Schokolade

Donnerstag. Erfindungen machen das Leben besser. Die beste Erfindung ist Schokolade. Sie bewirkt die schlagartige Verwandlung eines miesen Augenblicks in ein dichtes Erlebnis. Alle Sinne reagieren gleichzeitig, und das Orchester der Reaktionen in ein und derselben Sekunde schafft es ebenso schnell, den an sich voll funktionstüchtigen Reflexapparat lahm zu legen. Die Augen leuchten, die Haut erwärmt sich, die Zunge bereitet sich auf die erwartete Süße vor, die Ohren vernehmen sphärische Klänge.
All das aber wird übertönt von der inneren Stimme, die nur ein Wort zu kennen scheint: Nein!
Nicht essen! Nicht mal daran denken! Bringt doch allein der Gedanke an Schoki den Verstand zum Erliegen. Gegen diese Stimme ist schwer anzukommen. Seit du klar denken kannst, stellt sie sich über dein Ich, spielt sich auf und fühlt sich auch noch bestätigt vom kollektiven Glauben an Schlankheit, Gesundheit, Verzicht.
Reiche Gesellschaften lieben den Verzicht. Am liebsten exerziert / zelebriert der und die satte Mittelschichtler*In das Alkohol-, Fernseh-,  Fleisch- und leider auch Schokoladenfasten in der kirchlichen Fastenzeit. Religiöse Restzuckungen als stilvolle Umrahmung der Genusskontrolle. Völlerei, sichtbar gemacht im zu dicken Hintern, ist ein gesellschaftliches No-Go. Wer fett ist, ist schwach. Oder kann sich die Heilfastenklinik am Bodensee nicht leisten, was genauso verdächtig ist wie schwach sein.
Heilfasten ist die Religion der Religionslosen, die den Glauben an die Götter, an das Leben, an sich selbst verloren haben. Ich glaube an Heilfasten, sitzend zur Rechten des Länger-Weiter-Besser-Gottes. Des Kontrollgottes. Des Optimierungsgottes.
Heilfasten ist für die Allzusatten das Entgiften im materiellen wie im metaphysischen Sinne. Beten und Beichten light.
Wobei, so light jetzt auch wieder nicht! Einer erfolgreich Entgifteten und durch Fasten geschrumpften Person einen Teller Schokolade unter die Nase zu halten, dabei durch Handwedeln dem Duft auf die rechte Spur zu verhelfen – das könnte spannend werden. Auch bei mir würden nach vierzig Tagen Abstinenz in Sachen Schokolade die Sicherungen durchbrennen.
Also schön regelmäßig den inneren Schweinehund über die innere Stimme siegen lassen. Und ihn mit Schokolade füttern. Sonst wird’s gefährlich.