To mutch Natur

Dienstag. Statt Spinnenplage (durch Fenstergitter abgewehrt, GSD) jetzt also Schneckeninvasion.
Wie in Hitchcocks “Vögel” – nur eben Schnecken – kriechen sie aus allen Ritzen. Langsam, aber beharrlich, zieht eine ganze Armee aufs Haus zu. Es ist sechs Uhr morgens, eine Stunde noch, dann muss ich los. Ich sehe raus und stelle mir den Slalom vor, den ich gleich vollführen werde, und trotz allem Aufpassen das Drauftreten, dieses Geräusch, diese Schleimkatastrophe.  Als ich das nächste Mal nachschaue, kriechen sie bereits die Hauswand und über die borstige Fußmatte drüber die Fensterscheibe hoch, überall ihre krakeligen, im Morgenlicht glitzernden Ewigkeitsspuren zurücklassend. Was wollen die hier? Sterben? In der Dachrinne?
Manche knäulen sich übereinander, die Lebenden fressen die Toten, Zermatschten auf. Mein Gott, kann Natur eklig sein!

Gelungen

Freitag, Bad Nauheim. Nachdem die Bahn den Zug von Frankfurt nach Bad Nauheim einfach mal streicht und mich kurzfristig via e-mail darüber informiert, bleibt mir nichts anderes übrig als die ganze Strecke mit dem Taxi zu fahren. Den Termin schaffe ich knapp. Direkt nach dem Einchecken suche ich mir in dem riesigen, weitläufigen Hotel ein ruhiges Plätzchen, installiere dort schon mal meine Technik, und dann kommt meine Interviewpartnerin. Ihr strahlendes Lächeln (ich finde keine anderen Worte dafür) ist wie die ganze Person vollkommen unprätentiös. Und fokussiert – auf ein flüssiges, unkompliziertes Gespräch. Am Abend fahren wir zusammen mit dem vom Veranstalter bereitgestellten Taxi in die nächste Ortschaft: ich darf eine be- und verzaubernde Lesung vor ausverkauftem Saal erleben. Toll übrigens, wenn eine geschulte Stimme liest. Das ist wie ein Miterleben.

Werkbericht

Donnerstag. Den Tag damit verbracht, Änderungswünsche in zwei fertige Interviews einzuarbeiten und den Fragenkatalog für das nächste – letzte – Interview mit dem endgültigen Schliff zu versehen: Morgen!

In den vergangenen Wochen alle vier Bücher der Interviewpartnerin gelesen und mir viele YouTube-Videos reingezogen. Sie ist gerade ziemlich präsent in den Medien. Kein Wunder, ihr aktuelles, zusammen mit dem Exmann verfasstes Werk ist ein Volltreffer. Und eine literarische Innovation. Das muss man hinkriegen, sowohl von der Idee her als auch in der Ausführung: Jeden Tag ihres gemeinsamen Teneriffa-Aufenthalts schreibt jede(r) einen Text, ohne den des/der jeweils anderen zu kennen. Superspannend, wie die Texte sich dann im Zusammenschnitt lesen – wer was wie erlebt und wie unterschiedlich männliche und weibliche Perspektiven sind.
Idee und Titel gehen übrigens auf sie zurück. Es sind auch ihre Anteile, die mich besonders anfixen, obwohl er der große Dramatiker ist und sie “nur” Schauspielerin. Aber sie ist noch viel mehr, nämlich eine unerschrockene Autodidaktin. Ich bin mega gespannt auf sie … und freue mich. Highlight: Am Abend darf ich mit auf ihre Lesung …

Smoothie Maker

Ein Süppchen möchte ich machen, diverse Gemüse, Kartoffeln, scharf gewürzt mit einem Tupfer Creme Fraiche oder Kürbiskernöl. Geschält und geschnibbelt ist schon, die zwei Töpfe dampfen, gleich geht es ans Pürieren, aber wo ist der Pürierstab?
Ich ziehe sämtliche Schubladen auf, es gibt Momente, da bin ich noch nicht ganz zuhause in der Eisenacher Küche, ich frage PM und der meint: Wir haben keinen.
Immer wieder verblüffend, was wir seit der Vernichtung seines Hausstandes durch die Ahrflut nicht haben bzw. noch nicht wieder angeschafft haben. Ich bin sauer. Ich möchte die Suppe püriert, nicht stückig. Ich versuche es mit der Gabel, aber das ist aussichtslos. Einen Kartoffelstampfer haben wir auch nicht. Unsere Blicke grasen die Küche  nach ihrem verborgenen Potential ab. Meine Laune sinkt im Sturzflug.
Was ist hiermit?, fragt PM und legt die Hand auf den Smoothie Maker. Seit einem halben Jahr steht er unbenutzt in Originalverpackung in der Ecke, spontan gekauft, um unsere Gewissen wegen der manchmal recht vitaminarmen Ernährung zu besänftigen.
Ha! Wir füllen die Suppenbestandteile in den schmalen Zylinder, das geht nur etappenweise, und schalten ein. Sssssssssssst, fertig. Sämig püriert und sogar noch heiß, weil’s so schnell ging.
Nachdem die Hürde einmal genommen ist, gehen wir einkaufen: Lauter gesunde Sachen nach den Rezeptkarten im Smoothie-Maker-Karton. Danach weihen wir das Maschinchen nochmal ein – jetzt nach seiner wahren Bestimmung.
Köstlich! Und so gesund. Wir werden bestimmt hundert.

drückdich.com – Das Seidenraupenzimmer

Samstag. Was habe ich hier gelesen?
Wer es bis zu den letzten Seiten schafft, dürfte sich auch so fühlen wie ich mich gerade: absolut neben mir, verstört (ist mir zu abgegriffen, heute sind alle immerzu verstört), sprachlos.  Erstmal nichts sagen, Gedanken sammeln.

Also:
Fast heiter beginnt Seidenraupenzimmer von Sayaka Murata mit Natur, Gebirge, Serpentinen, Autofahrt mit der Familie zu den Großeltern. Steigende Vorfreude auf das Haus, auf das geheimnisvolle Seidenraupenzimmer und noch mehr auf Cousin Yu.
Die Protagonistin, Yuki, hat mit ihren zehn Jahren bereits gelernt, sich selbst zu helfen, zum Beispiel, wenn ihr bei den Kurven schlecht wird, im Gegensatz zu ihrer Schwester, die von der Mutter verhätschelt wird, während sie selbst eine  Art Aschenbrödeldasein fristet.
Die Fremdheit und Kaltherzigkeit ihrer sehr traditionell eingestellten Familie kriegt sie nur so auf die Reihe, indem sie sich eine neue Identität imaginiert: Sie ist ein Magic Girl, von einem fremden Stern, beauftragt, unseren Planeten zu beschützen.
Nur mit Yu teilt sie ihr Geheimnis, denn auch er ist ein Außerirdischer. Ein Missbrauch durch ihren Lehrer bringt Yukis Leben vollkommen durcheinander. Sie verliert ihren Geschmacks- und Geruchssinn, und dass sie eines Nachts ihren Lehrer auf sehr grausame Weise tötet, hat sie im selben Augenblick aus ihrem Gedächtnis gelöscht.
Ihr Leben ist fortan davon beherrscht, kein Erdling zu werden. Sie hasst die Vorstellung, sich fortpflanzen, Sex haben zu müssen, Karriere zu machen, Familienbande zu respektieren. In Tomoobi findet sie einen Mann, der ähnlich drauf ist. Auf dem Partnerschaftsportal drückdich.com haben sie sich kennengelernt, und seither leben sie eine Ehe ohne sexuelle Aktivitäten und ohne Kinderwunsch. Ihre Partnerschaft gleicht eher einer Wohngemeinschaft, was den Angehörigen nicht verborgen bleibt.
Um dem ungeheuren gesellschaftlichen bzw. familiären Druck zu entkommen, fliehen Yuki und Tomoobi eines Tages in das inzwischen leer stehende Haus ihrer Großeltern. Dort trifft Yuki nach vielen Jahren wieder auf Yu. Die drei schließen sich zusammen, um sich als verschworene Gemeinschaft gegen die Erdlinge, gegen die Fabrik, wie sie die Gesellschaft draußen bezeichnen, zu widersetzen. Mit jedem Tag mehr vervollkommnet sich ihre Existenz als Außerirdische.
“Warum versuchen die Erdlinge sich nicht weiterzuentwickeln so wie wir?” fragt Yuki.
“Sie schaffen es nicht, den ganzen Ballast, den sie angehäuft haben, abzuwerfen. Obwohl es nur Daten sind”, antwortet Yu.
Da das Dorf, als Teil der Fabrik, nicht wissen darf, dass sie zu dritt in dem Haus leben, machen sie kein Licht, nutzen keine Heizung, klauen ihre Lebensmittel, um nicht in Läden gesehen zu werden. Das Abbrechen jeglicher Telefonverbindung ist nur konsequent. Sie sind nackt, um nicht waschen zu müssen, sie kochen, essen, schlafen. Sie sind glücklich und fühlen sich geborgen, auf die Weise wie Adam und Eva geborgen waren, bevor sie von der Frucht der Erkenntnis genascht haben.
Bis die Erdlinge eindringen, um sie zu holen. Das Finale ist unaussprechlich. Schon immer war es Tomoobis Wunsch, Grenzen des menschlichen Normenkanons zu überschreiten, etwas ganz und gar Verbotenes zu tun, um das Erdlingsdasein endgültig abzustreifen.
Nun, das gelingt den drei Außenseitern wahrlich – aber jetzt ist Schluss mit Spoilern …

 

Mein Name ist Hase …

Freitag. Dass Islamisten und deren Sympatisant*innen faschistisch und iranische Theokraten faschistisch plus Atombombe & Terror & Frauenhass/Femizide sind, wollen in Deutschland nur wenige wissen … Könnte sehr anstrengende Konsequenzen haben. Mit schlechtem Beispiel allen voran geht Bundespräsident Steinmeier: Jedes Jahr am 11. Februar schickte er dem iranischen Ajatollah ein heimliches Glückwunsch-Telegramm zum Jahrestag der islamischen Revolution im Namen des Deutschen Volkes!

Bis ein Reporter die Herausgabe von Kopien der Telegramme einklagte. Er berief sich dabei auf das Informationsfreiheitsgesetz (IFG). Der Klage wurde nicht stattgegeben, doch Steinmeier unterlässt seitdem seine Gratuliererei.

Im Mördersystem Iran gab es in 2023  834 Exekutionen.

Ein Geheimnis von Philippe Grimbert

Donnerstag. Philippe Grimbers Geheimnis schwebt über seinem ganzen Leben. Bis eine wesentlich ältere Freundin endlich anfängt zu reden: 15 Jahre müssen vergehen, damit das Familientabu sich dem Protagonisten in seiner ganzen Tragik offenbart. Erst im Rückblick kann er seine diffusen Phantasien und seine Sehnsucht nach einem älteren Bruder deuten. Dem Buch äußerst zuträglich: Grimbert ist – bei der Familiengeschichte sicher kein Zufall – von Beruf Psychoanalytiker und weiß den Plot von hinten aufzuziehen …

Der autobiographische Roman zeigt einmal mehr auf, wie wenig es bringt, Kindern die Wahrheit vorzuenthalten und sie, mit einem Tabu belastet, ins Leben zu entlassen. Die Wahrheit sucht sich ihren Weg, und die aus Liebe gesponnenen Narrative fallen in sich zusammen wie Schneekristalle in der Sonne. Wie gut!, denn ohne sie lebt es sich zwar nicht unbedingt einfacher, aber eindeutiger, unbeschwerter.

Die Handlung triggert bei mir so vieles, was besonders in meiner Generation auf Gehör stößt und Jüngeren wie eine Ansammlung von Insidern vorkommen muss. Zum Beispiel, wenn der Protagonist über diesen Auschwitz-Aufklärungsfilm spricht und die “Berge” erwähnt. Ich habe den Film damals auch in der Schule gesehen, zwei Mädchen fielen in Ohnmacht, der Film lief ohne sie weiter. Besagte Berge waren Berge von Brillen, von Haaren, von Goldzähnen! Es war ganz entsetzlich, manche Bilder verfolgen mich bis heute. Damals habe ich jedes Küchengerät, jeden Lampenschirm, jede Matratze in meinem Elternhaus verdächtigt, aus Menschenmaterial gemacht zu sein.

Ein Geheimnis erinnert mich übrigens sehr an Der Verlorene von Hans-Ulrich Treichel. Ebenfalls absolut zu empfehlen! Auch da geht es um einen unsichtbaren, weil im Krieg verschollenen Bruder, der wie ein Großer Geist über dem Leben des Erzählers schwebt.

Gestern angefangen, heute Nacht zu Ende gelesen. Man kann Ein Geheimnis ja gar nicht mehr aus der Hand legen. Ich würde sagen, das beste Buch, das ich seit langem gelesen habe, ein ganz besonderer literarischer Fund.

Als wäre nichts gewesen

Donnerstag. V., der mir gestern noch wohlgesonnen war, ist heute so aggro und geladen wie eh und je. Die Verbindungen halten nicht oder höchstens für eine Doppelstunde. Danach ist alles weg, als habe es sie nie gegeben. Darin liegt die größte Herausforderung in meinem neuen Job. Was für miese Erfahrungen haben diese Kids bloß gemacht, dass sie so von Misstrauen durchtränkt sind?

Schwarz oder weiß, das ist hier die Frage

Mittwoch. Als ich meine Mittwoch-Aufsicht mal nicht vergesse und in Slow Motion meine Runden über den Hof drehe, steht V. plötzlich neben mir.
Die hat mich ankanackt, sagt er und zeigt gespielt empört auf seinen Fuß.
Echt, was heißt das denn?”, stelle ich mich doof.
Ich bin Kanacke, grinst das Mädchen mit Kopftuch, das neben V. steht und sich als die Fußtreterin outet.
Als ich sie frage, warum sie sich selbst so nennt, meint V., dass er sich selbst auch Nigger nenne, aber das dürfen nur er und sein bester Freund.
Weißt du was, V., sage ich zu ihm, ich erzähle dir jetzt mal eine Geschichte, und dann erzähle ich ihm von dem Satz:
Vor Monaten hatte er mich im Unterricht gefragt: Bin ich überhaupt ein Mensch für Sie?
Der Satz kam so aus dem Nichts, dass ich ihn ignorierte. V. haut schnell mal was unter der Gürtellinie raus, um mit Provokationen Grenzen auszutesten, ohne dass ich immer gleich den unmittelbaren Zusammenhang erkenne. Auf einer Nebenspur jedoch klopfte mein Gehirn ihn ab, und in dem Moment, als es damit begann, realisierte ich erst, dass V. schwarz ist. Nicht ganz, wahrscheinlich Mutter Thüringerin und Vater Afrikaner, es war mir tatsächlich nie aufgefallen oder war kein Thema, weil es so viele SuS mit Migrationshintergrund gibt, und im Vergleich zu den meisten seiner Mitschüler*innen spricht V. ein astreines Deutsch. Er bemüht sich sogar um Ausdruck und Wortwahl: das ist es, was ihn wirklich von den Anderen unterscheidet.
Dass ich ihn bis zu jenem denkwürdigen Satz nie als Schwarzen gesehen habe, sage ich ihm jetzt hier im Hof, und vor lauter Ungläubigkeit ist es für einige Sekunden vorbei mit seiner Schlagfertigkeit. Nein, er glaubt mir nicht. Ganz langsam, mich dabei im Visier haltend, zieht er seine Beanie vom Kopf. Die kurzgeschorene Kraushaarfrisur kommt zum Vorschein, so läuft er tatsächlich fast nie rum, er riskiert gerade alles. Er sagt nichts und hält immer noch herausfordernd meinem Blick stand, so in dem Sinne: Na von wegen, nicht gesehen!, und ich halte seinem Blick stand und denke, Scheiße, ich heule gleich, weil sein Gesicht ein offenes Buch ist.
Beim Reingehen läuft er neben mir her. Gar nicht mehr provokant und unter der Gürtellinie sagt er: Danke, dass Sie mir das erzählt haben, echt krass!

Falsch lieben

Samstag, Tübingen. Ich mag das Buch nicht. Mag die selbstgefällig gedrechselten Sätze nicht. Ich finde das Kapitel Ihr Brief zur Hochzeit, wegen dem es mir jemand, wahrscheinlich wohlwollend, vor über zehn Jahren geschenkt hat, sogar ganz besonders fürchterlich. Sogar ein bisschen krank. Eine Psychoanalyse hätte der Frau die Augen geöffnet über ihre fehlgeleitete Liebe, über ihr falsches Lieben – ja, das gibt es, wie in ihren frühen Jahren missbrauchte Frauen sich immer wieder in missbrauchende Männer verlieben, weil ihnen das Muster vertraut ist. Vielleicht wäre die Protagonistin geheilt worden. Wenn sie sich hätte heilen lassen.

Dieser fiktive Brief ist jedoch von einem Mann geschrieben, der mir sehr in seine Worte und Sätze verliebt scheint. Der Brief triggert und triggerte – damals und jetzt, beim nochmal Lesen wieder – ein scheinbar längst vergessenes Erlebnis aus meiner Studienanfangszeit:
Im Tübinger Theologicum – es wimmelte an der Fakultät von Pietisten, an die ich mich nie gewöhnen würde – hörte ich eine Kommilitonin zur anderen sagen: Du kannst Gott gar nicht entkommen. Er liebt dich, ob du willst oder nicht! – Darauf lachte die Andere irgendwie verärgert, drehte sich um und lief durch den langen Gang mit seinem damals schon gestrigen, vom Bohnerwachs glänzenden und riechenden Linoleum davon.
Ich fand das eben Aufgeschnappte befremdlich. Ich verstand, dass die Andere gegangen war. So liebt man nicht, dass der Andere nicht gefragt wird. So sollte auch der Autor seine Protagonistin nicht lieben lassen. Und nie im Leben liebt Gott so. Vielleicht wartet er, das wäre der schönere Gedanke, aber er erpresst nicht. Das Buch kommt jetzt vor die Haustür, soll sich jemand anderes dran abarbeiten.