Einheit

Und plötzlich ist es Herbst. Und plötzlich sind es Stiefel statt Sandalen, Wolle statt Baumwolle. Und wer in diesen zwei Wochen zwischen Ende September und Anfang Oktober Zug fährt, ist selber schuld: Canstatter Wasen. Eingequetscht zwischen Horden Komplettbesoffener (oder tun die nur so?), Lederhosen, Dirndlkleidern, Dosenbier, sexuellen Verbaleruptionen, vielstimmigem Hei-de-schnitz!-Skandieren (man lernt nie aus) und Bier-her!-Gegröle stehe ich im Gang und versuche, mein Köfferchen im Auge zu halten. Mann, was für eine absolut beschissene Fahrt unter lauter beschissenen, geistlosen Kreaturen oder solchen, die es unbedingt sein wollen, nämlich genau heute an genau diesem komischerweise freien Tag, warum noch mal scheißegal, Hauptsache frei, das ist die Freiheit zu kotzen: Geistlosigkeit, Bier und Grillhähnchenstücke, die Plätze sind bezahlt und alles muss raus und hackevoll durch die Nacht und zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Pils und geh mal Bier holen, du wirst schon wieder häßlich, ein, zwei Bier und du bist wieder schön – bis der Zug in Paradise Canstatt endlich die ganze Truppe auskotzt, und das ist eindeutig die beste Kotzerei für den Tag. Während draußen die Sonne die Häuserdächer vergoldet und sich in schätzungsweise zwei Stunden vor meinen Augen einem Flirt mit den Rheinwellen hingibt – vorausgesetzt, alles läuft glatt und kein technischer Defekt verhindert die Weiterfahrt und keiner legt sich an diesem schönen Herbsttag auf die Schienen.