Der Tod als Lehrmeister?

Montag, B.N. Ein armer Vater von zwölf Kindern sucht für das dreizehnte einen Taufpaten. Den lieben Gott, den er auf der Landstraße trifft, will er dafür nicht, da dieser ungerecht seine Güter verteile. Auch den Teufel lehnt er ab, denn der verführe die Menschen nur zum Bösen. Als ihm schließlich der Tod begegnet, der von sich selbst behauptet, er mache alle gleich, schlägt der Mann ein. „Wer mich zum Freund hat, dem kann’s nicht fehlen“, fügt der Tod hinzu. Darauf bestellt der Mann ihn direkt zum nächsten Sonntag zur Taufe ein.
Das dreizehnte Kind wächst heran. Eines Tages hält der Tod den Zeitpunkt für gekommen, ihm sein Patengeschenk, ein Universalheilkraut, zu überreichen. Denn der junge Mann soll ein berühmter Arzt werden. Mit dem Kraut könne er jeden Patienten gesund machen, es sei denn, der Tod stehe zu Füßen des Kranken, dann sei kein Kraut mehr für ihn gewachsen! – so die eindeutige Anweisung.
Der Jüngling wird nicht nur berühmt, sondern auch reich. Und wie es kommen muss bei einem guten Märchen, wird er eines Tages herausgefordert: Der schwerkranke König lässt ihn zu sich rufen. Der Arzt erblickt den Tod zu Füßen des Kranken, doch nach kurzem Bedenken dreht er den prominenten Patienten einfach um, gibt ihm von seinem Kraut ein, der König erholt sich, und der Tod hat das Nachsehen.
Als der Arzt den Tod ein zweites Mal austrickst – es geht um die schöne Königstochter, die ihm bei erfolgreicher Heilung zur Frau versprochen wird – reagiert der Tod nicht mehr so nachsichtig wie beim ersten Mal.

Er führt den jungen Arzt in die Unterwelt, wo Tausende von Lebenslichtern flackern, große, kleine und eben verlöschende. Sowie der Arzt erkennt, dass auch sein Licht am Verlöschen ist, fleht er seinen Paten, den Tod, an, einfach ein neues Licht darauf zu setzen. Dieser willigt zum Schein ein, stößt dabei jedoch das Licht wie aus Versehen um, und der Arzt sinkt zu Boden.

Was macht die Faszination des Märchens Der Gevatter Tod aus? Warum stellt sich mit dem letzten Satz so ein befriedigendes Alles-wird-gut-Gefühl ein?
Das Märchen geht gut aus! Der Arzt erhält seine gerechte Strafe. Hatte der Tod etwa nicht versprochen gerecht zu sein? Er steht zu seiner Zusage und er hält sich an die Vereinbarungen – im Gegensatz zu dem Jüngling, der das nicht tut.
So gelingt es dem Märchen, den Tod als den Guten, den Freund, den Verlässlichen darzustellen, während der junge Arzt wie ein Filou, ein Karrierist, ein unzufriedener Nimmersatt erscheint.
Ist er denn nicht längst reich und berühmt genug? Warum will er durch die Heilung des Königs zu noch mehr Ruhm gelangen? Erst beim zweiten Versuch, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, sind die Beweggründe plausibel: Er hat sich in die schöne, doch leider kranke Königstochter verliebt. Diesmal kann der Leser die schon einmal bewährte Trickserei nachvollziehen.
Doch es ist dieses eine Mal zu viel. Der Tod ist zornig, droht mit seiner knochigen Faust, und man ahnt schon, dass die Sache nicht gut ausgehen wird.
Warum eigentlich nicht? Ist dies nicht der älteste Traum der Menschheit, den Tod zu besiegen? Nun wird mal so eine Siegergeschichte durchgespielt, und noch bevor ich deren Ende überhaupt kenne, beschleicht mich als Rezipientin bei den Aktionen des Arztes eine Art Unrechtsgefühl.
Es ist dasselbe Gefühl, dass vergleichbare reale Geschichten in mir auslösen. Sehr genau kann ich mich noch an den Grusel erinnern, der mich erfasste, als ich zum ersten Mal von dem italienischen Arzt Dr. Sergio Canavero hörte. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, menschliche Köpfe von kranken auf gesunde Körper zu transplantieren. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ich einfach noch nicht so weit war, um hinter solchen Eingriffen die Erfolgsgeschichte zu würdigen, anstatt sie sofort mit meinen Zweifeln zu belegen.
Im Kopf beziehungsweise im Gehirn ist nach unserer Vorstellung die Seele oder die Persönlichkeit des Menschen beheimatet. Die bloße Idee, diesen Körperteil abzutrennen und zu transplantieren, berührt meine Empfindung von Heiligkeit, von Unversehrtheit oder himmlischer Bestimmung der menschlichen Seele. Hier liegt ein Tabubruch vor, den auch die Öffentlichkeit nicht zu billigen scheint. So titulieren die Medien Canaveros Experimente mit „Frankenstein-OP“, „Himmelfahrtskommando“ oder „aberwitziger Plan“.
Auch der Arzt in dem Märchen bricht ein Tabu. Er ignoriert den Tod, anstatt dessen Regeln zu akzeptieren. Erst recht ist er nicht in der Lage, sich dessen Freundschaft zu versichern.
Eine gute Freundschaft begründet in der Akzeptanz und der Sympathie für den Anderen. Das bedeutet, dass ich die wesentlichen Eigenschaften einer Freundin oder eines Freundes schätze oder sogar bewundere und dass ihr oder ihm meine prinzipielle Solidarität gehört.
Die wesentliche Eigenschaft des Todes ist, dass er alle gleich macht – indem er alle eines Tages vernichtet. Dies zu akzeptieren, widerstrebt dem Protagonisten unseres Märchens jedoch so sehr, dass er, in seiner Rolle als Arzt, den Tod boykottiert. Er kann ihn nicht zum Freund gewinnen, weil er ihn seinerseits ausschalten oder vernichten möchte. Die Konsequenz ist, dass er jung sterben muss.
Das Kraut hat der Jüngling als Geschenk gerne angenommen, nicht aber gelernt, weise damit umzugehen. Klüger wäre es gewesen, den Tod nicht nur als Freund, sondern als Lehrmeister zu gewinnen.

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Was drei kluge, wunderbare, international bekannte Interviewpartner*innen zu dem Thema ‚Der Tod als Lehrmeister‘ zu sagen haben, kann man ab Februar 2019 dem 5. Kapitel des Buches Komm, lass uns über den Tod reden (Ch. Links Verlag) entnehmen …
Veröffentlicht unter 2018

Ein Tag in Trier

Dienstag, B.N. Nach dem schönen Städtetrip ins schöne Trier würde mich mal interessieren, wieviel von Triers Grundfläche bzw. Immobilien dem Bistum Trier gehört. An jeder Ecke alte Schlösser und Verwaltungsgebäude mit kirchlichem Verwendungszweck, da fühlt man sich direkt an Rom erinnert … auch was die wunderbaren Schuhgeschäfte angeht … und die hervorragende Zitronentarte bei Café-Bar Nikos am Kornmarkt … Der  romanische Dom und die gotische Liebfrauenkirche muten dagegen eher protestantisch-schlicht an, und das Karl-Marx-Haus erinnert mit seinen vielen kleinen Zimmern und Treppen und dem kuscheligen Innenhof an das Lutherhaus in Eisenach. Seit diesem Jahr – Marx‘ 200. Geburtstag – zeigt das Geburtshaus eine sehr umfangreiche und informative Dauerausstellung, nach der dir der Kopf brummt. Da ist erstmal eine Tour durch den Museumsshop angesagt. In Sachen Museumsshop hat das Bistum übrigens auch die Nase vorn. Im Dom gibt’s gleich zwei davon … Und dann wartet noch das Antiquariat am Dom auf dich. Da musst du wirklich deinen Geldbeutel festhalten, und andächtig betest du die dunkelbraun-goldenen Rücken der Fachbücher und Bibeln aus dem 16. und 17. Jahrhundert an … bis die holländischen Touristen reintrampeln und alles einfach mal rausziehen und antatschen … da bleibt dir die Luft weg.*

… Und auf der Rückfahrt hören wir im Radio vom Einsturz der vierspurigen Autobahnbrücke in Genua. Exakt über diese Brücke sind wir Anfang Juni gefahren, mit Hans und Karin hinten drin …

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*VoV (Version ohne Vorurteile): bis eine Truppe holländischer Touristen reintrampelt, die alles einfach mal rausziehen und antatschen … da bleibt dir die Luft weg.

 

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Das Ende

Dienstag, B.N. Und weil die Küche komplett unter Qualm ist vom angebrannten Schinken, mache ich die Terrassentür auf und stehe, als wenn sie nur darauf gewartet hätten und das haben sie ja auch, in einer schwarzen Wolke aus Fliegen. Die schwirren an mir vorbei in Küche und Esszimmer und kleben in Nullkommanichts an den Fensterscheiben, an der Decke, an der Spüle, am Dunstabzug, an den Lampen, an meinem Teller, an meiner Gabel. In Knäulen hängen sie am Fenstersims, und an den Scheiben laufen sie wie Wasser von unten nach oben, eine neben, vor und hinter der anderen. Das ist wie Hitchcocks Vögel, das ist apokalyptisch, ich gehe raus uns schließe die Zimmertür hinter mir. Im Flur ziehen vereinzelte Fliegen ihre Kreise. Ich öffne die Haustür, stehe eine Zeitlang in der offenen Tür. Draußen sind es 38 Grad, Hitze und Trockenheit versengen Bäume und Gras und saugen das letzte Grün aus müden Pflanzenzellen, während drinnen Stubenfliegen die Kontrolle übernehmen. Überdenke die Lage, gehe wieder rein, an der Lage hat sich nichts verändert und wird sich nichts verändern, schlage mit dem Handtuch auf die Fliegen ein, was sie durcheinanderwirbelt und verärgert, aber nicht vertreibt, schließe endlich die Terrassentür. Das Gebrumm und Gewimmel in der Luft und an den Wänden sagt mir, dass ich jetzt alleine mit ihnen bin. Dass irgendetwas passieren muss. Hole den Staubsauger. Muss die alle einsaugen. Grauenhaft. Die Fliegen sind vor Durst und Hitze träge. Sie lassen ihre Vernichtung geschehen, ohne sich groß zu wehren. Ich schwitze. Ich sauge eine Stunde lang, bis das letzte Fliegentier mit dem hundertfachen, jetzt schon typischen leisen Klacken im Staubsaugerrohr verschwindet.

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Thüringer Begegnungen

Sonntag, Eisenach. Wiedersehen mit liebgewonnenen Freunden und freundlichen Menschen auf dem alljährlichen „Marienstraßenfest“. Morgens um drei geht es durch das menschenleere Eisenach zum Glockenhof zurück. Da musst du schon etwas genauer auf den Weg gucken, das unablässige Nachschenken von Sekt, Bier und Bowle macht sich bei PM und J. in einer leichten Schräglage und meinerseits in leichter Übelkeit bemerkbar.

Spontan hängen wir noch einen Tag dran, so dass der Nachmittag voller familiärer Verpflichtungen in einen Warmumsherz-Abend voller Anregungen, (Selbst)offenbarungen und Erinnerungen mit Toff und J. übergeht (Kartoffelhaus!).

PM’s Heimat- oder Nostalgiegefühle kann ich gut nachvollziehen. („Meine Heimat gibt es nicht mehr.“)

In der Wohnung von Angelika kannst du Rollschuh- oder auch Fahrrad fahren. Sie zeigt mir die Zimmer, von denen jedes so groß ist wie im verschachtelten und überteuerten Tübingen manche Zweizimmerwohnung.

Was hat Eisenach um die Jahrhundertwende so reich gemacht, dass die Leute sich reihenweise Häuser von den Ausmaßen kleiner Schlösser hingestellt haben? Das Eisenacher Villenviertel hat die schönsten Häuser, die ich je gesehen habe.

Heimatlosigkeit oder das Gefühl davon sind zweierlei, schafft aber beides so eine schnelle Affinität zu vielen Orten. „Sollen wir nicht hier …“, „Kannst du dir vorstellen, hier …“ sind Fragen, die wir uns selbst und gegenseitig ständig stellen.

Jochen sagt: „Leute wie ihr fehlen hier.“

Ja, aber vielleicht bist du dann nicht mehr so wie die fehlenden Leute, wenn du erstmal selber hier wohnst? Oder entfaltest du dann nochmal dein gesamtes Potential, um dich an einem neuen Ort neu zu definieren …

Zweieinhalb schöne, aus dem Korrekturmodus herausgehobene Tage.

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Elvis im Massakerkapitalismus

Donnerstag. Wunderbare Doku von Eugene Jarecki gestern Abend auf ARD, The King – Elvis und der amerikanische Traum zum vierzigsten Todestag des Rock’n’Rollers: Nachdenklich, melancholisch, aufwühlend … Stellt eine Verbindung her zwischen dem Verfall des amerikanischen Super- und Herzeige-Stars und dem Verfall Amerikas. In ihrer Deutlichkeit deprimierende Streiflichter im Wechsel mit Szenen aus Elvis‘ Leben. Der traurige Held als Metapher, einem raffgierigen Manager ausgeliefert, den nie sein Talent interessierte, sondern das, was pinkepinkemäßig hinten rauskam. Widerlicher, menschenverachtender Typ, und Elvis, der naive Junge vom Lande, ist stolz auf die Aufmerksamkeit, lässt sein Talent verkommen und folgt der Spur des Geldes, entscheidet sich stets für die großen Gagen statt für seine künstlerischen Möglichkeiten. Dreht in Hollywood einen Schrottfilm nach dem anderen, bis ihn keiner mehr ernst nimmt. Kurzes Comeback 1968, er scheint sich zu befreien aus den Krallenfingern des Blutsaugers – und landet in Las Vegas. Symbolfigur trifft auf Symbolort. Plastik und Beton und eimerweise goldene Farbe. Irre viel Geld und irre wenig dahinter. Was folgt, sind traurige Glitterglam-Megashows, nur mit Tabletten zu überstehen. Bis der King lallend auf der Bühne steht, und der Blutsauger will auch mit diesen Bildern noch Kasse machen. Aus dem Rebell à la James Dean ist ein zweiter John Wayne geworden, konstatiert einer der sehr interessanten Special Guests, die man sonst eher von der Leinwand kennt und nicht als intelligente Kommentatoren des eigenen Landes (Ethan Hawke, Ashton Kutcher, Alec Baldwin, Mike Myers). Wie man einen attraktiven, potenten, begabten jungen Musiker auspresst, bis nichts mehr raus kommt, keine Dollars und erst recht keine Musik mehr, wie man einen strahlenden Rock’n’Roll-Helden zur Mitleidsfigur runterwirtschaftet, das wird greifbar, als John Hiatt, selbst Rock’n’Roller, auf der Rückbank von Elvis‘ altem Rolls Royce in Tränen ausbricht: „Zu spüren, wie er in der Falle gesessen hat!“

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Rekordjuli

Dienstag. 40 Grad draußen und drinnen 40 Grad, nicht rausgehen, arbeiten, arbeiten, nicht rausgehen, der Himmel ist schmutzig, der Regen hält nicht an, der Regen hält nicht, was der schmutzige Himmel verspricht.

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Leben in zwei Welten

Sonntag. Ye und auch T. sind ausgezogen, es ist wieder ruhig, leise in meiner Wohnung, so leise, dass es manchmal schmerzt, aber der Schmerz geht vorbei, das weiß ich, und ich muss ja arbeiten, seit beinahe einer Woche bin ich schon im Arbeitsmodus, im anderen Arbeitsmodus, feile am Manuskript, kürze zu Ausschweifendes, korrigiere die Zeiten (mein Schwachpunkt), pointiere allzu Vages, schreibe die Kapiteleinführungen, das vor allem: Kurze Essays, in denen ich jeweils von einer konkreten Eigenerfahrung ausgehe, was im einen oder anderen Fall noch einer Idee bedarf, was natürlich noch die Hauptarbeit ist …

Sechs Wochen habe ich Zeit, keinen Tag länger. Arbeitsferien. Kein Urlaub. Druck. Abgabetermin: Mitte September.

Zum Glück hat auch PM Ferien, bald fahre ich zu ihm, meinen Riesenkoffer voller Klamotten, Bücher etc. nimmt er heute schon mit, ich komme nach …

Das „Amt“ hat geschlossen, Abschluss-Essen vor drei Tagen im Meze mit den zwanzig nettesten Kolleg*innen, ein schöner Abend draußen in der warmen Sommernacht, gute Gespräche mit Leuten, die ich mag, an denen ich Tag für Tag vorbeiflitze, kurzer Gruß, kurzes Bedauern, später, später, und deshalb die Idee, alle noch einmal zu versammeln, bevor jeder wegfährt zum großen Aufatmen oder zum Endlich-Erledigen lebenswichtiger Aufgaben außerhalb des „Amtes“.

Wie in meinem Fall. Aber ich bin da nicht alleine, wie ich mit Staunen feststelle. Eine Erfahrung dieses Abends: Auch andere haben ein Leben neben dem „Amt“.

Gleich kommt Steve zum Frühstück (den wir gestern Nacht in der Stadt getroffen u mit dem wir noch auf einen Absacker im Ludwig’s gehockt haben, bevor er weitergezogen ist und wir ab nach Hause), PM schläft noch, und ich schicke jetzt mal eine Version an Marcel, der freundlicherweise gegenliest mit dem neutralen Blick des Außenstehenden, mit ihm treffe ich mich morgen, lebenswichtiger Austausch, was würde ich ohne Freunde wie Marcel machen …

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Direktsaft

Donnerstag. Keine Ahnung, wie die Fachkraft von Alnatura das angestellt hat, jedenfalls liegt das Zeug plötzlich in meinem Warenkorb und schon auf dem Weg zur Kasse zweifle ich, ob ich es trinken werde. Es kostet 18 Euro, was mir für so ein kleines Fläschchen ziemlich viel vorkommt.

Wahrscheinlich hat sie die Tun-Sie-sich-doch-mal-was-Gutes-Platte aufgelegt, für die ich, ihre Durchschaubarkeit übergehend, offenbar empfänglich bin. Das Gute besteht in einer unscheinbaren braunen Flasche, genauer, in 330 ml hundertprozentigem Aloe Vera Saft.

Diese Flasche, verpackt in eine grün-weiße Schachtel, steht anschließend über ein halbes Jahr (es war um Weihnachten rum) am Küchenfenster und macht mir ein schlechtes Gewissen. Das ist wie beim Tabletteneinnehmen, worin ich auch nicht sonderlich gut  bin. Gründe: Morgens stets in Eile, muss erst noch die Gebrauchsanweisung lesen, keine Lust auf Neues. Fürchte, die 18 Euro sind zum Fenster rausgeschmissen, nur weil ich aus einem Verkaufsgespräch nicht gerade als Siegerin hervorgegangen bin, noch dazu in einer Produktabteilung, die mich eigentlich nicht im Geringsten interessiert.

Vor zwei Tagen komme ich darauf, das Gute nun endlich auszuprobieren. Dazu eigne ich mir erst mal ganz offiziell die Materie an. Erfahre, dass man die täglich fünfzig Milliliter Direktsaft aus kontrolliertem biologischem Anbau morgens vor dem Frühstück (welches Frühstück?) am besten pur oder noch besser mit gutem (!) Mineralwasser oder Fruchtsaft vermischt trinken soll.

Der Hinweis, das Pure zu vermischen, macht mich direkt misstrauisch. Mit Recht. Ich messe zwei Eierbecher ab, nachdem ich mit Wasser überprüft habe, dass diese Menge exakt fünfzig Millilitern entspricht, kippe den ersten runter und setze so spontan, wie man es nur unter Schockwirkung macht, mit Kaffee nach. Der Geschmack findet keine Parallele in meinem bisherigen Geschmacksgedächtnis. Ist einfach nur unbeschreiblich eklig. Muffig. Das trifft es am besten. Ich stelle mir die fetten Kaktusblätter vor und frage mich, welcher Idiot darauf gekommen ist, sie auszupressen, das trübe Wässerchen zu trinken und es einfach mal für gesund zu erklären.

Hat das je einer überprüft? Kann etwas, das so grauenvoll schmeckt, gesund sein?, das ist die zentrale Frage, die mich nun schon den dritten Tag umtreibt. „Der reine Saft der Aloe Vera Pflanze ist schon seit Jahrhunderten in vielen Kulturen als Naturmittel zur Förderung des allgemeinen Wohlbefindens bekannt“, informiert mich so sanft wie ungenau der Beipackzettel, und ich muss an das Einhornpulver denken, von dem meine Großmutter früher erzählte, dass ihr Naumburger Apotheker es seit Generationen zur Förderung des allgemeinen Wohlbefindens im Sortiment führte.

Eine leichte Übelkeit hat mich befallen, seit drei Tagen. Das kann auch an der unerträglichen Hitze liegen, für die mein biologisches System nicht gemacht ist, ich fühle mich matt und mein Hungergefühl ist dauerhaft verschwunden, was auch kein Schaden ist. Draußen klettert das Thermometer auf vierunddreißig Grad, hey, das ist nicht mehr normal, das ist unsere Zukunft, die nicht mehr nur zeichenhaft, sondern ganz direkt auf uns niederbrezelt. Da helfen auch keine Aloe Vera Pflanzen.

Höchstens, dass man sich schon mal auf tropische Gewächse einstellt. Auf ihren Geschmack kann ich mich leider nicht einstellen. Vielleicht mach ich noch ein oder zwei Tage weiter, vielleicht schütte ich den Saft in den Ausguss. Bei der Vorstellung geht es mir direkt besser. Ich weiß nicht, wie die Fachkraft von Alnatura es hält, ich glaube gerne an meine Körperintelligenz. Das was schmeckt, erkenne ich als okay. Das, was grässlich schmeckt, soll mich warnen, noch mehr davon zu nehmen. Muffiges, Bitteres geht ja mal gar nicht! Langfristig könnte es mich direkt vergiften.

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BayerAG und die Nachhaltigkeit

Sonntag. Das geschieht Bayer recht!

Eine Prozesslawine rollt auf den Chemieriesen zu. Nachdem Hunderte Landwirte, Gärtner und andere mit Glyphosat kontaminierte Ankläger an Lymphdrüsenkrebs erkrankt und einige mittlerweile schon gestorben sind, nachdem deutlich der Verdacht im Raum steht, dass Monsanto, die Erfinderfima des Pflanzenvernichters, massenhaft Studien bezahlt habe, um die Harmlosigkeit des Teufelszeugs zu belegen, hat ein US-Bundesrichter in Kalifornien nun endlich mehrere hundert Klagen gegen Bayer/Monsanto zugelassen.

Seit zwei Jahren hat Bayer alles darangesetzt, Monsanto zu vereinnahmen. Seit Juni 2018 ist der US-Saatgutriese in deutscher Hand. Seit Jahren stehen US-Klägeranwälte mit zahlreichen Sammel- und Einzelklagen gegen Monsanto in der Warteschleife. Im Kampf gegen den umstrittenen Wirkstoff geht es schließlich um gigantische Schadensersatzforderungen. Dieses Rechtsrisiko hat Bayer in den Kaufpreis von 63 Milliarden US-Dollar einkalkuliert. Der Deal ist der bisher größte eines deutschen Unternehmens im Ausland.

Um die Sache zu befrieden und das miese Image aufzupolieren, hat Bayer nun erstmal den negativ besetzten Namen Monsanto gelöscht und setzt damit auf die Vergesslichkeit der Weltbevölkerung.

Tatsächlich gilt Monsanto als eines der umstrittensten Unternehmen der Welt. Bayer-Chef Werner Baumann hat mit dem Mega-Deal den Leverkusener Konzern zum weltgrößten Anbieter von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut aufgebaut. Er kündigt an, „den Dialog mit der Gesellschaft vertiefen“ zu wollen und „eine gemeinsame Unternehmenskultur“ entstehen zu lassen, was immer dieses Geblubber bedeutet außer, dass Baumann keine Angst vor großen Worten hat. Auf sehr eigene Weise legt er auch seine Sicht von „gestiegener Verantwortung“ dar: „Wir werden mit derselben Entschlossenheit an unseren Nachhaltigkeitszielen arbeiten wie an unseren Finanzzielen“, sagt Baumann.

Der Begriff Nachhaltigkeit klingt in diesem speziellen Zusammenhang in meinen Ohren geradezu höhnisch. Es wird sich zeigen, wie Bayer / Baumann in Zukunft nicht nur mit den Krebs-Klagen, sondern auch mit dem auffallenden Artensterben umgehen wird, das ja ebenfalls seit Jahren mit dem Pflanzenvernichter Roundup bzw. dessen Wirkstoff Glyphosat in Verbindung gebracht wird. Von der Entstehung resistenter Unkräuter ganz zu schweigen.

Das Bayer-Agrargeschäft wird durch die Monsanto-Übernahme verdoppelt und künftig etwa gleich groß wie das Gesundheitsgeschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, rezeptfreien Gesundheitsprodukten sowie Tierarzneimitteln sein. Bayer ist nicht nur Chemie-Riese, sondern auch DAX-Riese. Die Aktie von Bayer Börsen-Chart gab am Mittwochmorgen vor Handelsbeginn rund 1,2 Prozent nach.

Veröffentlicht unter 2018