Dunkeltag

Freitag. Heute wurde J.S. auf dem Bergfriedhof beigesetzt. Ungefähr 300 – 400 Trauergäste haben ihn verabschiedet. Sehr bedrückend, so eine Sache weckt unheimliche Ängste. Vor zwei Jahren hat er Abi gemacht und angefangen Theologie zu studieren. Kann mich gut an die Diskussionen mit ihm erinnern, er war immer einen Tick provokant, hat sich viele Gedanken über vieles gemacht … Anschließend zu Fuß zurückgelaufen und in der Stadt mein Fahrrad gesucht (und gefunden), das ich gestern vor dem Rundfunkinterview irgendwo angekettet und dann vergessen habe.
T. und L. angerufen, ob es ihnen gut geht.
Am Abend ist Vernissage im Stadtmuseum. Susanne ist mit mehreren Arbeiten vertreten. Volles Haus. Ich treffe u.a. meine frühere „Amts“-Kollegin Anne, auch Künstlerin, mit der ich später nach Hause laufe und mich für nächste Woche verabrede. Sie erzählt mir, dass ihr erster Mann vor ein paar Wochen gestorben sei. Seine letzte Lebensgefährtin habe sich geweigert, die Beerdigung zu bezahlen, das sollten jetzt mal seine beiden erwachsenen Söhne übernehmen. Beide Söhne hätten aber kein Geld, sodass ihre Mütter eingesprungen seien. Die Kosten für die Beerdigung tragen jetzt also die beiden Exfrauen des Verstorbenen, von denen Anne eine ist. Sie lacht darüber, sagt aber: „Ich rede nicht mehr mit der!“, womit sie die geizige Lebensgefährtin meint. So kann’s gehen. (Vielleicht ist die aber gar nicht geizig, sondern wg. irgendwas verletzt?)
PM kann dieses WE nicht kommen. Sehr blöd.

Veröffentlicht unter 2019

DLF

Donnerstag. Am Nachmittag direkt vom „Amt“ auf den Österberg hoch zum SWR-Landesstudio. Eine Stunde später – bin ausnahmsweise viel zu früh da – werde ich der Redakteurin von Religion und Gesellschaft, Dr. Christiane Florin, in Köln zugeschaltet. Sie hat eine sympatische Stimme und stellt anspruchsvolle Fragen. Sie mag mein Buch, sie erkennt den redaktionellen Aufwand dahinter. Die Sendung mit dem Titel „Warum wir über den Tod reden sollten“ wird am kommenden Montag in der Reihe Tag für Tag im Deutschlandfunk gesendet. Hinterher fühle ich mich sehr gut. Eine Stunde lang mit Jerome telefoniert.

Veröffentlicht unter 2019

Begegnungen in Altenkirchen

Montag. Am Wochenende hatte ich eine Lesung im Westerwald, genauer: in Altenkirchen bei der Buchhandlung Wäller. Veranstalterin war die Landesjugendakademie. Ich war noch nie zuvor im Westerwald und wusste gar nicht, wie schön es dort ist. Und wie liebenswürdig die Menschen sind. Ich kann das gar nicht alles hier beschreiben. Die Zuhörer*innen waren sehr besondere Männer und Frauen, wie auch die Buchhändlerin, die nebenher Kinderbücher schreibt und einen eigenen Verlag gegründet hat.
Am nächsten Tag, Samstag, lerne ich in einem Modeladen, wo ich aus dem Schaufenster raus einen Plüschmantel kaufe, das Inhaber-Ehepaar kennen. Wir quatschen bis weit in den Spätnachmittag rein. Große, spontane Nähe, vielleicht ein spannender Gesprächspartner für nächstes Buchprojekt: Der Mann hatte ein Nahtoderlebnis, von dem er so anschaulich berichtet, wie ich das nur aus den entsprechenden Reportagen kenne. Keine religiöse Deutung, aber seitdem habe er keine Angst mehr vor dem Tod. Er ist schwerkrank, hat schon viele Operationen hinter sich, dennoch vielseitig interessiert und dem Leben zugewandt. Die beiden haben PM und mich eingeladen. Ich habe Lust darauf. An solchen Tagen spüre ich den Herzschlag des Lebens.

Veröffentlicht unter 2019

… mal wieder Abschied

Sonntag, B.N. Gleich werde ich in den Zug steigen, meine Tasche zwischen die Beine stellen und durch die Tür nach draußen sehen, in zwei Augen, die mir viel bedeuten, dann einen Platz suchen und vielleicht keinen finden, stehend oder sitzend mit Blick aus dem Fenster das Wochenende durchspielen mit seinen Highlights und seinen Zweifeln, ja die auch, während der Zug durch die Gegend brettert am schönen Rhein entlang durch das schöne Andernach und das schöne Bingen und soviel Schönheit macht ja auch ein bisschen müde und ich weiß nicht, was der Rest des Jahres – die Zukunft! – bringt, und das ist vielleicht das Denkwürdige daran, dass mir das nichts ausmacht.
Nicht länger auf die Nebengleise starren und Hauptsache kein Stillstand. Dem Unechten die Stirn bieten. Dem Echten das Herz.

Veröffentlicht unter 2019

Kürzest-Version

Samstag, B.N. Der Osten wurde nach dem Anschluss überrollt, die Industrie plattgemacht, vielen der Stolz gebrochen. Da haben wir nun den Salat: Die AfD ist keine neue Bürgerpartei, sondern eine Rachepartei …

Längere Kurzversion:

„… Was auf die sog. Wiedervereinigung folgte, war harte Arbeit und große Ungewissheit, ein Volk aus gestandenen Persönlichkeiten, die über Nacht zu einem neuen Staat gehörten, alles neu lernen und jemand anderes werden mussten. Statt der alten SED-Eliten nahmen nun Westdeutsche auf den wichtigsten Stühlen Platz, die Schreckensbilder aus dem Staatsbürgerkunde-Unterricht schienen zum Leben erwacht, der Einzug des Kapitalismus riss erdrutschartig alles mit.
Landauf, landab machten die Betriebe dicht, drei von vier Ostdeutschen verloren in den ersten Jahren nach der Wende ihren angestammten Arbeitsplatz und damit das, was in der DDR Lebensmittelpunkt und Identität bedeutet hatte …“
(Hendrik Bolz in: der Freitag Nr. 41, 10. Oktober 2019)
„Man muss sich ja bewusst machen, dass das Ziel der Öffnung der Grenzen genau genommen war, die Massenflucht zu stoppen – was über Jahre nicht gelang. Und dass die Öffnung der Grenzen und die damit folgende schnelle deutsche Einheit etwas war, was die Bürgerbewegung, die Aktiven Revolutionäre nie gefordert hatten, was aber andere, die nie revolutionär tätig waren, sofort als ihre Chance in der gegebenen Situation erkannt haben.“
(Jörg Phil Friedrich, 9.11.2019)

Veröffentlicht unter 2019

CulturMag

Donnerstag. Lass uns über den Tod reden ist ein intensives, zutiefst humanes Buch. Immer wieder geht es darum, Frieden zu finden. Abschied. Ermutigung. Das alles fängt mit reden an. Die Gespräche sind gehaltvoll, die Autorin hat eine sehr gute Hand gehabt. Das Buch ermutigt, den Tod öffentlich zu machen, ihm einen Platz im Leben einzuräumen. Das minimalistische Cover übrigens bringt den Tod visuell auf den Punkt.“

(Alf Mayer, 3. Nov. 2019)

Veröffentlicht unter 2019