Querdurchsland

Donnerstag. „Hab ne schwarze Jogginghose, schwarzes langärmeliges Shirt, grauen Rucksack und einen schwarzen Koffer … (Smiley) Bist du schon da??? LG Dennis.“ Soweit Dennis‘ SMS.

Ich warte in Kiel auf Bahnsteig 6 auf ihn, und da kommt er schon grinsend um die Ecke, ein Anfang zwanzigjähriger, bildhübscher Typ, der mir mit dem Smartphone in der Hand lässig zuwinkt.

In Hamburg warte noch ein Pärchen, klärt Dennis mich auf. Dem Namen nach müsste es sich um Chinesen handeln. Das Mädchen trage einen pinken Blumenstrauß und eine giftgrüne Tasche. Und dann sei da noch eine, die sich nicht näher beschrieben habe.

Man erkennt sie sofort am Blick, sagt Dennis. Am suchenden Blick. Er hat das schon öfter gemacht, das mit dem Querdurchsland-Ticket. Sechzig Euro kostet es, und man kann bis zu vier Personen mitnehmen. Die finden sich über mitfahrzentrale.de.

Logo, da hab ich ihn ja auch gefunden. Für jeden also fünfzehn Euro. Dafür nur Regionalzüge. Was das heißt, begreife ich erst jetzt. Acht Mal umsteigen, und das mit meinem Monsterkoffer.

No problem, sagt Dennis, ich bin es gewohnt, die Koffer meiner Mitfahrer zu tragen.

Er schleppt mein Riesenteil treppauf, treppab. Einmal haben wir einen längeren Aufenthalt, ich gehe mit der Studentin, die unglaublich groß ist, im Bahnhof von Lüneburg oder Göttingen Trinkschokolade und Kuchen für Dennis einkaufen. Sie sind alle soooo nett. Sie könnten meine Kinder sein. Sie sagen aber, sie könnten meine Schüler sein. Sie sind sehr rücksichtsvoll, wir respektieren gegenseitig unseren Altersunterschied. Das Pärchen ist chinesisch-vietnamesisch. Beide sind sie smart, intellektuell und fleißig: Der junge Mann rechnet die ganze Zeit irgendwas aus, er studiert Wirtschaftsrecht und erfüllt, wie wir feststellen, alle Asi-Vorurteile. Die junge Frau guckt ihm über die Schulter, oder sie informiert uns über amerikanische TV-Serien. Die große Studentin, die auch Wirtschaft studiert, findet es nicht gut, dass wir über einen sehr fetten Schaffner ablästern.

Dennis zeigt uns seine Dehnübungen. Er legt sich ein Bein über die Schulter, überrascht uns mit Tanzeinlagen und singt uns seine Stücke vor, die er nächste Woche bei einer Challange vortragen wird. Er ist nämlich Musical-Student. Er hatte sogar schon ein Engagement in Schwäbisch Hall auf der großen Treppe. In rosa Tüll und High-heels. Dennis erzählt von seinem Comming out: Mein ganzes Schulleben bin ich gemobbt worden, sagt er. Er hat so eine Lebensklugheit. Als sei er der Gruppenälteste, dabei bin ich das doch. Einmal drücke ich auf eine Milchtüte, um sie zusammenzufalten, damit sie in den Papierkorb unterm Fenster passt. Die Restmilch schießt aus dem Strohhalm raus und mir über die Hose. Lacher. Hohoho hahaha!

Mist, sage ich und ärgere mich.

Guck mal dahinten, sagt Dennis ganz ruhig. Im Gang ist ein viel größerer Müllkasten. Da passt sie rein.

Ich stehe auf und trage meine Milchtüte in den großen Müllbehälter im Gang.

Ich bin froh, dass Dennis da ist. Ich bin froh, dass ich ihn aufgetrieben habe für diese Fahrt nach Hause, diese angstbesetzte Fahrt, die in meiner gruselig leeren Wohnung enden wird.

Heute schlafe ich bei meiner Mama, sagt Dennis fröhlich, sie ist die beste Mama der Welt. Und morgen geht es nach Italien. Mit meiner Freundin, der Steffi. Das wird supi. Mann, ich hab meinen Pullover vergessen! Bei der Steffi. Ganz bestimmt, da hängt er noch. Ausgerechnet meinen Lieblingspullover. Ich ruf sie schnell mal an. Hi, Süße, duhu, hast du meinen Pullover gefunden, den mit Treppe abwärts? Oooh, eeeecht, ist er daaa, oooh, supi, Mann. Bringst du mir den mihit? Okay, das’s lieb, Steffi, dann bis später, tschühüß. Hach, ich hab so wenig geschlafen die letzten Tage. Vorgestern hab ich dem Mike beim Umziehen geholfen, um neun Uhr abends kam endlich der Transporter – statt nachmittags um vier – , und als wir fertig waren, hahaha, da war es schon wieder hell. Und gestern in Damp mit der Steffi und ihrer Freundin … Die hatte was mit dem einen Fluglotsen, jaaa, wir haben da nämlich Fluglotsen kennen gelernt, deshalb sind wir auch ewig am Strand abgehangen und später alle zusammen in seinem Hotelzimmer, ich ganz rechts und die beiden links, und die ganze Zeit schmatz, schmatz, boa, irgendwann bin ich eingeschlafen. Ja, und morgen geht’s weiter. Nach Italien. Und danach ist meine Challange. Wenn das klappt, Mann, wenn das klappt!