Feiern mit Zukunft

Sonntag, B.N. Heiligabend in Tübingen mit PM und T. und E. ist angesichts der ungewöhnlich kleinen Runde ziemlich stressfrei und lustig. Die beiden sind gut drauf. Sie lieben sich, sie haben was zu erzählen. PMs 3-Sterne-Hauptgang (Rinderrouladen, Kassler, Sauerkraut, Thüringer Klöße) und viele schöne Geschenke sorgen für Begeisterung und Zufriedenheit.
Gestern Weihnachten in B.N. mit PMs Kindern. Der Freund von PMs Tochter – die beiden lieben sich auch – mischt uns mit News von der KI-Fraktion auf. Im Moment hat er’s mit dem autonomen Fahrzeug. Autonomes Fahren macht angeblich die Utopie des reibungslos orchestrierten und unfallfreien Verkehrs wahr, wirft allerdings ein paar Fragen auf hinsichtlich eines auf sämtliche nur vorstellbaren Verkehrsszenarien berechneten Algorithmus‘: Während der Passagier sich entspannt zurücklehnt, könnten ein Kind und gleichzeitig die Oma des Kindes auf die Fahrbahn springen – wen lässt das Auto am Leben, wen überrollt es? Ein schlauer Hersteller könnte damit punkten, dass bei ihm in jedem Fall der Passagier überlebt – also Kind und Oma tot, während der Passagier quietschlebendig aus dem Auto steigt? (Was bedeutet das für terroristische Anschläge?) Und wer ist in diesem dumm gelagerten Fall verantwortlich, Passagier oder Produzent? Schafft eine Ethikkommission es, sich nicht nur gegen aggressive Marktinteressen, sondern auch gegen den zwangsläufig mit der KI einhergehenden Wertewandel – Abwägen von Menschenleben – zu behaupten? Zählt das Leben der Mutter mit Kinderwagen unbedingt mehr als das des alten Menschen mit einem Gehirn voller Weltwissen? (Was, wenn in dem Kinderwagen nur leere Flaschen sind?) Oder bloß, weil sie als Konsumentin eher infrage kommt? In wessen Entscheidungsgewalt liegt es zu bestimmen, wer weg kann, damit ein anderer geschützt wird? In der von Google? Apple? Uber? Einer globalen Allianz? OMG! Was passiert, wenn Hacker den Algorithmus manipulieren? Oder gar die Hersteller selbst? Da wo Technologie komplett übernimmt, werden viele Daten zur Systemsicherung und -weiterentwicklung gesammelt – haben wir dann endlich Orwells 1984 und den total überwachten Bürger?
PMs 3-Sterne-Hauptgang (Fisch an verschiedenen Gemüsen) und viele schöne Geschenke sorgten für Begeisterung und Zufriedenheit.

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Plan and Work

Mittwoch. Kontakte für das neue Projekt herstellen, zwei Stapel Klausuren korrigieren, die Suppe kochen und das Bäumchen schmücken für ein sehr reduziertes Weihnachten. Das mit den Kontakten erweist sich jetzt schon als schwierig. Den meisten meiner Wunsch-Interviewpartner*innen geht es momentan nicht gut. Sie sind Kreative – Künstler*innen oder Unternehmer*innen, Menschen, die Vernetzung und Austausch brauchen wie die Luft zum Atmen. Das Jahr hat ihren/unseren Geist und ihre/unsere Seele beschädigt. Sie haben kaum Aufträge, Existenzangst, Depressionen, manche sogar gesundheitliche Probleme … keine guten Voraussetzungen für ein Gespräch. Oder vielleicht gerade?

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Impf-Ranking

Montag. Am Morgen ist PM alarmiert: Die Berliner Charité stellt den Betrieb auf Notfallprogramm um. Keine planbaren Eingriffe mehr bis zum Jahreswechsel, nur noch Tumor- und Notfall-OPs, um die Intensivbetten nicht für Coronapatienten zu blockieren.
Seit gestern geistern Berichte von einer in England nachgewiesenen Covid-19-Mutation durch die Medien. Sie soll 70 % ansteckender sein als die ursprüngliche Version und sich rasend schnell ausbreiten. Direkt heute Nacht wurde deswegen die Einreise von Flugpassagieren aus GB gestoppt und alle weiteren Flüge von der Insel untersagt. Die Frage ist jetzt, ob sich diese Corona-Variante nachteilig auf die Wirksamkeit der Impfungen auswirken könnte. Bisher heißt es noch nein, auch Drosten beruhigt …
Denn am 27. Dezember soll es in Deutschland mit den Impfungen losgehen. „Das ist wirklich eine historische wissenschaftliche Leistung“, sagt EMA-Direktorin Emer Cooke angesichts der heute empfohlenen Notfallzulassung unter Pandemie-Bedingungen.
Mit den Impfungen sind hohe Erwartungen verbunden, gleichzeitig jedoch geben Ärzte und Virologen zu, dass hinsichtlich der stark verkürzten klinischen Testphasen viele Fragen offen bleiben. Das ist auch der Grund, weshalb bisher nur 64% der Bevölkerung bereit sind, sich impfen zu lassen.
Zum Ranking: Spahn hat die Bevölkerung in drei Prioritätsgruppen eingeteilt, die jede für sich nochmal differenziert werden sollen. Lehrende rangieren weit hinten in der 3. Gruppe. Ich habe also noch reichlich Zeit zu überlegen.
Indessen sind in China bereits eine Million Menschen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 geimpft. Die chinesische Wirtschaft läuft wieder auf Hochtouren, während wir uns in liberalistischen Endlosdiskussionen verheddern, ob Kinder Schaden daran nehmen, wenn sie sich nur mit einem Spielkamerad treffen dürfen.
Mittags nach Tübingen zurückgefahren. Der Zug ist ziemlich leer und pünktlich – einziger Pluspunkt für Corona.

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Richtig

Sonntag, B.N. Mit einem Schlag ist es wieder da – die Ungeduld, der Drang nach Eroberung, der Durst nach neuer Erfahrung. Durch einen einzigen Kontakt – das sich Aufraffen ist in diesen Grau-in-Grau-Zeiten für mich die allergrößte Hürde. Wie wichtig Austausch ist! Ein Moment der Kommunikation, konkret: ein Anruf, und mit dem Blick in die Welt eines Anderen dreht sich die Perspektive auf das eigene Leben im Zeitraum eines Wimpernschlags um 180 Grad.
Seine öffentlichen Beiträge lassen eine Achterbahn-Biografie durchscheinen. Seine Stimme, die keine Überraschung zeigt – es ist immerhin Samstag Nachmittag -, die ersten Andeutungen von Offenbarungen, und meine Gedanken durchschießen die Nebeldecke: Ich glaube, ich liege richtig.
Ich bin zurück. Heute noch Mutterbesuch in die alte Heimat, zum Glück zusammen mit PM, und dann …

PM hat gekocht
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Alles hat seine Zeit –


… geboren werden und sterben,
einpflanzen und ausreißen,
töten und Leben retten,
niederreißen und aufbauen,
weinen und lachen,
wehklagen und tanzen,
Steine werfen und Steine aufsammeln,
sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen,
finden und verlieren,
aufbewahren und wegwerfen,
zerreißen und zusammennähen,
schweigen und reden.
Das Lieben hat seine Zeit und auch das Hassen,
der Krieg und der Frieden.


(Prediger 3,1-8)

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Homeoffice

Freitag. Die Pandemie und die Folgen, die sie nach sich zieht, erzeugt in mir das zunehmende Gefühl von Fremdbestimmung. Ich hake nur noch ab. Ich tue den ganzen Tag unzählige Dinge, die mir keinen Spaß machen, in denen ich nicht einmal einen Sinn erkenne. Nur weil sie sein müssen, indem sie von mir erwartet werden, nur weil ich diese Erwartungen internalisiert habe, nur weil ich Angst habe sie einfach nicht zu tun, tue ich sie. Die Angst wird dadurch aber nicht weniger. Sie beherrscht mein Denken, sie lässt keinen Raum für die Dinge, die ich jetzt, in dieser Situation, als viel sinnvoller erachten würde als das, was ich tatsächlich tun muss. Stundenlanges, zeitfressendes, energiefressendes, sozialfeindliches, körperfeindliches Sitzen am PC – nicht die geringste Kreativität, nicht die kleinste Eigenständigkeit verlangt mir das ab außer Klick und Enter. Die Pandemie transformiert meinen Beruf in das Gegenteil dessen, was er mir war, als ich mich dafür entschieden habe. Angstbesetzt, und damit meine ich nicht die Angst vor Infektion. Belastung statt Bereicherung. Mein Gehirn ist randvoll damit, nachts schlafe ich nicht ein, und morgens ist mein erster Gedanke die Angst. Verweigerungsfantasie: Nicht mitmachen und dazu stehen. Was würde passieren? Abmahnung? Soziale Ächtung? Rauswurf? Kein Geld? Nichts? Nichts Gravierendes? Vermutung: Der Nebel würde sich heben. Mein Kopf würde wieder anfangen eigenen Gedanken zu folgen, meine Neugier erwachen auf ein ganz anderes Leben. Außerhalb der Erwartungen, der Regularien, der Klicks und Likes, des gewollten Stumpfsinns.

***

„Don’t give yourselves to these unnatural men – machine men with machine minds and machine hearts!“ Charly Chaplin in: The Great Dictator / Der große Diktator

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Last Minute

Dienstag. Froh bin ich, dass wir uns vor einer Woche in B.N. noch mit A. und J. getroffen haben, und vor zwei Wochen in Tübingen mit W. und Dorle.
Lockdown bedeutet Einsamkeit. Jeder musst mit sich selbst fertig werden, um mit der Situation fertig zu werden. Gestern und heute herrscht eine durchgeknallte last minute Betriebsamkeit. Auf der B 27 vor meinem Küchenfenster reißt die Autoschlange nicht ab, in den Geschäften rempelt jeder jeden an – soviel zum Abstandsgebot -, die Lehrer-WhatsApp läuft heiß, weil Anweisungen vom Kultusministerium sich überschlagen und damit die Zweifel in der Ausführung.
Ab morgen ist dann wieder alles dicht. Irgendwie auch gut. Du brauchst keine Ausreden mehr, du kannst die Hände in den Schoß legen. Was heute nicht erledigt wird, wird nichts mehr und ist vielleicht auch nicht so wichtig. Die Lebensmittelläden bleiben geöffnet, keiner muss verhungern und das begehrte Klopapier wird auch nicht ausgehen, so what? Im „Amt“ ziehe ich in den zwei verbleibenden Tagen das durch, was sonst in vier erledigt würde, was natürlich Schwachsinn ist, aber Jahresende heißt auch Akten schließen, und wenn es noch so abrupt daherkommt. Weshalb ich mir die Nächte mit Korrigieren von Klausuren um die Ohren schlage, bis die verkorksten, verschrobenen Krüppelsätze mir aus denselben raushängen. Um die Grundkompetenz Schreiben ist es nicht zum Besten bestellt, aber das ist ein anderes Thema, ein vergebliches dazu: Schreiben und Sprechen sind nur zwei der Opfer, die die Gesellschaft der Digitalisierung darbringt, das mache ich nicht zu meiner Sache.
Im „Amt“ gibt es täglich neue Coronafälle, das Virus rückt immer näher. PM testet mich an den Wochenenden – Momentaufnahmen. Gestern, heute, morgen kanns auch mich erwischen.
Mit T. zusammen ein Bäumchen gekauft, ein kleines im Topf, so ändert sich alles. Statt deckenhoch jetzt eben auf Taillenhöhe, und wenn es auf dem Hocker steht, auf Augenhöhe. Höchstens ein Fünftel meiner Weihnachtsdeko passt drauf. Es hat Wurzeln, vielleicht überlebt es.

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Auffällige Kongruenz

Sonntag. Sachsen führt mit einem Inzidenzwert von 321 einsam im Ländervergleich. In einigen Städten überschreitet er sogar die Marke von 500. Es sind genau die Regionen, in denen die Ignoranz gegenüber der Pandemie-Gefahr in Form von Verharmlosung bis zur Leugnung am weitesten verbreitet ist. Sächsische Politiker jedoch bestreiten das Offensichtliche. Sie labern von Multikausalität und von ihrer Nähe zur Grenze nach Polen … na klar, die Polen waren’s!

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Ausgangssperre

Freitag. Merkels leidenschaftliche Ansprache vorgestern vor dem Bundestag hat beeindruckt. Als sie über die aktuellen Corona-Zahlen spricht – 590 Tote an dem Tag – bricht ihr die Stimme weg, so hat man sie noch nie gesehen.
Die Reduktion der Kontakte sei nicht ausreichend, betont Merkel und dass man wieder auf Inzidenzwerte von 50 kommen müsse (zum Vergleich: im Oktober lag der Wert bei 35, weshalb die 3. Pandemiestufe ausgerufen wurde!). Dafür soll nach ihrem Willen der harte Lockdown schon am 16. Dezember beginnen und bis Mitte Januar andauern.
Wie vielen Gaststätten, Geschäften, selbstständigen Unternehmen wird mit den jüngsten Maßnahmen endgültig das Genick gebrochen? Und wie lange wird es dauern, bis die Kulturszene sich davon erholt? Wird das überhaupt gelingen? Beate berichtet, dass sie seit sieben Monaten kein Einkommen mehr hat. Ihre Wohnung hat sie aufgegeben und lebt nun bei ihrem Mann in der Schweiz, bisher hatte sie – aus gutem Grund – eine Fernbeziehung wie ich.
PM kommt spät am Abend an und ist fertig mit den Nerven. Alle Pläne sind schon wieder Schnee von gestern, auch die Kliniken, vermutet er, werden wieder runtergefahren. Am Sonntag treffen sich die LänderChiefs & Kanzlerin und entscheiden, wie es weitergehen soll. Konkret: Vorverlegung der Schulferien, Runterfahren weiterer Einrichtungen, Weihnachten feiern mit max. 10 Personen, bundesweite Ausweitung der Ausgangssperre bzw. deren Dauer in Baden-Württemberg. Man glaubt es ja kaum: Kretschmann hat ab morgen/Samstag eine Ausgangssperre ab 20 Uhr verhängt. Die Luft brennt, jetzt übertrumpfen sich die Ministerpräsidenten gegenseitig mit Maßnahmenkatalogen. Wir sitzen uns deprimiert gegenüber, der Tag war anstrengend, wir sind ausgelaugt und schlecht drauf und können uns nicht viel geben.
Weihnachten – interessiert mich nicht. Der Zirkus, den ich sonst um diese Zeit betrieben habe, kommt mir sehr seltsam vor. Noch vor zwei Wochen habe ich mich aufgeregt, dass der Staat mir reinreden will, wie und mit wem ich feiern darf. Inzwischen ist es mir egal. Ich bin stumpf. Ohne Leidenschaft. Der Sinn von vielem kommt mir immer mehr abhanden. Tagwerk – vor einer Ewigkeit hatte das Wort einen speziellen Klang für mich. In mir klingt nichts mehr. Dieses miese fiese Virus frisst mir mein Gehirn weg, ohne dass ich infiziert bin.

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