Nach Weihnachten

Montag. Wenn ich über irgendwas froh bin, dann darüber, dass Weihnachten endlich vorbei ist. Für Leute, denen es gerade nicht so supiwunderbartoll geht, können diese Tage richtig grausam sein. Klemens sagt, ich müsse die Rauhnächte genießen. Ich habe ihm gesagt, dass ich mit seinen Rauhnächten nichts anfange. Und dass ich die Zeit zwischen den Jahren schon immer gehasst habe.

Er hat mich ganz erschrocken angesehen, und ich habe noch einen draufgesetzt und gesagt, ich könne es gar nicht abwarten, bis die Geschäfte wieder geöffnet haben.

Warum?, hat er gefragt.

Weil das Leben dann weiter geht, hab ich geantwortet.

Was das Leben mit Geschäften zu tun habe – die Frage lag ihm auf der Zunge, aber er hat sie nicht gestellt. Wahrscheinlich kein Bock auf Grundsatzdebatten.

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Abwendung

… wenn mit schwer abgewandtem Gesicht und vor lauter Abwenden ganz verdrehtem Hals der einst vertrauteste Mensch an dir vorüber zieht.

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Vorurteilsfrei

Montag. Heute bekam ich vielleicht eine Mail! Da schlug mir einer vor, vorurteilsfrei übereinander herzufallen.

Komisch. Ich hatte gar keine Vorurteile.

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Alleinleben

Dienstag. Lieber Peer, ich hätte da mal eine Frage: Wie kommst Du mit dem Alleinleben klar?

Peer: „Hab mich in den letzten zwei Monaten viel zuviel mit anderen Leuten beschäftigt. Jetzt möchte und muss ich mehr allein sein. Ich hänge auch nicht den ganzen Tag im Internet rum, ob andere mich zur Kenntnis nehmen oder nicht. Ich suche nicht. Meine Zufriedenheit kommt daher, dass ich mal wieder einen guten Satz schreibe und mich daran freue. Das Romankapitel, an dem ich gerade arbeite, ist ein schwieriges Kapitel. Es handelt von einem, der ein starkes Selbstwertgefühl hat und der schon sehr alt ist, beides ist für mich schwer vorstellbar. Wenn mir das gelingt, dann bin ich glücklich.

Es tut mir überwiegend gut, allein zu sein. Weil ich von Menschen immer sehr schnell enttäuscht bin. Sie reden so viel von Werten und haben gar keine. Ich kenne einen Musiker, der regt sich immerzu über irgendwelche gesellschaftlichen Entwicklungen auf, zum Beispiel die Geldgeilheit, und merkt gar nicht, dass er selbst auch nur aufs Geld aus ist. Der lebt von Hartz IV und redet ständig davon, was er alles tut, damit er jeden Monat den gleichen Betrag überwiesen bekommt. Der bescheißt ohne Ende, um über die Runden zu kommen, und investiert unheimlich viel Kraft darein. Diese Fixiertheit geht mir am Arsch vor bei.

Ich komme mit sehr wenig Geld aus. Das ist für mich eine Tugend. So wie Treue. Ist auch megawichtig. Oder Ehrlichkeit. Na ja, das ist schon wieder ein anderes Thema.“

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Semantik

Mittwoch. AM MEISTEN GEFÄLLT MIR ALLES,

steht auf der Mauer, vor der ich mein Fahrrad abstelle, wenn ich zu Dr. K. gehe.

Zuerst fand ich den Spruch cool. Und witzig. Später dachte ich, dass er nur semantisch interessant ist (Verknüpfung von doppelter Bejahung und Hyperbel). Inhaltlich dagegen ließe sich einiges daran aussetzen. Gibt es doch zu Viele und zu Vieles, das mir gar nicht gefällt.

Oder will der Spruch genau das sagen? Ironiealarm?

Und jetzt finde ich ihn doch wieder gut. Einfach so. Ohne Begründung.

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Eingenistet

Dienstag. „Und dann ist dieser Gedanke einfach dageblieben und mitgekommen auf meine Reise, bis nach Vietnam ist der mitgekommen, obwohl ich ihn immerzu abschütteln wollte, in den Tempeln oder sogar an einem See, ich hab’s ja dann durchaus auch mit diesen spirituellen Impulsen, wollte ihn also im See versenken oder im Götterhaus zurücklassen, opfern, aber no chance, so fest wie der saß und bei mir blieb.

Und dann hab ich gedacht: Gut. Lieber Gedanke, wenn du dich so wohl bei mir fühlst, dann bleib halt da. Bitte schön: Bleib! Bleib doch, niste dich so richtig bei mir ein, ich werd’s schon aushalten. Wenn du unbedingt bei mir bleiben willst, dann wird das seine Gründe haben. Ich stelle mich nicht mehr gegen dich. Bleib. Es ist gut so. Bleib einfach.

Und nach ein paar Wochen, da war er plötzlich nur noch ganz schwach, der Gedanke. Er war nicht weg, das nicht, aber so schwach, dass ich ihn betrachten konnte, ohne zusammen zu zucken. Ach, dachte ich, das ist ja interessant! Jetzt geht er wohl von selber. So ganz allmählich. Macht sich davon, als hätte er sich zu Ende gedacht. Nun gut, soll er ziehen. Bitte schön: Zieh! Verzieh dich doch, mach dich so richtig aus dem Staub, ich werd’s schon aushalten ohne dich. Wenn du unbedingt verschwinden willst, dann wird das seine Gründe haben. Ich stell mich nicht mehr gegen dich. Es ist gut so. Verschwinde einfach.

Und dann habe ich gelernt, ohne diesen Gedanken zu leben. War eine ganz schöne Umstellung!“

Gu streicht sich ihre dicken, schwarzen Haare aus dem Gesicht und guckt mich an. Ihre  Augen sehen immer so aus, als hätte sie gerade einen Witz zum Besten gegeben und als wartete sie nur noch ab, ob man ihn auch versteht.

Ich habe verstanden. Ich danke Dir für diesen Abend, liebe Freundin.

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Begeistertes Publikum

Donnerstag. Was wir in einer menschlichen Beziehung suchen, sind Rückkopplung, Verbindung, Anregung, Ergänzung und begeistertes Publikum, sagt Mike.

„Ich habe den himmlischsten Ehemann von allen“, sagt Deeda Blair über ihren Mann, mit dem sie seit 1961 verheiratet ist. „Er gab mir unglaubliche Unabhängigkeit, meine Ziele zu verfolgen. Unabhängigkeit mit Applaus.“

(ELLE Nov. 2013)

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Das Märchen vom lachenden Prinzen

Montag. Es war einmal ein Prinz, der war wunderschön und hatte lange goldene Locken. Nur ein Makel störte seine äußerliche Vollkommenheit: Seine Miene war niemals ernst. Immer lächelte er und grinste, lachte oder kicherte, je nach Laune.

Eines Tages traf er beim Ausritt auf eine Fee, die sich ihm in den Weg stellte und ihm, als er sein Pferd zum Stehen gebracht hatte, verkündete, er habe drei Wünsche frei.

Ach, gute Fee, sprach der Prinz und schmunzelte auf die Fee herab: Was soll ich mir schon wünschen, bin ich ja recht eigentlich glücklich und zufrieden mit mir.

Du willst dir wirklich nichts wünschen?, fragte die Fee ungläubig.

Der Prinz strahlte übers ganze Gesicht und schüttelte den Kopf. Das hast du wohl noch von keinem gehört, wie?, fragte er. Aber so ist’s, ich begehre nichts und habe schon alles, und es wird auch wohl in Zukunft nichts passieren, das mir Unbill oder Sorgen bescheren könnte.

Nun, sprach die Fee, wenn du dir so sicher bist, dann gehe ich jetzt wieder, aber sage hinterher nicht, ich hätte dich nicht gefragt.

Der Prinz ritt nach Hause zu seinem Schlosse, übergab das Pferd dem Stallknecht und begab sich darauf in die königlichen Gemächer, um sich der Mittagsruhe zu überlassen. Doch kaum wollte er die Türe hinter sich schließen, da ertönte auf einmal ein großes Geschrei, und seine Gemahlin kam die Treppe herauf gestürmt.

Ach, lieber Mann, rief sie noch im Laufen: Höre nur, was geschehen ist! Während du ausgeritten bist, waren Diebe hier, und sie haben unsere Keller und Speicher aufgebrochen und alles gestohlen, was sich darinnen befand. Nur noch von hinten konnten die Wachen sie sehen, so schnell waren sie auch schon wieder davon gestoben. Nun, die Dinge lassen sich ja alle wieder beschaffen, und so würde es mich nicht weiter grämen, wenn nicht ausgerechnet mein diamantenbesetztes Brautkleid in die Hände der Diebesbande gefallen wäre. Ach, lieber Mann, könnte doch ein Wunder geschehen und die Diebe dazu bringen, wenigstens mein Brautkleid zurückzugeben!

Der Prinz griente, denn er war müde vom Ausritt und hatte kaum noch eine Erinnerung an das Brautkleid seiner Gemahlin. Frau, sagte er, lass es gut sein. Das Kleid ist doch nur eines von vielen Kleidern, die sich in deinen Kästen und Schränken türmen. Nimm ein anderes und betrachte es für jenes als das Kleid unserer Vermählung.

Die Prinzessin brach in Tränen aus und weinte bitterlich ob seiner Unbekümmertheit. Der Prinz aber dachte bei sich, wie sehr es ihm doch gelegen käme, wenn er die gute Fee nun um einen Wunsch bitten könnte, doch wusste er wohl, dass ihm kein Wunsch mehr frei stand.

Er tätschelte die Wange seiner Gemahlin und zwinkerte ihr lustig zu, als sie sich ganz geknickt zum Gehen wandte. Dann machte er es sich auf seiner Schlafstatt gemütlich, um seine Ruhe zu finden und den unangenehmen Zwischenfall so schnell wie möglich zu vergessen.

Als der Prinz wieder erwachte, drang ein Lärmen und Rufen aus dem Hofe an sein Fenster herauf. Er beugte sich weit über die Brüstung, um zu sehen, was es nun schon wieder gab, und lachte bald über das ganze Gesicht, als er den gesamten Hofstaat, alle Hofbeamten und Diener samt Mägde und Knechte versammelt fand und in großer Aufregung.

Leute, was habt ihr?, rief er hinunter. Da wurde es auf einmal ganz leise, nur manche murrten und ballten die Fäuste, bis einer rief: Hoheit! Eure Wirtschaftsgebäude fingen Feuer und  brannten in wenigen Sekunden wie die Fackeln herunter. Und mit ihnen sieben Frauen und sieben Männer und alles Vieh in den Ställen, und selbst der Hofhund, der geradewegs ins Feuer zurückgerannt ist, um bei den Schweinen und Pferden zu bleiben, ist in den Flammen erstickt!

Der Prinz schwieg, seine Lippen zuckten, er feixte vor lauter Ratlosigkeit.

Er lacht schon wieder!, schrie eine Magd, deren Mann einer von den Sieben war, die bei dem Feuer ihr Leben gelassen hatten.

Der Prinz schloss das Fenster. Er wanderte in seinem Schlafgemach auf und ab, und als er drei Stunden so gewandert war, bekam er Hunger und hatte bald vergessen, was ihn so zum Umhermarschieren gebracht hatte. Er ging hinunter in den Speisesaal, wo die Prinzessin, in ein schwarzes Gewand gekleidet, schon bei Tische saß und eben von dem Diener, dessen Augen ganz rot geweint waren, einen dampfenden Teller gereicht bekam.

Oh, Schweinebraten!, jubelte der Prinz und steckte sich seine Serviette in den Kragen und sah nicht die trauernden Blicke seiner Gemahlin und der Diener, die aufgereiht an der Wand standen und ihrer Tränen kaum Herr wurden.

So ging der Tag zur Neige, und der Prinz spazierte noch ein wenig in den Park hinaus, um darüber nachzusinnen, wie gut es der liebe Gott doch mit ihm meinte, dass die Diebe schon über alle Berge waren, so dass er sich nicht mehr um sie zu kümmern brauchte; und dass er von dem Feuer verschont geblieben war, obgleich es auch ihn hätte treffen können. Wie oft hatte er in den Wirtschaftsgebäuden verweilt und in verborgenen Winkeln so manches Schäferstündchen mit den propperen Mägden aus dem Dorfe abgehalten.

Versonnen lächelte er vor sich hin und lachte und gluckste vor lauter Wohlbehagen über sein Glück.

Da brach auf einmal sein Fuß ein, und der Prinz stand nicht mehr auf dem Rasen, sondern lag in einem tiefen Loch, das einst der Blitz in den Boden geschlagen hatte und das von Wurzelwerk und Laub bedeckt war. Und wie er so nach oben in den dunklen Himmel schaute, da brach ein Ast von der toten Eiche neben dem Loch, stürzte durch die Zweige herab und landete direkt auf seinem Hals.

Der Prinz würgte und schrie, doch es drang nur ein kläglicher Laut aus seiner Kehle. Da sah er, wie eine Gestalt sich über den Rand des Abgrundes beugte, und es war die Fee, die betrübt auf ihn herunter sah.

Ach, gute Fee, nur ein einziger Wunsch!, röchelte der Prinz und verzog seine Miene zu einem letzten, schaurigen Grinsen.

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Nachtgespräche

Sonntag. Begegnung mit Peer.

Nach der Kunstausstellung bringt Peer mich nach Hause. Wir haben Hunger, und ich mache meine bewährten Bratkartoffeln mit Spiegelei – roh in Butter langsam erhitzen, mit Salz, Pfeffer und einer Prise Tessiner Kräuter würzen, Paprika auf das Eigelb, Curry auf das Eiweiß, und fertig ist die Laube.

Zum Nachtisch finden sich noch tiefgefrorene Erdbeeren. Erdbeeren sind das einzige, wovon Peer eingefallen ist, dass er es gerne mag. Ich erhitze und püriere sie und gebe sie über drei Kugeln Vanilleeis. Peer schmeckt alles oder nichts, er empfindet kein Wohlgefühl beim Schmecken. Er will nur satt werden. Er merkt nicht, wenn Essen versalzen ist, angebrannt oder vergammelt. Satt werden von Brot, Müsli, Bananen, ganz egal und the same procedure as every day. Kochen tut er nie.

Ich strenge mich ordentlich an, meinen Gästen soll es schmecken. Auch nach Mitternacht. Ich frage ihn: Schmeckt es dir? Ja, sagt er und grinst ein bisschen, ich weiß ja, dass er immer dieselbe Antwort gibt. Jedenfalls isst er beide Teller auf, ich denke, er ist jetzt satt.

In Peers Biographie gibt es viele Tote. So viele Tote! Das ist erschreckend. In Peers Familie gibt es große Schuld. Schuld und Nichtvergeben. Weil monströse Schuld nicht vergeben werden kann. Daran zerbrechen die Opfer, oder sie töten sich selbst, anstatt den Schuldigen zu töten. Die Toten in Peers Biographie haben sich geopfert, weil sie die Schuld ihres Familienoberhauptes nicht mittragen konnten.

Antike Tragödie in Jetztzeit. Peers Gang ist aufrecht. Er trägt die Last seines Altvorderen mit stoischer Klarsicht. Dem Schweif von Abgrund, Verruchtheit, Verbrechen stellt er sich entgegen mit mannhafter Friedfertigkeit.

Peers Profil ist ein antikes, habe ich während der Autofahrt gedacht. Aristophanes war mir eingefallen, vorhin. Die Büste von Aristophanes. Seltsam, jetzt spricht er von ihm, ausgerechnet von Aristophanes, dessen Drama Die Wolken zum Todesurteil über Sokrates geführt habe. Deshalb hasst Peer Aristophanes.

(Wieso habe ich davon noch nie gehört?)

Darf ich dir noch erzählen …, sagt er morgens um halb vier. Ich spähe hinaus, ob es schon hell wird, doch im November wird es um diese Uhrzeit nicht hell. Kein Grund zur Eile also.

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