbar auf der Innenseite des einen Bügels. Sie sieht uneingeschränkt großartig aus, irgendwie amerikanisch – und gehört nun endlich mir!
Da liegt sie an meinem Platz und stiehlt mit ihrem exotischen Design den banalen Gegenständen um sie herum die Show, doch meine Freude ist getrübt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das liegt an meinem rechten Auge. Außer den Flusen und Blasen kommt seit heute Morgen noch ein explodierender Stern dazu, jedesmal, wenn ich die Augen öffne. Ein abenteuerliches Ding. Im ersten Moment denkst du: Wow!, was für eine Sinnestäuschung, im nächsten weißt du, dass das jetzt bleibt. Im besten Fall. Was noch alles kommt, liegt im Dunkel. Kollegin S. erzählt mir gerade (ich bin im „Amt“), sie habe einmal aus dem Nichts heraus die Welt wie durch ein Prisma gesehen, das ganze Bild geometrisch zerstückelt. Sie habe totale Panik geschoben. Dieser Zustand habe etwa zehn Minuten angedauert. Zehn Minuten können verdammt lang sein, sagt Kollegin S. In der Augenklinik habe man ihr Problem auf ihre Migräne zurückgeführt. Das glaubt sie aber nicht, weil sie bei Migräne Sichtfeldeinschränkungen hat und nicht Prismazerstückelung.
Mit solchem Schlamassel ist man rein auf sich gestellt. Keiner kann dir wirklich helfen. Du musst allein damit fertig werden, du musst dir eine Strategie überlegen. Du merkst auf einmal, dass du deinen Körper nicht mehr im Griff hast. Eine komplett neue Erfahrung. Du malst dir aus, dass es nicht nur das Auge, sondern das Gehirn ist. Dann wird’s richtig gruselig.
Es ist jetzt nicht mehr so, oder nicht mehr nur so, dass ich die Sache von der lustigen Seite nehme. Dolce & Gabbana ist okay und super und alles. Aber mein Auge macht mir Angst.

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Interesse

Mittwoch. Viele Anfragen wg. Lesungen u. Veranstaltungen im Oktober/November, wenn die stillen Feiertage kommen.
Anfang August Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger direkt in Köln.
Kommenden Dienstag erscheint ein komplettes Kapitel aus meinem Buch Lass uns über den Tod reden – das über den Trauertherapeuten Roland Kachler – auf psylife.de. Psylife.de ist das online-Magazin des Deutschen Psychologen Verlags (DPV), einer 100%-Tochtergesellschaft des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP). Insofern eine schöne Adresse.
Das Interesse tut gut. Noch besser fühlt es sich an, wenn Kollegin B. mir heute erzählt, sie habe Lass uns über den Tod reden schon zum dritten Mal verschenkt. Mit Komplimenten ist es wie mit Unglücken. Je geringer die Distanz, desto größer die emotionale Berührung. In diesem Fall die uneingeschränkte Freude.

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AugenBlicke

Dienstag. Manche Krankheiten sind so hässlich wie das Wort selbst. Zum Beispiel Glaskörperabhebung. Das ist etwas sehr Doofes. Ich sehe Blasen, einen dicken Tropfen und jede Menge Flusen, als stünde ich vor einer verdreckten Glasscheibe, die mir mächtig die Sicht versaut.
Ganz besonders nervt, wenn ich face to face mit jemandem rede, und dauernd flitzt dieser Tropfen über das Gesicht des anderen. Weil der mitgeht mit jeder kleinsten, beschissenen Augenbewegung. Seitdem weiß ich, wie oft man seine Augen bewegt. Das strengt dermaßen an, den Tropfen nicht zu sehen, weil ich ihn nicht sehen will, aber er ist immer da, dass ich ungeduldig und ungehalten werde. Der andere weiß nicht warum, er sieht ja nichts. Ich sehe aus wie immer, aber ich sehe ganz anderes als bisher. Und das bleibt jetzt so.
Gewöhnen Sie sich daran!, sagt die Augenärztin, die sich viel Zeit nimmt und ganz begeistert ist, weil sie den Tropfen auch sieht mit ihrer Supertechnik superdicht an meinem Auge. Sie sagt, das heiße mouches volantes. Ich glaube ihr nicht, ich glaube, sie hat die falsche Krankheit entdeckt. Ich sage zu ihr, das sieht aber gar nicht aus wie Fliegen. Sondern eher …
Die Augenärztin hält mir ein Blatt hin, da steht alles drauf. Die Augenkrankheit ist beschrieben und mit mehreren Skizzen veranschaulicht. Sie hat einen ganzen Stapel davon kopiert, sie sagt: Das haben viele, das ist nicht schlimm.
Das tröstet mich aber nur ein ganz kleines bisschen. Ich will sie nicht und ich will mich nicht an Tropfen und Flusen gewöhnen.
Wenn ich eine Sonnenbrille aufsetze, sind sie fast weg. Vielleicht ein Argument für dieses Dolce & Gabbana-Modell in diesem einen Optikerladen … hatte ich ja schon fast vergessen …

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Seethaler

Samstag. Da sitzt Robert Seethaler vorm Wilhelmsstift. Eigentlich sitzt er vor einem Klamottenladen auf dem schmalen Bürgersteig an einem schmalen Tisch und signiert. U.a. mein direkt vorher erworbenes Exemplar von Das Feld.
Ich komme mir vor wie ein aufgeregtes Groupie. Ganz klar ist er mein persönlicher Favorit auf dem Tübinger Bücherfest. Ganz klar sieht er noch besser aus als im Fernsehen. Er freut sich, als ich ihm erzähle, dass ich den Trafikant demnächst mit meiner Truppe im „Amt“ lese. Gefragt, ob ich ihn fotografieren darf, wirft er sich liebenswürdig in Pose. Ich stelle das einfach mal hier ein, k. A., was das neue Urheberrecht dazu meint.

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Zu zweit

Donnerstag. Zu zweit ist besser als zu dritt. Als allein sowieso. Zu zweit auf einem Dach sitzen, zwischen zwei Schornsteinen, und der Sonne beim Abtauchen zusehen. Zu zweit auf einem Dach spazieren gehen. Tanzen. Kunststücke machen. Fast runterfallen. Sich auffangen. Am anderen festhalten. Zu zweit ist ein ständiges Hinhören. Kann auch nerven. Hin ist von sich weg. Allein ist Herhören, Insichreinhören. Oder: gegen die Stille anhören. Zu dritt ist fremdhören. Das ist schizo, das geht gar nicht. Da lasse ich mir nichts mehr erzählen.
Zu zweit erzählen: Was hast du heute gemacht?
Und du, was hast du gemacht?
Ich habe an dich gedacht.
Ich auch. Ich habe auch an dich gedacht.
Die Schornsteine sind noch ganz warm von der Sonne.

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Abgeschlossen

M: Na super!

T: Geht da noch was?

M: Was soll da gehen? Zu ist zu.

T: Man könnte …

M: Was?

T: Versuchen …

M: Mit Gewalt?

T: Gewalt wär eine Lösung.

M: Hey, du bist doch sonst so peaceful!

T: Ist ja nur gegen Sachen. Nur eine Tür.

M: Die ist dann kaputt.

T: Ja.

M: —

T: Aber wir hätten Klarheit.

M: Stimmt.

T: Also?

M: Mach du.

T: Wieso ich?

M: Du wolltest reingucken.

T: Alter, als wolltest du nicht!

M: Geht so. Ist wahrscheinlich bloß Gerümpel drin.

T: Oder eine Leiche.

M: Pfff. Solln wir gehen?

T: Haste noch n‘ Bier zuhause?

M: Klar. Oups!, wo sind denn meine Schlüssel?

T: Ha ha!

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Anverwandlung

Sonntag, im Zug. Nochmal also zu Leila Slimanis Roman Alles das zu verlieren: Zu vermuten ist doch, dass die Autorin sich explizit in die Tradition Flauberts stellt – zu auffällig sind die inhaltlichen Parallelen – und damit kann ich mich von dem Buch leider nur verabschieden. Gegen Madame Bovary wirkt Alles das zu verlieren wie der – ziemlich kunstlose – Holzschnitt nach der Vorlage eines eminent kunstvollen Ölgemäldes der Meisterklasse.
Ist auf der inhaltlichen Ebene die Protagonistin psychologisch kaum nachvollziehbar, so eiern auf der erzähltechnischen Ebene nicht nur die Vergangenheits-Tempi wild durcheinander, dass du beim Lesen besoffen zu werden glaubst, sondern auch die Erzählperspektive schwankt zwischen überwiegend personaler und gelegentlich auktorialer Sicht, wodurch die Leserin völlig unvermittelt in den Gedankenstrom einer Nebenfigur eingeklinkt wird und sich verwundert die Augen reibt: Wie um alles in der Welt kann die Protagonistin das wissen?
Andererseits lese ich gerade im neuen Galore-Heft (Juni 2019) ein sehr interessantes Interview mit Slimani. Als Marokkanerin wird sie nach ihrer Meinung zu den beiden feministischen Hauptrichtungen in Deutschland befragt, von denen eine durch Alice Schwarzer repräsentiert wird, die deutliche Kritik an der patriarchalisch-frauenfeindlichen Haltung nordafrikanischer Migranten übt, während die andere von Teilen der deutschen Linken vertreten wird, welche Kritik an der arabischen Kultur und am Islam mit Rassismus gleichsetzen.
Darauf Slimani: Anscheinend haben Sie in Deutschland unter den Linken ähnliche Leute wie wir in Frankreich. Die gleichen Idioten. Ich nenne diese Leute „die dem Islamismus nützlichen Idioten“. Wenn diese Leute in islamischen Ländern leben würden und das Verbot von Abtreibung oder Homosexualität am eigenen Leibe spüren würden, dann würden sie anders reden. Mit ihren Aussagen fallen sie den Frauen und Männern in den Rücken, die sich für eine freiere Gesellschaft und den Feminismus in diesen Ländern einsetzen. Außerdem ist das, was die Linken machen, in meinen Augen rassistisch. Sie sagen: „Ach, nein, wie können die nicht kritisieren, das sind doch Opfer, arme kleine Leute, die man nicht verletzen darf.“ NEIN! … Ich darf meine Kultur kritisieren, genauso wie ich Frankreich oder China kritisiere. Wir sind doch keine zerbrechlichen Wachspüppchen!
Klare Worte ohne viel Theorie-Chichi …

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Sarah-Lee Heinrich

Samstag, B.N. Eine wie Überraschungsgast Sarah-Lee Heinrich lässt Altbundespräsident Joachim Gauck im Nachtcafé ganz schön alt aussehen. Zu „Würde, Wut und Toleranz“ hat die 18-jährige Abiturientin aus Unna viel zu sagen – als Tochter einer Hartz IV-Empfängerin mit Migrationshintergrund kann sie sich auf ihre eigenen Erfahrungen berufen. Heinrich ist Sprecherin der Grünen Jugend in Unna, Feministin und Antifaschistin, außerdem engagiert sie sich in der Black lives matter-Bewegung. Klingt vielversprechend. Heinrich ist Stipendiatin des Schülerstipendienprogramms „RuhrTalente“.

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Ab-Gründe

Donnerstag, B .N. Seit ich in Köln war, sind Ladekabel und Netzteil verschwunden.
Zwar kann ich mich genau daran erinnern, das Handy in die Handtasche gesteckt zu haben, wo es auch schon die ganze Nacht über gesteckt hat – am Stromnetz angeschlossen, wie ich das immer mache, um es beim Verlassen des Hauses nicht zu vergessen. Nicht erinnern kann ich mich jedoch, dass ich es ausgesteckt habe. Genauso wenig, wie ich mich an die Bewegung oder die gedankenlose Aktion oder den Umstand zu erinnern vermag, die dazu geführt haben, dass das Kabel samt Adapter herausgefallen, irgendwo liegengeblieben, verloren gegangen ist.
Es gibt also Momente in meinem Leben, die in einem Grad unbewusst ablaufen, dass sie meiner Erinnerung entzogen sind.
Das ist unheimlich.
Zwei Tage in Köln, weil L. krank ist – das bedeutet Highspeed-Putzen, Einkaufen, Kochen und mit den zwei süßesten Wesen der Welt Spaß haben, was Mütter eben so machen, wenn das „Kind“ krank ist, einschließlich dem vorprogrammierten Krach um, ja, Ernährungsfragen … die sicher tiefer blicken lassen … sicher auf beiden Seiten … ohne das jetzt ausführen zu wollen … .
Bei der Rückfahrt herrscht Krieg auf den Bahnhöfen. In Köln werden die Wartenden mehrmals von einem Gleisabschnitt zum anderen gejagt, um sie, als der Zug endlich einfährt, darüber aufzuklären, dass dieser heute – „ausnahmsweise!“ – nicht weiterfahre. Noch mehr Wartende kämpfen zuerst um einen Stehplatz auf dem Bahnsteig, dann in irgendeinem der mit zwei oder noch mehr Stunden Verspätung einrollenden Züge. Das ist der Moment, wo es dir fast schon egal ist, wohin die Reise geht, Hauptsache du kommst von der Stelle.
Es ist der supergeeignete Moment, das Loslassen zu lernen: Das plötzlich aufleuchtende, scheinbar völlig fehlgeleitete Glücksgefühl inmitten der aggressiven Ignoranz von Tausenden Mitreisenden, inmitten des erregten Gewühls und Gewimmels, einzig auf der Gewissheit beruhend: Egal was passiert, irgendwie wirst du durchkommen.
Im Zug dann die Überraschung: Kein Halt in Bonn oder Remagen oder sonst einem Bahnhof mehr bis Koblenz. „Ausnahmsweise!“
Hätten sie ja besser mal vorher durchsagen können, aber jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an, ich habe ein spannendes Buch dabei – Der Abgrund in dir von Dennis Lehane – ich fahre und fahre dann wieder zurück nach einer längeren Wartezeit in Koblenz und warte in Remagen eine weitere Stunde zwischen verschwitzten, aufgebrachten Menschen, ich habe einen Platz auf der Bank ergattert, ich kann lesen, was will ich mehr.
Als ich am Abend endlich bei PM ankomme, hängt der immer noch in einer wichtigen Besprechung fest. Als Erstes schaue ich nach dem Ladekabel, aber es ist nicht da, hätte mich auch gewundert, und das ist eines dieser Rätsel des Lebens, dass du manchmal auf blinde Flecken in deiner Existenz stößt, die sich niemals aufklären lassen.

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