Offener Brief an Philippe Djian

Mittwoch. Lieber Philippe Djian,

jahrelang kaufte ich mir jeden neuen Djian mit dieser Gefühlsmelange aus Aufregung, Vorfreude und, ja, Demut. Du warst mein Meister. Mein Stilmeister. Deine besten Sätze habe ich wie Brillanten mit der Pinzette herausgefischt, abgeschrieben, auseinandergeschnitten und neu zusammengefügt. Ich bin Deinen Gedankengängen nachgekrochen. Ich habe jeden Deiner aberwitzigen Ideensprünge analysiert. Nicht selten haben sie mich zur Verzweiflung getrieben. Aber ich gab nicht auf. Ich hielt Dir die Treue, egal, was Du wieder ausgeheckt hattest: Von Blau wie die Hölle, Erogene Zonen, Betty Blue über Verraten und Verkauft, Rückgrat, Krokodile zu Pas de Deux, Heißer Herbst und Schwarze Tage, weiße Nächte.

Deine melancholische Ironie, die konsequent pessimistische Lebenshaltung waren wegweisend. Deine erotischen Einlassungen waren die besten: Prickelnd, direkt, nie abgegriffen. Du warst der Meister absurder Sexszenarien (unübertroffen der Bonbontanz in Pas de Deux!!!).

Bei Sirenen flog mich erstmals eine leise Irritation an, nicht der Rede wert.
Und dann kam, 2005, Reibereien heraus.

Na ja, dachte ich, da war er nicht in Form. Der nächste wird wieder.

Der nächste war Die Frühreifen (2006). Besser, ja. Aber flüchtig wie der Wind, die Geschichte. Vielleicht sollte Du Dich nicht mit Pubertierenden beschäftigen.

Über den Fortsetzungsroman Doggy Bag 1-6, den Du in den Jahren 2006-2009 im Stil einer Daily Soap geschrieben hast, lass uns lieber nicht reden. Den ersten Band habe ich fassungslos auf einer Bank im Stadtpark ausgesetzt, vielleicht ist jemand anderes damit glücklich geworden. Ich wartete bis 2011, als ich im Buchladen Die Leichtfertigen entdeckte. Da war er, mein neuer Djian.  Nun würde alles wieder gut werden.

Der Schlag traf mich umso herber. Die Leichtfertigen kam daher wie eine Zweitverwertung alter Schablonen, das muss leider gesagt sein. Nicht schlecht für diejenigen, die noch nichts von Dir kannten. Aber eben nur für die. Warst Du von allen guten Geistern verlassen? Warst Du mit den Jahren so faul und bequem geworden wie manche Deine wohllebigen Künstlerprotagonisten?

2012 kaufte ich mir nicht Die Rastlosen. Das hattest Du nun davon.

Im Frühjahr 2014 erschien Wie die wilden Tiere, das Buchcover, ein pinkfarbener Hirschkopf, gefiel mir. Leidenschaftlos gab ich Dir noch einmal eine Chance, um mit Kälte im Herzen festzustellen: Der Roman war eine weitere Baisse auf der Djian’schen Abwärtsspirale. Sorry, aber er ist belanglos. Ja, traurig aber wahr: Belanglos, nichtssagend. Hast Du nichts mehr zu sagen?

Kürzlich kam Oh heraus, Dein aktueller Roman. (Du scheinst jetzt im Jahresrhythmus zu schreiben.) Ich besitze ihn noch nicht. Er soll gut sein, habe ich von glaubwürdigen Rezensenten gelesen. Angeblich knüpfst Du damit an Deine alten Erfolge an. Angeblich gehst Du wieder aufs Ganze. Angeblich vibriert da der alte Djian-Sound: Form und Stil ist alles, und alles ist BIG! – die Gefühle, die Aktionen, die Sätze, die nie gestillte Sehnsucht eines Rast- und Ruhlosen.

Philippe, schreib endlich den erotischen Altersroman! Der ist überfällig. Wer soll’s machen, wenn nicht DU? Nichts über den Professor, der seine Studentinnen flachlegt, das Feld ist abgegrast von Philip Roth und Walser etc. …

Mach den Lagerfeld der Literatur! Schreib von reifen Männern und Frauen, die überrascht an sich herunterschauen und Falten und Dellen erblicken, deren Geist aber in Höchstform ist.

Sex ist (auch) Geist!

Schreib von saftigen Frauen, die sich Männer erwählen, weil sie gut im Bett sind und weil ihr Blick tief und intelligent ist. Schreib von wüsten alten Typen, die es mit Gleichaltrigen treiben, weil ihre Seelen im Himmel zusammen treffen bei Jimmy Hendrix und Jannis Joplin, während sie zum gemeinsamen Höhepunkt abheben.

Schreib das, verdammt noch mal! Wir brauchen das!