Dr. Assurs Pokal

Sonntag. Karl August Varnhagen(1785-1858), Chronist und Biograph, Sammler Tagebuchschreiber und Diplomat, ändert 1814 auf Drängen seiner Dauerverlobten Rahel seinen Namen in Karl August Varnhagen von Ense. Damit übernimmt er den adligen Namenszusatz seiner westfälischen Vorfahren und lässt ihn vom Kaiser bestätigen. 1814 heiraten er und die 14 Jahre ältere Schriftstellerin, Tagebuchschreiberin und Salonnière Rahel Levin.

Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin (1771-1833), lässt sich 1814 taufen, um Karl August Varnhagen von Ense heiraten zu können. Sie führt ein wildes Leben mit vielen Beziehungen, viel Arbeit und vielen Namensänderungen und biographischen Legenden, um die jüdische Herkunft zu kaschieren. Sie schreibt wie besessen, vor allem Briefe, Tagebücher, Aphorismen: Frauenliteratur, wie sie von schreibenden Frauen für Frauen zu Beginn des 19. Jh.s aufkommt, da die Literaturszene den Männern vorbehalten ist; erst in den 1920er Jahren schaffen andere Autorinnen den Sprung in den literarischen Kanon. Als Frau und Jüdin ist Rahel Varnhagen doppelt diskriminiert – eine unerträgliche Situation für die an den Idealen der Aufklärung orientierte, kluge und begabte Intellektuelle, die sich die jüdische und weibliche „Emancipation“ auf die Fahnen geschrieben hat. Schon mit Anfang zwanzig ist sie eine talentierte Networkerin, die mit allen intellektuellen und künstlerischen Größen ihrer Zeit in Kontakt steht. Sie gilt als belesen und originell, ihre Salons werden besucht – aber ist sie ihrerseits auch in den angestrebten gesellschaftlichen Kreisen ein gern gesehener Gast? Wohl eher nicht, wie Hannah Arendt in ihrer Zeichen setzenden Rahel-Varnhagen-Biographie herausarbeitet. Erst im Alter versöhnt Rahel V. sich mit ihrer jüdischen Identität und fordert Gleichheit und Rechte ohne Berücksichtigung der Herkunft und des Glaubens.
Nach ihrem Tod sammelt ihr Mann Karl August Varnhagen ihre 6000 Briefe, die Antwortbriefe der Empfänger sowie weitere Briefe von und an 9000 andere bekannte Persönlichkeiten. Zusammen mit zahlreichen Authographen berühmter zeitgenössischer Persönlichkeiten begründet er so die Sammlung Varnhagen.

Rosa Maria Varnhagen, später Assing (1783-1840), ist die Schwester von Karl August von Varnhagen. Sie ist, wie ihr Bruder, Schriftstellerin, Erzieherin, Lyrikerin und darüber hinaus Scherenschnittkünstlerin. Durch ihren Bruder lernt sie die Mitglieder der Schwäbischen Dichterschule kennen: Kerner, Uhland, Schwab, Hauff … (das sind die, über die sich Heine in sehr lustiger Weise lustig gemacht hat), der auch der jüdische Dichterarzt Dr. David Assur angehört.
Rosa Maria Varnhagen und David Assur heiraten 1816, zuvor hat Assur sich taufen lassen und seinen Namen in Assing geändert. Er heißt jetzt David Assur Assing (1787 – 1842).

Ihre Töchter sind Ottilie und Ludmilla Assing. Nach dem Tod der Eltern Rosa Maria 1840 und David Assur Assing 1842 ziehen sie zunächst zu ihrem Onkel Karl August Varnhagen nach Berlin.

Ludmilla Assing (1821-1880) ist Schriftstellerin, Biographin, Übersetzerin, Herausgeberin, Korrespondentin, Zeichnerin und Reisende. Wegen ihrer politischen Aktivitäten während der Märzrevolution, aber vor allem wegen der Herausgabe der skandalträchtigen Briefe Alexander von Humboldts, wird sie in Abwesenheit verurteilt, weshalb sie es vorzieht, in Italien zu bleiben. Vorn dort aus publiziert und veröffentlicht sie weiter. Sie gibt u.v.a. die Briefe ihrer Tante Rahel V. heraus, die Otto von Bismarck gleich mal beschlagnahmen lässt wegen ihrer brisanten Äußerungen zur Märzrevolution 1848.
Ludmilla wird von ihrem Onkel Karl August von Varnhagen zur Universalerbin der Sammlung Varnhagen eingesetzt. Diese und ihren eigenen literarischen Nachlass vermacht sie vor ihrem Tod der Königlichen Bibliothek Berlin.

Ludmilla Assing ist die interessanteste Frauengestalt, der ich in der Literaturgeschichte begegnet bin: Sie erscheint mir intelligent, vielseitig, warmherzig, großzügig und geistig unabhängig. Warum man so wenig über sie weiß, weiß ich nicht.

Gestern habe ich auf dem Haaggassen-Trödelmarkt einen Kristallpokal ihres Vaters entdeckt. Wunderschön geschliffen, von klassisch gerader Form, trägt er eine kleine, unauffällige Gravur: Dr. Assur. Er stamme aus dem Nachlass einer Tübinger Villa, die mit der Schwäbischen Dichterschule und Justinus Kerner in Zusammenhang gestanden habe, sagt die Verkäuferin. Er ist sehr teuer. Jetzt muss ich dauernd an ihn denken … wer ihn schon alles in den Händen hielt …