Lass uns über den Tod reden – Gisela Getty

Freitag. Jutta war eine extrem intuitive Persönlichkeit. In unserer Gruppierung war sie die Speerspitze. Sie erfasste die Dinge viel schneller als wir. Jutta durchschaute die Menschen, aber auch sich selbst. Sie hinterfragte alles, setzte sich dieser Hinterfragung aber auch selbst aus. In dem Film Schneeweiß Rosenrot fantasieren wir an einer Stelle: „Wir möchten heiraten, einen Prinzen, der uns auf Händen trägt, ein Häuschen mit Rosengarten, ganz normal sein, Sicherheit, ein kleines Nest …“

Und dann brüllen wir vor Lachen.

In Wirklichkeit hätte Jutta das sofort dekonstruiert. Sobald sie einen sicheren Ort gefunden hatte, machte sie ihn kaputt. Die Sicherheit war uns wie ein Gefängnis. …

Jutta hatte Mut. Sie ist immer weitergegangen, durch alle Konsequenzen. So ist sie auch gestorben. …

Jutta hat sich als Pionierin des Sterbens gesehen. In den Siebzigern haben wir die Jugend neu erfunden, jetzt wollte Jutta das Sterben neu erfinden. Jede Frage, jede Angst sah sie sich mit Rainer genau an und bearbeitete sie. Sie nahm keine Morphine, Schmerzmittel lehnte sie ab. Wenn wir ihr Bett machten, fanden wir oft die ausgespuckten Tabletten in den Laken. Sie sagte immer, sie habe nicht 40 Jahre lang meditiert, um am Schluss verwirrt und ohne klares Bewusstsein hinüberzugehen. …

… erzählt Gisela Getty über ihre verstorbene Schwester Jutta Winkelmann in: Lass uns über denTod reden (Erscheinungstermin: 13. März 2019)

Buchpremiere: 28. März 2019 in der Osianderschen Buchhandlung Tübingen