Man kann, oder: Familie im Ruhrpott

Donnerstag, B.N. Und dann sechs Tage Familie, der schwierige Teil.

Familie kann zum Fürchten sein.

Sich jeden Tag neu erfinden, wie Sartre das so durchgespielt hat gedanklich und auch autobiographisch – kann man das? Jeden Tag ein neuer Entwurf meines Ichs, ohne die gefürchteten Spuren, frei von jenen familiären Mustern, die es nicht wert sind, tradiert zu werden, ja, man kann. Ein bisschen kann man das. Und das ist unter Umständen ganz schön viel.

Die Befreiung von der Herkunftsfamilie – es gibt Fälle, für die das ein unabdingbarer Prozess ist, und unbedingt betrachte ich mich als einen solchen Fall. Nicht, dass meine Familie besonders schauerlich wäre, es gibt da nur besonders viel Ungeklärtes, Ungereimtes, emotional Extremes, Widersprüchliches. Wozu sonst sollte ich mit fünfzehn Jahren von zuhause ausgezogen sein – und das, kann ich sagen, war keine einfache Sache -, wenn diese Entscheidung nicht bis heute die Grundlage jeder weiteren, halbwegs relevanten Entscheidung wäre.

Was ich jetzt weiß:

Ich gebe eine recht passable Altenpflegerin ab. (Wusste ich schon vorher, von der Pflege meines Vaters, aber diesmal ist es ungleich schwieriger.)

Sauftechnisch befinde ich mich mit den beiden Pflegerinnen Sophia (Polen) und Katja (Ukraine) auf Augenhöhe. Unsere gemeinsame Vorliebe: Limoncello aus der Amalfi-Region (gibts in Werne in e kleinen Bar direkt neben der Kirche).

Ich glaube, ich würde mich nicht so damit abfinden, körperlich abzubauen, überhaupt würde ich mich erstmal mit nichts abfinden, was meine Lebensqualität einschränkt. Irgendwas kann man immer machen, ist nicht nur meine Devise, sondern auch meine Erfahrung. Und wenn man tatsächlich nichts mehr machen kann, kann man sich wenigstens sagen, alles ausgeschöpft zu haben, was irgend möglich gewesen ist.

Im Ruhrpott kannst du dich auf den Taxifahrer genauso verlassen wie auf den Nachbarn oder die ehemalige Schulfreundin (Ingrid). Und garantiert kriegst du immer noch einen coolen Spruch mit auf den Weg.