Lass uns über den Tod reden – Enno Kalisch

“… Zwei Jahre vor seinem Tod saß mein Vater im Publikum. Ich hatte einen Auftritt im Dorfcafé, und es war ein magisch schöner Abend. Ich glaube, da war er wirklich stolz auf mich. Indem er mich als Geschichtenerzählter erlebte, erkannte er mich als den, der ich jetzt bin. Ich glaube, da sah er, dass ich mein Ding machte und meinen Weg gefunden hatte. Indem er mich und meine Kunst anerkannte, erkannte er ja auch einen Teil von sich selbst an. Ich war für meinen Vater so ein komischer Junge, der nicht gut turnen konnte. Mein Vater dagegen war ein exzellenter Turner gewesen. Er wusste nicht, wie er mich einordnen sollte. Und er war für mich als Vater nicht greifbar. Vor Auseinandersetzungen lief er weg, oft knallte es zwischen uns, bis die Fetzen flogen. Er fand Therapeuten auch so schrecklich! Warum ich ausgerechnet Musiktherapie studieren wollte, hat er nie verstanden. Wer weiß, vielleicht habe ich es nur deshalb gemacht? Er hat dann überall herumerzählt, ich sei Musiklehrer. Er hat sich Sorgen um mich gemacht. Aber letztlich hat er mich immer unterstützt, auch finanziell.
Endgültig zusammengekommen sind wir in einer Auseinandersetzung um meine Rolle als Vater.
Ich bin ein leidenschaftlicher Vater und habe mich von Anfang an sehr um meine Kleine gekümmert. Mein Vater konnte mit Säuglingen nichts anfangen. Er machte sich lustig über mich und kam damit überhaupt nicht klar, dass ich mich so engagierte, vielleicht auch überengagierte. Als ich einmal mit dem Kinderwagen kämpfte, der sich nur schwer zusammenklappen ließ, fing er an mich zu veräppeln. Da bin ich komplett ausgerastet. Ich habe eine Flasche auf den Boden geworfen und ihn angebrüllt: „Vater, ich brauche deine Unterstützung und nicht das! Wenn du meinst, du kannst es nicht ertragen, dass ich Vater bin, dann muss ich gehen.“
An dem Tag ist mein Vater zum letzten Mal Fahrrad gefahren. Er schnappte sich sein Rad und fuhr davon, über die Dörfer, weil er sich nicht anders zu helfen wusste.
Tags darauf haben wir uns zusammengesetzt, da habe ich es ihm noch einmal in Ruhe erklärt: dass ich ihn brauche, auch wenn er Dinge bei mir sieht, die er doof findet. Das dürfe er mir ruhig sagen, aber ich brauche ihn als jemanden, der auf meiner Seite steht.
Wir sind an den Deich gefahren, und dann haben wir beide einfach eine Weile die Klappe gehalten. Das war schön. Wir wussten, wem wir gegenüber standen und dass das jetzt unser Moment war.
Von da an änderte er seine Haltung mir gegenüber. Später, als ich ihn pflegte, konnte ich ohne Worte spüren, dass wir auf Augenhöhe waren. Und dass wir uns eigentlich immer geliebt haben.
Obwohl ich mir meinen Stand gegenüber meinem Vater schwer erkämpfen musste, mache ich heute vieles wie er.
Manchmal höre ich seine Stimme im Kopf wie Lebensweisheiten, die ich nicht vergessen möchte. Er begleitet mich vor allem in schweren Momenten oder wenn ich eine Entscheidung zu treffen habe. Dann ist er mir total nahe.
Ich habe ganz schöne Bilder von ihm in mir abgespeichert, wie er sich an mich anlehnt, fast so wie ein Kind, mir aber gleichzeitig Kraft gibt und Mut zuspricht, als sei er mein Vater und mein Sohn in einem, so ein warmes und zärtliches Bild ist das, wie es eben zum Schluss gewesen ist, als er sich mir anvertraut hat …”