… außer man tut es!

Mittwoch, B.N. Das Gute an Greta Th. ist, dass sie sich nicht um boshafte, hämische, nihilistische, neidische u.v.a. Kommentare schert noch sich davon aufhalten lässt … Sie fährt mit dem Schiff nach New York, weil sie ihre Aktion für richtig hält.
Es geht um das Klima, nicht um die Person Greta Th. Diese Metadiskussion, warum sie was wie macht und wer ihr alles – Falsches – dabei hilft, ist unfruchtbar. Sie ist das Gegenteil von dem, was die junge Klimaaktivistin möchte. Und sie ist genau das, was die Jungen uns Älteren vorwerfen: Gelaber statt Handeln.
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

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Zwei Hälften

Dienstag. Gestern alle Abrechnungen in Sachen Eisenach, also „Amts“dinge, erledigt. Übermorgen Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger. Mein Leben hat zwei Hälften. Inzwischen, finde ich, ergänzen sie sich recht gut. Mein Leben fällt nicht mehr in zwei Hälften. Das liegt, wie immer, an mir selbst. The times they are changing …

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Coole Aktion

Sonntag. Tolle Anregung für das grüne Tübingen: Die grüne Stadt San Francisco verbietet Plastikflaschen und bietet stattdessen Trinkbrunnen an. Bis 2020 will die Stadt den Plastikverbrauch ganz abschaffen. Damit setzt San Francisco einen Meilenstein – was für eine coole Aktion!

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Freiheit und Verantwortung

Samstag. In der Stadt treffe ich Frau L. und frage, wie es ihr geht. Da fängt sie an zu weinen. Erzählt mir so eine beschissene Trennungsgeschichte mit so vielen Parallelen, dass ich es kaum glaube. Das Schokoeis für T. schmilzt im Fahrradkorb, egal, hier müssen mehr als einige Sätze gewechselt werden. Ich denke an Dr. K. … Vor ein paar Jahren (ich zähle sie schon lange nicht mehr) stand ich genauso da wie Frau L., es gab keine Farben mehr, es gab nur noch eine Reihe öder Pflichten, mein Leben war gelaufen. Leben hieß Zähne zusammenbeißen und durch, ich kann mich gut daran erinnern. Aber es ist vorbei. Das hier bin ich, und das ist meine Geschichte. Ich muss nichts wegschieben, anderen die Verantwortung zuschieben. Im Nachhinein hat auch die beschissenste Sache ever ihren Sinn. Und das ist ein unvorstellbar gutes Gefühl. Es ist die Freiheit, die ich meine.

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Achterbahn

Donnerstag. Eine lethargische Menschenmasse, dicht aneinander gedrängt auf der Fahrt von A nach B, nimmt die eineinhalb Stunden Verspätung gleichmütig hin wie auch den Ausfall der Klimaanlage oder das Stehenbleiben des Zuges auf freiem Feld oder auf Miniaturbahnhöfen, die niemand kennt. Die Passagiere werden mit einer Vielzahl von Begründungen für die Ausfälle bei Laune gehalten: Fehlender Lokführer, fehlgeleiteter vorausfahrender Zug, Umleitung, Schienenschaden, Betriebsschaden, Stellwerkschaden. Andere Züge fallen komplett aus, man hat also noch Glück gehabt, shit happens an Tagen wie diesem. Die Jungs und Mädels lesen die Rekorde der letzten Tage vor: 40,7 Grad, sogar 41,2 in irgendeinem Dorf am Rhein.
Wieder zuhause, freue ich mich am fließenden Wasser, am Strom, am Internet. Oh yes, das sind die einfachen Dinge, die dich glücklich machen können.
Lutherhaus, Bachhaus, Wartburg, Wanderung durch die Drachenschlucht, Stadtführung, andere Führungen und vier Tage lang Geschichten, immer wieder neue Geschichten von grauenhaft bösen Herrschern und herzensguten Herrschergattinnen, von Waldgeistern und Drachentötern. Letztlich siegt das Gute, jedenfalls in Thüringens Geschichte. Die Jugendlichen hören zu und nicken zufrieden. Wir haben eine tolle Stadtführerin und einen tollen Wanderführer; die wissen nicht nur viel, sondern sie erzählen auch gern.
Heute, vor der Abfahrt, noch ein Druckereikurs, die Museumspädagogik erweist sich als durchaus ausbaufähig („Seid ma leise, sonst mussich lauter sprechen und darauf habbich kein Bock!“), da ist noch Luft nach oben, würde PM sagen. Dann ab zum Bahnhof mit Koffern und Rucksäcken und bei Subway noch ein letztes Sandwich.
Sie sind müde, die Hitze setzt uns allen zu, und sie haben zu wenig geschlafen. Am Abend davor, sie sind zu aufgeregt von den Aufregungen der letzten Tage, sage ich mehr zum Spaß, lasst uns eine Nachtwanderung machen. So schnell wie nie kommen sie raus aus ihren Zimmern, 28 an der Zahl, aus den Betten, von den Handys, vom Kartenspiel weg. Wohin jetzt? Durch den schwarzen Wald geht es zum Prinzenteich. Hoffentlich passiert nichts, vage Furcht vor gebrochenen Füßen und so, ich spüre die Verantwortung, oh mein Gott!, was für ein total blöder Vorschlag war das. Oder doch nicht?
Joggen um den Teich, Gekreisch und Gelächter und dazu Rap aus dem Bluetooth-Lautsprecher – bestimmt wieder so bekloppte Wessis, bringen nur Unruhe und Durcheinander: Verstecken im Dunkeln, im Gebüsch, im Gebälk eines Klettergerüsts, hinter den beiden Baggern, auf der Enteninsel im Prinzenteich. Der ist schon seit Monaten abgelassen, wegen Rohrschaden. Man kann durch ihn hindurchwaten, aber die Schuhe bleiben stecken und sehen anschließend aus wie eingegipst. Im Dunkeln geht es zurück, es ist Mitternacht durch, und jetzt ist der Tag rund wie der Vollmond und lässt uns endlich ins Ruhekissen sinken.
Wegen der Baustelle am Prinzenteich, genauer, wegen versehentlichen Durchbohrens eines Wasserrohres hat es tags zuvor kein Wasser mehr gegeben. Nicht nur bei uns. Das ganze Eisenacher Mariental steht ohne Wasser da. Am Mittag ist es passiert, wir erfahren es erst, als wir bei abartigen 38 Grad von der Wartburg heruntergestiefelt kommen und nur eine Vision uns weiterstiefeln lässt: Duschen! Bald!
Ein Zettel an der Haustür konfrontiert uns mit den herben Tatsachen. Also keine Dusche, keine Toilette – kein Abendessen, sagt die Köchin, die keine Köchin ist und verzweifelt die Arme hebt. Schlechte Stimmung kommt auf. Motivation, good Vibrations, positive Inputs zu geben ist ein wesentlicher Teil meines Berufes. Manchmal kann ich es, manchmal mag ich mich selbst nicht in dieser Rolle. Ich bin auch sauer. Die Leiterin hat sich verdrückt; statt einen Plan B bereitzuhalten für ihre zahlenden Gäste, ist sie nach Hause gefahren. Wie schon die vergangenen Tage, steht ein Aufsteller im Fenster der Pforte: Liebe Gäste, die Pforte ist im Moment nicht besetzt. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an die Küche.
Die arme Küchenfrau steht kurz vorm Kollaps. Zu allem Übel folgt auf zu wenig Wasser zu viel Wasser: Ein ganz Ausgeschlafener hat in der Dachetage den Hahn aufgedreht und, da nichts herausgekommen ist, verärgert das Zimmer verlassen. Doch gegen Abend kommt das Wasser zurück. Und wie es kommt! Plötzlich fallen in den zwei Stockwerken darunter die Lampen von den Decken. Sie sind voller Wasser, auch die, die noch an der Decke baumeln mit kraftlos flackernden Birnen, sind gewässert wie Blumentöpfe. Putz fliegt durch die Gegend, die Mädels kreischen, die Jungs stehen staunend um den schnell anwachsenden See vor ihrer Zimmertür.
Inzwischen sind wir geduscht, und das nächste Abenteuer erwartet uns. Fünf Feuerwehrmänner stürmen die Treppe rauf. „Mitkommen!“, herrschen sie meinen verdutzten Kollegen, den einzigen Mann im Haus, an. Immer noch gibt es nur die Köchin, die keine richtige Köchin sei, wie sie uns mehrfach versichert, und die Leiterin ist irgendwie auch nicht die richtige Leiterin, weil der richtige Leiter untergetaucht ist. Seine Stellvertreterin auch. Erst nach Stunden kommt sie vorgefahren und faucht uns an. Fauchen als Selbstschutz. Sie hat Mist gebaut, ganz klar. Der Pizzadienst ist unsere Rettung. Wobei die Bestellung einem Drahtseilakt gleichkommt: Die Telefonleitung bricht nach gefühlten zehn Sekunden ab, das WLAN funktioniert nur auf einem ganz bestimmten Treppenabsatz, auf dem sie abends zusammenhocken wie die Hühner. Leider kommt der Lieferant mit mehrstündiger Verspätung, die Stimmung ist trotz der wirklich guten Pizzas erstmal im Eimer, und das schon am zweiten Tag. Und dann ist es da, das Urteil, das Vorurteil, das Gefühl: hier ist der Osten, und wir sind der Westen.
Später nach ihren Eindrücken gefragt, finden sie die Reise toll. Ist ja auch genug passiert. Nächstes Jahr wollen sie nach Paris. Mit dem TGV …

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Essen, trinken, reden

Sonntag. Wer im Alten Fritz essen geht, hat entweder viel Geduld oder er ist einer, der rechtzeitig plant. Da ich zu spät an die Tischreservierung gedacht habe, müssen wir spontan auf die Restaurantterrasse kommen, wo nicht reserviert wird. Die Schlange auf der Treppe nach oben ist lang, aber nicht aussichtslos. Nach einer Viertelstunde wird ein Fünfsitzer frei, und wenige Minuten später kommen Steve, T. und seine italienische Freundin E. (oder nicht Freundin, wir sind uns da immer noch nicht sicher) dazu. Das Essen ist gut, es gibt viel zu lachen und zu erzählen und das Beste ist das hausgemachte Cassata. PM, der auf atmosphärische Störungen schnell reagiert und sie auch schnell in Worte umsetzt, sagt, dass es ihm zu stressig hier sei. Jetzt realisiere ich es auch: Es gibt nur einen einzigen Kellner auf der ganzen Terrasse, und der ist am Ende seiner Kräfte, während die Schlange auf der Treppe immer noch wächst.
Später wechseln wir in die Tangente. Obwohl die Innenstadt brummt wg dem Triathlon am nächsten Tag und überall die Absperrungen und Tribünen aufgebaut werden, geht hier alles relaxed und freundlich zu – wie bei den überquellenden Mülleimern in den Straßen, zu deren Füßen sich der Abfall von Tausenden Touristen geordnet versammelt. Ein geradezu ikonisches Bild. Die Glocken der Stiftskirche läuten Mitternacht. Wir sitzen immer noch draußen, auch die Treppe vor der Kirche voller Menschen, die quatschen und trinken und sich am schönen Mond erfreuen.
Das ist Tübingen.

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Inspiration und Rezension

Freitag. Manchmal gibt es Rezensionen, die einen zum Weinen bringen – vor Freude, weil man so tief verstanden worden ist. Weil sie differenziert und ernsthaft, sprich uneitel, sind. Weil der Verfasser sich inspiriert gefühlt und in der Sache weitergedacht hat. So eine fand ich heute in der Leipziger Internet-Zeitung:

… „Es ist ein stellenweise sehr berührendes Buch und einige der Erzähler und ihre Verstorbenen werden einem auf neue Weise vertraut. Manchmal wird es traurig, oft aber auch ermutigend, weil es einen Teil unseres Lebens zeigt, den wir so gern ausblenden, weil wir uns vor dieser Flut von Gefühlen fürchten. Aber tatsächlich gibt es da gar nichts zu fürchten. Außer dieses dumme Gefühl, mit den Gestorbenen nie über all die Dinge geredet zu haben, die uns reineweg irre machen, weil wir sie immer wissen wollten und sollten. Und dann doch nie gefragt haben aus Angst, wir könnten die Schweigsamen mit unseren Fragen zutiefst verletzen. Obwohl meist das Gegenteil der Fall ist: eine große Nähe. Eine kleine Befreiung. Ein Gefühl, dass man doch nicht aneinander vorbei gelebt hat.“

Danke, Ralf Julke!

Hier der ganze Artikel: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2019/07/Lass-uns-ueber-den-Tod-reden-18-Gespraeche-mit-Prominenten-ueber-das-groesste-Tabu-unserer-Zeit-285216

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Was man von hier aus sehen kann

Donnerstag. Das Buch Was man von hier aus sehen kann ist der sehr sonderliche, uneingeschränkt gute Roman von Mariana Leky vom Frühjahr 2019 (DuMont). Ich freue mich jeden Tag aufs Weiterlesen. Es ist ein reines Frauenbuch. Es erfüllt die Leserin mit einer Behaglichkeit, die aus der Zeit gefallen scheint. Wie Kerzenlicht. Wie selbstgebackener Bienenstich. Es passiert auch nicht viel. Aber das, was passiert in diesem ganz besonderen Dorf im Westerwald, wird so schön beschrieben, dass frau in die Seiten plumpst wie in eine Daunendecke.
Man könnte jetzt darauf kommen, ich hätte den ganzen Tag nichts Besseres zu tun als schöne Bücher zu lesen. Das ist fast schon lustig. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Meine Lesezeit beträgt jeden Abend geschätzte fünf Minuten, dann fällt mir das Buch auf die Nase und ich falle in Tiefschlaf. Je mehr das „Amts“jahr dem Ende zugeht, desto mehr gibt es zu tun. Abends torkel ich aus dem „Amt“ und habe vom wunderschönen Sommer nichts mitbekommen, dafür aber ca. achthundert Einzelschicksale. Die werden zweimal im Jahr marathonmäßig abgehandelt. Einige sind erschreckend schlimm, die meisten normal. Über die spricht man nur kurz. Die anderen lassen einen hilflos zurück, weil es in unserem System so ist und sein soll, dass man – wir – viel wahrnehmen und wenig Handlungsspielraum haben. Das geht bis zum behördlich verordneten Redeverbot. Gerade da, wo viel geredet werden sollte. Das „Amt“ trifft keine Schuld, es leidet selbst unter diesem System. Es sind die eingeschalteten Behörden, die sich abwenden und anderes zu tun haben. Genauso verhält es sich mit der hoch gehandelten digitalen –
nein, das Fass mache ich nicht auf. Dessen sollen sich die Medien annehmen, wenn sie von der ganzen Dramatik erführen, würde sie sich entsetzen, aber sie erfahren es nicht. Denn wer sollte die Missstände nach außen tragen? Ohne sich zum Verräter und Nestbeschmutzer zu machen?
Geld ist genug da. Unmengen Gelder, die einfach mal versenkt werden. Das ist das Schlimme daran, dass du – ich, wir – manchmal so furchtbar deutlich siehst und sehen, woran die Nichtlösung eines Problems hängt, aber nichts daran ändern kannst und können. Das ist die Freiheit unserer kapitalistischen Demokratie bzw. unseres demokratischen Kapitalismus‘: Du kannst alles sagen, du kannst es sogar hinausschreien. Aber es hört dir niemand zu. Da ist eine Wand zwischen denen, die etwas brauchen, und denen, die es haben, aber nicht hergeben oder es falsch geben, weil Zeit auch Geld ist oder weil sie gerade keinen Bock haben …
Was man von hier aus sehen kann erzählt das Gegenteil von Nicht-Zuhören, Nicht-Helfen. Hier hören sich alle zu und alle sorgen füreinander. Eigentlich ist es ein Buch über Nächstenliebe. (Vielleicht deshalb die sehr schräge Erzählperspektive, die es streng genommen so gar nicht gibt: Die der allwissenden Ich-Erzählerin!). Eine wunderschöne Sozialutopie – und könnte so einfach nachzuspielen sein.

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Begegnungen am WE

Sonntag. Zum Sonntagsbrunch kommt auch noch Steve dazu, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Er ist fast fertig mit dem Studium und PM fährt seine ganze Rhetorik auf, um ihn zur Chirurgie zu bekehren.
Gestern Abend mit PM auf dem Tübinger Stadtfest: Die Bühne auf dem Marktplatz ohne Liveband!, wo gibts denn so was?, dafür steht ein einsamer DJ an seinem Mix-Pult da oben und spult Malle-Schlager ab wie auf jeder Dorfkirmes. Vor wenigen Jahren rockten die Jungs von The Savants die Bühne und versorgten Tausende Tübinger*innen mit good vibrations. Dagegen ist das ein müder Abklatsch. Die Leute sollten das boykottieren …

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