Das Wort Frieden hört man sehr wenig

Kanzler Scholz ist nach Brasilien gereist. Es geht um den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, um Rohstoffe und natürlich um den aktuellen Krieg, zu dem Lula da Silva eine deutlich differenziertere Position als die Ampelregierung hat.
Am 30. Januar fand eine Pressekonferenz von BK Scholz und Präsident Lula da Silva statt:

Präsident Lula, an Sie die folgende Frage: Sie haben vergangenen Mai in einem Interview gesagt, der ukrainische Präsident Selensky sei genauso verantwortlich für den Ukrainekrieg wie der russische Präsident Putin. Sehen Sie das heute immer noch so?
Im Zusammenhang damit die nächste Frage: Brasilien verfügt über Gepard-Flakpanzer und Leopard-Kampfpanzer aus deutscher Produktion sowie über größere Munitionsbestände. Wären Sie bereit, diese Panzer und die Munition an Deutschland zu verkaufen, damit Deutschland sie an die Ukraine weitergeben kann?

P da Silva: Zuerst möchte ich über das Munitionsproblem sprechen. Brasilien hat kein Interesse an einem Verkauf von Munition, die in dem Krieg zwischen der Ukraine und Russland benutzt werden kann. Wir sind ein Land, das dem Frieden verpflichtet ist. Der letzte Krieg, den wir geführt haben, war der Paraguaykrieg im 19. Jahrhundert. Wir wollen nicht einmal eine indirekte Teilnahme an einem Krieg. […]

Brasilien hat den Entschluss gefasst, keine Munition zu verkaufen, weil wir nicht wünschen, dass die Munition in diesem Krieg verwendet wird.

Ich habe nicht genau verstanden, warum dieser Krieg begann. Es wurde immer gesagt, dass die Nato zu nah an Russland habe herankommen wollen. Die Russen waren nicht daran interessiert. Darüber hat ja auch Papst Franziskus gesprochen. Heute bin ich mir etwas klarer. Ich glaube, dass die Russen einen krassen Fehler begangen haben. Sie sind in das Hoheitsgebiet eines anderen Landes eingebrochen.

Aber wir sagen in Brasilien: Wenn einer nicht will, dann streiten zwei sich nicht. – Ich habe das Wort Friede in der internationalen Diskussion sehr wenig gehört. Deswegen plädiere ich für die Einrichtung einer anderen Organisation, um den Frieden auf den Weg zu bringen. Leicht ist das nicht, das weiß ich. Denn wenn es leicht wäre, dann hätte man das schon geschafft. Man weiß, wie solch ein Krieg anfängt, man weiß aber nicht, wie er aufhört. Ich habe Herrn Scholz daran erinnert. Saddam Hussein hat die Zerstörung des Iraks durch eine Lüge ermöglicht. Er hat die USA dazu gebracht, zu glauben, dass er chemische Waffen hätte. Ein brasilianischer Diplomat, der Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen war, hat gesagt, der Irak habe keine chemischen Waffen. Dann sind die USA dort eingebrochen. Saddam Hussein wurde gehängt, und bis heute gibt es keinen Beweis.

Der Grund des Krieges zwischen Russland und der Ukraine muss auch klarer werden. Ist es wegen der Ukraine? Ist es wegen territorialer Ansprüche? Wir haben wenig Informationen darüber. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nach Kräften helfen werde. Falls ich mit Putin und Selensky sprechen muss, werde ich überhaupt keine Schwierigkeiten damit haben. Wir müssen eine Gruppe einrichten, die am grünen Tisch als Verhandlungspartner respektiert wird. Ich weiß ja nicht, wann dieser Krieg aufhören wird, wenn wir weiterhin so untätig bleiben. Das ist meine Antwort auf die Frage.

Gamechanger

Montag, Eisenach. Die für meine Biografie wichtigen Grundwerte werden von einer heuchlerischen Politik und einer devoten Medienbegleitung propagandistisch pervertiert, wenn ich das mal so deep sagen darf. Und ich leide tief mit ihnen:
Im Namen der Toleranz herrscht totalitäre Intoleranz. Im Namen des Friedens wird der War to end all wars nationalistisch vorangetrieben. Im Namen der Solidarität werden kritische Stimmen als rechtslastig geframt. Im Namen der Umwelt wird die Umwelt zerstört. Im Namen der Gleichheit wird die totale digitale Kontrolle errichtet. Im Namen des „Guten“ werden Feindbilder gepflegt.
Danke, ich mache nicht mit.

Gregor der Große

Sonntag, Eisenach. Gestern Abend tollen Vortrag von Gregor Gysi gehört. Was unterscheidet ihn von anderen Politiker*innen – bzw. was macht ihn so inspirierend? Er spricht schnell und strukturiert. Er hat alle Zahlen im Kopf. Er ist selbstbewusst. Er reißt denkend Grenzen ein. Er ist schlagfertig. Und außerdem hat der Kerl Charme.

Baerbock kämpft Krieg

“Wir kämpfen einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinander”, kauderwelscht Baerbock am Dienstag vor dem Europarat.
Dass sie damit nicht nur Kanzler Scholz widerspricht, der doch immer wieder betont, Deutschland sei auch nach den Leopard-Lieferungen keine Kriegspartei, sondern auch das russische Außenministerium aufgeschreckt hat, kann niemanden ernsthaft verwundern.
Zwar twittert das Auswärtige Amt unverzüglich: “Deutschland ist kein Konfliktpartner.” Aber hallo, wie passt denn diese Aussage zu Baerbocks Aussage?
“Verstehen Sie selbst, wovon Sie da reden?”, fragt die Sprecherin des russischen Außenministeriums denn auch und fordert eine Erklärung.
Verständlich. Klärung wäre das Mindeste, was Russland von der deutschen, des Sprechens nicht so recht mächtigen Außenministerin nach ihrem jüngsten Wortmüll-Gate erwarten kann.
Doch statt die Wogen diplomatisch zu glätten, schlägt das Auswärtige Amt zurück – und mit ihm das öffentlich rechtliche Fernsehen und die meisten unserer Leitmedien: Das Nachhaken sei nichts als russische Propaganda und Provokation, poltern sie unisono und reichlich provokant und propagandistisch: “Wer hier eskaliert, ist Russland!”
Echt?
 

Schreibwerkstatt

Donnerstag. Wie soll ich anfangen?, fragen sie. Legt einfach los, antworte ich stereotyp. Und lächle ihr Erschrecken weg. Und wende mich ab, indem ich sie zu vergessen scheine. Und wenn ich wie zufällig wieder zurückkomme und ihnen über die Schulter schaue, sind sie über Impuls und Einstiegssatz längt raus, versinken in ihrem Blatt oder Tablet und beachten mich kaum. Meine Rolle in dem Spiel, so soll es sein. Ich weiß schon jetzt, dass sie sich mit ihren Texten selbst überraschen. Dass sie gerade etwas produzieren, das sie weiterbringt. Dass sie ab jetzt dem einzelnen Wort Achtsamkeit schenken.

Mehr, mehr, mehr

Mittwoch. Juhuu!, endlich liefern wir den Leopard. 14 Stück, und Polen, Finnland, die Niederlande und Spanien wollen auch liefern, während die USA sogar ankündigen, gleich 30 Panzer in die Ukraine zu schicken.
Kaum ist die Nachricht durch, fordern Selenski und der superproletige Melnyk Langstreckenraketen und Kampfjets aus Deutschland.
Wahnsinn! Mir wird, während ich das eben Gehörte niederschreibe, kalt vor Angst.
Ob diese Entscheidung richtig ist, werde erst die Zukunft zeigen, kommentiert die Sprecherin.
Ja, wenn wir uns das leisten können, dann hoffen wir eben auf die Zukunft und darauf, dass Putin einmal nicht konsequent ist. Was allerdings allen bisherigen Wahrnehmungen widersprechen würde, kündigt Putin doch immer unverblümt an, was er vorhat. Und was das ist, für den Fall, dass der Westen sich in den Ukraine-Konflikt einmischt, hat er ja von Anfang an mehr als deutlich gesagt.
Wie weit wollen wir den Bogen noch überspannen? Wie heftig wollen wir das Narrativ vom Wirtschaftskrieg, den Putin angezettelt habe, noch abnicken (womit die Schrecklichkeit seines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges auf die Ukraine nicht relativiert werden soll, Doppelklammer, der aber nicht schrecklicher oder völkerrechtswidriger ist als die Angriffskriege der USA auf Vietnam, Afghanistan, Serbien, Irak, Doppelklammer zu)? Wie lange wollen wir noch so tun, als würden wir dem Verschwörungsmythos von oben aufsitzen, dass Russland Nord-Stream 1 und 2 sabotiert habe – ein Thema, das inzwischen komplett totgeschwiegen wird?
Ich finde das alles nur schwer zu ertragen …

Achterbahn

Dienstag. Mein Autorenfreund Klemens Ludwig ist gestorben. Ich erfuhr es zufällig, durch eine Nachricht, die ich ihm schrieb und auf die mir sein Schwiegersohn mit der traurigen Mitteilung antwortete.
Inhaltlich waren wir in ganz verschiedenen Welten unterwegs, aber mental auf einer Ebene. Wenn es mir schlecht ging, reichte ein Kaffeetrinken mit ihm, und die Welt war wieder in Ordnung. Nachhaltig in Ordnung, das hatte er drauf. Ich bin sehr traurig. Die Welt (und ich) hätten Klemens Ludwig noch gebraucht.

Erneute Absage für meinen Roman.  Check und weg, Misserfolge hake ich ab wie nichts. Wenn er irgendwann mal gedruckt werden sollte, was absolut nicht sicher ist, dann werde ich heulen. So war es schon bei meinem ersten Roman: 60 Ablehnungen nickte ich ab, als hätte er / als hätte ich es nicht anders verdient. Als endlich der Zuschlag von Goldmann kam, brach ich zusammen. Und als er einen Monat nach Veröffentlichung direkt in die 2. Auflage ging, verstand ich die Welt nicht mehr. Er war also wirklich gut?

Inzwischen habe ich wieder eine wunderbare Zusage für das nächste Interview erhalten. Der Februar und März werden aufregend, soviel steht fest. Tolle Begegnungen mit tollen Menschen erwarten mich.

Diese Woche ist meine letzte Woche in Vollzeitarbeit. Paradigmenverschiebung: Das “Amt” tritt in die zweite Reihe. Das Schreiben in die erste. OMG!, wie lang habe ich darauf gewartet …

Tovs Hütte

Sonntag, Eisenach. Das Feuer im Ofen, die sich allmählich wärmenden Wände, die Flaschen und Gläser auf dem wackeligen Tisch und wir auf dem alten Sofa. Als wir gegen Mitternacht die Tür öffnen, stolpern wir in eine dicke, unberührte Schneedecke. Der Schnee rieselt uns auf die Köpfe, und die Wartburgallee sieht aus wie eine Rodelbahn. Bei jedem Schritt knarscht  und knarzt es unter unseren Sohlen.

PM heißt in Tovs Stasi-Akte Mao. Das finde ich sehr seltsam. Sie waren pubertäre Jungs und wurden von einem, der ihnen ständig auf den Fersen war, belauert, wie sie an ihren Mofas schraubten, sich besoffen oder Quatsch machten am Prinzenteich. Diese geballte Sinnlosigkeit – sie lachen darüber, weil die Erinnerungen aufleuchten, und weil sie wissen, wie daneben diese Berichte in ihren Schlussfolgerungen liegen.
“Wegen Trunkenheit der Obervierten wurde die Observierung abgebrochen.” Da lachen sie besonders laut.

Seltsame Begegnung

Dienstag. Können Sie mir rüber helfen?, ruft die junge Frau von der anderen Straßenseite mir zu.

Eingemummelt in einen mönchskuttenartigen Parka mit übergroßer Kapuze, die ihr die Seitensicht nimmt, den Blick auf mich geklebt, scheint sie keine Sekunde warten zu wollen.

Gehen Sie lieber über die Ampel, rufe ich und zeige wild gestikulierend auf die fünf Meter von uns entfernt stehende Anlage. Vielleicht hört sie mich nicht, sie tritt auf der Stelle wie ein ungeduldiges Kind.

Schaffe ich nicht. Hab Kreislauf! Sie greift sich dramatisch an den Hals. Indem sie mich weiterhin unerbittlich fixiert, setzt sie bereits einen Fuß auf die Straße.

Halt!, schreie ich und springe auf die Fahrbahn, um das von rechts, von ihr aus gesehen von links kommende Auto zu stoppen.

Der Fahrer weicht aus und rast knapp hinter ihrem Rücken weiter.

Hey! Ich springe zurück. Was für ein Bekloppter! Und was für eine Bekloppte.

Den hab ich gar nicht gesehen. Sie marschiert auf mich zu, von wegen Kreislauf, grinst, hält ihre Kapuze unterm Kinn zusammen, als gäbe es nichts Wichtigeres, bleibt dicht vor mir stehen. Ihre Augen sind braun und ziemlich rund, ich lese nichts darin. Was wird das hier? Mutprobe? Langeweile? Einfach mal so?

Dankeschön, sagt sie.

Ja ja, schon gut.

Die Ampel wär besser gewesen.

Auf jeden Fall.

Das nächste Mal gehe ich über die Ampel.

Hmhm.

Bei der Ampel müssen die Autos ja anhalten.

Hmhm.

Sie sind eine sehr nette Frau.

Ist ja gut.

So was gibt es selten.

Würde ich auch sagen.

Bis bald mal.

Sie winkt mir zu, ich winke automatisch zurück.

Lieber nicht.