Begegnungen in Altenkirchen

Montag. Am Wochenende hatte ich eine Lesung im Westerwald, genauer: in Altenkirchen bei der Buchhandlung Wäller. Veranstalterin war die Landesjugendakademie. Ich war noch nie zuvor im Westerwald und wusste gar nicht, wie schön es dort ist. Und wie liebenswürdig die Menschen sind. Ich kann das gar nicht alles hier beschreiben. Die Zuhörer*innen waren sehr besondere Männer und Frauen, wie auch die Buchhändlerin, die nebenher Kinderbücher schreibt und einen eigenen Verlag gegründet hat.
Am nächsten Tag, Samstag, lernte ich in einem Laden, wo ich aus dem Schaufenster raus einen Plüschmantel gekauft habe, das Inhaber-Ehepaar kennen. Wir haben bis weit in den Spätnachmittag gequatscht. Große, spontane Nähe, vielleicht ein spannender Gesprächspartner für nächstes Buchprojekt: Der Mann hatte ein Nahtoderlebnis, von dem er so anschaulich berichtete, wie ich das nur aus den entsprechenden Reportagen kenne. Keine religiöse Deutung, aber seitdem habe er keine Angst mehr vor dem Tod. Er ist schwerkrank, hat schon viele Operationen hinter sich, dennoch vielseitig interessiert und dem Leben zugewandt. Die beiden haben PM und mich eingeladen. Ich habe Lust darauf. An solchen Tagen spüre ich den Herzschlag des Lebens.

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… mal wieder Abschied

Sonntag, B.N. Gleich werde ich in den Zug steigen, meine Tasche zwischen die Beine stellen und durch die Tür nach draußen sehen, in zwei Augen, die mir viel bedeuten, dann einen Platz suchen und vielleicht keinen finden, stehend oder sitzend mit Blick aus dem Fenster das Wochenende durchspielen mit seinen Highlights und seinen Zweifeln, ja die auch, während der Zug durch die Gegend brettert am schönen Rhein entlang durch das schöne Andernach und das schöne Bingen und soviel Schönheit macht ja auch ein bisschen müde und ich weiß nicht, was der Rest des Jahres – die Zukunft! – bringt, und das ist vielleicht das Denkwürdige daran, dass mir das nichts ausmacht.
Nicht länger auf die Nebengleise starren und Hauptsache kein Stillstand. Dem Unechten die Stirn bieten. Dem Echten das Herz.

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Kürzest-Version

Samstag, B.N. Der Osten wurde nach dem Anschluss überrollt, die Industrie plattgemacht, vielen der Stolz gebrochen. Da haben wir nun den Salat: Die AfD ist keine neue Bürgerpartei, sondern eine Rachepartei …

Längere Kurzversion:

„… Was auf die sog. Wiedervereinigung folgte, war harte Arbeit und große Ungewissheit, ein Volk aus gestandenen Persönlichkeiten, die über Nacht zu einem neuen Staat gehörten, alles neu lernen und jemand anderes werden mussten. Statt der alten SED-Eliten nahmen nun Westdeutsche auf den wichtigsten Stühlen Platz, die Schreckensbilder aus dem Staatsbürgerkunde-Unterricht schienen zum Leben erwacht, der Einzug des Kapitalismus riss erdrutschartig alles mit.
Landauf, landab machten die Betriebe dicht, drei von vier Ostdeutschen verloren in den ersten Jahren nach der Wende ihren angestammten Arbeitsplatz und damit das, was in der DDR Lebensmittelpunkt und Identität bedeutet hatte …“
(Hendrik Bolz in: der Freitag Nr. 41, 10. Oktober 2019)
„Man muss sich ja bewusst machen, dass das Ziel der Öffnung der Grenzen genau genommen war, die Massenflucht zu stoppen – was über Jahre nicht gelang. Und dass die Öffnung der Grenzen und die damit folgende schnelle deutsche Einheit etwas war, was die Bürgerbewegung, die Aktiven Revolutionäre nie gefordert hatten, was aber andere, die nie revolutionär tätig waren, sofort als ihre Chance in der gegebenen Situation erkannt haben.“
(Jörg Phil Friedrich, 9.11.2019)

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CulturMag

Donnerstag.Lass uns über den Tod reden ist ein intensives, zutiefst humanes Buch. Immer wieder geht es darum, Frieden zu finden. Abschied. Ermutigung. Das alles fängt mit reden an. Die Gespräche sind gehaltvoll, die Autorin hat eine sehr gute Hand gehabt. Das Buch ermutigt, den Tod öffentlich zu machen, ihm einen Platz im Leben einzuräumen. Das minimalistische Cover übrigens bringt den Tod visuell auf den Punkt.“

(Alf Mayer, 3. Nov. 2019)

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Schöne E-Mail, schönen Dank!

Liebe Frau Vieregge,
ich bin freier Journalist und Autor, und für eine Recherche habe ich gestern in der U-Bahn begonnen, „Lass uns über den Tod reden“ zu lesen. Und dann bin ich im Text versunken (genaugenommen: im Interview über Horst Buchholz) und zwei Stationen zu weit gefahren. Das ist mir seit Jahren nicht mehr passiert. 🙂 
Tolles Buch (soweit ich bisher bin); herzliche Grüße, Ulrich Hoffmann 

(mit freundlicher Genehmigung)

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Deadline

Sonntag, im Zug Kiel-Stuttgart. Shit! Das Wochenende geht vorbei, dem i-phone geht der Saft aus, der klapperalte Wagen hat keine Stecker, und ich muss diesen angefangenen Text noch fertig machen. Bis Dienstag Abend habe ich Zeit, aber Zeit ist relativ. Morgen wird’s nichts, heute sowieso nicht mehr. Deadline ist jetzt! Das ist hart, wenn dein Geist in alle Richtungen explodiert, doch die äußeren Umstände sprechen gegen dich. Die Worte in deinem Kopf werden zu Wortsalat, indem der Versuch sie geistig abzuspeichern fulminant scheitert. Später, später, wenigstens die Struktur steht doch!, aber: aufgeschoben ist genau das gleiche wie aufgehoben, das ist die Erkenntnis, die sich so unausweichlich wie der plötzlich gegen die Scheiben prasselnde Regen einstellt. Weil Aufgeschobenes verdampft, mit beleidigter Miene dampft es durch die Gehirnwindungen nach draußen, ungenutztes, ungebrauchtes Potenzial, Gedankenblitze, Textfragmente – vorbei, mit dem Regen weggeschwemmt …

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Ein Tag am Strand

Freitag, Kiel. Es ist die Zeit der stillen Feiertage. Zeit, über den Tod zu reden. Das Frauenmagazin Tina möchte über mein Buch berichten und eine längere Reportage machen. Am Spätvormittag rückt das Team an und holt mich ab, zuerst zum Olympiahafen nach Schilksee, dann an den Falckensteiner Strand: Fotos auf dem Steg, auf dem Deich, auf der Düne. Auf jeden Fall mit viel Wind und Strubbelhaaren, verdammt! Die supernette Caren Hodel führt das Gespräch, der supernette Fotograf Gunnar Geller checkt die Lage, macht die Fotogenehmigungen klar und schießt gefühlte zweitausend Bilder. Komplett durchgefroren, schlagen wir in der urigen Strandperle auf, wo zwei Öfen vor sich hinbullern und Bänke und Sessel mit Schafsfellen ausgelegt sind. Erstmal was essen: eine asiatisch gewürzte, exquisite Kürbissuppe und für uns zusammen ein großer Teller Pommes, garniert mit einem handtellergroßen Schlag Majo – alle drei haben wir Hunger. Während Caren ihre Fragen stellt, macht Holger weiter Fotos und ich versuche mich zu konzentrieren, was nicht einfach ist angesichts mehrerer Monsterdoggen, die nach und nach mit ihren Besitzer*innen in die kleine Stube einfallen und dem Duft von Gewürzen und Tee und der kontemplativen Stille ganz schnell den Garaus machen.

Hier am Meer merkt man es: Der Winter rückt an. Alles in allem ein schöner Tag und ein guter Austausch mit zwei tollen Menschen, die ihren Job genauso ernst nehmen wie ich meinen …

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Kiel

Dienstag, Kiel. Vor zwei Tagen angekommen – endlich mal wieder in Kiel. Das letzte Mal war ich 2016 hier, alles sehr vertraut und „mein“ Zimmer ist wieder mein Zimmer. Kurzversion: Jerome geht es noch schlechter als damals, Beret tut, was sie kann: Alles! Soweit die Eckdaten ihres gemeinsamen Lebens mit dieser zerstörerischen Krankheit. Gerade heute fällt auch noch die Pflegekraft aus, sodass nicht klar ist, ob Beret am Abend zur Lesung in die Buchhandlung Jetzek mitkommen kann. Seit Jahren leben die beiden in diesem Modus: Alles kann sich jede Sekunde ändern. Entscheidungen werden aus dem Augenblick heraus getroffen, der Blick in die Zukunft hat keinerlei Bedeutung. Sie klagen so gut wie nie. Wenn doch mal, bricht es einem das Herz.

Habe gerade Brötchen geholt – kaum bin ich hier, fühle ich mich zuhause. Die Straßen sind breit, das Wetter wechselt im 10-Minuten-Takt, die Leute leben und reden in Slow Motion. Buchvorstellung in meiner dritten Heimat … ich freue mich auf heute Abend.

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