Leben in zwei Welten

Sonntag. Ye und auch T. sind ausgezogen, es ist wieder ruhig, leise in meiner Wohnung, so leise, dass es manchmal schmerzt, aber der Schmerz geht vorbei, das weiß ich, und ich muss ja arbeiten, seit beinahe einer Woche bin ich schon im Arbeitsmodus, im anderen Arbeitsmodus, feile am Manuskript, kürze zu Ausschweifendes, korrigiere die Zeiten (mein Schwachpunkt), pointiere allzu Vages, schreibe die Kapiteleinführungen, das vor allem: Kurze Essays, in denen ich jeweils von einer konkreten Eigenerfahrung ausgehe, was im einen oder anderen Fall noch einer Idee bedarf, was natürlich noch die Hauptarbeit ist …

Sechs Wochen habe ich Zeit, keinen Tag länger. Arbeitsferien. Kein Urlaub. Druck. Abgabetermin: Mitte September.

Zum Glück hat auch PM Ferien, bald fahre ich zu ihm, meinen Riesenkoffer voller Klamotten, Bücher etc. nimmt er heute schon mit, ich komme nach …

Das „Amt“ hat geschlossen, Abschluss-Essen vor drei Tagen im Meze mit den zwanzig nettesten Kolleg*innen, ein schöner Abend draußen in der warmen Sommernacht, gute Gespräche mit Leuten, die ich mag, an denen ich Tag für Tag vorbeiflitze, kurzer Gruß, kurzes Bedauern, später, später, und deshalb die Idee, alle noch einmal zu versammeln, bevor jeder wegfährt zum großen Aufatmen oder zum Endlich-Erledigen lebenswichtiger Aufgaben außerhalb des „Amtes“.

Wie in meinem Fall. Aber ich bin da nicht alleine, wie ich mit Staunen feststelle. Eine Erfahrung dieses Abends: Auch andere haben ein Leben neben dem „Amt“.

Gleich kommt Steve zum Frühstück (den wir gestern Nacht in der Stadt getroffen u mit dem wir noch auf einen Absacker im Ludwig’s gehockt haben, bevor er weitergezogen ist und wir ab nach Hause), PM schläft noch, und ich schicke jetzt mal eine Version an Marcel, der freundlicherweise gegenliest mit dem neutralen Blick des Außenstehenden, mit ihm treffe ich mich morgen, lebenswichtiger Austausch, was würde ich ohne Freunde wie Marcel machen …