Die Mathematisierung der Welt

Die Metrisierung der Welt beinhaltet auch die Metrisierung von Werten und Einstellungen!

Das ist mal eine These! Gleich mit dem ersten Satz haut mein Freund und Lieblingskollege Dr. Marcel Remme sie in seinem jüngst erschienen Artikel Lassen sich Werte vermessen?  raus. Um im weiteren Verlauf seiner höchst differenzierten Untersuchung anhand von verschiedenen Jugendstudien aufzuweisen, dass der wahnhafte Drang nach Vermessung der Welt (Daniel Kehlmann) auch vor persönlichen Einstellungen nicht Halt macht und uns eine Objektivität vorgaukelt, die auf dem irrigen Vertrauen auf Zahlen beruhen mag, aber dennoch fehlerhaft und anfällig ist.

Lebensziele, Tugenden und Haltungen werden gemäß einem positivistischen Forschungsideal nach Mustern identifiziert und vorstrukturiert, ohne dabei zu berücksichtigen, dass etwa Werte wie Eigenverantworung oder Unabhängigkeit einen historischen und kulturellen Index besitzen, wodurch sie sehr unterschiedlich interpretiert werden können. Zudem unterscheiden die Studien nicht zwischen angestrebten und tatsächlich gelebten Werten und Einstellungen, was die Auswertung der selbstbezogenen Aussagen über z.B. fairen und nachhaltigen Konsum fragwürdig erscheinen lässt.

Lassen sich Werte vermessen? Ist die Auswertung von riesigen Datenvolumen im Dienste von Produkttestung, Konsumforschung und Markenführung geeignet, sie auch auf politische, pädagogische und moralische Argumentationen und Entscheidungen zu übertragen, wie vielfach geschieht? Und ist sie geeignet, Jugendlichen eine Orientierung im individuellen Vergleich zu bieten?

Alles ist Zahl? Durch Digitalisierung und Okonomisierung erreicht die Panmetrisierung im neoliberalen Zeitalter ein neues Ausmaß, konstatiert Remme. Und zieht so wunderbare Neologismen wie Omnimetrie oder Neonumerokratie heran, um dieser Entwicklung in Wissenschaft und Öffentlichkeit einen Namen zu geben. Namen, die allerdings schon durch ihre Konnotation verraten: Der dieser Entwicklung inhärenten Botschaft, dass wir, als Herren der Vermessung, die Welt schon in den Griff bekommen werden, ist nicht zu trauen.

Fun Fact: Dr. Marcel Remme ist Philosoph und – Mathematiker!

Back to the Roots

Sonntag, Tübingen. „Und sie nennen es ‚Sicherheitspolitik’ in West und Ost. Und sie sagen, sie seien Experten für unsere Sicherheit. Doch Tatsache ist, dass diese Sicherheitspolitik uns in die extremste Unsicherheit geführt hat, der sich die Menschheit je gegenübersah. Die Politik der nuklearen Konfrontation verpflichtet uns zu einem Meta-Wahnsinn, der nicht anders lautet als: Um die Freiheit zu verteidigen müssen wir bereit sein, das Leben selbst zu zerstören. Oder ‚wenn du mich bedrohst, so begehe ich atomaren Selbstmord’. Um dieses wahnsinnige Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, fügen die USA wie auch die Sowjetunion jeden Tag neue Massenvernichtungswaffen einem Arsenal hinzu, das bereits für jeden einzelnen von uns auf dieser Welt 2t TNT bereithält. Das System ist bankrott, denn mit diabolischem Humor haben die Generäle und Politiker diese technologische Variante von Gruppenloyalität MAD genannt – Mutual Assured Destruction (garantiert wechselseitige Vernichtung). Das System ist bankrott, wenn sich das Gehirn selbst gegenüber der Erkenntnis abschottet, dass es dabei ist, sich selbst zu zerstören“

Petra Kelly
, „Das System ist bankrott – die neue Kraft muss her!“ (1981). Der Text von Petra Kelly wurde 1982 in einem Reader veröffentlicht, der den Titel trägt: PRINZIP LEBEN: ÖKOPAX – DIE NEUE KRAFT. 

Die Erkenntnis, dass die Menschheit auf dem Weg ist, eigenhändig das menschliche Leben zu zerstören – ökologisch und atomar – und dass dahinter ein System steht, das es zu überwinden gilt, war der Gründungsimpuls der Grünen als Bewegung.

Heute repräsentieren die Grünen selbst dieses zerstörerische, waffenrasselnde System. Die Arsenale sind modernisiert, ihr Vernichtungspotential technologisch noch ausgebuffter. An die Stelle von Frieden durch Annäherung und Wandel durch Handel ist eine erneute Konfrontation getreten, über die sich allenfalls die Rüstungsindustrie freuen kann.

Ich widersetze mich der Macht dieser Getriebenen des kollektiven Wahnsinns. Ich kämpfe für meine Freiheit und körperliche Unversehrtheit. Waffen führen nicht zur Freiheit. Sondern zum Krieg.

Schwerter zu – Langstreckenraketen

Donnerstag, Tübingen. In Deutschland sollen wieder Langstreckenraketen stationiert werden, außerdem neu entwickelte Überschallwaffen mit noch größerer Reichweite. Juhu, in wenigen Minuten bis nach Russland! Dann kann ja nichts mehr schiefgegen.

Zuletzt waren vergleichbare Waffen in den 1990er Jahren in Deutschland stationiert gewesen. Dagegen sind wir in den Achtzigern zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen – erfolgreich. Im Westen gegen Nachrüstung und Stationierung atomarer US-Waffen, im Osten gegen die Aufrüstung des Warschauer Pakts. Das Antimilitarismus-Programm Schwerter-zu-Pflugscharen, Sitzblockaden, Menschenketten und Friedensdemonstrationen machten in beiden Teilen Deutschlands Mut und veränderten Politik und Zeitgeist.
Nach Michail Gorbatschows unfassbar großzügigem, weil zunächst einseitigem Angebot 1985, atomar abzurüsten, kam es tatsächlich zu der Vereinbarung zwischen USA und UdSSR, die Produktion von Atomwaffen auf beiden Seiten zu beenden und den Bestand zu reduzieren. Ein Ende des atomaren Wettrüsten war in greifbare Nähe gerückt. Die Menschheit hatte die Hoffnung, endlich in eine friedfertige Zukunft blicken zu dürfen.
Heute, auf dem NATO-Gipfel, wischen die Bündnispartner USA und Deutschland mit ihrer Einigung über die neu aufgelegte Stationierung die ganze gute Zielrichtung der Friedensbewegung mit einem Handstreich vom Tisch. Die Bürger*innen werden nicht gefragt. Die Aufrüstungsspirale dreht und dreht, als hätte es niemals Abrüstungs- und Friedensverhandlungen zwischen den Supermächten gegeben. Zig Milliarden werden verbraten. Wenn die Arsenale erstmal voll sind, was dann?
Die Politikerriege rätselt, warum sich die Stimmung der Bürger*innen im Sinkflug befindet. Wo doch so gut auf uns aufgepasst wird …

Harrys Lernstub

Gestern Abend konnte ich endlich mal wieder an meiner geliebten Lernstub teilnehmen. Gott, was habe ich den intellektuellen Diskurs vermisst! Und die Teilnehmer*innen, die mir seit über zehn Jahren ans Herz gewachsen sind, allen voran natürlich der einmalige Harry Waßmann.

Thema war Zionismus und die unterschiedlichen jüdischen Auslegungen des Begriffs. Wie immer hat Harry das wie immer supergute Material vorher verschickt, um einen gewissen Horizont zu gewährleisten. Anschließend bei Wein und Käse und Obst zusammengehockt und gequatscht.

Leider wird es sehr lange dauern, bis ich wieder Ferien habe und dann auch gerade die Lernstub stattfindet.

Noch einmal

Fußmarsch nach Cervo, hoch auf die Burg und wieder zurück. Danach sind wir ziemlich k.o. Noch einmal gebadet, noch einmal ins Lieblingsrestaurant. Der letzte Tag, morgen gehts wieder nach Hause. In meinem Fall: Nach Tübingen. Ich habe ja schließlich noch Ferien …

Kevin glattgebügelt

Mittwoch, Diano Marina. Dass Kühnert die Faeser verteidigt, ist ein Armutszeugnis. Früher hatte der Kevin eine freche Klappe und traute sich Sachen zu sagen, die andere nur gedacht haben. Jetzt ist er glattgebügelt und angepasst. Wie kriegen die das nur hin? Sind das Coachingseminare, oder erledigt die Rolle das ganz von selbst?

Rosenmaffia

Dienstag, Diano Marina. Er komme aus Bangladesch, hat uns der Rosenverkäufer erzählt. Sein Lächeln so demütig, dass es einem ins Herz schneidet. Die wunderschönen Exemplare stehen jetzt in einer abgeschnittenen Plastikflasche im Hotelzimmer und erinnern an einen wunderschönen Urlaubsabend.

Fremdscham

Sonntag, Diano Marina. Was Innenministerin Faeser anlässlich des Mordes an einem Jugendlichen in Bad Oeynhausen zu sagen hat: Jedenfalls kein Wort zu der Familie des Opfers Philippos T.!

Statt dessen: Abwiegeln der Verantwortlichkeit, moralische Entlastung des Täters aufgrund der besonderen Umstände. Dessen Name wird, im Gegensatz zu dem des Opfers, nirgendwo genannt. Weil das den Finger in die Wunde legen würde? Leider liegt die Annahme nahe.

Das Thema Migration sei aus der Öffentlichkeit verschwunden, behauptet Faeser weiterhin. Wie bitte? Es gibt doch kein zweites Thema, das die Öffentlichkeit so sehr umtreibt wie das Migrationsproblem.

Dann erst wird sie konkreter: „Heute ist leider ein sehr schlimmer Tag, wo wir über einen Mord an einem Jugendlichen diskutieren müssen, wo der Täter, ein Geflüchteter ist, der seit acht Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft lebt. Ein Jugendlicher, der gar nichts anderes kennt“, sagt Faeser.

Neben der Tatsache, dass sie über den erst zwei Tage zurückliegenden Mord an einem Jugendlichen durch einen anderen Jugendlichen “diskutieren” möchte, sind zwei Aussagen der Innenministerin wirklich schrecklich:

Erstens: Die missglückte Migrationspolitik – für die Faeser ja maßgeblich selbst verantwortlich zeichnet – habe zu der schrecklichen Tat geführt, und nicht die Entscheidungsgewalt des Täters.

Zweitens: Die achtjährige Unterbringung in einer Flüchtlingsunterkunft müsse bei der Beurteilung der Tat entlastend berücksichtigt werden.

Hier verbreitet Faeser, man kann es nicht anders nennen, Fakenews. Tatsächlich hat der Täter, der syrischer Staatsbürger ist, niemals in einer städtischen Asylunterkunft gewohnt. Vielmehr ist er 2016 im Rahmen einer Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen und wohnt seitdem bei seiner syrischen Großfamilie in Bad Oeynhausen, Stadtteil Rehme. Nebenbei sei noch erwähnt, dass er in der Vergangenheit bereits durch Gewalt-, Eigentums- und Betäubungsmittel-Delikte aufgefallen, somit polizeibekannt, aber nicht vorbestraft ist.

Ihre Ausführungen beendet Faeser mit dem Satz: „Und ich glaube, dass wir (über, d. Red.) diese Form der nicht gelungenen sozialen Integration viel mehr reden müssen.“

Übersetzt: Wir, die totalversagende Aufnahmegesellschaft, sind also die Eigentlichen, die diese Morde zu verantworten haben.

Von ihrer Botschaft fühle ich mich persönlich beleidigt. Mein Berufsalltag besteht nämlich im Wesentlichen darin, Schüler*innen mit Migrationshintergrund zu fördern, vor Benachteiligung zu schützen und ihnen zu helfen, in einem Land anzukommen, das nicht sie, sondern ihre Eltern als ihren neuen Lebensort bestimmt haben.

Und wie mag Faesers Botschaft bei den Eltern des Getöteten ankommen? Für ihre Gefühllosigkeit bzw. Instinktlosigkeit gegenüber der Opferfamilie kann man die Innenministerin nicht entschuldigen. Selbst Mutter eines Sohnes, sollte sie den Schmerz über den Verlust eines Kindes nachvollziehen können. Bezweifelt werden darf hingegen, ob sie persönliche Berührungspunkte mit Migrant*innen hat – außer ihre vielzitierten “Besichtigungen von Unterkünften”. Im Gegensatz zu allen Lehrer*innen, Sozialhelfer*innen, Pflegepersonal etc. pp., die sich täglich mit den Konflikten einer u.a. durch die Migration verursachten gesellschaftlichen Spaltung konfrontiert sehen.

Mehr Erklärung finde ich nicht für Äußerungen und nicht gemachte Äußerungen einer Innenministerin, für die ich mich zutiefst fremdschäme.