Grüne Neun

Montag. Ich sage, mach die Balkontür zu, die Pollen fliegen rein, und PM sagt: Ach du grüne Neue!

Ich sage, bin k.o., hab bis vier Uhr morgens gearbeitet, und PM sagt: Ach du grüne Neue.

Ich sage, Melania Trump kann sich vorstellen, wieder ins Weiße Haus einzuziehen, und PM sagt: Ach du grüne Neune,

und dann ist alles irgendwie nicht mehr so schlimm …

 

Selenskij will mehr und Sascha will das auch

Montag. Während deutsche Politiker*innen sich in der Ukraine die Klinke in die Hand geben, um ihren Diener / Knicks vor Selenskij zu machen – und  während ein in die Enge getriebener Kanzler per Fernsehansprache seine Strategie erklärt (Schaden vom Volk abwenden, keine deutschen Alleingänge, die deutsche Verteidigungsfähigkeit verbessern, die NATO darf nicht Kriegspartei werden) -, verlangt es den König von Kiew nach viel mehr:
Reue, Buße und Lossagung will er aus den Mündern der deutschen Politiker*innen-Riege hören: Hundertfaches Sühne-Bekenntnis, hundertfache Bitte um Vergebung für 50 Jahre erfolgreiche Entspannungspolitik.
Als da wären: Internationale Rüstungskontrolle, Stärkung der Menschenrechte, deutsch-deutsche Wiedervereinigung.
Und das soll auf einmal alles Verrat gewesen sein?
Ja, darunter mache es Selenskij nicht – die Geschichte muss uminterpretiert werden, und zwar von den Akteuren selbst!
Entspannung, Wandel durch Handel, Diplomatie und Pazifismus sind die neuen Antiwerte. Selbsternennungsvordenker Sascha Lobo hat denn auch gleich den passenden Begriff dafür: Lumpenpazifisten tituliert er Persönlichkeiten wie die Theologin und ehemalige Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer, die Philosophin Dr. Svenja Flaßpöhler, den Sozialpsychologen Prof. Dr. Harald Welzer, die Schriftstellerkolleg*innen Martin Walser und Julie Zeh, den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Merkel, den Kabarettisten Gerhard Polt u.v.a., die den ihnen von Kiew zugewiesenen Weg partout nicht gehen wollen.
Der Berserker unter den neudeutschen Wortführern hängt sein Fähnlein stets nach dem Wind – erinnert sei hier nur an seine frühere Position zum ungeregelten Internet, bis auch er, oups!, reichlich spät, nämlich 2014, die Gefahr des Missbrauchs im weltweiten Netz erkannte und heulte: “Das Internet ist kaputt!”
Lobo kann sich auf das transatlantische Sprachrohr Spiegel verlassen: Der hat nichts Besseres zu tun, als sein Geschwurbel (“Gandhi … war eine sagenhafte Knalltüte”) der Öffentlichkeit zu präsentieren, als handle es sich um eine nie dagewesene Denkrichtung. Nee, es ist nur Kriegsgeilheit. Die feuchten Träume von einer Revanche, 80 Jahre nach Hitlers gescheitertem Unternehmen Barbarossa. Das einzig Neue: Die Grünen rasseln mit den Säbeln, als hielten sie die Langeweile des langen Friedens nicht länger aus. Es ist Futter für die Corona-müde Presse. Es ist das neudeutsche Hurra, es ist Krieg!, und alle gehen hin.

 

 

Muttertag at it’s best

Sonntag. Meinen Kindern habe ich beigebracht, dass Muttertag eine US-Erfindung ist, die 1933 von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde, um die Ehrung der Mutter mit dem Wahn der “Herrenrasse” zu verknüpfen. Und dass im Nazi-Reich der Muttertag als gesetzlicher Feiertag etabliert wurde.
Da hab ich mir wohl ein Eigentor geschossen – sie gratulieren mir einfach nicht. Könnte sein, dass ich etwas übereifrig war …
Zerknirscht.
Und dann das hier: 

Danke, PM!

Nachmittagssonne

Freitag. Von B. höre ich wieder so eine Trennungsgeschichte …  Meine Erfahrung: Wie einer geht, so hat er auch geliebt. Wer nur Kleinholz von der gemeinsamen Geschichte hinterlässt, der hat auch in der Liebe rücksichtslos und egoistisch um sich geschlagen. Der andere hat es nur nicht gesehen. Soviel zum beiderseitigen Beitrag jahrelanger Leidenswege. B. ist raus aus der Sache, ich auch. Schon lange. Die bösen Geister haben wir vertrieben. Es geht uns gut. Wir staunen und feiern das beim Business Lunch und anschließenden Cappuccino auf der Sonnenterrasse vom Ludwigs. B. und ich, wir haben uns das verdient.

Neusprech

Die wirtschaftliche Entflechtung zwischen den Machtblöcken ist in vollem Gange. Der Westen entknotet sich von Russland und von China, während China und Russland zusammenwachsen. Können die Machtblöcke erst, wenn sie autonom sind, Kriege gegeneinander führen?, … und hier denke ich lieber nicht weiter.

In Orwells 1984 ist die Welt in drei verfeindete Supermächte unterteilt: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Dauerhafte Kriege untereinander garantieren das Gleichgewicht, wobei es egal und der Bevölkerung auch weitgehend unbekannt ist, wer gerade mit wem im Clinch liegt.
Die Handlung des Romans spielt in Ozeanien, was Amerika, die Atlantikinseln, Australien, Neuseeland und Neuguinea umfasst. Eurasien besteht aus Europa, der Türkei und der früheren SU, während Ostasien die Staaten China, Korea, die Mongolei und Japan einschließt.
Bei den Orwellschen Kriegen geht es weder um Landgewinn noch um Vernichtung der Feinde, sondern – neben dem Erhalt des Kräftegleichgewichts – um Ablenkung der Bevölkerung. Während Eurasien durch seine riesigen Landflächen geschützt ist und Ozeanien durch die Atlantischen Meere, hebt sich Ostasien durch Gebärfreudigkeit und den Fleiß seiner Bewohner ab.

Orwell begann seinen zukunftsweisenden Roman 1984 im Jahr 1946; 1949 wurde er veröffentlicht. Die drei Supermächte, die elektronische Überwachung der Bevölkerung, die “Anpassung” der historischen Vergangenheit, das Neusprech (ähnlich unserer Sprachzerstückelung durch Informatik-wording), das Zwiedenken, die “Gedankenverbrechen”, die “Unperson”, die Bedeutung des Hasses, die Spaltung der Gesellschaft – woher bezog dieser Jahrhundertautor bloß seine visionäre Kraft?

Grusel und Faszination gleichermaßen beim Wiederlesen …

Danke, Papst

Sogar Papst Franziskus pfeift es inzwischen von den Dächern – in einem Interview bestätigt er das Narrativ des Kremls, wonach die NATO eine Mitschuld an der russischen Invasion in der Ukraine trage – was nicht als Rechtfertigung für den Krieg gemeint ist. Das Oberhaupt der Katholischen Kirche warf dem Verteidigungsbündnis unter anderem ein “Bellen an Russlands Tür” vor. Wie lange wollen die sog. Leitmedien sich dieser Version noch verschließen, um mit Panikmache und Kriegstreiberei die Stimmung weiter anzuheizen?

Danke Alice! Danke Emma!

Offener Brief an Bundeskanzler Scholz

EMMA Redaktion hat diese Petition gestartet

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

wir begrüßen, dass Sie bisher so genau die Risiken bedacht hatten: das Risiko der Ausbreitung des Krieges innerhalb der Ukraine; das Risiko einer Ausweitung auf ganz Europa; ja, das Risiko eines 3. Weltkrieges. Wir hoffen darum, dass Sie sich auf Ihre ursprüngliche Position besinnen und nicht, weder direkt noch indirekt, weitere schwere Waffen an die Ukraine liefern. Wir bitten Sie im Gegenteil dringlich, alles dazu beizutragen, dass es so schnell wie möglich zu einem Waffenstillstand kommen kann; zu einem Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können.

Wir teilen das Urteil über die russische Aggression als Bruch der Grundnorm des Völkerrechts. Wir teilen auch die Überzeugung, dass es eine prinzipielle politisch-moralische Pflicht gibt, vor aggressiver Gewalt nicht ohne Gegenwehr zurückzuweichen. Doch alles, was sich daraus ableiten lässt, hat Grenzen in anderen Geboten der politischen Ethik.

Zwei solche Grenzlinien sind nach unserer Überzeugung jetzt erreicht: Erstens das kategorische Verbot, ein manifestes Risiko der Eskalation dieses Krieges zu einem atomaren Konflikt in Kauf zu nehmen. Die Lieferung großer Mengen schwerer Waffen allerdings könnte Deutschland selbst zur Kriegspartei machen. Und ein russischer Gegenschlag könnte so dann den Beistandsfall nach dem NATO-Vertrag und damit die unmittelbare Gefahr eines Weltkriegs auslösen. Die zweite Grenzlinie ist das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung. Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis.

Wir warnen vor einem zweifachen Irrtum: Zum einen, dass die Verantwortung für die Gefahr einer Eskalation zum atomaren Konflikt allein den ursprünglichen Aggressor angehe und nicht auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern. Und zum andern, dass die Entscheidung über die moralische Verantwortbarkeit der weiteren „Kosten“ an Menschenleben unter der ukrainischen Zivilbevölkerung ausschließlich in die Zuständigkeit ihrer Regierung falle. Moralisch verbindliche Normen sind universaler Natur.

Die unter Druck stattfindende eskalierende Aufrüstung könnte der Beginn einer weltweiten Rüstungsspirale mit katastrophalen Konsequenzen sein, nicht zuletzt auch für die globale Gesundheit und den Klimawandel. Es gilt, bei allen Unterschieden, einen weltweiten Frieden anzustreben. Der europäische Ansatz der gemeinsamen Vielfalt ist hierfür ein Vorbild.

Wir sind, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, überzeugt, dass gerade der Regierungschef von Deutschland entscheidend zu einer Lösung beitragen kann, die auch vor dem Urteil der Geschichte Bestand hat. Nicht nur mit Blick auf unsere heutige (Wirtschafts)Macht, sondern auch in Anbetracht unserer historischen Verantwortung – und in der Hoffnung auf eine gemeinsame friedliche Zukunft.

Wir hoffen und zählen auf Sie!
Hochachtungsvoll
DIE ERSTUNTERZEICHNERiNNEN

Andreas Dresen, Filmemacher
Lars Eidinger, Schauspieler
Dr. Svenja Flaßpöhler, Philosophin
Prof. Dr. Elisa Hoven, Strafrechtlerin
Alexander Kluge, Intellektueller
Heinz Mack, Bildhauer
Gisela Marx, Filmproduzentin
Prof. Dr. Reinhard Merkel, Strafrechtler und Rechtsphilosoph
Prof. Dr. Wolfgang Merkel, Politikwissenschaftler
Reinhard Mey, Musiker
Dieter Nuhr, Kabarettist
Gerhard Polt, Kabarettist
Helke Sander, Filmemacherin
HA Schult, Künstler
Alice Schwarzer, Journalistin
Robert Seethaler, Schriftsteller
Edgar Selge, Schauspieler
Antje Vollmer, Theologin und grüne Politikerin
Franziska Walser, Schauspielerin
Martin Walser, Schriftsteller
Prof. Dr. Peter Weibel, Kunst- und Medientheoretiker
Christoph, Karl und Michael Well, Musiker
Prof. Dr. Harald Welzer, Sozialpsychologe
Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist
Juli Zeh, Schriftstellerin
Prof. Dr. Siegfried Zielinski, Medientheoretiker

https://www.emma.de/artikel/offener-brief-bundeskanzler-scholz-339463

Kirchengeld

Dienstag. Immer wenn ich denke, schlimmer gehts nimmer, setzt die Erzdiözese Köln noch eins drauf. Anfang April kam ans Licht, dass Kardinal Rainer Maria Woelki aus dem Sozialfonds, mit dem auch Hilfen für Missbrauchsopfer finanziert werden, die Spielschulden eines Priesters beglichen hat, inklusive Zinsen und Steuern: gut eine Million Euro.
Was schockiert mehr – die Zahl oder die Geldquelle? Die Großzügigkeit gegenüber dem spielsüchtigen Kirchenmann verträgt sich jedenfalls schlecht mit dem Gefeilsche um Entschädigungsleistungen für die Betroffenen.
Schon in den vergangenen Jahren war dem umstrittenen Kardinal immer wieder vorgeworfen worden, die Aufklärungsarbeit von Sexualstraftaten im Bistum auszubremsen und statt dessen deutlich mehr Geld für PR-Agenturen und Rechtsberatung in eigener Sache auszugeben als für die Hilfe der Geschädigten: nämlich 2,8 Millionen Euro! Was ungefähr die doppelte Summe von dem ist, was den Missbrauchsopfern als Anerkennung ihres Leids ausgezahlt worden ist. Insofern fügt sich der aktuelle Fall in das Muster ein.

Aber die Gläubigen des Bistums fahren die Krallen aus. Nicht nur sind seit den jüngsten Skandalen die Kirchenaustritte dermaßen in die Höhe geschossen, dass Austrittswillige für Termine im Amtsgericht mehrere Wochen Wartezeit einkalkulieren müssen. Auch der Kirchenchor des Kölner Doms hatte sich für Palmsonntag auf eine Protestaktion geeinigt, die zum einen mediale Wellen schlug und zum anderen auch Woelki nicht kalt gelassen haben dürfte: Das eigentlich 50-köpfige Ensemble trat mit einer achtköpfigen Rumpfbesetzung auf – „eine kleine, aber besonders bunte Abordnung“ aus nicht katholischen Sängern und Mitgliedern der Queer-Szene, so die Kölner Religionslehrerin und Chorsängerin Edith Timpe.

Das Erste, was ich mache, wenn ich mal pensioniert bin, sagt mir kürzlich ein befreundeter Religionspädagoge, ist aus der Kirche auszutreten! (Ich selbst spiele ständig mit dem Gedanken, wenn ich bei meiner Mutter sehe, wie die Ev. Kirche mit treu zahlenden Alten umgeht: Nämlich gar nicht.) Ein nicht unerheblicher Teil der Gläubigen, die mit ihrem Gesang oder allgemein ihrem Freizeitengagement den evangelischen und katholischen Gottesdienst beleben, sind genau die Menschen, die aufgrund ihrer Lebensform von den Kirchen ausgegrenzt werden. Etwa seit zwei Jahren beobachte ich, dass sich Jugendliche ohne entsprechende familiäre Tradition den freikirchlichen Gemeinden vor Ort zuwenden. (Ich habe als Jugendliche davon phantasiert, mich der Hippiegemeinde Children of God anzuschließen).
Die Kirchen können es sich – immer noch – leisten.

WE im Fluss

Sonntag. Da erzähle ich meinem Nachbarn von den beiden leerstehenden Zimmern, die vor der Pandemie immer an Student*innen vermietet waren, dass ich überlege, sie ukrainischen Geflüchteten zur Verfügung zu stellen. Und er sagt, da sei ich bei ihm goldrichtig. Er sei es nämlich, der für die Verteilung von Geflüchteten auf den freien Wohnraum zuständig ist (was ich nicht wusste). Allerdings seien im Kreis Tübingen bisher noch nicht so viele angekommen, wie vermutet. Er wird Ausschau halten …

Schon am nächsten Tag hat sich die Lage geändert. Mein lieber T. ist für ein paar Tage eingezogen. Er befürchtet, sich bei einem Kumpel mit Corona infiziert zu haben, und E. darf sich nicht anstecken. Bisher ist er negativ und ich ziehe ihn ein bisschen auf, ich denke, dass er sich zu viele Sorgen macht. Und finde es super, dass er da ist.

Am Abend sind PM und ich im Kino, seit wieviel Monaten das erste Mal wieder? Eingeschlossene Gesellschaft von Sönke Wortmann mit tollen Darsteller*innen – ein tragikomisches Kammerspiel, wobei die Kammer ein Lehrerzimmer ist, und die Spieler sind eine Handvoll Pädagogen plus einem verzweifelten Vater. Lustig, unkorrekt, sehenswert bis zur letzten Sekunde.

Es geht um Noten. Ich bin mit meinen 71 Korrekturen fast durch.