Das neue Normal

Sonntag. Wenn wir an einem milden Septemberwochenende durch die Stadt bummeln und es ist gerade Umbrisch-Provencalischer Markt und wir treffen Leute und PM macht das hundertste Foto vom Neckar und die Sonne zwinkert lieblich und wir shoppen bei Risiko jeder ein angesagtes Teil, mit dem wir im Spiegel und vor allem in den Augen des anderen großartig aussehen, dann scheint die Welt in Ordnung.
Ich vergesse für einen halben Tag meine Lieblingsfamilie in Köln, die keine Familie mehr ist, und ich vergesse den digitalen Paradigmenwechsel im „Amt“, der mich an meine Grenzen bringt.
Diese sind nicht nur technischer, sondern existenzieller Art. Mit Bauchschmerzen versucht mein Körper sich aufzulehnen. Mit Fortbildungen versuche ich, den Anforderungen von außen professionell entgegenzutreten. Das, was mir abverlangt wird, verlange ich auch von mir selbst. Ich weiß, dass Veränderung das neue Normal ist, ich predige das schon lange, ich habe das komplett internalisiert. Jetzt aber: Ein paar lächerliche Buttons legen mich lahm. Jagen mir Angst ein. Weil ich sie mir nicht merke, weil sie sich mir nicht von selbst erklären, weil ich mir ihre Reihenfolge notieren muss, um dann umgehend den Zettel zu verschlampen. Nicht die Furcht, mich als Pädagogin selbst abzuschaffen, lähmt mich, sondern das umfassende Gefühl von Überforderung. Nie hätte ich das für möglich gehalten. Eine durch und durch fiese Situation. Die sich, anders als die temporäre kognitive Überforderung, nicht einfach durch Lesen und Sich-schlau-Machen aufheben lässt. Das hier ist ein Change, der alles durchdringt. Es geht um nicht weniger als die existenzielle Frage, ob ich ein fremdes Script abarbeite, oder ob ich mein eigenes Script umschreiben muss.
Ich trinke Kamillentee – PM: Du hast eine ausgewachsene Gastritis! – und angle das Heizkissen aus dem Schrank. Jahrelang habe ich Optalidon eingeworfen, um im „Amt“ zu funktionieren, um die Scheißkrankheit auszuschalten, die mir jeden Monat drei Tage meines Lebens geraubt hat, die mich am Denken und am Leben hinderte, weswegen ich mich am liebsten in ein abgedunkeltes Zimmer verkrochen hätte. Kaum jemand hat von meiner Migräne was mitbekommen, und das fand ich auch gut so. Migräne war die peinliche Weiberkrankheit, die andere lahm legte, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Eine bleibende Niereninsuffizienz ist das Resultat davon. Die stellt mich nun hin und wieder vor ungeahnte Herausforderungen ganz anderer Art. Die ich natürlich in den Griff kriege, wozu sind Herausforderungen da.
Optalidon ist inzwischen aus o.g. Grund vom Markt genommen. Ich melde mich zur nächsten digitalen Fortbildung an, und am Abend gehen PM und ich im Ludwig’s essen. Meine Lieblingslerngruppe hat mir zum Abschied einen Gutschein geschenkt, den lösen wir jetzt ein.
Das sind aber nette Schüler, sagt die Kellnerin. Ja, finde ich auch. Und deshalb würde ich ihnen auch in Zukunft lieber face to face begegnen, ihre Stimmen und ihr Lachen auf dem direkten Weg hören, anstatt sie mir mir Moodle auf den Bildschirm zu klicken.
PM hält mich mit den Infektionszahlen auf dem Laufenden. In Israel gibt es den zweiten Lockdown. Bis bei uns einer kommt, muss ich das alles draufhaben, wogegen ich mich innerlich wehre, und das ist jetzt die Frage, ob ich die innere Stimme umstimme oder meinen Hut nehme. Was natürlich überhaupt nicht infrage kommt – ist doch Veränderung das neue … okay, schon klar!