Gesslers Hut

Freitag. Kaum flattert Chef-Mail rein, haben alle nichts Besseres zu tun, als der enorm brisanten Anweisung Folge zu leisten. Unisono und ohne zu hinterfragen: Die Tür des Stützpunktes hat ab sofort regelkonform verschlossen zu sein, ungeachtet der auf der Hand liegenden Nachteile.

Jahrelang war sie von morgens bis abends angelehnt, mit herausgedrehtem Riegel, damit du sie, von oben oder von unten im Anmarsch und die Arme immer voller Zeug, mit dem Ellenbogen oder dem Fuß oder einem freien Finger öffnen konntest. Nun heißt es plötzlich, Achtung, Diebstahl! Regelung! Einhalten!

Solange du da arbeitest, also ewig, hat es noch nie Diebstahl gegeben, never. Trotzdem. Jetzt musst du das, was du auf dem Arm trägst, vor der geschlossenen Tür auf dem Boden ablegen, den Schlüssel vorkramen, aufschließen, die Sachen wieder aufheben, durch die Tür hindurchgehen und vor allem: sie wieder ins Schloss fallen lassen! Und kannst noch froh sein, dass sie dir nicht ins Gesicht fliegt, wenn im selben Moment jemand raus kommt.

Das sind des Landvogt Gesslers Hüte. Überall sind sie aufgestellt. Kostet heute zwar niemanden mehr den Kopf, die Verneigung zu verweigern, ist aber trotzdem irgendwie keine Option. Der Häuptlingshut auf der Stange funktioniert immer noch prima. Deutscher Obrigkeitsgehorsam ist es, was dich von manchen Kollegi*innen manchmal sehr weit entfernt.