Das Märchen vom Missverständnis

Freitag. Es war einmal eine alte Hexe, die päppelte ihr ganzes Leben lang Kinder auf, die sich im Wald verirrt hatten, und wenn sie dann dick und rund gefüttert waren, briet sie sie über ihrem Feuer und aß sie auf.

Die letzten Kinder, die ihr in die Falle gegangen waren, um geradewegs in ihrem Verschlag zu landen, waren zwei knusprige Geschwister gewesen. Sie hießen Hänsel und Gretel. Danach mochte die Hexe auf einmal keine Kinder mehr.

Als Essen. Sie mochte keine mehr essen, weil sie – ohne ihr Zutun und ganz unfreiwillig – keinen Geschmack mehr an Kindern fand. Nicht, dass sie ihr Herz für Kinder entdeckt hätte – Hexen haben kein Herz, und deshalb haben sie auch keine Gefühle, außer Hunger, Durst, Angst oder Schadenfreude.

Was ist denn jetzt los?, dachte die Hexe, als sie ein kleines Mädchen tatenlos weiterziehen ließ, ohne auch nur den Anflug von Appetit zu verspüren. Sie wusste nicht, wovon sie sich nun ernähren sollte und begann aus lauter Ratlosigkeit Kräuter zu sammeln.

Wie schrecklich, dachte die Hexe, da werde ich auf meine alten Tage noch eine Kräuterhexe!

Die Kräuter bekamen der Hexe nicht, und sie wurde schwach und hinfällig. Wenn ich doch bloß wieder Kinder essen könnte, dachte die Hexe, doch jedesmal, wenn ein verirrtes Kind durch den Wald lief und schrie, dann winkte sie es zu sich her, nur um ihm den schnellsten Weg zurück ins Dorf zu zeigen. Sie verstand sich selbst nicht mehr. Sie hielt die Sache für einen üblen Trick der Waldgeister, die noch eine alte Rechnung mit ihr offen hatten und sich offenbar einen Spaß daraus machten, sie in die Irre zu führen.

Eines Tages sammelte sie lauter alte Brotkrumen, die jemandem aus der Tasche auf den Weg gefallen sein mussten. Ein Stück nach dem anderen steckte sie sich in den Mund  und folgte der Spur, bis sie vor eine kleine Holzhütte kam. In der Holzhütte, am Fenster, saßen ein Mann und eine Frau, und sie weinten beide bitterlich.

„Ach, wenn doch nur unser Hänsel wieder käme, ach, wenn doch nur unsere Gretel wieder käme“, schluchzten sie und schlugen die Hände vor ihre Gesichter, so dass die Tränen zwischen ihren Fingern hervorquollen.

Die Hexe trat vor das Fenster, und weil sie dem Hänsel seine handgestrickte, rote Wollmütze auf dem Kopf trug, die ihr so sehr gefallen hatte, dass sie das gute Stück nicht hatte verbrennen mögen, wie sie es sonst mit den Kleidern der Kinder getan, die sie verspeist hatte, starrte die Frau sie ganz erschrocken an.

„Hört auf zu weinen!“, rief die Hexe durch das Fenster hinein. Das Gegreine der beiden Leutchen ging ihr auf die Nerven.

„Euren Kindern geht es gut“, rief sie. „Sie sind in einem fernen Land, wo sie Brot und Milch und Käse und Würste in Hülle und Fülle haben. Sie werden nie mehr durstig sein, nie mehr werden sie Hunger leiden.“

Der Mann erhob sich, öffnete die Tür und trat langsam heraus. Dicht vor der Hexe blieb er stehen. „Wo sind sie?“, flüsterte er so leise, dass die Bäume vor Angst erzitterten. „Wo sind meine Kinder?“

„Ach, es ist alles nur ein Missverständnis“, rief die Hexe. „Ein schreckliches, schreckliches Missverständnis!“ Sie trat einen Schritt zurück. Was für ein undankbarer Kerl war das! Hatte sie sich nicht extra auf den Weg zu seinem Haus gemacht und ihm und seiner Frau tröstliche Worte zugesprochen, ganz wie eine echte Kräuterhexe?

Schnell wollte sie ihn mit einem Zauber beruhigen, aber da hatte der Mann sie schon gepackt und ihr den Hals umgedreht.

(31. Oktober 2013 im Fernbus von Berlin nach Tübingen)