Corona Diary – Unordnung

Samstag. Ordner und Bücher, die sonst immer schön separiert von my Sweet Home in meinem Fach im „Amt“ liegen, liegen jetzt auf dem Boden und auf dem Esstisch verteilt. Wie in meiner Wohnung sieht es auch in meinem Gehirn aus. Manchmal renne ich raus, gehe mit Moni oder Mecki spazieren, kaufe irgendeinen Unsinn bei Drogerie Müller – einem der wenigen Geschäfte, die außer Lebensmittelläden noch geöffnet sind – oder stapfe durch den Schnee ins „Amt“, um weitere Materialien ranzuschaffen und andere versprengte Seelen anzutreffen, denen es auch nicht besser geht, die mit Moodle auch nicht besser klarkommen. Sehr beruhigend, solche Infos. Seltsamerweise dringen sie nicht nach außen. Alle Welt denkt, das seit ca. 500 Jahren bestehende und im Wesentlichen unveränderte Schulsystem habe sich durch Zauberhand in wenigen Monaten umgeswitcht. Nur lassen sich Menschenhirne nicht so leicht umswitchen, vielleicht auch, weil sie es nicht wollen.
Heute Nachmittag kommt Moni zu mir nach Hause und bringt mir weitere Moodle-Funktionen bei (in Ermangelung einer korrekten IT-Fortbildung für uns Lehrende, die sich das Kultusministerium komplett spart nach dem Motto „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“). Lernen von lauter Mist, der mir nichts bedeutet. Angst den Überblick zu verlieren.
PM abgesagt, Schnee und Glätte vorgeschoben, dabei ist es die uferlose Arbeit im „Amt“. Dazwischen bringe ich Pakete weg und bekomme welche. Bei Kleiderkreisel, was jetzt Vinted heißt, läuft ein reger Handel, bald bin ich alle meine ausrangierten Sachen los und erwerbe im Gegenzug schöne Teile, die ich mir normal nicht leisten würde. Die Bags von Michael Kors haben es mir angetan. Auf Kleiderkreisel bzw. Vinted gibt es Mädels, die ihre Michael-Kors-Sammlungen AUFLÖSEN! Das erste Mal habe ich es nicht geglaubt, inzwischen nehme ich zur Kenntnis, dass manche Achtzehnjährige von ihrem Luxus so ermüdet sind, wie ich es niemals sein werde. Ich nehme sie gerne, diese komplett ungetragenen, zum Teil noch original verpackten Dinger. Ich freue mich daran, ich benutze sie, ich habe jetzt auch eine SAMMLUNG!
Dann wieder ein Telefongespräch, eine Verabredung für später …, ein Licht im Dunkel, Ansätze von Plänen, Projekten. Das sind die Highlights der Tage, die ansonsten so kommunikationslos und ereignislos dahinplätschern wie ein unendlicher Strom. Dabei sind sie MEIN LEBEN! Unser aller Leben, ausgebremst und zur Unkreativität verdammt, und jetzt soll nochmal nachjustiert werden: Kommenden Dienstag gehen die Ministerpräsidenten mit Merkel wieder in Klausur, um über noch schärfere Maßnahmen zu beratschlagen. Gemunkelt wird von einem 24-Stunden-Lockdown (ping! ping! heute Nacht um 2.31 Uhr auf der hysterischen LehrerWhatsApp) Die Fallzahlen der Infektionen gehen nämlich nur sehr zäh runter und die Todeszahlen gar nicht, im Gegenteil steigen sie sogar.
Die Gesamtsituation ist anhaltend bedrückend und betrübt die Seele. Man wird langsam komisch. Jeder Mitmensch eine potentielle Gefahr: man wechselt die Straßenseite, wendet den Kopf ab, versteckt sich hinter Maske und Wollschal. Die Aerosole … Wörter, die man bis vor einem Jahr nicht draufhatte. Der Schnee rieselt, die Geräusche sind runtergefahren, alles ist weiß und unwirklich.

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Corona Diary – Die Macht des Logarithmus

Donnerstag. Dass das Moodle-System gleich am ersten Morgen zusammenbricht, war voraussehbar und nicht weiter tragisch.Tragisch sind die vielen ängstlichen/besorgten/schuldbewussten E-Mails von Eltern und Kindern. Tenor: Ich komme gerade nicht rein, aber ich bin hiermit angemeldet!
Als würde ich ein Häkchen dahinter setzen (genau so lautet die Anweisung). Als würde ich über die zusammengezählt 214 Lernenden auch noch Buch führen, nachdem ich sie rund um die Uhr mit Stoff versorge und zeitgleich ihre Outputs kontrolliere und unermüdlich mit dem System kämpfe, das nichts verzeiht, das so erbarmungslos ist wie keine menschliche Kommunikation es sein kann – es sei denn, der Kommunikationspartner ist hochgradig gestört. Kein Verhandlungsspielraum, that’s it! Digitales Unterrichten heißt maximale Gnadenlosigkeit.
Statt um 7.50 Uhr erst um 7.51 Uhr eingestellt? Geht gar nicht, nichts geht mehr. Aus und vorbei! Abgewiesen! Nicht von mir, sondern von den Logarithmen eines Systems, in das wir Pädagog*innen und unser Klientel sich gerade einarbeiten, als hätten Didaktik und Pädagogik niemals existiert. Bitte ALLES vergessen, was einmal war! Über richtig und falsch, gut oder schlecht, über Akzeptanz und Nichtakzeptanz entscheidet der Logarithmus. Differenzieren? Argumentieren? Debattieren? Bitte, was soll der antiquierte Quark? Die richtigen Klicks sind richtig, die falschen falsch, so einfach ist das und dazwischen brauchen wir nichts mehr.
Das Einstellen des schier unüberschaubaren Materials für meine neun Lerngruppen, der dazugehörenden Fragen und des ganzen bunten Fächers von kreativen Lösungsmöglichkeiten, sonst gemeinsam und vielstimmig im Unterrichtsgespräch entwickelt, jetzt plakativ von mir vorweggenommen und stumpf als Erläuterungstext vorgegeben, erfolgt nachts.
Ich bin Nachtarbeiterin, jetzt ist es raus. Schon immer gewesen und in Zeiten, wo ich den Tag über schon online sein muss (jederzeit abrufbar, überprüfbar, sanktionierbar), erst recht. Jedes von mir eingestellte Dokument ist mit einer Uhrzeit versehen. 214 Menschen wissen ab sofort, wann ich arbeite. Sie kennen meinen Tagesablauf, sie wissen etwas, was sie m.E. nicht zu wissen brauchen. Auch ich weiß, wann sie – oder ihre Eltern – mein Material bearbeiten. Ich versuche die Uhrzeit zu ignorieren – was geht es mich an, ob jemand nachmittags nachholt, was vormittags passieren sollte? Oder gar nicht?
Vielleicht hat sie/er keine Kraft, ist so pandemiebedingt antriebslos wie ich selbst? Vielleicht ist er/sie in Sachen Disziplinierung noch nicht so abgerichtet wie ich, verfügt noch über eine gewisse Widerstandskraft? Soll ich das verurteilen? Soll ich Fragen nach dem Warum, nach den Hintergründen in Zukunft unterlassen? Obwohl genau dieses Differenzierungshandwerk bisher einen wesentlichen Teil meines Berufes ausgemacht hat?
Fernunterricht ist ein Euphemismus für die Hingabe des persönlichen Lebens an einen Logarithmus, den irgendein nicht hinterfragbarer Administrator im Auftrag irgendeines nicht hinterfragbaren Ministeriums – bzw. wirtschaftlichen Unternehmens – vorgegeben hat und der mich jede Minute von neuem genau eins lehrt: Kreativität, kritisches Denken unerwünscht! Klick was du klicken musst, oder du bist raus!
Beautiful New World.

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Bilder, Daten, Deutungen

Dienstag. Der Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. am Nachmittag des 6. Januar 2021 hält die Welt nachhaltig in Atem (während der Sturm auf das Berliner Reichstagsgebäude durch Coronaleugner schon wieder vergessen scheint):
Aufgebrachte Trump-Anhänger hatten gewaltsam versucht, die formale Bestätigung des neuen amerikanischen Präsidenten Biden durch den Kongress zu verhindern. Ungläubig rieb man sich die Augen ob der seltsamen Bilder aus dem US-Parlamentsgebäude: verkleidete Freaks in QAnon-Shirts, die Beutestücke hochhielten und das Peacezeichen machten. Abgeordnete, die sich ängstlich hinter ihren Sesseln versteckten. Um sich schießende Polizisten. Fünf Menschen starben bei der Randale. Schon vor Wochen war genau das vorausgesagt worden: Aggressive Übergriffe aus dem republikanischen Lager auf die Demokraten als greifbarer Ausdruck einer geteilten Nation.
Wenn vergleichbare Bilder uns aus Moskau erreichen würden, sagen wir, von der Stürmung des Kremls durch Anhänger Alexei Anatoljewitsch Nawalnys, wie würden die Reaktionen der westlichen Welt darauf wohl ausfallen? Ohne Frage würde der Widerstand gegen Erzfeind Putin auf Wohlwollen und Sympathie treffen. Die Presse würde ihn medial unterstützen, die westlichen Geheimdienste finanziell oder gleich mit Waffenlieferungen, siehe Syrien. Das unschlagbare Demokratisierungs-Argument steht den Vertreter*innen der westlichen Welt ja auf die Schilde geschrieben.
Der russische Nationalist und Oppositionelle Nawalny, der seine Vergiftung am 20. August 2020 mal auf ein vom russischen Geheimdienst präpariertes Tafelwasser, mal auf eine präparierte Unterhose zurückführt, genießt bei uns eine beispiellos kritiklose Presse.
Eine beispiellos empörungslastige Presse wird dagegen von Anfang an Trump zuteil. Das ist mir eigentlich egal, weil mir Trump egal ist, aber die wie auf Knopfdruck abrufbaren Reaktionen Häme/Entsetzen/Schnappatmung gehen mir mittlerweile total auf die Nerven. Können Journalist*innen nicht mehr eigenständig denken? Man weiß alles schon im Voraus. Durch nichts und niemanden überraschen sie, sie agieren auf einer Linie. Der einhellige Jubel über Trumps Kontosperrung bei Twitter und Facebook vor drei Tagen ist nur ein Beispiel von vielen.
Die Meinungsfreiheit ist unter die Räuber gefallen, konstatiert dagegen Steingart im heutigen Morning Briefing. Und diese Räuber bleiben auch dann Räuber, wenn sie sich dem Publikum als Samariter präsentieren. Gemeint sind die Digitalkonzerne Twitter und Facebook, die sich für ihre Aktion feiern lassen und sie als Dienst an der Menschheit bzw. als Rettungsakt der Demokratie verkaufen. Während es in Wahrheit um nichts anderes geht als um die Errichtung technologisch basierter Monopole.
Die neuen digitalen Oligarchen zeigen damit zum ersten Mal in großem Rahmen ihren autoritären Charakter. Doch auch so ein populistischer Sack wie Trump hat ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Wenn eine Demokratie das nicht aushält, taugt sie nicht viel mehr als die doktrinäre Staatsform von Putin-Land. Der mundtote Trump weckt Häme, aber doch gleichzeitig auch ein mulmiges Gefühl: Wann werden andere Konten versiegelt, womöglich mein eigenes? Wenn private Unternehmen wie Twitter, Facebook & Co meinungsmonopolistisch darüber entscheiden, wer sich öffentlich äußern darf und wer nicht, dann ist die Demokratie tatsächlich bedroht. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut; bisher führten nur Länder wie China, Iran, Venezuela u.a. vor, wie digitale Plattformen sie liquidieren – und jetzt die USA?
Ein paar Daten: Die Tech-Giganten sitzen auf einem weltweit einmaligen Datensatz: Jeden Tag gibt es auf Google 3,5 Milliarden Suchanfragen, pro Monat sind das über 100 Milliarden Anfragen. Keine einzige Behörde weltweit, nicht einmal der chinesische Staat, hat Zugang zu einem derartigen Datenschatz. Die Gefahr: Diese Daten werden zu Profilen verknüpft und für kommerzielle und politische Zwecke genutzt – oder an Dritte verkauft. Die Anreicherung von Daten mit anderen Daten ist die Kernenergie des digitalen Zeitalters
Das Finanzmonster der GAFA-Konzerne (Google, Amazon, Facebook, Apple) bringt es derzeit auf eine Börsenkapitalisierung von 5,7 Billionen Dollar, was in etwa dem anderthalbfachen des deutschen Sozialprodukts entspricht. Gegen diese Finanzmacht wirken Weltkonzerne wie Volkswagen (101,5 Mrd. Dollar) oder Nike (230,9 Mrd. Dollar) wie Tante-Emma-Läden. Die Gefahr: Die bestverdienenden Konzerne sind die schlechtesten Steuerzahler, auch weil die Nationalstaaten erpressbar geworden sind. (Steingart, 12.01.21)
Fazit: Die schlimmsten Feinde der Demokratie sind nicht die TrumpFans, die im Kapitol mal so richtig einen draufmachen, und nicht einmal die verstrahlten QAnonianer unter ihnen. Sie und die anderen, wir alle sind reale und potentielle Opfer von Datendiebstahl und Meinungsmonopol. 1984 ist erschreckend nah. Statt die Marc Zuckerbergs für ihre Tatkräftigkeit zu bejubeln, sollten wir ihnen den Schafspelz abziehen und den Wolf darunter entlarven – und Konsequenzen ziehen. Wir / ich habe(n) es nur noch nicht so richtig kapiert.

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Corona Diary – Allianzen

Freitag, B.N. Es läuft langsam an. Etwa eine halbe Million Menschen wurde bisher in Deutschland geimpft, das ist ziemlich wenig im internationalen Vergleich. Die BRD hat sich bei den Bestellungen bei Biontech (Mainzer Unternehmen des Forscher- und Gründerehepaars Augur Sahin und Özlem Türeci) / Pfizer (US-Konzern für die Produktion der Milliarden Impfdosen) zurückgehalten.
Im Sommer 2020 hatte man sich auf andere Anbieter festgelegt, welche nun jedoch mit der Zulassung ihrer jeweiligen Impfstoffe hinterherhinken. Erschwerend kommt hinzu, dass der Impfstoff von Biontech bei minus 70 Grad transportiert und gelagert werden muss – kompliziert und teuer. Jedenfalls müssen die Deutschen sich noch gedulden. Tausende alte Menschen, die im Wesentlichen die 1. Relevanzgruppe stellen, haben ihr Einverständnis längst gegeben und fragen sich, wo ihr Stoff und ihr Termin bleiben. So auch meine Mutter in NRW und PMs Vater in Thüringen.
Die Betroffenen werden von den Innenministerien auf die kommenden Wochen vertröstet. Die Verschleppung hat im Wesentlichen zwei Ursachen: die mobilen Impfteams sind momentan ausgelastet. Genügend Impfstoff ist zwar geordert, die Lieferung dauert aber noch.
Biontech / Pfizer bauen aktuell an mehreren Standorten neue Produktionsanlagen für die über eine Milliarde georderte Dosen. Geimpft werden muss jeder mindestens zwei Mal, eventuell sogar noch ein drittes Mal nach einem Jahr – soweit der bisherige Forschungsstand. Gesundheitsminister Spahn hat zugesagt, bis Ende Juni allen Deutschen ein Impfangebot machen zu können.
Große Hoffnung der Bundesregierung liegt jetzt auch auf dem Tübinger Unternehmen CureVac. Doch dessen Impfstoff ist noch nicht zugelassen. Ende des ersten Quartals sollen die nötigen Daten für einen Zulassungsantrag in der EU vorliegen. Im März oder April könnte es dann soweit sein. Um die Sache zu beschleunigen, ist CureVac mit staatlicher Vermittlungshilfe eine Impfstoffallianz mit der Bayer AG eingegangen. Und schon ist der Glyphosat-Skandal Geschichte …

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Coronavirus Update

Donnerstag, B.N. Vor jeder neuen Corona-Maßnahme sollte geschrieben stehen: Du bist für dich selbst verantwortlich. Übernimm Eigenverantwortung. Tu was, damit das Virus nicht an dich herankommt. Trage Sorge, dass du dich nicht ansteckst. Sorge für dich selbst.
Solche Sätze kann man gar nicht oft genug hören. Sie lösen mehr aus als: du musst!, du darfst nicht!, das ist verboten! Ganz von selbst zaubern sie einem die Maske aufs Gesicht und halten einen auf Abstand – aber bitte, weil ich es selbst will, und nicht weil irgendein Söder oder Laschet mir die Leviten liest. Leviten lesen ist immer kontraproduktiv bzw. unmotivierend. An die Eigenverantwortung zu appellieren ist immer produktiv bzw. motivierend.
Sapere Aude!, wage weise zu sein, rief Kant der Welt zu, wobei er sich das Schlagwort eines alten Weisen, Horaz, aneignete und in seiner Abhandlung „Was ist Aufklärung“ in einen neuen Zusammenhang stellte. Angesichts der jüngsten Bilder von Maske verweigernden Rechtspopulisten oder Evangelikalen, die auf Hilfe von oben hoffen, anstatt eigenverantwortlich zu handeln, drängt der Slogan sich auch im 21. Jahrhundert wieder ins Bewusstsein.
Der Podcast Coronavirus-Update von Prof. Christian Drosten motiviert mich. Indem er, der Mitentdecker des Coronavirus SARS-CoV und Direktor des Fachbereichs Virologie von „Labor Berlin“, dem größten Labor Europas, mir Fakten und neue Erkenntnisse zumutet, traut er mir Weisheit, d.h. Differenziertheit in der Sache zu. Er tastet sich vor, er gibt zu, dass sogar er über Covid 19 (noch) nicht alles weiß und über die Mutationen noch ein bisschen weniger. Er ist zurückhaltend. Er ist das Gegenteil von einem Populisten.
Während Politiker und Journalisten anklagen, verwerfen, höhnen und fordern, als seien sie höchstdekorierte Experten in Sachen Virologie, bloß um die Wahrheit zu kaschieren, dass sie nämlich nichts wissen außer dem angelesenen Zeug, das jeder nur Halbbegabte sich durchlesen kann, lächelt Drosten entschuldigend, weil es jetzt wieder mal komplex wird. Und weil eine neue wissenschaftliche Erkenntnis sich selten in zwei Halbsätzen erläutern lässt.
Drosten kommandiert nicht, er analysiert. Was ich damit mache und welche Konsequenzen ich daraus ziehe, überlässt er mir. Ich setze die Maske auf und meide Nichtmaskenträger. Ich halte Abstand. Wenn ich den Kopf neige und auf den Boden schaue, sind das ungefähr 1,50 m, das abzuschätzen fällt mir nicht schwer. Manchmal halte ich auch einfach den Regenschirm – die Grip Bag, das Fahrrad – von mir: bis hierher und nicht näher, alles klar, Mitbürger*in?

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Geisterstädte, Geisterspiele, Geisterleben

Mittwoch, B.N. Nach gestriger Abstimmung der Ministerpräsident*innen geht der Lockdown unter verschärften Maßnahmen in die Verlängerung bis voraussichtlich 31. Januar. Gravierendste Verschärfung: Schulen und Kitas bleiben geschlossen. Wenn also am Freitag die Weihnachtsferien enden, geht es ab Montag mit Fernunterricht weiter.
Also Sitzen am PC bis zum Abwinken. Warum? An den Schulen gab es nur vereinzelte Infektionen, die meisten davon mit symptomlosen Verläufen. Sinnloser ist mir noch keine Corona-Maßnahme vorgekommen.
Private Treffen sollen nur noch mit einer Person aus einem anderen Haushaltes stattfinden; Kinder stellen nicht länger eine Ausnahme dar. – Heißt: Mit den Kölnern kann ich mich im Januar nicht mehr treffen.
In Landkreisen mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von über 200 Neuinfektionen / 100.000 Einwohnern wird der Bewegungsradius auf 15 km um den Wohnort herum beschränkt. – GSD gehören weder Tübingen noch B.N. dazu.
Die Testpflicht bei Einreisen aus Risikogebieten wird verschärft. Generell soll getestet werden, wer nach Deutschland einreist. Für Rückkehrer aus Risikogebieten gilt nach wie vor die 10-tägige Quarantänepflicht. Risikogebiet sind fast alle Länder Europas sowie die meisten Staaten der Welt, also alles.
Der Einzelhandel bleibt geschlossen. Ausnahmen sind: Lebensmittelläden, Abhol- und Lieferdienste von Lebensmitteln, Getränkemärkte, Reformhäuser, Apotheken, Optiker, Tankstellen, Banken- und Poststellen.
Verdammte Axt!, am 13. Januar hätte ich einen Friseurtermin gehabt. Wie lange soll der Spaß jetzt noch dauern? Merkel: „Ziel bleibt es, die Sieben-Tage-Inzidenz unter 50 zu drücken.“ Am 25. Januar wird neu beraten.
Bis dahin bleibt der Einkauf im Supermarkt das einzige Freizeitvergnügen, der Besuch der Apotheke oder Post das Tageshighlight. Gespräche mit dem Klempner oder Schlüsseldienst oder der Ärztin oder Physiotherapeut*in sind für viele Alleinstehende der einzige Face-to-Face-Austausch.
Auch interessant: Der Alkoholkonsum im öffentlichen Raum ist verboten. Der Gemeindegesang bleibt weiterhin verboten. Amateur- und Breitensport wie gehabt verboten, Profi-Ligen spielen nach wie vor ohne Zuschauer in sog. Geisterspielen.
Überhaupt sämtliche Kultur- und Freizeiteinrichtungen wie Kneipen, Restaurants, Theater, Kinos, Opernhäuser, Konzerthallen, Schwimmhallen, Fitnessstudios u.ä. bis auf Weiteres verboten, verboten, verboten!

Nur wenige Menschen sind in Hannovers Innenstadt im Lockdown unterwegs. © picture alliance/dpa Foto: Moritz Frankenberg

Eine von vielen leergefegten Innenstädten (hier: Hannover) © picture alliance/dpa Foto: Moritz Frankenberg

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Corona Diary, endless

Dienstag, B.N. Über jede Klausur, die ich korrigieren darf, bin ich froh. Ich mache das mit einer grotesken Sorgfalt. Meine Kommentare sind sehr gut lesbar und sehr ausführlich. Auf der Hauptstraße laufe ich von einem Stadtteil in den anderen. Von der gegenüberliegenden Seite durch die Nachmittagsdämmerung blinkt und funkelt ein Schaufenster, das Bild brennt sich durch meine Netzhaut direkt ins Herz. Frühjahrsmode?, wie gezogen überquere ich die beinahe autofreie Straße. Grabsteine! Ihre hellen und dunklen Torsi präsentieren sich auf weißen Samtblöcken unter dem goldenen Licht von tausend Strahlern. Ich trotte wieder zurück und aus irgendeinem Grund schäme ich mich. Plattitüdenhafte Gedanken – wie passend zu dieser Zeit, und so weiter – drängen sich auf. Nach zwanzig Minuten zwischenweltlicher Ödnis endlich die ersten Stadtvillen. Alle Schaufenster sind beleuchtet und bemühen sich lebendig auszusehen. Die Läden sind alle geschlossen. Frühjahrsmode? In der Auslage meines favorite shops tragen die Puppen cremefarbene und marineblaue Outfits, um Fantasien von Strand und Ferne zu wecken, doch das ist Fake, sie tragen ausnahmslos Winterware. Eine geöffnete Apotheke. Brauche ich was? Auch die Tür zum Reformhaus steht weit offen, drinnen gähnende Leere. In der Fußgängerzone zotteln Gestalten hinter ihren Hunden her. Eine geöffnete Metzgerei. Ich flitze rein und kaufe sauer eingelegten Schinken, geräucherten Schinken, gekochten Schinken. Heringssalat, Leberpastete, Brötchen. Die Bezahlung läuft über einen Automaten ab, den die Fleischereifachverkäuferin mir meint erklären zu müssen. Ich bin glücklich, ich habe drei Sätze gesprochen und eine große Tüte in der Hand. Die F. winkt enthusiastisch zum Abschied, ich glaube, sie ist auch glücklich. Zurück laufe ich an der Ahr entlang, es ist dunkel jetzt, der Park ein bisschen gruselig, am Wegrand warten Gestalten hinter ihren kackenden Hunden. Abends staunt PM über die reiche Schinkenauswahl. Ich ziehe eine Klausur ran. Sind ja noch ein paar da, GSD.

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2021

Freitag, B.N. Regelkonform verabschieden wir zu viert, mit A. und J., das alte Jahr. Wir rekapitulieren die schönen Momente und schmieden vorsichtig gemeinsame Pläne für das neue Jahr. Vorsichtig freuen wir uns an den paar Raketen am Himmel trotz Raketenverbot. Auf der Straße ist vorschriftsgemäß niemand. Wir haben das Glas Sekt vergessen, auch das anders als sonst. Der Durchhänger am Ende ist nicht vorgesehen, kommt ungerufen und mit Wumms. Zu oft hat das verabschiedete Jahr mich mit Angst, Verunsicherung und dumpfer Langeweile, die dumpfe Tatenlosigkeit gebiert, schachmatt gesetzt. Wer neben sich steht, checkt nicht, was kommt oder kommen soll. In Kleinstschritten die Sache angehen. Heute kommt meine Kölner Lieblingsfamilie für zwei Tage zu Besuch: der beste nur vorstellbare Jahresanfang. Das Wichtigste, wichtiger als die eigene Person (ist immer gut). Ich wünsche uns einen fröhlichen Start. Ich wünsche mir Überblick beim Ringen um die richtigen Worte und bei der Angst vor falschen Worten. Ich wünsche mir ein gutes Gelingen.

Veröffentlicht unter 2021

Feiern mit Zukunft

Sonntag, B.N. Heiligabend in Tübingen mit PM und T. und E. ist angesichts der ungewöhnlich kleinen Runde ziemlich stressfrei und lustig. Die beiden sind gut drauf. Sie lieben sich, sie haben was zu erzählen. PMs 3-Sterne-Hauptgang (Rinderrouladen, Kassler, Sauerkraut, Thüringer Klöße) und viele schöne Geschenke sorgen für Begeisterung und Zufriedenheit.
Gestern Weihnachten in B.N. mit PMs Kindern. Der Freund von PMs Tochter – die beiden lieben sich auch – mischt uns mit News von der KI-Fraktion auf. Im Moment hat er’s mit dem autonomen Fahrzeug. Autonomes Fahren macht angeblich die Utopie des reibungslos orchestrierten und unfallfreien Verkehrs wahr, wirft allerdings ein paar Fragen auf hinsichtlich eines auf sämtliche nur vorstellbaren Verkehrsszenarien berechneten Logarithmus‘: Während der Passagier sich entspannt zurücklehnt, könnten ein Kind und gleichzeitig die Oma des Kindes auf die Fahrbahn springen – wen lässt das Auto am Leben, wen überrollt es? Ein schlauer Hersteller könnte damit punkten, dass bei ihm in jedem Fall der Passagier überlebt – also Kind und Oma tot, während der Passagier quietschlebendig aus dem Auto steigt? (Was bedeutet das für terroristische Anschläge?) Und wer ist in diesem dumm gelagerten Fall verantwortlich, Passagier oder Produzent? Schafft eine Ethikkommission es, sich nicht nur gegen aggressive Marktinteressen, sondern auch gegen den zwangsläufig mit der KI einhergehenden Wertewandel – Abwägen von Menschenleben – zu behaupten? Zählt das Leben der Mutter mit Kinderwagen unbedingt mehr als das des alten Menschen mit einem Gehirn voller Weltwissen? (Was, wenn in dem Kinderwagen nur leere Flaschen sind?) Oder bloß, weil sie als Konsumentin eher infrage kommt? In wessen Entscheidungsgewalt liegt es zu bestimmen, wer weg kann, damit ein anderer geschützt wird? In der von Google? Apple? Uber? Einer globalen Allianz? OMG! Was passiert, wenn Hacker den Algorithmus manipulieren? Oder gar die Hersteller selbst? Da wo Technologie komplett übernimmt, werden viele Daten zur Systemsicherung und -weiterentwicklung gesammelt – haben wir dann endlich Orwells 1984 und den total überwachten Bürger?
PMs 3-Sterne-Hauptgang (Fisch an verschiedenen Gemüsen) und viele schöne Geschenke sorgten für Begeisterung und Zufriedenheit.

Veröffentlicht unter 2020

Plan and Work

Mittwoch. Kontakte für das neue Projekt herstellen, zwei Stapel Klausuren korrigieren, die Suppe kochen und das Bäumchen schmücken für ein sehr reduziertes Weihnachten. Das mit den Kontakten erweist sich jetzt schon als schwierig. Den meisten meiner Wunsch-Interviewpartner*innen geht es momentan nicht gut. Sie sind Kreative – Künstler*innen oder Unternehmer*innen, Menschen, die Vernetzung und Austausch brauchen wie die Luft zum Atmen. Das Jahr hat ihren/unseren Geist und ihre/unsere Seele beschädigt. Sie haben kaum Aufträge, Existenzangst, Depressionen, manche sogar gesundheitliche Probleme … keine guten Voraussetzungen für ein Gespräch. Oder vielleicht gerade?

Veröffentlicht unter 2020