REWE aktuell

Mittwoch, B.N. Hatice, die ich durch PM kenne, kann vor lauter Weinen nicht arbeiten. Ihr Schwiegersohn ist ermordet worden, von einer vierköpfigen Gang auf dem REWE-Parkplatz in S.
Ein kurzes Wortgefecht war dem Angriff vorausgegangen. Darauf stach ein 18-Jähriger mit seinem Jagdmesser zu. Unmittelbar vor der Tat hatten die vier Jugendlichen schon zwei Schüler abgezogen, nachdem sie die beiden gezwungen hatten, Geld von ihren Konten abzuheben. Auch die Schüler verletzten sie mit dem Messer.
Hatices Schwiegersohn war mit einem Freund zum Einkaufen unterwegs, nichts deutete darauf hin, dass er an dem Abend durch einen Stich ins Herz sterben würde. Der Freund wollte den Blutfluss stillen, aber es war zu spät. Der Freund ist seit dem Vorfall in der Psychiatrie, die Ehefrau leidet unter Schuldgefühlen, weil sie sich am Morgen nicht richtig von ihrem Mann verabschiedet habe, sie, der Freund und der Bruder des Getöteten sind seither arbeitsunfähig. Zwei bzw. drei Familien versuchen, mit dem Unglück, mit der totalen Sinnlosigkeit des Unglücks, fertig zu werden.
Die online-Ausgabe der Regionalzeitung fügt dem Bericht über den Vorfall eine REWE-Werbung mit den tagesaktuellen Sonderangeboten an.

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Grüne Religionspolitik

Dienstag, B.N. Sägen am Berliner Neutralitätsgesetz – für mich als Frau / Feministin / Theologin / politisch Denkende in der Tradition von Aufklärer*innen, Demokrat*innen und Sozialist*innen unfassbar. Besonders wenn das Neutralitätsgesetz von reformorientierten und islamismuskritischen Musliminnen wie Seyran Ateş verteidigt wird. Denen fällt die religionspolitische Sprecherin Bündnis90DieGrünen Bettina Jarasch mal so richtig in den Rücken, …

… wenn sie Muslime in Berlin dazu ermutigt, eine Kampagne für Religionsfreiheit und kopftuchtragende Lehrerinnen zu starten, um u.a. vom Extremismus gefährdete muslimische Schüler zu erreichen(?!).
Ignoranz kann sich auch im grünen Gewand zeigen.

siehe auch: https://jungle.world/artikel/2018/05/klassenziel-kopftuch

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Lass uns über den Tod reden – Arsène Verny

„Berlin ist, glaube ich, die einzige Stadt, wo solche Irren leben, die auf diese Weise ihr Leben riskieren. Ich war schon zu rbb-Sendungen über S-Bahn-Surfer eingeladen, anlässlich eines YouTube-Films. Da feiern vier, fünf Leute richtige Partys auf S-Bahn-Dächern, mit Stühlen und was auch immer – fatal! Eine fatale Selbstüberschätzung! Was die Jungs da tun, ist hasardös! Andere, die sie dadurch animieren, sind vielleicht nicht so reaktionsschnell und fit wie sie. Nicht jeder hat einen klaren Kopf, nicht jeder hat genug Angst, um sich zu schützen. Diejenigen, die all das nicht haben, bleiben manchmal auf der Strecke, wie Valerian.
Helden sollten positive Helden sein. Hasardeure sind keine Helden. Sie stoßen sich die Köpfe und sterben. Ich verstehe das nicht. Auch zum größten Wagemut gehören Ratio und Verantwortung. …“

… sagt Arsène Verny in meinem am 13. März 2019 erscheinenden Buch Lass uns über den Tod reden, Ch. Links Verlag.

Buchpremiere am 28. März 2019 um 20. 00 Uhr in der Buchhandlung Osiander Tübingen, Metzgergasse 25

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Begegnungen am Sonntag

Brunchen mit W. und PM. Alle drei sind wir mit Buchprojekten beschäftigt, Austausch von Infos, Plänen, Hoffnungen – und dazu die Doppelwecken von Café Lieb, die PM immer an das gute Eisenacher Brötchen erinnern.
Am Nachmittag findet ein ganz besonderes Lesetreffen bei Dorle statt: Georg-Gedenk-Lesen … I. war sehr gefasst, ein besseres Wort fällt mir nicht ein. Kannst ja nicht in ihren Kopf reinsehen. War komisch ohne ihn. Das letzte Mal war er noch unter uns und sehr, sehr müde.
Gleich fahren wir los nach B.N.: drei Stunden Autofahrt, ein paar Tage Zusammenleben, Zeit vergessen, gemeinsame Zeit genießen. Wie lange machen wir das noch so?

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Vice

Sonntag. Gestern Abend Kino: Vice – Der zweite Mann.
PMs Idee; mich hätte ein anderer Film mehr gereizt. Also Deal: Ich gehe mit PM in Vice, er geht nächste Woche, wenn ich bei ihm in B.N. bin, mit mir in Sweethearts (von und mit Karoline Herfurth).
Und jetzt bin ich so froh, den Film gesehen zu haben, dass ich unsere Abmachung direkt vergessen kann. Regie führt Adam McKay, der u.a. auch The Big Short gemacht hat. McKays Filme laufen für mich unter politische Aufklärung: inszenierte Dokumentationen über skandalöse Zustände im investigativen Stil – diesmal über den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney.
Vice hat den diesjährigen Oscar in der Kategorie ‚Bestes Make-up und beste Frisuren‘ gewonnen, was sich daraus erklärt, dass der an sich sehr attraktive Darsteller Christian Bale in seiner Rolle als Dick Cheney Step by Step bis zur Unkenntlichkeit zum dicken Spießer mit Glatze mutiert.
OT: Bales Stiefmutter ist die US-amerikanische Feministin Gloria Steinem, Bale selbst aktiver Umweltschützer und offensichtlich ein extrem politischer Künstler. Wie auch Brad Bitt, einer der Produzenten/Geldgeber des Films, und wie wahrscheinlich die meisten Mitwirkenden in diesem brandheißen Streifen.
Die Handlung: Dick Cheney, von seiner Gattin lebenslang gepuscht aus Dankbarkeit dafür, dass er sein Alkoholproblem in den Griff bekommen und eine Familie mit ihr gegründet hat, absolviert 1968 ein Praktikum im Kongress. Er verehrt den Republikaner Donald Rumsfeld, Rummy genannt, und wird dessen ergebender Handlanger.
Von Rumsfeld erfährt Cheney, dass Präsident Nixon und Außenminister Henry Kissinger gerade ein geheimes Gespräch über die Bombardierung Kambodschas führen. Auf seine Frage, für was sie „denn eigentlich stehen“, lacht Rummy sich nach einem Moment der Sprachlosigkeit schlapp und verschwindet in seinem Büro. Von nun an weiß Cheney, wie der Hase läuft. Kissinger wird später durch Rumsfeld und Cheney geschasst.
Cheney macht Karriere als Stabschef im Weißen Haus. Unter George Bush wird er Verteidigungsminister. Als Jahre später dessen Sohn George W. Busch Präsident wird, erhält Cheney als Vizepräsident uneingeschränkten Zugriff auf das Oval Office.
Von jetzt an kontrolliert er die Verwaltung, Militär-, Energie- und Außenpolitik und unterhält eigene Büros im Repräsentantenhaus, Petagon und beim CIA. Neben den Anschlägen am 11. September 2001 fallen in seine Regierungszeit u. a. Steuererleichterungen für Superreiche, geheime Treffen mit Energiekonzernen, die Kriege in Afghanistan und im Irak.
Wie er den Überfall Iraks vom Zaun bricht mithilfe von Lügen, z.B. über den Al-Qaida-Terroristen Abū Musʿab az-Zarqāwī , den bis dato niemand kennt, nur um einen Zusammenhang zwischen Afghanistan und Irak zu konstruieren, und damit diesem an sich unbedeutenden Krieger Gottes die Realisierung und das Erstarken seiner blutigen Machtfantasien erst ermöglicht, ist atemberaubend. Atemberaubend deprimierend. Auch die Anwendung von Foltermethoden in US-Gefängnissen durch die CIA geht auf Cheney zurück.
Interessant ist der Rahmen der Geschichte, die aus der Perspektive des Organspenders Kurt erzählt wird. Kurt stirbt bei einem Unfall und spendet Cheney sein Herz, denn dieser hat im Laufe seines Lebens einen Herzinfarkt nach dem anderen, die er alle unbeschadet übersteht.
Das Herz ist eine der verstörenden Bildmetaphern, mit denen McKay spielt: Ein originales Herzorgan schlägt und pumpt sich durch die Szenen, in denen es um Cheneys Gesundheitszustand, aber auch um militärische Operationen geht. Andere Szenen, die ihn als machtbesessenen Fighter zeigen, werden mit Bildern von jagenden und reißenden Leoparden untermalt. Das alles geschieht in einem rasenden Tempo, weshalb man/ich beim ersten Mal nicht alles versteht.
Man taumelt aus dem Kino und fühlt sich verarscht. Ins Wanken geraten das persönliche und gesellschaftliche Fundament durch das, was man da gerade durchlebt hat. Der Film hat es sich zur Aufgabe gemacht zu erklären, wie sich die demokratischen Grundregeln in den USA – und damit auch bei uns – in den vergangenen 50 Jahren aufgelöst haben.
Sind auch wir in Europa, ohne es zu realisieren, nur noch Schachfiguren im Machtkampf der Leoparden des transatlantischen Bündnisses? Wenn Kriege aus persönlicher Machtgeilheit Einzelner geführt werden und es egal ist, was aus Hunderttausenden Vietnamesen, Irakern und amerikanischen Soldaten wird, darf sich das (noch) Demokratie nennen?

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Im Brillenladen

Freitag. Ich mit dem verratzten, mittlerweile drei Monate alten Rezept in der Hand: „Ich würde mich gerne mal umschauen. Dumm ist nur, dass mir Brillen nicht stehen …“
Die freundliche Optikerin reicht mir, nach kurzem aber intensivem Gesichts-Check, ein rotes Gestell mit eher runden Gläsern. Sieht schick aus – bis es auf meiner Nase landet.
Die Optikerin lacht. „Eine Brille ist eben kein Schmuckstück!“, sagt sie.
WHAT? Für eine Optikerin eine seltsame Ansage.
Das scheint ihr jetzt auch aufzugehen. „Brauchen Sie denn wirklich eine?“, schiebt sie nach.
Diese Überlegung kommt mir gelegen. Ich: „Eigentlich nur eine Lesebrille. Mit dem Rest komme ich ganz gut klar.“
Optikerin: „Und warum waren Sie beim Augenarzt?“
Ich: „Weil ich den Mond und die Sterne doppelt gesehen habe. Überhaupt sehe ich ziemlich viel doppelt in letzter Zeit. Aber nicht wirklich schl …“
Mir geht das jetzt doch nach. Das Gelächter einer Brillenverkäuferin, wenn man sich eine zuvor von ihr dargereichte Brille aufsetzt, ist ziemlich vernichtend. Und zum anderen – na klar ist eine Brille ein Schmuckstück! In manchen Gesichtern jedenfalls. Ich kenne sogar welche, die mit besser aussehen als ohne. Ein ziemlich teures Schmuckstück übrigens, besonders wenn es sich um …
„Eine Gleitsichtbrille soll es sein,“ sage ich und grüble auf einer Nebenspur immer noch, wie ich ihr Lachen zu interpretieren habe, als wäre das eine Frage. Ist doch sonnenklar: Sehhilfen sehen bei mir bescheuert aus. Sag ich ja.
„Das halte ich für übertrieben“, sagt die Optikerin nun zu meinem großen Erstaunen. „Eine Gleitsichtbrille wird nie abgesetzt. Die müssen Sie ständig tragen.“
Wir schauen uns ratlos an, ich nehme noch drei, vier weitere Gestelle vom Regal und lege sie alle schnell wieder zurück.
Dann sehe ich sie. Dolce & Gabbana. Getigert. Mit rotem Rand und braunen Gläsern. Ich setze sie auf und fühle mich phantastisch.
„Die steht Ihnen!“, sagt die Optikerin. Sie lacht wieder, jetzt aber anders. „Nehmen Sie die Sonnenbrille. Das andere kann warten.“
Bilde ich es mir ein, oder schwingt da ein verschwörerischer Ton mit? Wir gemeinsam gegen den Augenarzt … Oder, wahrscheinlicher: Wir gemeinsam gegen das Älterwerden … Ich lasse mir die Daten aufschreiben. Das D&G-Luxusteil ist auch ziemlich teuer, jedoch längst nicht so teuer wie eine Gleitsichtbrille. Ein echtes Schmuckstück. Schick und nützlich. Ich sehe die Welt durch einen angenehm verlaufenden Herbstton. Nichts ist doppelt, dazu ist die obere Hälfte der Gläser zu dunkel.
Vielleicht komme ich morgen nochmal vorbei. Wäre durchaus möglich.
Das Rezept lasse ich im Schirmständer verschwinden.


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Kluge Worte übers Schreiben

„Wissen, dass man nicht für den Anderen schreibt,
wissen, dass diese Dinge, die ich schreibe,
mir nie die Liebe dessen eintragen werden,
den ich liebe,
wissen,
dass das Schreiben nichts kompensiert,
nichts sublimiert,
dass es eben da, wo du nicht bist, ist –
das ist der Anfang des Schreibens.“

(Roland Barthes)

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Freude

Dienstag. Heute auf der Straße umarmte mich eine Frau, die ich von früher kenne, weil sie sich so für mein Buch freute. Das war schön.

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