Abgeschlossen

M: Na super!

T: Geht da noch was?

M: Was soll da gehen? Zu ist zu.

T: Man könnte …

M: Was?

T: Versuchen …

M: Mit Gewalt?

T: Gewalt wär eine Lösung.

M: Hey, du bist doch sonst so peaceful!

T: Ist ja nur gegen Sachen. Nur eine Tür.

M: Die ist dann kaputt.

T: Ja.

M: —

T: Aber wir hätten Klarheit.

M: Stimmt.

T: Also?

M: Mach du.

T: Wieso ich?

M: Du wolltest reingucken.

T: Alter, als wolltest du nicht!

M: Geht so. Ist wahrscheinlich bloß Gerümpel drin.

T: Oder eine Leiche.

M: Pfff. Solln wir gehen?

T: Haste noch n‘ Bier zuhause?

M: Klar. Oups!, wo sind denn meine Schlüssel?

T: Ha ha!

Veröffentlicht unter 2019

Anverwandlung

Sonntag, im Zug. Nochmal also zu Leila Slimanis Roman Alles das zu verlieren: Zu vermuten ist doch, dass die Autorin sich explizit in die Tradition Flauberts stellt – zu auffällig sind die inhaltlichen Parallelen – und damit kann ich mich von dem Buch leider nur verabschieden. Gegen Madame Bovary wirkt Alles das zu verlieren wie der – ziemlich kunstlose – Holzschnitt nach der Vorlage eines eminent kunstvollen Ölgemäldes der Meisterklasse.
Ist auf der inhaltlichen Ebene die Protagonistin psychologisch kaum nachvollziehbar, so eiern auf der erzähltechnischen Ebene nicht nur die Vergangenheits-Tempi wild durcheinander, dass du beim Lesen besoffen zu werden glaubst, sondern auch die Erzählperspektive schwankt zwischen überwiegend personaler und gelegentlich auktorialer Sicht, wodurch die Leserin völlig unvermittelt in den Gedankenstrom einer Nebenfigur eingeklinkt wird und sich verwundert die Augen reibt: Wie um alles in der Welt kann die Protagonistin das wissen?
Andererseits lese ich gerade im neuen Galore-Heft (Juni 2019) ein sehr interessantes Interview mit Slimani. Als Marokkanerin wird sie nach ihrer Meinung zu den beiden feministischen Hauptrichtungen in Deutschland befragt, von denen eine durch Alice Schwarzer repräsentiert wird, die deutliche Kritik an der patriarchalisch-frauenfeindlichen Haltung nordafrikanischer Migranten übt, während die andere von Teilen der deutschen Linken vertreten wird, welche Kritik an der arabischen Kultur und am Islam mit Rassismus gleichsetzen.
Darauf Slimani: Anscheinend haben Sie in Deutschland unter den Linken ähnliche Leute wie wir in Frankreich. Die gleichen Idioten. Ich nenne diese Leute „die dem Islamismus nützlichen Idioten“. Wenn diese Leute in islamischen Ländern leben würden und das Verbot von Abtreibung oder Homosexualität am eigenen Leibe spüren würden, dann würden sie anders reden. Mit ihren Aussagen fallen sie den Frauen und Männern in den Rücken, die sich für eine freiere Gesellschaft und den Feminismus in diesen Ländern einsetzen. Außerdem ist das, was die Linken machen, in meinen Augen rassistisch. Sie sagen: „Ach, nein, wie können die nicht kritisieren, das sind doch Opfer, arme kleine Leute, die man nicht verletzen darf.“ NEIN! … Ich darf meine Kultur kritisieren, genauso wie ich Frankreich oder China kritisiere. Wir sind doch keine zerbrechlichen Wachspüppchen!
Klare Worte ohne viel Theorie-Chichi …

Veröffentlicht unter 2019

Sarah-Lee Heinrich

Samstag, B.N. Eine wie Überraschungsgast Sarah-Lee Heinrich lässt Altbundespräsident Joachim Gauck im Nachtcafé ganz schön alt aussehen. Zu „Würde, Wut und Toleranz“ hat die 18-jährige Abiturientin aus Unna viel zu sagen – als Tochter einer Hartz IV-Empfängerin mit Migrationshintergrund kann sie sich auf ihre eigenen Erfahrungen berufen. Heinrich ist Sprecherin der Grünen Jugend in Unna, Feministin und Antifaschistin, außerdem engagiert sie sich in der Black lives matter-Bewegung. Klingt vielversprechend. Heinrich ist Stipendiatin des Schülerstipendienprogramms „RuhrTalente“.

Veröffentlicht unter 2019

Ab-Gründe

Donnerstag, B .N. Seit ich in Köln war, sind Ladekabel und Netzteil verschwunden.
Zwar kann ich mich genau daran erinnern, das Handy in die Handtasche gesteckt zu haben, wo es auch schon die ganze Nacht über gesteckt hat – am Stromnetz angeschlossen, wie ich das immer mache, um es beim Verlassen des Hauses nicht zu vergessen. Nicht erinnern kann ich mich jedoch, dass ich es ausgesteckt habe. Genauso wenig, wie ich mich an die Bewegung oder die gedankenlose Aktion oder den Umstand zu erinnern vermag, die dazu geführt haben, dass das Kabel samt Adapter herausgefallen, irgendwo liegengeblieben, verloren gegangen ist.
Es gibt also Momente in meinem Leben, die in einem Grad unbewusst ablaufen, dass sie meiner Erinnerung entzogen sind.
Das ist unheimlich.
Zwei Tage in Köln, weil L. krank ist – das bedeutet Highspeed-Putzen, Einkaufen, Kochen und mit den zwei süßesten Wesen der Welt Spaß haben, was Mütter eben so machen, wenn das „Kind“ krank ist, einschließlich dem vorprogrammierten Krach um, ja, Ernährungsfragen … die sicher tiefer blicken lassen … sicher auf beiden Seiten … ohne das jetzt ausführen zu wollen … .
Bei der Rückfahrt herrscht Krieg auf den Bahnhöfen. In Köln werden die Wartenden mehrmals von einem Gleisabschnitt zum anderen gejagt, um sie, als der Zug endlich einfährt, darüber aufzuklären, dass dieser heute – „ausnahmsweise!“ – nicht weiterfahre. Noch mehr Wartende kämpfen zuerst um einen Stehplatz auf dem Bahnsteig, dann in irgendeinem der mit zwei oder noch mehr Stunden Verspätung einrollenden Züge. Das ist der Moment, wo es dir fast schon egal ist, wohin die Reise geht, Hauptsache du kommst von der Stelle.
Es ist der supergeeignete Moment, das Loslassen zu lernen: Das plötzlich aufleuchtende, scheinbar völlig fehlgeleitete Glücksgefühl inmitten der aggressiven Ignoranz von Tausenden Mitreisenden, inmitten des erregten Gewühls und Gewimmels, einzig auf der Gewissheit beruhend: Egal was passiert, irgendwie wirst du durchkommen.
Im Zug dann die Überraschung: Kein Halt in Bonn oder Remagen oder sonst einem Bahnhof mehr bis Koblenz. „Ausnahmsweise!“
Hätten sie ja besser mal vorher durchsagen können, aber jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an, ich habe ein spannendes Buch dabei – Der Abgrund in dir von Dennis Lehane – ich fahre und fahre dann wieder zurück nach einer längeren Wartezeit in Koblenz und warte in Remagen eine weitere Stunde zwischen verschwitzten, aufgebrachten Menschen, ich habe einen Platz auf der Bank ergattert, ich kann lesen, was will ich mehr.
Als ich am Abend endlich bei PM ankomme, hängt der immer noch in einer wichtigen Besprechung fest. Als Erstes schaue ich nach dem Ladekabel, aber es ist nicht da, hätte mich auch gewundert, und das ist eines dieser Rätsel des Lebens, dass du manchmal auf blinde Flecken in deiner Existenz stößt, die sich niemals aufklären lassen.

Veröffentlicht unter 2019

Nato-Grüne

Sonntag, Tübingen. Dass die ursprüngliche Friedenspartei der Grünen eine atlantische NATO-Partei geworden ist, stellt Cem Özdemir mit einem geradezu ikonographischen Foto dar: Da posiert er, zusammen mit dem sicherheitspolitischen Sprecher der Grünen, Tobias Lindner, in Oberleutnant-Unform, um sich für die Sache der Aufrüstung stark zu machen. Das Foto gefällt Özedmir dermaßen gut, dass er es am 14. Juni auf Twitter veröffentlicht.
2001 war er wegen eines Bonusmeilen-Skandälchens und wegen eines Steuerhinterziehungs-Skandals als innenpolitischer Sprecher im Bundestag zurückgetreten und für drei Jahre von der bundesdeutschen Bildfläche verschwunden. Wohin? Als Transatlantik-Fellow des German Marshall Fund in die USA. Dort müssen sie ihn irgendwie umgedreht und zu devoter, lebenslanger Dankbarkeit verpflichtet haben. Denn als antirussischer Hardliner kehrte er zurück und vertritt seither „die Werte der USA“, wie man es von ihm höchstselbst allenthalben hören kann, sobald er den Mund öffnet (Die USA sei „das Mutterland der Demokratie!“, lobhudelt er, ein wenig geschichtsvergessen, sehr gerne).
Als Mitbegründer des staatlich subventionierten Think-Tanks European Council on Foreign Relations (ECFR) arbeitet er eng mit dem zukünftigen Chef der Atlantikbrücke, Sigmar Gabriel, zusammen. Zur Atlantikbrücke gehört u.v.a. auch die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), die beratend für das Auswärtige Amt tätig ist und auf deren Website zahlreiche Reden Özdemirs nachzulesen sind.
Was macht ein Grüner, so frage ich mich ganz naiv, im engen Schulterschluss mit Atlantikern und NATO-Kumpels? Özemir ist im Auge der Macht angekommen, soviel steht fest. Dermaßen machttrunken, ist er sich auch nicht zu schade, gegen das deutsch-russische Energieprojekt Nord-Stream zu polemisieren zugunsten des Frackings – zu Deutsch: „Aufreißen“  –, mittels dessen die USA dem Boden das Erdgas abringen, um es irgendwie bis nach Europa zu transportieren.
Und nun also Werbung für die deutsche Aufrüstung. Da fallen mir, als eine, die die Anfänge mitgekriegt hat, Petra Kelly und Gert Bastian ein. Oder der große Heinrich Böll, der einmal sagte: „Es gilt, auf die Absurdität weiterer Aufrüstung hinzuweisen.“
Die Grünen, als die neuen Hoffnungsträger, haben noch viel zu tun, ihren Anhängern diese Widersprüche zu erklären.

Veröffentlicht unter 2019

Il Centro

Freitag, Italien. Klar, dass die vom Hotel nichts wissen. Zum Glück finden wir es dann doch noch: Il centro – die Straße immer weiter hinauf und von unten nicht zu erkennen, liegt das kleine Städtchen Portese in der Hügellandschaft der Valtenesi. Mit einem Laden, nach dem wir an der Rezeption gefragt hatten („Nein, gibt es hier nicht!“) und in dem wir uns erstmal mit Getränken aller Art eindecken. Mit der verblüffend großen, wunderschönen Chiesa Parrocchiale di Portese aus dem 16. Jh. Mit einem verfallenen Kastell, in dem am Abend ein Dorffest stattzufinden scheint. Mit verwinkelten Gassen, uralten Treppen, Holztoren und von duftendem Jasmin überwucherten Mauern. Mit einer kleinen Bar, wo wir uns niederlassen und der Campari und der Cappuccino so göttlich auf unsere matten Körper und Seelen wirken, dass wir wenig Lust verspüren, wieder hinabzusteigen. In Portese treffen wir auf keinen einzigen Touristen, eine bemerkenswerte Erfahrung, wenn du tags zuvor in Malcesine gewesen bist, wo vor lauter Menschen das markante Mauerwerk kaum auszumachen ist. Dafür treffen wir in Portese eine Kellnerin von heute Morgen und den „Staff“ – wahrscheinlich arbeitet die halbe Stadt für das Hotel.

Im verlassenen Hotelgarten schauen wir dem Mond beim Verschwinden hinter den Pinien zu. Wir haben Limoncello und Grappa und Spumante und Aqua Frizzante und Cola Zero dabei, PM und J. philosophieren über Gerechtigkeitsmodelle, über Apps, über Pink Floyd, über Fredi Fesl, über die Pflege des heimischen Oleanders, über Erfurt und die Traurigkeit von Orten, die man verlassen hat. J. bricht rigoros Gespräche ab, die ihm wehtun. Über Erfurt, zum Beispiel. Während PM in Oden an Eisenach schwelgt (die Wiege der menschlichen Kultur, vielleicht sogar der Menschheit an sich: „Gegen das Eisenacher Mattla-Brötchen sind italienische Brötchen eine Luftnummer!“) Ich beschließe, A. morgen auszufragen, besonders das Abgebrochene macht mich neugierig.

Der Garten gehört uns, der Mond gehört uns und der sternenbesprenkelte Himmel auch. J. ist nicht ganz gesund und wird es auch nicht mehr, aber er hält sich, wie man so sagt, und wir haben alle unsere Pläne.

Veröffentlicht unter 2019

Morgens am See

Mittwoch, Italien. „Ich fühle mich wie im FDGB-Heim“, – PM war nie in einem FDGB-Heim – „hier fehlt das kleine Städtchen, das Postamt, ich bin in einem Käfig! Abgezäunt, geregelt, für alles muss ich eine Karte irgendwo reinstecken, und wenn ich diese abgefressenen Tabletts sehe…“
Mit unseren Freunden J. und A. sind wir in einer Hotelanlage, die, direkt am See gelegen, sehr angenehm ist. PM hat die Auswahl J. überlassen und jammert nun auf hohem Niveau und findet die eine oder andere Metapher für sein Elend.
Dabei ist es die wirklich wohlverdiente, reinste Erholung: Wasser, Berge, pittoreske Ortschaften in kurzer Entfernung, in manchen steht ein erstaunliches Bauwerk aus dem 13. oder 15. Jh, das sich ohne Stress besichtigen lässt, weil es sonst nichts zu besichtigen gibt, das Eis schmeckt hervorragend, der Sonnenaufgang, wie jetzt gerade, über den Bergen hinter dem See ist malerisch und die Trattoria mit ihren blau gestrichenen Tischen und Stühlen unter der mindestens hundertjährigen Dorflinde ist es auch. Bei der Schiffsanlegestelle muss ich jedesmal an Die Truman-Show denken, da gibt es auch so einen Steg, auf den sich Truman nicht drauftraut, weil er Angst vor Wasser hat, weshalb er ja auch nie weg kommt, und da ist auch alles so spielzeugstadtmässig nah beisammen wie hier.
Gestern waren A. und ich in Salo shoppen und hätten fast das Schnellboot verpasst, weshalb wir einen ordentlichen Sprint hinlegen mussten, weshalb PM und J. dann doch nicht so sauer waren, weshalb mir, das vibrierende Boot verlassend, schlecht war, weshalb PM mir Paspertin verabreichte, weshalb ich den Abend lesend mit einem neuen Buch verbrachte: Alles das zu verlieren ist das gehypte und mit Madame Bovary verglichene neue Werk von Leila Slimani, das mir schon nach wenigen Seiten auf die Nerven geht, weil es erstens im Präsens geschrieben ist und zweitens in Rückblicken Präteritum und Perfekt wild mixt, was auch ein Übersetzungsfehler sein mag, was irritiert, ohne einen Sinn zu ergeben. Gekauft habe ich es wegen des Bovary-Vergleiches, weil Flauberts Meisterwerk zu den Büchern gehört, die mir über alles gehen, und jetzt rege ich mich auf und finde Slimani dagegen grob. Sicher kann sie nichts dafür, solche Vergleiche stellen anmaßende, dumpfbackige Journalisten an, um ihre Lesekompetenz unter Beweis zu stellen.
Es ist sechs Uhr in der Frühe, die Glocken von Salo oder so läuten, Vögel zwitschern, Wellen plätschern, der See ist glatt, über mir das riesige Schirmdach einer Pinie, die hoteleigene Sesselgruppe steht in einem Garten mit Pinien und Oliven, PM schläft noch und ich kann die Friedlichkeit des Augenblicks gut gebrauchen.

Veröffentlicht unter 2019

Heimat VII

Freitag. Nach dem „Amt“ ins Ranitzky geflitzt, wo schon Herr Brüne wartet. Er ist vom Hellweger Anzeiger, besucht Freunde in Tübingen und verbindet seinem Kurztripp mit einem Interview mit mir. Es ist Markt, die Sonne brennt, der Fleischereiwagen parkt schon aus, Tische werden beiseite gerückt, mein Cappuccino kommt. Wir verstehen uns auf Anhieb, finden biographische Parallelen, Herr Brüne hat Lass uns über den Tod reden gelesen und faselt nicht ins Leere, sondern stellt konkrete Fragen. Auf die er zurückkommt, wenn ich abschweife, er will es wissen. Nicht will er mich reinlegen, bloßstellen, einen Tagesgag erzielen, wie man es von den Leuten vom Schwäbischen Tagblatt kennt, das merke ich, das finde ich angenehm und ich entspanne mich. Vorab lesen lässt er nicht, was mich ein wenig beunruhigt, doch wirkt er nicht wie einer, der es nötig hat, sich auf Kosten anderer zu profitieren. Er lebt in Kamen, was ja meine Heimatstadt ist, aber indem er Namen nennt, Straßen, Einrichtungen, die ich alle kenne, merke ich, wie weit weg ich davon bin. Vor zehn Jahren oder so habe ich dieses diffuse Heimweh, diese etwas lästige Sehnsucht nach den Ursprüngen abgelegt, indem ich mich für eine Woche in Kamen im Hotel am Markt einquartiert habe. Ich lief alle Wege von damals ab, solche Dinge gehe ich systematisch an, und traf mich mit Leuten; in diese Zeit fielen auch ein Schulfest und skurrile Begegnungen mit Menschen, die ich längst vergessen hatte, ich wohnte da in einer herzallerliebsten Mansarde mit holzvertäfelten Schrägen und Blick auf den Marktplatz, ich schrieb viel, bummelte durch die Stadt, lief auch weiter raus zum Gelände der ehemaligen Zeche Monopol, und am Ende wusste ich, dass mich mit dieser Stadt kaum mehr etwas verband, außer ein Rest Nostalgie. Davon erzähle ich jetzt Herrn Brüne, und er lacht und sagt, so ähnlich gehe es ihm mit Tübingen, wo er studiert habe.

Lebensabschnitte, Strich drunter, darüber reden wir auch, und dann verabschieden wir uns und ich belade mein Fahrrad mit Einkäufen und fahre nach Hause. Koffer packen. Eine Woche Italien. Und überhaupt kommt heute Abend PM und morgen früh geht’s los.

Veröffentlicht unter 2019

Alles wie bei allen

Mittwoch. Ich könnte jetzt darüber schreiben, dass ich vorgestern einen interessanten Abend mit Sandra Uschtrin verbracht habe, die gerade zur BücherFrau des Jahres 2019 gewählt worden ist. Uschtrin ist Mitgründerin der Autorenwelt und Gründerin des Uschtrin Verlags, in welchem sie das allen Autor*innen bekannte »Handbuch für Autorinnen und Autoren« herausbringt.
Ich könnte auch von T.’s schöner Geburtstagsfeier gestern Abend berichten (was gibt es denn Wichtigeres?), den wir mit Ge und Ge zusammen gefeiert haben – T.’s Vater und dessen zweiter Frau.
Oder von meiner Dachterrasse, auf der das Unkraut kniehoch gestanden hat, bis am Wochenende PM mit einem gasbetriebenen Unkrautvernichtungsgerät und einem Kercher angerückt ist und meine Terrasse wieder frühlingsfein gemacht hat.
Ich könnte von der Eisenach-Fahrt mit 30 Jugendlichen erzählen, die ich in den letzten Tagen vorbereitet habe und die im Juli stattfindet. Oder davon, dass mein Mitbewohner Dario der leiseste Mensch der Welt ist und immer plötzlich neben mir steht, ohne dass ich ihn habe heraufkommen hören (wie jetzt gerade).
Auf all das habe ich keine übermäßige Lust. Warum nicht? Keine Ahnung. Vielleicht, weil das Blog sich allmählich erübrigt? Als ich damit anfing, war ich nicht mehr in der Lage zu schreiben und rettete mich in die Kleinstform der Blogbeiträge. Jetzt schreibe ich aber wieder groß. Mein Buch Lass uns über den Tod reden ist in die Welt entlassen, führt nun sozusagen ein Eigenleben. Ich schreibe an einer neuen, eigentlich alten Sache, die ich hier nicht näher erläutern kann. Mein Alltag neben dem Schreiben ist im Großen und Ganzen so banal, dass er mir nicht erwähnenswert erscheint.
Ich arbeite, ich konsumiere – deutlich weniger als früher – , ich lese und treffe mich mit inspirierenden – manchmal auch langweiligen – Menschen, ich habe eine Familie und eine Fernbeziehung, ich gehe zum Arzt und Essen und ins Kino und zum Friseur, das ist alles. Das alles ist wie bei allen anderen. Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr auf das ganz Große warte; dass etwas PASSIERT. Dass alles sich ändert mit einem Knall. Es braucht sich nichts zu ändern. Ist alles okay so. Nicht mehr und nicht weniger.
OmG!, ich werde langweilig.

Sandra Uschtrin in Mähringen, mit freundlicher Genehmigung
Veröffentlicht unter 2019

Bed-In für Nachhaltigkeit?

Samstag. „Friedenskampagne“ – unter dem Motto hielten John Lennon und Yoko Ono vom 26. Mai bis zum 1. Juni 1969 ein Bed-In ab. Im Doppelbett der Suite 1742 im 17. Stock des Queen Elizabeth Hotels in Montreal erklärten sie den Sinn der Aktion: „Just to give peace a chance“ – womit der gleichnamige Song geboren war.
Lennon hatte sich schon vorher immer wieder öffentlich gegen den Vietnam-Krieg positioniert – ein Krieg, den hunderttausende US-Soldaten in den Reisfeldern Vietnams austrugen, ohne ihn selbst zu verstehen. Drei Millionen Vietnamesen und 50.000 Amerikaner starben – wofür?
Spiegel-online vom 01.06.19 berichtet: Lennon war der politische Kopf der Beatles. Ende August 1966 gab die Band vor Beginn einer US-Tournee eine Pressekonferenz in New York. Auf die Frage, ob einer der Gruppe etwas zum Vietnamkrieg sagen könne, sagte Lennon: „Wir mögen ihn nicht.“ – „Können Sie das näher ausführen?“, fragte ein Journalist nach. Lennon antwortete: „Ich habe das schon genug ausgeführt. Wir mögen ihn einfach nicht. Wir mögen Krieg nicht.“ Und sein Kollege George Harrison pflichtete ihm bei: „Es ist einfach falsch, und es ist offensichtlich, dass es falsch ist. Und das ist alles, was dazu gesagt werden muss.“
„Wenn Hitler und Churchill im Bett geblieben wären, wären heute noch viele Menschen am Leben“, erläuterte das Sechzigerjahre-Influencer-Paar ihr allererstes politisches Bed-In an ihrem Hochzeitstag am 26. März 1969 in Amsterdam. Auf den selbstgemalten Plakaten über ihrem Bett stand „Lass dir die Haare wachsen“ oder „Bleib im Bett“.
Ihre Botschaft war einfach, und einfach war auch ihre Umsetzung: „Frieden muss man so verkaufen, wie man Seife verkauft.“
Lennon/Ono hatten die Bedeutung von Promotion für den ersehnten Think-Change erkannt – daran könnten sich heutige YouTuber ein Beispiel nehmen. Sie besaßen die kreativen und die finanziellen Mittel, ihre Botschaft in die Medien zu transportieren. In den TV-Nachrichten und Filmen, so Lennon, sehe man immer nur „Krieg, Krieg, Krieg, töten, töten, töten – sehen wir zu, dass wir Frieden, Frieden, Frieden in die Schlagzeilen kriegen.“
Wie wäre es damit: „In den TV-Nachrichten hören wir immer nur Wachstum, Wachstum, Wachstum – sehen wir zu, dass wir Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit in die Schlagzeilen kriegen.“
Nachhaltigkeit muss man so verkaufen, wie man Seife verkauft.

Veröffentlicht unter 2019