Empört euch – doch nicht!

Donnerstag. „Fuck, ist das heftig!“ Wie ein YouTuber Politik und Medien mit einem einzigen Video in Schockstarre versetzt

Der YouTuber Rezo hat sich die CDU zur Brust genommen. Die Zerstörung der CDU – Jetzt reichts!, heißt sein Video, das schon über 5 Millionen Mal angeklickt wurde, und es werden immer mehr und das sind vor allem junge Leute, für die es was Neues ist, dass einer der Ihren mal so zur Sache kommt. Der Junge mit dem blauen Deckhhaar ist kein Rudi Dutschke 2.0. Er ist lustig und man versteht ihn. Das war ja bei unseren Heroen der jüngsten Vergangenheit so ein Ding, dass man oft nicht wusste, was genau die jetzt meinten. Was Rezo von sich gibt, klingt cool und überzeugend. So einfach ist das. Von der Frankfurter Schule, von Adorno etc weiß er vielleicht nichts und es interessiert ihn wohl auch nicht. Er wird lieber konkret, und das ist auch gut so angesichts der Brisanz der von ihm angesprochenen Weltprobleme. Die Quellen liefert er gleich mit, man kann sich also unmittelbar nach Anschauen seiner Message an die Arbeit machen. Die Message passt zur Greta-Thunberg-Bewegung, oder vielleicht ist sie sogar daraus entstanden. Jedenfalls gibt sie Anlass zur Hoffnung, dass die Jungen endlich ihre Köpfe heben, sich die Äuglein reiben und aufwachen. So kuschelig es die letzten zehn, zwanzig Jahre in Moms und Dads Wohnküche war – jetzt wartet die Welt mit anderen Fragen auf. Mom und Dad können u.U. nicht mehr helfen. Weil, die sind schon über 30. Und 30 war immer schon die Deadline zwischen den Visionären und den Etablierten. Da muss man jetzt also selbst mal ran, und nichts anderes hat Rezo gemacht. Und recherchiert. So gut, dass es von seiten der CDU bis heute keine schlagfertige Replik gibt. Das ist grandios! Grandios peinlich. „Lass uns miteinander reden“, fleht Paul Ziemiak den Rezo auf Twitter an: „Wir machen das in der CDU seit 70 Jahren: Wir zerstören einander nicht, sondern wir hören einander zu. Wir reden miteinander, wir finden gemeinsame Lösungen.“ Da muss dann nur noch Big Pörksen um die Ecke kommen, der Mann fürs Fernsehen, wenn es irgendwie, irgendwo ums Reden geht – und da ist er ja auch schon: In heute+/ZDF kanzelt er das Video blasiert als „Empörungsjournalismus“ ab. Ja, und? Empört euch!, war noch vor wenigen Jahren die Lieblingslektüre der europäischen Linken ab 30 aufwärts. Jetzt empört sich einer, nicht ganz grundlos, könnte man behaupten, und die etablierten Parteien haben nichts Besseres vorzubringen als Verachtung. Nur die Grünen finden, dass an allem, was der Rezo sagt, „schon was dran“ sei. Komisch, die sind doch seit Jahren am Regierungsgeschäft beteiligt. Warum haben die dann nicht …? Ob den Grünen die schnelle Umarmung zu mehr Stimmen verhilft, wird sich zeigen. Gerade ist ja die Zeit der Überraschungen: Ibiza-Gate, Strache, Rezo von der anderen Seite – am Sonntag wissen wir mehr.

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Die Sache mit den Orden

Montag. Michel Houellebecq ist nun Ritter der Légion d’honneur. Die ranghöchste Auszeichnung Frankreichs verlieh ihm Präsident Macron höchstpersönlich. Auch Gustave Flaubert wurde mit diesem Orden ausgezeichnet, nachdem er in einem schmachvollen Prozess – wegen Verstosses gegen die öffentliche Moral und die guten Sitten in seinem Jahrhundertroman Madame Bovary – freigesprochen worden war. (vgl. Marlene Möller, fb) Tragen sie erstmal diese Medaille im Knopfloch, dann vergisst man schnell, was für revolutionäre Geister sie einst waren … Das nennt man totstreicheln. Macht Merkel mit Greta Thunberg auch: So lange loben, bis der Gelobte nicht mehr kann … Anschaulichstes Beispiel in der Kirchengeschichte: Franz von Assisi. Über das eigenhändig von ihm wiederaufgebaute Kapellchen Portiuncula wurde auf päpstliches Geheiß ab dem Jahr 1569, da war Franziskus natürlich längst tot und konnte sich nicht mehr wehren, die riesige Kathedrale Santa Maria degli Angeli drübergestülpt. Diese steingewordene Antithese von Assisi ist das beste Gleichnis für die Gesamtheit der Institution der katholischen Kirche. Und das Allerbeste: Sie erzählt es selbst! Ironie oder Unverfrorenheit? – ganz klar: Letzteres. Zum Glück lebt Houellebecq noch und kann sich wehren …

YOUTUBE.COM Emmanuel Macron a remis à Michel Houellebecq la Légion d’honneurLe président de la République a remis, ce jeudi 18 avril, la légion d’honneur à l’écrivain Michel Houellebecq. Il…

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Tja, da liegt’s …

… zwischen lauter Wohlfühlliteratur … Magische Momente, Glück, Freunde – davon handelt auch Lass uns über den Tod reden – etwa in der Geschichte von Dieter Thomas Kuhn, von Enno Kalisch, von Joe Bausch, von Hans Jellouschek, von Katrin Sass, von Arsène Verny, von Jochen Busse und vielen mehr. Über das Leben nachdenken heißt eben auch über den Tod nachdenken – und umgekehrt sowieso …

Thalia Bonn, Mai 2019
Thalia Bonn, Mai 2019
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Ausgemadonnat? Hoffentlich nicht

Sonntag. „Sie haben es gehört hier, hier wird live gesungen“, kommentiert der ARD-Moderator ihren seit Wochen gehypten Auftritt trocken. Gottogottogott!, was war los mit Madonna, das klang ja irgendwie unterirdisch und auch ihre Kostümierung riss es diesmal nicht so raus, weil die Anleihen bei der katholischen Kirche längst verbraucht sind. Aber, so what – Töne treffen gehörte noch nie zu ihrem Portfolio. Leid tun braucht sie einem deshalb nicht. Madonna ist ein Megastar, sie ist viel mehr als schön singen. Ihr Auftritte sind immer noch 1,5 Mio Dollar wert, wie der top secret Sponser jetzt rausließ, das soll erstmal eine(r) nachmachen. Übrigens hätte sie diesen Flachwasser-ESC auch bei korrektestem Gesang nicht retten können. Eine Veranstaltung für die Queer-Community, zum Abwinken Pomp und Plüsch but no fun (aber ein paar schöne Bilder aus Tel Aviv). Ich glaube, dass Madonna uns alle noch überraschen wird. Ich hoffe es. Ich mag sie nämlich. Muss ja nicht live sein.

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Meldepflicht auf Katholisch

Schlimme Finger unter sich

Samstag. Papst Franziskus hat die Welt davon in Kenntnis gesetzt: Ab Juni dieses Jahres sind katholische Priester und Ordensleute dazu verpflichtet, Erkenntnisse über Missbrauchsfälle kirchenintern zu melden. Das ist das Ergebnis des Missbrauchsgipfels im Januar in Rom.
Die Meldepflicht bezieht sich sowohl auf konkrete Fälle als auch auf Vertuschungsversuche derselben. Damit auch Opfer unbürokratisch die klerikalen Täter anzeigen können, verpflichtet Papst Franziskus in seinem Schreiben die Bistümer, bis Juni 2020 „ein oder mehrere feste Systeme [zu] bestimmen, die der Öffentlichkeit leicht zugänglich sind, um Meldungen einzureichen. Dies kann auch durch die Errichtung einer eigenen kirchlichen Behörde geschehen.“
Für alle, die dieses Gesetz jetzt für einen Wahnsinnsfortschritt halten, ist das Folgende der Bekanntmachung ein Schock: Staatliche Stellen müssen explizit nicht informiert werden!
Was ist das päpstlichen Dekret dann wert? Und vor allem: Was werden Missbrauchsopfer von der Neuregelung halten?
„Während diese Verpflichtung bis dato in einem gewissen Sinne dem persönlichen Gewissen überlassen war“, erklärt der Chefredakteur der Kommunikationsabteilung des Vatikans, Andrea Tornielli, „wird sie nunmehr zu einer universell gültigen Rechtsvorschrift.“
Was aber, wenn der Ordensbruder, der seinen Ordensbruder verdächtigt, selbst ein schlimmer Finger ist? Wenn der jeweils übergeordnete Bischof, der laut kirchenrechtlicher Neuregelung für die Ermittlung zuständig ist, dem Täter durch irgendwelche Seilschaft verbunden bzw. verpflichtet ist? Oder, noch schlimmer, wenn überhaupt das Bewusstsein fehlt, dass Missbrauch eine Straftat ist?
Denn weiter unten, in Art. 10 § 1, enthält das Gesetz noch zwei bemerkenswerte Sätze: „Ausgenommen den Fall, dass die Meldung offenkundig haltlos ist, bittet der Metropolit das zuständige Dikasterium umgehend um den Auftrag, die Untersuchung einzuleiten. Sofern der Metropolit die Meldung für offenkundig haltlos erachtet, informiert er den Päpstlichen Vertreter [auch] darüber.“
Warum wird hier die Möglichkeit der offenkundigen Haltlosigkeit gleich zwei Mal unmittelbar hintereinander erwähnt?
In jeder Rede sollte das, was dem Redner als besonders relevant erscheint, zwei bis drei Mal geschickt platziert werden, Anfängerseminar Rhetorik. Die Möglichkeit der offensichtlichen Haltlosigkeit wird dem kirchenbehördlichen Melder hier direkt in den Mund gelegt. Spätestens an dem Punkt wird deutlich: Man muss schon mit extremer Gutgläubigkeit geschlagen sein, um auf ein lauteres Verfahren der durch tausendfache Missbrauchsfälle diskreditierten Kircheneinrichtung zu hoffen.
Als ich den Journalist Jan Schmitt für mein Buch Lass uns über den Tod reden interviewte, erzählte er mir, auch nach Jahren noch sichtlich aufgewühlt, vom Selbstmord seiner Mutter Mechthild Schmitt. Mit 58 Jahren hatte sie sich mit Tabletten vergiftet und ihm eine Botschaft hinterlassen. Auf einem Tisch arrangierte Fotos und Tagebücher sowie ein persönlicher Brief an ihn forderten ihn direkt dazu auf, sich mit ihrem Tod – und damit mit ihrem Leben – zu beschäftigen. Schnell kam er im Laufe der Recherche darauf, dass seine Mutter seit ihrem neunten Lebensjahr über mehrere Jahre von einem katholischen Priester sexuell missbraucht worden war.
Der Priester hatte sich ein Ritual ersonnen: Nach vollbrachter Tat legte er die Beichte ab – gemeinsam mit dem kleinen Mädchen, seinem Opfer: „Für das Ritual, mit dem der Pater sich und meine Mutter jedes Mal von ihrer Schuld befreite, legte er sich eine Stola um, beide mussten sich niederknien und Gott um Vergebung bitten, sowohl um seine als auch um ihre.“ (S. 35)
Damit entlastete er sein Gewissen – bis zum nächsten Mal. „Der Schuld-Trick hat ein Leben lang funktioniert“, notierte Schmitts Mutter in ihrem Tagebuch (ebd.).
Das neue Papst-Dokument verfügt auch über die „Sorge für die Personen“, damit sind die Opfer gemeint. Art. 5 § 1 besagt:
„Die kirchlichen Autoritäten setzen sich dafür ein, dass diejenigen, die sagen, verletzt worden zu sein, zusammen mit ihren Familien mit Würde und Respekt behandelt werden.“ Die Kirche habe ihnen „Annahme, Gehör und Begleitung“ zu bieten, „spirituelle Betreuung“ sowie „medizinische, therapeutische und psychologische Betreuung entsprechend dem spezifischen Fall“.
Für Schmitts Mutter kommt dieser Passus zu spät. Von Würde und Respekt konnte sie nur träumen, nicht nur seitens der katholischen Kirche, sondern auch ihrer Familie. Bis zum Schluss bemühte sie sich mit allen Mitteln um die seelische Verarbeitung des an ihr begangenen Verbrechens. Vergebens, letztlich sah sie nur im Suizid die endgültige Lösung für sich selbst.
Jan Schmitt hat den Priester, der inzwischen in einem kirchlichen Altersheim lebte, aufgesucht. „Hoffentlich hat Mechthild sich nicht meinetwegen umgebracht!“, sagte der 92-Jährige zu dem erwachsenen Sohn seines Opfers, und dass er ihr im Himmel begegnen werde (S.42).
Ja, darauf wird Mechthild Schmitt den allergrößten Wert gelegt haben, den kriminellen Gottesmann in der Ewigkeit wiederzutreffen. Spricht da ein Restgewissen aus seinen Worten oder nur der intellektuelle Wille zum Gewissen? In jedem Fall erbärmlich. In jedem Fall eine Bankrotterklärung für seinen getreuen Arbeitgeber, die katholische Kirche, die bis zum Schluss zu ihm gehalten hat.

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Die EKZ hat gesprochen

Montag. Wie die EKZ.Bibliotheksservice GmbH – Einkaufszentrale für Öffentliche Büchereien – ein (mein?) Buch einschätzt, ist nicht gerade unwichtig. Ihr Urteil entscheidet nämlich über die Neuanschaffungen für alle öffentlichen Bibliotheken. Für diejenigen, die sich immer schon gefragt haben, wie die Stadtbüchereien zu neuen Büchern kommen: Die EKZ unterhält ein Lektor*innen-Netzwerk, das die ca. 90.000 jährlichen Neuerscheinungen in deutscher Sprache durchforstet und dann 14.000 bis 16.000 Titel zur Anschaffung für den bibliothekarischen Bestandsaufbau auswählt.
Da bin ich mit Lass uns über den Tod reden jetzt also dabei mit folgender Begründung:

„Die Autorin (2 Romane) und Bloggerin, die u.a. Theologie studiert hat, fühlte sich bei der Sterbebegleitung ihres Vaters unzulänglich, weil der Tod außerhalb ihres Erfahrungshorizonts lag und ihr eine Kultur des Todes fehlte. Um dem entgegenzuwirken, hat sie 18 teils namhafte Hinterbliebene interviewt und aus ihren sehr unterschiedlichen Antworten sensible biografische Geschichten gestaltet. Ferner hat sie sie in Kapiteln angeordnet, in die sie jeweils einführt und den Tod als Auftraggeber, Versöhner, Lebensbegleiter, Weichensteller, Lehrmeister und Berufenden vorstellt.
So lässt sie z.B. Boris Palmer vom Krebstod seines Vaters erzählen, Roland Kachler vom Umgang mit dem tödlichen Verkehrsunfall seines Sohnes, Hans Jellouschek über den Tod seiner 1. Frau an Lymphdrüsenkrebs und eine Jüdin vom allgegenwärtigen Tod im Arbeitslager Riga. Ferner kommen ein Onkologe, ein Bestatter und ein Schauspieler (über das Sterben im Knast) zu Wort.
Berührende, kaleidoskopartige Texte, die zeigen, wie unterschiedlich Menschen trauern.“

(Ergänzend wird der Ratgeber Lebensende und Sterben von Thomas Sitte, Springer 2018, empfohlen.)

Freya Rickert, 13. Mai, 2019

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Babylonisches Sprachengewirr

Wenn man mit T. essen geht, kommt manchmal eine mit, von der ich den Status immer noch nicht kenne. Sind die jetzt zusammen oder nicht? (Hat T. sich von der schweren Geschichte mit J. erholt? J. gilt als geheilt und ist sozusagen in den Schoß ihrer Familie zurückgekehrt.) Sie, also die, deren Status ich nicht kenne, ist Italienerin, hat eine Stimme wie Gianna Nannini und spricht nur Englisch. Super, mein neuer Mitbewohner Dario redet auch nur Englisch, und wenn dann PM dabei ist, so wie dieses Wochenende wieder, reden wir alle nur noch Englisch, zücken Handys und klappen Laptops auf, um irgendwelche Wörter zu googeln, und schon bis du wieder upgegradet. Wir graden auch Dario up. Wir haben ihm „schlimmer Finger“ und „Da ist der Wurm drin“ beigebracht, das will er bei Gelegenheit im Max-Planck-Institut anwenden, wo er arbeitet. Dafür schiebt er mir den einen oder anderen spanischen Ausdruck unter und lacht sich schlapp. Das Essen in der Wurstküche war gut. PM hat sich an schwäbischer Rostbratwurst versucht, nur um vorher schon zu wissen, dass sie nicht an die Thüringer rankommt. Er war überrascht … was was heißen will.
Und wenn ich meinen T. anschaue, bin ich stolz und weiß, dass vieles gut und richtig gelaufen ist.

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Manche Dinge …*

Sonntag. Wenn sich ungefragt einer, oder kann auch eine sein, vor dir aufbaut und irgendwelchen Müll ablässt, und du musst jetzt irgendwas tun. Was sagen oder irgenwie gucken oder lachen. Lachen passt in den meisten Fällen, da gewinnst du Zeit und kannst noch überlegen. Oder ne Frage stellen, Fragen passen auch meistens. Ich frage dann, wie meinst du das?, obwohl es mich überhaupt nicht interessiert, wie einer seinen Müll meint, oder: Warum sagst du das? Die zweite Frage finde ich inzwischen richtig gut. Die Leute schauen dich an und wissen nichts zu erwidern. Die Leute wissen nämlich nicht, warum sie was sagen oder tun. Eins zu null für mich!, denke ich dann, obwohl es korrekt heißen müsste: Eins zu eins für beide, weil ja vorher schon was vorgefallen ist, weshalb ich meine Frage überhaupt gestellt habe. Ich denke aber lieber, eins zu null für mich, yeah!, und fühle mich in dem Moment wie eine, der das Siegen in die Wiege gelegt worden ist. Was natürlich dem echten Leben in keiner Weise entspricht, aber trotzdem. Vielleicht kommt das ja irgendwann mal, wie manches kommt, wenn du ganz fest daran glaubst. Ich glaube aber nicht daran. Aber das sage ich niemandem. Wie ich auch niemandem sage, dass ich manche Dinge nicht verstehe.
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*Schreibübung Impulssatz: „Manche Dinge verstehe ich nicht.“

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Schlafen im Theater

Sonntag. Die Ehe der Maria Braun im LTT beginnt mit einem tollen Bühnenbild: Schwarz-weiß-Aufnahmen von einer Hochzeit in der Stiftskirche im Stil der Vierziger flimmern über die Leinwand, bis diese plötzlich unter Kanonendonnergetöse in sich zusammenfällt: Nachkriegstrümmersteine, die während des ganzen Stücks auf der Bühne liegen bleiben und, unterschiedlich zusammengesetzt, mal eine Wohnung, mal ein Büro, mal ein Gefängnis ergeben.
Dann wird es langweilig, und die ermüdenden Dialoge werfen die Frage auf, ob die uralte Handlung-Zeit-Ort-Einheit nicht doch eine sinnvolle Dramenvorgabe gewesen ist. Ständig große Zeiträume von Wochen, Monaten, gar Jahren durch Dialog zu überspringen, geht auf Kosten des Tiefgangs desselben. Zumal bestimmte Handlungsschritte komplett an einem vorbeigegangen wären, würde man sich nicht dunkel an den auch schon ziemlich alten Fassbinderfilm erinnern, und da stellt sich dann irgendwann die nächste Frage, was uns jene eins zu eins nachgespielte Frauenbiografie heute eigentlich noch zu sagen hat?
Wenig bis nichts, und Film ist eben nicht Theater und am lustigsten war der überraschte Blick einer Schauspielerin angesichts der lauten Bravo-Rufe, die ein Zuschauer, warum auch immer, sich beim Schlussapplaus einfallen ließ und damit die übrigen Zuschauer – es waren nicht so viele – aus ihrem Dämmerschlaf riss.

Der beste Satz des Abends: „Den Unglücklichen erscheinen die Glücklichen immer ein wenig unanständig.“

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Und ich gehe jetzt erstmal zum Lieb Brötchen holen für uns vier. PM schläft noch und Dario kommt gerade in die Gänge und Susanne kommt auch vorbei und für mich geht’s danach weiter mit Korrigieren ….

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