Die großartige Rede der Emma Gonzalez

 Emma Gonzalez ist eine der Überlebenden des Amoklaufs in Parkland. Ihre Rede beim March for our live, auf dem sich Hunderttausende Menschen mit den Opfern des Parkland-Shootings solidarisierten, wird in die Geschichte der USA eingehen:

„Sechs Minuten und ungefähr zwanzig Sekunden. In etwas mehr als sechs Minuten wurden uns 17 Freunde genommen. 15 wurden verletzt. Und jeder, wirklich jeder aus unserer Schulgemeinschaft hat sich für immer verändert. Jeder, der dabei war, weiß was ich meine. Jeder, der von der kalten Waffengewalt betroffen war, weiß, was ich meine.

Wir haben lange, tränenreiche, chaotische Stunden in der brütenden Nachmittagssonne verbracht, ohne zu wissen, was hier geschieht. Niemand kann sich vorstellen, was passiert ist. Niemand konnte glauben, dass mehr als einen Tag lang Leichen in unserem Schulgebäude lagen, die identifiziert werden mussten. Niemand wusste, dass die Vermissten aufgehört hatten zu atmen, lange bevor wir erfahren haben, dass die höchste Alarmstufe ausgerufen wurde. Niemand konnte die verheerenden Folgen absehen, konnte verstehen, wozu das alles führen würde.

Denjenigen, die sich immer noch weigern, das zu verstehen, sage ich, wo das hinführt: direkt unter die Erde, six feet under [amerikanischer Audruck für Beerdigungen].

Sechs Minuten und 20 Sekunden mit einer AR-15, und meine Freundin Carmen wird sich nie mehr bei mir über den Klavierunterricht beschweren. Aaron Feis wird Kira nie mehr „Miss Sunshine“ nennen. Alex Schachter wird nie mehr mit seinem Bruder Ryan zur Schule gehen. Scott Beigel wird nie mehr mit Cameron im Sommerlager rumalbern. Helena Ramsey wird nie mehr mit Max rumhängen. Gina Montalto wird nie mehr ihrem Freund Liam beim Mittagessen zuwinken. Joaquin Oliver wird nie mehr mit Sam oder Dylan Basketball spielen. Alaina Petty wird nie mehr… Cara Loughran wird nie mehr… Chris Hixon wird nie mehr… Luke Hoyer wird nie mehr… Martin Duque Anguiano wird nie mehr… Peter Wang wird nie mehr… Alyssa Alhadeff wird nie mehr… Jamie Guttenberg wird nie mehr… Meadow Pollack wird nie mehr…“

Emma Gonzalez verstummt für mehr als vier Minuten. Sie blickt entschlossen auf die Menschen vor sich, ein paar jubeln, ein paar rufen ihr aufmunternd zu. Dann piept eine Stoppuhr, und Gonzalez spricht weiter:

„Seit ich auf die Bühne gekommen bin, sind sechs Minuten und 20 Sekunden vergangen. Der Amokläufer hat nun aufgehört, zu schießen. Er wird gleich sein Gewehr ablegen, sich unter die Schüler mischen, die aus dem Gebäude flüchten, und vor seiner Festnahme noch eine Stunde lang frei herumlaufen. Kämpft für euer Leben, bevor sich jemand anderes darum kümmern muss.“

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GsD

Sonntag. Ich bin ja GsD ALLES: süpergesund, süperwild, süperschön, süperfit, süperglücklich, süpersmart, süperlässig, süperselbstbewusst, süperschlank, süperunnormal, süpergebildet, süpererfolgreich, süperstolz, süpercharmant, süperhappy ….

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Besser gesünder

Iss dich gesund!, fordert Focus.
Wilder leben!, brüllt Emotions.
Top in Form, stachelt Petra an.
Startschuss ins Glück, tönt Maxi.
Das macht mich fit, gesund & happy, konkretisiert freundin.
Smart, lässig, selbstbewusst!, feintunt Myself.
Wie ich zehn Kilo verlor, verrät Stern Gesund leben.
Normal sein – warum eigentlich?, gibt Hohe Luft zu bedenken.
Mehr Zeit fürs Wesentliche, raunt Psychologie (nicht heute!).
So einfach, so gut!, jubelt Grillen.
Einfach leben, doppeldeutelt Philosophie-Magazin.
Erfolgreich verhandeln, widerspricht Focus Business.
Besser Business-Englisch lernen, rät Business Spotlight.
Geht’s noch? Was tun, wenn alles zu viel wird, bremst Brigitte Mom.
Schenk dir eine Auszeit, mahnt Emotion Slow.
Ideen für ein besseres Leben, assistiert Brigitte Spezial.
Wir haben es uns verdient, tröstet Brigitte Wir, das Magazin für die dritte Lebenshälfte (?).
Stolz – wann er guttut, wann er schadet, erschreckt Spektrum Psychologie.
Da stehen Sie drüber – Die Charme-Offensive gegen Pessimisten, Nörgler und Idioten, motzt Cosmopolitan.
Hör auf zu zweifeln, wiegelt Die Zeit Chancen Spezial ab.
Ich kaufe die Geo Chronik: 100 Zeugnisse des Glaubens. Die ist über Gott. Da bin ich raus.

(Sonntag, Warten im Bahnhof Koblenz)

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Keine Angst

Sonntag, B.N. Heute lief ein junges Mädchen in Netzstrümpfen, Jeansshorts („Hot Pants“), hohen Stiefeln und Tanktop vor mir her, der gleiche Look, den ich fast eins zu eins als Fünfzehnjährige getragen habe (im Schulklo Klamottenwechsel und mittags wieder Zurückwechsel). Klar, dass so ein Styling provoziert. Es macht aber auch, dass du dich und deine Grenzen ausprobierst, dass du dich superstark fühlst, dass du denen, die sich provozieren lassen, den mentalen Stinkefinger zeigst. Ich bedaure alle Frauen, die in älteren Jahren eingestehen müssen, sich niemals auf diese Art ausgetestet zu haben und meistens auch auf keine andere.

Provozierende Looks sieht man zunehmend seltener auf der Straße als noch in den späten Neunzigern und Anfang der 2000er Jahre. Da ich (berufsbedingt) sehr oft von Mädchen und jungen Frauen höre: „Wie sollen denn arabische Männer damit klar kommen?“, führe ich den Wandel unter anderem auch auf diese Form der Rücksichtnahme zurück. Ich finde das bedauerlich. Ich finde Rücksichtnahme auf Andere mit deutlicher Selbsteinschränkung immer bedauerlich, und aufs Ganze betrachtet lohnt sie sich meiner persönlichen Erfahrung nach überhaupt nicht: Die Rücksichtsvollen, die Bedenkenträger, die sich drei Mal um die eigene Achse drehen, ehe sie losmarschieren, sind später die Verarschten, die, die irgendwann fallen gelassen werden – nicht obwohl, sondern weil sie immer alles gegeben haben (selbst wenn es gegen die eigene Überzeugung ging).

Rücksichtnahme  kann man nicht einfordern. Ganz verquer wird es, wenn Rücksicht auf die Rücksichtslosigkeit eingefordert wird. Toleranz der Intoleranz. Eine Frau kann anziehen, was sie will. Sie merkt selber, ob sie das Maß der Provokation überschreitet oder ob sie es vielleicht sogar aus irgendwelchen Gründen überschreiten will. DAS gilt es zu tolerieren und nicht diejenigen, die sich als die neuen Tugendwächter aufspielen.

Ende der Sechziger haben Frauen ihre BHs öffentlich verbrannt, um ihre Freiheit zu feiern. Heute sollen sie sich wieder taktvoll, rücksichtsvoll dem männlich-begehrlichen Blick unterwerfen – und der Hijab ist in Wahrheit ein Ausdruck individueller Freiheit der muslimischen Frau oder des 9-jährigen Mädchens, das sich natürlich selbst dafür entschieden hat. Wie bescheuert soll die Diskussion eigentlich noch werden?

Mit Unterstützung des medialen Mainstreams verlieren wir uns gerne im politischen Kleinklein, statt den Blick aufs Ganze zu halten. Was mich angeht, ist die Verteidigung der Freiheit des Gender-Ampelmännchens genauso wenig Heldentat wie die Proklamation des Hijab als Freiheitssymbol (um damit gleich mal die Verschleierungsgegnerinnen in muslimischen Gesellschaften vor den Kopf zu stoßen). Es ist allenfalls die sicherere Nummer als die echten Probleme anzugehen. Wenn Frauen wieder anfangen, sich moralisch infrage stellen zu lassen, ist alles das in Gefahr, was sie sich, was wir uns in den letzten sechzig Jahren erkämpft haben! Das ist das ECHTE Problem. Deshalb verbreitet die Frau in Netzstrümpfen und Hot Pants für mich mehr revolutionäres Gedankengut als alle pseudoerregten Gender- und Ernährungs- und Holzkreuz-in-Ämtern-Debatten zusammen genommen. Weil sie an Grenzen geht.

Weil sie keine Angst hat.

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Passt

Samstag, B.N. An ihrem Sechser-Tisch in einer munteren Unterhaltung mit Senioren zwischen 72 und 94 Jahren, höre ich meine Mutter, die sich bis dahin nicht beteiligt hat, plötzlich sagen: Wenn Juliane kommt, ändert sich alles.

Ich falle fast vom Stuhl. Ihre Worte stehen leuchtend im Raum, sie muss sie wahrhaftig ausgesprochen haben. Meine Mutter lächelt vor sich hin. Die anderen gucken und nicken freundlich, fünf weiße, weise Häupter, und ich weiß, dass dieser Tag ein ganz besonderen Tag ist. Wir trinken Kaffee und essen Berliner. Der 94-Jährige hat bis vor kurzem in Grundschulen Bücher von Astrid Lindgren vorgelesen, nicht ohne sie vorher mindestens zweimal durchgelesen zu haben: Das muss man ja üben, wegen der Spannung. Die Vorleserunden im Heim taugen nichts, da sind sich alle einig und niemand meldet sich an, als die Vorlesefrau vorbei kommt und die Nachmittagsveranstaltung anpreist.

Die 72-jährige und der Vorleser sind ein Paar. Das passt. Das wird von den anderen genau beobachtet. Ist aber auch zu blöd, dass Männer hier so eine Mangelware sind.

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Gamechange

Samstag, B.N. Und jetzt gehts gleich zur Mutter, die sich von ihrem Schlaganfall, denn das war es, erstaunlich erholt hat.
Während sich in Tübingen die Koordinaten geändert haben, aber das ist wieder eine andere Geschichte …

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Schokolade

Donnerstag. Erfindungen machen das Leben besser. Die beste Erfindung ist Schokolade. Sie bewirkt die schlagartige Verwandlung eines miesen Augenblicks in ein dichtes Erlebnis. Alle Sinne reagieren gleichzeitig und das Orchester der Reaktionen in ein und derselben Sekunde schafft es, den an sich voll funktionstüchtigen Reflexapparat lahm zu legen. Die Augen leuchten, die Haut erwärmt sich, die Zunge bereitet sich auf die erwartete Süße vor, die Ohren vernehmen sphärische Klänge. All das aber wird übertönt von der inneren Stimme, die nur ein Wort zu kennen scheint: Nein!
Nicht essen! Nicht mal daran denken! Bringt doch allein der Gedanke an Schokolade den Verstand zum Erliegen. Gegen diese Stimme ist schwer anzukommen. Seit Jahrzehnten stellt sie sich über dein Ich, spielt sich auf und fühlt sich bestätigt vom kollektiven Glauben an Schlankheit, Gesundheit, Verzicht.
Reiche Gesellschaften lieben den Verzicht. Am liebsten exerziert / zelebriert der und die satte Mittelschichtler*In das Alkohol-, Fernseh-,  Fleisch- und leider auch Schokoladenfasten in der kirchlichen Fastenzeit. Religiöse Restzuckungen als stilvolle Umrahmung der Genusskontrolle. Völlerei, sichtbar gemacht im zu dicken Hintern, ist ein gesellschaftliches No-Go. Wer fett ist, ist schwach. Oder kann sich die Heilfastenklinik am Bodensee nicht leisten, was genauso verdächtig ist wie schwach sein.
Heilfasten ist die Religion der Religionslosen, die den Glauben an die Götter, an das Leben, an sich selbst verloren haben. Ich glaube an Heilfasten, sitzend zur Rechten des Länger-Weiter-Besser-Gottes. Des Kontrollgottes. Des Optimierungsgottes.
Heilfasten ist für die Allzusatten das Entgiften im materiellen wie im metaphysischen Sinne. Beten und Beichten light.
Wobei, so light jetzt auch wieder nicht. Einer erfolgreich Entgifteten und durch Fasten geschrumpften Person einen Teller Schokolade unter die Nase zu halten, dabei durch Handwedeln dem Duft auf die rechte Spur zu verhelfen – das könnte spannend werden. Auch bei mir würden nach vierzig Tagen Abstinenz in Sachen Schoko die Sicherungen durchbrennen.
Also schön regelmäßig den inneren Schweinehund über die innere Stimme siegen lassen. Und ihn mit Schokolade füttern. Sonst wird’s gefährlich.

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Begegnungen der Woche

Sonntag. Treffen mit I. und G. – dem es tatsächlich wieder besser geht, Wunder gibt es eben doch – , Dorle und PM in der neu eröffneten Rosenau. Schöner Abend, alle möglichen Leute getroffen und Ulf Siebert erzählt Anekdötchen …

Vorher werfen PM und ich uns in den Samstagsverkehr mit Staus und Unfällen, beides zum Glück auf der Gegenfahrbahn, und kaufen bei Ikea einen Schreibtisch, einen Teppich, eine Kommode. Für meine neue Untermieterin. Entgegen allen Zweifeln ist es wieder so weit: Diesmal eine Chinesin, eine „internationale Wissenschaftlerin“, was immer das bedeutet, jedenfalls hat meine Neugier überwogen. Wer hat schon mal die Gelegenheit, mit einer Chinesin zusammen zu wohnen? Sie kommt nächste Woche und bleibt drei Monate, bis dahin muss ich es irgendwie schaffen, das Ikea-Mobiliar aufgebaut zu kriegen…

Das Arbeitsessen mit Christiane war kreativ & ergiebig und nebenbei haben wir die wiedereröffnete Forelle getestet (Daumen hoch).

PM ist vor einer Stunde wieder abgefahren, das ist traurig wie jedesmal und deshalb gehe ich jetzt dran, Terrasse und Balkon frühjahrstauglich zu machen und tonnenweise Unkraut aus den Ritzen zu kratzen (und diese hinterher mit Essigreiniger zu tränken, Geheimtipp vom Manni aus Ahrweiler).

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Dann doch nicht Assad

Freitag. Aus Syrien berichtet Uli Gack im Heute-Journal, ZDF.
Gack war heute in einem großen syrischen Flüchtlingscamp, wohin sich ca. 20.000 Menschen aus Duma u.a. Städten geflüchtet haben. Gespräche mit den Flüchtlingen ergaben ein anderes Bild als das, was uns bisher vermittelt wurde:
Die Menschen erzählen „in einem Ton der Überzeugung“, dass diese ganze Geschichte vom 7. April inszeniert worden sei von den Islamisten des IS. Der Ort des Geschehens sei eine Kommandostelle der Islamisten, sie hätten dort Chlorgasbehälter aufgestellt und nur darauf gewartet, dass dieser hochinteressante Ort von der syrischen Luftwaffe bombardiert würde, was ja dann auch geschehen sei. Dabei seien die Chlorgasbehälter wie vorgesehen explodiert. Solche Provokationen habe es schon mehrfach in Duma gegeben. Bei „Übungen“ des IS werde die Bevölkerung dem Chlorgas aussetzt, das würde dann gefilmt und die Aufnahmen als Beweismaterial benutzt, wie es am 7. April veröffentlicht wurde. Gack: „Irgendwas scheint dran zu sein.“
Wo bleibt das Medienecho? Der Spiegel greift das Thema nicht auf,  weil ihm irgendwelche Trump-Affären wichtiger erscheinen, bei den anderen sog. Leitmedien habe ich auch nichts gefunden. Schon schwierig, wenn unsere schönen Feindbilder Kratzer bekommen.
Die Untersuchungen zu dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Duma dauern an… 

Quelle: https://www.zdf.de/nachrichten/heute-19-uhr/videos/zitat-sgs-gack-syrien-100.html

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Typen gibt’s

Donnerstag. Dieser Typ, der dich so über die Schulter von unten anguckt, obwohl er größer ist als du, in dieser irgendwie kaputten Modelpose, eigentlich absolut gestellt, und verbal immer schön auf der Ironie-Ebene, weil er schnell denkt – wie du auch, was er weiß, sonst würde er sich nicht mit dir abgeben – , der sich, kaum ertönen von irgendwoher drei Takte Musik, direkt einen abdanct, lässige Schrittchen auf dich zu, von dir weg, die Schulter, ganz wichtig jetzt, kreist subtil, ein Insiderkreisen nach Jazzrhythmen sozusagen, dass dir das auch ja nicht entgeht, wie super der sich findet, wie der gleichzeitig eine coole Bemerkung nach der anderen raushaut, die nicht jeder versteht, nur er und du, da musst du schon auf Zack sein, um solchen Typen zu folgen, das ist ja der ganze Trick bei der Sache, und während du noch überlegst, ob der wohl kokst oder was, weil der immer so high-level ist, bist du schon eingewickelt wie von einer mittelerdigen Fleischfresserpflanze, da bist du nämlich doch nicht so schlau wie du glaubst, obwohl du ihn voll durchschaust mit seinen ganzen Maschen, stehst du immer noch hier, wie betört oder betäubt von seinem Fleischfesserpflanzengift …

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