Corona Diary / Bald

Dienstag. Es gibt kein Thema außerhalb von Corona. Das Virus drängt sich fies in den Vordergrund, jeder Versuch es auszutricksen scheitert kläglich. Genauso geht es mir mit den ohne Frage ehrenwerten Optimismusversuchen einiger Leader aus Politik, Geisteswissenschaft und Kunst. Sie überzeugen mich nicht, auch wenn ich es gerne hätte.
Allen voran Matthias Horx in seiner Future-Mind Kolumne. In der postcoronalen Zukunft scheint er die Auferstehung und die nach christlicher Tradition damit einhergehende Wandlung einer verdorbenen Kapitalismusgesellschaft in eine Gemeinschaft von geläuterten Seelen aufleuchten zu sehen:
„Die Welt as we know löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. … Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil.“ Viele, so Horx, fühlten Erleichterung darüber, „dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam.“ Verzicht müsse nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern könne sogar neue Möglichkeitsräume öffnen. Horx vergleicht diesen Prozess mit Intervallfasten, wenn man sich plötzlich umso mehr aufs Essen freut.
Nur hinkt dieser Vergleich. Intervallfasten ist freiwillig, man könnte jederzeit damit aufhören. Das können wir aber momentan nicht, wir sind zur Isolation, zum Shutdown gezwungen.
Vor allem aber hängt das Damoklesschwert des Coronatodes über uns allen. Ist man auch selbst noch so gesund oder hält sich dafür, sind die täglichen Zahlen in jedem Fall bedrückend. Irgendwann trifft es vielleicht jemanden, den man kennt, oder einen selbst. Das ist eine Tatsache, die sich nicht beiseite schieben lässt und die unser Denken und Fühlen maßgeblich beeinträchtigt.
Horx erwartet auch mehr Höflichkeit von der nachcoronalen Gesellschaft. Warum das? Ich halte diesen Aspekt für vollkommen spekulativ. Auch seine Hoffnung auf Ausweitung digitaler Kompetenzen und höherer Akzeptanz von Homeoffice teile ich überhaupt nicht. Weder nach meiner Erfahrung noch nach dem, was ich von anderen Betroffenen mitbekomme, erscheint sie mir berechtigt. Weshalb sollte ich Homeoffice akzeptieren? Es ist die einsamste Form des Arbeitens! Alles in mir sträubt sich dagegen. Nein, ich möchte mich da zu keiner Akzeptanz gezwungen sehen.
Absurd wird Horx‘ Weitseherei, wenn er schon im Sommer ein Medikament zur Erhöhung der Lebenschancen von Infizierten erwartet. Wer wollte schon der erste User sein für ein unter enormem Zeit- und Erwartungsdruck entstandenes Medikament, das womöglich die üblichen langwierigen Testverfahren umgeht? Ich wäre da nicht so scharf drauf, es sei denn, ich bin gesundheitlich so am Ende, dass mir alles egal ist.
Doch natürlich lassen seine Gedanken auch mich nicht kalt, erwächst auch in mir eine echte, ganz kindliche Hoffnung. Allenthalben erleben wir gerade Verhältnisse, die man sich in einem hochentwickelten Industriestaat wie Deutschland niemals hätte vorstellen können. Mangel! Es herrscht Mangel an Klopapier, an Desinfektionsmitteln, an Medikamenten, an Schutzkleidung. Das medizinische Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen kann sich nicht schützen, weil Schutzkleidung und Masken komplett vom Markt gefegt sind. Die Produktion findet in China statt, jedoch sind die Handelswege unterbrochen. Mit der Pandemie fällt uns die Globalisierung auf die Füße. In ganz NRW zum Beispiel gibt es nur eine einzige Firma, die medizinisches Vlies herstellen kann. Die weltweite „Just-in-Time-Produktion mit ihren riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt“, diagnostiziert Horx. Der Publizist sieht schon überall im Land Werkstätten und Service-Einrichtungen aus dem lokalen Boden sprießen. „Das Handwerk erlebt eine Renaissance“, jubelt er eine geradezu mittelalterliche Welt herbei, und in dieser neuen Welt spielen Besitz und Vermögen plötzlich keine Rolle mehr: „Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.“
Eine hübsche Vision. Zwar ließe sich einwenden: Wer hat denn einen Gemüsegarten? Redet Horx von sich selbst? Und nicht von der vierköpfigen Durchschnittsfamlie, die sich in einer Dreizimmerwohnung im Zentrum von Köln gegenseitig auf die Nerven geht?
Trotzdem hoffe ich in einem geheimen Winkel meines Herzens, dass er Recht behält. Dass der „Rausch des Positiven“, den er – nach einer kurzen Phase der Angst und Verzweiflung – überall wahrnimmt, nicht komplett an mir vorbei rauscht. Das bleibende Narrativ, das die Krise hinterlasse, seien die musizierenden Italiener auf den Balkonen und die plötzlich vom Smog befreiten Industriegebiete Chinas. Uneingeschänktes Ja! Das sind die Bilder, die auch bei mir haften bleiben. Doch haben sie die Power, eine globale gesellschaftliche Wende anzuschieben?
Horx‘ Botschaft: „Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.“ Doch wer sagt mir, dass sie nicht in genau dieselbe Richtung weiterrast, sobald der Laden wieder läuft, sobald das Geschäft brummt?
Mein persönliches Narrativ: Wenn das L.chen und das T.chen mir Lieder durchs Telefon singen. Dann geht mein Herz auf und Corona kann mich kreuzweise. Ich weiß, sie singen, weil wir uns nicht sehen dürfen, also doch wieder wegen Corona. Und trotzdem bin ich glücklich. Ich schaue mir ein ausgeschnittenes Herz an, darauf steht in ungelenken Großbuchstaben: Ich komme bald.
Ja, bald, das wäre schön.

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Corona Diary / Input

Sonntag. Die Agonie durchbrochen: Berliner Agentin wg. neuem Buchprojekt kontaktiert. Schlimme Nachrichten ihrerseits: Buchmarkt unter Coronakrise zusammengebrochen. Alle Neuerscheinungen vom Frühjahr auf den Herbst verlegt – wenn überhaupt … Amazon plane, sich aus dem Buchgeschäft zurückzuziehen, and so on and so on.
An meinem Projekt ist sie trotzdem interessiert, ich müsse allerdings vorab liefern. Also nicht bloß klangvolle Namen von potentiellen Interviewpartnern vorlegen, sondern Zusagen sowie ein aussagekräftiges Kapitel. Okay, ich lege los. Ganz bestimmt lege ich bald los …

Mittags mit Mecki ins Grüne geradelt. In den letzten Tagen haben wir uns öfter zum Spazierengehen und Quatschen getroffen. Wenn wir im „Amt“ nebeneinander hocken an dem viel zu kleinen Tisch, den wir uns mit sechs weiteren Leuten teilen müssen, reden wir kaum miteinander, doch jetzt umgibt uns die milde Ruhe eines sonnigen Frühlingstages, und wer erinnert sich noch an das „Amt“?

Mecki hat eine Blumenzange dabei und zwackt ab und zu Zweige für den Osterstrauß ab.
Draußen sieht man keine Menschen. Man ist direkt überrascht, wenn einer plötzlich leibhaftig vor einem steht, ein anderer Spaziergänger oder ein Nachbar oder so. Dann guckt man sich an, überprüft schnell den Abstand, und nicht selten zieht der andere sich seinen Schal oder Pullover vor den Mund, als sei man aussätzig.

In England steigt die Zahl der Toten und Infizierten stärker als in anderen Ländern. Die Politik hat zu spät reagiert. Ursprünglich war der Plan, die ganze Gesellschaft durchseuchen zu lassen und dadurch eine Herdenimmunität aufzubauen. Ein paar würde es halt erwischen, so what. Jetzt hat London auf den internationalen Druck reagiert und das Rad herumgerissen, außerdem hat sich Boris Johnson selbst infiziert. Seit heute Abend liegt er im Krankenhaus.

Viel fürs „Amt“ gearbeitet. Statt der sonst üblichen Form des Austausches im Gespräch nun alles schriftlich, in kleinen Häppchen und per E-Mail. Der Trafikant. Das barocke Gedicht. Rico, Oskar und die Tieferschatten … Sie wollen auch über die Ferien weiterarbeiten, weiter mit Stoff beliefert werden, schreiben sie auf meine Nachfrage, das berührt mich sehr. Niemand findet die unfreiwilligen Ferien toll. Gestern haben die echten begonnen und es fühlt sich auch nicht anders an. Noch nie waren Schulferien so unwillkommen …

Ohne Input kein Output. In Sachen Inspiration ist bei mir gerade nicht viel zu holen. Die Fernsehsender ziehen alle Register, um uns zu entertainen. Zum Beispiel mit Liveshows ohne Publikum. Oder mit neuen Formaten wie Baywatch Berlin, dem Podcast mit Bild – man schaut Klaas Heufer-Umlauf beim Quatschen mit zwei weiteren rhetorisch ausgebufften Typen zu und findet das wunderbar für die Nerven.

Die Polizei hat nichts mehr zu tun. Die Einbrecher wissen, dass alle zuhause sind und bleiben selbst zuhause. Statt Outlaws zu jagen, fahren die Polizisten jetzt durch die Gegend und lösen Versammlungen auf, wo es noch welche gibt. In Tübingen gibts keine. Schulen, Sportanlagen, sogar Parks sind mit roten Bändern wie Baustellen abgesperrt, alle halten sich daran. Außer mit Mecki und mit PM am Telefon heute mit niemandem geredet. Man erzählt sich, dass manche Leute anfangen, mit ihren Blumen zu sprechen. Oder mit ihrer Handtasche.

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Corona Diary / Unverletzlich

Freitag. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es keine Atemschutzmasken mehr für das Krankenhauspersonal. Derweil steigt die Zahl der positiv Getesteten rasant an: allein im Bundesstaat New York innerhalb eines Tages um mehr als 10.000 auf insgesamt 102.863 und die Zahl der Toten um 562 auf fast 3000.
Man sieht Bilder von weinenden Krankenschwestern und verzweifelten Ärzten, die auf die Straße gehen und von katastrophalen Missständen in ihren Kliniken berichten. Auf der heutigen Pressekonferenz des Weißen Hauses über die Coronakrise verkündet Cowboy Trump, dass Amerika, also er, die Lage unter Kontrolle habe. Nebenbei freut er sich über seine Popularität auf Facebook: „Number one on Facebook. Did you know I was number one on Facebook? I just found out I’m number one on Facebook.“
In Sachen Virusmanagement ist Trump in seinem Element: Gestern soll Amerika eine chinesische Lieferung von medizinischen Schutzmasken, die für Frankreich bestimmt war, kurzerhand auf dem Rollfeld von Shanghai abgegriffen haben. Mit bündelweise Bargeld sollen die Lieferflugzeuge dazu gebracht worden sein, statt nach Frankreich in die Vereinigten Staaten zu fliegen. Heute hat auch Deutschland die amerikanische Maskenpiraterie zu spüren bekommen: Eine Lieferung von 200.000 Stück, die für die Berliner Polizei bestimmt war, ist in Bangkok von den USA konfisziert worden.
„So geht man mit transatlantischen Partnern nicht um. Auch in globalen Krisenzeiten sollten keine Wildwest-Methoden herrschen“, wird Berlins Innensenator Andreas Geisel zitiert; die Bundesregierung müsse bei den USA auf die Einhaltung internationaler Regeln dringen.
Ganz unzynisch verkündet gestern die Kanzlerin der Nation, das Virus kenne keine Feiertage. Empathisch wie ein Pfannkuchen appelliert sie an unsere Vernunft, auch an Ostern auf Verwandtenbesuche zu verzichten.
Ostern – ein Tag wie jeder andere? Wo man sich gerade jetzt nach Wandel, nach Aufbruch in eine erneuerte Welt sehnt! Innerhalb von acht Wochen hat sich das Leben so zusammengezogen, dass ich morgens beim Aufwachen glaube im falschen Film zu sein. Wir haben uns unverletzlich gefühlt. Jetzt kommt so ein klitzekleines Virus um die Ecke, snakt sich durch unser schönes Leben und das Gewebe der Schutzmasken und zeigt uns, wo unser Platz ist.

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Corona Diary / Themenwechsel

Sonntag. Die USA haben Venezuelas Immer-noch-Staatschef Maduro wegen Drogenhandels und Geldwäsche angeklagt und ein Kopfgeld von 15 Millionen Dollar für Informationen – oder am besten gleich für Maduro selbst – ausgelobt.
Trump und Pompeo haben sich die Cowboystiefel angezogen und machen Außenpolitik in Wildwestmanier. Das venezolanische Regime sei in Kriminalität und Korruption verstrickt, wird US-Justizminister William Barr zitiert; Maduro kooperiere mit der kolumbianischen Farc, um die USA mit Kokain zu überschwemmen und zu vernichten.
Regimechane per Strafanzeige? Maduro ist jetzt also vogelfrei, ein Gefangener im eigenen Land, während sich die USA als Bewahrer von Recht und Demokratie aufspielen. Fragt sich, wann sie die Bevölkerung Saudi Arabiens von des Mörderprinzen Terrorregime befreien oder die Kurden vor dem kriegslüsternen Erdogan retten – ach nee, das war ja schon und hat sich irgendwie nicht so gelohnt.

*

Während wir seit Wochen um die Krone aller Themen kreisen, hat die US-Armee mit der größten Truppenverlegung seit 25 Jahren in Europa begonnen: Defender Europe 20 nennt sich das Projekt euphemistisch. Mehr als 20.000 Soldaten wollen die USA nach Deutschland, Polen und in die baltischen Staaten entsenden. Rund 37.000 Soldaten aus 18 Nato-Staaten sollen an dem Manöver teilnehmen.

Soldaten verlegen Planen für Europas größte mobile Tankstelle. (Quelle: t-online.de)
Soldaten verlegen Planen für Europas größte mobile Tankstelle mit 1,35 Millionen Liter Treibstoff Fassungsvermögen. Von hier sollen Tankfahrzeuge bis zu 700.000 Liter Kerosin in der Woche zu den US-Panzern auf den Übungsplatz bringen, die mit Flugbenzin betankt werden. (Quelle: t-online.de)

Doch nun hat das Kronenvirus der Mammutaktion ein Ende gesetzt – allerdings nur ein vorläufiges. Ohnehin war Defender Europe 2020 keineswegs als einmaliges Großereignis geplant. Das Manöver ist Teil einer neuen NATO-Strategie, seine Signalwirkung ist hoch: Es gehe um die Bündnistreue der USA zu ihren europäischen Partnern und um den Schutz der Ostflanke und so weiter und so weiter.

Vielleicht kann das Kronenvirus die Absurdität solcher Unternehmungen bewusst machen?, das würde ich mir wünschen. Defender Europe 2020 ist nichts anderes als eine Provokation gegen Russland und damit ein deprimierender Rückfall in Mechanismen, die eigentlich als überwunden galten: Militärische Konfrontation, astronomische Rüstungsausgaben statt politische Verhandlung – da waren wir doch schon einmal sehr viel weiter.
Seit dem weltweiten Anstieg der Rüstungsausgaben infolge der Ereignisse von 2014 liegen sie inzwischen wieder so hoch wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Unangefochtener Spitzenreiter sind die USA: Mit 633 Milliarden US-Dollar gaben sie 2018 mehr als doppelt soviel für die Landesverteidigung aus wie das zweitplazierte China und zehnmal soviel wie die Russische Föderation (ungefähr 64 Milliarden US-Dollar).
Und wozu das? Weil Putin nur darauf lauert, hochgerüstete NATO-Länder zu überfallen? Mit der manipulativen Verbreitung solcher Schreckensszenarien wird auch wieder an der atomaren Rüstungsspirale geschraubt, sodass man sich geradewegs in die Achtziger zurückversetzt fühlt. Die Friedensaktivisten von damals können von vorne anfangen: Indem Trump vor einem Jahr einen der letzten bedeutenden Abrüstungsverträge aufgekündigt hat – den Intermediate Nuclear Force Treaty, kurz INF -, mit dem Ronald Reagan und Michail Gorbatschow 1987 das Ende der Abschreckungs-Ära besiegelt hatten, sind die letzten Hürden gefallen. Die Rüstungsproduktion boomt, beim Waffenhandel sind die amerikanischen Konzerne Weltmarktführer, und die drei Millionen Arbeitsplätze der US-Militärindustrie sind gesichert.  
Russland, das sich seit der Ost-Erweiterung der NATO in die Ecke gedrängt fühlt, hat kürzlich vorgeschlagen, einen neuen Kontrollvertrag für die Stationierung von Mittelstreckenraketen aufzusetzen. Doch russische Dialogangebote passen auf westlicher Seite nicht ins Konzept, sie verhallen ungehört.

*

Wolfgang Grupp hat seinen durch den shut-down darniederliegenden Betrieb Trigema umgerüstet: Er lässt jetzt Atemschutzmasken herstellen: Aus Baumwolltrikot, die sind dann sogar waschbar, sprich nachhaltig. Donnerstag sind bereits die ersten 10.000 Masken produziert worden. „In der nächsten Woche gehen wir auf bis zu 70.000 Stück hoch, und übernächste Woche können wir dann rund 100.000 Masken schaffen“, sagte der 75-jährige schwäbische Unternehmer in der Landesschau.

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Corona Diary / Regeln

Samstag. Am Abend kommt PM. Kommt rein und hält den Sicherheitsabstand ein. Was soll das?, frage ich. Ich fühle mich dermaßen abgewiesen, dass ich schnell die Treppe hochgehe. Er möchte den Schutz, den T. um mich aufgebaut hat, nicht auf einen Streich zunichte machen. Aha. Nebeneinander, mit 1,5 Meter zwischen uns, stehen wir da und halten uns am Geländer fest. Die Stimmung ist im Eimer. Im Kopf ist das Argument angekommen, das Herz erreicht es nicht. Ich habe gekocht, Ratatouille mit Süßkartoffeln und Veggie Cevapcici. Schmeckt gut, bis auf die Cevapcici. Die sind ungenießbar. Ich hole das Geschenk hoch, aber PM meint, das packe er lieber erst morgen aus. Er kann sich im Moment nicht freuen, er ist genauso ratlos wie ich. Damit haben wir beide nicht gerechnet: Wie verhält sich ein Paar in der Koronakrise, das nicht zusammenlebt? Bisher nach Vorschrift. Toll, was für ein Wochenende. PM steht die Angst bis oben. Um seine Klinik. Aber auch sonst. Wann kommt der Sturm?, keiner weiß das, doch er kommt noch, ist sich PM sicher. Kaum Operationen, die Betten müssen freigehalten werden. Auch ein finanzielles Desaster. Ich hole das Scrabblespiel rauf. Scrabble?, also gut. Wir spielen eine Runde, die Anspannung weicht. Schie? Hallo? Ich hole den Duden: No chance, sage ich. Ist doch egal, sagt PM. Wir stellen unsere eigenen Regeln auf, lassen Schie durchgehen. Und Eigennamen. Und Abkürzungen. FH. TH. OU. Ist das schon Anarchie jetzt?

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Corona Diary / Träume

Elektronische Übermittlung von Lernstoff heißt Reduktion auf das Wesentliche. Heißt Verschriftlichung von allem, was sich sonst im Dialog entwickeln kann. Heißt nächtliches Schreiben, weil Coronatage alles auf den Kopf stellen. Barock, Vanitas-Stillleben, Rico, Oskar und die Tieferschatten, der Abriss der Psychoanalyse und der Trafikant bevölkern meine Träume.

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Corona Diary / Fernbeziehung

Donnerstag. Fernbeziehungen sind so ein Zwischending. Du hast jemanden im Kopf, aber wenn es hart auf hart kommt, nicht an deiner Seite. Sie sind ein Abstandhalter, sie halten dich vom Alltag ab. Wäscheberge, schlechte Laune, liebloses Outfit siehst du selbst, aber der andere nicht. Deshalb sind Fernbeziehungen so ein bisschen Fake. Sie sind die ewige Sonnenseite: Wochenende, Urlaub, Telefongespräche. Auf Dauer ein bisschen schizo. Fernbeziehungen entstehen meistens durch äußere Bedingungen. Vielleicht passt das anfangs so mit dem Abstand, wenn die Sache länger geht, ist er dem Zusammenwachsen jedoch nicht besonders zuträglich. Der Gewöhnung allerdings auch nicht. Wie ist doch die Liebe so ein seltsam Ding. Vielleicht gibt es nach der Coronakrise weniger Fernbeziehungen. Weil sie sich im Sand verlaufen haben, weil man irgendwann gar nicht mehr wusste, wie der andere aussieht. (Hey, drei Tempi in einem Satz!) Oder weil man sich ans Single-Dasein gewöhnt hat. Oder aus Fake wird Echt und Schluss mit Zwischending. Das geht dann aber erst nach der Krise. Und die soll, wie man heute hört, ja noch ziemlich lange dauern.

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Corona Diary / Verbote

Mittwoch. Zweieinhalb Stunden geschlafen. Zu wenig Energieverbrauch dieser Tage. Ich habe große Sehnsucht nach dem L.chen und dem T.chen. Das letzte Mal habe ich sie gesehen, als sie die Woche zwischen Weihnachten und Silvester hier waren. Der Spaziergang mit dem L.chen an der Steinlach, der Reweeinkauf mit beiden, das nächtliche Warten auf L. mit dem T.chen auf dem Schoß … Köln ist verdammt weit weg. Zugfahren unmöglich, nachdem ich T. versprechen musste, es nicht zu tun.

Was genau ab dem 23. März nach den von allen Landeschefs in einer Telefonschaltung ausgehandelten Corona-Verordnungen noch erlaubt bzw. verboten ist:

Im ganzen Land dürfen nur noch zwei Menschen zusammen draußen unterwegs sein. Ausnahmen gelten nur für Familien u.a. in einem Haushalt zusammenlebende Personen.
Generell ist es aber nicht verboten, die Wohnung zu verlassen.
Arztbesuche, Einkaufen, frische Luft zu schnappen, alleine Sport zu treiben und andere Tätigkeiten im Freien sind also weiterhin erlaubt, solang der Mindestabstand von 1,5 Metern gewahrt wird (und nicht mehr als zwei Personen beziehungsweise eine Familie daran beteiligt sind.)
Der Weg zur Arbeit bleibt erlaubt. Auch auf der Arbeitsstelle gilt der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern zueinander.
Systemrelevante Einrichtungen bleiben geöffnet: Krankenhäuser, Arztpraxen, Banken, Postämter …
Alle Geschäfte sind schon seit vergangener Woche geschlossen und bleiben es auf unbestimmte Zeit.
Restaurants, Gaststätten und Imbisse sind geschlossen.
Das gleiche gilt jetzt leider auch für Friseure.
Die Polizei und Ordnungsämter kontrollieren die Einhaltung der Verordnung.
Oberste Regel: Abstand halten. Soziale Kontakte minimieren.

Heute habe ich einen Termin. OMG, ein Termin!, ich habe etwas vor: Ein Arztbesuch! Vor ungefähr vier Wochen hatte ich ihn so legen lassen, dass er nicht mit dem „Amt“ in Kollision gerät. Heilige Scheiße, ist das lange her. Die Corona-Tage dehnen sich wie Kaugummi (zum originelleren Vergleich reichts grad nich).

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Corona Diary / Metaphysischer Denkzettel

Dienstag. „So eine rasende Entschleunigung ist ganz und gar einzigartig“, schätzt der Jenaer Soziologen Hartmut Rosa das Herunterfahren weiter Teile des gesellschaftlichen Lebens durch die Corona-Pandemie ein. „Historisch ohne Vergleich“, biete „die Super-Verlangsamung des Lebens“ aber auch Möglichkeiten, „noch einmal anders mit sich, anderen und der Welt in Kontakt zu treten“, betont Rosa im dpa-Interview.
Allenthalben liest man jetzt diese mehr oder minder matten Versuche, den Drive aus der Depression ins Positive zu bewerkstelligen. Dahinter steckt das menschliche Bedürfnis, der Krise irgendeine übergeordnete Sinnhaftigkeit zuzusprechen: Das Virus als Strafe, als Impuls zum Umdenken …. Schöne Beispiele sind Einkaufs- und Versorgungshilfen unter Nachbarn oder das Musizieren auf Balkonen, um der Isolation Herr zu werden. Oder um auf den metaphysischen Denkzettel zu reagieren und ihm Paroli zu bieten: Wir können auch ganz anders. Wir sind ganz anders. Wenn wir nur die Gelegenheit dazu haben.
Auch ich erlebe das. T. geht nach wie vor für mich einkaufen und regt sich über jedes unbedachte Wort in Richtung Sorglosigkeit meinerseits maßlos auf. Das ist ohne Frage eine schöne und bereichernde Erfahrung, weil es aus Sorge um mich geschieht. Ich weiß, auf wen ich mich verlassen kann.
Trotzdem – bei mir führt die virusbedingte Entschleunigung eher zu Lethargie. Ein schrecklicher Zustand. Ich könnte so viel machen und nehme es mir auch jeden Morgen vor, aber irgendwie funktioniert es nicht, mailt I. Vonderschmitt*, und so geht es mir auch. Wie unter Zwang erledige ich die Aufgaben fürs „Amt“ – Umarbeiten des unterrichtsrelevanten Stoffs in elektronische Praktikabilität – und schicke diese anschließend ins digitale Nirgendwo, in der Hoffnung, dass die Adressat*innen sich mit freudiger Schaffenskraft darüberhermachen.
Wenn dieser Teil des Tages erledigt ist, warte ich vergebens auf Inspiration. Und merke: Dafür braucht es mehr als nur Zeit. Vielleicht ist Zeit sogar der allerunwichtigste Faktor, um unseren Geist in kreative Schwingungen zu versetzen. Stress scheint viel eher dazu geeignet – was für eine ungesunde Einstellung!
Ich gammle also stressfrei vor mich hin. Ich telefoniere (mit Mutter, Tochter, Freundin, Kollegin, mal weniger, mal mehr aufbauend), lese e-Zeitungen, sehe fern, schreibe Mails und bringe meinen Haushalt auf Vordermann. Was er ohnehin immer ist: Äußerliche Ordnung als lebensnotwendiger Background für den Arbeits- und Kreativmodus. Morgens liege ich lange rum und gehe meinen Gedanken nach. Abends schlafe ich schnell ein – nachdem sich Traum und Wirklichkeit vor der Glotze zu einem unentwirrbaren Bilderbrei vermengt haben. Das herrliche Wetter ist nur Staffage. Es erreicht mein Herz nicht. Überhaupt erreicht mein Herz gerade gar nichts. Warum? Worüber beschwere ich mich? Ich könnte doch jetzt so viel …
Coronabedingte Freistellung ist eben kein Urlaub! Keine wohlverdiente Freizeit, die mich für meine Arbeit entschädigt. Als unverdientes und unwillkommenes Geschenk sind diese strukturlosen Tage – OMG!, habe ich das gerade wirklich gesagt? – auch von Angst durchtränkt. Die lähmt, statt zu elektrisieren. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mich überhaupt nicht einsam fühle. Ich habe nichts weiterzugeben, und ich bin auch nicht auf Empfang gestellt. Eingeschlossen in meiner Wohnung und in mir selbst: Winterschlaf. Igelmäßig eingerollt. Keine Freude, keine Trauer, auch mein Gefühlshaushalt ist runterfahren, in dumpfem Abwarten verharrend, zu nichts anderem fähig.
Die Zeit anzuhalten – wünscht man sich das nicht gerade in besonders herausgehobenen Augenblicken? Jetzt hält die Zeit an, und es ist gar nicht erhebend.
Die bleierne Zeit …

*letzte Mitarbeiterin meines Großonkels Wolfgang Kaskeline. Off topic: Über ihn ist gerade ein Buch erschienen.

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Corona Diary / Eine Prise SF

Sonntag. Ich werde immer passiver. Ich ziehe mich ganz auf mich selbst zurück. Ich vermisse nichts. Wenn ich daran denke, was ich noch vor einer Woche an einem einzigen Vormittag weggeschafft habe, wird mir schwindelig. War ich da verrückt, oder werde ich es gerade?
Erwartet unsere „normale“, vor-coronale Leistungsgesellschaft diesen Grad an Verrücktheit? An Selbstausbeutung? An Bewusstlosigkeit?
Wird unser als normal empfundenes Hamster-im-Rad-Leben durch den Corona-Virus gerade aus den Angeln gehoben? Manche Philosophen träumen von einem gesellschaftlichen Neuanfang „danach“, gar von einem Aufbruch in eine neue globale Wirtschaftsordnung …
Wie jede Woche habe ich meine Wohnung geputzt. Das hat diesmal unglaublich lange gedauert. Nichts drängt mich, es ist egal, ob ich dafür vier, sechs oder zwanzig Stunden brauche. Nebenher Kleiderschränke und Küchenregale ausgemistet. Überflüssige Kleider bei Kleiderkreisel eingestellt. Schon nach wenigen Stunden ein nagelneues T-Shirt, noch mit Etikett, verkauft. Und eine zu große Jeans. Check-up meines Klamottenbestandes: Wie schön manche Teile sind, hab gerade das Gefühl, viele davon noch nie oder viel zu selten getragen, d.h. gewürdigt zu haben und auf Jahre hinaus nichts Neues mehr zu brauchen. Ist doch alles da.
Dasselbe beim Geschirr. Einiges Überflüssige vor die Haustür gestellt – war sofort weg, worüber ich mich gefreut habe.
Dasselbe bei Büchern. Hier nichts aussortiert. Sondern zu lesen angefangen. Michail Bulgakow: Die verhängnisvollen Eier, Luchterhand. Wahnsinnsbuch, wild und modern! Bei Osiander gleich mal die Teufeliaden geordert, den Sammelband, der auch Hundeherz enthält. Freue mich drauf. Mit einer Prise SF gewürzt, einem Spritzer Bosheit und zwei Esslöffeln Visionäres scheinen mir die Werke von Bulgakow gerade genau die richtige Lektüre mit ausreichend Potential zur Tiefenanalyse in analytischen Zeiten.

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