Corona Diary – Luxus analog

Mittwoch. Zwischen Videokonferenzen, Material einscannen, Einstellungen optimieren, 30 Lösungen korrigieren, 30 Feedbacks geben, Noten ausrechnen, E-Mails beantworten, Anrufe annehmen, Beschwerden abfedern, Termine checken, nochmal 30 Lösungen korrigieren – auch mal essen. Oder schlafen (überschätzt, I know). Oder sich richtig anziehen (s.o., I know). Oder in einem ZEITFENSTER my best ever Vinyl – Baba O’Riley von The Who – auflegen, einfach so … Luxuswünsche aus der analogen Welt …

Neue Erfahrung: Videokonferenzen können – in Grenzen – direkt Spaß machen … erster Schritt zur Anpassung?

Veröffentlicht unter 2021

Step by Step

Völlig unkritisch, aber informativ:

Microsoft plant, eine eigene Kryptowährung zu schaffen, die Körperaktivitätsdaten anstelle von Rechenleistung für das Mining verwendet. Dies würde es Einzelpersonen ermöglichen, Kryptos abzubauen und den Bedarf an ASICs zu ersetzen. Das öffentlich zugängliche Patent mit dem Titel „Kryptowährungssystem, das Körperaktivitätsdaten verwendet“ wurde am 26. März veröffentlicht.

Gemäß dem Patent können verschiedene Arten menschlicher Körperaktivitäten für das Mining genutzt werden. Ein Beispiel wäre die Körperwärme, die ein Benutzer ausstrahlt, wenn er eine bestimmte Aufgabe online ausführt, wie das Ansehen einer Werbung oder die Nutzung bestimmter Internetdienste. Es könnten sogar Gerhinwellen für das Mining verwendet werden. Man wird in der Lage sein, komplexe Rechenprobleme unbewusst zu lösen, ohne auf teure und energieintensive Hardware angewiesen zu sein.

„Körperaktivitätsdaten können auf der Grundlage der wahrgenommenen Körperaktivität des Benutzers generiert werden. Ein Kryptowährungssystem, das kommunikativ an das Gerät des Benutzers gekoppelt ist, kann überprüfen, ob die Körperaktivitätsdaten eine oder mehrere Bedingungen erfüllen, die vom Kryptowährungssystem festgelegt wurden, und dem Benutzer, dessen Körperaktivitätsdaten verifiziert sind, Kryptowährung vergeben.“

Patent-Ausschnitt

Microsoft hat noch nicht erklärt, ob diese neue Kryptowährung auf einer bestimmten Blockchain basiert. Es ist auch nicht sicher, ob sie tatsächlich eingeführt wird. Sollte sie jedoch gestartet werden, dann könnte diese Art von Aktivität die „massive Rechenleistung“ ersetzen, die derzeit von einigen traditionellen Krypto-Systemen benötigt wird. Eine BTC-Transaktion erzeugt bspw. soviel CO2 wie 780.650 Visa-Transaktionen. Bitcoin verbraucht mehr Strom als Chile. Hinzu kommt, dass 98% der veralteten ASICs direkt auf eine Mülldeponie wandern, was zu massiven Haufen von Elektroschrott führt.

Veröffentlicht unter 2021

Entseelt

Freitag. Strange: Der Wecker klingelt, dass ich pünktlich an meinem Esstisch eintreffe – Standort Laptop. Wie jeden Corona-Morgen schalte ich ein und starte sechs Stunden entseelten Pseudounterricht. Entstanden sind die heute Nacht bis in die Morgenstunden. Das dauert nämlich, bis so eine digitale Doppelstunde im Kasten ist. Langsam werde ich blöd dabei. Beim Einschlafen sehe ich Klicks und Buttons aufblitzen, beim Aufwachen sind sie immer noch da. Mann, wie ich die Normalität vermisse. Wie ich MENSCHEN vermisse!
Mecki schreibt fleißig Beschwerde-Mails an alle möglichen Politiker. Doch wir jammern auf hohem Niveau. Wir arbeiten 13, 14 Stunden am Tag bzw. in der Nacht, sind aber wenigstens finanziell abgesichert.
Was anderes ist das mit den durch Corona befeuerten digitalen Anforderungen. Noch nie bin ich mir so unfähig vorgekommen. Meine Inkompetenz wird mir stündlich, halbstündlich, viertelstündlich vor Augen geführt. Ich hechle hinterher und schaffe es doch immer nur gerade so. Souverän ist was anderes. Dystopisches Szenario: Hätten wir jetzt schon 1984, würde ich bald zu den Proles gehören, zu den Restkräften, die irgendwie auch noch da sind. Digitalisierung heißt gnadenlos aussieben. So wie die Alten, die aktuell versuchen einen Corona-Impftermin zu ergattern und an der Online-Anmeldung scheitern. Und raus bist du! Das macht mir jetzt schon Angst. Ich versuche solche Vorstellungen wegzudenken. Ich kann viel, davon bin ich bisher jedenfalls immer ausgegangen. 30 Lernende haben ihre Arbeiten auf die Moodle-Plattform gestellt, sie warten auf ein Echo, das werde ich jetzt geben (bevor die nächsten 30 kommen), während sie Hobbes und Rousseau beackern.
Ist das noch irgendwie relevant? Grundsatzzweifel an meiner Arbeit, immer häufiger …
Meine Waschmaschine hat den Geist aufgegeben. Seit dem Erdbeben vor ein paar Wochen haben einige Wände und die Wohnzimmerdecke Risse bekommen, ein Gutachter checkt das nächste Woche. Pakete müssen weggebracht werden. PM kommt heute Abend, und der Kühlschrank ist leer.
Leben!, du versickerst in diesem Corona-Moodle-Schwachsinn, und nichts passiert, was irgendeinen Belang hätte …

Veröffentlicht unter 2021

Corona Diary – Feedback

Donnerstag. 85 % aller Bundesbürger glauben, dass das Lehrpersonal nicht ausreichend für den Fernunterricht fortgebildet ist. Wie kommen die restlichen 15 % denn bloß darauf, dass dem so sei?
Auf meine Beschwerdemail ans „Amt“ nach zwei Wochen Dilettieren und Nachfragen bei anderen dilettierenden Kolleg*innen und gemeinsamem Weiterdilettieren bekomme ich heute eine verblüffende Antwort: Die „Amts-„leitung höchstpersönlich bietet mir kommende Woche eine Solo-Nachhilfe an.
Nicht gerade das, was ich unter einer professionellen IT-Fortbildung verstehe, maile ich zurück. Darauf klingelt das Telefon. So was gibt es nicht, so was brauchen wir nicht, und ob ich das Angebot nun annehme?
Klar, mach ich. Dilettieren wir uns fröhlich weiter durch den Lockdown. Den Preis zahlen andere.

Veröffentlicht unter 2021

Corona Diary – verschärfte Maßnahmen

Dienstag. Lockdown-Verlängerung bis voraussichtlich 14. Februar und Ausweitung des Homeoffice – war absehbar, ist okay. FFP2-Maskenpflicht in Geschäften, Zug und Bus – auch okay. Wie sonst die vielen Ignoranten erreichen, die nicht blicken, dass sie selbst das Problem sind? Immer noch sind so viele maskenlose Idiot*innen unterwegs, gerieren sich als Freiheitskämpfer*innen und sind eigentlich nur zu doof für diese Welt. Dann eben Selbstschutz mit einer leider sehr hässlichen, medizinischen Maske. Aussehen spielt sowieso keine Rolle mehr. Wer seit Wochen nicht beim Friseur war und sein Gesicht ständig halb verdeckt spazieren trägt, stellt sich andere Fragen.
Vor einem Jahr haben wir uns noch über die Chinesen amüsiert, als sie das öffentliche Leben komplett runtergefahren und angefangen haben, Bürgersteige und Geldscheine zu desinfizieren. Corona haben wir anfangs nur als Gamechanger für die Wirtschaft, für das Leben danach begriffen. Heute sind wir schlauer, aber nicht unbedingt demütiger, und schielen mit einer Mischung aus Verachtung und Bewunderung nach China. Egozentrisches Querdenkertum hat dort keine Chance. Der totale Überwachungsstaat führt in Sachen Virusübertragung ganz offenkundig zu besseren Resultaten als die halben Lösungen einer Demokratie, der die Freiheit der Bürger*innen ein ebenso schützenswertes Gut sein muss wie ihre Gesundheit. Um die hohe Kunst des Austarierens in diesem Konflikt beneide ich die Verantwortlichen nicht. Nur das Ding mit der Freiheit nehme ich den wenigsten Politiker*innen ab. Dazu lassen sie uns viel zu ungebremst in das gefräßige Maul der Daten- und Meinungsmonopolisten rasen – #Überwachungskapitalismus -, aber das ist ein anderes Thema …

Veröffentlicht unter 2021

Corona Diary – Unordnung

Samstag. Ordner und Bücher, die sonst immer schön separiert von my Sweet Home in meinem Fach im „Amt“ liegen, liegen jetzt auf dem Boden und auf dem Esstisch verteilt. Wie in meiner Wohnung sieht es auch in meinem Gehirn aus. Manchmal renne ich raus, gehe mit Moni oder Mecki spazieren, kaufe irgendeinen Unsinn bei Drogerie Müller – einem der wenigen Geschäfte, die außer Lebensmittelläden noch geöffnet sind – oder stapfe durch den Schnee ins „Amt“, um weitere Materialien ranzuschaffen und andere versprengte Seelen anzutreffen, denen es auch nicht besser geht, die mit Moodle auch nicht besser klarkommen. Sehr beruhigend, solche Infos. Seltsamerweise dringen sie nicht nach außen. Alle Welt denkt, das seit ca. 500 Jahren bestehende und im Wesentlichen unveränderte Schulsystem habe sich durch Zauberhand in wenigen Monaten umgeswitcht. Nur lassen sich Menschenhirne nicht so leicht umswitchen, vielleicht auch, weil sie es nicht wollen.
Heute Nachmittag kommt Moni zu mir nach Hause und bringt mir weitere Moodle-Funktionen bei (in Ermangelung einer korrekten IT-Fortbildung für uns Lehrende, die sich das Kultusministerium komplett spart nach dem Motto „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“). Lernen von lauter Mist, der mir nichts bedeutet. Angst den Überblick zu verlieren.
PM abgesagt, Schnee und Glätte vorgeschoben, dabei ist es die uferlose Arbeit im „Amt“. Dazwischen bringe ich Pakete weg und bekomme welche. Bei Kleiderkreisel, was jetzt Vinted heißt, läuft ein reger Handel, bald bin ich alle meine ausrangierten Sachen los und erwerbe im Gegenzug schöne Teile, die ich mir normal nicht leisten würde. Die Bags von Michael Kors haben es mir angetan. Auf Kleiderkreisel bzw. Vinted gibt es Mädels, die ihre Michael-Kors-Sammlungen AUFLÖSEN! Das erste Mal habe ich es nicht geglaubt, inzwischen nehme ich zur Kenntnis, dass manche Achtzehnjährige von ihrem Luxus so ermüdet sind, wie ich es niemals sein werde. Ich nehme sie gerne, diese komplett ungetragenen, zum Teil noch original verpackten Dinger. Ich freue mich daran, ich benutze sie, ich habe jetzt auch eine SAMMLUNG!
Dann wieder ein Telefongespräch, eine Verabredung für später …, ein Licht im Dunkel, Ansätze von Plänen, Projekten. Das sind die Highlights der Tage, die ansonsten so kommunikationslos und ereignislos dahinplätschern wie ein unendlicher Strom. Dabei sind sie MEIN LEBEN! Unser aller Leben, ausgebremst und zur Unkreativität verdammt, und jetzt soll nochmal nachjustiert werden: Kommenden Dienstag gehen die Ministerpräsidenten mit Merkel wieder in Klausur, um über noch schärfere Maßnahmen zu beratschlagen. Gemunkelt wird von einem 24-Stunden-Lockdown (ping! ping! heute Nacht um 2.31 Uhr auf der hysterischen LehrerWhatsApp) Die Fallzahlen der Infektionen gehen nämlich nur sehr zäh runter und die Todeszahlen gar nicht, im Gegenteil steigen sie sogar.
Die Gesamtsituation ist anhaltend bedrückend und betrübt die Seele. Man wird langsam komisch. Jeder Mitmensch eine potentielle Gefahr: man wechselt die Straßenseite, wendet den Kopf ab, versteckt sich hinter Maske und Wollschal. Die Aerosole … Wörter, die man bis vor einem Jahr nicht draufhatte. Der Schnee rieselt, die Geräusche sind runtergefahren, alles ist weiß und unwirklich.

Veröffentlicht unter 2021

Corona Diary – Die Macht des Algorithmus

Donnerstag. Dass gleich am ersten Morgen das Moodle-System zusammenbricht, war voraussehbar und nicht weiter tragisch.Tragisch sind die vielen ängstlichen/besorgten/schuldbewussten E-Mails von Eltern und Kindern. Tenor: Ich komme gerade nicht rein, aber ich bin hiermit angemeldet!
Als würde ich ein Häkchen dahinter setzen (genau so lautet die Anweisung). Als würde ich über die zusammengezählt 214 Lernenden auch noch Buch führen, nachdem ich sie rund um die Uhr mit Stoff versorge und zeitgleich ihre Outputs kontrolliere und unermüdlich mit dem System kämpfe, das nichts verzeiht, das so erbarmungslos ist wie keine menschliche Kommunikation es sein kann – es sei denn, der Kommunikationspartner ist hochgradig gestört. Kein Verhandlungsspielraum, that’s it! Digitales Unterrichten heißt maximale Gnadenlosigkeit.
Statt um 7.50 Uhr erst um 7.51 Uhr eingestellt? Geht gar nicht, nichts geht mehr. Aus und vorbei! Abgewiesen! Nicht von mir, sondern vom Algorithmus eines Systems, in das wir Pädagog*innen und unser Klientel sich gerade einarbeiten, als hätten Didaktik und Pädagogik niemals existiert. Bitte ALLES vergessen, was einmal war! Über richtig und falsch, gut oder schlecht, über Akzeptanz und Nichtakzeptanz entscheidet der Algorithmus. Differenzieren? Argumentieren? Debattieren? Bitte, was soll der antiquierte Quark? Die richtigen Klicks sind richtig, die falschen falsch, so einfach ist das und dazwischen brauchen wir nichts mehr.
Das Einstellen des schier unüberschaubaren Materials für meine neun Lerngruppen, der dazugehörenden Fragen und des ganzen bunten Fächers von kreativen Lösungsmöglichkeiten, sonst gemeinsam und vielstimmig im Unterrichtsgespräch entwickelt, jetzt plakativ von mir vorweggenommen und stumpf als Erläuterungstext vorgegeben, erfolgt nachts.
Ich bin Nachtarbeiterin, jetzt ist es raus. Schon immer gewesen und in Zeiten, wo ich den Tag über schon online sein muss (jederzeit abrufbar, überprüfbar, sanktionierbar), erst recht. Jedes von mir eingestellte Dokument ist mit einer Uhrzeit versehen. 214 Menschen wissen ab sofort, wann ich arbeite. Sie kennen meinen Tagesablauf, sie wissen etwas, was sie m.E. nicht zu wissen brauchen. Auch ich weiß, wann sie – oder ihre Eltern – mein Material bearbeiten. Ich versuche die Uhrzeit zu ignorieren – was geht es mich an, ob jemand nachmittags nachholt, was vormittags passieren sollte? Oder gar nicht?
Vielleicht hat sie/er keine Kraft, ist so pandemiebedingt antriebslos wie ich selbst? Vielleicht ist er/sie in Sachen Disziplinierung noch nicht so abgerichtet wie ich, verfügt noch über eine gewisse Widerstandskraft? Soll ich das verurteilen? Soll ich Fragen nach dem Warum, nach den Hintergründen in Zukunft unterlassen? Obwohl genau dieses Differenzierungshandwerk bisher einen wesentlichen Teil meines Berufes ausgemacht hat?
Fernunterricht ist ein Euphemismus für die Hingabe des persönlichen Lebens an einen Algorithmus, den irgendein nicht hinterfragbarer Administrator im Auftrag irgendeines nicht hinterfragbaren Ministeriums – bzw. wirtschaftlichen Unternehmens – vorgegeben hat und der mich jede Minute von neuem genau eins lehrt: Kreativität, kritisches Denken unerwünscht! Klick was du klicken musst, oder du bist raus!
Beautiful New World.

Veröffentlicht unter 2021

Bilder, Daten, Deutungen

Dienstag. Der Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. am Nachmittag des 6. Januar 2021 hält die Welt nachhaltig in Atem (während der Sturm auf das Berliner Reichstagsgebäude durch Coronaleugner schon wieder vergessen scheint):
Aufgebrachte Trump-Anhänger hatten gewaltsam versucht, die formale Bestätigung des neuen amerikanischen Präsidenten Biden durch den Kongress zu verhindern. Ungläubig rieb man sich die Augen ob der seltsamen Bilder aus dem US-Parlamentsgebäude: verkleidete Freaks in QAnon-Shirts, die Beutestücke hochhielten und das Peacezeichen machten. Abgeordnete, die sich ängstlich hinter ihren Sesseln versteckten. Um sich schießende Polizisten. Fünf Menschen starben bei der Randale. Schon vor Wochen war genau das vorausgesagt worden: Aggressive Übergriffe aus dem republikanischen Lager auf die Demokraten als greifbarer Ausdruck einer geteilten Nation.
Wenn vergleichbare Bilder uns aus Moskau erreichen würden, sagen wir, von der Stürmung des Kremls durch Anhänger Alexei Anatoljewitsch Nawalnys, wie würden die Reaktionen der westlichen Welt darauf wohl ausfallen? Ohne Frage würde der Widerstand gegen Erzfeind Putin auf Wohlwollen und Sympathie treffen. Die Presse würde ihn medial unterstützen, die westlichen Geheimdienste finanziell oder gleich mit Waffenlieferungen, siehe Syrien. Das unschlagbare Demokratisierungs-Argument steht den Vertreter*innen der westlichen Welt ja auf die Schilde geschrieben.
Der russische Nationalist und Oppositionelle Nawalny, der seine Vergiftung am 20. August 2020 mal auf ein vom russischen Geheimdienst präpariertes Tafelwasser, mal auf eine präparierte Unterhose zurückführt, genießt bei uns eine beispiellos kritiklose Presse.
Eine beispiellos empörungslastige Presse wird dagegen von Anfang an Trump zuteil. Das ist mir eigentlich egal, weil mir Trump egal ist, aber die wie auf Knopfdruck abrufbaren Reaktionen Häme/Entsetzen/Schnappatmung gehen mir mittlerweile total auf die Nerven. Können Journalist*innen nicht mehr eigenständig denken? Man weiß alles schon im Voraus. Durch nichts und niemanden überraschen sie, sie agieren auf einer Linie. Der einhellige Jubel über Trumps Kontosperrung bei Twitter und Facebook vor drei Tagen ist nur ein Beispiel von vielen.*
Die Meinungsfreiheit ist unter die Räuber gefallen, konstatiert dagegen Steingart im heutigen Morning Briefing. Und diese Räuber bleiben auch dann Räuber, wenn sie sich dem Publikum als Samariter präsentieren. Gemeint sind die Digitalkonzerne Twitter und Facebook, die sich für ihre Aktion feiern lassen und sie als Dienst an der Menschheit bzw. als Rettungsakt der Demokratie verkaufen. Während es in Wahrheit um nichts anderes geht als um die Errichtung technologisch basierter Monopole.
Die neuen digitalen Oligarchen zeigen damit zum ersten Mal in großem Rahmen ihren autoritären Charakter. Doch auch so ein populistischer Sack wie Trump hat ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Wenn eine Demokratie das nicht aushält, taugt sie nicht viel mehr als die doktrinäre Staatsform von Putin-Land. Der mundtote Trump weckt Häme, aber doch gleichzeitig auch ein mulmiges Gefühl: Wann werden andere Konten versiegelt, womöglich mein eigenes? Wenn private Unternehmen wie Twitter, Facebook & Co meinungsmonopolistisch darüber entscheiden, wer sich öffentlich äußern darf und wer nicht, dann ist die Demokratie tatsächlich bedroht. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut; bisher führten nur Länder wie China, Iran, Venezuela u.a. vor, wie digitale Plattformen sie liquidieren – und jetzt die USA?
Ein paar Daten: Die Tech-Giganten sitzen auf einem weltweit einmaligen Datensatz: Jeden Tag gibt es auf Google 3,5 Milliarden Suchanfragen, pro Monat sind das über 100 Milliarden Anfragen. Keine einzige Behörde weltweit, nicht einmal der chinesische Staat, hat Zugang zu einem derartigen Datenschatz. Die Gefahr: Diese Daten werden zu Profilen verknüpft und für kommerzielle und politische Zwecke genutzt – oder an Dritte verkauft. Die Anreicherung von Daten mit anderen Daten ist die Kernenergie des digitalen Zeitalters
Das Finanzmonster der GAFA-Konzerne (Google, Amazon, Facebook, Apple) bringt es derzeit auf eine Börsenkapitalisierung von 5,7 Billionen Dollar, was in etwa dem anderthalbfachen des deutschen Sozialprodukts entspricht. Gegen diese Finanzmacht wirken Weltkonzerne wie Volkswagen (101,5 Mrd. Dollar) oder Nike (230,9 Mrd. Dollar) wie Tante-Emma-Läden. Die Gefahr: Die bestverdienenden Konzerne sind die schlechtesten Steuerzahler, auch weil die Nationalstaaten erpressbar geworden sind. (Steingart, 12.01.21)
Fazit: Die schlimmsten Feinde der Demokratie sind nicht die TrumpFans, die im Kapitol mal so richtig einen draufmachen, und nicht einmal die verstrahlten QAnonianer unter ihnen. Sie und die anderen, wir alle sind reale und potentielle Opfer von Datendiebstahl und Meinungsmonopol. 1984 ist erschreckend nah. Statt Mark Zuckerberg (Facebook, Instagram, Whatsapp usw.) oderSergey Brin und Larry Page (Google, Youtube, Chrome usw.)  für ihre Tatkräftigkeit zu bejubeln, sollten wir ihnen den Schafspelz abziehen und den Wolf darunter entlarven – und Konsequenzen ziehen. Wir / ich habe(n) es nur noch nicht so richtig kapiert.

*Link nachträglich eingefügt

Veröffentlicht unter 2021

Corona Diary – Allianzen

Freitag, B.N. Es läuft langsam an. Etwa eine halbe Million Menschen wurde bisher in Deutschland geimpft, das ist ziemlich wenig im internationalen Vergleich. Die BRD hat sich bei den Bestellungen bei Biontech (Mainzer Unternehmen des Forscher- und Gründerehepaars Augur Sahin und Özlem Türeci) / Pfizer (US-Konzern für die Produktion der Milliarden Impfdosen) zurückgehalten.
Im Sommer 2020 hatte man sich auf andere Anbieter festgelegt, welche nun jedoch mit der Zulassung ihrer jeweiligen Impfstoffe hinterherhinken. Erschwerend kommt hinzu, dass der Impfstoff von Biontech bei minus 70 Grad transportiert und gelagert werden muss – kompliziert und teuer. Jedenfalls müssen die Deutschen sich noch gedulden. Tausende alte Menschen, die im Wesentlichen die 1. Relevanzgruppe stellen, haben ihr Einverständnis längst gegeben und fragen sich, wo ihr Stoff und ihr Termin bleiben. So auch meine Mutter in NRW und PMs Vater in Thüringen.
Die Betroffenen werden von den Innenministerien auf die kommenden Wochen vertröstet. Die Verschleppung hat im Wesentlichen zwei Ursachen: die mobilen Impfteams sind momentan ausgelastet. Genügend Impfstoff ist zwar geordert, die Lieferung dauert aber noch.
Biontech / Pfizer bauen aktuell an mehreren Standorten neue Produktionsanlagen für die über eine Milliarde georderte Dosen. Geimpft werden muss jeder mindestens zwei Mal, eventuell sogar noch ein drittes Mal nach einem Jahr – soweit der bisherige Forschungsstand. Gesundheitsminister Spahn hat zugesagt, bis Ende Juni allen Deutschen ein Impfangebot machen zu können.
Große Hoffnung der Bundesregierung liegt jetzt auch auf dem Tübinger Unternehmen CureVac. Doch dessen Impfstoff ist noch nicht zugelassen. Ende des ersten Quartals sollen die nötigen Daten für einen Zulassungsantrag in der EU vorliegen. Im März oder April könnte es dann soweit sein. Um die Sache zu beschleunigen, ist CureVac mit staatlicher Vermittlungshilfe eine Impfstoffallianz mit der Bayer AG eingegangen. Und schon ist der Glyphosat-Skandal Geschichte …

Veröffentlicht unter 2021

Coronavirus Update

Donnerstag, B.N. Vor jeder neuen Corona-Maßnahme sollte geschrieben stehen: Du bist für dich selbst verantwortlich. Übernimm Eigenverantwortung. Tu was, damit das Virus nicht an dich herankommt. Trage Sorge, dass du dich nicht ansteckst. Sorge für dich selbst.
Solche Sätze kann man gar nicht oft genug hören. Sie lösen mehr aus als: du musst!, du darfst nicht!, das ist verboten! Ganz von selbst zaubern sie einem die Maske aufs Gesicht und halten einen auf Abstand – aber bitte, weil ich es selbst will, und nicht weil irgendein Söder oder Laschet mir die Leviten liest. Leviten lesen ist immer kontraproduktiv bzw. unmotivierend. An die Eigenverantwortung zu appellieren ist immer produktiv bzw. motivierend.
Sapere Aude!, wage weise zu sein, rief Kant der Welt zu, wobei er sich das Schlagwort eines alten Weisen, Horaz, aneignete und in seiner Abhandlung „Was ist Aufklärung“ in einen neuen Zusammenhang stellte. Angesichts der jüngsten Bilder von Maske verweigernden Rechtspopulisten oder Evangelikalen, die auf Hilfe von oben hoffen, anstatt eigenverantwortlich zu handeln, drängt der Slogan sich auch im 21. Jahrhundert wieder ins Bewusstsein.
Der Podcast Coronavirus-Update von Prof. Christian Drosten motiviert mich. Indem er, der Mitentdecker des Coronavirus SARS-CoV und Direktor des Fachbereichs Virologie von „Labor Berlin“, dem größten Labor Europas, mir Fakten und neue Erkenntnisse zumutet, traut er mir Weisheit, d.h. Differenziertheit in der Sache zu. Er tastet sich vor, er gibt zu, dass sogar er über Covid 19 (noch) nicht alles weiß und über die Mutationen noch ein bisschen weniger. Er ist zurückhaltend. Er ist das Gegenteil von einem Populisten.
Während Politiker und Journalisten anklagen, verwerfen, höhnen und fordern, als seien sie höchstdekorierte Experten in Sachen Virologie, bloß um die Wahrheit zu kaschieren, dass sie nämlich nichts wissen außer dem angelesenen Zeug, das jeder nur Halbbegabte sich durchlesen kann, lächelt Drosten entschuldigend, weil es jetzt wieder mal komplex wird. Und weil eine neue wissenschaftliche Erkenntnis sich selten in zwei Halbsätzen erläutern lässt.
Drosten kommandiert nicht, er analysiert. Was ich damit mache und welche Konsequenzen ich daraus ziehe, überlässt er mir. Ich setze die Maske auf und meide Nichtmaskenträger. Ich halte Abstand. Wenn ich den Kopf neige und auf den Boden schaue, sind das ungefähr 1,50 m, das abzuschätzen fällt mir nicht schwer. Manchmal halte ich auch einfach den Regenschirm – die Grip Bag, das Fahrrad – von mir: bis hierher und nicht näher, alles klar, Mitbürger*in?

Veröffentlicht unter 2021