Das Lied vom Tod

Dienstag. „Ich, Ennio Morricone, bin tot.“
Die letzten Zeilen des sterbenden Musikgenies und zweifachen Oskar-Preisträgers, die wir heute der Presse entnehmen durften, machen Gänsehaut, so anrührend sind sie. Morricone verabschiedet sich darin von Freunden und Familie und ganz besonders von seiner Frau Maria, mit der er seit 1956 verheiratet war.
Bei einem der vielen Kindergeburtstage der Kamener Pfarrersfamilie Szameit saß ich unterm Esstisch und wartete darauf, entdeckt zu werden. Wir spielten Verstecken im Dunklen, und eigentlich hoffte ich inständig, ganz lange nicht entdeckt zu werden. Die Dunkelheit war umfassend. Als würde ich unter einer Decke stecken, sah ich nichts in dem fremden Esszimmer außer dem schwachen Schimmer eines Radioapparates. Umso mehr hörte ich. Aus dem Radio kam eine Musik, die mir langsam die Eingeweide hochstieg, zuerst meinen Bauch erfasste und dann meinen Schädel. Mein ganzes Denken löste sich in diesen merkwürdigen Mundharmonikaklängen auf. Wie unter Schmerzen schmierten sie ab, immer nur zwei, höchstens drei Töne, als wollten sie sich niemals greifen lassen, und dann woben sich Bläser und Streicher und eine dominante E-Gitarre darunter hindurch, Chorstimmen, Glockenschläge – ein ganzes Orchester schwoll mit einer vollkommen eigenen Melodie an, doch die Mundharmonika mit ihren sparsamen Tönen hielt sich darüber, ließ sich nicht abschütteln, schnitt und fraß sich für immer in mein Gehirn.
Das war Spiel mir das Lied vom Tod, erklärte mir die Pfarrersfrau später, ein wenig erstaunt, dass ich es nicht kannte (bei uns lief nie das Radio). Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis ich den dazugehörigen Film sah, vierzehn, fünfzehn Mal hintereinander, schon in Tübingen im Arsenal (das es seit kurzem nicht mehr gibt, aber das ist eine andere traurige Geschichte). Zu gern würde ich ihn mal wieder im Kino sehen und hören: harte Männergesichter, unerbittliche Wüsten und die schneidenden Klänge der Mundharmonika.
Ich danke Dir, großer Ennio Morricone!
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Für Debbie

Am 1. Juli wurde Debbie Harry alias Blondie 75 Jahre alt, und zufällig finde ich heute eine Tribute-Passage an sie: Laabs Kowalski hat sie in seinem Roman So zärtlich war das Ruhrgebiet* geschrieben:

1987 war ein ganz besonderes Jahr, denn ich bekam meinen allerersten Kuss. Mit Zunge! … Noch aber war es nicht so weit, das Jahr hatte gerade erst begonnen und rückte zunächst eine ganz andere Frau in mein Bewusstsein: Debbie Harry. Im Februar tauchte sie mit ihrer Band Blondie erstmals im Fernsehen auf, mit einer Coverversion des Songs „Denise“ von Randy & The Rainbows, und sie machte uns alle nervös: Rüdiger Leifeld, Martin Woyschewkski, mich und Ulrich Kuffel und selbst neunzigjährige Greise, Blinde und Frauen. Aber nicht etwa schmutzige Gedanken flammten auf, wenn man sie im Fernsehen oder in den Zeitschriften sah – nein, man wollte sie verehren, anbeten und sich opfern für sie.

*

*Unbedingt zu empfehlen für Leute, die manchmal keinen Bock auf Hochliteratur haben, für Leute, die einen schlechten Tag haben, für Leute, denen nach einer Zeitreise ist, für Leute aus dem Ruhrpott-Miljö …

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Corona Diary / Peace im Sommer

Samstag. Der Sommer mit seiner milden Wärme lässt einen träumen. PM und ich im Meze, wir haben uns viel zu erzählen, wir haben uns eine Woche lang nicht gesehen. Er arbeitet an einem Artikel über Gefäßchirurgie für eine Fachzeitschrift, ich konzentriere mich auf mein neues Buchprojekt. Corona macht die Menschen müde, alle reden davon, wie müde sie sind und dass sie dauernd einschlafen könnten. Uns geht es genauso. PM meint, dass sei die Depression, die das Virus auslöst. Ich habe viel aufgeräumt und ausgemistet in der letzten Woche. Jetzt bin ich voller Tatendrang. Die Müdigkeit geht mir auf die Nerven, ich lehne sie ab. PM hat heute auf der Terrasse meine kaputten Stühle repariert. Er ist ein Handwerker, er kann alles. Ich habe eine Gemüsesuppe mit Cheddarkäse gemacht (Rezept aus der Tina, in der meine Buchbesprechung kam). Wir waren auch in der Stadt, aber wir kaufen gerade nichts. Alles, was ich brauche, hole ich mir bei Kleiderkreisel. Das halte ich schon seit Wochen so. Nachhaltiger gehts nicht als den Gegenständen eine zweite Chance zu geben. Die 15 Chiefs des UN Sicherheitsrates haben eine weltweite Feuerpause ausgerufen: 90 Tage lang sollen die Waffen schweigen, solange das Virus tobt. Wie lustig: Ein Virus schafft endlich Frieden zwischen den Nationen.

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Mondgesicht

Freitag. Da glotzt der Beinahevollmond durchs Küchenfenster, als gäbe es hier was zu sehen. Gibts ja auch, aber nicht für dich, Mondgesicht.

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Ws stmmt ncht …

… wenn du bei einem Lied im Radio anfängst zu weinen, bei dem du sonst gekotzt hast?

… wenn du deinen fiesen Nachbarn superfreundlich grüßt, der deinen dummerweise am Briefkasten stecken gelassenen Hausschlüssel einkassiert und dir damit so richtig Stress gemacht hat?

… wenn du zu deiner aufgebrachten Lieblingskollegin sagst: Mach nicht so ne Welle!

… wenn du die flachen Latschen statt der roten Highheels trägst und behauptest, die sähen besser aus?

… wenn du seit zwei Wochen nicht schaffst, die wichtigste Person für dein neues Projekt zu kontaktieren?

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Nachts

… durch Tübingen mit dem Fahrrad nach Hause, der Mond funzelt durch die Bäume, auf den Balkonen wird gefeiert, im Kopf der Abend mit Abschied und Neuanfang, ein geschenktes Buch in der Tasche (Zvi Kolitz: Jossel Rakovers Wendung zu Gott), eine Verabredung zum Kaffee und Gute Nacht.

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Schluss?

Dienstag. Heute Abend in der Lernstub verabschieden wir unseren Pfarrer Harry W. Das ist traurig. Ich hoffe, dass es mit unserer skurrilen, aber liebenswerten Truppe weitergeht. Ich hoffe, dass es mit ihm weitergeht. Ich kann Abschiede nicht leiden.

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Corona Diary / Wenn …

Sonntag B.N. Sonne, im Garten liegen, ein Abend im Bell’s mit der üblichen Truppe, an der Ahr spazieren gehen, PM kocht, ich korrigiere, was jetzt ganz entspannt zugeht, weil es nicht mehr so viel ist. Klausuren über den Stoff, der während der Coronakrise online vermittelt wurde, sind verboten. Zum Glück habe ich mit Lesetagebüchern gearbeitet, die korrigieren sich wunderbar. Das sind direkt kleine Kunstwerke, echte Perlen darunter. Man bekommt einen Eindruck davon, was Lernen ohne Zeitdruck ist. Wie es sein könnte … wenn alles ganz anders wäre …

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