Corona-Diary / Neue Zeiten

Donnerstag. Ich telefoniere gerade viel. Analoge Begegnungen schwierig. Trotz alledem – heute Abend kommt Marcel zu mir, damit wir das Transhumanismus-Paper durchsprechen. Die Veranstaltung vom Deutschlandfunk ist zwar nun erwartungsgemäß abgesagt worden, doch sie wird vielleicht nachgeholt. Noch ist mir diese schräge Thematik mit ihrem schrägen Vokabular präsent, was in einem halben Jahr nicht mehr der Fall sein wird.

Kanzlerinrede gestern Abend: Die größte Krise Deutschlands seit dem 2. WK. Abstand ist Fürsorge – dieser Satz hat sich bei mir eingeprägt. Weil Abstand in normalen Zeiten auch Kränkung sein kann. Die Werte ändern sich gerade.

Seit gestern sind alle Geschäfte geschlossen. Bis auf eins, das einzige in der toten Fußgängerzone – Anordnung verpennt?, da habe ich ein schönes Geschenk für meinen Liebsten gefunden. Und gekauft. Danach hatte ich gute Laune. Apotheken, Bäckereien, Lebensmittelmärkte bleiben weiterhin geöffnet und müssen die täglichen Anstürme der Hamsterkäufer*innen verkraften. Bayern hat den Katastrophenfall ausgerufen. Tirol steht komplett unter Quarantäne.

Verschwörungstheorien machen die Runde. Erstaunlich, wer alles dafür anfällig ist. Nüchterne Leute, von denen ich das niemals vermutet hätte, stellen detailreiche Zusammenhänge zwischen dem neuen Erreger und dem neu eingerichteten Hochsicherheitslabor in Wuhan her und analysieren, welche Organisationen aus der Verbreitung des Virus Profit schlagen könnten.

Prizipiell vertrete ich die Ansicht, dass alles auch existiert, was Menschen nur zu denken vermögen. Kampfviren aus dem Labor sind schon unzählige Male gedacht und auf der Ebene der Science Fiction durchgespielt worden, also why not? Doch wem helfen solche Theorien weiter? Verschwörungstheorien sind dazu geeignet, Panik zu verbreiten. Sie reißen Abgründe, schwarze Löcher auf, in die man besser nicht versuchen sollte hineinzublicken. Weil es bei den Blicken nicht bleibt. Weil sie einen hineinziehen und man den Verstand verlieren könnte. Weil die Beschäftigung mit ihnen etwas mit einem macht, was nicht gut ist. Weil das Grundvertrauen sich zersetzt, ohne das das Leben nicht lebbar ist. Auch als aufklärungsbedürftige – gelegentlich unbedarfte – Bürgerin muss ich Widersprüche vielleicht manchmal hinnehmen, allein aus Selbstschutz. Außerdem: Das Corona-Virus bedroht uns alle gleichermaßen. Der Profit, den manche angeblich daraus schlagen, ist als Argument wirklich zu schwach, um zu überzeugen.

Deshalb: Das einzig Sinnvolle, was wir jetzt tun können, ist Abstand halten. Sich an die Vorschriften halten. Sich von wirren Deutungen fernhalten.

Warum kommen diese Morgenansprachen im Radio eigentlich nie ohne das höchst überflüssige „einfach mal“ aus? Einfach mal Handy stecken lassen, einfach mal den Nachbarn bekochen, einfach mal eine neue Sprache lernen … Wenn es einfach wäre, wäre die Welt anders. Es ist aber eben nicht einfach. Vielleicht brauche ich einfach mal ein bisschen Zeit, mich an die neuen Zeiten zu gewöhnen. Also lass mich einfach mal mit einfach mal in Ruhe.