Entschleunigung

Sonntag. Aus dem Frühstück wird dann ein sechsstündiger Quasselmarathon. Meine zwei Mitbewohnerinnen, die ich Sediq und Lisa nenne, haben nicht nur Geschichten auf Lager, sie haben auch was zu sagen. Sie sprechen supergut Englisch, vor allem Lisa, und helfen mir auf sehr liebenswürdige Weise vokabelmäßig auf die Sprünge. Gegen Nachmittag überlegen wir, ob wir jetzt nahtlos zum Abendessen übergehen oder vielleicht doch noch was machen sollten. Wir entscheiden uns für Letzteres, haben auch wirklich keinen Hunger mehr und strecken die eingeschlafenen Glieder, bevor wir uns jede in ihr Zimmer verkrümeln. Ich schreibe mit einer Hand, was sehr langsam geht, und bin glücklich. Wenn auch im Schneckentempo, es geht voran mit dem Manuskript.

Veröffentlicht unter 2019

Vereinigte Proletarier aller Länder

… gibt es ja irgendwie nicht mehr, und Roboter werden kaum ein Klassenbewusstsein entwickeln. Heute spricht man lieber vom Prekariat. Oder neuerdings vom Algorithmenprekariat.
Dazu zählen zum Beispiel Regaleeinräumer bei Aldi / Lidl / Ikea. Was das Algorithmenprekariat kennzeichnet, ist die nach Computerprogramm zugeteilte und gemessene Arbeitsleistung. Es ist der Mann im Ohr, der ihnen sagt: Gehe jetzt zu Palette fünf und trage in Ebene 3. Danach gehe zu Palette 1 … Ihr Chef ist kein Mensch, sondern ein Chef-Algorithmus. Er allein bestimmt über Tempo und Toilettenpause, und wenn er keine Pause vorsieht, wird eben in die Flasche gepinkelt.
Da fällt einem unweigerlich der Tramp aus Charlie Chaplins Moderne Zeiten ein: Eines Tages lässt er das Fließband Fließband sein und fängt an zu tanzen. Arbeitsverweigerung statt Willigkeit zur Ausbeutung.
Folgerichtig landet der traurige Held nach seiner Tanzeinlage durch die Werkshalle in der Psychiatrie. Indem er jedoch der Sympatieträger ist, im Gegensatz zum Vorarbeiter und zum Fabrikdirektor, stellt er damit die unausgesprochene Frage, wer hier eigentlich krank ist, er oder die gerade erst aufkommende hochindustrialisierte Gesellschaft.
Man muss das Gehirn ausschalten, man muss aufhören selbst zu denken, man opfert dem Algorithmus sein Gehirn, sonst hält man solche Jobs nicht durch. Der Algorithmenprekarier ist ein moderner Sklave. Einer von denen, die ihren Sklaventreiber als Mann im Ohr direkt bei sich tragen (vielleicht bald mit auswechselbarer Stimme in verrucht, sportlich, Bayerisch oder Plattdüütsch für den gerade noch zulässigen Hauch von Wohlfühlfaktor …). Jeder hat einen anderen Mann im Ohr. Austausch mit anderen Sklaven ist somit nicht erforderlich und auch nicht vorgesehen.

Veröffentlicht unter 2019

Und raus bist du

… ist das so wichtig, ob der Attentäter von Halle ein Einzeltäter ist oder irgendeiner rechtsradikalen Gruppierung angehört? Unsere Gesellschaft produziert Einzeltäter, weil sie sich immer weiter individualisiert. Nicht einmal mit der Kassiererin müssen wir demnächst noch ein überflüssiges Wort wechseln. Ausgerechnet IKEA („Lebst du noch oder wohnst du schon?“) plant in diese Richtung, dass der Kunde seine Waren selber einscannt und per online-banking zahlt.
Unsere Gesellschaft besteht aus lauter Einzelwesen, die zunehmend weniger miteinander zu tun haben, zunehmend alleine vor sich hinleben und zunehmend alleine zurechtkommen müssen. Ohne jede soziale Kontrolle haben sie – wir – die besten Chancen, immer nerdiger, seltsamer, abgründiger, abwegiger zu werden. Wenn die Freunde dann nur noch virtuelle Game-Figuren sind, wenn die gesamte Kommunikation ins wireless Nirvana geht, wenn die Hände nur noch den Joystick berühren statt die Haut eines anderen Menschen, bist du raus.
Der Attentäter von Halle hat seinen Rachefeldzug durch Halle wie ein Videogame angelegt und kommentiert. Sein Anschlag war rein netzbasiert, die Waffen hat er sich mit 3D-Druck selbst gebastelt. Wir sehen hier den Prototypen eines technisch vereinzelten Täters, der keine Verbindung zur Außenwelt mehr braucht und wahrscheinlich auch nicht mehr will.
So jung, wie er war, war er schon sehr lange raus.

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Die Tür zur Synagoge von Halle

Aus der Narkose erwacht und dank der Medikation fast keine Schmerzen an der frisch operierten Hand, lese ich erst am Abend im Smartphone von dem Zweifachmord in Halle.
Wenn ich viele Quellen zusammennehme, ergibt sich für mich folgendes Bild:
Ein Schwertbewaffneter in Kampfanzug und mit Stahlhelm versucht gegen Mittag, in die Synagoge einzudringen. Dort feiern gerade 70-80 jüdische Gemeindemitglieder Yom Kippur, was der Versöhnungstag, ähnlich unserem Buß- und Bettag, ist und der abschließende der zehn ehrfurchtsvollen Tage, mit denen das jüdische Jahr beginnt.
Merkwürdigerweise steht die Synagoge von Halle nicht unter Polizeischutz. Ihre Tür hält aber auch so: Trotz selbstgebastelten Mollotow-Cocktails und anderem schweren Geschütz kommt der Täter nicht rein. Daraufhin erschießt er eine Frau auf offener Straße vor dem jüdischen Friedhof und flieht vor den inzwischen herbeigerufenen Polizisten in einem Mietwagen. Offensichtlich frustriert, weil die geplante Massenhinrichtung à la Breivik in der Synagoge nicht funktioniert hat, ballert er etwa eine Stunde später zuerst mit einer Schrotflinte, dann mit Maschinengewehr in einen Dönerladen. Ein Mann stirbt sofort, zwei weitere werden angeschossen und können später medizinisch versorgt werden.
Offener Antisemitismus in Deutschland – und ich muss an die Holocaust-Überlebende Ilse Falkenstein-Rübsteck denken, die ich noch für mein Buch Lass uns über den Tod reden interviewen durfte. Da sagt sie: „Der Antisemitismus … ist schon immer dagewesen, und er wird nie verschwinden. … Ich habe schon sehr früh die Erfahrung gemacht: Jüdischsein ist immer auch ein Bedrohtsein. Wie eine dunkle Ahnung – als würde man von Anfang an wissen, worauf das einmal hinausläuft.“
Seine Heldentaten hat der Täter mit der Helmkamera dokumentiert. Er kommentiert sie auf Deutsch und Englisch, wohl für die internationale Rechtsextremistenszene. Nicht auszudenken, wenn er die Tür aufbekommen hätte … Die Hallener Bürger, wie auch die Leipziger und die Dresdener, müssen nach dieser Katastrophe den Megaparties zur 30-jährigen Wiedervereinigung einen deutlichen Akzent hinzufügen, um den Anfängen, die gar keine Anfänge mehr sind, etwas entgegenzusetzen.

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Gestern, heute, morgen

Dienstag. Die Tübinger kommen mit ihren eigenen Erfahrungen um die Ecke, sodass ich gar nicht viel lesen musste. Das war eine intensive Veranstaltung in der Begegnungsstätte Hirsch. Überhaupt ist der Hirsch eine fabelhafte Institution, nicht nur für Ältere. Das Publikum überraschend gemischt. Ein sehr offenes Publikum, zwei Männer erzählten von Todesfällen in ihren Familien, es flossen Tränen und es wurde gelacht, besonders, als ich aus dem Kapitel von Axel Nacke und dem Würstchenbudenbetreiber vom Eintracht-Braunschweig-Stadion vorlas.
Meine neue Mitbewohnerin ist eine echte Bereicherung. Sie ist Physikerin. Sie denkt mit, was sich an Kleinigkeiten bemerkbar macht, z.B. wie sie meine etwas komplizierte Krups Kaffeemaschine mit einem Blick analysiert (Wasserdampf!). Gestern zeigte ich ihr Bücher von Kader Abdolah, einem meiner Lieblingsautoren. Den kannte sie nicht, er ist ja auch schon in den Achtzigern ins Exil gegangen. Sie bat mich um einfache Kinderbücher, um damit ein bisschen Deutsch zu lernen, und ich holte ihr Bilderbücher von T. und L. aus dem Keller. Die fand sie sehr lustig und hat sie in ihr Zimmer mitgenommen.
Ich habe noch eine zweite neue Mitbewohnerin. Gestern kam sie nur kurz vorbei, sie will erst am Mittwoch richtig einziehen. Bin gespannt, ob das alles so passt…
Morgen werde ich an der Hand operiert. Die liebe Susanne holt mich nach der OP ab. Im „Amt“ alles für zwei Wochen vorausgeplant. Das müssen jetzt andere für mich machen … sehr komisches Gefühl.

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Freude im Herbst

Samstagmorgen. Mieterwechsel. Den Tag der deutschen Einheit habe ich genutzt, beide Gästezimmer samt Fenster und Balkon zu putzen, zusätzliches Bettzeug aus dem Keller zu holen und die Betten zu beziehen – diesmal kommen gleich zwei. Nachdem Dario wieder nach Venezuela abgezwitschert ist, ist meine Wahl auf eine Physikerin aus dem Iran gefallen – ich arbeite mich international durch. Bin sehr gespannt auf sie. Heute Nachmittag kommt sie an. Hoffe, dass es keine ideologischen Kollisionen gibt. Das andere Zimmer bekommt eine Pharmazie-Studentin aus Mainz, die am Montag direkt vom Bahnhof in die Uni rauscht und am Nachmittag mit ihrem Rucksack einigermaßen pünktlich hier aufschlagen sollte. Danach habe ich eine Lesung in der Begegnungsstätte Hirsch – engmaschiges Timing, wie üblich …
PMs Geburtstagsbescherung gestern Abend war schön, er hat sich, glaube ich, über alles sehr gefreut. Er schläft noch, es ist friedlich und herbstlich, auf die umgedrehte Zinkwanne auf der Dachterrasse prasselt der Regen, Gott sei Dank, nach den zwei letzten Sommern freue ich mich über jeden Tropfen, der vom Himmel auf die kranken Wälder fällt.
Großes Kompliment im „Amt“: Die Reise nach Eisenach sei die schönste Klassenfahrt ihres Lebens gewesen. Das sagten die Eltern auf dem für Rückblicke und Zukünftiges vorgesehenen Abend. Sie sagten auch sonst noch allerlei Erfreuliches. WarmUmsHerz. Meine mitunter unkonventionellen Entscheidungen passen ihnen, das ist nicht selbstverständlich. Freut mich! Sehr!
Und um das Maß voll zu machen, freue ich mich jetzt auf die frischen Doppelwecken vom Bäcker nebenan … muss sie bloß noch holen … wo ist der Regenschirm? … und am besten gleich ein paar mehr für meine neue Mitbewohnerin …

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Einheitsjubiläum

Donnerstag. „Im Osten fand keine Entnazifizierung statt …“ – lese ich gerade in einem Social Media Post. Abgesehen davon, dass Entnazifizierung etwas anderes ist als die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, was hier wohl eigentlich gemeint ist, ließe sich zu der Behauptung so einiges anmerken.
Einer meiner Vorfahren war Anwalt mit Spezialgebiet Entnazifizierung. Glaube bloß keiner, dass mit diesem Vorgang eine tiefergehende Gesinnungsprüfung einhergegangen sei! Wer den Persilschein bekam, war startklar für die Karriere in der BRD, aber der nationalsozialistische Virus war deshalb noch lange nicht ausgerottet – er saß tief und zudem gab es kaum einen, der damit nicht infiziert war.
Dagegen hat sich die DDR – bei aller berechtigten Kritik am SED-Staat – den Antifaschismus auf die Gründungsfahne geschrieben. Wer ehemalige DDR-Bürger*innen kennt, weiß, welchen Raum der Nationalsozialismus und seine Aufarbeitung im Schulcurriculum eingenommen haben. Der Faschismus war ein gängiges Thema, die Jugendlichen sind mit der Debatte aufgewachsen, während in unseren Klassenzimmern (Westen) das Wort über mindestens 3 Jahrzehnte überhaupt nicht existierte. Es ist eine sehr arrogante Pose des Westlers, die AfD-„Erfolge“ in den „neuen“ Bundesländern mit der mangelnden Faschismus-Aufarbeitung zu erklären. Die Menschen dort nennen andere Gründe – und die sollte man erstmal anhören, bevor man ohne Sachkenntnis und mit Vorurteilen beladen über die „neuen“ Bundesbürger ablästert, um selbst als großartig aufgeklärter Bayer oder Schwabe o.ä. dazustehen – aber die „neuen“ Bundesländer seit 30 Jahren nur aus dem Fernsehen kennt.

Veröffentlicht unter 2019