Rüstungsexporte

Dienstag. „Wer wie Teile der Union mit den saudischen Kopf-ab-Diktatur kollaborieren will, macht sich für das Massaker an der jemenitischen Zivilbevölkerung mitverantwortlich“, erklärt Sevim Dagdelen, stellvertretende Vorsitzende und abrüstungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. Dagdelen weiter:

„DIE LINKE fordert ein dauerhaftes Waffenembargo gegen die Blutscheichs in Riad und eine Ausweitung des Rüstungsexportstopps auf alle Länder der Jemen-Kriegskoalition, allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate …“

Doch was nützen den Saudis noch so viele Waffen, wenn zehn bis 15 Drohnen einfach übers Land, genauer: über die größte Ölraffinerie des Landes fliegen und durch Beschuss aus dem Nichts einen bisher kaum abschätzbaren Schaden verursachen können? Den Vorgang könnte man als peinlich abtun, wäre die darin implizierte Offensichtlichkeit des noch ausstehenden, bisher nur ahnungsvollen Kriegspotentials nicht so bedrohlich.

Bekannt für die Anschläge haben sich jemenitische Huthi-Rebellen. Trump aber hält Iran für den Täter oder behauptet, Iran für den Täter zu halten, um der Welt zu verkünden: „Wir stehen bei Fuß!“ und mit Vergeltungsschlägen zu drohen. Kinderkacke, gefährliche!

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Erlösung

Sonntag. Kann Kunst Menschen von ihren Verletzungen erlösen?
Die weltberühmte Tänzerin Birgit Keil hat als Kind wegen ihres rachitischen Rückenleidens angefangen zu tanzen …
Es war John Cranko, der sie vom Royal Ballet London nach Stuttgart holte.
Sie tanzte an der Opéra Paris, an der Mailänder Scala, beim American Ballet Theatre New York, an der Wiener Staatsoper und vor dem vom Bolschoi-Ballett verwöhnten Publikum in Moskau.
„Alles, was nicht gut war in unserem Leben, kommt im Tanz raus“, sagt eine ihrer Stipendiatinnen in dem Dokumentarfilm Ein Leben für den Tanz.
„Künstler müssen Krieger sein. Sie müssen die Power haben, Menschen zu erobern. Und sich selbst erobern.“ Sagt die Performance-Künstlerin Marina Abramovic.
„Es ist der Künstler, der mit seinem Können immer wieder die Menschen überrascht.“ (Birgit Keil, ehem. Stuttgarter Primaballerina und Ballettdirektorin Karlsruhe)

Mosaikfenster Wartburg, Eisenach 2019
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Danke! – „Ein wichtiges Buch über ein tabuisiertes Thema“

5,0 von 5 Sternen Wichtig und gut strukturiert, geschrieben, recherchiert.29. August 2019 Format: Gebundene Ausgabe

„Wir alle werden sterben – irgendwann – wie all die Menschen vor uns, die oft eine Lücke hinterlassen, über die ungern und viel zu selten gesprochen wird.

Der Tod ist nach wie vor ein eher tabuisiertes, verschwiegenes Thema, er wirkt oftmals beängstigend. Was man tun sollte, um dieser Angst, diesem Schweigen zu begegnen – REDEN!

Mit dem Buch „Lass uns über den Tod reden“ räumt die Autorin durch 18 Geschichten, erzählt von Angehörigen, die ganz unterschiedlich damit umgegangen sind und noch umgehen, dem Tod einen Platz ein. Es sind Väter, Söhne, Töchter, Mütter, Geschwister, die zu Wort kommen, Bilder und Erinnerungen an den Toten teilen und so ihrem Verlust, der Trauer, dem Tod, begegnen.
Dabei nimmt der Tod verschiedene Rollen ein, so dass das Buch in 6 Themengebiete eingeteilt wird.

Es ist sicherlich kein leichtes Thema, sondern ein Thema – ein Buch – welchem man sich bewusst und mit Ruhe widmen sollte, aber dann mit einem doch sehr gefüllten Herzen entlassen wird. Es hallt nach und einige Geschichten bewegten mich stärker als andere, aber es macht auch Mut.

Fazit: Ein wichtiges, gut strukturiertes Buch, über ein totgeschwiegenes Thema, welches endlich eine offene Stimme im gesellschaftlichen und kulturellen Diskurs braucht und hier bekommt.“

(Julia auf Amazon.de)

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Liebesexperiment

Samstag. Das Girlfriend Experiment von Catherine Lacey (AufbauVerlag) ist ein Roman, der viel verspricht. Auch viel Seltsames, Schräges. Etwa bis zur Hälfte schafft er es, die geneigte Leserin mitzunehmen auf die extrem seltsame Reise der Protagonistin Mary (die eigentlich anders heißt, aber das entschlüsselt sich erst später). Wegen Geldnöten – sie ist chronisch verschuldet, weil sie gegen ihre chronischen Krankheiten teure Therapien benötigt – verpflichtet sie sich als gut dotierte Teilnehmerin eines Beziehungsexperiments. Dieses hat der reiche, berühmte Schauspieler Kurt Sky initiiert mit der Zielsetzung, die Liebe wissenschaftlich zu entschlüsseln und schließlich neu zu erfinden. Ein breit aufgestelltes Forscherteam begleitet und kontrolliert die Abläufe in bald unkontrollierbarer Weise. Warum Mary und die anderen Frauen bei der Sache mitmachen, entfaltet sich auf dem Hintergrund ihrer eingefügten Biographien: Religiöser Wahn, Gewalt, Sexismus und Verlassenheit sind die prägenden frühen Erfahrungen, die ausgereicht haben, die jungen Frauen psychisch und physisch krank zu machen und mit zerstörerischem Potential ihre Wege ins Erwachsenenleben zu determinieren.
Das Ende zerfastert sich; stellenweise konkretisiert sich die Unlust weiterzulesen. Das ist schade um den guten Start und den tollen Plot.

*

PM ist in Eisenach bei seinem Vater … der im Krankenhaus liegt … der wahrscheinlich nicht mehr in seine Wohnung zurückkehren kann … same procedure as … . Draußen wird es Herbst. Obwohl es noch warm ist, ändert sich schon das Licht.

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Gegangen

Donnerstag. Jetzt ist der UA gestorben! Dr. Uwe Anschütz, Gerichtsmediziner in Erfurt, den ich am 2. Oktober 2016 kennengelernt und sofort ins Herz geschlossen habe. Das hat PM umgehauen, seinen alten, ziemlich besten Freund hat es erwischt, und viele Erfurter stehen unter Schock. Wird morgen – morgen schon – eine große Beerdigung geben, zu der wir leider nicht kommen können. Wird eine Lücke hinterlassen, die sich nicht mehr schließt. Es gibt Leute, die lassen sich nicht ersetzen. So einer war der Uwe.

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Rückblick I u. II

Montag, im Zug. Trauer setzt eine Art manische Energie frei. Ich hab das auch einmal erlebt, wochenlang ging das, am Tag zehn bis fünfzehn Kilometer marschiert, einfach los, egal wohin. Arsène Verny erzählt in Lass uns über den Tod reden davon … und wie er nach dem grausamen Unfalltod seines Sohnes diese Energie kanalisiert und innerhalb von drei Monaten eine Stiftung aus dem Boden gestampft hat. Überirdische, kranke Kräfte – eine Bombe, die gerade hochgeht, verfügt nicht über mehr Schubkraft …

*

Stelle mir gerade vor, ich verteidige lautstark meinen reservierten Platz. Wedle mit dem Ticket, keife ein verschrecktes Ehepaar an, erst lautstark, dann leise, scharfzüngig, bis die Zwei verunsichert aufstehen. Triumphierend werfe ich meine Laptoptasche auf den noch warmen Sitz. Die vorwurfsvollen Blicke der anderen Blödmänner lächle ich milde weg. Stunden später, beim Verlassen des Zuges, entdecke ich, dass ich im falschen Wagen bin, 8 statt 9 … solche SlapstickSzenen male ich mir in all ihren Peinlichkeiten so detailfreudig aus, dass ich im Rückblick oft nicht mehr weiß, ob ich sie wirklich erlebt oder nur imaginiert habe. Was natürlich Unsinn ist. Ich bin dermaßen höflich, dass mir manchmal übel davon wird. Erst in den letzten Jahren spät-entwickelt sich bei mir das Talent, mich öffentlich – und ich gebe zu, genussvoll – aufzuregen. Früher ging das nach innen und fraß mich auf.

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Abschied

Sonntag, B.N. Ein Freundeabend mit A. und J. – und PMs unnachahmlichem Ofenfisch auf gedünstetem Gemüse – ist das, wofür ich nach den letzten Tagen on tour wirklich dankbar bin. Gestern intensives, eineinhalbstündiges Telefoninterview mit dem Freitag. Heute ist Relaxen angesagt. Und morgen – morgen geht es wieder nach Hause. Wenn da nur nicht jedesmal und in steigendem Maß diese Wehmut, diese Unlust wären … die ja nur Ausdruck der vielen ungeklärten Zukunftsfragen sind … ich freue mich auf meinen lieben T., auf meine Freundin Susanne, aufs „Amt“, auf meine Wohnung, auf … was Dario wohl macht? Der Ärmste war jetzt so lange allein …

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Insta-Echo

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Anhaltische Landesbücherei Dessau:
Buchlesung vom 04.09.2019
Am 4.9.2019 fand die Veranstaltung „Lass uns über den Tod reden“ statt.
Die Autorin C. Juliane Vieregge erzählte von ihren eignen Erfahrungen mit dem Tod ihres Vaters. Dies war der Anlass für ihr Buch, mit dem sie gegen die Sprachlosigkeit anschreibt und Mut machen will, sich dem lebensbejahenden Thema zu stellen, hinzusehen und miteinander zu lernen, was es heißt würdevoll und mit Achtung mit dem Leben und dem Sterben umzugehen. Die Besucher, die mutig zur Veranstaltung kamen, erlebten eine lebendige Lesung und Auszüge aus den Kapiteln über Reinhard Lakomy, Katrin Sass und anderen. Wir danken der Thalia-Buchhandlung und unserem Förderverein, die diese Veranstaltung ermöglichten.
Das Buch ist in der Bibliothek ausleihbar.

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Back from Lesereise

Freitag. In Dessau stellen die Leute Zwischenfragen. Sie erzählen von sich und ein Mann weint und die anderen hören ihm zu und nicken, weil das, was er erzählt, traurig und schön zugleich ist. Es ist wie ein Dialog. Ich liebe das, Austausch statt Reden halten, ich liebe ihre Geschichten.
Ich übernachte in einer kuscheligen Pension (Pension Siewert, ich komme wieder, falls ich jemals wieder nach Dessau komme!). Beim Frühstück lerne ich eine supersympathische Frau kennen: Jana aus dem Vogtland. Zusammen fahren wir ins Bauhaus, d.h. sie fährt, und meinen Koffer nehmen wir gleich mit, denn vom Bauhaus zum Bahnhof sind es nur wenige Minuten.
Im Bauhaus sind sogar die Schließfächer stylisch: Kubisch, grau und aus Stahl. Der Klobürstenhalter auf der Toilette auch. Unsere Wege trennen sich: ich will zu den Meisterhäusern, Jana möchte eine Zeichnung vom Bauhaus kolorieren, die sie am Vortag gemacht hat.
Ich laufe auf der Straße entlang, auf der vor hundert Jahren Feininger, Klee, Kandinsky gelaufen sind, wenn sie vom Bauhaus zu ihren Meisterhäusern unterwegs waren. Die Straße ist gepflastert, vielleicht noch das Originalpflaster? Wohnen und Arbeiten finden im Bauhaus die perfekte Symbiose. Welcher Künstler würde sich nicht darum reißen, in einer so weitläufigen Siedlung in inspirierenden Häusern unter hohen Kiefern zu leben? Man spürt es, dass hier für ein paar Jahre die Kreativität gesprudelt ist, bis das ganze vielversprechende Projekt von den Nazis zerschlagen wurde. Unglaublich ästhetische Straßenzüge, fotogene Glasfronten, das ikonische Kassettenfenster, die Farben Weiß-Grau-Rot, Kuben und Kugeln erzählen davon. Dessau hat viel zu bieten. Und trotzdem wirkt die Stadt irgendwie bedrückend. Sie ist zu leer für die weiten Straßen und Plätze. Zu viele Ruinen und verlassene Häuser zwischen den wertig hergerichteten Kunstbauwerken.
Ein Bauhausmuseum mitten in der Stadt, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums errichtet und – geschlossen. Bzw. noch nicht eröffnet, im September! Auch so eine Seltsamkeit …

Am Nachmittag geht‘s nach Berlin weiter. Grässliche Anfahrt mit drei verschiedenen Verkehrsmitteln, grässliches Hotel. Berlin überfordert mich jedesmal. Die Lesung am Abend in der Georg-Büchner-Buchhandlung dagegen: schön und ausverkauft und viele verkaufte Bücher. H. und K. sind gekommen, PM‘s Bruder R. und meine Verlagslektorin. Und dann entdecke ich im Publikum einen meiner Berliner Interviewpartner mit seiner Familie! Das freut mich alles sehr. In Berlin sind die Zuhörer*innen ganz still. Ich frage, ob sie noch können, und sie nicken. Also lese und erzähle ich weiter. Am Ende gibt es noch eine nachdenkliche Diskussion. Sie stellen Fragen. Sie sagen, das müssten sie erst einmal sacken lassen.
Zu viert gehen wir noch ins Café Seeblick. Wir haben Hunger und Durst. H. und K., die nach Spandau müssen, verabschieden sich bald und später meine Lektorin, von der auch R. sehr begeistert ist. Zu zweit wechseln wir in eine andere Kneipe, in der nur noch die Restkräfte der Nacht hocken und Motörhead hören und qualmen. Familiengeschichten, Berlingeschichten, Geschichten vom Prenzlauer Berg. R. lebt seit über 30 Jahren hier. Ich habe keine Lust auf mein Hotel. Gegen Morgen bringt R. mich hin und erinnert sich, dass in diesem Gebäude früher ein ganz fabelhaftes Kino gewesen sei.
Früher heißt hier immer zu DDR-Zeiten.
Ich versuche, wie schon so oft, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn es mein Land auf einmal einfach nicht mehr gäbe. Nicht mal in der Vorstellung einfach.
Zwei Tage und viele Begegnungen. Ich sitze im Zug nach B. N., checke meine E-Mails. Jana aus dem Vogtland hat ein Foto von ihrer Zeichnung geschickt …

Bauhaus Dessau, Jana Kober, 06.09.2019
Meisterhaus in Dessau, 06.09.19
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Dann gibt es nur eins!

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme
und Maschinengewehre. dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann
gibt es nur eins:
Sag NEIN! Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod
erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Haßlieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du
sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen
mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und
Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen,
dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur
Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den
Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und
Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt
Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue
Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:
dann:
In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe stöhnend
verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten
vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher
so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech,
gestorben –

die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und
abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter
morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Straßen –

eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen,
gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten
und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig,
unaufhaltsam –

der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der
verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren
und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken –

in den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte sauer werden,
verrotten, pilzig verschimmeln –

in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die
letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen –
das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün
werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf
den Feldern wirdneben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes
Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der
stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt,
zerbröckeln — zerbröckeln — zerbröckeln —

dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge,
antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden
Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und
den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte,
der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage:
WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen
wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in
Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des
letzten Tieres Mensch –

all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon,
vielleicht heute nacht, wenn – wenn – wenn ihr nicht NEIN sagt.

Wolfgang Borchert, 1947 (wenige Wochen vor seinem Tod im Nov. ’47)
 
zitiert aus: Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, Rowohlt 1986, Seite 318 ff
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