Prognose

Sonntag, Lüneburg. Der Taxifahrer sagt mir, wovor er Angst hat. Dass die Dummen, Ungebildeten an die Regierung kommen und dann dumm, ohne Geist und Weitblick, regieren. Er ist Iraner, er weiß, wovon er spricht. Die in Sachsen-Anhalt werden sich jetzt zwei Jahre lang still verhalten, Grundgesetz-konform, und abwarten. Und wenn sie alle Landesregierungen übernommen haben, mit ihren Zielen durchdringen. So seine Prognose. Ich sehe das irgendwie gelassener, mich erinnernd, wie hysterisch die Medien reagierten, als Ramelow Ministerpräsident von Thüringen wurde. Jetzt wird der Kommunismus eingeführt, Eigentümer werden enteignet, Bankkonten geplündert!, Panik und Schrecken, weil das ja ihre beste Disziplin ist,

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Bearbeitet – Abhauen

Freitag, im Zug. Wie nett. Er blafft seine Frau auf Deutsch an, ich bekomme direkt alles mit. Sie redet auch Deutsch, aber besser als er, aber eigentlich redet sie gar nicht. Vielleicht haben sie unterschiedliche Muttersprachen, was ich nicht glaube. Eher glaube ich, dass sie familiär zusammengestellt worden sind: So, ihr gehört zusammen, große Hochzeit und das ganze Programm, wunderbar, und jetzt seid glücklich. Die Frau guckt so unglücklich, dass ich denke, sie weint gleich. Sie sitzt nicht neben ihrem Mann, sondern zwei Bänke vor ihm, in der Reihe neben mir. Er sitzt allein, breitbeinig über zwei Plätze, und findet das

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Süper Bücher

Mittwoch. Ich habe die Bestseller-Senkrechtstarterin Caroline Weil für mich entdeckt. Hatte zuerst Vorurteile, ich gebs zu, auch wegen ihrer Ponyfrisur (mea culpa). Die habe ich überwunden und freue mich allabendlich auf 1999 Meter über dem Meer. Ein weiblicher Roadmovie ohne zu viel politische Correctness und Gefälligkeit. Sehr erfreulich. Die Heldin erlebt nicht viel, aber was sie erlebt, filtert sie leicht und luftig durch ihre subjektive Brille, ohne oberflächlich zu sein. Wahl kultiviert einen Schreibstil, der vielleicht nach dem fünften, sechsten Roman öde werden könnte. 1999 Meter über dem Meer ist auch inhaltlich verdammt nah an Windstärke 17. Ich schätze aber,

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No Vision – no Future

Montag. Seine letzte Rede zum 3. Oktober, dem Feiertag der Wiedervereinigung – nie mehr im Leben wird Bundespräsident Steinmeier diese Gelegenheit haben. Ich hatte eine Vision erwartet, wohin es mit Deutschland gehen könnte, eine gesamtdeutsche Vision, eine Aufgabe, die die alten und neuen Bundesländer gemeinsam anpacken. Dass er dazu aufrufen und Mut machen würde, das hätte ich mir gewünscht. Eine versöhnende, verständnisvolle, die Grenzen überschreitende, vereinende Rede, die wir nicht vergessen, die zu Herzen geht, die aufrüttelt. Ja, die aufrüttelt und vom Sofa scheucht und in die Hände klatschen oder spucken lässt. Und nicht dieses Gelaber von wegen bedrohte Demokratie und

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Feiern

Sonntag. Die Thüringer können feiern, und wir können das auch. Niemand sagt ab, auch nicht in letzter Sekunde, alle kommen mit Blumensträußen im Arm und liebevollen Geschenken für PM, das Geburtstagskind. Alle freuen sich an Essen und Trinken und an dem lauen Herbstabend auf der Terrasse mit Premiumblick auf die angestrahlte Wartburg. Politische Gespräche werden immer gerade noch rechtzeitig gestoppt, man kann ja den Tisch wechseln oder sich das Glas frisch auffüllen, und bis man zurück kommt, ist „Themawechsel“ (Jazek). Zum Abschied pinkelt einer in unseren Garten. Genauer: Vors Gartentor. Mir bleibt fast das Herz stehen. Da rödelt man zwei

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Gleich zwei Anträge

Mittwoch. Ich stelle gerade Anträge. Einen für mich, also für mein Buchprojekt, und einen für die neuen Eisenacher Texte, wo ich die Herausgeberin bin. Wahrscheinlich werden beide abgelehnt. Ich werde bei so was nie genommen. Ich stelle auch nicht gerade viele Anträge, das letzte Mal vor fünf Jahren. Ist immer eine Heidenarbeit und kommt nichts bei rum. Also für mich nicht. Für Alles was zählt – 18 Mal Hoffnung in Krisenzeiten, das war dieser letzte Antrag, hätte ich schon erwartet, dass es diesmal klappt mit der Förderung. Aber dann hieß es, ich würde die Texte ja gar nicht selbst schreiben,

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Verstehe

Sonntag. Scheiß auf die paar Milliarden, sagt sich Merz und verzichtet. Die Rückerstattung für deutsche Ukrainehilfen bleibt im EU-Topf für Ukrainehilfe. Der schwurbelige Name für diesen Topf lautet übrigens Europäische Friedensfazilität oder EPF, falls das jemanden interessiert. Mich schon, mich interessiert das sehr. Sprache ist auch Machtmittel. Ständiges Neuschöpfen oder Umbenennen oder auch Abkürzen von Begriffen – wenn es beabsichtigt ist, und es ist beabsichtigt – induziert Nichtwissen, Nichtwissen induziert Ausgeschlossensein, Ausgeschlossensein induziert Schuldgefühle. Und Angst. Schlimmer noch: Die Angst vor der Angst. Nimm dem Menschen die Sprache, und er wird zum Kadaver. Der Kadaver leistet Kadavergehorsam. Er merkt es

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Sonne über Eisenach

Donnerstag. Und heute gerade das Gegenteil. Eine Bekannte schnappt sich auf der Straße meinen Arm und sagt, wir gehen Kaffee trinken. Da hat ein neues Café eröffnet, eins mit Kulturprogramm. Einer mit Ideen und Esprit steht dahinter, mit Power und ja, Phantasie! Er kommt auch gleich hinter dem Tresen vor, das ist kein Eingefahrener, eher ein Freestyler. Wir tauschen uns aus, tauschen Kontaktdaten aus, und schon scheint die Sonne in meine trübe Seele hinein. Ich sollte mich nicht immer gleich so beeindrucken lassen, und gestern ist gestern und heute ist heute. Vielleicht eine Lesung, vielleicht ein Schreibworkshop, mal sehen. Etwas

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