Feiern

Sonntag. Das war schön!, sagt PM und spricht mir aus dem Herzen: Geburtstagsfeier mit lieben Freund*innen und Kolleg*innen. Auch dabei: T und seine italienische Freundin E., die ja schon Weihnachten mit uns gefeiert und damit alle Zweifel beseitigt haben, ob sie nun zusammen sind oder bloß irgendwie befreundet. Will man schließlich wissen als Mutter. Aus Köln kam ein süßes TelefonGeburtstagsStändchen vom L.chen und T.chen. Das sind die Momente reinen Glücks und reiner Dankbarkeit. Später meine Überraschungsgäste für PM: Petra und Findus, die nach der Wende in die Nähe von Tübingen gezogen sind und beide früher in Eisenach gelebt haben. Alle drei haben vielleicht geguckt! – sich wiedererkannt unter längst verloren geglaubten Erinnerungen und viele alte Geschichten hervorgekramt.
Meine Wohnung heute Morgen ein duftendes Blumenmeer. Ein neuer Tag …

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Der Menschenfeind

Sonntag. Zuerst denkt man, es ist das Bühnenbild, dann: es ist der spielerische Furor des Ensembles, dann: es sind die Dialoge, die Kostüme, die Musik, das Tempo – und letztlich ist es alles zusammen, was das Theater in Bonn immer wieder und wieder einmal zum richtig guten Erlebnis macht: Diesmal „Der Menschenfeind“ nach Jean Baptiste Molière.
Schon vor der Vorstellung und später in der Pause – das Stück dauert drei Stunden! – mischen sich die Schauspieler*innen im Foyer unter das Publikum. Es geht um Gesellschaftskritik, um menschliche Gepflogenheiten, die Kommunikation der feinen Gesellschaft wird aufs Korn genommen, und da gehört der Zuschauer allemal dazu:
Zu der Welt des Weltverbesserers Alcestes. Die hat seinerzeit Hans Magnus Enzensberger mit seiner frech aktualisierenden Übersetzung des barocken Stücks aus dem Jahr 1666 in die 1979er Schickeriagesellschaft der Bonner Republik gebeamt.
Regisseur Jan Neumann hat den Faden wiederaufgenommen, Enzensbergers Ansatz weiterentwickelt und mit unserer aktuellen Situation verwoben: Die Presse, der neue Antisemitismus, der Ernährungsterror, der Optimierungswahn, Verweise auf die sozialen Medien mit ihren Selbstdarstellern und Followers, selbst Helene Fischer und die PartyGlitzerWelt der Kardashians finden in eingeschobenen Improvisationen Platz. Währenddessen verschwindet der Bühnenboden unter Tausenden goldener Bälle, Bergen von Glitterfäden und Luftballons, die in bunten Trauben von der Decke schweben – die schöne Célimène feiert Party, das Bällebad ist ein Promi-Pool und Alceste verzweifelt angesichts der doppelbödigen Reden des illustren Partyvolks.
Denn Alceste (Daniel Stock) ist ein Dichter, dem nichts über Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit geht: ein Extremist, der der Welt mit offenem Visier begegnet, der lieber platzt als zu heucheln und Leute mit Schmeicheleien zu umgarnen. Ohne Rücksicht auf Verluste zerfetzt er also auch die literarischen Ergüsse des Politikers Oronte, gibt sich seiner Wut über dessen verschwurbelte Hobby-Poesie so leidenschaftlich und mit solchem gnadenlosem Verbalsadismus hin, dass der mitleidenden Zuschauerin direkt das Lachen im Hals steckenbleibt.
Der schwer gekränkte Oronte schwört Rache, und im weiteren Verlauf wird er diese erfolgreich durchsetzen. Am Ende trägt Alceste einen hautengen Jumpsuit mit dem aufgedrucktem Muster von rohem Fleisch (Lady Gaga lässt grüßen!). Er ist ein Gehäuteter – ein von der Gesellschaft Ausgestoßener, weil seine Radikalität nur das Außenseitertum zulässt. Alceste kennt den Preis. Seine Lebensart verheißt Unglück, sowohl im gesellschaftlichen Zusammenspiel als auch in der Liebe.

Foto: Thilo Beu

In der Pause drängelt sich das Volk um die Bar, wo man für zwei Fingerhutfüllungen Sekt 12 Euro hinlegt. Nicht die Leute vom Theater!, erfahre ich im Gespräch, die bringen sich ihre Getränke von zuhause mit. Nach der Vorstellung tritt man hinaus in die ausgestorbene Fußgängerzone von Godesberg. Das Insel-Restaurant direkt neben dem Theater hat seit einer Stunde geschlossen.
Bonn ist nicht mehr, wie Enzensberger es noch sah.

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Thüringer Taschenspieler


Samstag, B.N. Das Thüringer Politdrama ist die Quittung für CDU und FDP, die seit Jahren allgemein die Linkspartei und insbesondere Bodo Ramelow als „linksradikal“ verteufeln (so jüngst Fr. Merz und Chr. Lindner) und damit realiter jenen den Weg ebnen, die rechtsaußen schon mit den Hufen scharren. Das Bild vom roten Gespenst greift offenbar immer noch, obwohl die Welt sich seit nunmehr fünf Jahren davon überzeugen konnte, dass ein linker Ministerpräsident die Welt nicht aus den Angeln gehoben hat. Doch die Betonköpfe, die sich daran festgebissen haben für alle Ewigkeiten, sind jetzt genau die, die gegen eine Auflösung des Parlaments und gegen Neuwahlen sind. Klar, wer die Wähler*innen dermaßen verschaukelt hat, kann nicht mehr mit Stimmen rechnen. Mehr denn je würden Die Linke und AfD bei Neuwahlen in Thüringen die beiden großen Parteien stellen. Wie also geht es weiter? Und wie geht man mit einer Landes-CDU um, die den Faschisten Höcke als akzeptabler für einen Kooperation einstuft als den sozialdemokratisch orientierten, in der Bevölkerung hochangesehenen Linken Ramelow?
Die Bürger*innen nicht nur von Thüringen sehen dabei zu, wie Demokratie zu einer Farce, zur Taschenspielerei verkommt. Das ist das Schlimmste an diesem Stück.

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Streitkultur Deutschlandfunk

Was thematisch und veranstaltungstechnisch bei mir als Nächstes ansteht:

Streitgespräch am 03.04.2020 in Köln / Deutschlandfunk C. Juliane Vieregge vs. Volker Demuth:

Es geht um Unsterblichkeit und Transhumanismus, um die Fusion von Mensch und Maschine, um die Überwindung von Leiblichkeit und Vergänglichkeit, um die Frage, was der TH mit Humanismus zu tun hat, um Freiheit, Gleichheit und Demokratie, um Selbstverantwortung und Selbstbestimmtheit …

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Fertig

Samstag sehr früh. Und nach drei durchgemachten Nächten ist der Roman auf einmal fertig. Es ging ganz leicht. War ja auch schon viel Vorarbeit da. Es ging nur noch um den Schluss. Ein paar Bausteine habe ich verschoben. Fäden wiederaufgenommen, einen gekappt bzw komplett rausgezogen, was sich als etwas mühsam erwies. Ob er jemals von irgendjemandem gelesen wird, weiß ich nicht, ist auch gerade nicht so wichtig. Ich fühle mich great. Ich habe Abschied genommen. Ich habe die Protagonistin auf den Weg geschickt. Sie ist ein bisschen derb. Und lonely. Sie wird es schaffen.
Meinetwegen könnte jetzt der Tag anbrechen …

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Tag und Begegnung mit einer Suppe

Samstag, B.N. Eine Hühnersuppe der allerfeinsten Art wartet auf mich: „Damit es gesundheitlich endlich wieder aufwärts geht!“, whatsapped PM gestern.
Im Zug fühle ich mich schlapp und beschissen, irgendwas stimmt noch weniger als schon die Tage davor. „Hmmm, lecker, freu mich!“, schreibe ich uninspiriert zurück. Kurz vor Remagen zücke ich das Spiegelchen, um den Lipstick anzusetzen. Das hätte ich besser nicht tun sollen. Ein Vollmond mit Sehschlitzen schaut mir entgegen. OMG!, schnell die Sonnenbrille raus.
PM guckt seltsam, als ich mit den schwarzen Gläsern im Dunklen direkt vor seiner Nase dem Zug entsteige. Hält den Auftritt wohl für ein modisches Statement. Weiß dank der Riesenbrille ja auch noch nichts.
Nach der Suppe, deren köstlicher Duft mir schon beim Hereinkommen in die Nase gestiegen ist, und zwei Bechern Pfefferminztee will ich nur noch ins Bett. Schnell hat PM ein Quincke-Ödem diagnostiziert. Das sich im Laufe der Nacht und des nächsten Tages – heute also – prächtig entwickeln wird. Was die bisher ungekannten Schmerzen im Gesicht und am Hals ja auch schon unmissverständlich angekündigt haben.
PM, der Arme, wird mich gleich nach Tübingen zurückfahren. Zweimal 300 Kilometer … Einen Sack voll Medikamente hat er mir in den Koffer gestopft. Ich fühle mich ein bisschen wie der Glöckner von Notre Dame. Das wars mit dem schönen Wochenende …
… und jetzt bitte noch den Rest Hühnersuppe!

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Zeit

Samstag. Auf meinem Weg zur Arbeit, den ich manchmal zu Fuß zurücklege, kommt es auf jede Minute, jede Sekunde an. Nehme ich die Abkürzung durch die Bahnhofsunterführung, oder bleibe ich oben? Für den Fall, dass ich sie nehme: Fahre ich mit dem Aufzug hoch oder laufe ich die Treppen? Wenn ich an der Apotheke vorbeikomme, werde ich schon fünfzehn Sekunden später die Baustelle erreicht haben und in einer anderen Wirklichkeit angekommen sein. Baustellen lösen andere Gedanken in mir aus als Apotheken, ich sehe plötzlich andere Möglichkeiten, ich bin eine andere. Was ist Zeit? Was macht sie mit mir? Im allerkürzesten Abschnitt kann sie meine Existenz vernichten – der Depp, der mich neulich fast umgenietet hat! -, ein tödlicher Unfall, eine bleibende Verletzung, und das Leben einer ganzen Menschengruppe ist ein anderes als noch eine Sekunde davor. Andererseits kann ich zwei Stunden lang im Sand liegen und vor mich hindösen und nichts geschieht. Der totale Stillstand, sowohl außen als auch in mir. Der große Zeiger der von Weitem sichtbaren Uhr steht meistens auf der Acht, wenn ich an ihr vorbeilaufe – zwanzig vor. Bin ich auf der Höhe der Baustelle, steht er immer noch auf acht. Das wundert mich jeden Morgen. Er hinkt dem Sekundenzeiger hinterher, und erst, wenn ich über die Baustelle raus bin und mich noch einmal umdrehe, ist er einen Strich vorgerückt: Neunzehn vor. Eine Minute, eine Ewigkeit.

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Tempolimit – nein Danke!

Mittwoch. Wer hätte das jetzt gedacht: Zu schnelles Fahren auf Autobahnen ist der Hauptgrund für tödliche Unfälle!

Das ergab die amtliche Unfallstatistik für das Jahr 2018.

424 Verkehrstote gab es 2018 laut Statistischem Bundesamt auf deutschen Autobahnen. Für 196 Fälle, beziehungsweise für 46 Prozent, war eine erhöhte Geschwindigkeit bzw. ein den Witterungsbedingungen nicht angepasstes Tempo für den Unfall verantwortlich.

Zu dem Unwillen mancher Autofahrer, das Tempo angesichts mieser Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnisse zu drosseln – unabhängig von der geltenden Höchstgeschwindigkeit -, gesellt sich nämlich häufig der Wille zum dichten Auffahren. Zu geringer Abstand zum Vordermann gehört ebenfalls zu den Hauptunfallursachen.

Kommt jetzt also endlich das Tempolimit? Hört man sich die jüngsten Politikerdebatten dazu an – eher nicht. So nach dem Motto: Belästigen Sie mich nicht mit Fakten!

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Alles ist im Fluss

Montag. Meine Mitbewohnerin Lisa hat sich als Rumpelstilzchen entpuppt und ist Hals über Kopf ausgezogen. Da sie Sediq und mir das Leben zunehmend schwer gemacht hat, sind wir nicht gerade traurig. Eher erleichtert. Gestern Nachmittag haben wir mit Kaffee auf den positiven Ausgang der Sache angestoßen.
Thema Nr. 1 sind aber die alles andere als positiven Entwicklungen im Iran. Nach meiner Rückkehr habe ich Sediq sehr niedergeschlagen angetroffen. Als Insiderin hat sie einen anderen Blick auf die jüngsten Ereignisse. Und wenn sie sich über das Mullah-System auslässt, über die permanenten Schikanen, über den Wert eines Mannes im Vergleich zu dem einer Frau – genau das Doppelte! – , über willkürliche Entscheidungen, die in meinen Ohren nur strange klingen, dann verstehe ich sie einschl. ihrer Einstellung zu Amerika. Über manche Sachen könnte man lachen, wenn sie nicht so furchtbar wären. Wir können uns diese Verhältnisse in der Realität gar nicht vorstellen. Die Städter und die jungen Leute im Iran sind gebildet, sie kennen die Welt, sie sind informiert. Und müssen sich auf der anderen Seite einem Gewaltsystem unterwerfen, dessen Werte, dessen Vertreter sie nicht für voll nehmen können. Doch die Bevölkerung ist gespalten, und das System ist reich und mächtig und international vernetzt.

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