High Heels

Donnerstag. Du hast aber hohe Absätze!, sagt Anne heute Morgen.
Ja, sage ich. Und wundere mich über ihre strengen Augen.
Manchmal sage ich auch: So hoch sind die gar nicht. Oder (bei Plateauschuhen): Die sind vorne auch hoch, das relativiert sich dann.
Als müsste ich mich entschuldigen.
Fragt sich nur, für was. Als würde ich die Kritik annehmen, dass hohe Absätze zu tragen ein Vergehen darstellt.
Vielleicht. Man ist auf einmal größer als sonst, eventuell sogar größer als andere. Man macht sich groß, sozusagen. Das klingt nach Täuschung, oder noch schlimmer: nach Selbsterhebung. Nach Hybris.
Mit fünfzehn hätte ich mir die Absätze, die ich heute trage, nicht zugetraut. Für Absätze brauchst du Standing, und das nicht nur in körperlicher Hinsicht. Vielleicht ist es das, was auf andere provozierend wirkt. Die Absatzträgerin gibt nicht nur zu erkennen, dass sie dieses Standing hat, sondern auch, dass sie weiß, dass sie es hat. Hätte sie es nicht, würde sie umknicken.
Umknicken, auf Absätzen herumstolpern, ist der Gipfel der Lächerlichkeit. Weckt garantiert Schadenfreude. Es gibt Schauspielerinnen, die in High Heels auf dem roten Teppich hingeknallt sind. Die werden das nie mehr los. Die werden ihr Leben lang mit dieser Fallgeschichte assoziiert, als wären sie nur dafür berühmt geworden.
Ich kann es nur empfehlen, hin und wieder auf hohen Hacken herumzulaufen. Ist gut fürs Selbstbewusstsein. Vor vielen Jahren, als mir ein schwieriges Gespräch mit einem älteren Kollegen bevorstand, zog ich am Morgen Stiefel mit hohen, harten Absätzen an. Der Kollege stand schon im Gang und sah mir entgegen, mit seinem überlegenen Lächeln im Gesicht. Da ließ ich sie knallen, die Absätze, tock, tock, tock, mit jedem Schritt wuchs ich dem Himmel entgegen, und sein Lächeln wurde sichtlich dünner.
Dann stand ich vor ihm, und ich sagte den ersten Satz. Ich sagte ihn auch noch laut genug – ganz wichtig -, und der Kollege konnte jetzt nur noch re-agieren und ich wusste, dass ich gewonnen hatte.