Urteil und Folgen

Sonntag, B.N. Solange die Pandemie mit allem, was dazugehört, das einzig beherrschende Thema ist, verliert man die Relation. Am Coronavirus sterben die wenigsten, vom Klimawandel und den katastrophalen Folgen dagegen ist die Weltbevölkerung bedroht. Insofern ist das wegweisende Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutzgesetz ein Fortschritt: Bestätigt wurden darin die Klagen, dass es in dem Gesetz an ausreichenden Vorgaben für die Minderung der CO2-Emissionen ab 2031 fehle. Den Karlsruher Richtern zufolge ist das Klimaschutzgesetz teilweise verfassungswidrig, weil Lasten auf die Zeit nach 2030 verschoben und so Freiheitsrechte der jüngeren Generation verletzt würden. Kläger waren u.a. der BUND, Greenpeace und Fridays for Future.
Auf das Urteil hat die Bundesregierung nun mit erhöhten Klimazielen reagiert und einen Entwurf vorgestellt, nach dem die Emissionen im Land bis 2030 statt wie bisher um 55 Prozent jetzt um 65 Prozent sinken sollen, bis 2040 sogar um 88 Prozent (jeweils gegenüber dem Niveau von 1990). Außerdem soll Deutschland statt im Jahr 2050 schon 2045 klimaneutral sein. Damit wird die Problemlösung endlich auf die Generation übertragen, die für den sorglosen Umgang mit dem Klima verantwortlich ist – meine Generation. Und dies, obwohl wir seit den 70-er Jahren im Bewusstsein der Klima- und Umweltbedrohung aufgewachsen sind.
Mit den neuen Beschlüssen wird auch das Ziel des Pariser Klimaabkommens greifbarer: Die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu reduzieren und die ganz großen Katastrophen noch abzuwenden (aktuell steuern wir auf eine Erwärmung von 3 Grad zu).
Wie die überlebensnotwendigen Ziele im Konkreten erreicht werden, ist noch weitgehend offen. Im Jahr 2020 konnte Deutschland dank der Pandemie die aktuellen Klimaziele kurzfristig sogar übertreffen: Im Vergleich zu 1990 sanken die Emissionen um 40,8 Prozent, anvisiert war ein Gesamtrückgang um 40 Prozent.
Also ist eigentlich klar, wohin die Reise gehen muss: Weniger industrielle Produktion, weniger Konsum, weniger Verkehr, weniger Tierwirtschaft, mehr Ökostrom … I’ll do my best!

Veröffentlicht unter 2021

… vorwärts immer

Montag. Mein Agent schickt mir eine Absage – von dtv. Es geht um meinen Roman, und er meint, es sei keine 0815-Absage, sondern eine mit Begründung. Also eine, auf die ich mir was einbilden kann.
Ich öffne den Anhang und versuche ihn emotional unbeteiligt zu überfliegen: … Eine interessante Autorin, aber … laberrhabarber.
Die interessante Autorin merke ich mir, für den Rest stelle ich auf Durchzug. Trotzdem. Hm.
„Manchmal suchen Verlage auch ein bisschen, um Absagen zu begründen“, tröstet mich mein Agent. Und: Ich soll einfach weitermachen.
Ja, Mann! Was sonst?

Veröffentlicht unter 2021

Inge Auerbacher II

Donnerstag. Meine Lieblingsstelle – Interview mit der wunderbaren Inge Auerbacher:

„Ich habe die Stärke, aus etwas Bösem etwas Gutes zu machen. Ich bin kein Judenstern. Ich bin ein positiver Mensch. Für mich sind alle Menschen Stars, Sterne. Das ist meine Stärke. Meine Eltern haben mir das Gefühl gegeben, mich zu beschützen. Das hat mich durchs Leben getragen. Zum Beispiel jetzt – wir haben Corona, und die Leute drehen durch! Sie können nicht raus – na und? Sie haben zu Essen, sie haben ein warmes Zuhause, Fernsehen, Telefon, sie haben alles! Aber sie halten es nicht aus. Herrgott, wenn die in so ein Lager kämen – sie würden verrückt werden! Die Amerikaner sind sehr spoiled, sehr verwöhnt. Okay, ich habe zu essen, ich habe mehr als genug, und ich kann mit der ganzen Welt kommunizieren. Ich habe Bekannte in der Türkei, in Schottland, in Deutschland. Ich fühle mich nicht alleine …“

Veröffentlicht unter 2021

Zwänge

Freitag. Mein Lieblingsgrieche ist weg. Ist irgendwo anders hingezogen, wo die Mieten erschwinglicher sind, das ist so ein typisches Tübingen-Problem: die völlig gaga Mieten. Das Meze ist eines von vielen Coronaopfern, die sich in der Innenstadt schon längst bemerkbar machen. Alt eingesessene Geschäfte geben auf, weil sie im Lockdown die Mieten nicht zahlen können, die Läden stehen leer, die Vermieter vermieten lieber gar nicht, als dass sie die Miete stornieren, und noch lieber an Ketten oder Geldwäsche-Unternehmen wie diese dubiosen Friseure und Nagelstudios, wo die Sessel noch in Folie eingepackt sind, weil sich sowieso niemals ein Kunde hierher verlaufen wird.
Gabriel hat uns seinen Fall erschöpfend vorgetragen, er sah es kommen, es gab keine Lösung. Das ist wirklich traurig. Es sind doch Lebenswerke, die da in die Kniee gezwungen werden. Wir vermissen ihn und das Meze in unserem Kiez.
Seit gestern bin ich geimpft. Eigentlich wollte ich nicht. Aber jetzt bin ich erleichtert.

Veröffentlicht unter 2021

Inge Auerbacher

Mittwoch. Für mein neues Buchprojekt hatte ich die Ehre, die New Yorker Holocaust-Überlebende, Buchautorin und Biochemikerin Inge Auerbacher zu interviewen. Gerade jetzt empfinde ich ihre Lebenszugewandtheit und ihre Lebenskraft als großes Geschenk und als persönliche Bereicherung.


Veröffentlicht unter 2021

Ausgangssperre

Dienstag. Jetzt sitze ich noch im „Amt“, meinen Online-Unterricht für morgen vorzubereiten, und hab total die nächtliche Ausgangssperre vergessen. 21.56 Uhr … was machen? Durch menschenleere Straßen schleichen wie ein Verbrecher und womöglich kontrolliert werden – verdammt, da habe ich vielleicht Bock drauf!

_________________

*Nachtrag: Alleine spazierengehen ist erlaubt, wusste ich nicht, danke, lieber Gesetzgeber

Veröffentlicht unter 2021

Politisch ungeimpft

Samstag: Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die Wirksamkeit des russischen Impfstoffs Sputnik V wird kaum noch bestritten. Doch die EU weigert sich ihn zu bestellen. Zu mächtig sind die Bedenken, Putin damit zu einem Imagegewinn zu verhelfen.

Trotz der EU-Bestellungen von 2,6 Milliarden Impfdosen bei sechs verschiedenen Herstellern ist zu wenig da. Entweder sind die Präparate noch gar nicht zugelassen oder noch nicht produziert.

Warum die EMA-Zulassung des russischen Impfstoffs sich dermaßen in die Länge zieht, obwohl die halbe Welt schon damit geimpft ist, darüber kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Das Zulassungsverfahren läuft seit Anfang März.

„Impfen ist immer politisch“, sagt der Historiker Malte Thießen, der sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte der Gesundheitsvorsorge befasst. Schon seit dem 19. Jahrhundert ist Impfen ein effektives Mittel in der Innenpolitik: ein Staat kann sich damit gegenüber seinen Bürgern sehr gut als sozial und fürsorglich profilieren. Mit dem 20. Jahrhundert tritt neben diesem innenpolitischen Aspekt noch ein außenpolitischer dazu. Das Impfen wird zu einer Art Leistungstest einer Gesellschaft, die sich im Vergleich mit anderen Gesellschaften dadurch besonders hervorhebt.

Auch in der Corona-Pandemie gibt es die internationalen Rankings, doch merkwürdigerweise riskieren EU-Länder hier lieber ihre schlechten Plätze, als dass sie sich auf einen Deal mit den Sputnik-Herstellern einlassen.

Als ein prominentes Beispiel für die außenpolitische Dimension des Impfens führt Thießen die Polio (Kinderlähmung) an: „In den 1950er Jahren, mitten im Kalten Krieg, hatte die DDR vor der BRD einen wirksamen Impfstoff dagegen entwickelt. Nach einer großen Epidemie im Ruhrgebiet 1961 bot sie der Bundesrepublik vier Millionen Dosen an. … Bundeskanzler Konrad Adenauer lehnte das Angebot damals ab – und zwar aus Erwägungen heraus, die womöglich auch heute eine Rolle spielen, wenn es um Sputnik V geht. „Adenauer fürchtete einen Propaganda-Coup der DDR, verbunden mit der Sorge, dass der Eindruck entsteht, man sei vom Systemgegner abhängig und die DDR würde als ‚das bessere Deutschland‘ dastehen.“

Politische Erwägungen stehen also vor dem Infektionsschutz der Bevölkerung. Und das, obwohl uns ständig erzählt wird, der Schutz unserer aller Leben stehe an erster Stelle. Wer fühlt sich da von den Entscheidungsträger*innen noch ernstgenommen?

Ein Beispiel für eine erfolgreiche weltweite Zusammenarbeit sieht Thießen in dem Pockenausrottungsprogramm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den 1970gern: „An diesem Programm beteiligten sich auch die ‚Systemgegner‘ USA und UdSSR, wobei die einen vornehmlich das Geld und die anderen die Produktionskapazitäten gaben. Die Pocken gelten seit 1979 als ausgerottet.“

Und jetzt wird es spannend: „Eine solche weltweite Zusammenarbeit gibt es derzeit auch. Sie heißt Covax, wird von der WHO organisiert, hat aber bislang weniger Wirkkraft als das Programm damals – was wohl auch daran liegt, dass sich Staaten, die es sich leisten können, schnell große Mengen an Impfstoff gesichert haben. Nicht umsonst wird Sputnik V nach Angaben des Russian Direct Investment Fonds (RDIF), der an der Finanzierung der Impfstoff-Entwicklung beteiligt und für die Vermarktung zuständig ist, insbesondere in Afrika, Lateinamerika und Asien eingesetzt.

Russland verkauft an verzweifelte Menschen, sagte dazu der Medizinprofessor Lawrence Gostin von der Georgetown University dem Magazin Business Insider. Und: Dies ist eine Art zu zeigen, dass Russlands technologische Fähigkeiten denen des Westens ebenbürtig sind.“

Böswillig könnte man sagen: Wie gut für Angela Merkel, dass gerade jetzt Alexej Nawalny mit seinem Hungerstreik dazwischengrätscht und ihr die besten Argumente gegen den Impfstoff-Deal liefert. Die Bundesregierung mache sich „sehr große Sorgen“ um Nawalny, sagte Merkel.

Wieso sorgt sie sich nicht in erster Linie um die vielen ungeimpften Bundesbürger*innen?

Veröffentlicht unter 2021

Tübinger Modell

Freitag. Finito mit dem Tübinger Corona-Modell! Ab nächste Woche ist es wegen der Bundesnotbremse beendet.
Diese besagt: Ab einer Inzidenz von 100 wird das öffentliche Leben runtergefahren, ab 165 auch Schulen und Kitas. Im Landkreis liegt der Inzidenzwert derzeit bei 240, während er in Tübingen bei 91 steht. Warum müssen Geschäfte, die Gastronomie, Theater und Kinos wieder schließen, wenn der Anstieg im Vergleich nicht höher ist als in anderen Landkreisen? Wenn der Wert in der Stadt sogar deutlich niedriger ist, was doch für das Modell spricht. Das ist unlogisch. Ich kann die politischen Entscheidungen nicht mehr so ganz nachvollziehen. Als würden die Infektionen in den Geschäften stattfinden! Und warum Schulen und Kitas schließen bei nach wie vor null positiv getesteten Personen?
Bedrückte Stimmung im „Amt“.
Ab Montag also alles wieder zurück an die Bildschirme … in die Einsamkeit der eigenen vier Wände …

Veröffentlicht unter 2021

Coronatest

Mittwoch. Ja kloar! Wenn wir online-Seminar haben, mute und game ich. Machste auch so, oder?
Muten – ich lasse mir das Wort auf der Zunge zergehen. Der Typ ist Student, er jobbt als Corona-Tester und entertaint mich mit seinen Anekdoten, während er das Stäbchen in meiner Nase herumdreht. Was ich bei Online-Konferenzen wirklich nebenher mache, erzähle ich ihm lieber nicht – weniger gamen, eher Küche putzen. Er ist fertig, das Glasröhrchen mit meiner Probe muss jetzt 20 Minuten warten. Ich feiere das krass, wie Sprache mitgeht. Sich im Rhythmus der gesellschaftlichen Ereignisse entfaltet, neue Blüten treibt, immer lebendig – sogar im Schatten dieser vermeintlich toten Zeit. Ich muss sie ja nicht übernehmen. Obwohl – in muten habe ich mich sofort verliebt. Danke, lieber Tester!

Veröffentlicht unter 2021