Auf unsicheren Füßen

Samstag, Eisenach. Die verschneiten Häuserdächer von Eisenach, der urgemütliche, kitsch- und krawallfreie Weihnachtsmarkt mit dem weißen Riesenrad auf dem Marktplatz und den duftenden Buden versöhnen mich so ganz allmählich mit der zweiten, mit der neuen Heimat. In unserem bis auf den alten Bücherschrank unmöblierten Wohnzimmer bullert der Kamin, PM sitzt auf einem Klappstuhl davor und schält Rosenkohl, während ich an einem etwas schwierigen Interviewtext feile.

PMs Arbeitszimmer ist fertig, die Küche und Bäder auch. Für das untere Bad haben wir heute einen lustigen, mintgrünen Spindschrank aus Metall ausgesucht. Wir nehmen uns viel Zeit. Nichts drängt uns in unser neues Leben. Vor dem Haus wurde die Terrasse neu belegt und der Schotter von den Rändern beseitigt; ein großer Schritt nach vorne. Ich habe eine neue Frisur. Auf unsicheren Füßen starte ich in den nächsten Lebensabschnitt. Bei Schwager – für Eisenach das, was für Tübingen Zinser ist – eine pinkfarbene Bluse erstanden und in der Stadt ein Paar high heel Stiefeletten. Auch immer wichtig, für mich jedenfalls: die Verbindung von innen und außen. Morgen früh gehe ich mit Tini zum Wartburg-Weihnachtsmarkt. Ich freue mich auf den Weg da rauf durch den Schnee.

 

Viele Fragen, eine Antwort

Sonntag, 1. Advent. Stehen mehr als zwei Leute zusammen, geht es sofort los:

  • ob du Fußball-WM guckst oder nicht?
  • ob du als bekennender Nicht-Gucker moralisch besser dastehst als Heimlich-Gucker?
  • ob Selenski zuerst Klitschko kaltstellt oder die Krim zurückerobert?
  • ob DFB-Kapitän Neuer feige ist, weil er die von der FIFA untersagte One-Love-Binde nicht trotzdem trägt?
  • ob Innenministerin Nancy Faeser eine Heldin ist, weil ihren Arm die Binde ziert, während sie beim Deutschland-Japan-Spiel neben FIFA-Präsident Infantino sitzt?
  • ob die Pandemie jetzt endgültig vorbei ist?
  • ob die Maskenpflicht jetzt auch für den ÖPV kippt,
  • und ob die Infektionszahlen dann wieder ansteigen?
  • ob unsere Fußballjungs auch Helden sind, weil sie sich auf dem offiziellen Mannschaftsfoto den Mund zuhalten?
  • ob das Einfordern der One-Love-Binde ein mutiges Statement von Politiker*innen wie Habeck / Faeser ist, denen im Gegensatz zu den Spielern keine Sanktionen drohen?
  • ob Habeck eindeutige politische Signale von den Fußballspielern in Katar einfordern darf, wo sich doch alle noch allerbestens an seinen bodentiefen Diener für Gas aus Katar erinnern?
  • ob das Abschalten der Innenstadtbeleuchtung aus Energiespargründen auf Kosten der Sicherheit geht?
  • ob ernsthaft jemand an einen katarischen Werte-Change glaubt, bloß weil Katar die WM ausrichtet,
  • bzw. damit wir selbst mit einem besseren Gewissen dastehen?
  • ob Sich-Festkleben oder Kunstwerke-Beschmeißen angesagte Mittel sind, um das Welt-Gewissen zur Umkehr zu motivieren?
  • ob die Tübinger Verpackungssteuer gegen den Plastikmüll hilft?
  • ob die Aktionen der Letzten Generation eskalieren (müssen), wie seinerzeit die RAF eskalierte?
  • ob und wie lange die USA noch der Ukraine einheizen, um ihr teures Frackinggas zu verkloppen?
  • ob die iranischen Spieler mit ihrer Weigerung, die iranische Nationalhymne zu singen, nicht die einzig wahren Helden der WM sind?

… während ich mich frage, warum ich so selten zum Schreiben komme? Warum das “Amt” immer noch viel zu viel Raum in meinem Leben und in meinem Gehirn einnimmt? Warum meine Tage verrinnen mit “Amts”-Geschäften und Steuererklärung – wie dröööge ist das denn? – statt dass es mit  meinem Buch weitergeht?
Ab Februar wird nochmal reduziert, auf vier Stunden. Weniger soziale Verpflichtungen, weniger Konfrontation mit menschlichen Schicksalen, die mir jedes für sich bis in meine Träume hinein nachgehen…
Ich möchte von meinem Buch tag-und nachtträumen! Von den Interviews, die ich jetzt doch wieder irgendwie zwischendurch bearbeite, statt sie zum Hauptgeschäft zu erheben.
Apropos Lebensentscheidungen –
Ich muss mich selbst ernster nehmen.

 

WLAN

Freitag. Klappe den Laptop auf. Bin bester Laune. Das Material passt perfekt zu meinen Unterrichtszielen, dafür habe ich mir gestern Abend extra mal so richtig Zeit genommen. Die Links sind gespeichert, nichts kann schiefgehen: Ein Spielfilm mit ukrainischen Untertiteln, die ins Ukrainisch übersetzte Zusammenfassung und als Abschluss ein Fragebogen zum Film in sehr einfacher deutscher Sprache. Ich freue mich auf eine ergiebige Stunde, irgendwie klappt das Einloggen nicht, ich versuche es nochmal: Kein WLAN!
Kein WLAN? Und jetzt? Ich flitze vom vierten in den zwei Stock zur “Amts”-Leitung: Schulterzucken, bedauernder Blick, schuldbewusstes Antippen der Tastatur vor schwarzem Bildschirm.
Mach was draus, ruft irgendein Witzbold mir nach.  Einen Stock höher schnappe ich mir den tragbaren Beamer und einen Film aus meinem Fach – Mathilda –, flitze wieder ganz hoch, baue das Gerät auf einem Stuhl auf einem Tisch auf, darin habe ich Übung, lasse die Rollläden runter, die Stunde hat längst begonnen, sie schauen mir zu, kommentieren irgendwas auf Ukrainisch, was ich nicht verstehe, aber mir bestens ausmalen kann, der Film geht los. Ich verteile Hanutas. Sie mampfen und sind zufrieden. Ich lehne mich zurück. Es ist ganz leise, nur die Silberfolien von den Hanutas knistern beim Auswickeln.
Bis wie von Geisterhand, von einem dumpfen Summen begleitet, die Rollläden hochfahren. Sonnenlicht fällt ein, von dem Film an der Wand ist nichts mehr zu erkennen.
Mit vollen Backen und gerunzelter Stirn drehen sie sich nach mir um. Einer versucht sich durch das geöffnete Fenster an den Rollladen zu hängen, er stößt dabei einen wütenden Schrei aus, mir bleibt fast das Herz stehen wegen dem Schrei oder wegen dem offenen Fenster. Ich wieder runter, ganz runter diesmal, mein Gezeter lockt Herrn F. auf den Gang hinaus. Gemeinsam laufen wir in den 4. Stock zurück, genug Strecke für Herrn F., beruhigend auf mich einzureden, aber ich beruhige mich nicht, weil ich das Ende kenne.
Die Kinder gucken gespannt, der Physiklehrer wirds wohl richten, Herr F. drückt auf Schalter und Stecker, drückt und drückt,  Schalter und Stecker, ja danke – für nichts.
Die sind so programmiert, meint er mit Blick auf die hellen Fenster: Bei Wind fahren die Rollläden nämlich automatisch hoch.
Wind? Was für ein Wind? keife ich. Und Herr F.: Ja, wie gesagt, da kann man nichts machen. Die Elektronik ist defekt.
Abends habe ich Bauchschmerzen. Ich trinke Kamillentee. Vielleicht habe ich eine Meise. Vielleicht hat mein Bauch eine Meise, dass er bei Frust immer gleich so einschnappt. Dieses ganze Gerede von Digitalisierung. Aber kein WLAN! Und die ukrainischen Kinder haben immer noch keine Tablets. Ich mache da nichts mehr. Nächste Woche male ich wieder Gegenstände an die Tafel … schreibe die deutschen Wörter darunter und sie die ukrainischen daneben. Ist ja der einzige Raum, in dem noch eine Tafel hängt. Die anderen sind alle abmontiert, wegen der Whiteboards.
Die sind ja nun auch schon wieder ziemlich out. Und mausetot, wenn kein WLAN da ist.

Schöne Begegnungen

Samstag. Eine Stimmung wie warmer Schokoladenkuchen – trotz des schwierigen Themas. So war das bei meiner Lesung  aus Lass uns über den Tod reden gestern Abend im Frankfurter Salon, und das lag an den tollen Leuten, die gekommen waren. Einer sprach es aus: “Ich fühle mich in der Runde hier richtig wohl.”
“Danke”, konnte ich bestätigen, “mir geht es genauso, ich fühle mich auch wohl mit Euch.”
Über den Tod reden – das funktioniert nur in einer Atmosphäre, in der man sich gegenseitig zuhört und Anteil nimmt. Immer kommen auch Menschen zur Lesung, die erst kürzlich jemanden verloren haben und nicht wissen wohin mit ihrer Trauer, dieser gesellschaftlich tabuisierten Emotion. Jedes Mal wieder berührend, wenn gerade sie sich öffnen und anfangen zu erzählen …

Highlight: Vor der Veranstaltung treffe ich mich mit Barbara, eine Freundin aus uralten Tübinger Zeiten. Wir haben mal zusammen eine Seminararbeit geschrieben, die schlummert noch irgendwo in meinem Schreibtisch. Dafür hat sie noch alle Unterlagen von unserer revolutionären Theologischen Frauengruppe, ich kann’s kaum glauben. Wir haben uns viel zu erzählen, zum Glück kommt sie mit zur Lesung und bereichert die Diskussion mit ihrer Kompetenz über Rituale und Schamanismus.

Am Dienstag bin ich wieder in Frankfurt, mit einer Einführung ins Kreative Schreiben. Das erste Mal, dass ich das außerhalb von Tübingen mache – ein Experiment, auf das ich selbst gespannt bin (auch weil ich es in Eisenach fortführen möchte …).

Auf der Rückfahrt, die mit den üblichen Zwischenfällen daherkommt – Zug-Ausfall, eine Stunde Verspätung, verpasster Anschluss in Stuttgart – treffe ich meinen Ex-Schüler Jamal mit seinen Kumpels. Sie kommen von einem Konzert und fragen, was ich morgens um 2.30 Uhr auf dem Bahnhof suche. Bis Tübingen entertainen sie mich allerbestens mit ihren Sprüchen und Kommentaren, und mein Ärger verpufft so schnell, wie er gekommen ist. Echt nice, das schöne Ende eines schönen Abends. Und danke!

Fake News – Merz kichert ein anderes Mal

Donnerstag. DDR 2.0, sagt PM immer wieder und immer öfter und ist als Bürger der ehemaligen DDR darüber ziemlich frustriert.
Jetzt sagen es auch andere, z.B. die FAZ, leider hinter der Bezahlschranke versteckt.
Was war der Anlass?
Die ARD-Sendung Bericht aus Berlin hatte Bilder von Friedrich Merz in seinem Privatjet und Merz kichernderweise mit seinem Nebensitzer Thorsten Frei im Bundestag gezeigt. Das Empörende daran: Merz kichert ausgerechnet während der sehr emotionalen Anklage-Rede der Grünen Britta Haßelmann, die gerade für die Einführung des umstrittenen Bürgergeldes plädiert:
“Wie soll jemand, der in einer ganz anderen Lebenswirklichkeit lebt, und sich vielleicht überlegen muss, ob er zur Party mit dem Privatjet oder mit dem Auto oder dem Zug fliegt, wie soll so jemand sich in die Lebenswirklichkeit einer alleinerziehenden Frau versetzen?“ O-Ton Haßelmann, unterlegt mit eben diesen Merz-Bildern, um die Empörungsschraube noch ein wenig anzuziehen.
Das Problem ist nur: Merz hat gar nicht gekichert. Jedenfalls nicht während Haßelmanns Rede. Die Bilder stammen aus einer anderen Sequenz der Sitzung. Die ARD hat also
mit gefaktem Fotomaterial propagandistisch “manipuliert wie in der ‚Aktuellen Kamera‘“, so der Vorwurf aus den Reihen der CDU.
 Die ARD bestätigte den Fehler und bat Merz um Entschuldigung.
Kann vorkommen, wer hat denn schon gleich den ganzen öffentlich-rechtlichen Auftrag im Kopf: “Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben bei der Erfüllung ihres Auftrags die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen.”
Die Zuschauer*innen fühlen sich nicht zum ersten Mal ausgetrickst. Statt informiert. Eigentor, liebe ARD!

 

 

Coca Cola & und der Klimagipfel

“Die Gipfel sind völlige Zeitverschwendung. Der Hauptsponsor dieses Gipfels heißt Coca Cola, das ist der größte Plastikvermüller der Welt. Die größte Teilnehmergruppe auf diesem Gipfel sind Öllobbyisten, das sind über 650 Lobbyisten der Öl- und Gasindustrie und alle russischen Energieoligarchen.” (Hannes Jaenicke, Maischberger 16.11.22)

Entscheidung

Freitag. Ich kann mich über nichts beschweren oder wenn ich es täte, wäre das Gejammer auf sehr hohem Niveau. Und doch fällt es mir unendlich schwer mich zu entscheiden, wobei mir, während ich darüber nachdenke, im selben Moment klar ist, dass allein die Option, sich entscheiden zu dürfen, einer luxuriösen Situation gleichkommt. Was bliebe mir zu sagen, wenn ich vor keiner Wahl stünde, die Würfel längst gefallen und die nächsten Monate und Jahre meines Lebens bereits in Stein gemeißelt wären? Ja, dann könnte ich jammern …
Der menschenleere Eisenacher Marktplatz döst noch in der matten Morgensonne. Die Schläge meine Stiefelabsätze auf dem Straßenpflaster hallen von den Häuserwänden wider. Der Weg führt an der Post vorbei. Die Einrichtung, die mich zum Vorstellungsgespräch geladen hat, braucht meine Arbeitskraft, soviel steht fest, und es hängt an mir, ob was daraus wird oder nicht. “Amt” ist nicht gleich “Amt”, das geht mir spätestens jetzt auf. Dieses hier war einmal ein Kloster. Hinter den alten Mauern tritt eine helle und moderne Welt zum Vorschein, nichts erinnert an jenes “Amt”, dem ich mein halbes Leben gewidmet habe. Augenblicklich überspringt meine Stimmung drei Stufen auf einmal auf der Leiter nach oben. Durchatmen, endlich.
Der Eingang zur “Amts”leitung ist so niedrig, wie der mittelalterliche Mensch klein war. Zum Glück ist er spitzbogenförmig, auf dass auch größere Menschen eine Chance auf Unversehrtheit haben, sofern sie sich mittig halten. Die Tür ist aus Eiche, Schloss und Klinke aus schwerem Eisen. Das Herz schlägt mir vor lauter Respekt gegen die Rippen. Gleich tritt Johann von Staupitz aus dem Off oder Luther höchstpersönlich, um meine Tauglichkeit zu überprüfen. Doch es ist nur der “Amts”leiter, der sich erhebt: Händeschütteln statt Corona-Check, freundlicher, wacher Blick und das Leben scheint plötzlich ganz easy. Eineinhalb Stunden echter Austausch, keine Aussparungen, kein betretenes Senken der Blicke oder der Stimme. Die Arbeitsbedingungen könnten nicht besser sein. Alles perfekt!, staune ich, während ich wieder nach draußen über den zart beschienenen Marktplatz schwebe. Oder hüpfe, meine Beine zucken schon im Ansetzen zum Sprung, ich renne los, wohin bloß mit der Energie, die mir durch die Adern schießt – die reinste Freude, Erleichterung, Zuversicht,  – alles so schön bunt hier …
Marktstände jetzt wie Farbtupfer auf dem weiten Platz, ein paar Leute füllen ihre Einkaufstaschen, in den Straßencafés rühren frühe Touris in ihren Kaffeetassen und checken ihre To-Do-Lists für den Tag. Die Läden stehen offen, ich kaufe Biotomaten, mit Johannisbeeren verfeinerten Bio-Senf, Bio-Eierlikör. Ich laufe nach Hause, zu dem Haus, das in Zukunft mein Zuhause, unser Zuhause sein wird, und plötzlich reißt mir das Heimweh nach Tübingen ein Loch in den Bauch. Die schmerzhaft bekannte Linie des Galgenbergs, der B 27 vor meinem Küchenfenster … und gleichzeitig rückt der Marktplatz, der mich eben noch rührte, dessen Pflastersteine meine Sohlen eben noch berührten, in eine Entfernung, die sonst nur verstrichene Zeit geben kann. Dumpfe, schwere Melancholie fällt ungefragt und unwillkommen über mich her. Wohin ist das uneingeschränkte Ja?
Ich weiß es schon jetzt. Ich brauche dann aber noch eine Woche. Für die Absage. Ich brauche es, wieder in Tübingen zu sein, im alten “Amt”, wo ich manchen Menschen manches versprochen und zugesagt habe. So einfach geht das nicht. Ich hänge an Menschen und an gemeinsamen Geschichten. Ich bin ziemlich loyal, das weiß ich nicht erst seit heute. Die Reaktion auf die Absage ist scharf. Hoffentlich nur aus Enttäuschung. Hoffentlich nicht, weil ich eine wählerische Wessi bin, die sich nicht entscheiden kann. Ich verschiebe die Entscheidung auf den Sommer.

 

Viel Schaum vorm Mund

Donnerstag. Gabriele Krone-Schmalz, ehemalige Moskau-Korrespondentin der ARD und Professorin für Fernsehen und Journalistik an der Europäischen Universität Iserlohn, hält in Reutlingen einen Vortrag über den Krieg in der Ukraine, und die Medienwelt kriegt sich nicht mehr ein vor gespielter oder echter (?) Entrüstung.
Ich meinerseits bin froh über jede(n), die / der eigenständig denkt und damit an die Öffentlichkeit geht. Danke, Frau Professor Krone-Schmalz! Ich bin auch froh über jede(n), die / der eigenständig Denkenden eine Plattform bietet, dass die Gedanken in die Welt gelangen statt im heimischen Arbeitszimmer zu verpuffen. Danke, Herr Ulrich Bausch – Geschäftsführer der Reutlinger VHS!

Und shame on you, Klaus Gesta, seines Zeichens Professor am Osteuropa-Institut in Tübingen (nur der akademischen Vollständigkeit wegen mit Quellenangabe): Mit sehr viel Schaum vorm Mund klinkt er sich in die aktuelle Debatte ein, doch leider fällt ihm dabei nichts Besseres ein als seine Kollegin Krone-Schmalz zu diskreditieren.  Das reinste Bashing, peinlich, moralisierend und selbstentlarvend, wie er ihr sowohl Kompetenzen als auch akademische Titel streitig macht, anstatt auch nur ein einziges ihrer Argumente zu widerlegen. Wie es sich für eine intellektuelle  Auseinandersetzung unter Akademiker*innen gehören würde, Konjunktiv zwei! (aber vielleicht nicht gerade auf t-online;-)
Damit verbiegt / verunstaltet / reduziert Gesta die deutsche Debattenkultur aufs denkbar Deprimierendste, Übelste und Antidemokratischste: zu einem medial vorgegebenen Schmalspur-Meinungskorridor, der das Denken über Grenzen hinweg (E. Bloch) verunmöglicht.

Shame on you,  Reutlinger General-Anzeiger und Schwäbisches Tagblatt Tübingen: Beide haben bei dem Vortrag von Frau Krone-Schmalz durch Abwesenheit geglänzt – und sich vor ihrer journalistischen Informationspflicht gegenüber ihrer Leserschaft gedrückt.  Der Saal der VHS war ausverkauft!, eine Sensation angesichts derzeit meist halb ausverkaufter Säle oder direkt abgesagter Veranstaltungen aufgrund mangelnder Kartenverkäufe.

Zum Glück gibt es ja noch die Leserbriefe:

Gleich zu Anfang wurde sowohl von Bausch wie auch von Krone-Schmalz deutlich darauf hingewiesen, dass es ein brutaler Angriffskrieg Russlands ist, der durch nichts gerechtfertigt werden kann. Erörtert wurde aber auch, nicht ständig zur Eskalation durch immer neue Waffen beizutragen, sondern ob es nicht doch die Möglichkeit der Deeskalation durch die Diplomatie gebe. Krone-Schmalz könnte sich auch Angela Merkel vorstellen. Wer aber wie Strack-Zimmermann, Baerbock und Co. immer mehr Waffen fordert, wer wie der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, die Russen als Tiere, Unrat und Verbrecher bezeichnet, bekommt stehende Ovationen. 
Seit wann löscht man einen Brand mit Öl? Wer aber die Ulrich Bausch zur Mäßigung aufruft, wird mit Hass-Mails überschüttet. Wo sind wir eigentlich? Mein Dank geht an Ulrich Bausch!
Martin Hank, Tübingen
(Schwäbisches Tagblatt vom 08. November 2022)

Krone-Schmalz in ihrer Einleitung:

  • ‘Wir hatten in Deutschland immer schon eine schmale Debattenkultur.’ Der Satz ist leider nicht von mir, sondern vom SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi.
  • Wer andere Meinungen äußert als die, die den Mainstream vertreten, läuft Gefahr, unter die Räder zu geraten. Das ist nicht gut.
  • Andersdenkende sind zu Störfaktoren geworden.
  • Eine Demokratie muss es aushalten, dass gestritten wird.
  • Moralische Außenpolitik zeichnet sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass man die Dinge bis zu Ende denkt und dass man darauf achtet, dass sie den Menschen dient und nicht irgendwelchen Prinzipien.
  • Realität ist keine Momentaufnahme, sondern immer ein Prozess.
Neugierig geworden? – hier gehts ganz gefahrlos zum Vortrag von Frau Professor Krone-Schmalz!

Denken heißt überschreiten

Freitag, Eisenach. Zufällig in Leipzig entdeckt – einer unserer Helden (1977 in Tübingen gestorben). Was für ein Ansatz, und so weit entfernt von der Realität! Das Prinzip Hoffnung als Diskussionsgrundlage … mit dem Florett der Argumente statt dem Vorschlaghammer der Beleidigungen. Denkend Grenzen überschreiten …
Er war es, der 1967 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt … kein Schreihals, sondern ein Utopist.