Starkregen, Überschwemmungen, Erdrutsche

Mittwoch. „Die Prüfung soll unvorhersehbar sein!“ – O-Ton Kultusministerium.
Ja, passt! Die Lehrenden sind Getriebene, die Lernenden die Verarschten. Was soll das? Was soll damit wem bewiesen werden? Dreitägiger Prüfungsmarathon. Jetzt isch over, sozusagen. Trotz der Gängelung von oben in Gestalt zunehmender Gleichschaltung pädagogischer Prozesse und Kontrollierbarkeit jedes einzelnen Handlungsschrittes waren da viele tolle Ergebnisse und durchaus spaßige Momente. Highlight: Das Oberarm-Tatoo eines Prüflings in WeckerSchrift: NOW!, passend zur Thematik Heldentum (Mut … Schmerz), das er bereitwillig für uns, die dreiköpfige Prüfungskommission, freilegte.
PM verzweifelt: Die Ahr ist über die Ufer gestiegen. Straße unter Wasser, Bahnverkehr eingestellt, A61 teilgesperrt. Das westliche Rheinland-Pfalz und das südliche Nordrhein-Westfalen stehen unter Wasser: Bahn-Ticker: „Bitte umfahren Sie NRW weitläufig!“ Und der Regen hört nicht auf. Während wir telefonieren, steigt der Pegel weiter. Im Keller steht mein Biedermeiertisch, mein Familienerbstück, verdammt! PM hat Platten und Anlage hochgeräumt. Wieso, das ist doch Erdgeschoss? Ja und wer sagt, dass es da nicht hinkommt? Vor seiner Einfahrt, vor den Kellerfenstern hat er Sandsäcke gestapelt. Die News verkünden die neue Coronavariante: Nach Delta jetzt Lambda. In was für einer Zeit leben wir?

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Bad Luck Banging or Loony Porn

Sonntag. Bad Luck Banging or Loony Porn heißt soviel wie Pech beim Knallen oder verrückter Porno und ist ein verrückter, wilder Film des rumänischen Regisseurs Rado Jude.
Wenn wg. Corona nur die beiden Programmkinos geöffnet sind und ihr kleines, sehr spezielles Angebot dir sagt: das oder gar nichts, dann wählst du eben das und landest in einem Film, der dich zwei Stunden lang ins Plüschpolster drückt, dass dir Hören und Sehen vergeht. PMs Kommentare wie üblich laut und zahlreich, was angesichts der rar gesäten Zuschauer*innen diesmal nicht so auffiel, und von den wenigen verließen zwei auch noch vorzeitig den Saal. Stimmung wie bei einer Privatvorführung. Um was geht es?
Sex und Politik haben sehr viel miteinander zu tun. Wo die Empörung im Kleinen Wellen schlägt – Lehrerin dreht Pornos, die versehentlich im Netz landen -, bleibt sie im Großen – Staat, Faschismus, Kirche, Rassismus/Diversität – aus. Diese Botschaft wird serviert von in Drastik und Hässlichkeit schwelgenden Bildern, eingeblendeten Philosophen-Zitaten (leider viel zu lang und jeweils über mehrere Bilder gehend, sodass der Anfang schon wieder vergessen ist, bevor du das Ende gelesen hast) und genüsslichen Großaufnahmen. Noch nie so viele glänzende Schwänze auf einmal gesehen. Alle Achtung, die Zuschauerin kommt nicht zu kurz, der Zuschauer sowieso nicht!
Der Film beamt einen in Fassbinder-Zeiten zurück, in experimentelle Hybridkonzepte von Doku und Spielfilm. Er bleibt im Kopf (besonders erwähnt sei hier die großartige Elternabend-Szene mit drei möglichen Ausgängen), auch nachdem man schon längst draußen ist und im Ludwig’s einen neuen Longdrink testet und über Gott und die Welt quatscht. Über alte Beziehungen. Die Nachhaltigkeit der Bilder lockert Zungen und eingefrorene Gedanken.
Übrigens ist Bad Luck Banging or Loony Porn 2020 gedreht, die Schauspieler tragen alle Maske – bis auf die ikonographische Sexszene -, sodass man sich seltsam zu Hause fühlt. Die medizinische Maske ist in der Kunst angekommen. Und Judes Film verdientermaßen der diesjährige Berlinale-Gewinner.

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Cappuccino mit Sahne

Donnerstag. Stress im „Amt“. Der Umgang mit Ärger/Verunsicherung/Sinnlosigkeit spielt sich nur by doing ein. Das Falscheste ist so: ich kann sowieso nichts ändern, das ist immer so, ich versuch das einfach zu vergessen …
Das mit dem Vergessen klappt nicht. Als wenn man Vergessen anordnen könnte, ha! Dann würde ich eine Menge vergessen.
Es hilf nichts: Der Weg führt mitten hindurch!
Die wichtigste Frage an dich selbst: Was macht das mit mir? Warum macht mir das was aus? Sich selbst ernst nehmen. Dann erst zur Strategie: 1. Uneitle, angstfreie Ansage. 2. Was ich mir wünsche. 3. Ausblick über den Tellerrand mit positivem Drive.
Die eine wird dich dafür lieben, die andere hassen. Na und? Krone richten und weiterstöckeln.
Sich selbst noch im Spiegel ansehen können – am besten direkt vor Ort austesten: Ha, Hallo! Du hast alles richtig gemacht!
Und darauf ein Cappuccino mit Sahne und Schokoflocken! Im Ludwig’s!

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Frau Baerbock schreibt ein Buch

Sonntag. Die Grünen-Kanzlerkandidatin wehrt sich.
Zuerst die zu späte Meldung von Sonderzahlungen beim Bundestag (wofür überhaupt die Coronazulage???). Dann die Übertreibungen, was ihren Lebenslauf angeht. Und nun das: In ihrem Buch Jetzt soll Anna-Lena Baerbock abgekupfert haben.
Entschuldigen mag sie sich nicht schon wieder. Lieber engagiert sie den Medienanwalt Christian Schertz, um sich argumentativ gegen die Plagiats-Vorwürfe aufzurüsten. Und das hört sich dann so an:
Sie habe „sehr bewusst auf Fakten aus öffentlichen Quellen zurückgegriffen“, die ja ohnehin jedermann bekannt seien! „In diesem Sinne stecken hier auch Ideen, Kenntnisse und kreative Gedanken von all den Menschen drin, mit denen ich in den letzten Jahren eng Politik machen durfte.“ Warum diese Menschen, von denen sie so profitiert hat, in ihrem Buch namenlos bleiben, bleibt Baerbocks Geheimnis: „Ganz viele Ideen von anderen sind mit eingeflossen“, insofern sei ihr Buch „eine Zusammenstellung aus dem, was alles mit eingeflossen ist“ (das „mit eingeflossen“ muss Schertz ihr eingebläut haben).
Und dann kommt doch noch die Antwort: „Das ist kein Fachbuch, daher gibt es keine Fußnoten.“ (alle Zitate nach spiegel.de 29.06.21 und 01./03.07.21)
Ach so. Stellt sich die Frage, warum sich in einem nichtwissenschaftlichen Buch keine Quellen angeben lassen? So mit Anführungszeichen, wie es jedem Studierenden im 1. Semester beigebracht wird und eigentlich inzwischen sogar jedem/jeder Schüler*in ab der 5. Klasse?
Vielleicht wusste Baerbock aber tatsächlich gar nichts von den zahlreichen Copy-and-Paste-Stellen in ihrem Buch, die Dr. Stefan Weber – Leiter von plagiatsgutachten.com – ihr mittlerweile nachweisen konnte. „Es ist gerade keine Doktorarbeit“, versichert Baerbock überflüssigerweise. Grundlage ihres Werks seien vielmehr die Niederschriften langer Interviews, die der Autor Michael Ebmeyer mit ihr geführt und anschließend transkribiert habe. Sie selbst habe auf dieser Basis dann das Buch verfasst. Auf ganz direkte Journalistennachfrage, ob sie das Buch selbst geschrieben habe, antwortet Baerbock: „Ja, aber wie es so schön heißt: Niemand schreibt ein Buch allein. Es sind nicht nur viele Ideen eingeflossen (!), ich habe dankenswerterweise auch Unterstützung bekommen.“
Niemand schreibt ein Buch allein? Bisher fand ich Baerbocks kreativen Umgang mit der Wahrheit eher funny, doch diese Aussage verwirrt mich. Ich habe auch keine Lust, die mediale Kritik daran als Gemoser aus dem konservativen Lager abzutun, wie Sascha Lobo es hinzudrehen versucht. (Konservativ ist für mich eher Baerbocks neugrün-aggressiver außenpolitischer Kurs, der mir direkt Angst einjagt.) Die falsche Behauptung, niemand schreibe sein Buch allein, nimmt mich als Autorin nicht ernst, deshalb verwehre ich mich dagegen. Ich habe keines meiner Bücher „mit Unterstützung“ geschrieben, und ich kenne auch sonst keinen Autorenkollegen, der das tut.
Der baerbocksche Schlingerkurs in eigner Sache nimmt mich aber auch als politisch aktive Bürgerin nicht ernst. Wie viele andere sehne ich mich nach Veränderung, nach Aufbruch, nach einer postkapitalistischen Vision anstatt nach modischem Greenwashing und der Augenwischerei eines – Achtung: Oxymoron! – nachhaltigen Kapitalismus‘.
Auf wen kann ich mich dabei verlassen? Sollte eine Kanzlerkandidatin egal welcher Partei nicht unbedingt auf die großen Themen wie Klimapolitik, Friedenspolitik, Gerechtigkeit, Umweltschutz, Gleichberechtigung, Migration … eine GLAUBHAFTE Antwort haben? Und wenn es nur die ist, dass eine Antwort gerade nicht zu haben ist?
Welcher Teil ihres Buches geht nun also auf Baerbock selbst zurück? Wenn man sie beim Wort nimmt, hat sie aus Ebmeyers Transkription – wahrscheinlich durch Ergänzungen / Streichungen und einen Rahmen – die endgültige Fassung erstellt. Die Copy-and-Past-Passagen waren jedoch kaum Teil der Interviews. Vielleicht gehen sogar nur die autobiografischen Abschnitte auf ihre Kappe, und bei dem Rest hat sie sich auf Ebmeyers Professionalität verlassen.
Meine Frage: Wenn Baerbock ein Buch geschrieben hat, das im Wesentlichen nicht auf ihre eigene Arbeit zurückzuführen ist und das Inhalte wiedergibt, die ohnehin jeder weiß und die woanders längst nachzulesen sind – warum hat sie es überhaupt geschrieben?
Ein Buch zu schreiben setzt voraus, dass man eine Geschichte zu erzählen hat. Eine Geschichte, für die man brennt und die raus in die Welt muss. Davon muss man als Autorin überzeugt sein: die Welt wartet auf meine Geschichte! Ohne das braucht man gar nicht erst anzufangen. Ein Buch auf den Markt zu werfen, um sein Image aufzupolieren, hat mit Schreiben als kreativem und existentiellem Prozess nichts zu tun.

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Doofe Partei

Donnerstag. Wie doof kann eine Partei sein, ein Ausschlussverfahren gegen die eigene Spitzenkandidatin anzustreben? Noch dazu gegen eine Politikerin, die für die meisten Wähler*innen das einzige Argument sein dürfte, ihre Stimme dieser Partei zu geben? Der Grund sei Wagenknechts im Frühjahr erschienenes Buch Die Selbstgerechten. Könnte es sein, dass ihre Gegner*innen sich im Portrait der sog. Lifestyle-Linken einfach nur verdammt punktgenau wiedererkennen? Die Genossen, die den Antrag auf Ausschluss gestellt haben, wollen anonym bleiben. Was für feige Säue! Aus dem Hinterhalt Wagenknecht vor das Schiedsgericht des Landesverbandes zerren und sich selbst schön bedeckt halten – das ist das, was von der NRW-LINKEN in Erinnerung bleibt.

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Tödliche Hitze

 Mittwoch. Die anhaltende Hitzewelle in Kanada hat offenbar zum Tod von mindestens 134 Menschen beigetragen. Gestern verzeichnete der kanadische Wetterdienst den dritten Tag in Folge einen neuen landesweiten Temperaturrekord in Lytton in der Provinz British Columbia: Die Temperaturen stiegen dort auf 49,5 Grad Celsius – kann man den Klimawandel noch wegreden? Kommt die Hitze auch zu uns? Ist es schon fünf nach zwölf? Würde das Klima sich regulieren, wenn auf der ganzen Welt Industrie und Verkehr lahmgelegt würden? Ist die Menschheit zu globaler Solidarität fähig?

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Geteiltes Meer

Montag. Schwein gehabt, die nette Lady von der Apotheke nimmt mich im Auto bis zum Bahnhof mit. Davor sitze ich im Ärztehaus Mössingen fest. Sie schließt ihre Apotheke ab, man kommt ins Gespräch, dieser verrückte Hagelsturm, schon wieder – kurzer Austausch über dies und das, sie flitzt in die Tiefgarage, und schon hocken wir nebeneinander im Trockenen und fahren unter krachenden Donnerschlägen durch Platschregen und Eisgeschosse. Dankewielieb und Gerngeschehen und machensiesgut und nächste Woche bekommt sie einen Blumenstrauß von mir.
Mössingen hat den kleinsten bemannten Bahnhof der Welt. Behaupte ich einfach mal. Jedenfalls gibt es einen sehr engagierten Bahnhofsvorsteher – nennt man das noch so?, – der die Lokführer ANRUFT, ob sie kommen oder nicht. Die ersten beiden kommen nicht. Also weiter warten, von Unterstand und Schirm nicht wirklich geschützt, und den unter Wassermassen und Hagelbrocken tanzenden, brechenden Ästen meditativ bei ihrem Treiben zuschauen. Inzwischen ist es 21 Uhr durch. Der Dritte kommt!, ruft der Mann gegen den Sturm: Mit einer halben Stunde Verspätung, und in Nehren muss er Schritt fahren – Gleis unter Wasser!
Wen interessieren solche Nebensächlichkeiten. Per Hand und mit großer Geste stellt er die Weichen. Das habe ich auch noch nie gesehen! Mössingen hat den kleinsten bemannten Bahnhof der Welt mit handbetriebenem Stellwerk, behaupte ich einfach mal. Bis der Zug einfährt, entertaint er uns mit lustigen Anekdoten aus dem Leben eines Stellwerkers, dazwischen schnauzt er cheffig Jungs an, die ihre Füße auf die tropfnassen Bank stellen. Tatsächlich winkt er uns (den zwei, drei Restkräften, die durchgehalten haben) zum Abschied, als der Zug sich in Bewegung setzt. In Nehren dann Schritttempo, Zug fährt durch das geteilte Meer. Dorfstraßen münden direkt in das Wasser. Autos irren ratlos am neuentstandenen Ufer entlang.
In Tübingen ist die Steinlach zu einem reißenden Strom gewachsen. Mannomann, was passiert da gerade?
SMS von Mecki: Sie sitzt in der Stuttgarter Oper fest. Blitzeinschlag – Sturm hat Dach von der Oper weggerissen. Im 3. Rang regnet es rein. Eingang zur Tiefgarage durch umgestürzte Bäume versperrt.

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Nerdig

Montag. Ein Wochenende unter Texten und Aufgaben ohne jede menschliche Begegnung und für die Pausen auf der verwüsteten Dachterrasse ein skurriles Buch: Thomas Brussig: Die Verwandelten. Genau die richtige Kost angesichts der Dumpfheit und Uninspiriertheit gegenwärtiger „Amts“realität.
Auf dem besten Weg zum Nerd …

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Wenn Kretschmann Gutes tun will und genau das Falsche tut …

Samstag ... dann überlässt er den islamischen Religionsunterricht ultrakonservativen, sunnitischen Islamverbänden und weist Mitglieder des liberalen Reformislam ab.

2019 hatten das Kultus- und das Wissenschaftsministerium die Stiftung Sunnitischer Schulrat ins Leben gerufen. Dieser verantwortet und organisiert seit 2020 den islamischen Religionsunterricht an baden-württembergischen Grund- und Werkrealschulen. Weil die mit Steuergeldern finanzierte Stiftung einen aufgeklärten und liberalen Islam ablehnt, weist sie konsequenterweise demokratisch gesinnte, liberale islamische Theolog*innen für die Religionspädagogik-Ausbildung ab.

Im Klartext: Durch Aussonderung freigeistiger Köpfe sorgt die Stiftung Sunnitischer Schulrat ganz offiziell dafür, dass in Ba-Wü zukünftige islamische Religionslehrer*innen auf keinen Fall mit liberalem – demokratischen – Gedankengut in Berührung kommen!

Dass überhaupt eine Stiftung, und nicht die ausbildende Universität, darüber entscheidet, wer zur Ausbildung und schließlich zur Berufsausübung an staatlichen Schulen geeignet ist, gibt es sonst bei uns nicht. Wieso löst das keinen Sturm in den Medien aus?

Die Professorin Susanne Schröter leitet das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam. „Seit Jahren warnen Experten davor, dass Akteure des politischen Islam ihre Kooperationen mit staatlichen Einrichtungen nutzen könnten, um Muslime kaltzustellen, die einen mit der Demokratie kompatiblen Islam vertreten“, sagt sie. In Baden-Württemberg sei jetzt der schlimmste anzunehmende Fall eingetreten. „Liberale Hochschullehrer werden von zweifelhaften islamischen Akteuren angegriffen, das Kultusministerium schweigt, und den islamistischen Interventionen wird Tür und Tor geöffnet.“

Nicht nachvollziehbar, wie falsch die Weichen hier gestellt werden. Wenn das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen weiterhin friedlich bleiben soll, brauchen wir die liberalen Islamlehrer*innen und -ausbilder*innen. Wir brauchen Theologen, deren Islam mit demokratischen Maximen vereinbar ist. Wir brauchen keinen abgeschotteten Ghetto-Glauben. Das scheint aber vielen Politiker*innen überhaupt nicht klar zu sein, wie das Beispiel Baden-Württemberg und NRW zeigen: In NRW ist die Landesregierung ein Schulbündnis mit Ditib eingegangen, der als Sprachrohr für Erdogans antisemitische Agenda gilt.

Und wieder ein Argument, das der AfD in die Hand spielt. So leicht zu erkennen … was läuft da schief?

Veröffentlicht unter 2021