Lass uns über den Tod reden – Dieter Thomas Kuhn

Montag. Heute bin ich achtundvierzig und denke: „Wow, was für ‘ne Scheiße, mit dreißig zu sterben. Das ist ganz schön früh.“
Wenn man jemanden verliert, wird einem die eigene Endlichkeit sofort bewusst und dass es eben saumäßig schnell gehen kann. Als Jugendlicher war ich eh schon etwas melancholischer als andere Jungs in meinem Alter. Der Verlust meines sehr geliebten Bruders hat sicherlich dazu beigetragen, dass der Tod in meiner Vorstellung allgegenwärtig ist.
Auch die Angst, nicht um das eigene Leben, sondern um das der anderen Menschen, die man gernhat, diese Angst flattert seitdem mit.

Veröffentlicht unter 2018

Lass uns über den Tod reden – Enno Kalisch

„… Zwei Jahre vor seinem Tod saß mein Vater im Publikum. Ich hatte einen Auftritt im Dorfcafé, und es war ein magisch schöner Abend. Ich glaube, da war er wirklich stolz auf mich. Indem er mich als Geschichtenerzählter erlebte, erkannte er mich als den, der ich jetzt bin. Ich glaube, da sah er, dass ich mein Ding machte und meinen Weg gefunden hatte. Indem er mich und meine Kunst anerkannte, erkannte er ja auch einen Teil von sich selbst an. Ich war für meinen Vater so ein komischer Junge, der nicht gut turnen konnte. Mein Vater dagegen war ein exzellenter Turner gewesen. Er wusste nicht, wie er mich einordnen sollte. Und er war für mich als Vater nicht greifbar. Vor Auseinandersetzungen lief er weg, oft knallte es zwischen uns, bis die Fetzen flogen. Er fand Therapeuten auch so schrecklich! Warum ich ausgerechnet Musiktherapie studieren wollte, hat er nie verstanden. Wer weiß, vielleicht habe ich es nur deshalb gemacht? Er hat dann überall herumerzählt, ich sei Musiklehrer. Er hat sich Sorgen um mich gemacht. Aber letztlich hat er mich immer unterstützt, auch finanziell.
Endgültig zusammengekommen sind wir in einer Auseinandersetzung um meine Rolle als Vater.
Ich bin ein leidenschaftlicher Vater und habe mich von Anfang an sehr um meine Kleine gekümmert. Mein Vater konnte mit Säuglingen nichts anfangen. Er machte sich lustig über mich und kam damit überhaupt nicht klar, dass ich mich so engagierte, vielleicht auch überengagierte. Als ich einmal mit dem Kinderwagen kämpfte, der sich nur schwer zusammenklappen ließ, fing er an mich zu veräppeln. Da bin ich komplett ausgerastet. Ich habe eine Flasche auf den Boden geworfen und ihn angebrüllt: „Vater, ich brauche deine Unterstützung und nicht das! Wenn du meinst, du kannst es nicht ertragen, dass ich Vater bin, dann muss ich gehen.“
An dem Tag ist mein Vater zum letzten Mal Fahrrad gefahren. Er schnappte sich sein Rad und fuhr davon, über die Dörfer, weil er sich nicht anders zu helfen wusste.
Tags darauf haben wir uns zusammengesetzt, da habe ich es ihm noch einmal in Ruhe erklärt: dass ich ihn brauche, auch wenn er Dinge bei mir sieht, die er doof findet. Das dürfe er mir ruhig sagen, aber ich brauche ihn als jemanden, der auf meiner Seite steht.
Wir sind an den Deich gefahren, und dann haben wir beide einfach eine Weile die Klappe gehalten. Das war schön. Wir wussten, wem wir gegenüber standen und dass das jetzt unser Moment war.
Von da an änderte er seine Haltung mir gegenüber. Später, als ich ihn pflegte, konnte ich ohne Worte spüren, dass wir auf Augenhöhe waren. Und dass wir uns eigentlich immer geliebt haben.
Obwohl ich mir meinen Stand gegenüber meinem Vater schwer erkämpfen musste, mache ich heute vieles wie er.
Manchmal höre ich seine Stimme im Kopf wie Lebensweisheiten, die ich nicht vergessen möchte. Er begleitet mich vor allem in schweren Momenten oder wenn ich eine Entscheidung zu treffen habe. Dann ist er mir total nahe.
Ich habe ganz schöne Bilder von ihm in mir abgespeichert, wie er sich an mich anlehnt, fast so wie ein Kind, mir aber gleichzeitig Kraft gibt und Mut zuspricht, als sei er mein Vater und mein Sohn in einem, so ein warmes und zärtliches Bild ist das, wie es eben zum Schluss gewesen ist, als er sich mir anvertraut hat …“

Veröffentlicht unter 2019

Wenn …

… PM mich ansieht, denke ich immer das Wort Augenblitze. Er holt mich in diesen überbordenden, hochgepeitschten Tagen wieder runter, macht einen Joke, lacht sein Lachen und ich lache mit, weil es wirklich witzig ist und ich nicht so tun muss als ob, läuft mit mir in die Stadt rein, findet den meerblauen Mantel von Marbello gut, den ich sowieso genommen hätte, aber so ist es viel besser, setzt die Kaffeemaschine in Gang und gibt dabei eine Anekdote zum Besten, die ihm gerade durchs Gehirn rauscht, schlägt die Beine übereinander mit dieser ihm in die DNA eingeschriebenen PM-Eleganz, sagt etwas über etwas so punktgenau, dass ich nichts mehr sage –
Alles wird gut!

Veröffentlicht unter 2019

Überraschung

Samstag. Damit hatte die Bayer-AG wohl nicht gerechnet, den Prozess um Krebsrisiken von Glyphosat zu verlieren.
Wie das Bundesgericht in San Francisco jetzt geurteilt hat, ist der Pflanzenvernichter Roundup – irreführend immer als Unkrautvernichter tituliert, obwohl es keineswegs nur Unkräuter vernichtet, sondern ALLES bis auf die speziell gegen den Wirkstoff Glyphosat wirksam genmanipulierten Getreidesorten durch ein Monsanto-Patent – ein wesentlicher Faktor für die Entstehung von Lymphdrüsenkrebs.
Die Übernahme von Monsanto wird dem Leverkusener Pharmakonzern noch übel aufstoßen. Denn der Kläger Edwin Hardeman, der dem Monsanto-Konzern nicht nur seine Krankheit, sondern auch bewusstes Verschweigen der Risiken durch das Pflanzengift Glyphosat vorwirft, wird nicht der einzige Kläger bleiben.
Bayer zeigt sich „enttäuscht“, sei aber „weiterhin zuversichtlich, im zweiten Teil des Prozesses beweisen zu können …“ – laberrhabarber laberrhabarber.
Die Internationale Krebsforschungsagentur der WHO hatte schon 2015 den Unkrautvernichter als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen eingestuft. Mit diesem jahrelangen Vorwissen übernahm der Bayer-Riese den Monsanto-Riesen, einschließlich dessen Patente für genveränderte Getreidesorten, die die Landwirte kaufen müssen, solange sie Glyphosat einsetzen, und das tun sie alle, denn auch der Nachbarbauer setzt es ein – ein gewinnmaximierender Kreislauf, dem sich kein Landwirt (mehr) entziehen kann.
Die Prozesswelle rollt an, die Aktionäre zittern. Mit dem Urteil aus San Francisco ist ein Musterfall eingetreten. Tausende von Klagewilligen erwarten schon den Ausgang des nächste Prozesses, der in Kalifornien / Oakland startet.
Bayer hat Monsanto im vergangenen Jahr für 63 Mrd. Dollar übernommen. Der Schmuddelname Monsanto sollte dadurch aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt, dagegen das Geschäft mit dem Pflanzengift und den genmanipulierten Saatgütern weltweit ausgebaut werden. Ausgebaut wird nun aber erstmal die Prozesslawine.
Bereits 2018 hatte ein US-Gericht dem Monsanto-Kläger Dewayne Johnson insgesamt 289 Millionen Dollar zugesprochen. Diese Summe wurde zwar in einem Widerspruchsverfahren durch den Monsanto-Konzern auf 78 Mio abgesenkt, doch der Schuldspruch gegen den Chemie-Riesen ist ein Zeichen, das vielen an Krebs erkrankten Landwirten / städtischen Bauhof-Angestellten / Hausmeistern / Kleingärtnern Mut machen dürfte.

Veröffentlicht unter 2019

Feedback

Samstag, B.N. Superpositives Feedback von der Berliner Zeitung, mit der es gestern ein Telefoninterview gab, und von der Thüringer Allgemeinen, die mich vorgestern interviewte. Beide Interviews müssten nächste Woche erscheinen. Das von der Thüringer Allgemeinen hat Esther Goldberg gemacht, das von der BZ Florian Thalmann. Schönstes Kompliment von Thalmann: Er werde Lass uns über den Tod reden nach Fertigstellung des Interviewtextes zuende lesen – was nicht unbedingt die Regel sei.
Darüber habe ich mich gefreut.
Beret hat angerufen. Sie ist schon durch und hat beim Text von Ehrhardt-Lakomy geweint.

Veröffentlicht unter 2019

Besuch

Auf der umgedrehten Zinkwanne sitzt heute Morgen eine Ente und watschelt durch das flache Wasser auf dem Wannenboden. Wo kommt die her? Wie kommt die wieder runter? Auf dem Nachbarbalkon sitzt auch eine, ein graues Weibchen; die bei mir ist das Männchen mit grün schillernder Federrobe. Auf Hörkontakt recken sie sich einander zu, eine Mauer trennt sie, zwei Königskinder?, nö, wie auf Verabredung heben die ab und weg sind sie …

Veröffentlicht unter 2019

Waffen, Mobbing und ein Verein zur Rettung der deutschen Sprache

Dienstag. Wir sind die Guten! – Deutschland ist auf Platz 4 in Sachen Waffenexport nach den USA, Russland und Frankreich. Hauptimporteur: kein anderer als der saudische Mörderprinz MbS. Da fragt man sich, was schlimmer ist?

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Sahra Wagenknecht wirft das Handtuch. Sie gibt gesundheitliche Probleme als Grund an, wen wundert’s? Dass fortwährendes Mobbing gesundheitsgefährdend ist, weiß jeder, der es selbst schon mal in der einen oder anderen Form erlebt hat.
Offenbar ließ sich Parteichef Bernd Riexinger im Oktober 2017 mit dem Satz zitieren:
“Sahra ist leider nicht aufzuhalten als Fraktionsvorsitzende. Man kann sie nicht einfach abschießen. Sahra muss gegangen werden und daran arbeiten wir. Wenn wir sie immer wieder abwatschen und sie merkt, sie kommt mit ihren Positionen nicht durch, wird sie sicher von alleine gehen.”
Nun hat das jahrelange Mobbing zum ersehnten Erfolg geführt. Operation geglückt, Partei tot? Weder Riexinger noch seine nicht minder intrigante Co-Vorsitzende Katja Kipping dürfen laut Parteistatut im nächsten Jahr noch einmal für den Parteivorsitz kandidieren. Was mich aber viel mehr interessiert: Ist Aufstehen jetzt schon gescheitert?

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Der Verein Deutsche Sprache hat eine Unterschriftenaktion gestartet. Genauer: Einen „Aufruf zum Widerstand!“ So kurz und bündig wie der Titel ist auch sein Programm: „Schluss mit dem Gender-Unfug!“
Die prominente Unterschriftenliste – man soll sich bei einer Sache ja nicht um die Personen scheren, die sie unterstützen, aber Gucken ist wohl noch erlaubt – führt u.a. Kai Dieckmann und, oh Schreck!, Dr.Dr. Rainer Zittelmann an. Dazwischen, WHUOT???, Didi Hallervorden sowie die Lyriker Kunert und Kunze, die ich ausnehme, weil in Gedichten – subjektive Perspektive – sowieso nicht gegendert wird, und logo, Cora Stephan, die seit den Siebzigern immer zur Stelle ist, wenn es darum geht, rückwärts zu gehen – also:
Wem soll diese Aktion NÜTZEN?
Sprache entwickelt sich. Sprache ist wie ein wildes, unbändiges Tier. Sie lässt sich nicht per Beschluss in ihre Schranken weisen, auch nicht von hochgerüsteten Sprachschützern.
Das haben schon andere versucht, etwa die Fruchtbringende Gesellschaft und Gelehrte wie M. Opitz im 17. Jahrhundert. Der Eifer einiger Mitglieder, jeglichen fremden Einflüssen (besonders dem Französischen) den Garaus zu machen, nahm mitunter groteske Züge an, etwa so, als würde man heute versuchen, sich gegen englische Fremd- und Lehnwörter zu stemmen. Kann man machen, ist aber reine Kraftverschwendung.
Irgendwann werden sich die exzessiven Auswüchse des Genderns im Sand der Geschichte verlieren – und vieles davon wird bleiben, da es sich als kulturell angemessen erwiesen hat. So wie die Anglizismen in der deutschen (Umgangs)sprache ganz sicher nicht ab- , sondern zunehmen werden, obwohl es auch dagegen eifernde Gesellschaften und Unterschriftenlisten gibt; der Kampf gegen Denglisch ist der Hauptantrieb des Vereins Deutsche Sprache.
Lohnt sich die Aufregung darüber? Von irgendwelchen gesetzlichen Vorgaben in Sachen geschlechtergerechte Sprache sind wir noch ziemlich weit entfernt, wie man an der Nichtdurchsetzung des generischen Femininums, also der „Professorin“ für alle Professorinnen und Professoren an der Uni Leipzig, – nur um ein Beispiel zu nennen – erkennen kann. Doch das Gendern ist staatlich gewollt und in den meisten wissenschaftlichen Disziplinen mittlerweile Standard. Die schon längere Geschichte des Genderns und die leidenschaftliche öffentliche Diskussion darüber bringen es mit sich, dass inzwischen fast jede(r) ein bisschen gendert, und das ist auch gut so!
Denn die bestehenden Geschlechterverhältnisse ändern sich für alle spürbar, unsere Hör-, Lese- und Schreibgewohnheiten sind anders als noch vor 20 Jahren. Selbstverständlich schlägt sich ein verändertes soziales Bewusstsein in der Sprache nieder. Umgekehrt erhöht aber auch das Einhalten sprachlicher Konventionen die soziale Sensibilität und die gesellschaftliche Kompetenz – eine fruchtbringende Wechselwirkung!
Gendern ist etwas unbequem. Zunächst! Aber: „Alles ist schwer, bevor es leicht ist (Thomas Fuller).“ Und wer auf noch mehr Gendern im Moment keinen Bock hat, hat eben keinen Bock. 
Letztlich gilt: Ich als Sprecherin / Autorin etc. bestimme die Spielregeln. Wie viele Doppelnennungen oder Gender*Sternchen noch ästhetisch sind, ist allein meine Entscheidung. Mut zum eigenen Weg hebt auch das Selbstwertgefühl. Wozu leben wir in einer freien Gesellschaft? Den zum Teil ganz schön militanten Sprachschützerinnen und -schützern zum Trotz – passieren tut niemandem etwas. Oder drohen Strafen / Entlassungen / Karriere-Aus für Nicht-Gendern?

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Genderphobist …

Veröffentlicht unter 2019

Es ist da

Samstag. Seit heute halte ich mein Buch in den Händen. Was lange währt, wird endlich gut. Dieses Gefühl habe ich: Ich bin einverstanden, so wie es ist.
Wir sind extra früh nach Tübingen losgefahren, um die Pakete mit den Belegexemplaren heute noch von der Post abzuholen. Jetzt stehen sie in meiner Küche. Ich habe sie geöffnet, während PM Kaffee gemacht hat. Er nimmt ein Buch heraus und gibt es mir. Es liegt gut in der Hand, die Leinenstruktur ist haptisch angenehm, die Farben so, wie ich sie mir gewünscht hatte, und wenn ich es aufschlage, sehe ich meine 18 tollen Gesprächspartnerinnen und -partner vor mir.
Ein schöner Moment. Vor allem weil der, ohne den das Buch niemals entstanden wäre, dabei ist.

Veröffentlicht unter 2019

Frauentag

Freitag, B.N. PM gratuliert mir zum Internationalen Frauentag und liest mir die News vor. Der 8. März ist seit diesem Jahr gesetzlicher Feiertag in Berlin als erstem Bundesland. Kritik hagelte es direkt nach dem Beschluss des Abgeordnetenhauses aus Bayern. Weil Berlin pleite ist und Bayern beim Länderausgleich draufzahlt. Die Bayern haben trotzdem noch drei Feiertage mehr als die Berliner.
Zur Feier des Tages treffen wir uns heute Abend mit J. und A. zum Essen im Medo in Siegburg.

Veröffentlicht unter 2019