Glaubwürdigkeit

Sonntag. Seit gestern wieder zu Hause. Beim gem. Frühstück erzählen W. und A. von A.s neuer Wohnung in Tübingen. Natürlich hat er sie über Beziehungen gekriegt, und jetzt ist er ganz happy über 14 €/m² Kaltmiete. Was bei PM Schnappatmung auslöst.
Alle reden in diesen Tagen vom brennenden Amazonas. Schreckliche Bilder und Petitionsaufrufe in den sozialen Medien bestätigen unsere schlimmsten Befürchtungen. Merkel, Altmeier & Co. hätten die Gelegenheit, ein Zeichen beim seit gestern stattfindenden G-7-Gipfel in Biarritz zu setzen, indem sie die Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten mit dem Erhalt des Regenwaldes verknüpfen – oder eben die Abkommen canceln. Doch wie es scheint, belassen sie es auch beim Anblick der jüngsten Klimakatastrophe bei frommen Worten, unterstützen lieber die Interessen der westlichen Lebensmittelkonzerne mit ihrem stetig steigenden Bedarf an Palmöl und Soja, anstatt ihre gemeinsame Power für ökologisch motivierte Sanktionen zu nutzen. Wohlstand statt Weitblick. Nachfrage statt Nachhaltigkeit. Wer soll denen eigentlich noch glauben?

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Schöne Rezension – Danke!

Rezension zu „Lass uns über den Tod reden“ (Ch. Links Verlag) von C. Juliane Vieregge

Lass uns über den Tod redenPixibuchvor 7 Tagen

Ein Buch über den Tod. Ein Thema, das jeden einmal trifft, als Überlebender oder dann selbst als Sterbender. Weil es einfacher ist, wollen wir über den Tod nicht nachdenken. Die Autorin hat dieses Tabuthema richtig gut bearbeitet. Sie läßt Personen sprechen, die ihr Kind, ihren Partner, ihre Eltern oder gute Freunde durch den Tod verloren haben. Es sind dabei Menschen wie Du und ich, aber auch Prominente. Und jeder dieser Leute hat denn Tod anders empfunden. Auch die letzten Stunden des Sterbenden werden verschieden beschrieben und erlebt. Es werden uns Rituale nähergebracht, einzelne Trauerphasen. Auch Menschen, die von Berufs wegen mit dem Tod zu tun haben, werden uns vorgestellt. Egal ob Gläubige befragt wurden, die an ein Weiterleben nach dem Tod glauben oder Atheisten, irgendwie verlor der Tod seinen Schrecken, wenn man sich damit befaßt hat. Auch wird durch das Buch bewußt, dass in den letzten Stunden oft noch Frieden geschlossen wird. Früher wurde in der Familie gestorben, heute gibt es dafür Hospitze. Ein Buch, das den Leser sehr viel Emotionen abverlangt. Es ist in 6 Hauptthemen aufgteilt, die sich dann wieder in Untertiteln gliedern. Ein Thema, das man sich in stillen Stunden zu Gemüte führen sollte.

(amazon.de und loveleyBooks)

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Kaufen

Freitag, Menaggio. Trump ist sauer auf die Dänen, weil sie ihm Grönland nicht verkaufen. Staatsbesuch abgesagt!

Gestern las ich, dass das Interesse an Grönland nicht neu sei: Schon im Jahr 1946 wollte Washington die an Bodenschätzen reiche Insel in der Arktis kaufen. Die Regierung unter Harry S. Truman bot Dänemark damals 100 Millionen US-Dollar (heute umgerechnet 1,3 rund Milliarden Dollar). Landkauf hat bei den USA Tradition: Zwischen 1803 und 1917 kauften sie Luisiana, Alaska, Florida, Kalifornien, Arizona und Virgin Islands – für die heutige Summe von rund 3,7 Milliarden US-Dollar (G. Steingart, 22.08.19)

Da fragt man sich, wann die Amerikaner anfangen die Luft zu kaufen, ist doch ein prima Soft-Rohstoff. Und wir entrichten eine Atemsteuer …

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Paradiso italiano

Mittwoch, Menaggio. Das ist eins dieser Treppenhäuser, wie man sie von vielen Spielfilmen kennt, unendlich tief und mörderisch dekorativ. Und irgendwann fliegt einer runter und bleibt in seinem Blut liegen – aufgeschlagen auf Art Deco Fliesen oder, wie hier, auf gold-türkis gemustertem Teppichboden. Tot wäre er trotzdem, es sei denn, es gelänge ihm im Abwärtsflug, sich an einer der Kugellampen festzuhalten, die von ganz oben bis ins Erdgeschoss herunterhängen.
Das Treppenhaus mit seinem weißen Schmiedeeisengeländer und dem Handlauf aus goldgelbem Wurzelholz ist nicht der erste Eindruck bei Betreten des Hauses. Kommt man durch die Tür, wird der Blick sofort gefangen genommen von der Aussicht auf die gegenüberliegende Seite. Nur kurz aufgehalten durch die gold- und türkisfarbenen Polstergruppen des Salons mit seinen Kronleuchtern und Kunstgegenständen, fällt er unweigerlich auf den Garten mit dem türkis gekachelten Pool und dahinter dem türkisblauen Comer See.
Dieser Durchblick, diese verblüffende Farbharmonie lassen die Vermutung aufkommen, dass sich auf einem der Sofas & Sesselchen kein Geringerer als Cary Grant, im Gespräch mit Doris Day vertieft, lümmelt. Oder James Bond, seine Weltrettermission eben mal unterbrechend, um eine italienische Gespielin rumzukriegen, die sich in echt als KGB-Agentin entpuppen wird.
Die Dusche ist wie im Osten, fasst PM den fragwürdigen Zustand des Badezimmers zusammen. Das Frühstück auf der Seeterrasse und die Stille der Zimmer mit ihren bodenlangen doppelten Vorhängen ist dagegen wie im Himmel. Das ganze Haus duftet nach Kaffee, frischer Wäsche und Vanille. Es umarmt dich, sobald du es betrittst. Du läufst die Treppen hoch und runter (obwohl auch der Aufzug ein Erlebnis für sich ist) und willst nie wieder weg …

I

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Geheimnisse

Donnerstag, Konstanz. Wollt ihr mal sehen?, fragt er uns und zieht sich auch schon sein T-Shirt über den Kopf.
Wir sehen einen komplett von einem Wappen bedeckten Rücken. Das Tatoo muss schon älter sein, die Konturen sind verschwommen, die Farben längst nicht so klar wie die auf seinen Armen und Beinen, wo sich Symbole und Runen tummeln. Der Typ hat uns gerade einen 10-minütigen Vortrag über Familienwappen und Waffen, insbesondere die Funktionsweise von Hellebarden, gehalten. Seine zwei Söhne sind genauso sprachlos über so viel Faktenwissen wie wir. Er ist ein Mittelalterfreak, ich bin Fan von Annette von Droste-Hülshoff und PM möchte den Bodensee kennenlernen – es gibt mehrere Gründe, auf die Burg zu steigen.
Leider ist sie in schlechtem Zustand. Die Dielenbohlen schwanken und biegen sich unter unseren Tritten, die Fenster hängen voller Spinnennetze. Die 36 Zimmer besichtigen wir unbeaufsichtigt – was ist mit den Wappen und Bildern und den Originalhandschriften der Dichterin an den Wänden?
Die Burg ist in privater Hand, doch auch der hohe Eintrittspreis von 12,80 € scheint wenig zu helfen. Der obere Teil ist bewohnt – von wem? Der Kellner des Burgcafes legt bedauernd den Finger auf die Lippen: Ich muss schweigen, ich darf nichts sagen!, sagt er.
Aus Annettes Fenstern bzw. den Schießscharten des Burgturmes ist der Blick über die Stadt und den See wild und ergreifend. Hier wurde gekämpft, Politik gemacht, gebetet, gedichtet und gestorben.
Das Fürstenhäusle hat Annette 1843 vom Honorar der Erzählung Die Judenbuche, ihres zweiten veröffentlichten Buches überhaupt, ersteigert, für 400 Reichstaler. Darüber schreibt sie in einem Brief, der auch eingerahmt an der Wand hängt. Lange Freude hatte sie jedoch nicht mehr daran. Drei Jahre später erkrankte sie schwer, zwei weitere Jahre später, 1848, erlag sie ihrer Krankheit – in ihrem Zimmer auf der Burg Meersburg, die ich mit ihrer Geschichte und in all ihrer Unperfektheit so gern mag.

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Als Touri in Konstanz

Mittwoch, Konstanz. Das funktioniert alles dermaßen glatt, dass du glaubst, du bist in einer durchrationalisierten, durchorganisierten Anderswelt. Von der superästhetischen Lobby ins Parkhaus, vom Parkhaus in den 5. Stock ins Zimmer. Die Karte solltest du jetzt nicht mehr verlieren, sie sichert dir den Zugang zu fast allem, so auch zum Aufzug. Von oben sieht man auf das Verbindungsstück zw Ober- und Untersee, das komischerweise der Rhein ist. Stylische Restaurants und symmetrische Wohnblöcke – lauter Proras in klein – säumen das Ufer. Eine Etage höher bietet die anthrazit-weiße Dachterrasse den noch besseren Ausblick. Motorboote cruisen auf der glitzernden Wasseroberfläche, Segelflieger und ein Zeppelin auf dem Blau des Himmels. Hier ist die Welt wie von Weltexperten am Reißbrett entworfen, Optimierungsprozess abgeschlossen. Enten und Möwen sorgen für Urlaubsgeräusch, die Leute auf der Promenade sind gut gekleidet und glücklich. Sogar die Radfahrer halten respektvollen Abstand, vielleicht weil auf den asphaltierten Wegen immer wieder  Nimm Rücksicht oder Bitte Rücksicht steht. Später laufen wir über die Fahrradbrücke über den Rhein in die Altstadt. Der Domplatz und das Netz aus Gassen und Gässchen schön wie im Bilderbuch. Kein Gedränge wie in Tübingen, keine bellenden Ansagen wie in Eisenach. Die Menschen sind tiefenentspannt und tiefengeheilt. Sie sind das Produkt flächendeckender Veggie-Läden und -Restaurants, ungebleichter Wäsche und Naturkosmetik.

Es handelt sich um eine wohltemperierte, überaus wohlgenährte Stadt mit starkem Schweizer Einschlag, clean wie ein Blendaxlächeln.

Können hier revolutionäre Ideen entstehen?, sagt PM (er studiert gerade das Internet, wer sich alles für den SPD-Vorsitz bewirbt).

Hier ist es langweilig, sagt PM.

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Noch mehr Double Binding: Der von der BRD geförderte Amazonienfond

Dienstag, B.N. Erst vor kurzem hielt sich Entwicklungsminister Gerd Müller für einen einwöchigen Besuch in Brasilien auf. Er diskutierte mit Brasiliens Regierung den Schutz des Amazonaswald, Freihandelsabkommen und zukünftige Zusammenarbeit. Auch stellt die Bundesregierung Gelder für die Erhaltung des Regenwalds zur Verfügung.

Der Fonds fördert Projekte der amazonischen Bundesstaaten, von Umweltbehörden, Forschungseinrichtungen, Organisationen der Zivilgesellschaft und indigener Völker. Etwa 60 Prozent der Mittel wurden bis dato in Projekte der Bundesregierung und der Bundesstaaten investiert. Ziel des Amazonienfonds ist es, die illegale Entwaldung zu bekämpfen und die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes voranzutreiben. Neben Norwegen als größtem Geldgeber (1,2 Milliarden US-Dollar, 94 Prozent des Gesamtvolumens), stellte Deutschland seit 2008 über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bisher 55 Millionen Euro (5 Prozent) bereit.

Was nicht erwähnt wird: Deutschland importiert den größten Teil des Sojas aus Lateinamerika.  Dieses Soja, meist genmanipuliert, wird für die Aufzucht von Hühnern, Schweinen und Rinder bzw. für die Herstellung von Fleisch, Eiern und Milchprodukten eingesetzt. Um diese Menge an Soja produzieren zu können, werden Wälder gerodet und abgebrannt. Siehe:Was die deutsche subventionierte Fleisch- und Milchindustrie an Umweltzerstörung in anderen Ländern verursacht

Quelle: Netzfrauen

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Die Relativierung der Moral (Mitscherlich)

Montag, B.N. „Die politische Lethargie der Masse ist die depressive Antwort auf eine Lage, in welcher ihre alltäglich Wirklichkeit deshalb zum Verzweifeln ist, weil jede persönliche Anteilnahme von der Struktur der Institutionen, der Großorganisationen her enttäuscht werden muss. …“*

Die Unfähigkeit zu trauern, S. 178

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Danke für fünf Sterne

Sandra Hennig 5,0 von 5 Sternen Ein Buch das nachdenklich stimmt und berührt – für mich ein absolutes Highlight ! 6. August 2019 Format: Gebundene Ausgabe

Der Klappentext:

»Wer sich mit dem Tod beschäftigt, der stellt sich auch die entscheidenden Fragen des Lebens.« (C. Juliane Vieregge) Wie gehen wir mit dem Tod eines geliebten Menschen um? Können wir die Leerstelle füllen, die der Verstorbene hinterlässt, geht das Leben einfach weiter? Welche Rituale können uns helfen? Uns fehlt eine Kultur des Sterbens und der Trauer. Mit dem Sprechen fängt es an. Lass uns über den Tod reden!, forderte C. Juliane Vieregge Hinterbliebene von Eltern oder Ehepartnern, Kindern oder Geschwistern auf. Außerdem hat sie mit Menschen gesprochen, die beruflich mit dem Tod zu tun haben. Entstanden sind 18 vielschichtige, berührende und sehr persönliche Geschichten. Ergänzt werden sie um Essays zum Umgang mit Sterben, Tod und Trauer in unserer Gesellschaft. Die Autorin sprach mit Joe Bausch, Ulrike Bliefert, Christopher Buchholz, Jochen Busse, Monika Ehrhardt-Lakomy, Gisela Getty, Hans Jellouschek, Roland Kachler, Enno Kalisch, Dieter Thomas Kuhn, Hans Christof Müller-Busch, Axel Nacke, Boris Palmer, Ilse Rübsteck, Katrin Sass, Jan Schmitt, Arsène Verny und Horst Walther.“

Mein Fazit :

Dieses Buch hat mich zutiefst berührt. Der Tod an sich ist ein Thema, welches in der Gesellschaft viel zu oft nebensächlich, ja sogar weitgehend vermeidend behandelt wird. Zu Unrecht – müssen wir uns doch alle früher oder später damit auseinandersetzen.

Ich habe lange gewartet, um das Buch nach meinem Urlaub in den Händen zu halten und konnte, kaum einmal angefangen mit Lesen, kaum aufhören.

Für mich ist es tröstlich, berührend und lässt mich sehr nachdenklich zurück. Über mich, den Umgang mit dem Tod und meinen bereits verstorbenen Liebsten.

Für jeden, der sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte und bereit ist- ein absolutes MUSS !

(Sandra Hennig auf Amazon.de und LoveLyBooks)

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