Blickwinkel

[…] Die Ereignisse und Entwicklungen der letzten 100 Tage, die quälenden und widersprüchlichen, teilweise schier inflationären Medienberichte, Talkshows und propagandistischen Elaborate der Kriegsparteien und deren Gefolgschaften tragen bedauerlicherweise dazu bei, dass eigene Befindlichkeiten und Stimmungen eine wirkliche und bleibende Orientierung nur schwer zulassen.

Es wirkt streckenweise wie eine Zerreißprobe, die alles, was sich in den letzten 30 Jahren zu entwickeln schien, nicht nur infrage stellt, sondern komplett auf den Kopf stellt.

Die hin und her wogenden Diskussionen, wer an der Apokalypse des Krieges welche Schuldanteile trägt, wird für mich streckenweise unerträglich und absurd.

In dem Wirrwarr aus Fakten und Pseudo-Fakten […] scheint es mir streckenweise unmöglich, eine eigene Position, einen Blickwinkel zu entwickeln – von den  affektiv gefärbten Zuständen, emotionalen Achterbahnfahrten und existenziell bedrängenden Gefühlen ganz zu schweigen.

Wenigstens habe ich in den letzten Tagen nicht mehr irgendwelche Politiker, gleich aus welchem Stall, davon schwafeln hören, dass wir keine Angst haben dürfen (!), fast befehlshaberisch …

Ja, verdammt nochmal, ich habe, genau wie sehr viele Menschen in diesem Europa nun auf einmal eine sehr nahe gehende Angst, träume vermehrt von eigenen Erfahrungen bei Militär, mobilisiere pseudologische Traumfragmente von Flucht- und Vertreibung der eigenen Familie 1945 und so weiter und so fort. …

Dr. med. G. R. Bergner, Psychiater 

Hurra, wir haben ein Feindbild

Dienstag. Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestags, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, hat gesprochen:
“Was wir brauchen – das mag martialisch klingen – Sie brauchen, um aus Sicht der Bundeswehr zu agieren, ein Feindbild”, verkündete die FDP-Politikerin heute dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Die auf Verhandlung ausgerichtete Ostpolitik der letzten Jahre münzt sie mal eben in “Appeasement-Politik” um, weshalb Russland nicht mehr als Feind empfunden worden sei (so wie in guten alten Zeiten).
Es mag martialisch klingen? In was für einer beschissenen Zeit leben wir gerade? Und was für beschissene Leute haben gerade das Sagen? Die Tabus fallen im Stundenrhythmus, rasant erhebt sich mit der faktischen auch die verbale Aufrüstung.
Und was macht die Presse – Spiegel / Zeit / Welt / Stern / Rhein-Zeitung …? Flächendeckend gibt sie das kriegsgeile Wort zum Dienstag weiter – kommentarlos!
Selber denken ist nicht mehr, abnicken dagegen sehr.
Es ist wie ein Albtraum, aus dem ich gerne erwachen würde. Nicht nur, dass mir der Kurs unserer Regierung (und unserer Medien) Angst macht, er deprimiert mich zutiefst. Ich finde mich darin überhaupt nicht mehr wieder.

Revolverhelden

Montag. Für Fälle wie den jüngsten Amoklauf in Texas, bei dem 19 Schüler*innen und eine Lehrerin von einem 18-jährigen erschossen wurden, hat Trump die Lösung: Bewaffnet die Lehrer! Weil Lehrer sind ja die Guten nach Revolverhelden-Logik.

Wenn ich mir vorstelle, ich stehe mit Knarre vor meiner Klasse – funny   creepy … oder ganz einfach gruselig.

Baerbock beklagt “Kriegsmüdigkeit”

Oh mein Gott! Verstehe noch einer die “Grünen” …

Leeres Enzephalon

Donnerstag. Direkt der erste Satz ist von grandioser Fehlerhaftigkeit.

Genau genommen schaffen es die wenigsten von denen, die demnächst die amtliche Bescheinigung ihrer Reife in der Tasche haben, auch nur einen einzigen fehlerfreien Satz auf die Reihe bekommen. Orthographie, Syntax, Wortschatz, da geht gar nichts. Sprachvermögen lässt sich nur schwer nachsozialisieren. Es sind die Digital Natives, die dauerhaft benachteiligt sind, das Leben ist eben kein Ponyhof. Vielleicht aber doch. Vielleicht mache ich mir was vor. Wie wichtig sind die Primärkompetenzen Sprechen und Schreiben noch?, darüber gehen die Meinungen auch im Kollegium auseinander.

Ersetzt digitales Knowhow nicht längst die Abrufbarkeit von Wissen?, fragt Herr K., Mathe & NwT, verwundert. Was heißt einbalsamieren? Was sind Narzissen? Oder Narzissten? Wer war Chagall? Manchmal weiß ich nicht, wo ich anfangen soll. Ich zeige ihnen Bilder von Chagall und denke im gleichen Moment daran, dass sie Rembrandt, Monet, Georgia O’Keeffe auch nicht kennen. Von Picasso wissen sie, dass er mal einen Affen hat malen lassen, Kunst interessiert sie nicht. Wie wichtig ist Kunst? Sie googeln alles mit flinkem Daumen, die Praxis gibt ihnen Recht. Das Korrekturprogramm auch meistens. Vielleicht müssen wir, muss ich das alte Wissen einfach loslassen, bye bye, my love, goodbye.

Vielleicht ist Bildung kein gesellschaftlich relevanter Wert mehr, seit sie an das weltweite Netz outgesourct wurde. Vielleicht reicht es in nächster Zukunft ja, Dinge nur noch nach ihrer Funktion zu erkennen und auf der VR-Brille anzuklicken, ohne sie benennen, geschweige denn schreiben zu müssen. Das Bewusstsein vom Verlust des Wissens – sofern vorhanden – wird abgefedert durch das Bewusstsein von der Erleichterung des Gehirns.

Vielleicht können auch Erinnerungen und Emotionen in fernerer Zukunft outgesourct werden. Leer sein wird dann das Enzephalon, freigeräumt und unbelastet sämtliche Kapazitäten der Großhirnrinde für die vielleicht allerletzte menschliche Erfindung: eine technikbasierte Welt, in der die biobasierte Existenz in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

80 Fehler auf zwei Seiten – welche Note ist das, verdammt? Inhalt unterirdisch, aber das Gelernte noch vage erkennbar, Sprache unterirdisch, aber das Gemeinte noch vage verstehbar, Rechtschreibung unterirdisch, aber die Wortbedeutung noch vage entschlüsselbar – es fehlen ihnen zwei Pandemiejahre, um erwachsen zu werden. Ein Umstand, für den sie nichts können.

Drei Punkte wäre realistisch, fünf wohlwollend. Sieben Punkte, schreibe ich schnell und setze schwungvoll mein Kürzel darunter …

Grüne Neun

Montag. Ich sage, mach die Balkontür zu, die Pollen fliegen rein, und PM sagt: Ach du grüne Neue!

Ich sage, bin k.o., hab bis vier Uhr morgens gearbeitet, und PM sagt: Ach du grüne Neue.

Ich sage, Melania Trump kann sich vorstellen, wieder ins Weiße Haus einzuziehen, und PM sagt: Ach du grüne Neune,

und dann ist alles irgendwie nicht mehr so schlimm …

 

Selenskij will mehr und Sascha will das auch

Montag. Während deutsche Politiker*innen sich in der Ukraine die Klinke in die Hand geben, um ihren Diener / Knicks vor Selenskij zu machen – und  während ein in die Enge getriebener Kanzler per Fernsehansprache seine Strategie erklärt (Schaden vom Volk abwenden, keine deutschen Alleingänge, die deutsche Verteidigungsfähigkeit verbessern, die NATO darf nicht Kriegspartei werden) -, verlangt es den König von Kiew nach viel mehr:
Reue, Buße und Lossagung will er aus den Mündern der deutschen Politiker*innen-Riege hören: Hundertfaches Sühne-Bekenntnis, hundertfache Bitte um Vergebung für 50 Jahre erfolgreiche Entspannungspolitik.
Als da wären: Internationale Rüstungskontrolle, Stärkung der Menschenrechte, deutsch-deutsche Wiedervereinigung.
Und das soll auf einmal alles Verrat gewesen sein?
Ja, darunter mache es Selenskij nicht – die Geschichte muss uminterpretiert werden, und zwar von den Akteuren selbst!
Entspannung, Wandel durch Handel, Diplomatie und Pazifismus sind die neuen Antiwerte. Selbsternennungsvordenker Sascha Lobo hat denn auch gleich den passenden Begriff dafür: Lumpenpazifisten tituliert er Persönlichkeiten wie die Theologin und ehemalige Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer, die Philosophin Dr. Svenja Flaßpöhler, den Sozialpsychologen Prof. Dr. Harald Welzer, die Schriftstellerkolleg*innen Martin Walser und Julie Zeh, den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Merkel, den Kabarettisten Gerhard Polt u.v.a., die den ihnen von Kiew zugewiesenen Weg partout nicht gehen wollen.
Der Berserker unter den neudeutschen Wortführern hängt sein Fähnlein stets nach dem Wind – erinnert sei hier nur an seine frühere Position zum ungeregelten Internet, bis auch er, oups!, reichlich spät, nämlich 2014, die Gefahr des Missbrauchs im weltweiten Netz erkannte und heulte: “Das Internet ist kaputt!”
Lobo kann sich auf das transatlantische Sprachrohr Spiegel verlassen: Der hat nichts Besseres zu tun, als sein Geschwurbel (“Gandhi … war eine sagenhafte Knalltüte”) der Öffentlichkeit zu präsentieren, als handle es sich um eine nie dagewesene Denkrichtung. Nee, es ist nur Kriegsgeilheit. Die feuchten Träume von einer Revanche, 80 Jahre nach Hitlers gescheitertem Unternehmen Barbarossa. Das einzig Neue: Die Grünen rasseln mit den Säbeln, als hielten sie die Langeweile des langen Friedens nicht länger aus. Es ist Futter für die Corona-müde Presse. Es ist das neudeutsche Hurra, es ist Krieg!, und alle gehen hin.

 

 

Muttertag at it’s best

Sonntag. Meinen Kindern habe ich beigebracht, dass Muttertag eine US-Erfindung ist, die 1933 von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde, um die Ehrung der Mutter mit dem Wahn der “Herrenrasse” zu verknüpfen. Und dass im Nazi-Reich der Muttertag als gesetzlicher Feiertag etabliert wurde.
Da hab ich mir wohl ein Eigentor geschossen – sie gratulieren mir einfach nicht. Könnte sein, dass ich etwas übereifrig war …
Zerknirscht.
Und dann das hier: 

Danke, PM!

Nachmittagssonne

Freitag. Von B. höre ich wieder so eine Trennungsgeschichte …  Meine Erfahrung: Wie einer geht, so hat er auch geliebt. Wer nur Kleinholz von der gemeinsamen Geschichte hinterlässt, der hat auch in der Liebe rücksichtslos und egoistisch um sich geschlagen. Der andere hat es nur nicht gesehen. Soviel zum beiderseitigen Beitrag jahrelanger Leidenswege. B. ist raus aus der Sache, ich auch. Schon lange. Die bösen Geister haben wir vertrieben. Es geht uns gut. Wir staunen und feiern das beim Business Lunch und anschließenden Cappuccino auf der Sonnenterrasse vom Ludwigs. B. und ich, wir haben uns das verdient.

Neusprech

Die wirtschaftliche Entflechtung zwischen den Machtblöcken ist in vollem Gange. Der Westen entknotet sich von Russland und von China, während China und Russland zusammenwachsen. Können die Machtblöcke erst, wenn sie autonom sind, Kriege gegeneinander führen?, … und hier denke ich lieber nicht weiter.

In Orwells 1984 ist die Welt in drei verfeindete Supermächte unterteilt: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Dauerhafte Kriege untereinander garantieren das Gleichgewicht, wobei es egal und der Bevölkerung auch weitgehend unbekannt ist, wer gerade mit wem im Clinch liegt.
Die Handlung des Romans spielt in Ozeanien, was Amerika, die Atlantikinseln, Australien, Neuseeland und Neuguinea umfasst. Eurasien besteht aus Europa, der Türkei und der früheren SU, während Ostasien die Staaten China, Korea, die Mongolei und Japan einschließt.
Bei den Orwellschen Kriegen geht es weder um Landgewinn noch um Vernichtung der Feinde, sondern – neben dem Erhalt des Kräftegleichgewichts – um Ablenkung der Bevölkerung. Während Eurasien durch seine riesigen Landflächen geschützt ist und Ozeanien durch die Atlantischen Meere, hebt sich Ostasien durch Gebärfreudigkeit und den Fleiß seiner Bewohner ab.

Orwell begann seinen zukunftsweisenden Roman 1984 im Jahr 1946; 1949 wurde er veröffentlicht. Die drei Supermächte, die elektronische Überwachung der Bevölkerung, die “Anpassung” der historischen Vergangenheit, das Neusprech (ähnlich unserer Sprachzerstückelung durch Informatik-wording), das Zwiedenken, die “Gedankenverbrechen”, die “Unperson”, die Bedeutung des Hasses, die Spaltung der Gesellschaft – woher bezog dieser Jahrhundertautor bloß seine visionäre Kraft?

Grusel und Faszination gleichermaßen beim Wiederlesen …