Overshoot

Freitag. Aktivismus war gestern, jetzt kommt die Depri-Phase.
Der Verlust von so vielem, was einem wichtig war, macht etwas mit einem. Mit mir. Obwohl PM weitaus mehr verloren hat als ich, nämlich alles, spreche ich hier ausschließlich aus meiner Perspektive. Die alten Möbel von meinen Eltern, die ihre eigene Geschichte hatten – das Verfrachten des gesamten großelterlichen Hausstandes über die grüne Grenze von Naumburg nach Lüneburg in einem Eisenbahnwaggon, den meine Oma väterlicherseits irgendwie einem Eisenbahner abgeluchst hatte -, die im Lüneburger Haus meiner Großeltern standen und dann plötzlich bei meinen Eltern in Kamen, mit denen ich aufgewachsen bin, deren Schönheit mich erwärmt hat und die nun aufgequollen und in Stücke gehauen irgendwo auf der Giga-Mülldeponie von Ahrweiler/Bad Neuenahr liegen, das löst etwas in mir aus, verdammt!, ob ich das nun will oder nicht.
Ich kann es noch nicht beschreiben. Mag die Worte dafür nicht suchen. Empfinde gegenüber denen, die in Ahrweiler immer noch ohne Strom und Wasser und von den Spenden der Bevölkerung leben, Scham. Es ist eine Leere, die nicht inspiriert, sondern unangenehm und bedrückend ist. So ähnlich wie im ersten Lockdown. Als Corona noch als konkrete Bedrohung empfunden wurde.
Was bedroht dich denn?, spöttelt mein stets dialektisches Ich. Der Kaffeepott steht neben mir, die Sonne lacht durch die auf Halbschatten gestellten Lamellen ins Küchenfenster rein.
Am 29. Juli, also gestern, war Erdüberlastungstag! Ab jetzt lebt die Menschheit auf Pump. Die Ressourcen sind für dieses Jahr schon erschöpft, ab sofort verbrauchen wir mehr, als die Ökosysteme der Erde erneuern können. Der kritische Punkt ist überschritten, wenn die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Aufnahme von Müll und Emissionen (!!!!!!) nicht länger unserem Wahnsinnsverbrauch an Wäldern, Flächen, Wasser, Ackerland und Fischgründen standhalten kann.
Der Denkfabrik Global Footprint Network in Kalifornien ist die Berechnung dieses apokalyptischen Moments – dem Earth Overshoot Day – zu verdanken; Gründer und Präsident ist der Schweizer Nachhaltigkeits-Experte Mathis Wackernagel (zum Bericht). Wir Deutschen mit unserem hohen Konsum und entsprechendem Ressourcenverbrauch haben keinen geringen Anteil daran. Die einschlägigen (aber leider nicht einschlagenden) Infos kamen gestern Abend in der Tagesschau: Jeder weiß Bescheid. Jeder labert darüber, meine Friseurin hält mir gestern heulend ihr Handy mit Bildern von den brennenden Wäldern in der Türkei unter die Nase. Ich brauche aber mein Auto, fügt sie an, ich muss ja zur Arbeit kommen …
Die Flutkatastrophe in Ahrweiler sehe ich als direkte Antwort auf den verheerenden Zustand, in den jede und jeder Einzelne von uns unseren Lebensraum Erde gebracht hat. Ich möchte sicher leben, wie wahrscheinlich jedes Lebewesen auf der Welt. Alte Sachen aus der Familie – sie stehen für Sicherheit. Für Beständigkeit. Sie sind schon immer dagewesen, lange bevor es mich gab, und der Weg führt über mich, damit sie eines Tages sicher bei meinen Kindern und noch später meinen Enkeln stehen.
Jetzt steht da nichts mehr. Diese alten, sorgsam gepflegten und behüteten Dinge – sie waren ein Stück von mir. Sie waren Vergangenheit und Zukunft in einem. Es geht um viel mehr als den Verlust von Tisch und Stuhl. Es geht um die Frage: Wo ist heute sicheres Leben?

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Loslassen

Sonntag. Das riesige Loch in der Straße vor dem Haus ist zugeschüttet. Die zerstörten Rohre bleiben zerstört, Hauptsache, die LKWs kommen durch. Straßenzug um Straßenzug werden die riesigen Müllberge vor den Häusern abtransportiert. Es ist belasteter Müll, wohin bloß mit dem ganzen Zeug? Allmählich erhält die Stadt ihr altes Gesicht wieder, verblüffend, wie schnell das geht, wenn Tausende Hände mitmachen.
Mehrere Fernsehsender veranstalten Benefizkonzerte zugunsten der Flutopfer, bei denen Millionenbeträge zusammenkommen, die Hilfsbereitschaft hält an. Gestern erzählt Angelika aus Eisenach, dass ihre Tochter als Helferin in Ahrweiler im Einsatz ist, der Kofferraum bei jeder Fahrt voll mit Sachspenden, die sie zuvor in der Nachbarschaft zusammenbetteln. Moni, eine Lieblingskollegin, schickt Fotos von einer kompletten Stereoanlage samt Plattenspieler, die sie PM schenken möchte! Das ist das Schöne an der elenden Geschichte, dass sie reich an kleinen Wundern und unschätzbaren Begegnungen ist.
Wir haben unsere Reise storniert, können uns nicht vorstellen, in der Situation unter der Sonne Italiens die Seele baumeln zu lassen. T. und E. sind gestern aus Griechenland zurückgekehrt. Seit zwei Jahren ihr erster Urlaub, sie berichten von einer wunderschönen, leeren Insel und leeren Flughäfen. Das Coronavirus verändert die Welt und sich selbst in Wellen, noch ist die Delta-Variante vorherrschend, doch die Lambda-Mutante aus Südamerika ist bereits auf dem Vormarsch. Der Inzidenzwert steigt wieder, man redet bereits vom Herbst-Lockdown. Ich kann da kaum hinhören, für Corona ist kein Platz in meinem Bewusstsein.
In Ahrweiler stehen nun Dixi-Toiletten, immer eine für drei bis vier Haushalte. Bis es wieder Wasser, Strom und Gas gibt, können noch Monate vergehen. Der Gestank nimmt zu, deshalb auch die Eile mit dem Abtransport der Müllberge. Man kommt auch wieder über die Ahr: Behelfsbrücken ersetzen die schönen alten Brücken, deren Trümmer bald nicht mehr zu sehen sein werden. Das Ahrbecken sieht furchtbar aus. Verschwunden sind die Böschungen und Ufersteine, auf denen im Sommer gespielt und gegrillt und geflirtet wurde. Statt dessen rohe Erde entlang des gesamten Flussverlaufes. Auf seinem geliehenen Tablet zeigt PM mir die Fotos einer veränderten Landschaft.
Er schläft viel und lange. Die Ereignisse haben ihn erschöpft. Wie passt man die Lebenspläne der neuen Situation an? Das wird die Frage der nächsten Wochen sein. Auch ich muss die Bilder verscheuchen, wenn sie unkontrolliert aufploppen, z.B. die spontane Idee, am WE zu ihm zu fahren, und wenn im gleichen Moment die Welle der Erkenntnis darüberschwappt: Zu ihm fahren ist nicht mehr. Es gibt kein Zuhause mehr in Ahrweiler/B.N.
Ständig fällt uns irgendwas ein, das auch verschwunden ist, das es nun endgültig nicht mehr gibt. Seine verhältnismäßige Gelassenheit erkläre ich mir nur durch das schreckliche Erleben zuvor: Wer der konkreten Lebensbedrohung ins Auge gesehen hat, kann leichter loslassen. Ich bewundere ihn, ich weine meinen drei elterlichen Möbeln mehr hinterher als PM seinem gesamten Hausrat.

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NOW!

Samstag. Wenn man die Fragen hört, die manche Leute einem jetzt stellen – wie hält man das denn aus, tagelang nicht zu duschen?, oder so ähnlich – dann dämmert mir, dass diese Erfahrung einen für immer von anderen Menschen, die das oder Ähnliches nicht erlebt haben, trennt. Auch PM und Theo werden wohl für alle Zeiten durch das gemeinsame Erleben der durch das geborstene Wohnzimmerfenster hereinstürzenden Flut verbunden sein.

Ich habe nicht die geringste Sympathie für verhinderte Urlauber, die jetzt gar nicht schnell genug ihr Geld für ihre im Voraus bezahlte Ferienwohnung im Ahrtal zurückzufordern, die unbedarft ihre nächste Kreuzfahrt in die Antarktis buchen, weil sie die Karibik schon dreimal durchkreuzt haben, die mir die Ohren volllabern, dass ihr Auto Hagelschäden vom letzten Unwetter davongetragen hat und versicherungstechnisch so wenig dabei rausspringt. Die mir lang und breit von ihrem Burn Out erzählen! Oder irgendwelche Angebergeschichten zum Besten geben, während ich selbst auf glühenden Kohlen sitze.

Menschen sind nur bedingt einsichtig. Wahrscheinlich müssen alle in allen Regionen Deutschlands oder Europas oder der ganzen Welt ein Mal am eigenen Leib eine Umweltkatastrophe miterlebt haben, bevor sie anfangen ihren Denkapparat einzuschalten. Es geht so nicht weiter. Der Augenblick des radikalen Change ist JETZT! Die Regierungen aller Länder müssten umgehend alberne Dinge wie Kreuzfahrt-Verkehr einstellen, den privaten Autobesitz limitieren oder ganz verbieten, Stromkontingente für Industrien und Haushalte festlegen und bei Limitüberschreitung abdrehen, Industrien auf erneuerbare Energien verpflichten.

Leider ist das nicht möglich, weil niemand diese Regierungen wählen würde. Also weiter so: In den USA brennen die Wälder, in Lappland steigt die Temperatur auf noch nie dagewesene 32 Grad (Durchschnittstemperatur +2 Grad). Hitzewellen und Starkregen wechseln sich ab, es gibt keine sicheren Wohnorte mehr.

Die Leute haben Mitleid und sind froh, dass sie selbst für dieses Mal verschont geblieben sind. Sie steigen in ihre SUVs zum Einkaufen bei Rewe und vergessen sofort alles.

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Freiwillige

Donnerstag. 40 Helfer hat PM zusammengetrommelt, um das Haus leerzuräumen.
Wie hast du das gemacht?, frage ich ihn verblüfft. Es ist Mitternacht durch, den ganzen Tag habe ich nichts von ihm gehört.
Einzelne haben WalkieTalkies, die mit der Leitstelle verbunden sind. Sie laufen durch die Straßen und fragen, was man braucht, und in kürzester Zeit ziehen sie eine gut ausgerüstete Truppe zusammen, erzählt PM: „Früher bei uns waren das Dispatcher!“
Sie sind bestens organisiert. Einer ist extra aus Tübingen, ein anderer sogar aus Freiburg angereist – Männer und Frauen aller Altersgruppen, die bereit sind, sich in die betroffenen Gebiete auf den Weg zu machen, wo sie dringend so benötigt werden. Es sind die vielen Freiwilligen, die den völlig überforderten Menschen in ihren zerstörten Häusern und in ihrer katastrophalen Lage helfen.
Von ihren Arbeitgebern werden die Helfer*innen für die Einsätze freigestellt. Für PMs Truppe ist es das achte Haus, das sie räumen! Sie haben alles dabei: Werkzeug, Spaten, Schubkarren, Pumpen. Sogar für Essen und Trinken für die ganze Mannschaft ist gesorgt. Diese überlebensnotwendigen Sachspenden kommen von Firmen und Geschäften aus der Umgebung. Sie werden zu Sammelstellen gebracht und dort verteilt. Wer auch immer das alles koordiniert, THW oder Feuerwehr oder das BKK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) – die Zusammenarbeit von Profis und Freiwilligen funktioniert entgegen mancher Medienberichten sehr gut. Es ist für alle eine noch nie dagewesene Situation, hinterher ist man immer schlauer als vorher.
Sie arbeiten in Etappen, immer nach einer halben Stunde wechseln sie sich ab wegen der Giftstoffe, die der Schlamm ausdünstet. Im stockdunklen Keller tragen sie Helmlampen und hängen Akkuleuchten auf. Sie bilden eine Kette vom Keller bis zur Straße hoch. Zuerst ist das Gerümpel dran, dann der Schlamm. Indem sie die vollen Eimer über vierzig Hände nach draußen weitergeben und die leeren wieder zurück, ist die meterhohe Dreckschicht in wenigen Stunden nach draußen geschafft.
Zuvor haben sie den Keller leergepumpt. Wider früherer Ansagen hält das Haus doch; bei der Ansage schöpfe ich neue Hoffnung für meine Uhr …
Als sie den schweren, vom Schlamm getränkten Teppich aus dem Wohnzimmer auf die Straße ziehen, blitzt auf einmal der Modigliani-Kopf auf, den ich im Metropolitan Museum für PM gekauft habe. Er hat das Unglück unbeschadet überstanden. Solche Dinge gewinnen plötzlich eine neue Bedeutung. PMs Stimme klingt am Telefon zufrieden, so paradox das scheint. Er hat wahnsinnig viel gearbeitet, hat mit den Jungs & Mädels Bier getrunken und gelacht, Haus und Keller sind jetzt BESENREIN, meint er, und: „Besser du siehst dir deine Möbel nicht mehr an, sie sehen schrecklich aus!“
Er schickt Fotos von leeren, schlammverschmierten Räumen. Das Wohnzimmer erkenne ich kaum wieder. Das Parkett ist weg, statt dessen kommt ein hässlicher Linoleumboden zum Vorschein… PM hat richtig was gerissen. Auf seine Weise hat er Abschied von dem Haus genommen, in dem er über 20 Jahre gelebt hat.
Er spricht aus einer anderen Welt zu mir. Ich bekomme Angst: spüre die Entfernung zwischen uns sich verzehnfachen.
Noch immer gibt es keinen Strom, kein Gas und kein Wasser, Wasser auch in PMs Klinik nicht. Die Angst vor Ratten und Seuchen wächst.
In den Medien gibt es nur noch ein Thema: Das Klima. Rekordhitze in Lappland, brennende Wälder in den USA. Es ist apokalyptisch, immer wieder fällt der Satz von der zurückschlagenden Natur. (Thomas Bernhard: „Ich hasse die Natur …“)

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Anpassung

Dienstag. Im Unterricht habe ich heute Besitzlisten anfertigen lassen. Dann die 30-Sekunden-Frage: Was nimmst du mit, wenn dein Haus brennt? Ich müsste korrigieren und Noten abgeben und den nächsten Unterricht vorbereiten. Ich kann mich auf nichts konzentrieren. Mein Gehirn mag keine Informationen mehr, es verweigert den Input …

Am Nachmittag kommen liebe Verwandte aus Berlin. Ich zeige ihnen die interessantesten Ecken von Tübingen. Am Abend essen wir im La Canitella wunderbaren Lachs vom Grill. Wir haben uns viel zu erzählen. Wir sprechen dieselbe Sprache. Es kommt mir so surreal vor: Ich sitze hier unter Bäumen am Neckar und lass es mir gut gehen, während PM um seine Existenz kämpft. Wenigstens in der Klinik gibt es wieder Strom. Und eine Internetverbindung über LTE. Morgen kommt Stefan E. nach Ahrweiler und hilft PM das Haus räumen. Wohin mit den Sachen?
Bei mir setzt sich das alles erst allmählich und macht mich wie gelähmt.

Veröffentlicht unter 2021

Zerstörung

Montag, Stoßdorf / Tübingen. Wir fragen PM nach seiner Versicherung. Die meisten Menschen seien falsch versichert, haben wir in den Nachrichten gehört: zwar gegen Elementarschäden, aber kaum jemand explizit gegen Hochwasser.
Wer sichert schon sein Auto, seine Sachwerte gegen die Flut ab? Auch der alte Kadett, den PMs Vater mir geschenkt hat und den ich nur ein Mal gefahren habe, liegt zerbeult unter einem Baum. PM wäre nicht der Einzige, der alles verloren hat und nichts bekommt. Es ist eine Sache, die ihn momentan nicht beschäftigt. Vorläufig kann er in der Einliegerwohnung von Freunden von Markus unterkommen. Gute Nachrichten – auf andere warten Sammelunterkünfte in Turnhallen!
Er ist schlecht drauf, zu viel Neues, zu wenig Verlässliches. Überhaupt nichts Verlässliches. Anne hat ihm Brote gemacht, er steht vom Frühstückstisch auf und will zur Arbeit fahren, und ich nehme das Brotpaket und sage, mehr so als Gag, wo ist deine Tasche, und er: Ich habe keine Tasche mehr. Ich habe nichts mehr.
Am Abend, als wir wie gewohnt telefonieren – ich bin inzwischen wieder in Tübingen – , erzählt er von der großen Ernüchterung in Ahrweiler. Rechts und links sind drei Nachbarn gestorben, im Keller bzw. in ihrer Garage ertrunken. Die Zahl der Toten allein in Rheinland-Pfalz ist auf 128 gestiegen. Insgesamt sind 167 Flut-Opfer zu betrauern. Ungefähr genauso viele Menschen werden noch vermisst. Der Aktivismus weicht allmählich der Depression. Da sagt und fragt man lieber nichts mehr.
Wie wird es mit uns weitergehen? Das regionale Bahnnetz existiert nicht mehr. 80 Stationen, 600 km Schienenstrecke und zahlreiche Bahnbrücken sind zerstört. Nicht weniger verheerend der Zustand von Straßen und Autobrücken.
Soviel zum logistischen Problem …

Veröffentlicht unter 2021

Bilder im Kopf

Sonntag, Stoßdorf. PM war mit Theo im Raum, als das Haus seltsame Geräusche machte und knirschte und knackte und dann mit einem gewaltigen Schlag die Scheibe zerplatzte und die Wassermassen hereinstürzten.
Er kann nicht darüber reden. Die Bilder verfolgen ihn, hindern ihn am Einschlafen. Bilder, die das Leben verändern. Die einen vielleicht ein Leben lang begleiten. Ungefähr wie in The Day after Tomorrow – nur in echt!
Ich kann nicht glauben, dass ich dabei war, sagt PM. Zwei Nächte hat er in dem abgesoffenen Haus verbracht, ja auch die zweite. Der Rettungsdienst hatte sich zwar angekündigt, war dann aber nicht gekommen, und die Klinik war wg. der eingestürzten Brücken nicht erreichbar gewesen.
Er steht noch unter Schock, er funktioniert irgendwie und will möglichst bald wieder arbeiten. Nach dem Frühstück ziehen wir los, same procedure as yesterday, nur noch schlimmer. Mehr Helfer sind unterwegs, noch mehr Schlamm auf den Straßen, noch mehr Feuerwehren, Militärfahrzeuge, Räumkommandos. Ich rutsche auf dem Matsch und kann mich gerade noch halten, als hinter mir einer sagt: Nicht fallen, das könnte gut aussehen!
Hallo? Komplimente in der Apokalypse? Noch dazu ziemlich sexistische? Ist das erlaubt? Darf ich das überhaupt hören? Spricht es nicht total gegen mich, dass ich da hinhöre? (Andererseits fasziniert es mich, wie selbst in dieser Extremsituation das ganz normale Leben sich Bahn bricht, obwohl alle Anzeichen dagegen sprechen. Deshalb gehört es auch hierher). Scham angesichts dieser Nebensächlichkeit, überhaupt viel Scham die ganze Zeit, weil ich mein sicheres Zuhause habe und PM nicht mehr. Morgen gehst du in dein Paradies zurück, sagt er einmal, und ich schäme mich schon wieder und bin auch ein bisschen wütend.
Wir schaufeln weiter. M. kommt mit zehn Mann vorbei und will am liebsten sofort das ganze Obergeschoss räumen. Ich bekomme Panik, erwähne die Standuhr, M. ist genervt, hat PMs Haus gedanklich schon abgeschrieben. Er weist auf das Problem mit der Statik hin, wir streiten, ich will mich nicht rechtfertigen, habe meine Reihenfolge schon festgelegt, sie scheint mir vernünftig. Sie ziehen wieder ab, halten mich wahrscheinlich für bekloppt. M’s komplette Gewerbefläche steht unter Wasser, er ist selbst am Limit, er sollte in der Situation nicht anderen helfen.
Unentwegt kommen Trupps von jungen Leuten aus den umliegenden, nicht betroffenen Ortschaften vorbei, stapfen durch Straßen und Gärten und fragen, ob jemand Hilfe braucht. Sie haben Motorsägen, Pumpen, Schaufeln dabei und stellen ihre Geräte und sich selbst zur Verfügung. Wenn auch alles futsch ist – der Glaube an die Menschheit bleibt dank solcher Erfahrungen erhalten.
Endlich kommen welche, die unseren Keller abpumpen können. Man sagt, Sie sind der beliebteste Arzt der Stadt, sagen sie zu PM, und er lächelt, ich glaube, zum ersten Mal an diesem Tag.
Sie legen los, und ich lege los, im Kellerwasser die geretteten Dinge zu „reinigen“, wie ich es gestern beobachtet habe: Blumentöpfe, Gläser, Kochgeschirr … Glas scheint ein sehr stabiles Material zu sein. Wir haben komplette Weingläser aus dem Schlamm gezogen, und sogar die drei gläsernen Bodenvasen sind unversehrt trotz oder wegen der kompakten Schlammbefüllung.
Dann Abbruch des Pumpvorgangs: Das Haus sei an einer Ecke unterspült, das Wasser im Keller könnte Stabilität geben und soll deshalb lieber drinbleiben. Einer der Helfer ist Experte. Wir können keine Fremden mehr ins Haus lassen, bevor ein Statiker nicht grünes Licht gibt – doch woher einen Statiker nehmen? Wäre ja eigentlich Sache der Vermieterin, aber die ist abgetaucht. Scheint sich nicht zu interessieren für die Ahrweiler Sintflut. Nachträglich beglückwünschen wir uns: Vor zwei Jahren hatten wir versucht, ihr das Haus abzukaufen … PM und ich gehen nach oben und packen ein paar Sachen zusammen. Wir sind jetzt auch verunsichert. Himmel, die Uhr, denke ich, sage aber nichts. Verdammt, sie ist mir wichtig, auch wenn alles andere dem Untergang geweiht ist.
Am Abend hat Anne Lachsfilet, frischen Spinat und Salzkartoffeln gemacht und dazu einen feinen Salat. Wir sind geschafft und können uns kaum noch auf den Beinen halten. PM erträgt die Bilder in den Nachrichten nicht.
Es sind die Bilder in seinem Kopf.

Straßen in Ahrweiler, Füße waschen, Sammelstelle zerstörter Autos

Veröffentlicht unter 2021

Zeichen eines ganzen Menschenlebens

Samstag, Stoßdorf. Anne holt mich in Siegburg vom Bahnhof ab, und wir fahren durch zähe Staus direkt nach Ahrweiler. Am Haus parken geht nicht: alles ist aufgerissen, und was von der Straße übrig ist, bedeckt eine an den Rändern meterhohe Schlammschicht. Wir fädeln uns in den rutschigen Autokorso, bis wir eine winzige Lücke beim Getränkemarkt finden. Überall liegen zertrümmerte Wagen im Schlamm, die jedoch von den funktionierenden Autos wegen des unglaublichen Drecks kaum zu unterscheiden sind.
Spaten raus, Gummistiefel an, und schon nach wenigen Metern durch die Matsche sehen wir so verschmiert und bespritzt aus wie alle hier: Workers in action. Vor jedem Haus türmen sich Bretter, Möbel, Elektroschrott, Fahrräder, Kinderspielzeug – was man eben so hat (oder hatte), alles mit dieser braunen Schlammschicht überzogen. Aus manchen Kellerfenstern schlängeln sich armdicke Schläuche, im abgepumpten Wasser spülen die Leute ihre aus dem Untergang gezogenen Habseligkeiten. Wie eklig, denke ich, und gleichzeitig speichere ich die Info für später ab.
Noch eine Kurve, dann PMs Haus. Durch Annes Videos bin ich vorbereitet, trotzdem ist die Echtansicht ein Schock. Wo einmal die Straße war, klafft ein riesiges Loch, aus dem dicke blaue und dünnere schwarze Rohre ragen. Abgerissene Rohrstücke und undefinierbare technische Teile pflastern die Schlammdecke. In der Fensterfront von PMs Wohnzimmer steckt ein Baum, reingepfeffert von einer wütenden Naturkraft. Irgendwelche freundliche Menschen schaufeln eben die Eingangsstufen frei, und ich betrete das, was einmal der Flur war. Erfasse mit einem Blick die Totalvernichtung und bücke mich automatisch: Oben auf dem kniehohen Schlammberg (wo die Truhe stand), liegt mein Parfum, Fleur de Rocaille. Das Fläschchen ist unversehrt, das ist angesichts dieser enormen Zerstörung ein kleines, (zynisches?) Wunder.
Kurzfassung: Alles bis auf den letzten Löffel ist weg. Im Schlamm vergraben, mit den Wassermassen aus dem Fenster gespült: Die Sofas, der Schreibtisch, die alte Eichentruhe – weggerissen auf der großen Sintflut die Zeichen eines ganzen Menschenlebens.
Statt dessen greifen sich drei Bäume Raum: im Wohnzimmer. Im Esszimmer. Im Flur. Es ist die Hölle. Und dann machen wir das, was alle in der zerstörten Stadt und was wahrscheinlich alle seit Menschengedenken angesichts der vollzogenen Vernichtung ihrer bisherigen Existenz machen: Wir schnappen uns die Spaten und schaufeln.
Was ist das Ziel?, frage ich mich, und rede mir ein: Die offenen Fensterlöcher aufzuschütten, wegen der Plünderer, die schon gesichtet wurden. PMs Schlafzimmer steht ja noch, ganz zu schweigen von der alten Standuhr meines Vaters. Wenn ich an sie denke, zieht sich mein Herz zusammen. Die bemalten Kacheln von meiner Oma, wahrscheinlich zerbrochen im Keller. In Gedanken gehe ich Raum für Raum durch, was von mir sich im Haus befindet. Der Biedermeiertisch samt Stühlen und das Nähtischen meiner Mutter – seit zwei Tagen unter Wasser, Spielsachen vom L.chen und T.chen, Klamotten, Schmuck … oh Scheiße!, jetzt besser aufhören, besser weiterschaufeln jetzt: schau an, da ist PMs iWatch, da staunt er, sie sieht intakt aus, sie kommt auf den Haufen mit „geretteten Dingen“.
Am Abend schlagen wir erschöpft bei Anne und Jacek auf (so hatte ich mir unseren gemeinsamen Urlaub nicht vorgestellt). Wir essen und trinken. Auch sämtliche Läden in Ahrweiler sind geflutet. Der einzige, wo es heute noch etwas gab, war Aldi, doch der war schon leergekauft. Wie köstlich schmeckt das Mineralwasser, wie lecker das Käsebrot. Irgendwie sind wir euphorisch, was angesichts der Lage völlig absurd ist, aber die körperliche Arbeit hat uns lebendig gemacht. Ich spüle das gerettete Kleinzeug ab, und die Küche riecht auf einen Schlag nach Heizöl. Meine Hände auch. Das ist der Geruch, der über ganz Ahrweiler liegt: Öl von herausgerissenen, ausgelaufenen Öltanks.
Genau genommen, ist doch der ganze Boden verseucht … Mir fällt ein, mit welcher Sorgfalt der Boden auf der Baustelle in Tübingen abgetragen wurde, bevor die Häuser unserer Baugruppen entstehen konnten, weil die französischen Militärs auf dem Gelände einst ihre Tanks einfach ausgeleert hatten …
Ich denke an meinen Homeoffice und an die Prüfungen und Korrekturen und Noten und das alles erscheint mir unvorstellbar absurd. In der betroffenen Region gibt es keine Infrastruktur mehr: Kein Wasser, keinen Strom, keine Hygiene, keinen Kontakt. Und wir sitzen hier bei Freunden in der untergehenden Sonne, es ist warm und der Himmel wolkenfrei. Anne hat uns ein gemütliches Zimmer eingerichtet mit wunderschön bezogenem Bett und frischen Handtüchern und sogar Ersatzkleidung. Wir können uns duschen und noch etwas trinken und miteinander reden. Das Handy pingt ununterbrochen, so viele Freunde erkundigen sich, wie es PM geht, und bieten uns ihre Hilfe an.
Das ist jetzt unser Reichtum, sage ich zu PM. Ein Versuch – er ist so unendlich traurig. Ich weiß, dass er ab seinem 13. Lebensjahr jede Westmark in die Bücherläden von Eisenach, Erfurt und Umgebung getragen hat, um die Neuausgaben von Camus oder Remarque für 80 Mark zu erstehen (die bei uns 19 DM gekostet haben) und sich dafür am Abend von den gleichgesinnten Freunden als Held feiern zu lassen.
Meine Erstausgaben …, sagt er. Der Stich in sein Herz spiegeln sich in seinen Augen wider. Wir schaffen das, sage ich und meine es genauso. Man schafft immer alles. Manchmal dauert es eben etwas länger.

Veröffentlicht unter 2021

In Sicherheit

Freitag. So, seit ca 1 Stunde Gewissheit, dass PM in Sicherheit ist. Im Moment ist er bei Freunden in Ahrweiler – ob er da auch heute Nacht untergekommen war, weiß ich nicht. In der gesamten Region gibt es keinen Strom und kein Wasser. Heißt auch: Kein Handy, kein Internet, kein Telefon. Am Nachmittag wird er von Freunden aus Siegburg abgeholt. Wenn die Bahn mitspielt, werde ich morgen dazukommen; heute ist die Strecke leider noch gesperrt.
Dann sehe ich ihn also morgen bei Anne und Jacek wieder – ich bin total erleichtert! Hab die letzten 2 Nächte am Telefon gehangen und wenig erreicht. Umso froher bin ich jetzt zu wissen, dass es PM gut geht.
Ich bin allen unseren Freunden so dankbar für ihre Unterstützung und ihre Anteilnahme, das tut in der Situation unglaublich gut.

*

Nachtrag: Inzwischen haben wir miteinander gesprochen. Die Nacht hat er nicht in der Klinik verbracht, da ist er gar nicht hingekommen. Sämtliche Brücken über die Ahr sind nämlich eingestürzt. Tatsächlich hat er im Haus geschlafen, vom Wasser umspült, ohne Fenster und Türen. Mir fehlen die Worte!

Veröffentlicht unter 2021

Land unter

Donnerstagmorgen. In PMs Haus ist Land unter. Er sitzt mit Theo im oberen Stockwerk fest. Keller und Erdgeschoss sind bis zur Decke geflutet. Gerade als er gestern Abend seine Platten und die Anlage retten wollte, brach das große Wohnzimmerfenster durch und die Flut kam reingeschossen. Er konnte nichts mehr retten. Er hat im Wortlaut nichts mehr. Wenn ich mit ihm telefoniere, erzählt er, was gerade an seinem Haus vorbeischießt: Autos, Öltanks, Betten, Wohnwagen … Alles riecht nach Öl …
Und im Hintergrund, also auf der Treppe nach oben, plätschert das Wasser. Ich mache mir riesige Sorgen, ob das Haus hält. X Mal in der Nacht mit Feuerwehr etc. telefoniert und gemailt, bisher nichts passiert. Das Wasser steht draußen genauso hoch wie drinnen: Bis zum Dach! So weit, so schlimm! 

Nachmittag: Theo hat sich aus dem Haus befreien können. Wieso nicht PM? Manches verstehe ich nicht, ist auch nicht der Moment für Erklärungen. Ich informiere sämtliche Freunde, die mir einfallen. Sitze im Trockenen und kann nicht helfen. Saublödes Gefühl! In den Nachrichten nur Bilder von den Hochwasser-Hotspots, und immer wieder Ahrweiler / Bad Neuenahr.

Abend: Anne und Jacek haben es irgendwie nach Ahrweiler geschafft und sich durch Wasser, Schlamm und umgefallene Bäume einen Weg zum Haus gebahnt. Ist das Wasser gesunken?, frage ich sie am Handy, und Jacek: Ja, um ca 5 Meter. Ich: Woher weißt du das? Jacek: Weil auf den Dächern Autos hängen. Anne wiederholt den Satz für mich und weint.
Sie verspricht mir, P.M. aus dem Haus zu holen: entweder mit zu sich nach Hause oder zur Klinik. Wo es ihn hinzieht, wo er die Lage checken will(!)

Nachts: Kein Kontakt. Wo ist PM?

Veröffentlicht unter 2021