Die gute Tat

Freitag. Ganz spontan geht Kollegin P. mit mir nach unten, um mir bei etwas zu helfen, worüber ich mich freue, denn ich habe sie nicht darum gebeten, da sagt sie noch im Gehen, das sei jetzt ihre gute Tat und damit sei sie für heute durch.
Ich sage mir, dass ich es prima finde, für jemanden die gute Tat zu sein. Ich biete mich direkt noch für den nächsten Tag an, aber Kollegin P. meint, so gehe das nicht, eine gute Tat müsse sich immer aus dem Augenblick heraus ergeben und es sollte auch nicht zwei Mal hintereinander dieselbe Person treffen.
Das leuchtet mir natürlich ein.

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Nett, netter, am …

Mittwoch. Alleinlebende Frauen und Handwerker – auch so ein Thema. Mit Fachkenntnis kannst du nicht punkten, ist auch nicht gefragt. Also Brötchen schmieren und Kaffee kochen und NETT SEIN. Im besten Fall bist du jetzt die Mutti und sie erzählen dir ihr Leben (was ich mag, weil es manchmal die tollsten Geschichten befördert). Flirten ist auch noch okay. Im schlimmsten Fall checken sie deine Wohnung, als wollten sie gleich übernehmen. Das sind dann die Nassforschen. Die sich irre witzig finden, aber ganz schnell stinkstiefelig werden, wenn du nicht mitlachst. Da kommst du dann schwer ins Grübeln, was tun. Weil sie noch nicht fertig sind mit ihrer Arbeit. Weil du sie bei Laune halten musst. Weil es dich anwidert, diese Gratwanderung zwischen gerade noch nett und noch nicht Arschtritt. Weil Arschtritt jetzt das Korrekteste wäre …

 

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Treppe aufwärts

Dienstag. Verfassungsschutzpräsident Maaßen hat ziemlich viel Mist gebaut und muss gehen. Merkel, Seehofer und Nahles haben das heute beschlossen. Darüber wird er aber nicht so traurig sein, denn gehen müssen heißt im bundesdeutschen Beamtenapparat nicht wegmüssen. Maaßen wird jetzt Staatssekretär im Innenministerium. Die GroKo hat sich damit bis auf weiteres hinübergerettet und alle sind zufrieden, am meisten wahrscheinlich Maaßen selbst. Wie man heute überall nachlesen konnte, steigt sein Grundgehalt um 2580,20 Euro pro Monat auf 14.157,33 Euro.

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Inschallah – Das Haus an der Moschee

Montag. Das Haus an der Moschee von Kader Abdohlah ist ein wunderschöner Roman, der die Leserin in eine Welt der Poesie, der Entschleunigung und der blühenden Safranfelder entführt.

Am Beispiel einer frommen und einflussreichen Familie – oder eines alten Hauses, was in dem Fall auf das gleiche herauskommt -, zeigt er sowohl die gegenseitige Faszination als auch den tiefen Graben zwischen morgenländisch islamischer und christlich geprägter, abendländischer Kultur auf. Männer, die von Frauen gewaschen und angezogen werden, die die Nägel geschnitten und das Essen mundgerecht gereicht bekommen, stehen Frauen gegenüber, die noch nie über eigenes Geld verfügt und deshalb nie so etwas wie persönliche Bedürfnisse entwickelt haben. Sie verstecken sich hinter dem Bücherregal des Imam, wenn der Hausmeister das Haus betritt, also mehrmals täglich. Sie werden „vom Haus“ versorgt: Mit Essen und Kleidern, was braucht eine Frau auch mehr?

Staunend erfahren wir von abergläubischen Ritualen, die die Menschen dumm halten, und von solchen, die die Frau noch dümmer als dumm halten: Zwanzig Jahre lang morgens, vor Sonnenaufgang, wenn niemand es sieht, den Gehsteig fegen, und der Prophet Gesr wird ihr erscheinen und sie mit einer kostenlosen Pilgerreise nach Mekka belohnen. Und wenn das nicht klappt: Nochmal zwanzig Jahre fegen!

Das Haus an der Moschee erzählt davon, wie der Islam allmählich unter dem Einfluss der USA (1. Regime-Change) und des Schah-Regimes sein über die Jahrhunderte gewachsenes Gesicht verändert. In der Abwehr der westlichen Weltmacht entsteht im Iran der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts der radikale, politische Islam in Gestalt des Ayatollah Khomeini und seiner Nachfolger.

Endlich versteht man es aus der Innensicht heraus: Wie der achtzigjährige Ayatollah eines Tages aus dem Nichts auf dem Pariser Flughafen auftauchte und die iranische Revolution in die Hand nahm. Er konnte sich auf ein international bestens funktionierendes, zunehmend gewaltbereites Netzwerk verlassen, das ihn als höchste Autorität verehrte und ihm absolut ergeben war. Seine Frau ging stets drei Meter hinter ihm. Die Medien zeigten diesen seltsamen Ayatollah auf dem Teppich hockend und in Richtung Mekka betend. Während seiner Predigten hielt er ein Gewehr in der Hand, überhaupt hielt das Gewehr Einzug in die Moscheen. Seine flammenden Reden gegen Amerika wurden in die ganze Welt übertragen. Die Herzen der iranischen Jugendlichen flogen ihm nur so zu.

Die von Khomeini ausgelöste Revolution brachte keine Freiheit, sondern Blut und Tränen. Nach außen kämpfte der greise Ayatollah gegen die USA und Irak / Saddam Hussein als US-Vasallen (bemerkenswert, wenn man sich dessen Ende in Erinnerung ruft), nach innen gegen die kommunistische Freiheitsbewegung, die ihn anfangs sogar unterstützte, und gegen die Kurden. So viel Schrecken, so viele Hingerichtete – alle ohne Gerichtsverhandlung – gab es nie. (Auf sechs Millionen beziffert Abdohlah sie, eine Zahl, die einen zusammenzucken lässt, weil man ganz andere Tote damit verbindet.) Eine Gehirnwäsche hatte das Land wie eine Virusepidemie befallen. Mütter denunzierten ihre Söhne, Schwestern ihre Brüder, Söhne ihre Väter. Das Beerdigen der Toten war polizeilich verboten. Hingerichtete galten als unrein, sodass die Angehörigen oft tagelang mit dem Leichnam im Auto durch die Dörfer irrten auf der Suche nach einem heimlichen Bestattungsplatz.

Die fanatische Ideologie erinnert sehr an die des Naziregimes, was die Willkür, die Brutalität und Hierarchisierung des Organisationsapparates betrifft. Zusätzlich war sie antimodern und gegen jegliche Art von Kunst gerichtet. Schreiben, musizieren, malen galten mit dem Einzug des neuen Systems – und gelten in Scharialändern bis heute – als verdächtig, weil individuell und schwer kontrollierbar.

Interessant auch die Rolle der Frauen! Die, die sich komplett dem neuen Religionswahn unterwarfen, hatten plötzlich gute Chancen, zu einiger Bedeutung zu gelangen. Sie quälten die weiblichen Häftlinge in den Gefängnissen, zwangen ihnen durch Folter religiöse Übungen auf und teilten sie den Islamisten zum Beischlaf zu. Die Frauen, die nicht zu Täterinnen werden wollten, blieben am besten unsichtbar wie die Luft. Die schwarze Stoffhülle, der Tschador, trat seinen Siegeszug in den Straßen an, bei den Männern waren es die Bärte.

Die wahren Helden aber waren die im Krieg gefallenen Märtyrer. Das Märtyrertum gab dem Massensterben durch Krieg und ein gewalttätiges Gerichtswesen einen nachträglichen Sinn. Der Dschihad wurde zum inneren Gelobten Land.

Gegen Ende wird das Buch immer trauriger. Es ist der Teil der Geschichte, den man am besten aus der Realität kennt, und man weiß ja, dass die Sache sich nicht mehr zum Guten kehrt:

„Die Zeit stand still für die, die von Leid erdrückt waren, für die, die tot waren und für die, die ihre Toten beweinten. Auch für die, die ihren Garten umgruben, um ihr Leid zu bewältigen, und für die, die in der Küche fromme Speisen zubereiteten, um ihren Schmerz auf Schalen zu verteilen.“ (S. 365)

An keiner Stelle wird der exiliranische Autor Abdolah polemisch oder moralisierend. Glück oder Leid, die Dinge geschehen eben. Inschallah – so Allah will, scheint richtungsweisend über dem ganzen Roman zu stehen. Auch in dem Haus an der Moschee wird es still. Und es wird leer. Viele Protagonisten, die der Leserin ans Herz gewachsen sind, sind hingerichtet worden, geflohen oder befinden sich in Gefolgschaft der neuen Herren. So auch der für all die Hinrichtungen verantwortliche „Richter Gottes“, der einst in das Haus an der Moschee eingeheiratet hat. Für ihn ist kein Platz mehr an der Führungsspitze, als der alte Ayatollah Khomeini langsam sein Gedächtnis verliert. Und so dient er sich den Taliban in Afghanistan an, die gerade dabei sind, ihr islamistisches Regime nach Scharia-Recht zu etablieren.

Alles hängt mit allem zusammen, denkt die Leserin bei sich. Der Kosmos des Hauses an der Moschee ist durch die Geschichte der vergangenen sechzig Jahre heftig gebeutelt worden. Am Ende hinterlässt er einen süßen, melancholischen Geschmack von Vergänglichkeit, aber auch von Ewigkeit.

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Alleinsein

Die erste Woche im „Amt“ war – okay. Ich vermisse W., der leider nicht mehr mein Kollege ist, dafür aber noch mein Freund und Nachbar, weshalb wir gestern gemeinsam den umbrisch-provencalischen Markt in Tübingen besuchten und ein paar Sachen einkauften, die man eben so kauft auf so einem Markt: Seife, Gewürze, einen Olivenholzlöffel für L. und eine Feigensalami, die beim Kauen knirscht und knackt vor lauter Feigenkernen.
Das Wochenende war ich alleine in Tü, und das hat nach der langen Zeit in B.N. gut getan. Manchmal muss man sich selbst genügen, sich wieder orientieren, den Staub von den Regalen wischen, die Dinge gerade rücken, die Kontoauszüge öffnen und das Unkraut aus den Ritzen der Terrasse pulen.

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So genau …

Sonntag. Der Bundestag hat die Beteiligung am Syrienkrieg beschlossen.

„Für welche Seite sind wir dort im Einsatz?“, fragt Klaas Butenschön die Abgeordneten, als sie den Plenarsaal verlassen. Eigentlich die nächstliegende Frage (wenn schon nicht klar ist, was deutsche Soldatinnen und Soldaten überhaupt in Syrien verloren haben).

Die Antworten muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:

  • Waldemar Westermayer (CDU): „Wir sind …, tja, eine gute Frage…“
  • Thorsten Hoffmann (CDU): „Wir sind natürlich für die Gemeinschaft.“
  • Roland Kiesewetter (CDU): „Wir kämpfen für die Interessen Europas und Deutschlands.“
  • Dorothee Schlegl (SPD): „Auf der Seite der Menschen.“

„So genau kenne ich mich da nicht aus“, fügt Schlegl hinzu, als Klaas ihr sämtliche  Optionen / politischen Gruppierungen in Syrien aufzählt. Mit diesem Statement scheint sie für alle befragten Abgeordneten des Deutschen Bundestages zu sprechen.

Sie alle haben übrigens FÜR den deutschen Militär-Einsatz in Syrien gestimmt.

 

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Verantwortlich

Durch die schöne, grüne Südstadt läuft eben eine vor mir her, als ihr plötzlich eine Kastanie auf den Kopf fällt. Die landet auf dem Boden und rollt mir vor die Füße.
Also, das ist doch wohl ein Fall für die Versicherung!, sagt die Frau, während sie sich den Kopf reibt. Sehen ja hübsch aus, aber müssen die überm Gehweg wachsen?
Na klar, sage ich, die gehör’n alle abgesägt.
Sie guckt mich an und weiß nicht, was sie von mir halten soll.
Sicherheitshalber wechsle ich die Straßenseite.
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Doppelstern

Samstag. Als ich mir das komische leuchtende Ding am Himmel genauer ansehen will, ist es ein Stern. Großer Schrecken. Ich sehe den Punkt als Strich. Auch die Mondsichel hat plötzlich auf einer Seite eine hauchfeine, zweite Linie. Nur wenn ich die Augen zukneife, sehe ich Mond und Stern wieder normal. Das ist wohl mein neues Normal: Ver-rückt, im wahrsten Sinn des Wortes. Es ist auf beiden Seiten, ich teste das sofort. Auf einen Schlag. OMG!, und ich hasse Brillen…

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Un-fall

T. hatte einen Unfall. Ein LKW ist ihm seitlich reingeknallt. Toter Punkt und so, der Andere habe ihn nicht gesehen (warum muss der dann überholen?). Keine Panik auf der Titanic, sagt T., ihm sei ja nichts passiert. OMG! Da pennt einer eine Sekunde lang … irgend so ein Trottel … und verändert u.U. das Leben eines Anderen (meines Sohnes!), nein, vieler Anderer um hunderachtzig Grad … wenn überhaupt … ist ja noch mal gut gegangen … trotzdem ist da so eine Wut und Fassungslosigkeit …

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Nachtrag

Mittwoch. Um meinen letzten Blogpost  ein wenig zu relativieren: Ich liebe Sprache.

Weshalb ich die vielen Grausamkeiten, die ihr angetan werden, zutiefst verabscheue und – in Maßen – daran leide.

Es ist ja vollkommen in Ordnung, dass jeder sich in den verschiedenen sozialen Netzwerken zu jedem Problem schriftlich äußern kann, auch wenn die Äußerungen sehr oft kryptisch bis unverständlich ausfallen. Oder im schlimmsten Fall einfach durch Emojis ersetzt werden. Aber da schreiben eben Leute, die eigentlich gar nicht schreiben. Für die die Umwandlung eines bestimmten Tatbestandes in Wort und Syntax keinen Reiz, keine Herausforderung darstellt. Die lieber den Smiley-Button drücken, wenn sie Freude empfinden.
Weshalb ich die Postings der sozialen Plattformen auch gar nicht der Schriftsprache zuordnen würde, sondern der gesprochenen Sprache oder einer – mitunter sehr kreativen – dritten Kategorie dazwischen. In der E-Kommunikation geht es, im Gegensatz zum herkömmlichen Brief, doch gerade darum, das Geäußerte formal nicht zu reflektieren, sondern es zeitnah und „wie gesprochen“ in die Tasten zu hauen. Auf Kommata und Konjunktiv kann im Zuge der Spontaneität keine Rücksicht genommen werden – oft auch zum Nachteil der Verständlichkeit.

Logisch, dass einem als Sprachmensch da manchmal die Tränen kommen könnten! Wenn ich die geschredderten Sätze sehe, die hingerichteten Worte und die arme Syntax, die wie ein Lumpensack auf der Straße der zerschossenen Orthographie daher gehumpelt kommt, dann wird mir auch kurz mal übel. Aber wirklich nur kurz. Es gibt Schlimmeres auf der Welt.

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