Berührende Sätze – Jan Schmitt (Dokumentarfilmer)

„Das Bild Die Toteninsel von Arnold Böcklin ist eine Metapher für unsere Familie“, sagt der Dokumentarfilmer Jan Schmitt in meinem im März 2019 erscheinenden Buch Lass uns über den Tod reden (Chr. Links Verlag).

Mit dem Tod beschäftigt Schmitt sich, seit seine Mutter Suizid beging und auf ihrem Schreibtisch einen Auftrag an ihn, den Sohn, hinterließ, der sein Leben für immer veränderte.

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Ein Geräusch*

Freitag. Kommt da einer oder knackt nur die Tür? Tickt die Uhr plötzlich irre laut oder ist das ein irres Insekt, das seine Flügel wogegen schlägt? Schiebt einer heimlich den Schlüssel ins Schloss oder ist das der Wohnungsnachbar? Fliegt ein Blatt von der Kommode oder raschelt die Zugluft durch die am Boden liegende Zeitung? Dehnt sich der Heizkörper aus oder kühlen die Heizdrähte des Toasters ab? Klopft Regen an die Scheibe oder tropft der Wasserhahn?
Ich schließe die Augen und schaue nicht nach. Vielleicht kommt einer, vielleicht fliegt was runter, vielleicht heizt sich was auf oder kühlt sich was ab. Dagegen kann man nichts machen.

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*Schreibübung

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Spuren im Abwasser

Die Causa Khashoggi wird immer widerlicher.

Saudi-Arabien habe nach dem Mord an dem regierungskritischen Journalisten eine Kommando von Spezialisten eingeflogen, um Spuren zu beseitigen, berichtet die türkische Zeitung „Sabah“ unter Berufung auf „vertrauenswürdige Quellen. Zu diesem Team, das am 11. Oktober in Istanbul eingetroffen sei, haben auch ein Chemiker und ein Toxikologe gehört.

Trotz Chemiker und Toxikologe – Khashoggi ist nicht ganz spurlos verschwunden. In der Abwasserleitung des saudiarabischen Konsulats in Istanbul wurden Rückstände von Säure gefunden …

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Heile, heile Segen, kein Tag Regen

Sonntag. Das gab es noch nie: Tankstellen haben kein Benzin mehr. Die Schifffahrt auf dem Rhein ist wegen des niedrigen Wasserstands mehr oder weniger eingestellt. In Florida fackeln Wälder und Häuser ab bei einem der schlimmsten Flächenbrände in der Geschichte des Westküstenstaates. Heute Morgen dann zum ersten Mal seit Monaten REGEN, richtiger Regen mit stehenden Pfützen und Lachen auf dem Boden, du bist total erleichtert (woran du merkst, wie dich die Sache beschäftigt) und denkst, jetzt geht es weiter! Doch der Himmel klärt sich schon wieder auf – zartblau, engelsrosa – und die Freude darüber bleibt dir im Hals stecken.

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Lebe intensiv

Samstag. Genau jetzt … gibt es nichts Schöneres als das getupfte Engelsrosa auf dem Zartblau des Morgenhimmels, nichts Beruhigenderes als mit der dampfenden Kaffeetasse auf dem kalten Balkon zu stehen, unter diesem ewigkeitlichen Farbenhimmel und über der noch ziemlich leeren B27. Weiter vorne drehen sich tags und nachts zwei himmelhohe Kräne um sich selbst. Auf dem Dach von einem der drei Neubauten steht einer im Funkenregen seiner Flex, auf dem anderen legen sie Bretter aus, das Kreischen und Krachen vom Nebel abgedämpft, die Schornsteine qualmen.

Und ich muss gleich wieder ran. Seit Wochen jede freie Minute ausgefüllt mit Korrekturarbeit, ich wundere mich, wie viele freie Minütchen sich in meinem gerammelt vollen Arbeitstag doch noch finden lassen, um diese elendige Arbeit zu erledigen. Nachts und bis in meine Träume verfolgen mich Wortstellungen, Satzgefüge, Entscheidungsqualen: ob der bestimmte Artikel hier nicht besser gestrichen und ob als Neunjährige oder als sie neun war und dann diese ewige Sache mit Präteritum oder Perfekt … das geht jetzt wahrscheinlich bis Februar so.

Und nebenher kommen der Vorschautext vom Verlag und die Fotos und die ersten Lesetermine … Lauter Schönes, worauf sich auszuruhen jedoch keine Zeit ist. Automatisches Abarbeiten. Heute Morgen weiß ich nicht mehr, wie meine Kaffeemischung in die Tasse gekommen ist, kann mich nachher an keine der dazugehörigen Bewegungen – Schrank öffnen, Dose rausnehmen, mit dem Löffel eintauchen – erinnern.

Und noch nebenherer die Planung der Reise nach Eisenach mit dreißig Jugendlichen im Juli 2019. Auf die freue ich mich. Das ist mein Projekt, das ist das kreative Zusammentreffen von PM-Impulsen, „Amt“ und Literatur. Ich lese Plenzdorfs Neue Leiden mit ihnen. Funktioniert wie vor dreißig Jahren, begeistert und fesselt. Gestern Abend beim Elternstammtisch erzählen sie, dass ihre Kinder zuhause von dem Buch erzählen … was gibt es Besseres, wonderful and great Mister Plenzdorf?

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Reichsprogromnacht

Felix Nussbaum wurde am 11. Dezember 1904 in Osnabrück geboren und nach dem 20. September 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht. Er war einer der besten deutscher Maler der Neuen Sachlichkeit. 1933 verließ er Deutschland wegen der für jeden sichtbaren Judenverfolgung des NS. Er konnte sich mit seiner Frau nach Brüssel absetzen. Dort wurde er nach einer Denunziation mit 562 weiteren Juden mit einem der letzten Transporte in das KZ Auschwitz deportiert, wo er und seine Ehefrau am 2. August 1944 eintrafen. Er wurde als Lagerhäftling geführt und starb vor der Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945. Er sagte: „Wenn ich auch untergehe, laßt meine Bilder nicht sterben, zeigt sie der Nachwelt.“

Porträt des Vaters. Selbstporträt mit Palette, als junger Künstler, letztes Bild: Der Triumph des Todes ( Die Gerippe spielen Geigen. 1944)

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Gefangene

Sonntag, B.N. „… Vor allem übersteigt das Tempo des [technischen] Umbaus unsere Fähigkeiten zur kritischen Analyse der Rückwirkungen auf unser Selbstverständnis. Wir werden zum Beispiel bald in der Lage sein, an unserer genetischen Substanz zu manipulieren. Werden wir das Machbare tun? Und wenn wir es tun, wer setzt die Maßstäbe? Diesmal sind es Konservative und Revolutionäre, die vom Ausmaß der Veränderungen überrascht sind … Die Reaktionsformen auf die Technisierung schwanken zwischen Mißtrauen und neuer Zuversicht auf Realisierung der Allmachtsträume. Die Entwicklung geht aber offenbar in Richtung eines Eingeständnisses, daß wir Gefangene unaufhaltbarer Vorgänge, die wir selbst angestoßen haben, geworden sind, wie wir früher in großem Umfang Gefangene von Naturprozessen waren, die wir nicht beeinflussen konnten.“ 

(A. u. M. Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern, Piper 1967, S. 174f)

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Arbeitswert*

Mittwoch, B.N. Die Korrekturarbeiten fürs „Amt“ sind fast fertig, die nächsten Korrekturen vom Verlag noch nicht da, so dass ich plötzlich über freie Zeit verfüge. Heute Besuch bei Mutter angesagt. Morgen PMs Kinder, Samstag meine aus Köln, Freitag Treffen mit A. und J.

Wir sind nicht nur arbeitende, sondern auch soziale Wesen.

Kommunizierende. In einer Partnerschaft kommunizierende Paarwesen, die furchtbare Angst haben, etwas falsch zu machen, falsche Worte zu sagen, falsche Signale zu senden. Falsche Entscheidungen zu treffen. Schon einmal gescheiterte Paarwesen, die jetzt alles richtig machen wollen. Verlustangst. Was sagst, entscheidest, tust du aus dieser Angst heraus, was aus der Freiheit des Geistes? Wobei wir natürlich wissen, dass die Freiheit des Geistes eine Illusion ist. Abstand im Wochenrhythmus. (Im Abstand kannst du nichts falsch machen.) Unter hundert Leuten gibt es vielleicht drei, wenn es hoch kommt, mit denen ich über das reden kann, worüber ich mit PM rede. Unter hundert gibt es wahrscheinlich nicht mal einen, der mich so ansieht, der so lacht wie …

Wir arbeiten viel. Für unsere Ämter, für unsere Projekte, für uns. An uns.

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*Wert eines Gutes, der sich aus dem zur Herstellung notwendigen Arbeitseinsatz ergibt, sodass die Austauschrelationen (die relativen Preise) dem Verhältnis der in den einzelnen Gütern verkörperten Arbeitszeit entsprechen.

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Kein Schiff. Nirgends.

Sonntag. B.N. Der Rhein besteht neuerdings aus Sandbänken. Leute laufen da herum, wo sonst die Schiffe fahren. Schiffe gibt es keine mehr. Die Fahrrinne zwischen den Sandbänken ist niedrig wie eine Pfütze. Was ich in den Medien über die Treibstoff-Flaute gehört habe, kann ich aus dem Zugfenster jetzt sehen: Weil beladene Tanker nicht mehr fahren können, finden Diesel, Benzin und Flugzeugkraftstoff ihren Weg vom Ölzentrum Rotterdam über den Rhein nur noch sporadisch.

Verdutzt gucken die hohen Burgen auf das breite Ufer herunter, wo die Kieswerke seltsam verrutscht in der Landschaft stehen. Die Wasseroberfläche schimmert schwarz und glatt wie ein Moortümpel. Darin spiegeln sich die Hotels, die hier Rheinblick oder Rheinterrasse heißen. Wenn es nicht bald regnet, können die Leute demnächst von einem Ufer ans andere laufen.

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Zahltag

Freitag. Für manche Erkenntnisse musst du bezahlen, mit ein paar dunklen Tagen, bevor du wieder klar siehst. Billig zu haben sind sie nicht.

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