Rezension „Lass uns über den Tod reden“

Freitag. Manchmal gibt es Rezensionen, die einen zum Weinen bringen – vor Freude, weil man so tief verstanden worden ist. Weil sie differenziert und ernsthaft, sprich uneitel, sind. So eine fand ich heute in der Leipziger Internet-Zeitung:

… „Es ist ein stellenweise sehr berührendes Buch und einige der Erzähler und ihre Verstorbenen werden einem auf neue Weise vertraut. Manchmal wird es traurig, oft aber auch ermutigend, weil es einen Teil unseres Lebens zeigt, den wir so gern ausblenden, weil wir uns vor dieser Flut von Gefühlen fürchten. Aber tatsächlich gibt es da gar nichts zu fürchten. Außer dieses dumme Gefühl, mit den Gestorbenen nie über all die Dinge geredet zu haben, die uns reineweg irre machen, weil wir sie immer wissen wollten und sollten. Und dann doch nie gefragt haben aus Angst, wir könnten die Schweigsamen mit unseren Fragen zutiefst verletzen. Obwohl meist das Gegenteil der Fall ist: eine große Nähe. Eine kleine Befreiung. Ein Gefühl, dass man doch nicht aneinander vorbei gelebt hat.“

Danke, Ralf Julke!

Hier der ganze Artikel: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2019/07/Lass-uns-ueber-den-Tod-reden-18-Gespraeche-mit-Prominenten-ueber-das-groesste-Tabu-unserer-Zeit-285216

Veröffentlicht unter 2019

Was man von hier aus sehen kann

Donnerstag. Das Buch Was man von hier aus sehen kann ist der sehr sonderliche, uneingeschränkt gute Roman von Mariana Leky vom Frühjahr 2019. Ich freue mich jeden Tag aufs Weiterlesen. Es ist ein reines Frauenbuch. Es erfüllt die Leserin mit einer Behaglichkeit, die aus der Zeit gefallen scheint. Wie Kerzenlicht. Wie selbstgebackener Bienenstich. Es passiert auch nicht viel. Aber das, was passiert in diesem ganz besonderen Dorf im Westerwald, wird so schön beschrieben, dass frau in die Seiten plumpst wie in eine Daunendecke.
Man könnte jetzt darauf kommen, ich hätte den ganzen Tag nichts Besseres zu tun als schöne Bücher zu lesen. Das ist fast schon lustig. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Meine Lesezeit beträgt jeden Abend geschätzte fünf Minuten, dann fällt mir das Buch auf die Nase und ich falle in Tiefschlaf. Je mehr das „Amts“jahr dem Ende zugeht, desto mehr gibt es zu tun. Abends torkel ich aus dem „Amt“ und habe vom wunderschönen Sommer nichts mitbekommen, dafür aber ca. achthundert Einzelschicksale. Die werden zweimal im Jahr marathonmäßig abgehandelt. Einige sind erschreckend schlimm, die meisten normal. Über die spricht man nur kurz. Die anderen lassen einen hilflos zurück, weil es in unserem System so ist und sein soll, dass man – wir – viel wahrnehmen und wenig Handlungsspielraum haben. Das geht bis zum behördlich verordneten Redeverbot. Gerade da, wo viel geredet werden sollte. Das „Amt“ trifft keine Schuld, es leidet selbst unter diesem System. Es sind die eingeschalteten Behörden, die sich abwenden und anderes zu tun haben. Genauso verhält es sich mit der hoch gehandelten digitalen –
nein, das Fass mache ich nicht auf. Dessen sollen sich die Medien annehmen, wenn sie von der ganzen Dramatik erführen, würde sie sich entsetzen, aber sie erfahren es nicht. Denn wer sollte die Missstände nach außen tragen? Ohne sich zum Verräter und Nestbeschmutzer zu machen?
Geld ist genug da. Unmengen Gelder, die einfach mal versenkt werden. Das ist das Schlimme daran, dass du – ich, wir – manchmal so furchtbar deutlich siehst und sehen, woran die Nichtlösung eines Problems hängt, aber nichts daran ändern kannst und können. Das ist die Freiheit unserer kapitalistischen Demokratie bzw. unseres demokratischen Kapitalismus‘: Du kannst alles sagen, du kannst es sogar hinausschreien. Aber es hört dir niemand zu. Da ist eine Wand zwischen denen, die etwas brauchen, und denen, die es haben, aber nicht hergeben oder es falsch geben, weil Zeit auch Geld ist oder weil sie gerade keinen Bock haben …
Was man von hier aus sehen kann erzählt das Gegenteil von Nicht-Zuhören, Nicht-Helfen. Hier hören sich alle zu und alle sorgen füreinander. Eigentlich ist es ein Buch über Nächstenliebe. (Vielleicht deshalb die sehr schräge Erzählperspektive, die es streng genommen so gar nicht gibt: Die der allwissenden Ich-Erzählerin!). Eine wunderschöne Sozialutopie – und könnte so einfach nachzuspielen sein.

Veröffentlicht unter 2019

Sprachrohr

Dienstag. Auch wenn ich es immer noch nicht wahrhaben will: Der Spiegel ist ein CDU-Sprachrohr.
Wäre doch der Essay über Komiker in der Politik (Die Clowns und die Priester v. Dirk Kurbjuweit, Heft 27, 29. Juni 2019) eigentlich richtig gut, aber dann das:
„Annegret Kramp-Karrenbauer zum Beispiel handelte sich gewaltigen Ärger ein, als sie zu Karneval ein Witzchen über Transgender-Toiletten machte. Bis heute gilt das als Beleg, dass sie sich vom liberalen Kurs Angela Merkels verabschieden will.“
What??? Das „Witzchen“ über Transgender-Toiletten hat Leute aufgeregt, die auch bei Politiker*innen Sexual Correctness einfordern. Das mag schräg sein, hat jedoch gar nichts damit zu tun, es als Gegenstück zu Merkels unglaublicher Liberalität ins Spiel zu bringen bzw. zu werten. Oder ist mir da was entgangen – Merkel als Vorkämpferin in Sachen Transgender?
Darauf kommt wirklich nur der Spiegel. Schade, was aus dem einstigen Investigativblatt geworden ist.

Veröffentlicht unter 2019

Begegnungen am WE

Sonntag. Zum Sonntagsbrunch kommt auch noch Steve dazu, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Steve ist jetzt fertig mit dem Studium und PM fährt seine ganze Rhetorik auf, um ihn zur Chirurgie zu bekehren.
Gestern Abend mit PM auf dem Tübinger Stadtfest: Die Bühne auf dem Marktplatz ohne Liveband!, wo gibts denn so was?, dafür steht ein einsamer DJ an seinem Mix-Pult da oben und spult Malle-Schlager ab wie auf jeder Dorfkirmes. Vor wenigen Jahren rockten die Jungs von The Savants die Bühne und versorgten Tausende Tübinger*innen mit good vibrations. Dagegen ist das ein müder Abklatsch. Die Leute sollten das boykottieren …

Veröffentlicht unter 2019

Exploding Star

Donnerstag. Auf dem Etui steht ganz understatementmäßig in kleinen, weißen Lettern: Dolce & Gabbana. Die Sonnenbrille selbst schmückt das Logo kaum sichtbar auf der Innenseite des einen Bügels. Sie sieht uneingeschränkt großartig aus, irgendwie amerikanisch – und gehört nun endlich mir!
Da liegt sie an meinem Platz und stiehlt mit ihrem exotischen Design den banalen Gegenständen um sie herum die Show, doch meine Freude ist getrübt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das liegt an meinem rechten Auge. Außer den Flusen und Blasen kommt seit heute Morgen noch ein explodierender Stern dazu, jedesmal, wenn ich die Augen öffne. Ein abenteuerliches Ding. Im ersten Moment denkst du: Wow!, was für eine Sinnestäuschung, im nächsten weißt du, dass das jetzt bleibt. Im besten Fall. Was noch alles kommt, liegt im Dunkel. Kollegin S. erzählt mir gerade (ich bin im „Amt“), sie habe einmal aus dem Nichts heraus die Welt wie durch ein Prisma gesehen, das ganze Bild geometrisch zerstückelt. Sie habe totale Panik geschoben. Dieser Zustand habe etwa zehn Minuten angedauert. Zehn Minuten können verdammt lang sein, sagt Kollegin S. In der Augenklinik habe man ihr Problem auf ihre Migräne zurückgeführt. Das glaubt sie aber nicht, weil sie bei Migräne Sichtfeldeinschränkungen hat und nicht Prismazerstückelung.
Mit solchem Schlamassel ist man rein auf sich gestellt. Keiner kann dir wirklich helfen. Du musst allein damit fertig werden, du musst dir eine Strategie überlegen. Du merkst auf einmal, dass du deinen Körper nicht mehr im Griff hast. Eine komplett neue Erfahrung. Du malst dir aus, dass es nicht nur das Auge, sondern das Gehirn ist. Dann wird’s richtig gruselig.
Es ist jetzt nicht mehr so, oder nicht mehr nur so, dass ich die Sache von der lustigen Seite nehme. Dolce & Gabbana ist okay und super und alles. Aber mein Auge macht mir Angst.

Veröffentlicht unter 2019

Interesse

Mittwoch. Viele Anfragen wg. Lesungen u. Veranstaltungen im Oktober/November, wenn die stillen Feiertage kommen.
Anfang August Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger direkt in Köln.
Kommenden Dienstag erscheint ein komplettes Kapitel aus meinem Buch Lass uns über den Tod reden – das über den Trauertherapeuten Roland Kachler – auf psylife.de. Psylife.de ist das online-Magazin des Deutschen Psychologen Verlags (DPV), einer 100%-Tochtergesellschaft des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP). Insofern eine schöne Adresse.
Das Interesse tut gut. Noch besser fühlt es sich an, wenn Kollegin B. mir heute erzählt, sie habe Lass uns über den Tod reden schon zum dritten Mal verschenkt. Mit Komplimenten ist es wie mit Unglücken. Je geringer die Distanz, desto größer die emotionale Berührung. In diesem Fall die uneingeschränkte Freude.

Veröffentlicht unter 2019

AugenBlicke

Dienstag. Manche Krankheiten sind so hässlich wie das Wort selbst. Zum Beispiel Glaskörperabhebung. Das ist etwas sehr Doofes. Ich sehe Blasen, einen dicken Tropfen und jede Menge Flusen, als stünde ich vor einer verdreckten Glasscheibe, die mir mächtig die Sicht versaut.
Ganz besonders nervt, wenn ich face to face mit jemandem rede, und dauernd flitzt dieser Tropfen über das Gesicht des anderen. Weil der mitgeht mit jeder kleinsten, beschissenen Augenbewegung. Seitdem weiß ich, wie oft man seine Augen bewegt. Das strengt dermaßen an, den Tropfen nicht zu sehen, weil ich ihn nicht sehen will, aber er ist immer da, dass ich ungeduldig und ungehalten werde. Der andere weiß nicht warum, er sieht ja nichts. Ich sehe aus wie immer, aber ich sehe ganz anderes als bisher. Und das bleibt jetzt so.
Gewöhnen Sie sich daran!, sagt die Augenärztin, die sich viel Zeit nimmt und ganz begeistert ist, weil sie den Tropfen auch sieht mit ihrer Supertechnik superdicht an meinem Auge. Sie sagt, das heiße mouches volantes. Ich glaube ihr nicht, ich glaube, sie hat die falsche Krankheit entdeckt. Ich sage zu ihr, das sieht aber gar nicht aus wie Fliegen. Sondern eher …
Die Augenärztin hält mir ein Blatt hin, da steht alles drauf. Die Augenkrankheit ist beschrieben und mit mehreren Skizzen veranschaulicht. Sie hat einen ganzen Stapel davon kopiert, sie sagt: Das haben viele, das ist nicht schlimm.
Das tröstet mich aber nur ein ganz kleines bisschen. Ich will sie nicht und ich will mich nicht an Tropfen und Flusen gewöhnen.
Wenn ich eine Sonnenbrille aufsetze, sind sie fast weg. Vielleicht ein Argument für dieses Dolce & Gabbana-Modell in diesem einen Optikerladen … hatte ich ja schon fast vergessen …

Veröffentlicht unter 2019

Seethaler

Samstag. Da sitzt Robert Seethaler vorm Wilhelmsstift. Eigentlich sitzt er vor einem Klamottenladen auf dem schmalen Bürgersteig an einem schmalen Tisch und signiert. U.a. mein direkt vorher erworbenes Exemplar von Das Feld.
Ich komme mir vor wie ein aufgeregtes Groupie. Ganz klar ist er mein persönlicher Favorit auf dem Tübinger Bücherfest. Ganz klar sieht er noch besser aus als im Fernsehen. Er freut sich, als ich ihm erzähle, dass ich den Trafikant demnächst mit meiner Truppe im „Amt“ lese. Gefragt, ob ich ihn fotografieren darf, wirft er sich liebenswürdig in Pose. Ich stelle das einfach mal hier ein, k. A., was das neue Urheberrecht dazu meint.

Veröffentlicht unter 2019

Zu zweit

Donnerstag. Zu zweit ist besser als zu dritt. Als allein sowieso. Zu zweit auf einem Dach sitzen, zwischen zwei Schornsteinen, und der Sonne beim Abtauchen zusehen. Zu zweit auf einem Dach spazieren gehen. Tanzen. Kunststücke machen. Fast runterfallen. Sich auffangen. Am anderen festhalten. Zu zweit ist ein ständiges Hinhören. Kann auch nerven. Hin ist von sich weg. Allein ist Herhören, Insichreinhören. Oder: gegen die Stille anhören. Zu dritt ist fremdhören. Das ist schizo, das geht gar nicht. Da lasse ich mir nichts mehr erzählen.
Zu zweit erzählen: Was hast du heute gemacht?
Und du, was hast du gemacht?
Ich habe an dich gedacht.
Ich auch. Ich habe auch an dich gedacht.
Die Schornsteine sind noch ganz warm von der Sonne.

Veröffentlicht unter 2019