Plan A

Mittwoch, Kiel. Zwischen den Jahreswechselfeiertagen stand die Welt ja immer schon still, aber diese Stille dieses zweiten Coronawinters ist durchdringender. Es ist der Stillstand jeglicher Kreativität, jeglichen Aufbruchs, der die Menschen schlaff und aggro macht.
Aggressivität ist die Kreativität der Ohnmächtigen.
Das C-Virus, die Ahrflut mit ihrem katastrophalen, noch längst nicht überwundenen Zerstörungspotential, der drohende Klimakollaps in seiner Allgegenwärtigkeit in Politik und Kultur, die mediale Inszenierung einer angeblichen russischen Aggression, die die permanente osterweiternde NATO-Aggression verschleiern oder sanktionieren soll und auf die so viele Menschen reinfallen, vielleicht um ein Ziel für ihre eigenen Aggressionen auszumachen – so viel Angst und Schrecken laugen den Geist aus und lassen die Menschen wie Zombies ins neue Jahr taumeln.
Ich bin gestern in Kiel bei Jerome und Beret gelandet. Hier hat 2013 das vorliegende Blog seinen Anfang genommen. Hier konnte ich unterkriechen, wann immer ich abtauchen und meine Wunden lecken musste. Unsere Dreier-WG auf Zeit ist erprobt und basiert auf gegenseitigem Helfen und Laissez faire. Jerome geht es den Umständen entsprechend schlecht, Beret hält ihr Leben zusammen. Schon als ich die beiden für mein 2012 erschienenes Buch Die Perle in der Auster interviewte, hat es sich abgezeichnet: Der Weg von Jeromes Krankheit ist ein gemeinsamer. Egal wie steinig er noch wird.
In meinem Koffer befinden sich nur wenige Klamotten und viele Bücher; mein nächster Interviewpartner ist ein hochrangiger Naturwissenschaftler. Zum Glück kann er schreiben: ich als Laiin verstehe seine Ausführungen nicht nur, sondern erlebe sie als echte Horizonterweiterung. Wachsende Neugier auf den Menschen dahinter … auf die Menschen dahinter … das ist mein Plan A für 2022!

Zeigen

Dienstag. Die Frau ist fürs Verpacken da. Bei Fragen weist sie lächelnd auf ihre Kolleginnen vom Verkauf. Sie überragt sie alle, ihre kunstvolle Flechtfrisur passt irgendwie nicht zu dem engen Kaufhauskleid, das viel über ihre Anpassungsbereitschaft aussagt. Das mit dem Verpacken klappt noch nicht so richtig. Ich halte den Finger aufs Papier. Dannge!, sagt sie und lächelt ein Lächeln, das sogar die LED-Leuchten im Laden überstrahlt. Dass das Paket schief wird, ist nach der ersten Umwickelung absehbar. Mit einem Handzeichen demonstriere ich ihr, dass die Schnittkante parallel zur Seitenkante liegen muss. Wieder lächelt sie, wickelt das Paket aus und wieder ein. Beim Fixieren mit Tesa halte ich die Seitenumschläge fest. Dannge. Das erste Paket ist nun fertig, doch als ich danach greifen will, reißt sie die Augen auf und signalisiert mir per Zeigefinger vor meiner Nase, dass sie noch keineswegs soweit ist. Zuerst wird das zweite Geschenk verpackt. Das geht schon deutlich besser, ihre eleganten Hände berühren imitierend die Schnittkante und sie lacht eingeweiht. Nun liegen beide Pakete da. Sie betrachtet das weihnachtliche Dekor auf dem Papier. Entrollt zögernd das bordeauxrote Band, das auf dem Tisch bereitliegt, und rückt mit vielen, kleinen Handbewegungen das erste Paket darauf zurecht. Schon will ich den Finger auf den Knoten drücken, da überlegt sie es sich anders. Sie öffnet die Schublade unter dem Tisch, und eine bunte Blumenwiese von Geschenkbändern kommt zum Vorschein. Konzentriert sieht sie alle Rollen durch, nimmt eine nach der anderen raus, überprüft mit den Fingerspitzen die Oberfläche, hält verschiedene Farben an das Papier, entscheidet sich schließlich für ein hochglänzendes Rot.

Das ist schön, sage ich. Sie hört mich nicht, sie ist voll bei der Sache. Ich spüre, neben meiner Faszination, plötzlich körperlich meine Deformation. Das Angemessene, Normale, Menschliche, das darin liegt, sich von Farben und Fülle berauschen zu lassen. Nur meine seit Jahrzehnten auf Effizienz getrimmte Reaktion steht dagegen. Die wird sie in wenigen Monaten übernommen haben, wenn sie den Job behalten will. Wird sich keine Zeit mehr nehmen, die Bänder ans Papier zu halten, um die Komposition auf sich wirken zu lassen. Wird sich an die Fülle gewöhnen und automatisch nach dem Richtigen greifen und wenn nicht, auch egal, Hauptsache schnell. Vielleicht wird sie in den Verkauf aufsteigen und ihren Kindern beibringen, nicht so rumzutrödeln. Keine Zeit zu verplempern. Lieber zack zack!, dann klappts auch in der Schule und in der Ausbildung und im Beruf: Dann habt ihr es geschafft und seid genauso dressiert wie die weißen Affen hier, die uns zeigen wollen, wo es langgeht.

All are gone again …

Montag. … und das ist traurig, aber normal. Loslassen immer normaler. Sogar Menschen Loslassen wird normal. Heute fährt PM zurück, und ich packe meinen Koffer für die nächsten eineinhalb Wochen. Weitermachen. An Plänen festhalten … das ja!

Rot ist tot

Der Herausgeber linker Manifeste und Träger roter Socken ist gestorben – der Verleger Klaus Wagenbach wird uns fehlen. Er stand für eine linke Haltung, verbunden mit sinnlicher Neugierde, eine in der deutschen Intellektuellenszene seltene Mischung. Auf drei programmatische Pfeiler berief er sich ausdrücklich: “Anarchie, Geschichtsbewusstsein, Hedonismus.”

Mit Dank für viele tolle, rote Wagenbach-Bände in meinen Regalen und ein langes Gespräch auf der Leipziger Buchmesse, in treuer Erinnerung:

Fabrikdenken

Dienstag. Baerbock macht genau die Außenpolitik, vor der ich im Vorfeld der Bundestagswahl richtig Angst hatte. Und Habeck befeuert ihren Kurs, als könnte er kaum abwarten, den real existierenden Kalten Krieg in einen heißen Krieg zu verkehren. Ohne Rücksicht auf Verluste trampeln die beiden Neuminister durch diplomatisches Beziehungsgeflecht, treiben die Inszenierung einer vorgeblichen russischen Aggression auf die Spitze, faseln von Aufrüstung und Nuklearwaffen, als gehörte solcherlei Vokabular heutzutage in den Grundwortschatz von Vertreter*innen der einstmals als Pazifistenpartei angetretenen Grünen.
Zur Erinnerung: 1999 brachten die Grünen unter Regierungsbeteiligung die ersten deutschen Kriegseinsätze seit dem Ende des Naziregimes auf den Weg: unvergessen der Einsatz von 14 deutschen Tornados bei der NATO-Operation “Allied Force” auf Ziele in Serbien. Auf diese Tradition scheint Baerbock sich zu beziehen, wenn sie, wie kürzlich geschehen, den Nuklearmächten Russland und China mit Atomwaffen droht. Aggressiv und militant verkündet die frisch gekürte Außenministerin: „Genau diese Frage der Atomwaffen macht deutlich, dass wir in Zukunft wieder eine aktive deutsche Außenpolitik betreiben werden, die sich den Dilemmata der globalen Politik stellt. Wir stehen zu unserer Verantwortung im Rahmen von NATO und EU und auch zur nuklearen Teilhabe.“
Und setzt noch einen drauf, indem sie mitten in der Pandemie die Beschaffung neuer atomwaffenfähiger Kampfflugzeuge fordert: „Wir müssen das Nachfolgesystem für den Tornado beschaffen, weil die konventionellen Fähigkeiten ersetzt werden müssen. Es handelt sich also nicht allein um sogenannte Atombomber. Über die Frage der nuklearen Zertifizierung werden wir dann weiter sprechen müssen.“
Baerbock scheint das eigenständige Denken an den Türen ihrer NATO-fixierten Denkfabriken abgegeben zu haben, genau wie Habeck und wie Jahre zuvor schon Cem Özdemir. Was kriegen die bloß dafür?

Spät, später, gar nicht

Freitag. E., meine ital. Schwiegertochter, schickt mir Fotos von ihrem blauen Weihnachtbaum mit 1400 MiniLEDs und 230 Kugeln und Zapfen! Sieht aus wie der im Rockefeller Center, nur viel schöner. Ich bin da eher im Erzgebirge angesiedelt … Wachskerzen, wie jedes Jahr, oder Lichterkette?, das ist jetzt die Frage, die den Vorweihnachtsstress noch um einen Tick verschärft, als da wäre: Trouble im “Amt”, nach der Arbeit Einkaufslisten abarbeiten, einarmig das Zeug nach Hause schleppen, Geschenke auch irgendwie, immer wenn ich denke, ich bin fertig, fallen mir fünf, sechs Sachen ein, die ich erst später erledigen wollte, aber jetzt ist später –

King Biller

Mittwoch. Maxim Biller ist einer der Größten, und mit Der falsche Gruß (Kiepenheuer Witsch, 2021) wird er noch ein bisschen größer inmitten des deutschsprachigen Nichtssager-Einerleis.
Die Handlung: Ein Schriftsteller mit DDR-Vergangenheit fasst im wiedervereinten Deutschland Fuß auf dem glatten Parkett der untereinander schwer konkurrierenden Intelligenzia. Mit Chuzpe navigiert er sich und sein brandaktuelles Werk durch das Gestrüpp aus Missgunst, Autorenneid, Männerneid und Skrupellosigkeit, das die Verfeindeten wider ihren Willen miteinander verbindet.
Der falsche Gruß leuchtet bitterböse das Dunkel der bundesrepublikanischen Tabus aus, löst wenig, sagt aber viel. Vieles bleibt unverständlich, Biller wieder als Meister der Anspielung, der zahllosen, rasant sich jagenden Insider, was die Nichtinsiderin kurz mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins hadern lässt, bis sie sich avanti, avanti wieder einkriegt, denn, zack!, stolpert sie bereits über den nächsten Namen oder das nächste Ereignis, das erinnert oder historisch eingeordnet werden will. (Ich persönlich mag das, wenn ich nicht jedes Detail blicke.)
Die geneigte Leserin entdeckt in beiden Figuren, dem Helden und dem Antihelden, original Billerhaftes bzw. billerhafte Selbstironie, passenderweise verschwimmen im Buch diese Zuschreibungen. Und jetzt kein Wort mehr – Spoileralarm!
Fazit: Ein Buch, auf das man sich freut. Großartig!