Hundertundeins

Mittwoch. Es ist sein 101. Geburtstag. Regen. Für den ganzen Tag ist Regen angesagt. PM starrt an die Decke. Kaffee kochen. Tisch decken. Was der Alte sich so wünscht. Steh jetzt auf. Ich hole den Kuchen ab, du holst ihn ab. Hör nicht hin, vergiss alles. Eierlikör? Aromatique? Augen zu und durch.  Zucht und Ordnung haben Preußen groß gemacht (O-Ton Papa). Wir kriegen das hin.

Erst Waffenstillstand, dann Wiederaufbau

S. Wagenknecht: “[…] Wer die Rede des ukrainischen Präsidenten bejubelt, der will keinen Frieden und nimmt eine weitere Eskalation bis hin zu einem großen europäischen Krieg in Kauf.
Denn seine zentrale Botschaft war, die Zeit der Kompromisse sei vorbei, jetzt könne es nur noch um einen vollständigen Sieg der Ukraine gehen. Wir fordern stattdessen eine Friedenskonferenz, bei der alle Konfliktparteien mit am Tisch sitzen.
Im Pressestatement für die BSW-Gruppe im Bundestag begründet Sahra Wagenknecht, warum das BSW der Jubelveranstaltung für Selenskyj im Bundestag ferngeblieben ist und warum eine Konferenz zum Wiederaufbau einen Waffenstillstand voraussetzt, wenn man nicht Steuermilliarden in einem Fass ohne Boden versenken will. […]”

Tübinger Impressionen

Samstag, Tübingen. Mit Mecki bei Weinhaus Beck abgehangen. Neben uns Thommy Kuhn, der  sich freundlich nach meinem aktuellen Buchprojekt erkundigt. Er ist Teil des Vorgängers Lass uns über den Tod reden gewesen, er ist der am wenigsten abgehobene Promi der Welt, einfach ein sehr liebenswürdiger, in sich ruhender Mensch, der kein Gespreize und Gestelze nötig hat. Ich sehe viele altbekannte Gesichter auf dem Marktplatz, ich merke den Abstand, und trotzdem bin ich ein Teil von Tübingen. Das merke ich und das freut und beunruhigt mich zugleich, aber der Cappuccino von Beck ist einfach nur great.

Dorayaki

Freitag, Tübingen. Weil Dorayaki in fast jedem Roman aus Japan eine Rolle spielen, bestelle ich mir welche. Ich will endlich wissen, was es damit auf sich hat.
Vicky, mit der ich im An An sitze und die japanisch/tailändische Küche genieße und einen der seltenen sonnigen Abende in diesem komischen Frühjahr, lehnt dankend ab. Auch die japanische Bedienung meint, Dorayaki schmecke ihr nicht, aber ihr schmecke sowieso nichts Süßes. Nun gut. Wir warten ca. 2 Minuten, dann kommen die Pfannkuchen mit süßem Bohnenmus. Convenience Food muss nicht grundsätzlich schlecht sein und das Hauptgericht war auch gut. An diesem Nachtisch aber ist gar nichts gut. Das Bohnenmus, dessen Zubereitung in Kirschblüten und rote Bohnen von Durian Sukegawa zur Kunst erhoben und von der japanischen Kultautorin Satoshi Yagisawa in Buchhandlung Morisaki zum täglichen Must Have der Protagonistin Takako stilisiert wird, ist im An An ein haselnusskleiner, krustiger Knubbel. Von wegen Mus! Ich werde weiter suchen. Die echten Dorayaki. Eines Tages …

Abgestraft

Mittwoch. Die Rechten auf dem Vormarsch in vielen europäischen Ländern, Neuwahlen in Frankreich: das ist die Abstrafung einer Kaste, die sich vom Volk entfernt hat, so die französische Politikwissenschaftlerin Dr. Claire Demesmay:

“Viele fühlen sich nicht ernst genommen von den Entscheidungsträgerinnen und -trägern in Paris. Zumindest haben sie den Eindruck, der Präsident versteht sie nicht, weil er auf einem anderen Planeten lebt.“

Ihr Fazit lässt sich wohl auch auf andere europäische Staaten übertragen. Und immer noch fällt der Ampel nichts Besseres ein als auf ihre politischen Gegner*innen einzudreschen, so wie SPD-Klingbeil, der die AfD-Weidel am Wahlabend wütend über ihren Wahlerfolg vor laufender Kamera als “Nazi” tituliert. Nicht nur, dass Klingbeil damit die Gräueltaten der Hitler-Diktatur verharmlost, obendrein stärkt er genau die sich schließenden Reihen der neuen Rechten, die er eigentlich schwächen will. Lachende Dritte ist BSW-Sahra … 🙂

Schlafen

Dienstag. Alle meine drei Prüflinge haben eine 1 kassiert. Mit Fachkenntnis, flüssiger Rede und Eloquenz überzeugen sie uns, die Prüfungskommission. Und ich denke bei mir, während ich auf ihre Antworten zu reagieren versuche und die nächste Fragen stelle: das habe ich ihnen beigebracht. Sie wenden es verdammt gut an, mein lieber Mann, sie sind klasse!, jeder auf seine Art. Ich muss gar nicht groß kämpfen, die Große Vorsitzende zieht mit und ist zufrieden. Ich auch, da ist eine große Zufriedenheit und Freude im Raum, und dann Handschlag einer nach dem anderen, und sie marschieren aus dem Prüfungsraum, das gibt einem so einen Stich, das kenne ich noch vom alten “Amt”, da werde ich immer auch ein bisschen melancholisch, weil ich sie vielleicht nie mehr wiedersehe.

Anschließend stehe ich beim Bäcker an, nach diesem langen Vormittag und der Aufregung habe ich Hunger. Ein Typ mit weißem Pferdeschwanz steht in der Schlange vor mir. Er dreht sich um, wir schauen uns in die Augen, ziemlich lange, und ich sage: Wir kennen uns!, weil mir irgendwas dämmert, da fällt er mir um den Hals und herzt und küsst mich feucht-intensiv auf die Wange.

Über PM, sage ich schnell, wir kennen uns über PM, und der Typ strahlt, drückt mich noch einmal fest an sich und küsst feucht und intensiv mein Gesicht ab, während die Leute vor und hinter uns gedankenverloren zuschauen.

Komisch, dieses Eisenach, und immer für eine Überraschung gut.

Am Abend im Berghotel Meeting mit der Frauengruppe, der ich seit ca. einem halben Jahr angehöre, und jetzt sitze ich hier zuhause und müsste ganz dringend eine Mail schreiben, die aber sehr viel Zeit in Anspruch nehmen wird, ich glaube, ich lass das bleiben und lege mich mit Sechs Koffer von Maxim Biller – höchstens zwei Seiten, mehr schaffe ich nicht – endlich schlafen.

Ich freu mich

Sozusagen grundlos vergnügt
.
Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
– Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.
.
Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.
.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, daß ich . . . Daß ich mich freu.
                                     *
(so gehts mir heute auch …, danke Mascha, wilde Allwissende)
Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Falsches Lachen richtig verstanden

Im Berliner Abgeordnetenhaus geht es um den Mord an dem Mannheimer Polizisten Rouven Laur, der im Rahmen einer islamkritischen Veranstaltung am 31.05.24 Dienst gemacht und sein Leben verloren hat. “Ist Mannheim tot?”, unterbricht launig die Grünenabgeordnete Tuba Bozkurt die Rede von Innensenatorin Iris Spranger und erntet für den Gag spontanes Gelächter von ihren Parteifreund*innen.

In den Rängen des Abgeordnetenhauses sitzen auch Kolleg*innen des ermordeten Polizisten. Was in ihnen wohl in dem Moment vorgegangen ist?

Anschließend entschuldigt Bozkurt sich auf Social Media für den Faupax. Es ist aber gar kein Faupax. Es ist auch kein Irrtum. Und deshalb auch nicht zu entschuldigen. Sondern nur der abermillionste Beleg für die reflexartige Abwehr des Islams und seiner Anhänger*innen gegenüber jeder Form von Religionskritik. Eine islamkritische Veranstaltung? Das kann und darf nicht sein! Kein islamischer Verein hat sich bisher distanziert … im Gegenteil: Der Mord an dem Polizisten Laur wird auf den Straßen von Gesinnungsfreunden des Täters gefeiert.

Solidarität mit Messermännern fällt unter Meinungsfreiheit und muss von uns als Demokrat*innen ausgehalten werden, wiederholen mantramäßig die Medien. Wie lange noch? Wann ist der Kipppunkt?

Irgendwie erinnert der Vorfall an CDU-Laschets minutenlanges, clowneskes Gelächter während seines Besuchs im Katastrophengebiet im Ahrtal im Juli 2022. Sämtlichen hastigen Wiedergutmachungsaktionen der jeweiligen Parteien zum Trotz: Falsches Gelächter sendet Signale, die von den Menschen genau richtig verstanden werden.