Für Debbie

Am 1. Juli wurde Debbie Harry alias Blondie 75 Jahre alt, und zufällig finde ich heute eine Tribute-Passage an sie: Laabs Kowalski hat sie in seinem Roman So zärtlich war das Ruhrgebiet* geschrieben:

1987 war ein ganz besonderes Jahr, denn ich bekam meinen allerersten Kuss. Mit Zunge! … Noch aber war es nicht so weit, das Jahr hatte gerade erst begonnen und rückte zunächst eine ganz andere Frau in mein Bewusstsein: Debbie Harry. Im Februar tauchte sie mit ihrer Band Blondie erstmals im Fernsehen auf, mit einer Coverversion des Songs „Denise“ von Randy & The Rainbows, und sie machte uns alle nervös: Rüdiger Leifeld, Martin Woyschewkski, mich und Ulrich Kuffel und selbst neunzigjährige Greise, Blinde und Frauen. Aber nicht etwa schmutzige Gedanken flammten auf, wenn man sie im Fernsehen oder in den Zeitschriften sah – nein, man wollte sie verehren, anbeten und sich opfern für sie.

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*Unbedingt zu empfehlen für Leute, die manchmal keinen Bock auf Hochliteratur haben, für Leute, die einen schlechten Tag haben, für Leute, denen nach einer Zeitreise ist, für Leute aus dem Ruhrpott-Miljö …

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Corona Diary / Peace im Sommer

Samstag. Der Sommer mit seiner milden Wärme lässt einen träumen. PM und ich im Meze, wir haben uns viel zu erzählen, wir haben uns eine Woche lang nicht gesehen. Er arbeitet an einem Artikel über Gefäßchirurgie für eine Fachzeitschrift, ich konzentriere mich auf mein neues Buchprojekt. Corona macht die Menschen müde, alle reden davon, wie müde sie sind und dass sie dauernd einschlafen könnten. Uns geht es genauso. PM meint, dass sei die Depression, die das Virus auslöst. Ich habe viel aufgeräumt und ausgemistet in der letzten Woche. Jetzt bin ich voller Tatendrang. Die Müdigkeit geht mir auf die Nerven, ich lehne sie ab. PM hat heute auf der Terrasse meine kaputten Stühle repariert. Er ist ein Handwerker, er kann alles. Ich habe eine Gemüsesuppe mit Cheddarkäse gemacht (Rezept aus der Tina, in der meine Buchbesprechung kam). Wir waren auch in der Stadt, aber wir kaufen gerade nichts. Alles, was ich brauche, hole ich mir bei Kleiderkreisel. Das halte ich schon seit Wochen so. Nachhaltiger gehts nicht als den Gegenständen eine zweite Chance zu geben. Die 15 Chiefs des UN Sicherheitsrates haben eine weltweite Feuerpause ausgerufen: 90 Tage lang sollen die Waffen schweigen, solange das Virus tobt. Wie lustig: Ein Virus schafft endlich Frieden zwischen den Nationen.

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Mondgesicht

Freitag. Da glotzt der Beinahevollmond durchs Küchenfenster, als gäbe es hier was zu sehen. Gibts ja auch, aber nicht für dich, Mondgesicht.

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Ws stmmt ncht …

… wenn du bei einem Lied im Radio anfängst zu weinen, bei dem du sonst gekotzt hast?

… wenn du deinen fiesen Nachbarn superfreundlich grüßt, der deinen dummerweise am Briefkasten stecken gelassenen Hausschlüssel einkassiert und dir damit so richtig Stress gemacht hat?

… wenn du zu deiner aufgebrachten Lieblingskollegin sagst: Mach nicht so ne Welle!

… wenn du die flachen Latschen statt der roten Highheels trägst und behauptest, die sähen besser aus?

… wenn du seit zwei Wochen nicht schaffst, die wichtigste Person für dein neues Projekt zu kontaktieren?

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Nachts

… durch Tübingen mit dem Fahrrad nach Hause, der Mond funzelt durch die Bäume, auf den Balkonen wird gefeiert, im Kopf der Abend mit Abschied und Neuanfang, ein geschenktes Buch in der Tasche (Zvi Kolitz: Jossel Rakovers Wendung zu Gott), eine Verabredung zum Kaffee und Gute Nacht.

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Schluss?

Dienstag. Heute Abend in der Lernstub verabschieden wir unseren Pfarrer Harry W. Das ist traurig. Ich hoffe, dass es mit unserer skurrilen, aber liebenswerten Truppe weitergeht. Ich hoffe, dass es mit ihm weitergeht. Ich kann Abschiede nicht leiden.

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Corona Diary / Wenn …

Sonntag B.N. Sonne, im Garten liegen, ein Abend im Bell’s mit der üblichen Truppe, an der Ahr spazieren gehen, PM kocht, ich korrigiere, was jetzt ganz entspannt zugeht, weil es nicht mehr so viel ist. Klausuren über den Stoff, der während der Coronakrise online vermittelt wurde, sind verboten. Zum Glück habe ich mit Lesetagebüchern gearbeitet, die korrigieren sich wunderbar. Das sind direkt kleine Kunstwerke, echte Perlen darunter. Man bekommt einen Eindruck davon, was Lernen ohne Zeitdruck ist. Wie es sein könnte … wenn alles ganz anders wäre …

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Frust in Stuttgart

Donnerstag. „Das hat uns gerade noch gefehlt!“, wettert Old Kretsche am Tag danach.
Stuttgart hatte seinen ersten Straßenkampf, wenn man es so nennen will und wie man es sonst eher von Berlin kennt. In der Nacht zum vergangenen Sonntag waren Polizeieinheiten aus dem ganzen Bundesland beordert worden, um der Lage Herr zu werden.
In den 2010ern musste ich zwei Jahre lang zweimal im Monat abends durch die Stuttgarter Innenstadt laufen: Vom Literaturhaus zum Bahnhof. Die sog. Partyszene gab es schon damals. Hunderte von jungen und nicht mehr so jungen Männern hockten am Boden, auf Treppen und Blumenkübeln, gaben sich die Kante, pöbelten die gezwungenermaßen durchquerenden Frauen an, pinkelten ziemlich gar nicht versteckt in die Ecken, warfen mit Flaschen und anderem Müll um sich. Es hatte etwas Bedrohliches und ich war jedesmal froh, wenn ich da durch war. Wieso wundert man sich, wenn genau diese Szene jetzt in die Offensive geht? Wieso verplempern Politiker*innen und Journalist*innen ihre Zeit mit Überlegungen, ob die Aktion politisch motiviert war? Gar „linksradikal“? Was ist denn daran linkspolitisch, Schaufenster einzuschlagen und Handys zu klauen? Wo bitte gibt es die linke Szene, die je zu solchen bekloppten Maßnahmen gegriffen hätte? Zumal viele der Ladenbetreiber Stuttgarter Bürger mit Migrationshintergrund sind? Die jetzt die Welt nicht mehr verstehen: Anschläge auf sie aus der „Party“ecke?
Mich wundert eher, wieso genau das nicht viel früher passiert ist. 500 Leute zusammentrommeln – no problem, wenn es darum geht, die Sau rauszulassen. Mich wundert, wieso Stuttgart nicht längst eine Strategie für exakt diesen Fall in der Schublade hatte.

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Corona Diary / Ellenbogencheck

Mittwoch. Der Stapel Ausgedrucktes für die Recherche. Der Fragenkatalog. Die Technikbox. Neue Batterien fürs Mikro. Mitbringsel. Nervosität: Wie ist diese Person, und wie weit lässt sie sich auf meine Fragen ein? Morgen geht es wieder los, morgen werde ich es wissen.
Gestern war die Aufzeichnung beim Schwäbischen Tagblatt, werde ich sie mir anschauen? Eher nicht. Selbstschutz vor Selbstkritik …
Apropos Selbstschutz: Man hat sich, so scheint es, an die Selbstisolation, an die Entfernung, an den Ellenbogencheck gewöhnt. An den Abstand, den großen Bogen, der manchmal fast etwas Kränkendes hat. Hatten wir uns je umarmt zur Begrüßung? Unvorstellbar! Was sind wir für anpassungsfähige Gewohnheitstierchen.

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