Einheitsjubiläum

Donnerstag. „Im Osten fand keine Entnazifizierung statt …“ – lese ich gerade in einem Social Media Post. Abgesehen davon, dass Entnazifizierung etwas anderes ist als die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, was hier wohl eigentlich gemeint ist, ließe sich zu der Behauptung so einiges anmerken.
Einer meiner Vorfahren war Anwalt mit Spezialgebiet Entnazifizierung. Glaube bloß keiner, dass mit diesem Vorgang eine tiefergehende Gesinnungsprüfung einhergegangen sei! Wer den Persilschein bekam, war startklar für die Karriere in der BRD, aber der nationalsozialistische Virus war deshalb noch lange nicht ausgerottet – er saß tief und zudem gab es kaum einen, der damit nicht infiziert war.
Dagegen hat sich die DDR – bei aller berechtigten Kritik am SED-Staat – den Antifaschismus auf die Gründungsfahne geschrieben. Wer ehemalige DDR-Bürger*innen kennt, weiß, welchen Raum der Nationalsozialismus und seine Aufarbeitung im Schulcurriculum eingenommen haben. Der Faschismus war ein gängiges Thema, die Jugendlichen sind mit der Debatte aufgewachsen, während in unseren Klassenzimmern (Westen) das Wort über mindestens 3 Jahrzehnte überhaupt nicht existierte. Es ist eine sehr arrogante Pose des Westlers, die AfD-„Erfolge“ in den „neuen“ Bundesländern mit der mangelnden Faschismus-Aufarbeitung zu erklären. Die Menschen dort nennen andere Gründe – und die sollte man erstmal anhören, bevor man ohne Sachkenntnis und mit Vorurteilen beladen über die „neuen“ Bundesbürger ablästert, um selbst als großartig aufgeklärter Bayer oder Schwabe o.ä. dazustehen – aber die „neuen“ Bundesländer seit 30 Jahren nur aus dem Fernsehen kennt.