Katastrophensehnsucht

Samstag. Der Kampfmodus, in dem sich bis vor kurzem noch ganz normale Supermarktkäufer gerade befinden, macht unsere Gesellschaft – hoffentlich nur vorübergehend – zu einer wildgewordenen Horde von Preppern.
Klopapier ist das neue Statussymbol, ein Held, wer noch einen Packen erwischt hat. Im Keller aufgestapelte Paletten von Bohnendosen scheinen den Besitzer unverwundbar zu machen. Rette sich wer kann, und der Bohnendosenbesitzer kann! Roh rammt er sich mit seinem vollgepackten Einkaufswagen den Weg zur Kasse frei. Wir befinden uns mitten in der Corona-Apokalypse – was jetzt zählt, sind ausgefahrene Ellenbogen und sonst nichts!
Die Medien heizen die Stimmung mit Schreckensmeldungen im Minutentakt ein, und Gedrucktes lügt doch wohl nicht und außerdem ist es so schön gruselig, einer echten Katastrophe ins Auge zu sehen.
Gewinner gibt es auch schon: etwa die Produzenten und Händler von Atemmasken, indem sie die Angst und Ahnungslosigkeit der Leute ausnutzen darüber, dass ebendiese Maßnahme absolut nichts bringt. So what, jeder ist sich selbst der Nächste.
Dabei wären gerade in Notzeiten – ähm ja! – Verzicht, Altruismus und Nächstenliebe – okay, das Wort ist etwas old school – die einzigen wirksamen Gegenmittel. Blöd, dass sie so unangesagt sind …

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Krisenfutter

Freitag. Wenn ich Lebensmittel bunkern würde – ich tu’s aber nicht -, würde ich nicht, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, Haferflocken und Milchpulver kaufen. Sondern Paradiescreme. Hält ewig, ist in drei Minuten fertig und du kannst Müsli, Früchte, HAFERFLOCKEN, Schokostreusel, Rosinen und so weiter reintun. Hat wenig Kalorien. Nimmt auch nur wenig Platz weg.
Was mich angeht, ich hab noch genug …

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Gut, besser, die Besten

Mittwoch. Wie auch die Jahre zuvor ein voller Erfolg! – Lesung in der Stuttgarter Stadtbibliothek mit „meiner“ Schreibwerkstatt. Wir sind immer die Besten gewesen, hatten immer die interessantesten, vielseitigsten, auch literarischsten Texte. Diesmal aber gibt es ernsthafte Konkurrenz: von einer wirklich großartigen Gruppe aus Feuerbach. Anstatt verunsichert das Genick einzuziehen, nehmen meine Jungautor*innen in der Pause Kontakt mit den anderen auf, tauschen Daten aus, vereinbaren ein Treffen zwecks gegenseitigem In- und Output. Anerkennung und Interesse statt Missgunst – auf beiden Seiten.
Auf der Rückfahrt wird weitergesponnen: Ein eigenes Buch, eine Hör-CD, eine eigene Website sollen aus der Veranstaltung hervorgehen. Den absoluten Medienchecker haben wir in unserer Gruppe, am liebsten würde er gleich loslegen. Ein Cover hat er auf die Schnelle schon designed, jetzt probiert er auf dem Handy verschiedene Schriftarten durch.
Vor der Lesung sind wir, auch das wie immer, in der Stuttgarter Markthalle gewesen: zum Gucken, Essen und Schreiben. Die labyrinthischen Gänge haben sie zu Abgründigem, auch Gruseligem inspiriert. Im Zug lesen sie sich gegenseitig ihre Texte vor, lachen sich schlapp über ihre blutigen, todtraurigen Sätze, in denen sich Depression und Selbstmord an Küsse und kitschige Sonnenuntergänge reihen.
Im Wort ist alles möglich.

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Brauchen

Dienstag. Ja, Mist, bin wieder mal ein armes Opfer des Konsumterrors geworden. Im Vorbeigehen hält er meinen Blick gefangen: dieser abgefahrene Mantel in Animalprint.
Was brauchen Sie?, fragt die Verkäuferin, weil ich noch überlege und mich argumentativ vor dem Spiegel winde. BRAUCHEN? Ich lache, sie lacht. Scheiß drauf, ich will den haben! Gestern Abend, mit Steve und G. beim Griechen, habe ich ihn gleich mal an, noch mit Etikett hinten drin. Jetzt riecht er nach Bratfett und kann unmöglich mehr zurück. Auch ein Argument.

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Zahnlos

Montag. Das neue Ökobewusstsein – nach fridays for future – und die neue Nachhaltigkeit, mit denen Konzerne derzeit ihre Werbekampagnen schmücken, sind zu einem Statussymbol geworden für Leute aus der Ober- und oberen Mittelschicht. Wer sein Bewusstsein dahingehend aufrüsten möchte, kann zum Baum-Yoga nach Korfu fliegen oder mit Moms Einkaufs-SUV für ein verlängertes Wochenende und 1350 € ins Öko-Spa an den Tegernsee brettern. So bleibt das Gewissen ungebleicht rein. Deshalb ist es einfach nur großartig, wenn Thunberg den Slogan und die von ihr initiierte globale Bewegung als Marke registrieren lässt. Nur so kann sie den kommerziellen Missbrauch verhindern, etwa, dass ein Autokonzern ein SUV-Modell unter dem FFF-Label vermarktet, oder dass FFF-Wochenendtrips von Reiseveranstaltern verkauft werden. Die Zielgruppe der Werbeökologie ist klar umrissen. Das Konsumverhalten auch: Wegwerfmode ist gerade nicht so à la mode, es darf ruhig ein bisschen teurer sein. Der Klimaschutz der Hochglanzmagazine zeigt sich zahnlos und super vermarktbar. Samtweich passt er sich in das System des nicht weiter hinterfragten Konsumkapitalismus‘ ein.

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Suchtzwang

Sonntag, B.N. J. und A. sind zum Abendessen bei uns, A. erzählt vom Tod ihrer Mutter, PM von der Räumung seiner elterlichen Wohnung in Eisenach (die ihm noch in den Knochen sitzt, weniger körperlich als gemütsmäßig). Es geht um Wohnraum, um Geld, um die anstehende Scheidung einer gemeinsamen Bekannten und um sehr viel Geld, das dabei rübengeschoben werden muss oder auch nicht – und J. breitet die Arme aus und sagt: Wir sind glücklich und nicht reich.

Dazu finde ich heute eine passende Stelle in einer meiner Lieblingsbibeln:

... die Versuche [sind] selten, mit denen … [ein Einzelner danach trachtet], durch neue Selbstbegrenzungen ein neues Selbstgefühl aufzubauen. In der Langeweile puren Triebverschleißes meldet sich die Erfahrung, dass Verzichten die Verfügungsgewalt über sich selbst vergrößern, mitmenschliche Beziehungen vertiefen und damit auch glücklich machen kann. Wer „NEIN“ sagen, sich einer Lust enthalten kann, bleibt vielleicht wach für eine stärkere [Lust], zum Beispiel für die Gratifikation, die ihm durch die Achtung anderer oder auch seines eigenen Gewissens zufällt. Wer sich Lust allzu leicht gönnt, wird möglicherweise für jenen Genuss unempfindlich, der freier, reifer, heiterer macht. Er gerät unter ein Pendant des moralischen Zwangs, er wird vom Suchtzwang beherrscht.

(A. und M. Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern, Piper 1967, S. 184)

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Corona

Donnerstag, B.N. Der Coronavirus ist in Tübingen angekommen. Eine Oberarzt des Uni-Klinikums und seine Tochter haben sich infiziert. In den Nachrichten Bilder von der Crona-Klinik, die ich, wenn ich jetzt zuhause wäre, aus meinem Wohnzimmerfenster sehen könnte. Was die neuen Fälle für die Bevölkerung, für mich, bedeuten, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.
Nichts, sagt PM.

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Freunde

Dienstag, Eisenach. Und abends beim Montagsbier in der Bügelbar (Insider) sagt St. beim Abschied: „Wenn Ihr herkommt, dann weißt du, dass du Freunde hier hast.“
Er lächelt dazu, und die A. guckt lieb und lächelt auch.
Das verschlägt mir die Sprache. Wann, wo hat das mal jemand zu mir gesagt? Wer sagt überhaupt so etwas?
Die Eisenacher*innen.

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Besprochen

Montag, im Zug. „Ja Hallo, Kilian hier, ich bin gerade unterwegs und wollte mal deine Meinung einholen. Du weißt schon, die Problemkollegin. Also, ich sehe mich langsam in der Rolle des THERAPIEHUNDES der Abteilung! Jeder weiß, dass ich für Kommunikation stehe, ich bin für freundlichen, quasi freundschaftlichen Austausch. Ja, danke, das tut gut! Ich finde es einfach SCHADE, dass sie wegen besagter Sache jetzt so um sich schlägt. Klar, für sie sieht es relativ scheiße aus. Die Situation ist relativ verfahren. Wir sollten uns jetzt alle darauf einigen, emotional runterzufahren. Was so ÄRGERLICH ist: dass manche einfach nicht in der Lage sind, die Dinge anzusprechen wie zivilisierte Menschen. Klar, ich versteh ja, dass sie ihren Frust schiebt. Erst heute Morgen habe ich mit ihr telefoniert, sie will mir jetzt nochmal alles zuschicken, aber darum GEHT es doch nicht. Ohne mich profilieren zu wollen, ich finde, wir sollten das nicht auf uns sitzen lassen. Sonst stehen WIR mit dem Rücken zur Wand. Richtig, richtig! Genauso sehe ich das auch. Der Frank übrigens auch. Ja, dann wünsche ich dir noch einen schönen Rosenmontag. Ich wollte das nur mal besprochen haben. Also, hau rein.“

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Weggegackert

Sonntag. Selten ne doofere Sendung gesehen als Bauerfeind. Thema: die Generation Selfie, als deren Prototyp sich Frau Bauerfeind präsentiert. Ihre Gäste sind schmückendes Beiwerk. Sascha Lobo kann damit leben, kommt ja oft genug zum Zug in der deutschen Medienlandschaft. Frank Schätzing hat in der Sache eh nichts Bahnbrechendes mitzuteilen und akzeptiert den Platz in der zweiten Reihe, Abdelkarim zieht ein Gesicht, als habe er bis zum Schluss nicht kapiert, was er hier macht – zur falschen Zeit am falschen Ort. Richtig leid tut es einem um Luisa Neubauer. Hin und wieder versucht sie dazwischenzugrätschen, doch ihre ernstgemeinten Ansätze werden von Bauerfeind genauso weggegackert wie alle anderen. Neubauers Blick spricht Bände. Sie gehört zur next Generation … dem Himmel sei Dank!

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