Wie glücklich sind Sie?

Donnerstag. Journalist*innen fragen nicht mehr: Wie geht es Ihnen nach diesem Erfolg? sondern: Wie glücklich sind Sie?
Ich bin sehr glücklich!, sagt der Spieler des Gewinnerteams.
Wie stolz sind Sie?
Ich bin sehr stolz!, sagt die Schauspielerin, die einen Filmpreis abgeräumt hat, und klappert uninspiriert mit den Wimpern, weil sie merkt, dass das Interview eigentlich schon vorbei ist.
Was in einer dunklen Stunde im Interesse der Zeitökonomie von keine Ahnung welcher ausgebufften Institution ersonnen wurde – immerhin muss die/der Interviewte nicht mehr von selbst auf die Zustandsbeschreibung glücklich und stolz kommen –, entpuppt sich als Gesprächsblockade. Seit Jahren schläfert uns dieser Mist ein, der wie unter einem Brennglas – trendy Lieblingsfloskel aller Kommentator*innen und Politiker*innen – die Merkmale unserer Zeit manifestiert: Stromlinienförmig, eintönig, risikofrei, steril.
Ein guter Gesprächsopener sieht anders aus. Eine gute Antwort dann auch.

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Corona Night

Der Vollmond denkt sich seinen Teil, ich trabe mit Wäschekorb und Waschpulver zu W. rüber, weil meine Waschmaschine immer noch nicht funzt, im hell erleuchteten Friseurladen gegenüber wird hinter halb herabgelassenen Jalousien heimlich geschnippelt, dummerweise lugen des Meisters Sneakers und der Frisierumhang des Kunden oder der Kundin drunter vor, was solls, ab Montag haben Friseure sowieso wieder geöffnet, während die Infektionszahlen schon wieder steigen, weil frühlingsmäßige Temperaturen die Leute auf die Straßen und an die Flussufer locken, wo sie sich zusammenrotten und auf Abstand und Maskenpflicht pfeifen, der Mond, der große Schweiger, sagt zu dem ganzen Theater nichts, er ist ziemlich stur, er ist immer derselbe.

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Der Mörderprinz darf

Samstag. Nach über zwei Jahren belegt eine von amerikanischen Geheimdiensten veröffentlichte Untersuchung jetzt wasserdicht: kein anderer als der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat die Ermordung des saudischen, im US-Exil lebenden Journalisten Khashoggi in Auftrag gegeben. Woran doch sowieso eigentlich niemand gezweifelt hat, das veranlasst Neu-US-Präsident Biden dazu, 76 saudischen Regierungsmitgliedern die Einreise in die USA zu verweigern – mit Ausnahme des Mörderprinzen selbst! Dazu sind die US-Waffengeschäfte mit Saudi Arabien wohl doch zu lukrativ, und Bidens angekündigter Paradigmenwechsel im Verhältnis zu Saudi-Arabien erweist sich als enttäuschend schlaff.
Das widerwärtige Verbrechen hat vor zwei Jahren die ganze Welt erschüttert. Die Hoffnung, dass die Nationen sich auf eine sehr schlichte Basismoral einigen können – kein Handel mit Mördern – erweist sich als scheinbar naiv.

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Weichen

Freitag. PM kommt mit einer Flasche Sekt an, die lange Fahrt steckt ihm in den Knochen. Er ist noch etwas benommen. Er hat die Weichen gestellt, hat Fakten geschaffen. Und während Angst und Vorfreude sich bei uns mischen, wirkt das, was ansteht, das Neue, Zukunftsweisende, nicht in allen Einzelheiten Vorhersehbare, so prickelnd auf unsere Seelen wie der Sekt auf unseren Zungen.

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Mein Name sei …

Dienstag, B.N. Begegnung mit Edgar Hilsenraths Der Nazi und der Friseur, dem respektlosesten, atemberaubendsten, bösesten Werk, ich korrigiere: Meisterwerk, über das Dritte Reich und den Holocaust (was übrigens eine Wortschöpfung von Elie Wiesel ist … geht auf die Erzähltradition von Isaaks Opferung zurück und umfasst deshalb ausschließlich den Massenmord an Juden).
Ein Roman, der direkt in die Eingeweide zielt. Was kann ich daraus lernen?, frage ich mich bei jeder Lektüre … Sind ja Lebensentwürfe, der freien Phantasie entsprungen … Spiegel meines eigenen Lebensentwurfs: die ich zur Freiheit verdammt bin und rein theoretisch oder auch ganz praktisch jeden Morgen nach dem Aufstehen darüber entscheiden könnte, wer ich heute bin … Regen zur Nachahmung an oder schrecken ab … je nachdem … sofern es sich nicht um eine dieser Plot-freien Nichtgeschichten mit blutleeren Held*innen à la P. Stamm u.v.m. handelt, die aus unerfindlichen Gründen die literarische Moderne prägen … weshalb Böll und Frisch seit sechzig Jahren die Abteilung „zeitgenössische Literatur“ im Deutschunterricht abdecken … ich schweife ab … das Schreiben/Tippen schmerzt, ich habe keine Inputs außer Bücher und PM … Ende der Woche 2 Termine bei Handspezialisten … die Arbeit ruht, die fürs „Amt“ und die andere leider auch … ich gehe spazieren, ich lese –
„Ich bin Jude. Und ich bin stolz darauf. Und wenn’s Ihnen nicht passt, dann können Sie mich am Arsch lecken!“ Die Gräfin sagt nur: „Sowas tut man – aber man sagt es nicht. Keine Finesse, Herr Finkelstein!“ Der Butler legte mir jeden Morgen die Zeitung links neben den Teller. Aus Gewohnheit lese ich zuerst Bericht über den Massenmord, schneide sie aus, bewahre sie auf, unterstreiche aber vorher, ehe ich sie ablege, die Namen der geschnappten Verbrecher, ebenso die noch gesuchten. Oft stoße ich auf den Namen des Lagerkommandanten Hans Müller, zuweilen auf meinen eigenen …
Identitätenwechsel … spannendstes Thema ever! Mein Name sei Gantenbein … Konjunktiv im Titel – perfekt!
Mein Name sei …

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Währungen

Freitag, B.N. China will die erste große Volkswirtschaft mit einer eigenen digitalen Währung sein. 200.000 ausgelosten Personen wurden 200 digitale Yuan, was umgerechnet 25 € sind, auf ihre Smartphones geschickt – und wer sagt zu einem Geldgeschenk schon Nein? Bereits bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking soll das virtuelle Geld auf dem Markt einsetzbar sein.
Da der digitale Yuan staatlich reguliert ist, lässt sich jede einzelne Transaktion in Echtzeit verfolgen. Dem Kontrollblick auch in die kleinsten Fächer der Portemonnaies der Bürger*innen steht damit nichts mehr im Weg. Fragt sich, wann der IWF nachzieht. Die digitale Währung ist ein Schreckgespenst und keine Zukunftsvision, die Lust auf Teilhabe macht.
Ich setze für die gar nicht mehr so ferne, postcoranale Zukunft auf Business to Business. Von jungen Leuten längst praktiziert -s. Foodsharing -, bewährt sich das Geschäftsmodell schon seit den späten Neunzigern in Form von Nachbarschaftshilfe oder Zeittauschsystemen etwa in der Altenpflege.
B2B-Währungen, egal ob in analogen oder virtuellen Tauschringen verwaltet, haben gleichzeitig etwas Archaisches und Visionäres: sie lockern die Abhängigkeit von Banken, sie verbinden wirtschaftliche mit gesellschaftlichen Interessen, ohne letztere komplett zu dominieren. Sie lassen den überhitzen Steigerungswahn – inklusive der ungehemmten Steigerung von Kontrolle – links liegen, auf den auch ohne Corona viele Menschen schon lange lange lange keinen Bock mehr hatten.

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Inge Auerbacher

Donnerstag, B.N. Gutes Gespräch / Videokonferenz mit Inge Auerbacher in New York. Es geht wieder los, oh ich freue mich. Was für eine Protagonistin! Holocaust-Überlebende, Lebensintensivistin, Sich-Neudefiniererin ohne Vorlage …

Leider geht mein Handproblem auch wieder los. Alles nur einhändig, alles mühsam und schmerzhaft.

Trotzdem – ich sehe wieder Land!!!

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Keine entscheidende Rolle

Mittwoch, B.N. Die Schulen und die dort Betreuten und auch die dort Betreuenden, also die Lehrer, haben keine entscheidende Rolle in der Pandemie gespielt.“
Sagt Prof. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission über den Kampf der Impfstoffe.
Warum dann der irre Aufwand mit Fernunterricht und HomeSchooling? Mit einer didaktischen Unform, die niemandem guttut, die das Lernen zu einer einsamen Sache verkommen lässt, die Teamwork untergräbt zugunsten eines längst überwunden geglaubten Einzelkämpfertums? Die das Schulleben dem Familienleben aufoktroyiert und zu Überlastung und psychischer Überforderung nicht nur bei den Betreuten, sondern auch den Betreuenden führt?

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Welt der schönen Bilder

Dienstag, B.N. Ein Kreuzfahrtschiff auf dem Orinoco. Nächste Station: Ciudad Guayana, doch der Hafenmeister verweigert dem Schiff die Landung und gleich auch Weiterreise. Der Grund ist unklar, vielleicht hat er einfach keinen Bock auf teutonischen Touristenandrang. Das Schiff wirft Anker mitten auf dem Fluss. Das sieht sehr seltsam aus, finden wohl auch die Einwohner. Neugierig nähern sie sich in ihren Booten, erst nur einzelne, dann immer mehr. In Paddel- und Motorbooten umkreisen sie den weißen Riesen. Eng beieinander hockende Männer, Frauen, Alte und Babies winken und lachen. Sogar Musik haben sie mitgebracht – eine Party auf dem Wasser. Die alte Frau strahlt, als habe sie so etwas Wundervolles noch nie gesehen: Ein gigantisches weißes Schiff voller weißer Touristen. Zum Heulen schön ist das, wie sie sich freut. Ohne Misstrauen. Sie will nur eins, diese Fremden begrüßen, dafür ist sie rausgefahren. Sie lacht wie ein Kind, und ich habe so kitschige Gedanken, wann ich das letzte Mal so gelacht habe und dass ich immer auf mindestens zwei Ebenen gleichzeitig denke und fühle. Ganz schön nervig, dieser permanente kognitive Transfer, dieser Zwang zur Differenziertheit – oder betreibe ich jetzt schon wieder mind fucking? Davon hat die Alte keine Ahnung, sie sieht freundlich aus und sehr würdig. Die Touristen sind verärgert wegen der nicht stattfindenden Landung, andere haben Mitleid mit den armen Eingeborenen und werfen Sachen über die Reling. Niemand trifft, die Sachen fallen ins Wasser. Blitzschnell setzen die Boote sich in Bewegung, um sie herauszufischen. Der Kapitän ist sauer, er will dieses Werfen nicht, über Lautsprecher mahnt er an, die Würde der Menschen zu achten. Die Boote treten den Rückzug an, die Touristen haben das Zwischenspiel schnell vergessen, auf dem Deck gibt es ein Barbecue, und das nächste Ziel ist Trinidad.

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