Keine Flügel

Freitag. Wo ich gerade nicht mehr zum Schreiben komme vor lauter Arbeit im „Amt“ und zeitfressendem, leider in den meisten Fällen sinnfreiem Korrigieren (Systemfehler, einer von vielen), erscheint mir mein Leben stumpf und abgedroschen. Besteht der Fluss der Tage aus Broterwerb, einkaufen, Wäsche waschen, Rechnungen bezahlen, ist das die pure Immanenz, zum Erbrechen eindimensional, keine Flügel zum Abheben und über den Dingen kreisen … Oh, dass kein Flügel mich vom Boden hebt* …

Ye hat sich bei der Arbeit in der Uni ihr Ohr an der Tür angeschlagen, bzw. die Tür ist ihr ans Ohr gefallen. Sie sagt, in Deutschland seien die Türen so schwer und solche Türen gebe es in China gar nicht. Ihr Ohr wurde dick und hart, gestern ist es operiert worden. Jetzt macht sie sich Sorgen, ob die Rechnung noch rechtzeitig kommt, weil Überweisungen von China nach Deutschland nicht möglich seien. Ich sage ihr, die Hauptsache ist doch, du bist operiert, die Krankenkasse kommt schon zu ihrem Geld, da guckt sie ungläubig und lacht. In China läuft alles online und alles sofort. Kein Bargeld, kein Postweg. Und wenn schon Post, dann ist jeder Brief per Mail nachverfolgbar. So ist China. Eine gläserne Nation. Wie wir auch bald.

Ye ist sehr auf kalorienarmes Essen bedacht, aber sie liebt Zitronenrolle. Freitagnachmittags bringe ich immer Kuchen mit und wir machen es uns zu dritt gemütlich. T. bevorzugt Himbeerrolle, ich mag beides.

Unsäglicher Faust I, Z. 1074