Everything is changing

Donnerstag. Am Abend kommt Ch., wir holen uns Pizza und Salat und das gute Häagen Dazs und trinken Sekt dazu, den sie mitgebracht hat, und sie erzählt von ihren Ängsten, was bei ihr ein Running Gag ist, weil sie alles, was sie tut oder nicht tut, auf ihre Ängste zurückführt. Ich finde sie toll. Sie ist anders. Offen. Und hübsch. Sie arbeitet viel und gerne. Sie ist kreativ auf diese unbeirrbare Weise, die ich so schätze. Sie hat mein Manuskript dem Verleger vorgestellt, für den sie arbeitet.
Am Samstag treffe ich mich mit ihm zum Arbeitsessen!
Inzwischen interessieren sich mehrere Verlage für mein Interviewprojekt. Der Ton hat sich geändert. Ich bin nicht mehr die Bittstellerin. Ich werde gebeten.

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Adventsmathematik

Dienstag. 3 mal 24 Adventspäckchen verpacken, das sind 3 Abende Denken an meine 3 Allerliebsten, an die 3 Menschen, die das Beste in meinem Leben sind. 24 Tage freue ich mich jetzt, dass sie sich freuen … Schenken ist an jemanden denken. Und danken. Dass es sie gibt …

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Nichts gelernt aus Contergan

Montag. Missbildungen an Kopf und Gliedmaßen bei neugeborenen Tieren und Menschen nach Verwendung von Glyphosat! Was die neuen Agrartechnologien besonders in Argentinien ausrichten, wo das Pflanzengift hemmungslos gesprüht und gespritzt wird, zeigt diese wirklich bestürzende Dokumentation. Als hätte es nie einen Contergan-Skandal gegeben!

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On The Road Again

Sonntag. LTT-Premiere gestern Abend mit Heiner Kondschaks Roadmovical On the Road again, die Geschichte einer Band und deren Wirkungsstätten in Gestalt unzähliger Dörfer zwischen der B27 und der A8: Fetzige Cover-Rocksongs und ein paar Originale direkt aus Kondschaks Feder, zusammengehalten von einer erstaunlich lahmen Story ohne Spannungs- und Wendepunkte. Trotzdem gute Stimmung im Saal, was an dem musikalischen Multitalent Kondschak liegt, und anschließend in der LTT-Kneipe, was auf die vorzügliche Pizza und die vorzüglichen Hugos bzw. tschechischen Biere zurückzuführen ist. Bis früh um zwei versackt …

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Glyphosat und die Spur des Geldes

Samstag. Die Tatsache, dass Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) vor dem EU-Berufungsausschuss in Brüssel pro Glyphosat gevotet hat, obwohl er sich laut Koalitionsvertrag hätte enthalten müssen, ist ein Skandal.
Nicht nur, weil Schmidt mit seinem Alleingang dazu beigetragen hat, dass das Totalherbizid fünf weitere Jahre unsere Lebensmittel und Böden vergiften darf. Sondern weil das Lobbyistentum sich einmal mehr gegen demokratische Grundregeln durchsetzt.
Der Vorfall – von Merkel gerügt: „Das darf aber nicht nochmal vorkommen!“ – hinterlässt bei mir und offenbar auch bei vielen anderen Bundesbürger*innen das üble Gefühl, nichts mehr auszurichten gegen die Wirksamkeit einer Wirtschaftsarmada, die blind der Spur des Geldes folgt.
Wir können wählen gehen, wir können Protestschreiben unterzeichnen, wir können auf Demos rennen. Vielleicht sollten wir wieder dazu übergehen uns anzuketten, an die Säulen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft etwa, um uns Gehör zu verschaffen.
Was nützen uns demokratisch gewählte Regierungsmitglieder, die nicht nur auf den Koalitionsvertrag, sondern auf den Willen des Großteils des Bevölkerung pfeifen?

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Von Leuten und Lichtern

Samstag Morgen einkaufen gehen, also echt gehen so slow-motion-mäßig in dieser Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Stimmung, mit Leuten quatschen, wer wo die besten Brötchen holt – OmG, die allerbesten hat natürlich Café Lieb! – der rumänische Bettler, der seit gefühlten hundert Jahren in der Unterführung steht und friert, grüßt so freundlich wie jeden Tag und ich sehe, dass ihm noch ein Zahn mehr fehlt, so würdevoll dankt er für das Münzgeld, dass allein das schon Grund genug ist, die Ampel springt auf Grün, das übliche Gerangel Radfahrer vs. Fußgänger, am Postschalter Minitalk mit meinem Lieblingspostler, der sich erstmal informiert, für wen überhaupt das Päckchen ist, bei Rewe den Grundbedarf fürs Wochenende decken, PM schläft noch, der Winter ist eingebrochen, Schnee fällt, Lichter leuchten, im Schaufenster hängt ein schönes Kleid, in Gedanken gehe ich die Mails durch, die ich heute schreiben, die Texte, die ich heute korrigieren muss, bald ist Weihnachten und irgendwie schafft dieses Fest es immer, dass man anders drauf kommt.

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Wochenbegegnungen

Dienstag. W. plant schon wieder das Weihnachtsessen. Es geht, das übliche Spiel, um Kartoffelsalat vs. Huhn mit irgendwas Indischem oder Französischem. Seit neuestem wandelt er auf Witzigmanns Spuren.
Beate hat große Pläne und ich bin für fast alle zu haben. Wenn nur die Hälfte davon klappt …
L. zickt rum, ich glaube, sie kann mich nicht leiden, während Beate meint, sie hat Schmerzen und schluckt zu viele kleine, rosa Pillen.
Susannes Kartoffel-Birnen-Gratin gestern Abend war so famos, dass ich das Rezept direkt fürs nächste WE abgespeichert habe.
PM ist vom Schreibvirus erfasst. Es zieht ihn zu seinem mit Papierhaufen zugebauten Esstisch, und wenn er nicht schreibt oder recherchiert, geht er mit diesem abwesenden, nach innen gerichteten Blick (bloß den Faden nicht verlieren, OmG!, ich kenne das …) durch den Tag, da muss ich nicht lange deuten. Wegen dem Tisch essen wir, wenn ich bei ihm bin, in der Küche, Ende nicht absehbar … Ich finde das aufregend … versuche diese neue Seite einzuordnen …
Moni legt ein Sabbatjahr ein. Ich vermisse sie.
Eine meiner Jungautorinnen hat einen Essay über Schule geschrieben, der mich  entsetzt. Es hat sich nichts geändert, die Leiden sind dieselben, die Strukturfehler eher vertieft als behoben. Grausam!
Die Verlagsfront wird freundlich. Das ist viel …

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I bims – die Rache der Kreativen

I bims ist keine bayrisch-klingonische Wortschöpfung, sondern das am 17. November von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ausgelobte Jugendwort 2017.

I bims ist Vong. Vong ist Spaßsprache, so:

Dein ewige rumgelügen ist nur 1 Tropfem auf dem heißen Brei.

In Vong wird viel verwechselt. Vor allem n mit m. Aber auch sonst vieles. Halbe Sprichwörter mit Hälften von anderen Sprichwörtern. Das komplette Programm des Deklinierens und Konjugierens ist Vongianern eine kreative Herausforderung. Ganz zu schweigen von den Sprachanleihen, denn viele Vong-Wörter kommen vong Englisch her. Vong ist also ganz schön schwierig und, sozusagen, nichts für Doofe.

Als ich vor zwei Tagen den o.g. Spruch vom rumgelügen auf Facebook postete, gingen die Kommentare in zwei Richtungen: „Hä?“ und „Unnötiger Beitrag!“

„Jo!“, schrieb ich unter Letzteres, um später zu konkretisieren: „Ich find’s lustig“, weil Frauen sich gerne rechtfertigen, sogar fürs Lustigfinden. Um mich umgehend zu fragen, warum ich Vong denn eigentlich so lustig finde.

Antwort, um das jetzt mal abzukürzen: Weil Vong nervige Spruchweisheiten auf den Arm nimmt, die vorgeben, der Schlüssel zum Verständnis der Welt zu sein, und doch nur Binse sind. Weil Vong durch Ungenauigkeit glänzt & schillert und du nur ahnst, was alles gemeint sein könnte. Weil jeder Leute kennt, die in Echt so reden.

Echt jetzt? Eigentlich direkt kennen tu ich da ja nun nicht so viele, aber seit circa zwanzig Jahren werden unsere Hörgewohnheiten in diese Richtung verbogen. In Vong-Richtung. Meine auch. Einmal Durchzappen am Nachmittag oder frühen Abend, und du weißt Bescheid.

Nur dass die Opfer des Proll-TV (sofern keine Fake-Opfer = Billigschauspieler) nicht mit Absicht so reden. Sondern weil sie es nicht besser können. Das finden manche lustig und manche traurig. Gucken tun es offenbar genug. Was mit Arabella Kiesbauer Anfang der Neunziger begann, in Gestalt von Meiser, Britt, Türck, Schäfer, Ricky u.v.m. immer noch einen draufsetzte und in Schwiegertochter gesucht seinen vorläufigen Ekel-Höhepunkt erreicht hat, ist das, womit hochdotierte TV-Macher ihrem Bildungs- und Informationsauftrag uns gegenüber meinen nachkommen zu können.

Da vor allem die Privaten auf hohe Einschaltquoten und große Zuschauerzahlen angewiesen sind, weil werbefinanziert, scheint der Niveauabfall vorprogrammiert. Ob tatsächlich weniger Leute glotzen würden, wenn statt Proll-Attack Anspruch und Ausgewogenheit das Wort hätten, ist die Frage, auf die keine Antwort gesucht wird. Proll-TV hat den Vorteil, dass es sich so billig wie sonst nichts produzieren lässt. Solange die Quoten stimmen, darf fast & cheap Müll weiterhin den öffentlichen Geschmack Spirale abwärts deformieren.

Jamie Oliver erzählte irgendwann mal weinend, dass englische Kinder frisches Gemüse eklig finden, weil sie nur noch Dosenfraß kennen.

Kreative Kulturrezipienten ernähren sich eine Weile vom Dosenfraß, um ihn schließlich wegzustellen. Oder etwas damit anzustellen. Sie erkennen sein Potential, wenn auch nicht unbedingt in ernährungstechnischer Hinsicht. Sie werfen ihn an die Wand, sehen ihn aufspritzen und zerplatzen. Das ist lustig! Sie machen sich lustig, sie spielen damit herum, sie wandeln ihn um.

In Vong-Sprache.

Die Munition der Vongianer ist die Ironie. Sie schießen scharf. Seit 2010 nehmen sie die dröge deutsche Medienkultur unter Beschuss. Aus den schlechten Deutschkenntnissen vieler Jugendlicher und Erwachsener schleifen sie Brillanten wie:

Was ist das für 1 life?

Nachzulesen auf Willy Nachdenklichs FB-Account Nachdenkliche Sprüche mit Bilder.

Seit Juli 2017 gibt es das VONG Wörterbuch von H1. Im August 2017 brachte Shahak Shapira die Holyge Bimbel heraus, eine Bibel-Parodie in Vong und direkt mal Rang sieben der Spiegel-Bestsellerliste.

Aus dem Einheitsbrei tauchen sie plötzlich auf, die gar nicht so Doofen mit dem Schuss Anarchie und dem Schüsschen Rache. Und wenn der Langenscheidt-Verlag sich jetzt I bims zum Jugendwort des Jahres krallt, ist das ganz schön schlau. Nicht, weil Jugendliche so reden, denn das tun sie nicht, und wenn Erwachsene I bims in ihren aktiven Wortschatz übernehmen würden, um jugendlich zu scheinen, wäre das nur peinlich.

Sondern weil Vong-Sprache bei allem Spiel & Spaß High-Level-Reflexion ist.

Danke also für die gute Entscheidung vong den Herr Langemschaid.

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