Buchpreis und medialer Rufmord

Schon erstaunlich, wie die herkömmlichen Journale die Wutrede von Sasa Stanisic nachblöken, anstatt sich erstmal die Werke von Peter Handke vorzuknöpfen und Stanisics Ausfälle zu überprüfen. Oder haben die alle, die Schreiber*innen von Zeit über TAZ, ihren Handke so direkt auf dem Schirm?
Soweit ich weiß, hat Handke das Massaker nie geleugnet, geschweige denn befürwortet. Im Gegenteil hat er es als das schlimmste Massaker auf europäischem Boden nach dem zweiten Weltkrieg bezeichnet. Auch hat er es nach einem Gespräch mit Milošević abgelehnt als Zeuge in Den Haag anzutreten.
Was haben die aus dem Zusammenhang gerissenen Handke-Zitate in Stansics Dankesrede für den Deutschen Buchpreis zu suchen, außer dass sie sich bestens zur Polemik eignen? Stanisic bezichtigt Handke, dieser lege sich die Wirklichkeit so zurecht, „dass dort nur Lüge besteht.“
Wo hat Handke gelogen? Und womit beginnt eine Lüge? Mit einer anderen Sichtweise?
Formal und inhaltlich ist die Rede des Deutschen Buchpreisträgers 2019 gleichzusetzen mit seinem unsäglichen Tweet von gestern: „Ich halte Handke auch außerhalb des Bosnien/Serbien-Komplexes für einen schlechten Autor und nicht preiswürdig. Wenn er aber nur für diese alten Texte ausgezeichnet wäre, wäre mir das egal. Weil die harmlos sind und halt vor sich hinplätschern & hineiteln & in sich aber stimmen. „
Wie bitte? Statt Freude über seine Auszeichnung fällt dem Frischgekürten nichts Besseres ein als über den Literaturnobelpreisträger 2019 auszukübeln?
Kunst muss Fragen stellen, sie muss in Abgründe schauen, in die andere sich nicht zu schauen wagen, sie muss grenzgängerisch sein, übertreiben und fantasieren. Sie muss den Dissens aushalten, störrisch sein. Für alles das steht Handke.
Was Kunst nicht darf, ist harmlos sein. Kunst muss weh tun, sonst ist sie Kunstgewerbe. Jedenfalls darf sie sich nie politisch instrumentalisieren lassen. Oder sollen in Zukunft die potentiellen Preisträger im Vorfeld ein Bekenntnis ablegen, wen sie alles hassen (Putin? Trump? Kim Jong Un? Den Papst? Die Kirche? …) und wem oder was sie ihr DaumenHoch geben – und dazwischen gibt es nichts?
Ich bin vollkommen entsetzt über so viel unkritische Reproduktion, über so viel Bereitschaft zum medialen Rufmord an Peter Handke.

Veröffentlicht unter 2019

Es ist kompliziert

Dienstag. Europa zweifelt die völkerrechtliche Legitimation der türkischen Einmarschs gegen die Kurden in Syrien an. Die Zweifel gehen jedoch nicht so weit, dass die EU-Länder sich auf ein gemeinsames Waffenembargo gegen die Türkei einigen können. Zu sehr sitzt ihnen Erdogans drohende Menschenwaffe im Nacken: 3,6 Mio Flüchtlinge, die nur darauf warten, die türkischen Lager zu verlassen und sich auf den Weg, am liebsten nach Deutschland, zu machen.
Die Kurden, die zum großen Teil als Staatenlose vor allem in Nordostsyrien leben, deren Milizen bis vor Kurzem noch mit alliierter Unterstützung der Anti-IS-Koalition den terroristischen „Gottesstaat“ IS erfolgreich bekämpft und zurückgedrängt haben und im Gegenzug von Assad in ihren Autonomiebestrebungen im syrisch-türkischen Grenzgebiet bestätigt wurden, stehen jetzt, mit dem überraschenden Truppenabzug der US-Streitkräfte, mit dem Rücken zur Wand.
Nato-Chef Jens Stoltenberg rief Erdogan zur Zurückhaltung auf. Im gleichen Atemzug sagte er: „Die Türkei ist wichtig für die Nato.“ Er möchte Feuerwehr sein, und gehört doch eher zu den Brandstiftern. Darüber könnte man sich wundern und verzweifeln. Das Problem ist viel zu verworren, zu vielschichtig, als dass man sich ein Urteil erlauben könnte. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr erscheint es mir als ein ganzes System von Zwickmühlen, die sich gegenseitig bedingen.

Veröffentlicht unter 2019

Entschleunigung

Sonntag. Aus dem Frühstück wird dann ein sechsstündiger Quasselmarathon. Meine zwei Mitbewohnerinnen, die ich Sediq und Lisa nenne, haben nicht nur Geschichten auf Lager, sie haben auch was zu sagen. Sie sprechen supergut Englisch, vor allem Lisa, und helfen mir auf sehr liebenswürdige Weise vokabelmäßig auf die Sprünge. Gegen Nachmittag überlegen wir, ob wir jetzt nahtlos zum Abendessen übergehen oder vielleicht doch noch was machen sollten. Wir entscheiden uns für Letzteres, haben auch wirklich keinen Hunger mehr und strecken die eingeschlafenen Glieder, bevor wir uns jede in ihr Zimmer verkrümeln. Ich schreibe mit einer Hand, was sehr langsam geht, und bin glücklich. Wenn auch im Schneckentempo, es geht voran mit dem Manuskript.

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Vereinigte Proletarier aller Länder

… gibt es ja irgendwie nicht mehr, und Roboter werden kaum ein Klassenbewusstsein entwickeln. Heute spricht man lieber vom Prekariat. Oder neuerdings vom Algorithmenprekariat.
Dazu zählen zum Beispiel Regaleeinräumer bei Aldi / Lidl / Ikea. Was das Algorithmenprekariat kennzeichnet, ist die nach Computerprogramm zugeteilte und gemessene Arbeitsleistung. Es ist der Mann im Ohr, der ihnen sagt: Gehe jetzt zu Palette fünf und trage in Ebene 3. Danach gehe zu Palette 1 … Ihr Chef ist kein Mensch, sondern ein Chef-Algorithmus. Er allein bestimmt über Tempo und Toilettenpause, und wenn er keine Pause vorsieht, wird eben in die Flasche gepinkelt.
Da fällt einem unweigerlich der Tramp aus Charlie Chaplins Moderne Zeiten ein: Eines Tages lässt er das Fließband Fließband sein und fängt an zu tanzen. Arbeitsverweigerung statt Willigkeit zur Ausbeutung.
Folgerichtig landet der traurige Held nach seiner Tanzeinlage durch die Werkshalle in der Psychiatrie. Indem er jedoch der Sympatieträger ist, im Gegensatz zum Vorarbeiter und zum Fabrikdirektor, stellt er damit die unausgesprochene Frage, wer hier eigentlich krank ist, er oder die gerade erst aufkommende hochindustrialisierte Gesellschaft.
Man muss das Gehirn ausschalten, man muss aufhören selbst zu denken, man opfert dem Algorithmus sein Gehirn, sonst hält man solche Jobs nicht durch. Der Algorithmenprekarier ist ein moderner Sklave. Einer von denen, die ihren Sklaventreiber als Mann im Ohr direkt bei sich tragen (vielleicht bald mit auswechselbarer Stimme in verrucht, sportlich, Bayerisch oder Plattdüütsch für den gerade noch zulässigen Hauch von Wohlfühlfaktor …). Jeder hat einen anderen Mann im Ohr. Austausch mit anderen Sklaven ist somit nicht erforderlich und auch nicht vorgesehen.

Veröffentlicht unter 2019

Und raus bist du

… ist das so wichtig, ob der Attentäter von Halle ein Einzeltäter ist oder irgendeiner rechtsradikalen Gruppierung angehört? Unsere Gesellschaft produziert Einzeltäter, weil sie sich immer weiter individualisiert. Nicht einmal mit der Kassiererin müssen wir demnächst noch ein überflüssiges Wort wechseln. Ausgerechnet IKEA („Lebst du noch oder wohnst du schon?“) plant in diese Richtung, dass der Kunde seine Waren selber einscannt und per online-banking zahlt.
Unsere Gesellschaft besteht aus lauter Einzelwesen, die zunehmend weniger miteinander zu tun haben, zunehmend alleine vor sich hinleben und zunehmend alleine zurechtkommen müssen. Ohne jede soziale Kontrolle haben sie – wir – die besten Chancen, immer nerdiger, seltsamer, abgründiger, abwegiger zu werden. Wenn die Freunde dann nur noch virtuelle Game-Figuren sind, wenn die gesamte Kommunikation ins wireless Nirvana geht, wenn die Hände nur noch den Joystick berühren statt die Haut eines anderen Menschen, bist du raus.
Der Attentäter von Halle hat seinen Rachefeldzug durch Halle wie ein Videogame angelegt und kommentiert. Sein Anschlag war rein netzbasiert, die Waffen hat er sich mit 3D-Druck selbst gebastelt. Wir sehen hier den Prototypen eines technisch vereinzelten Täters, der keine Verbindung zur Außenwelt mehr braucht und wahrscheinlich auch nicht mehr will.
So jung, wie er war, war er schon sehr lange raus.

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Die Tür zur Synagoge von Halle

Aus der Narkose erwacht und dank der Medikation fast keine Schmerzen an der frisch operierten Hand, lese ich erst am Abend im Smartphone von dem Zweifachmord in Halle.
Wenn ich viele Quellen zusammennehme, ergibt sich für mich folgendes Bild:
Ein Schwertbewaffneter in Kampfanzug und mit Stahlhelm versucht gegen Mittag, in die Synagoge einzudringen. Dort feiern gerade 70-80 jüdische Gemeindemitglieder Yom Kippur, was der Versöhnungstag, ähnlich unserem Buß- und Bettag, ist und der abschließende der zehn ehrfurchtsvollen Tage, mit denen das jüdische Jahr beginnt.
Merkwürdigerweise steht die Synagoge von Halle nicht unter Polizeischutz. Ihre Tür hält aber auch so: Trotz selbstgebastelten Mollotow-Cocktails und anderem schweren Geschütz kommt der Täter nicht rein. Daraufhin erschießt er eine Frau auf offener Straße vor dem jüdischen Friedhof und flieht vor den inzwischen herbeigerufenen Polizisten in einem Mietwagen. Offensichtlich frustriert, weil die geplante Massenhinrichtung à la Breivik in der Synagoge nicht funktioniert hat, ballert er etwa eine Stunde später zuerst mit einer Schrotflinte, dann mit Maschinengewehr in einen Dönerladen. Ein Mann stirbt sofort, zwei weitere werden angeschossen und können später medizinisch versorgt werden.
Offener Antisemitismus in Deutschland – und ich muss an die Holocaust-Überlebende Ilse Falkenstein-Rübsteck denken, die ich noch für mein Buch Lass uns über den Tod reden interviewen durfte. Da sagt sie: „Der Antisemitismus … ist schon immer dagewesen, und er wird nie verschwinden. … Ich habe schon sehr früh die Erfahrung gemacht: Jüdischsein ist immer auch ein Bedrohtsein. Wie eine dunkle Ahnung – als würde man von Anfang an wissen, worauf das einmal hinausläuft.“
Seine Heldentaten hat der Täter mit der Helmkamera dokumentiert. Er kommentiert sie auf Deutsch und Englisch, wohl für die internationale Rechtsextremistenszene. Nicht auszudenken, wenn er die Tür aufbekommen hätte … Die Hallener Bürger, wie auch die Leipziger und die Dresdener, müssen nach dieser Katastrophe den Megaparties zur 30-jährigen Wiedervereinigung einen deutlichen Akzent hinzufügen, um den Anfängen, die gar keine Anfänge mehr sind, etwas entgegenzusetzen.

Veröffentlicht unter 2019

Gestern, heute, morgen

Dienstag. Die Tübinger kommen mit ihren eigenen Erfahrungen um die Ecke, sodass ich gar nicht viel lesen musste. Das war eine intensive Veranstaltung in der Begegnungsstätte Hirsch. Überhaupt ist der Hirsch eine fabelhafte Institution, nicht nur für Ältere. Das Publikum überraschend gemischt. Ein sehr offenes Publikum, zwei Männer erzählten von Todesfällen in ihren Familien, es flossen Tränen und es wurde gelacht, besonders, als ich aus dem Kapitel von Axel Nacke und dem Würstchenbudenbetreiber vom Eintracht-Braunschweig-Stadion vorlas.
Meine neue Mitbewohnerin ist eine echte Bereicherung. Sie ist Physikerin. Sie denkt mit, was sich an Kleinigkeiten bemerkbar macht, z.B. wie sie meine etwas komplizierte Krups Kaffeemaschine mit einem Blick analysiert (Wasserdampf!). Gestern zeigte ich ihr Bücher von Kader Abdolah, einem meiner Lieblingsautoren. Den kannte sie nicht, er ist ja auch schon in den Achtzigern ins Exil gegangen. Sie bat mich um einfache Kinderbücher, um damit ein bisschen Deutsch zu lernen, und ich holte ihr Bilderbücher von T. und L. aus dem Keller. Die fand sie sehr lustig und hat sie in ihr Zimmer mitgenommen.
Ich habe noch eine zweite neue Mitbewohnerin. Gestern kam sie nur kurz vorbei, sie will erst am Mittwoch richtig einziehen. Bin gespannt, ob das alles so passt…
Morgen werde ich an der Hand operiert. Die liebe Susanne holt mich nach der OP ab. Im „Amt“ alles für zwei Wochen vorausgeplant. Das müssen jetzt andere für mich machen … sehr komisches Gefühl.

Veröffentlicht unter 2019