“Taurus für die Ukraine – Zusammen bis zum Sieg”

… wenn allerdings Navalnys Tod jetzt als Argument für Strack-Zimmermann herhalten muss, Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine zu liefern, dann ist das einfach nur geschmacklos.
Einen logischen Zusammenhang gibt es nicht, Hauptsache WAFFENNNNNN! Mehr hat die Dame nicht im Hirn. Die Oberkriegstreiberin der Nation zeigt sich heute auf Twitter beim Posen mit einer ukrainischen Abgeordneten in superpeinlichem, gelb-blauen T-Shirt: Auf ihrer Kriegerbrust ein Taurusbulle. Ein Sprüchlein darf natürlich auch nicht fehlen, wie das bei Sprüche-Shirts so üblich ist: “Taurus für die Ukraine – Zusammen bis zum Sieg”
Genau mein Humor. Für den Rücken schlage ich vor: “Wollt ihr den totalen Krieg?”

 

Nawalny ist tot …

… kaltschnäuzig wurde er vor den Augen der ganzen Welt ermordet. Diese Hemmungslosigkeit ist wirklich erschreckend: Es scheint egal zu sein, ob die Öffentlichkeit es weiß oder nicht. Wahrscheinlich soll man es sogar wissen, so in dem Sinne: Seht her, so geht es allen politischen Gegnern, die es mit uns aufnehmen wollen
Warum ist Nawalny Anfang 2021
freiwillig nach Russland zurückgekehrt? Nachdem er nur knapp einen Giftgasanschlag überlebt hatte, weshalb er zur ärztlichen Notversorgung nach Deutschland ausgeflogen worden war? Hielt er sich für unantastbar? Die Erfahrung des Anschlags mit dem Nervengift Nowitschok schließt diese Vermutung eher aus. Oder wollte er ein Zeichen setzen?

Das Zeichen ist in der Welt angekommen.

 

Happy

Freitag, Tübingen. Ein Geburtstag, wie er mir gefällt: mit lieben Menschen. PM lernt meine Schreibgruppe kennen. Meine Schreibgruppe überrascht mich mit süßen Ideen und süßen Geschenken. PMs Strauß so groß, dass ich keine Vase finde. PM schenkt mir Regale für mein Arbeitszimmer in Eisenach und baut sie für mich ein. Damit hat er letzte Woche schon angefangen, zum Glück ist er in handwerklichen Dingen supergeschickt. Mein lieber T. kommt vorbei, und morgen kommen Lieblingskolleg*innen vom alten “Amt”. Glückwünsche auch vom neuen “Amt” in E., über die ich mich genauso freue.
Zu viel Kuchen bestellt und zu viel eingekauft. Wie immer …

Lasst es bleiben!

Dienstag. Maischberger & Co, die Presse, unsere Spitzenpolitiker – sie allesamt können es offenbar kaum abwarten, endlich Krieg zu machen.
“Den Krieg nach Russland tragen …” ist das neueste verschwiemelte Narrativ von Oberkriegstreiber Roderich Kiesewetter! Yeah!, gegen die Russen! Was vor 80 Jahren nicht geklappt hat, soll jetzt endlich hinhauen?
Die Bitte der unwissenden, aber interessierten Bürgerin: Lasst es bleiben, Putin-Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen, nur um Stimmung zu machen, lasst es bleiben, euch an der Kriegshetze zu beteiligen, arbeitet journalistisch sauber, stellt die Sache dar und nicht eure Meinung. Ist Aufrüstung der neue Pazifismus? Ihr seid an vorderster Front, wenn es um Kriegsgeilheit geht. Warum? Habt ihr keine Kinder? Habt ihr keinen Lebenssinn?

Rüstungsunternehmen im Aufschwung

Dienstag. Rheinmetall -Chef Armin Papperger hat den Spatenstich für eine neue Munitionsfabrik in Unterlüß in Niedersachsen gesetzt – juhuu!
Rüstungsunternehmer sind wieder wer, ihre Zeit in der Schmuddelecke isch over. Den Spatenstich verfolgten live Boris Pistorius, Kanzler Olaf Scholz und die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen – mehr Ehre geht kaum.
Papperger, ganz der selbstlose, sich seiner Verantwortung bewusste Unternehmer, will zur “Verteidigungsfähigkeit unseres Landes und unserer NATO-Partner” beitragen. Die Bundesregierung hat dem neuen Werk eine Abnahmegarantie ausgestellt, die Finanzierung steht!
Und schon flirtet Katarina Barley, SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahl, mit der Idee von einem europäischen Atomwaffenprogramm. Während die Grünen noch überlegen, wann sie auf den Zug aufspringen, träumt sich die Bundesregierung eine 300-Mrd-Investition für die Bundeswehr herbei … oder ist das schon das Delirium?

Abrüstung ist was für Lauchs. Es lebe die Aufrüstung!

Vom Suchen und Finden

Montag. Seit zwei Wochen klafft im Schaufenster des Antiquitätenhändlers ein Loch.
Nämlich seit ich den Tisch und die drei Stühle bei ihm gekauft habe. Sehr schöne Stühle und ein sehr schöner Tisch, Art Deco, (kl)eine Entschädigung für das in der Ahrflut zertrümmerte Biedermeier-Esszimmer von meinen Eltern.
Jeden Tag komme ich an dem Schaufenster vorbei und schaue nach. Irgendwann muss er doch irgendwas wieder reinstellen, in das Loch, das wirklich nicht gut aussieht.
Bevor der Tisch und die drei Stühle zu uns kamen, hat das Schaufenster des Antiquitätenhändlers sich niemals verändert. Genau genommen seit zwei Jahren, seit ich in Eisenach zugange bin, wahrscheinlich aber schon viel länger, stehen immer dieselben Möbel, verlocken immer dieselben Skulpturen, hängen immer dieselben Ketten in dem kleinen, vollgestopften Verkaufsraum.
Der immer noch für Überraschungen gut ist.
Anfangs habe ich mir die Nase plattgedrückt, heute erledige ich das im Vorübergehen. Die Ketten habe ich alle schon durchprobiert, eine Skulptur im Kopf abgespeichert für später.
Eine Art Deco Vase aus Glas hätte ich auch noch gerne, haben Sie da was?, frage ich ihn.
Er reibt sich das Kinn, verneint bedauernd.
Als ich wieder einmal vor seinem Schaufenster stehe, also gestern, sehe ich sie: Ganz unten links in der Ecke, von einem hässlichen Strohblumenstrauß halb verdeckt. Wahrscheinlich will das Auge da nicht hingehen, wegen dieser Strohblumen, aber wenn man es zwingt, erkennt es, dass die Strohblumen in einer kleinen Art Deco Vase stecken. Aus Glas. Genau was ich suche.

Panik auf der Titanic

Sonntag. Weiß nicht, diese Panikmache, das Gerede vom 3. Weltkrieg und dass Putin vor den Toren Berlins steht – ist da irgendein Sinn dahinter? Die unwissende, aber interessierte Bürgerin erkennt nämlich keinen, ihr Panikbedarf ist längst gedeckt.

Samstag. Wenn Elisa* keinen Bock hat, guck sie über die Schulter und sagt: Nö.
Elisa hat ziemlich oft kein Bock (Akkusativ ist out) und sagt ziemlich oft Nö.
Ich brauche eine Inhaltsangabe von ihr. Die Kurzgeschichte haben wir letzte Woche gelesen, jetzt gilt es, den Kern in Worte zu fassen. Ich brauche auch dringend eine Note von Elisa. Wenn es keine Noten gibt, fangen sie gar nicht erst an, und Elisa fängt nicht mal an, wenn es um Noten geht. Schlechte und ganz schlechte Bewertungen steckt sie weg wie nichts, das ist eine Sache der Ehre.
Elisa, sage ich, Sechsen geben mag ich nicht, das ist so sinnlos. Ich weiß, dass du es kannst, komm mal in die Puschen undsoweiter, so ungefähr rede ich auf sie ein.
Nö.
ich laufe nach vorne an meinen Platz und überlege. Unterirdische Noten austeilen, Aufregung, Geschrei – nein danke! Ich stehe wieder auf, gehe zu Elisa zurück und sage, was machen wir jetzt? Hast du eine Idee?
Immerhin, sie dreht sich andeutungsweise in meine Richtung, sagt nicht Nö.
Ich lese, sagt sie. Und ich kann nicht aufhören.
Was liest du denn da, frage ich. Dass Elisa liest, weiß ich schon länger. Damit hebt sie sich von den restlichen 98 % ab. Es ist irgendeine Fantasyschnulze mit einer Prinzessin, die den Mann ihres Herzens nicht lieben darf, weil der nur ihr Bodygard ist. Elisas ist noch ziemlich am Anfang.
Ich schlage ihr einen Deal vor: Wie wär’s, wenn du eine Inhaltsangabe von deinem Buch machst? Sagen wir, bis dahin, wo dein Finger in den Seiten steckt.
Elisa kaut auf den Lippen, das ist eine neue Situation jetzt.
Ich würd’s machen, sagt ihre Nachbarin.
Okay, sagt Elisa. Dann mache ich das.
Nach 15 Minuten gibt sie eine wunderbare Zusammenfassung der ersten 30 Seiten mit den Kerngedanken des gesamten Werks ab. Fast ohne R-, Z-, Gr-, und Sb-Fehler. Ich bin begeistert. Ich bin erleichtert. Wir einigen uns auf eine 2, weil es nicht die Kurzgeschichte ist, weil es aber gut ist. Ich bin froh, die Klippe umschifft zu haben. Für heute.
Morgen kann es schon wieder ganz anders aussehen. Die Brücken, die ich baue, halten meistens nur einen Tag lang. Heute kann ich, können wir rüberlaufen, bis ans andere Ende.
Nach der Stunde kommt Elisa nach vorne. Sie möchte eine Buchvorstellung machen. Genauer gesagt: eine Büchervorstellung. Das Buch, das sie gerade liest, sei nämlich nur der erste von  drei Teilen, und sie würde auch gerne ein Plakat dazu malen.
Manchmal rühren sie einen, diese hardcore Kids, dass einem die Tränen kommen.

  • Name geändert

Demos und Demo

Sonntag, Tübingen. 100.000 in München, 70.000 in Köln … in allen Städten treibt der Kampf gegen rechts und für eine offene Gesellschaft Hunderttausende auf die Straßen. Tausende auch in Jena, Halle, Erfurt und Leipzig, angeblich die größten Kundgebungen seit der Wende. Bin sehr froh und erleichtert darüber. In letzter Zeit quält mich oft so ein depri Zukunftskopfkino, was die Stabilität unserer Demokratie und unsere individuellen Freiheiten angeht.

In Russland verschwinden über Nacht Menschen, in Saudi Arabien und im Iran werden Straftäter*innen und Religionskritiker*innen öffentlich verprügelt und hingerichtet, in China werden Menschen wg. Fehlverhaltens sanktioniert oder direkt kaltgestellt. Ich will nichts davon. Niemand will das. Dass in HH und München wegen der überbordenden Menschenmassen die Anti-Faschismus-Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen sogar abgebrochen werden müssen, ist ein gutes Zeichen. Ein noch besseres, dass man trotz der Ausmaße der Proteste nichts von Tumult und gewalttätigen Übergriffen hört, das ist wie ein Wunder.

Leider auch wahr:  Namhafte Spitzenpolitiker*innen hängen sich jetzt an die Demos und sind vor lauter Begeisterung ganz aus dem Häuschen, dass andere ihre Arbeit erledigen. Sie nutzen die Proteste als Wahlkampf, anstatt dem rechten Aufschwung durch bessere Politik Paroli zu bieten. Sie überspielen damit, dass sie selbst zu dem Rechtsruck beigetragen haben. Kampf gegen rechts muss auch bedeuten: Kampf gegen den importierten arabischen und türkischen Rechtsextremismus und Rassismus, gegen den implementierten Hass auf westliche Demokratien, gegen antidemokratische, antipluralistische Machismen gegenüber Minderheiten.

Am Samstag gab es in Berlin noch eine Demo: gegen die aktuelle deutsche Rüstungsindustrie (z.B. Kampfjets nach Saudi Arabien). Auch sie ist gegen rechts. Aufgerufen haben u.a. Sahra Wagenknecht, die Linke und die Gewerkschaften. Unter dem Motto “Nein zu Kriegen – Rüstungswahnsinn stoppen – Zukunft friedlich und gerecht gestalten” ziehen Zehntausende durch Berlins Regierungsviertel. Ihre Motivation und ihre Ausrichtung sind konkret, keine Politker*innen ruhen sich darauf aus. Die Botschaft dieser Demo ist pazifistisch.

Es ist eine Friedensdemo.

Und ich? Genieße Treffen mit Freundinnen und Familie und verhalte mich zur Abwechslung mal ganz relaxed. Tut unwahrscheinlich gut.