Spitzenkräfte

Von der Leyen erklärt uns bei Anne Will (ab min. 5.52), ohne dabei lachen zu müssen, wie die Korruption in der Ukraine erfolgreich überwunden werden wird:
Also, die Ukraine sei ja schon weitestgehend digitalisiert – wir sollten uns alle ein Beispiel an ihr nehmen! Machen wir!
Die weitere Digitalisierung würde – in dem zerstörten Land! – ganz automatisch dazu führen, dass dort keinerlei Geschäfte mehr zwischen Mensch und Mensch ablaufen können, die nicht in digitalisierter Form der strengen Korruptionskontrolle unterliegen.
Die EU müsse sich allerdings reformieren, damit der Beitritt der Ukraine möglich wird. Aha!
Unsere politischen Spitzenkräfte sind zurzeit die besseren Kabarettisten, wenn auch unfreiwillig.

Wo sind die Fliegen?

Sonntag. Wenn ich vor dem Einschlafen das Leselicht anmache, dann war es noch im vergangenen Jahr fast jeden Abend so, dass irgendwo im Zimmer plötzlich ein Gebrumm anhob, und das Herz sackte mir in die Hose (welche Hose?), weil ich wusste, dass ich jetzt aufstehen und die Fliege so lange jagen würde, bis ich fliegenlos weiterlesen konnte.
Nicht, dass ich sie vermisse, im Gegenteil, sie nerven mich unglaublich. Aber wenn sie direkt verschwinden, ist das auch seltsam, es fühlt sich falsch an. So als hätte ich mir ihr Verschwinden aus der Welt gewünscht, und dann geschieht es und ich bin schuld.
Gestern habe ich mir einen neuen Schwingschleifer gekauft (der von PM ist in der Ahrflut verschollen) und einen Kanister Lasur, Pinsel, Schleifpapier, was so dazu gehört, und zwei Waschkörbe voll Pflanzen. Mein lieber T. war mit im Baumarkt und hat mir geholfen das Zeug zu transportieren. Bei fast vierzig Grad habe ich jede einzelne Latte am Tisch und an sämtlichen Stühlen vorne, hinten und seitlich auch abgeschliffen und neu eingelassen. Pünktlich um 18.30 Uhr – die Schleiferei macht ziemlich Krach – war ich fertig. Da ist es mir aufgefallen: die ganze Zeit hat mich keine einzige Fliege genervt, und auch keine Wespe. Obwohl die Lasur so einen süßlichen Geruch verströmt. Das Nest, das zwei Jahre lang im Rollladenkasten über der Terrasse eine Wespensippe beheimatet hat, ist verwaist. Auch das ja eigentlich eine gute Nachricht. Doch dass Wurst und Marmelade draußen auf dem Tisch stehen bleiben können, ohne dass die Viecher sich darüber hermachen – Extremhitze? Pflanzenvernichtungsmittel auf unseren Feldern? – ist genauso falsch wie die fehlenden Fliegen.

Wieder da

Freitag. Ein brandneuer Sonnenstrahl bricht durch die Ritzen des Rollladens, und ich merke, ich bin wieder zuhause. Kein Wellenrauschen, keine kühlen Fliesen unter den Füßen, keine frische Ananas und Cappuccino zum Frühstück. Sondern meine eigenen vier Wände, und die vielen unerledigten Sachen kreisen und kreisen schon wieder in meinem Kopf wie ein Karussell. PM ist noch mitten drin im Traum, verarbeitet vielleicht gerade die zehnstündige Rückfahrt mit Staus zum Abwinken und zwei, drei Beinaheunfällen und dem Ritt über den Gotthardpass und etwas später kreuz und quer durch Zürichs Wohngebiete, weil die Navy-Lady sich das so ausgesucht hat für uns, um uns vor größeren Katastrophen zu bewahren. Das nehmen wir jedenfalls an, ohne ihre Pläne genau zu durchschauen.

Jetzt ist jetzt, und das hat auch was. Zwischen die lieblichen Erinnerungen an Urlaubsommersonne und das Losgelöstsein vom Strom der Zeit und dem Lauf der Welt mischt sich der Aufbruch. Der Absprung. Das Lächeln der Zukunft. Ich habe viel vor …

Mit viel zu offenem Herzen schreibe ich hier, das denke ich manchmal. Kaum von Belang und lauter Unsinn, aber so ist es nun mal. Zum Beispiel der Italienurlaub: Ich habe ihn unglaublich genossen, jede einzelne Minute wie ein Geschenk. Eine Befreiung: Unter dem Trott der alltäglichen Doppelt- und Dreifachbelastungen leuchtet das Nichtstun, das sich langsam einstellende Bewusstsein von Nichts-tun-Müssen wie eine Ahnung hervor. Davon habe ich nicht geschrieben (nur auf den Postkarten an Freunde und Verwandte), obwohl ich es so intensiv empfunden habe – schon wieder eine Verfälschung. Durch Auslassen.

Was mir heute relevant erscheint oder richtig oder falsch, kann im selben Augenblick oder morgen schon das Gegenteil bedeuten. Ja, so ist es nun mal. Ich korrigiere nichts nachträglich. Ich habe das Recht mich zu irren und es zuzugeben oder auch nicht. Jeden Tag flattern jetzt E-Mails rein: Ihr Roman lässt mich kalt, Ihr Roman interessiert mich, von Ihrem Sachbuch möchte ich mehr lesen, Ihr Sachbuch wird niemals so funktionieren, das überzeugt mich, das überzeugt uns leider gar nicht …  blablabla laberrhabarber. Literaturagent*innen irren sich auch. Die sind absolut nicht einer Meinung. Ich bleibe bei mir und ziehe mein Ding durch. Das habe ich immer so gemacht, das wird auch dieses Mal funktionieren.

Erdbeermond

Da kapieren wir im ersten Moment nicht: Geht die Sonne im Meer unter oder der Mond auf? Dicht überm Horizont hängt dieser viel zu riesige, viel zu orangene Ballon, während aufgeregte Menschen den Strand säumen, um das Himmelsdrama zu beobachten und mit ihren Smartphones zu bannen.
Also eindeutig Mond: Er steigt. Von Minute zu Minute wandert er ein winziges Stück höher und wird dabei leider auch kleiner und sein Licht heller, und nach einer Stunde, wir sitzen inzwischen in einer Bar am Straßenrand, sieht er schon beinahe aus wie immer.
Jetzt ist er wieder normal, sagt Anne. Wir stellen allerlei Überlegungen an über die Größe, J. googelt die Mondlaufbahn, wir wissen wenig genug, um das alles geheimnisvoll zu finden.
Bis J. Themawechsel einfordert, und der kommt von den vorbeiknatternden Motorrädern: Für die in Suhl produzierte und bei Jugendlichen äußerst beliebte und verbreitete Schwalbe brauchte man in der DDR keine Fahrerlaubnis. Und das, obwohl sie bis zu 60 Kilometer pro Stunde erreichte.
Ja. Danke für die Info, lieber J.

Gutes Signal

Mittwoch, Diano Marina. Die Pläne der EU-Kommission, Atomenergie und Gas als “nachhaltig” einzustufen, sind im Europaparlament auf Widerstand gestoßen. Die federführenden Ausschüsse für Umwelt und Wirtschaft stimmten am Dienstag in Brüssel gegen die Aufnahme beider Energieformen in die sogenannte grüne Taxonomie.

Von der Leyens Behörde hatte Anfang Februar vorgeschlagen, neben Wind oder Sonne künftig auch Atomenergie und das fossile Erdgas in eine Liste nachhaltiger Energiequellen aufzunehmen. In der Berliner Ampel-Koalition treten vor allem die Grünen gegen das Nachhaltigkeitssiegel für die Atomkraft ein (wäre auch ein Witz, wenn nicht). Die Einstufung von Gas als Übergangsenergie (in Zukunft vom guten Araber statt wir früher von Putin, weil wir können uns Sanktionen ja leisten) wird von der Bundesregierung dagegen befürwortet.

Themawechsel

Dienstag, Diano Marina. Durch die Wolkendecke schimmert er bruchstückhaft, zeigt sich scheibchenweise wie eine rätselhafte Diva, ehe nach einer Ewigkeit sein volles Rund vom Himmel leuchtet. Breitet dahinten auf dem Meer seinen Goldteppich aus wie eine Einladung, mit dem Champagnerglas in der Hand dem Horizont entgegenzuschreiten.
Der Nachtwind tut ein Übriges, der salzige Geschmack auf den Lippen, das ferne Lachen von Kindern auf Trampolins, das rhythmische Aufschlagen der Wellen.
Auf dem Tisch: Brot, Käse, Schinken, Sekt, Tomaten, frisches Pesto, Limoncello natürlich und ligurische Teilchen. Wir sitzen zu viert auf unserer Terrasse – Anne, Jacek, PM und ich –, lecken uns die klebrigen Finger und können das Schauspiel nicht in Worte fassen. Muss ja auch nicht. Wir reden über früher, auch noch, als wir längst zur Mitternachtswanderung in die benachbarte Bucht mit den tausend Lichtern gestartet sind. Themawechsel!, ruft Jacek. Ich will aber noch mehr wissen über Ausreiseanträge, Fluchtversuche und das Ankommen im sog. goldenen Westen. Jedes Mal erfahre ich Neues. Unsere Vergangenheiten sind nicht kompatibel, die drei haben mir Erfahrungen voraus, die ich nicht einholen kann, auf die ich seltsamerweise auf die gleiche Art eifersüchtig bin wie auf längst vergangene Frauengeschichten.
Wir versuchen den Mond zu fotografieren. Mein Smartphone verpasst ihm Strahlen, wo in Echt keine sind, ähnlich den Scheinwerfern auf der Autobahn. Dem Mond ist das egal, er ist immer derselbe, wie sehr wir uns auch abstrampeln …

  

Oleander, Bougainvillen …

Sonntag, Diano Marina. Nach dem  Marsch von Diano Marina nach Cervo und dem Aufstieg über hunderte von Treppenstufen fühlen wir uns üppig belohnt: Die Chiesa di San Giobanni Battista, umrahmt von violettfarbenen Bougainvillen auf der einen und dem bleigrauen Meer auf der anderen Seite. An den Biergläsern perlt das Wasser herab, im blassen Abendlicht streicht uns der Sommerwind über die Arme, mischt sich ins Grün der Bäume und in die fuchsiaroten Oleanderblüten am Straßenrand.

 

Glück ist …

… zu wissen, was dich am Abend erwartet und dass es dasselbe ist wie am Abend davor.

Der penatenblaue Himmel, die sattgrünen Blätter des Gummibaums, das Rauschen der Wellen, das Weiß der ausgebreiteten Möwenflügel …

unverändert, wie vor vier fünf, sieben Jahren

in einer veränderten Welt.

Amrita von Banana Yoshimoto auf dem Liegestuhl –

und wenn ich runterschaue, sitzt da PM mit seinem Buch

und später, wenn ich wieder runterschaue, sitzt er immer noch da

(Freitag, Diano Marina)

 

 

Amokroutine

Donnerstag. Er sei “tief betroffen”, sagt Bundeskanzler Scholz: Von der “grausamen Amoktat” in Berlin.
X-mal gehörte Satzbausteine. Wir haben ja mittlerweile Routine in Sachen Amokfahrt / -lauf: Diesmal also eine Reisegruppe. Eine Lehrerin wurde getötet, 29 Personen, hauptsächlich ihre SchülerInnen sowie ihr Kollege, wurden schwer verletzt.

Die aktuelle Gruppe befand sich auf Klassenfahrt in die Bundeshauptstadt, wie es Hunderte von Schulklassen gerade machen, seit das Reisen wieder erlaubt ist. Scholz auf Twitter: „Wir denken an die Angehörigen der Toten und an die Verletzten, darunter viele Kinder. Ihnen allen wünsche ich eine schnelle Genesung.“
Schnelle Genesung? Diese SchülerInnen – wie sämtliche Umstehende auch – dürften für ihr Leben gezeichnet sein. Ich weiß nicht, was das für ein Gefühl ist, wenn ein Auto absichtlich und mit hoher Geschwindigkeit auf einen zurast, während man am Ku’damm auf dem Gehweg vor einem Schaufenster steht – ein Bereich, der nach allgemeinem Verständnis Sicherheit gewährleistet.
Der Täter ist polizeibekannt. Ein Verwirrter mehr, der es der Gesellschaft heimzahlt. Was genau?, das werden die polizeilichen Ermittlungen noch ergeben. Oder auch nicht. Dass unsere Gesellschaft diese Verwirrten direkt produziert, dass sie unendlich viele Nischen bereithält, in der sich tagtäglich mehr Verwirrte verstecken und ihre gesellschaftlichen Defizite in gesellschaftsschädigendes Potential umwandeln und ausleben können, dass wir uns um die Verwirrten kümmern müssen, bevor sie zuschlagen, anstatt sie hinterher wegzusperren, scheint den politisch Verantwortlichen so ein ferner Gedanke, dass Tote und Verletzte eher in Kauf genommen werden als ein grundsätzliches (kostspieliges) Umdenken in Sachen Jugendarbeit / Flüchtlingsarbeit / Integrationsarbeit (wie viele Gemeinden ohne Jugendhäuser, Probenräume, sinnvolle Freizeitangebote …).
Ich würde mal sagen, in fast jeder Schulklasse gibt es jemanden, der gefährdet ist zu vereinsamen und sich ins gesellschaftliche Abseits zu katapultieren. LehrerInnen leisten hier sehr viel gesellschaftlich relevante Arbeit, indem sie gerade solchen Jugendlichen besonders nachgehen, ihnen Aufmerksamkeit und Beachtung schenken – um sie mit Zuwendung und Respekt für manchmal erschreckend deutlich ablesbare erlittene Kränkungen ein wenig zu entschädigen.
Eine Aufgabe, an der Familie, Nachbarn, Behörden, Kirchengemeinden nicht selten scheitern und Wegsehen ist einfacher als handeln. Wer beruflich mitten in solchen Prozessen steht, kann die Krokodilstränen von Scholz u.v.m. nicht mehr ernst nehmen. Mein Erschrecken, mein Mitleid ist bei der getöteten Lehrerin und den vielen verletzten SchülerInnen. Die Überlebenden werden sehr lange brauchen, um mit der Grausamkeit der Katastrophe fertigzuwerden.
Und mit ihrer abgrundtiefen Sinnlosigkeit.