Vorschau

Karfreitag, B.N. Aus dem Interview mit Arsène Verny:

„Durch die Trauererfahrung verschieben sich die Relationen nachhaltig. Vieles, was mich früher brennend interessiert hätte, kommt mir heute so profan vor. Gäbe es eine Wichtigkeitsskala von 1 bis 10, dann würde ich sagen, bis 6 ist alles weg. Das meiste erscheint mir lächerlich unwichtig.

Man erkennt plötzlich den Verlust dieses Grundgefühls ‚Das kann mir nicht passieren‘. So lange ich denken kann, habe ich angenommen, wem auch immer der Dachziegel auf den Kopf fällt, mich trifft er nicht. Und genau dieses Denken erweist sich plötzlich als Irrtum! Es gibt für nichts eine Sicherheit. In seinem Lied Ich tanze mit dem Tod bringt Herman van Veen das so zutreffend zum Ausdruck. Es ist kein trauriges Lied, aber unglaublich wahr. Wenn man die eigenen Grenzen mal erkannt hat, wird man bescheidener. Man ist nicht der Auserwählte! Man ist nicht unbesiegbar.“

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March for our Lives

Eine Millionen Teilnehmer der Anti-Waffen-Demo werden dieses Wochenende in Washington erwartet. Der March for our Lives gilt schon jetzt als das größte Polit-Event in der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Angeführt wird die Großkundgebung von einer Gruppe überlebender Schüler*innen des Parkland-Amoklaufes am 14. Februar 2018. In nur einem Monat ist aus ihren öffentlichen Protesten eine landesweite Bewegung geworden. So fanden Massenkundgebungen auch in Chicago, Boston, Philadelphia, Miami, Minneapolis, Houston, Los Angeles sowie in New York statt. Vor dem Trump-Tower hielten Aktivisten selbstgemalte Schilder hoch: „Wenn unsere Führer sich wie Kinder verhalten, müssen Kinder führen.“

Wie wahr! Endlich wachen sie auf, die Jugendlichen, und lassen sich nicht länger von den alten Vorurteilen der alteingesessenen Waffen-Lobby NRA einschüchtern. Sie haben es satt, dass ein Schulmassaker alle paar Monate inzwischen als normal gilt. Sie glauben nicht daran, dass das Tragen einer Waffe zu den Grundfreiheiten der US-Bürger*innen zählt. Sie kündigen diesem amerikanischen Selbstverständnis den Kampf an.

Immer mehr Amerikaner unterstützen die Jugendlichen aktiv oder mit Sach- und Geldspenden, viele Prominente reihen sich ein und kündigen großzügige Spenden an. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Organisation mittlerweile vier Millionen Dollar eingesammelt hat. Die Bewegung scheint sich von selbst auszubreiten, auch in Europa gibt es in vielen Großstädten Solidatätskundgebungen.

„Das ist erst der Anfang“, sagte Adam Buchwald, einer der überlebenden Schüler, heute vor der Menschenmenge in Washington.

Ich finde, das macht Hoffnung.

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Langsam machen

Samstag. Sonne! Gestern noch hat mich ein Hagelschauer direkt auf dem Fahrrad erwischt und mit Graupeleis überzogen, heute ist der Frühling da. Mit Susanne und Anne treffe ich mich am Affenberg, was trinken, quatschen, News austauschen. Zum ersten Mal in diesem Jahr sitzen wir im Freien. Samstagsfeeling in Tübingen: Viele Leute treffen (auch ein paar, wo ich nicht so scharf drauf bin), entspannt die Lage checken. Entschleunigung, endlich! Mit Anne verabrede ich einen Atelierbesuch bei einer ihrer Künstlerkolleginnen, die wunderschöne, großformatige Bilder malt. Morgen fahre ich nach B.N., und alles, was vorher noch zu erledigen ist, mache ich jetzt zur Abwechslung mal langsam.

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Orwell’sche Hassminuten

Und immer und immer wieder neue Schreckensmeldungen über Putin.

Ich behaupte ja nun wahrlich nicht, dass er ein Liberaler, ein Politiker im aufklärerischen Sinne, ein „lupenreiner Demokrat“ sei. Aber deshalb möchte ich trotzdem keine Kriegs-Rhetorik hören, ich möchte keine verbale und keine tatsächliche Aufrüstung, ich möchte kein Spiel mit dem Feuer. Ich möchte auch keine Doppelbödigkeit. (In Orwells Dystopie „1984“ heißt das „Doppelsprech“.)

Ich wundere mich, dass wir uns aktuell über den vergifteten russischen Doppelagenten Sergej Skripal erregen, der in der südenglischen Kleinstadt Salisbury bewusstlos aufgefunden wurde, aber kein Mensch spricht mehr von 5 (fünf!) toten, ganz jungen Zeugen im NSU-Prozess mitten in unserer liberalen, aufgeklärten und an den Menschenrechten orientierten BRD (vielleicht, weil sie dem rechtsradikalen Umfeld angehörten? Vielleicht, weil es gut ist, dass sie tot sind?).

Unsere Messlatte fällt sehr unterschiedlich aus, je nachdem, wo wir sie anlegen. Putin untersteht in jedem Fall anderen Kriterien als unsere Waffengroßabnehmerbusenfreunde Saudi Arabien, warum erregt sich darüber niemand? Warum erregt sich niemand ernsthaft darüber, wie Erdogan an den Kurden handelt? Warum immer nur Putin?

In Orwells „1984“ gibt es die täglichen Hassminuten, in denen die Untertanen auf Linie gebracht werden sollen: Sie lernen zu hassen, wen sie von sich aus niemals hassen würden. Genauso kommt mir der mediale Umgang mit Russland / Putin vor. Wir sollen Putin hassen.

Warum?

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Schnee von heute

Sonntag. Als PM und ich gestern Abend von Marcels Geburtstagsparty zurückfahren, ist alles weiß. Es schneit, der Winter ist zurück, bald ist Weihnachten …

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Putin ist Schuld

Samstag. Ja, ich habe Angst. Ich gebe es frei und unumwunden zu. Ich habe Angst vor dieser seit Monaten bestehenden Eskalationsspirale der rhetorischen Gewalt gegenüber Russland und Putin. Ich habe Angst angesichts der Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Es ist schon soweit gekommen, dass ich wegzappe, nur um keine Nachrichten hören und sehen zu müssen. Da venehme ich nämlich nur noch: Die Russen sind schuld, allen voran Putin. Und dabei ist es fast egal, um welchen Konflikt es sich handelt. Immer höre und lese ich: Die Russen waren es.
Kriege werden nur von Putin und den Russen angezettelt, Fake News und Cyberkriminalität machen ausschließlich die Russen, Wahlen in den westlichen Ländern werden immer von Russen beeinflusst (wie war das nochmal mit Jelzin? Mit Poroschenko? Mit Jazenjuk?), nur die Russen haben eine gigantische Propagandamaschinerie und geben Unsummen von Geld für Rüstung aus. Doping und exorbitante Waffenexporte, vor allem in Schurkenstaaten, sowieso die Russen! Und wenn alles nicht hilft, dann hilft es, wenn Abtrünnige mit Giftgas aus russischer Produktion vergiftet und ermordet werden. Auf jeden Fall führt die Spur nach Moskau.
Das hören wir nun seit einigen Jahren von unserer Politik und unseren Qualitätsmedien immer und immer wieder. Die Spirale der rhetorischen Eskalation wird von Monat zu Monat extremer.
Wo ist das Abwägen geblieben, auch das Hinterfragen, wo ist unsere Dialogbereitschaft, wo ist die kritische Begleitung der politischen Klasse durch Journalisten und Medien geblieben? Wann endlich hört dieses James Bond mäßige Schwarz-Weiß Denken vor allem und gerade in Bezug zu Russland auf ?
Wann fangen wir endlich an, verbal ab-, anstatt aufzurüsten ?
Es ist an der Zeit, den Neuen Kalten Krieg zu beenden und eine Neue Ost-Politik zu wagen. Es ist in unser aller Interesse!
Wir bräuchten gerade jetzt so dringend einen neuen Willy Brandt und einen neuen Egon Bahr! (Statt einen neuen Außenminister Heiko Maaß, der sich als erstes die Abgrenzung von Russland auf die Fahnen schreibt.)
Ich sehe sie noch nicht, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf …

(nach Peter-Matthias Baier auf FB)

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Azur

Freitag. Highlight bei der Ernennung und Vereidigung der neuen Bundesregierung sind die neuen Ministerinnen Franziska Fiffey (Familie) und Julia Klöckner (Agrar). Nicht nur, dass sie bemerkenswert gut aussehen – sie schlagen auch noch im gleichen Outfit auf: einer leuchtenden Kleid-Bolero-Kombi in der aktuellen Trendfarbe Azur.

Man stelle sich das vor, die beiden Politikerinnen gehen shoppen für diesen immens wichtigen Termin, vielleicht zu Peek & Cloppenburg, die eine in Berlin, die andere in Bonn, und beide greifen zielsicher nach demselben, königsblauen Kleid.

Anstatt auf Distanz zu gehen, um den Faupax zu kaschieren, setzen sie sich auf der Regierungsbank nebeneinander (während Merkels Wiederwahl), und auch auf den offiziellen Fotos stehen sie dicht zusammen. Sie sehen ein bisschen aus wie Mädels in Schuluniform. Sie scheinen sich gut zu verstehen. Sie gehören unterschiedlichen Parteien an, was offenbar ihrer menschlichen – und geschmacklichen – Übereinstimmung keinen Abbruch tut. Das ist souverän.

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Schwere Themen II

Mittwoch. Ich weiß nicht, warum mich das so beschäftigt, aber ich denke gerade an eine Begebenheit mit einem älteren, alten Kollegen. Ich war damals um die dreißig, deshalb kam er mir so alt vor, und er sah auch alt aus, weil er von seiner Krankheit gezeichnet war. Er hatte ein vertrocknetes Gesicht und ganz schlimme Augen, rote, tränende Augen, die so basedowmäßig vorstanden, er sah wirklich nicht besonders gut aus. Drei Mal die Woche musste er zur Dialyse, das war beschwerlich für ihn, und das erzählte er mir, und dann sagte er, dass er so dringend auf eine Niere warte, schon so lange, aber es passiere einfach nichts.

Passieren? Ich wurde plötzlich furchtbar wütend und dachte, du alter Sack, du hast doch dein Leben gehabt, was wartest du, dass einer stirbt, gib’s zu, nichts wünschst du dir sehnlicher als dass an einem sonnigen Sonntag irgendein junger Typ mit seiner Maschine aus der Kurve fliegt, nur damit er dir seine Niere überlässt. Ich hätte diesen alten, lächelnden Kollegen mit seinen Triefaugen am liebsten geschlagen.

Vielleicht ist das keine gute Geschichte, vielleicht spricht sie sogar gegen mich, aber dafür erinnerst du dich ja nicht und dafür erzählst du keine Geschichten, dass alles für dich ins Lot kommt. Diese Geschichte hat eher Unordnung gebracht, sie hat mich nachhaltig beeindruckt, und deshalb bin ich da mit dieser schweren Thematik bis heute mehr als skeptisch.

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Und immer noch NSU

Dienstag. Seit gestern liegt der Abschlussbericht über den NSU-Untersuchungsausschuss vor. Die Regierungsseite komme dabei zu „unerwarteten Eingeständnissen“, so der Kommentar der Hessenschau. 

713 Seiten in vier Jahren – da war Wolfgang Schorlau doch deutlich schneller und effizienter: Seine  Ergebnisse, bzw. sein Buch Die schützende Hand liegt seit 2015 vor, umfasst 380 Seiten und kommt zum Teil zu den gleichen Schlüssen. Nur wurden die bisher als Verschwörungstheorie abgestempelt. Mit dieser Einschätzung dürfte es ab sofort schwierig werden.

Der Abschlussbericht fasst zusammen, was in den vergangenen vier Jahren des NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag geschehen ist – und spricht aus, was ausgesprochen werden muss: Zum Beispiel, wenn es um die Aufklärungsbemühungen der Sicherheitsbehörden rund um den Mord an dem Kasseler Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat im Jahr 2006 geht. Der Grünen-Obmann Jürgen Frömmrich nennt es ein „Versagen der Sicherheitsbehörden“. Trotz massenhafter Hinweise wurde rechtsextremen Motiven „nicht in der gebotenen Weise nachgegangen“, was er darauf zurückführt, dass die hessischen Verfassungsschützer „in einer Vorurteilsstruktur verhaftet“ gewesen seien.

Schon seit 2012 gibt es einen Platz, der nach dem Kasseler NSU-Mordopfer Halit Yozgat (1985-2006) benannt ist: Den Halitplatz, mit einem Hinweisschild, wer Halit war.

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