Ich rege mich nicht auf …

Dienstag.

  • dass die Ukraine mit Kanzler-Zustimmung Waffen aus Deutschland gegen militärische Ziele in Russland abfeuern darf,
  • dass nur einen Tag zuvor die US-Regierung der Ukraine erlaubt hat, amerikanische Waffen gegen Militärziele auf russischem Gebiet einzusetzen,
  • dass Rheinmetall als neuer Sponsor bei Borussia Dortmund einsteigt – nachdem die Fohlen von Mönchengladbach den Deal mit dem Düsseldorfer Waffenhändler ausgeschlagen haben ( BVB-Trikots zukünftig mit Panzeraufdruck?),
  • dass der Mannheimer Anschlag auf einen Islamkritiker, bei dem ein Polizist ermordet wurde, die letzte Meldung in den Nachrichten war – ohne Nennung der Herkunft des Täters (Afghanistan) und der Umstände (2014 abgelehnter Asylantrag) –
  • und das, nachdem es in der ersten Meldung um das wachsende Gewaltpotential und die Bekämpfung der politischen Rechten ging, während laut Polizeistatistik die Straftaten mit islamistischem Hintergrund seit dem Hamas-Anschlag auf Israel am 7. Oktober 2023 um rund 200 % angestiegen sind,
  • dass solche doppelten Standards in der Berichterstattung der öffentlich Rechtlichen und bei den Regierungsparteien den AfD-Ticker selbstverschuldet hochtreiben,
  • dass Hamas-Versteher*innen leichten Herzens übersehen: Mit Gleichberechtigung der Geschlechter haben Islamofaschist*innen so wenig am Hut wie seinerzeit die Nazis mit Homo- und Transsexualität … womit erstere selbstverständlich auch nichts am Hut haben …

Auszeit

Mittwoch. Das lange Wochenende in Weimar hat gut getan. Das Zusammensein mit Frieder, Kathrin, Rainer und Christina auch. Frust bei der Arbeit, ein sinnloser Streit, Prüfungen, tagelange Korrekturen in den letzten drei Wochen sind für die Psychohygiene nicht gerade förderlich.
Austausch ist für mich die beste Medizin. Wenn der noch in einem schönen Garten mit Freunden und gutem Essen und seltenen Getränken stattfindet, um so besser.
Auszeiten – das ist gerade mein Thema ….

Manazuru

Donnerstag. Hiromi Kawakami hat in ihrem Roman Am Meer ist es wärmer das lange Ende einer Liebesbeziehung beschrieben. Darüber gibt es schon unendlich viele Bücher, aber Kawakami, die zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Japans gehört, fokussiert den Schmerz, die Verletzung, die Eifersucht, den Hass und das Begehren eines Geliebten, der nicht mehr da ist, atmosphärisch in einer solchen Zartheit und Intensität, dass es direkt ins Herz zielt.
Rei, der junge Familienvater, ist eines Tages verschwunden. 13 Jahre ist das her, seine Frau Kei hat inzwischen einen anderen Mann gefunden, mit dem sie intellektuell und sexuell zwar gut harmoniert, doch nicht annähernd die sinnliche Erfüllung findet, die sie mit Kei erleben durfte.
Als sie den Namen eines Ortes – Manazuru – in Reis Tagebuch entdeckt, beginnt sie ihn dort zu suchen. Manazuru wird zu ihrem Sehnsuchtsort, immer wieder reist sie auf die Halbinsel, lässt Tochter und Mutter allein zurück, um Rei nahe zu sein. Gleichzeitig erklärt ihr Schwiegervater den Sohn nach all den Jahren für tot. Keis Träume und Phantasien verschwimmen immer mehr mit der Realität, je mehr sie Rei auf der Spur zu sein scheint. Ihre Suche führt sie zurück zu Augenblicken von vollkommener Verschmelzung mit einem Mann, der es, wie wir nur am Rande erfahren, nicht immer gut mit ihr gemeint hat.
Rei bleibt für die Leserin nicht greifbar, bis zum Schluss weiß man eigentlich nicht, womit er sich die leidenschaftliche Hingabe seiner Frau auch viele Jahre nach seinem Untertauchen verdient hat. Aber die Liebe folgt nicht den Regeln der Logik. Und sie kann auch über den Tod hinaus das Denken und Handeln der liebenden Person bestimmen. Doch ist Rei überhaupt tot?
Ein Buch, in dem die phantastischen Momente streckenweise die Realität aus den Angeln heben, aber so what! – gehört die Frage, was real ist und was irreal, nicht zu den uninteressantesten Fragen der Welt?
Kei liebt. Sie liebt absurd, verzweifelt, aufgegeilt, sehnsüchtig, mit viel Traurigkeit und einem Lächeln, das über all ihrer Trauer liegt. In Manazuru, am Meer, ist es wärmer, doch sie muss wieder zurück, in den Alltag. Was das Verschwinden des Partners mit der zurückgelassenen Person anstellt, darüber scheint Kawakami viel zu wissen, und auch wer es selbst nicht erlebt hat, der bekommt nach diesem Roman eine Ahnung davon.

Liebe Grüße

Liebe Grüße schließen seine belanglose Nachricht ab.
Zeigt mir doch das unangemessene Wording nach 13 Jahren vor allem eins: Es gibt Menschen, um die machst du besser einen großen Bogen.
Der deckenhohe Weihnachtsbaum, der wie aus dem Himmel gefallen auf mich zu saust, verfolgt mich heute noch in schlechten Träumen. Während ich am Boden hocke, um den Platz für die Landung freizuräumen. Und als ich zufällig hochschaue … sein teilnahmsloses Gesicht überm Balkongeländer im 5. Stockwerk … das sind Momente, die du nie vergisst. Liebe Grüße

Verdient

Mittwoch. Jenny Erpenbeck hat für Kairos als erste Deutsche den International Booker Prize gewonnen. Ich liebe diesen großartigen Roman über eine hoffnungslose Liebe auf dem Hintergrund einer hoffnungslos missglückten (Wieder)vereinigung zweier deutscher Staaten.
Das medienübliche DDR-Bashing fehlt, weshalb die Kritiker der Leitmedien ihre Probleme mit dem Werk hatten. Umso erfreulicher, dass die internationale Kritik es feiert. Was jeden Roman der in Ostberlin aufgewachsenen Autorin zu einem nachhaltigen Leseerlebnis werden lässt: Sie nimmt sich die Zeit, auch verborgenste Gefühlsnischen mit einer Zartheit und Punktgenauigkeit auszuleuchten, dass es einem den Atem nimmt. Ich freue mich für Jenny Erpenbeck…

… und jetzt los. 6.30 Uhr, um 7.00 Uhr werden die Prüfungsaufgaben für die schriftliche Abschlussprüfung geöffnet, anschließend 150 min Aufsicht bei meinen Lieben, denen ich ganz, ganz viel Erfolg wünsche.

Zwiegespalten

Sonntag, Tübingen. Inspiriert und happy bin ich in Tübingen, ein fleißiges Bienchen in Eisenach. Und die Angst, mich irgendwann einmal für eines davon entscheiden zu müssen, treibt mir den Schweiß aus den Poren. Der ewige Zwiespalt zwischen Brot- und Kreativberuf klafft bei mir auch radikal geografisch auseinander.

Viel

Dienstag. Es gibt Tage, da fragst du dich am Morgen, wie das alles reinpassen soll, zeit- und kräftetechnisch, und weißt doch im gleichen Moment, dass bis abends oder nachts immer alles geschafft ist, irgendwie. In diesem Fall Notenabgabe, obwohl die letzte Arbeit noch gar nicht geschrieben ist, das muss heute noch passieren, und Korrigieren direkt im Anschluss, und digitale Eingabe sämtlicher Noten bis zum Abend, und Abgabe der Prüfungsaufgaben für die mündlichen Prüfungen bis Freitag, aber morgen fahre ich ja schon wieder nach Tübingen, also das auch noch heute.
Ja, das habe ich davon: zum ersten Mal gibt es nämlich an der Regelschule freiwillige mündliche Prüfungen im Fach Ev. Religion. Eine Bedingung knüpfe ich daran: Sie kaufen sich eine Jugendbibel und lesen die einmal komplett durch (um als kirchenfern Sozialisierte nach gerade mal einem Jahr Reli Mose nicht mit Jesus zu verwechseln). Gekauft haben sie sie schon, ich bin ganz gerührt, wie die coole Truppe stolz das leuchtend gelbe Laubi-Fuchshuber-Exemplar aus den Rucksäcken zieht, um es mir zu zeigen.
Tja, da müssen wir nun durch. Wie es sich eingebürgert hat, ziehe ich Schokobrötchen vom besten Bäcker Eisenachs und Chipstüten raus, ach ja, zwischen Korrigieren und Noteneingabe habe ich nämlich schnell noch ein zweistündiges Repetitorium über den Stoff vom ganzen letzten SJ geschoben. Die Ärmsten, nach sechs Stunden Unterricht sind ihre Schädel randvoll, aber hey Leute!, was soll ich sagen, auch mein Tag ist noch lange nicht zuende.

Passt!

Sonntag. Das Essen, die Stimmung, das Wetter – alles passt. Wir sind sehr zufrieden mit uns, und die Verwandtschaft mag unser neues Zuhause. Das freut – und erleichtert – mich. Mit dem Essen mache ich es das nächste Mal genauso wieder (weshalb ich es zur Erinnerung hier notiere): Antipasti vom Blech, Datteldipp, Knoblauchdipp, Mayonnaisedipp, italienischen Nudelsalat mit Mozzarella, Kartoffelsalat, gegrillte Thüringer Bratwürste und die Soljanka – und zum Nachtisch eine riesige Schüssel frische Erdbeeren in Schäumle-Sahnequark.
Die Schulklasse ist satt geworden. Die Schnecken bleiben in ihren Löchern, GsD! Die Nachbarn wissen Bescheid und meckern nicht, wenn die Stimmen jetzt anschwellen und die Flaschen etwas heftiger gegeneinander klirren. Unter dem klaren Sichelmond am nachtschwarzen Himmel tagt der harte Kern bis morgens um drei auf unserer Terrasse mit Blick auf die angestrahlte Wartburg.  Das hat was, ist man sich einig.

Paradigmenwechsel

Freitag. 22 Leute, das ist ja direkt Schulklassenstärke!, fällt mir mitten in der Nacht ein. Schweißausbruch, Gedankenkarussell, auf jeden Fall kein Weiterschlafen mehr.
Den Tag verbringen wir mit letzten Putz- und Verschönerungsaktionen im und ums Haus. Danach Großeinkauf. Morgen ist Familientag. Ich freue mich drauf und denke, dass alles klappen wird. PMs Soljanka ist schon fertig und duftet durchs ganze Haus. Heute Abend noch die Dipps und Salate vorbereitet – ich habe eine To-Do-Liste und liege gut in der Zeit.
Dann der Anruf: meine liebe L ist mit dem Lchen und dem Tchen und zwei Freunden auf der Werra unterwegs. Sie bekommt einen Migräneanfall, in der Panik und Unruhe kentert irgendwie das Boot.
Sie schicken uns ihren Standort im 30 km entfernten Treffurt. PM und ich fahren los. Das bringt nun unsere ganze Logistik durcheinander, entsprechend schweigsam verläuft die Fahrt. Bis wir sie gefunden haben, vergeht fast eine halbe Stunde: Da stehen sie in Handtücher gehüllt mitten in der Pampa wie die heilige Familie mit ihrem ganzen durchnässten Campinggepäck und bibbern. L. ganz elend und krank, kann sich kaum aufrecht halten.
Fünf Leute zusätzlich im Auto? PM ist massiv dagegen, trotzdem machen wir es so. Inzwischen habe ich zwei freie Hotelzimmer ausfindig gemacht, nicht ganz einfach, weil das WE mit Brückentag die Touristen nur so strömen lässt.  Wir setzen sie direkt davor ab, drei erwachsene und zwei kleine tropfende Gestalten, bei deren Anblick sich mein Herz zusammenzieht (und ich mich einmal mehr ärgere, dass die Schlafcouch noch nicht da ist). Im Gegenzug bekommen wir die Campingausrüstung und einen riesigen Reisesack voller patschnasser Klamotten von fünf Personen überreicht.
Damit bin ich die nächsten 2 Stunden beschäftigt. Die Sachen sind nicht nur nass, sondern schlammig und müssen vor der Wäsche ausgespült werden. Insgesamt drei Fuhren, heute Nacht um 1 Uhr wird die letzte zum Trocknen rausgehängt.
Ich bin ein bisschen wütend, am meisten auf mich selbst, weil ich es nicht einfach bleiben lasse. Und trotzdem bin ich vor allem froh. Dass sie uns anrufen, wenn sie in Not sind. Ist doch irgendwie schön. Und morgen muss eben alles etwas zackiger gehen …

Der die das

Mittwoch. Regelschule Klasse 6b: 100% Migrationshintergrund. Thema: Definite und indefinite Artikel. Muttersprache: Arabisch. Im Arabischen gibt es weder definite noch indefinite Artikel. Ich habe nach längerer Zeit mal wieder eine Referendarin, eine ganz tolle übrigens, und darf ihren Unterricht besuchen. Was sie da macht, ist aber kein Deutschunterricht, sondern Deutsch als Fremdsprache – oder Zweitsprache, kurz DAZ genannt. Was an der Schule nicht angeboten wird (Gründe vielschichtig). Wofür sie nicht ausgebildet ist, und ich auch nicht.
Von irgendwoher hat sie sich Übungen kopiert, sie gibt sich wirklich Mühe, sie erklärt es gut, den Unterschied zwischen die und eine, aber niemand hört ihr zu.
Warum auch? Die Sinnlosigkeit ist so greifbar wie die Trinkflaschen auf ihren Tischen.
Manche sind 15 Jahre alt. Drehen schon die 3. Ehrenrunde, wie man so sagt, kommen trotzdem nicht weiter. Noch ein Jahr, dann sind sie raus, ziemlich alte Sechstklässler ohne Hauptschulabschluss. Hunderte, Tausende. Deutsch werden sie nie lernen. Wozu? Ihre Eltern können es auch nicht, in ihren Communities spricht man nicht Deutsch.