Morgens am See

Mittwoch, Italien. „Ich fühle mich wie im FDGB-Heim“, – PM war nie in einem FDGB-Heim – „hier fehlt das kleine Städtchen, das Postamt, ich bin in einem Käfig! Abgezäunt, geregelt, für alles muss ich eine Karte irgendwo reinstecken, und wenn ich diese abgefressenen Tabletts sehe…“
Mit unseren Freunden J. und A. sind wir in einer Hotelanlage, die, direkt am See gelegen, sehr angenehm ist. PM hat die Auswahl J. überlassen und jammert nun auf hohem Niveau und findet die eine oder andere Metapher für sein Elend.
Dabei ist es die wirklich wohlverdiente, reinste Erholung: Wasser, Berge, pittoreske Ortschaften in kurzer Entfernung, in manchen steht ein erstaunliches Bauwerk aus dem 13. oder 15. Jh, das sich ohne Stress besichtigen lässt, weil es sonst nichts zu besichtigen gibt, das Eis schmeckt hervorragend, der Sonnenaufgang, wie jetzt gerade, über den Bergen hinter dem See ist malerisch und die Trattoria mit ihren blau gestrichenen Tischen und Stühlen unter der mindestens hundertjährigen Dorflinde ist es auch. Bei der Schiffsanlegestelle muss ich jedesmal an Die Truman-Show denken, da gibt es auch so einen Steg, auf den sich Truman nicht drauftraut, weil er Angst vor Wasser hat, weshalb er ja auch nie weg kommt, und da ist auch alles so spielzeugstadtmässig nah beisammen wie hier.
Gestern waren A. und ich in Salo shoppen und hätten fast das Schnellboot verpasst, weshalb wir einen ordentlichen Sprint hinlegen mussten, weshalb PM und J. dann doch nicht so sauer waren, weshalb mir, das vibrierende Boot verlassend, schlecht war, weshalb PM mir Paspertin verabreichte, weshalb ich den Abend lesend mit einem neuen Buch verbrachte: Alles das zu verlieren ist das gehypte und mit Madame Bovary verglichene neue Werk von Leila Slimani, das mir schon nach wenigen Seiten auf die Nerven geht, weil es erstens im Präsens geschrieben ist und zweitens in Rückblicken Präteritum und Perfekt wild mixt, was auch ein Übersetzungsfehler sein mag, was irritiert, ohne einen Sinn zu ergeben. Gekauft habe ich es wegen des Bovary-Vergleiches, weil Flauberts Meisterwerk zu den Büchern gehört, die mir über alles gehen, und jetzt rege ich mich auf und finde Slimani dagegen grob. Sicher kann sie nichts dafür, solche Vergleiche stellen anmaßende, dumpfbackige Journalisten an, um ihre Lesekompetenz unter Beweis zu stellen.
Es ist sechs Uhr in der Frühe, die Glocken von Salo oder so läuten, Vögel zwitschern, Wellen plätschern, der See ist glatt, über mir das riesige Schirmdach einer Pinie, die hoteleigene Sesselgruppe steht in einem Garten mit Pinien und Oliven, PM schläft noch und ich kann die Friedlichkeit des Augenblicks gut gebrauchen.